Rezensions-Blog 583: Doc Savage 2/12 – Land des Schreckens

Posted Oktober 20th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wer immer mit der Doc Savage-Serie so seine Lektüreprobleme haben sollte, findet sie zweifellos in diesem Roman vollauf be­stätigt. Dennoch habe ich ihn anno 2002 rezensiert und später auch im Fanzine BWA diese Rezension veröffentlicht.

Lässt man aber mal die durchsichtige Handlung des Romans beiseite, offenbart sowohl die Lektüre als auch die Analyse des­selben ein paar interessante Fakten. Ich erwähnte ja schon bei der Rezension des ersten Romans der Serie, dass selbige durch zwei – in meinen Augen ziemlich inkompetente – Verlagsredaktionen gegangen sind, die der Geschichte eher geschadet denn genutzt haben.

In den 60er Jahren versuchte der amerikanische Verlag, die Serie zu modernisieren (das merkt man hier besonders deutlich an der Stelle mit der Atombombenbemerkung, die eine freie Hinzufügung zum Text ist). Das führte zu zahlreichen inhaltli­chen Verwerfungen der Storyline des Gesamtkontinuums, wo­durch, wie ich vermute, der zeitgebundene Kontext kompensiert werden sollte. Halte ich im Wesentlichen für misslungen.

Der deutsche Verlag erwies der Serie den nächsten Bärendienst, indem er aus völlig uneinsichtigen Gründen die Reihenfolge der Romane änderte. Vielleicht geht das auf die amerikanische Neu­ausgabe zurück, aber dem deutschen Verlag hätte aufgehen müssen, was ich unten in der Rezension moniere: Dass be­stimmte technische Zutaten, die in vorherigen Romanen der deutschen Ausgabe schon auftauchen, auf einmal spurlos ver­schwunden sind (bzw. eben noch nicht existieren). Der auf Deutsch als Band 12 erschienene Roman ist eben die Nummer 2 der originalen Serie und anno 1933 veröffentlicht.

Es wäre – aber das ist, zugegeben, der Historiker-Standpunkt, den man nicht teilen muss – wirklich mal an der Zeit, die origi­nalen Pulp-Magazine der Doc Savage-Serie herauszukramen und sie 1:1 mit all ihren Unzulänglichkeiten und zeithistorischen Details zu übertragen. Das wäre zweifellos ein spannendes Ex­periment, auch wenn die Texte selbst vermutlich eher altbacken herüberkämen.

Man muss sich wirklich fragen, warum bei Klassikern wie etwa Jules Verne der zeithistorische Kontext so ungeniert in den Vor­dergrund gestellt wird, während man hier mühsam in jeder nur erdenklichen Weise darum herumzulavieren sucht und sich in peinlichen Widersprüchen verheddert. Ein wenig mehr Ehrlich­keit gegenüber dem Original wäre tatsächlich angebracht.

Mit diesen kritischen, aber gut gemeinten Worten schicke ich euch in diesen Roman, der sich in zahlreichen Details gründlich von späteren Werken der Reihe unterscheidet:

Land des Schreckens

(OT: The Land of Terror)

Doc Savage 12

von Kenneth Robeson

Pabel-Verlag, November 1973

162 Seiten, TB

Übersetzung: Gert Königsberger

Keine ISBN

In diesem Roman treffen Spaziergänge durch die wiederbelebte Flora und Fauna des New Yorker Museum of Natural History und Assoziationen an den Film Caprona – Das Land, das die Zeit ver­gaß zusammen mit einem knallharten Rachejustiz-Gedanken, der der Doc Savage-Serie eigentlich völlig fremd ist. Ich nehme deshalb an, dass der Roman sehr früh in der Serie platziert ist. Dafür gibt es auch noch weitere Beweise, auf die ich möglicher­weise nachher zu sprechen komme.1

Doch zunächst: worum geht es in dem Buch?

Wie immer wird keine Jahreszahl genannt, man kann sich aber anhand nicht frisierter Details die Zeit etwa als 1938 oder 1939 denken.2 In New York wird der bedeutende Chemiker Jerome Coffern auf rätselhafte Weise getötet – eine bizarre, offenbar aus dem Nichts heraus entstehende Rauchwolke verschlingt ihn, und alles, was sie von ihm übriglässt, ist ein Unterarm.

Die Täter, die eine menschenverachtende Waffe ausprobiert ha­ben, den „Rauch der Ewigkeit“, frohlocken über diese prompte Wirkung. Aber sie freuen sich zu früh: Jerome Coffern war gera­de unterwegs, um sich mit Doc Savage zu treffen, einem guten Freund, und als Doc Sekunden nach dem Mord zur Stelle ist, verfolgt er die Mörder mit einer infernalischen Wut bis zu ihrem Schlupfwinkel, einem nachgebauten Piratensegler, der am Hud­son ankert. Nacheinander fallen die Banditen der Rache des Bronzemanns zum Opfer, doch der Hintermann, ein Krimineller namens Kar, der die Waffe ersonnen haben soll, wird nicht ge­fasst.

Hinweise auf ihn kann aber ein Tierkonservator liefern, der ein­mal Docs Vater das Leben rettete: Oliver Wording Bittmann. Er unternahm vor einigen Monaten mit einem Chemiker namens Gabe Yuder (später wird er im Text Yudor genannt, der genaue Name ist also nicht klar) eine Reise zu der pazifischen Insel Thunder Island, wo Yuder das Geheimnis des „Rauches der Ewigkeit“ entdeckte und ihn zu einer Waffe umwandelte. Yuder, behauptet Bittmann, sei Kar, und genauso, wie Yuder Coffern umgebracht habe, trachte er auch ihm selbst nach dem Leben.

Doc nimmt Bittmann unter seine Fittiche und verfolgt die Bande weiter, doch einige Angehörige, darunter offensichtlich auch Kar, entkommen und machen sich auf den Weg in den Pazifik, um neuen „Rauch der Ewigkeit“ für weitere Verbrechen herzu­stellen.

Doc Savage und seine fünf Helfer nehmen die Fährte auf und geraten schließlich im unheimlichen Vulkankessel von Thunder Island in eine längst versunken geglaubte Welt, in der jede Mi­nute ums Überleben gekämpft werden muss. Hier finden sie auch heraus, wer wirklich hinter Kar steckt …

Mal abgesehen von der unbeschreiblichen Brutalität des Ro­mans – hier werden konsequenzlos Menschen aus dem 8. Stock geworfen, Genicke durch Docs übermenschliche Kräfte ohne jede Reue zermalmt, markige Lynchjustiz-Sprüche geklopft – fal­len einige Details auf, die in „früheren“ Romanen der Serie nicht zu finden waren. So ist in diesem Band der Chemiker Monk noch Raucher. Später nicht mehr. Monks Schwein „Habeas Corpus“ existiert ebenso wenig wie das U-Boot „Helldiver“, Docs „Fes­tung der Einsamkeit“, sein „Besserungsinstitut“ oder die „Hidal­go Trading Company“.

Die Struktur des Romans ist nicht ausgegoren und sehr, sehr durchsichtig. Es fehlt weiterhin die später fast unverzichtbare Ingredienz einer „undurchsichtigen“ Frau, die sich – meistens – gegen Ende des Romans Doc schmachtend an die Brust wirft (worauf er stets das Hasenpanier ergreift. Amüsiert mich immer wieder…!). Bedauerlich ist weiterhin aufgrund der mangelnden Personaldecke, dass für mich schon auf Seite 41 klar feststand, wer „Kar“ sein musste. Es gab keine andere Möglichkeit. Inso­fern musste ich Doc Savage, der nach eigenem Bekunden erst nach Eintreffen auf Thunder Island herausbekam, wer es war, eine bemerkenswert lange Leitung attestieren. Bei einem derart gefährlichen Gegner ist das ziemlich problematisch.

Auch das „Durchdeklinieren“ der Dinosaurier auf Thunder Island sorgt lediglich kurzfristig für Amüsement. Und Docs Bemerkung auf Seite 158: „Die Welt hat schwer genug an ihren Atombom­ben zu tragen“, einwandfrei eine Nachbearbeitung aus den 70er Jahren, als die Conde Nast Corporation in den Staaten die Serie neu herausgab, rief in mir nur Kopfschütteln hervor.

Ein mehr oder weniger von vorne bis hinten misslungener Ro­man. Besser nicht hinschauen …

© 2002 by Uwe Lammers

Tja, das ist dann eine klare Anti-Rezi, wie ich oben schon andeu­tete. Aber auch so etwas hat, gerade bei dieser Romanreihe, durchaus ihren Platz im Rezensions-Blog.

In der nächsten Woche könnt ihr euch wieder etwas entspan­nen. Das dort vorzustellende Werk ist nicht nur erheblich jünge­ren Datums, es las sich auch entschieden angenehmer, was sich dann natürlich auf die Rezension auswirkte.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Nachtrag von 2026: Wie schon einleitend angedeutet ist dies der zweite Roman der Serie, der in Deutschland erst als Band 12 erschien.

2 Nachtrag von 2026: Tatsächlich war das Erscheinungsjahr schon 1933.

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