Liebe Freunde des OSM,
Zeitreisen sind ein Sujet der Science Fiction, dessen Realisierung bis heute ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ebenso wie beispielsweise Unsterblichkeit oder der Kontakt mit hochstehenden Alien-Zivilisationen haben wir es hier also mit etwas zu tun, was ich ein „Wünsch dir was“-Thema nennen möchte. Es ist von der Art, das Autoren wie Leser gleichermaßen zu hypnotisieren imstande ist.
Im Zuge dieses außerordentlich lesbaren Romans wurde mir immer klarer, dass McDevitt selbst dem verführerischen Sirenenruf der Zeitreisen erlegen war und vermutlich am liebsten niemals mit dem Schreiben aufgehört hätte. Gerade ich als Historiker und Phantast kann das bestens nachvollziehen.
Insbesondere bei Zeitreiseromanen ist der Punkt, an dem man am besten die Geschichte beenden sollte, äußerst schwer zu lokalisieren. Die Verlockungen der ausgebreiteten Historie sind einfach uferlos … es ist gar zu leicht, einfach ein wildes Zeitreiseabenteuer an das nächste zu reihen, bis die Zeiten wild verschwimmen.
McDevitt ist das hier so ergangen, und er gestaltet den Roman auf äußerst unterhaltsame Weise, weswegen ich am Schluss, als ich ihn im Jahre 2016 ausgelesen hatte, ungeachtet einiger Schwachpunkte gern eine ausdrückliche Leseempfehlung ausgesprochen habe.
Wer mein Faible für Zeitreisen teilt und für die irdische Historie und diesen Roman noch nicht kennen sollte, der sollte ihn sich wirklich auf die Suchliste schreiben. Das lohnt sich.
Lest einfach mal weiter:
Zeitreisende sterben nie
(OT: Time Travellers Never Die)
von Jack McDevitt
Bastei 24396
Bergisch-Gladbach 2011
528 Seiten, TB
Aus dem Amerikanischen von Frauke Meier
ISBN 978-3-404-24396-9
Die Zeit ist ein trickreiches Gebilde, wenn man sich ihnen mit den Methoden der Science Fiction nähert. Für uns Normalsterbliche ist Zeit etwas Unveränderliches, durch das wir uns aus der Vergangenheit in die Zukunft bewegen, mit der Geschwindigkeit von 24 Stunden je Tag. Umkehr ist unmöglich. Das Wiederholen verpasster Gelegenheiten und ein Ändern des Geschehenen kann nicht realisiert werden.
Aber in der Science Fiction laufen die Dinge gelegentlich anders, etwa für Zeitreisende.
Man schreibt das Jahr 2018, als der Physiker Michael Shelborne (meist nur Shel genannt) auf rätselhafte Weise aus seinem geschlossenen Haus verschwindet. Sehr zur Verstörung seiner beiden Söhne Jerry und Adrian, die sich das nicht erklären können. Selbst die Polizei gibt den Fall bald verloren. Ein weiteres rätselhaftes Verschwinden, das kommt häufig vor in den Vereinigten Staaten. Aber die Söhne lässt der Verlust natürlich nicht ruhen.
Michael Shelborne hat als eher versponnener theoretischer Physiker unter anderem für die Regierung an geheimen Projekten gearbeitet, aber auch dort hat man keine Vorstellung, weshalb er verschwunden sein könnte. Als Adrian schließlich von einem Rechtsanwalt konsultiert wird und einen Umschlag mit einem Brief seines Vaters ausgehändigt bekommt, wird ihm klar, dass Michael Shelborne geahnt haben muss, dass etwas Seltsames bevorstand … und vielleicht diesen rätselhaften Vorfall selbst herbeigeführt hat.
Aber was hat es mit der Anweisung seines Vaters auf sich, derzufolge er den Inhalt eines Schließfaches vernichten soll? „Ich meine nicht, wirf sie weg; ich meine, nimm sie auseinander. Hämmer sie platt. Wirf sie ins Feuer. Und dann versenk die Überreste mit einem Gewicht im Ozean.“
Hört sich alles sehr dramatisch an.
Der Inhalt des Schließfaches besteht aus drei so genannten Q-Pods.1 Aber was soll daran so Aufregendes, ja, Gefährliches sein?
Adrian bekommt es schnell und schockierend heraus, als ihn eines der Geräte jählings von einem Moment zum nächsten über Hunderte von Kilometern hinweg versetzt. Aber das ist nicht alles, was es vermag.
Es ist eine Zeitmaschine.
Wenn man sie richtig beherrscht, kann man buchstäblich jeden Ort in Raum und Zeit auf der Erde besuchen. Und zweifellos kann er damit auch seinen verschollenen Vater suchen. Dies ist Adrians erste zielgerichtete Handlung … und dass er damit zunächst seinen Zeitsinn für die Gegenwart verwirrt, ist nur der Beginn einer Reihe von atemberaubenden Abenteuern, in die er seinen guten Freund Dave bald mit einbezieht, dessen Kenntnisse alter Sprachen ihm bei Reisen in die Vergangenheit von großem Nutzen sind.
George Washington Guten Tag sagen? Kein Problem.
Martin Luther Kings legendärer „I have a dream“-Rede lauschen? Nichts leichter als das.
Shakespeares Aufführungen besuchen? Griechische Tragödien im antiken Hellas beiwohnen? Die Bibliothek von Alexandria vor ihrer Zerstörung bewundern? Der Möglichkeiten scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Zeitreisen macht süchtig, wenn man alle Gelegenheiten hat, jeden wichtigen Moment der Vergangenheit zu besuchen.
Aber der Zeitstrom ist trickreich. Und es gibt Gefahren … doch wozu hat man wohl eine Zeitmaschine? Man kann über die Probleme lesen, nachdem sie passiert sind, kann sie vermeiden … und dann ist da das gespenstische, neblige Ufer der eigenen Zukunft, verlockend, verboten … und dort lauert das Entsetzen, das unausweichliche …
Jack McDevitt nach langer Zeit mal wieder zu lesen, ist ein wunderbares Vergnügen, das ich mir gern gegönnt habe, und dieser sehr lässig geschriebene Roman ist eine Art von süffiger Köstlichkeit, die durch die Seele rinnt wie ein erlesener Tropfen. Zu sagen, man habe sich gut unterhalten lassen von diesem Buch, ist ein derartiges Understatement, dass es an eine Beleidigung grenzt. Es ist tatsächlich ein umfassendes Vergnügen, das nur wenige Wermutstropfen beinhaltet.
Ja, es ist eine berauschende Zeitreise, und der Verfasser hat unglaubliche Detailkenntnisse bewiesen, indem er die unterschiedlichsten Personen, Situationen und Orte beschrieb, und er demonstriert auch nachdrücklich, dass selbst „erfahrene“ Zeitreisende einige Schwierigkeiten haben können, wenn sie mit den unwägbaren Ufern der Vergangenheit konfrontiert werden. Ob es sich dabei um Wegelagerer, schöne Frauen, die Inquisition, schießfreudige Neuengländer oder skeptische Bibliothekare der Vergangenheit handelt (schweigen wir von zugefrorenen Seen und ähnlichem) … langweilig wird diese Geschichte jedenfalls nie.
Auf charmante Weise fängt McDevitt den Zauber der vergangenen Zeiten ein, dass man sich wünscht, er möge nie aufhören – und das ist das erste Problem des Romans, denn das ging dem Verfasser erkennbar ganz genauso. Statt nach dem Moment, wo Adrian Shelbornes Vater das zweite Mal (!) wieder gefunden wurde, tatsächlich einen Cut zu machen und den Roman zu beenden, machte er einfach weiter. So schön das auch ist, er überspannt den Bogen dann etwas.
Das zweite Problem besteht in dem Wundertäter-Effekt der Zeitmaschinen. Es ist natürlich evident, dass Shel und sein Freund Dave nicht wirklich verstehen können, wie sie funktionieren. Dass aber auch nie ansatzweise seitens Michael Shelbornes erklärt wird, wie er überhaupt ihre Erfindung bewerkstelligt hat, verliert mehr und mehr im Laufe des Romans an Plausibilität, und das ist bedauerlich.
Schließlich sind sie stete Requisiten, die einfach „funktionieren“, als handele es sich um göttliche Schöpfungen, die sie indes nicht sind. Gelegentlich werden Schwierigkeiten angedeutet, aber sie bleiben flüchtig, nicht nachhaltig. Solche Dinge wie Batterieschwäche (besonders fatal wäre das etwa in der Antike oder frühen Neuzeit!), ernsthafte Beschädigungen oder Funktionsausfall durch Dauerbenutzung … all das spielt im Verlauf des Romans quasi keine Rolle und ist damit zunehmend unglaubwürdig.
Man spürt als kritischer Leser leider, dass McDevitt eine schöne Idee phantastisch umgesetzt hat, dass ihm aber an der Physik dahinter nur wenig gelegen war. Ein Physiker wird von dem Buch deshalb wohl enttäuscht, möglicherweise frustriert sein. Wer indes nur ein rasantes, farbenprächtiges Zeitreiseabenteuer erleben möchte, ohne nach dem Wie und Warum zu fragen, ist hier absolut goldrichtig.
Nachhaltige Leseempfehlung!
© 2016 by Uwe Lammers
In der kommenden Woche kommen wir schon an das Ende der „Perfect Touch“-Reihe von Jessica Clare … na ja, fast. Denn es wird noch einen Nachschlag geben. Dazu mehr in der nächsten Woche und im Rezensions-Blogartikel 586.
Bis bald, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.
1 Dummerweise gibt es im gesamten Roman keine konkrete Erläuterung, was man sich darunter vorstellen soll. Ich gewann den Eindruck, es handele sich um eine Art Gerät, das am ehesten als tragbarer CD-Spieler vorzustellen ist, den man sich an den Gürtel haken kann.