Rezensions-Blog 353: Hier spricht Guantánamo

Posted Mai 25th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ich denke, wer die Nachrichten der zurückliegenden zwanzig Jahre aufmerksam verfolgt hat und namentlich diejenigen der letzten Monate, der wird um ein paar ungenießbare Tatsachen nicht herumkommen, die in politischen Fehlentscheidungen vor gut 20 Jahren wurzeln.

Am 11. September 2001 ereignete sich der folgenschwerste ter­roristische Anschlag auf amerikanischem Boden, ausgeführt von einer Gruppe nominell muslimischer Fanatiker, die allesamt bei der Ausführung ihres Planes den Tod fanden. Um diese Tat zu vergelten, erklärte der damalige Präsident George W. Bush jr. den „Krieg gegen den Terrorismus“ (schon semantisch absurd, da man nur Krieg gegen Personen oder Nationen führen kann, aber nicht gegen Begriffe wie „Terrorismus“). In der Folge diente dieses Vorgehen der Legitimation, zwei Regierungen zu stürzen und zwei Staaten mit Krieg zu überziehen, den Irak (der mit den Anschlägen nichts zu tun hatte) und Afghanistan, in dem der vermeintliche Drahtzieher Osama bin Laden, als Gast der Tali­ban-Regierung weilte.

Während im Irak die Regierung Saddam Husseins gestürzt wer­den konnte und im Anschluss daran ein Bürgerkrieg ausbrach (soviel zu George Bushs realitätsverkennender Bemerkung „Mis­sion accomplished!“, die er nach Saddams Sturz vollmundig machte), wurde auch das Taliban-Regime in Kabul gestürzt und eine neue Regierung ins Amt gehievt.

Die Jagd nach „Terroristen“ aber ging weiter, und sie erschuf ei­nen bizarren rechtsfreien Raum auf Kuba – das Strafgefange­nenlager Guantánamo. Nach meiner Kenntnis existiert es nach wie vor, und immer noch werden dort „Terroristen“ festgehalten, die von amerikanischen Kommandos in Afghanistan eingesam­melt worden sind.

Der leider schon verstorbene Journalist Roger Willemsen – ich durfte ihn 2014 noch auf der Leipziger Buchmesse persönlich erleben; eine beeindruckende Persönlichkeit, die wie gedruckt und äußerst scharfsinnig zu reden verstand – hat sich anno 2006 die Mühe gemacht, den ideologischen Mantel aus Halb­wahrheiten und Lügen zu durchbrechen, der um dieses Gefan­genenlager und seine Insassen gewoben wurde.

Er hat einige wenige der Insassen exemplarisch befragt und da­bei Dinge und Lebensgeschichten zutage gefördert, die sicher­lich nicht stellvertretend für alle Inhaftierten stehen können. Aber sie zeigen zumindest in beunruhigender Häufung auf, dass viele Personen offenkundig völkerrechtswidrig dorthin unter Vor­gabe falscher Anschuldigungen verschleppt wurden. Oder ein­fach, weil sie zum verkehrten Zeitpunkt am falschen Ort waren, die falsche Sprache sprachen, den verkehrten Glauben besaßen oder „wie Taliban aussahen“ (was immer das konkret auch hei­ßen soll, da „Taliban“ übersetzt nur „Koranschüler“ heißt; so be­trachtet könnte man formal jeden Muslim verhaften, aber das käme ja niemandem ernstlich in den Sinn!).

Herausgekommen ist ein nicht zuletzt wegen des Vorwortes, in dem er auf die Medienresonanz auf dieses Buch mit eingeht, ziemlich beklemmendes Werk, das den aufmerksamen Leser für die Tücken und auch für gewisse beunruhigende Selbstgleich­schaltungstendenzen in der heimischen Medienlandschaft sensi­bilisieren könnte. Es ist in dem Sinn geschrieben, ideologisch zu enge Denkraster aufzubrechen, Einzelfallprüfungen durchzufüh­ren und sich einfachen Lösungen zu verweigern.

Traurigerweise muss man auch 15 Jahre nach Erscheinen des Buches konstatieren: Das Lager gibt es immer noch. Die Taliban-Bewegung ist nach 20 Jahren amerikanisch-westlicher Besat­zung in Afghanistan wieder an die Macht gekommen, und der dortigen Bevölkerung geht es höchstwahrscheinlich nicht besser als vor 2001. Auf beklemmende Weise wird so nicht nur der Fehlschlag der westlichen Intervention offengelegt, sondern auch, dass in jederlei Beziehung der „Krieg gegen den Terrorismus“ eher dazu geführt hat, dass die Welt unsicherer denn je wurde. Ich bin der Ansicht, dass das heutige Rezensionsbuch ungeach­tet seines Alters immer noch ein sehr lesenswertes Mahnzei­chen der jüngsten Zeitgeschichte ist. Und die Geschichte über das Straflager Guantánamo und seine unglückseligen Inhaftier­ten, die selbst nach der Freilassung für ihr Leben gezeichnet sind, ist bedauerlicherweise noch lange nicht am Ende.

Wer neugierig ist, lese bitte weiter:

Hier spricht Guantánamo

Interviews mit Ex-Häftlingen

von Roger Willemsen

Fischer-Taschenbuch 17458

256 Seiten, 8.95 Euro

Oktober 2006

ISBN 3-596-17458-9

Es gibt Menschen, die meinen, wir wissen bereits alles über das berüchtigte Strafgefangenenlager Guantánamo auf Kuba, wo die Streitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika seit dem Beginn ihres „Krieges gegen den Terrorismus“1 Personen inhaftieren, die sie der Mittäterschaft an den mörderischen Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 bezichtigen, bei dem mehr als dreitausend Amerikaner ums Leben kamen.2 Auch viele Journalisten zählen dazu, die sich dadurch bei der Besprechung des vorliegenden Buches auf eine nachgerade abenteuerliche Gratwanderung begaben. Der Verfasser Roger Willemsen, Schriftsteller, Journalist und Fernseh-Moderator, der Tausende von Interviews geführt hat, berichtet davon in dem Vorwort.

Die renommierte FAZ meinte, das Buch komme zu spät, wobei sie stets an der USA-Doktrin von den inhaftierten „gesetzlosen Kämpfern“ festgehalten hatte, die die Häftlinge in Guantánamo mehrheitlich eher nicht sind; die christliche Zeitschrift „Chris­mon“ fand die genannten Details der Folter in den Lagern offen­sichtlich nicht drastisch genug; der „Zürcher Anzeiger“ befürch­tete, das Buch könne „fundamentalistischen Islamisten“ ein Fo­rum bieten; der „Welt“ fehlten (ernsthaft!) „spektakuläre Miss­handlungsgeschichten“, für den dortigen Rezensenten bot sich ein Bild der „Langeweile“ und des „normalen Gefängnisstumpf­sinns“3; die „Frankfurter Rundschau“ sah sich gar genötigt, eine Gegendarstellung in sechs Punkten abzudrucken.

Allen diesen Kritikern, um nur ein paar zu nennen, die erwähnt worden sind, ist offenkundig gemeinsam eine seltsame, unge­nießbare Melange aus Abstumpfung, williger Selbstgleichschal­tung mit amerikanischer Propaganda und völlig unreflektiertem Hineinfühlen in die Lage der Inhaftierten, die selbst nach ihrer Freilassung (!) durch die US-Militärs weiterhin unter der „Schuld­vermutung“ des Terrorismus stehen. Lyrischer, aber nicht schö­ner ausgedrückt: der finstere Schatten der Jahre in Guantána­mo-Haft hängt bis an ihr Lebensende über diesen Unglückli­chen, die zumeist nur das Pech hatten, am falschen Ort zur fal­schen Zeit zu sein.

Roger Willemsen hat in diesem Buch fünf ehemalige Häftlinge, die bereit waren, ihm Rede und Antwort zu stehen, interviewen können, und eines der Interviews ist unfasslicher als das nächs­te. Da kann keine Rede von „Langeweile“ sein, und wenn auch nur ein Rezensent sich die Mühe gemacht hätte, sich in die Lage der Interviewpartner zu versetzen, hätte er schnell das Grauen gespürt, das durch ihre scheinbar unspektakulären Worte hin­durchschimmert …

Khalid Mahmoud al-Asmar beispielsweise, ein gebürtiger Pa­lästinenser, war Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in Afghani­stan, der Witwen, Waisen und Armen half und einen kleinen Ge­würzhandel aufbaute, um seine Familie zu ernähren. Er hatte während seines Aufenthalts in Afghanistan 1987 eine dortige Waise geheiratet. Als die Amerikaner Afghanistan im Nachgang zum 11. September 2001 zu bombardieren begannen, rieten ihm seine Geschäftsfreunde, er solle nach Pakistan gehen, weil er als Araber – wiewohl kein Taliban – Gefahr laufe, verfolgt zu werden. Khalid konnte das nicht glauben, aber zum Wohl seiner Familie ließ er sich überzeugen.

Auf der pakistanischen Seite der Grenze wurde er indes von pa­kistanischen Sicherheitskräften verhaftet, unter falschen An­schuldigungen gefangengehalten und schließlich an amerikani­sche „Headhunter“ verkauft, die ihn auf dem Umweg über an­dere Lager in Pakistan und Afghanistan schließlich nach Guantánamo brachten. Hier wurde er mehrere Jahre lang inhaf­tiert, immer wieder verhört, gefoltert und schließlich ohne Ge­richtsverfahren freigelassen – unter der Auflage, nie etwas ge­gen die USA zu tun, nicht den Taliban oder der Al-Qaida beizu­treten oder über das Lager zu erzählen.

Völkerrecht ist etwas anderes.

Eine Entschädigung für die Jahre der Haft und die erlittenen ge­sundheitlichen Schäden hat er nie erhalten, und er ist skeptisch, überhaupt jemals etwas zu bekommen. Er erklärte Roger Wil­lemsen: „Die USA haben ein Gesetz verabschiedet, wonach sie für solche Taten nicht strafrechtlich belangt werden können. Die USA haben die ganze Affäre als politische und nicht strafrechtli­che Angelegenheit abgetan. Sogar das Rote Kreuz und unsere Anwälte haben mir das alles bestätigt …“

Hussein Abdulkader Youssef Mustafa gehört ebenfalls zu den Palästinensern. Er war zum Zeitpunkt der Verhaftung Religi­onslehrer, ist aber heute arbeitslos und außerstande, seinen Be­ruf auszuüben, da ihm die jordanische Regierung keine Sozial­versicherungsnummer zugesteht, die dafür erforderlich ist.

Vor dem Jahre 2001 hielt er sich als von der UNO registrierter und anerkannter Flüchtling in Pakistan auf. Er war dort seit 1985 Lehrer an den Schulen afghanischer Flüchtlinge, die vor der rus­sischen Besatzung geflohen waren, und er brachte ihnen die Re­geln des Korans bei wie auch die arabische Sprache in Wort und Schrift.

Ich habe im Unterricht auch die Werte der Gewaltlosigkeit und Toleranz vermittelt“, erklärt er dem Interviewer.

Als er direkt nach dem 11. September 2001 von den pakistani­schen Behörden unter fadenscheinigen Argumenten verhaftet wurde, ging er noch davon aus, dies sei irgendwie ein Irrtum. Auch die Polizisten erklärten ihm nach einer Weile, dies sei ein Irrtum, er sei unschuldig, und sie würden ihn umgehend zurück­bringen … stattdessen lieferten sie ihn gegen Entgelt den Ame­rikanern aus, die in ihm „einen Araber“ sahen, einen Lands­mann von Osama bin Laden, und ihn menschenunwürdig be­handelten und schließlich unter erniedrigenden Umständen nach Guantánamo verschleppten.

Hier sollte Hussein gezwungen werden, Dinge zu gestehen, die er nicht getan hatte, Verbindungen zu Al-Qaida zu besitzen, was definitiv nicht der Fall war, bzw. ein Taliban zu sein, der er nicht war. Am 7. August 2004, nach über zwei Jahren unbegründeter Lagerhaft, verließ er physisch unverletzt, aber psychisch schwer angeschlagen, das Lager. Seine Vorstellungen von Gerechtigkeit sind seither aus verständlichen Gründen schwer beschädigt.

Wörtlich erklärte er: „Die Aussage, dass ich unschuldig sei und freigelassen werden würde, nutzte mir wenig. Es ist genau so, wie wenn jemand in ein Haus einbricht, alles stiehlt und das Haus zerstört und sich danach entschuldigt. Was haben die Be­wohner des Hauses von seiner Entschuldigung?“

Timur Ischmuradow ist dreißig Jahre alt, gebürtiger Tatare und ausgebildeter Ingenieur sowie russischer Staatsbürger. Er be­fand sich auf der Suche nach einem Wohnsitz in einer muslimi­schen Kultur, als er in Afghanistan zwischen die Fronten der Nordallianz und der Taliban geriet. Sein Lebenslauf stellt einen anschaulichen Fall der verwirrenden Verläufe von Biografien vie­ler Inhaftierter dar, die keineswegs nur „afghanische Taliban“ oder „feindliche Kämpfer“ sind.

Er kam aus Sibirien, wo er in der Erdölindustrie gearbeitet hatte. Im Jahre 1998 begann er dann, sich dem islamischen Glauben zuzuwenden, eine Moschee zu besuchen und fand nach und nach den Gedanken, in einer großen Gemeinschaft von Gläubi­gen aufzuwachsen, sehr reizvoll.

Er ging nach Tadschikistan, das zu dem Zeitpunkt zweigeteilt war, in einen von der Regierung kontrollierten und einen von der islamischen Opposition kontrollierten Teil. Doch das islami­sche Tadschikistan war erschreckend arm und, nach Auskunft der dort Lebenden, auch noch kein „richtiger“ islamischer Staat. Wenn er so etwas suche, solle er sich nach Afghanistan bege­ben. Was er dann auch tat. Allerdings sprach er nur sehr wenig Arabisch und gar kein Afghanisch, und da ihm natürlich bekannt war, dass Russland jahrelang einen blutigen Krieg gegen die af­ghanischen Mudschaheddin geführt hatte, fürchtete er, als der Kampf zwischen den Taliban und den Amerikanern begann, er werde irgendwann als „Russe“ entlarvt und dann von Einheimi­schen umgebracht.

Die wahre Gefahr erwuchs ihm jedoch aus den Amerikanern. Er konnte sich geschickt durch seine usbekische Heimatsprache durchlavieren und fand Zuflucht bei der Nordallianz. Doch nach einigen Monaten, Anfang 2002, wurde er, der eigentlich geplant hatte, Lehrer an einer Schule zu werden, aus einer Moschee heraus entführt, zunächst ins Durchgangslager Bagram, dann nach Kandahar gebracht und schließlich nach Guantánamo.

Als der völlig nervlich zerrüttete Ischmuradow schließlich nach Unterzeichnung der „üblichen Papiere“ (siehe oben) freigelas­sen wurde, lieferten ihn die Amerikaner als „feindlichen Kämp­fer“ (wiewohl man ihn für unschuldig erklärt hatte), in Hand- und Fußfesseln an die russischen Behörden aus, die ihn darauf­hin „vorsorglich“ auch mehrere Monate inhaftierten, ohne Erklä­rungen. Der junge Ingenieur wird nun von den russischen Si­cherheitsorganen bei jedem Terroranschlag „prophylaktisch“ er­neut in Haft genommen und verhört, auch wenn er mit diesen Dingen gar nichts zu tun hat. Er steht auf der Liste der „Terroris­ten“ …

Ravil Gumarow, ein 43jähriger Tatare und ehemaliger Unter­nehmer, wäre auf seiner Suche nach einem Ort, wo er seinen muslimischen Glauben besser praktizieren konnte, fast gestor­ben. Hätte er seinen eigenen, fatalistischen Humor nicht, würde er seine schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen und die entwürdigenden und traumatisierenden Erlebnisse, die hinter ihm liegen, gewiss nicht überstanden haben.

Nach den Terroranschlägen in Moskau im August und Septem­ber 1999 (mutmaßlich von tschetschenischen Attentätern be­gangen, was aber bis heute nicht geklärt ist), bei denen mehr als zweihundert Menschen ums Leben kamen, entstand in Russ­land eine verstärkte antimuslimische Stimmung. Er ging, um etwa weiteren Wohnungsdurchsuchungen und anderen Schika­nen zu entgehen, zunächst nach Tadschikistan und von dort aus, weil man hier keine Geschäfte machen konnte, mit Glau­bensgefährten weiter in Richtung Afghanistan. Sie wurden aller­dings von Bewaffneten aufgehalten, die der Islamistischen Be­wegung Usbekistans (IDU) angehörten, die eigentlich keine Gegner für sie darstellten.

Die IDU-Kämpfer waren es, die Gumarow und seine Gefährten nach Afghanistan brachten, in die Nähe der Stadt Kunduz. Doch statt Geschäfte machen zu können, wurde er von usbekischen Afghanen gefangen genommen und beschuldigt, ein russischer Spion des KGB oder FSB zu sein. Sieben Monate lang war er nun in afghanischer Haft, für seine Familie galt er als verschollen. Schließlich setzten ihn die Usbeken wieder auf freien Fuß, gaben ihm Unterkunft in einer Garage (!), gestatteten ihm die freie Re­ligionsausübung, doch war er eingeschränkt in seiner Bewe­gungsfreiheit.

Die sagten: ‚Bleib bei uns, mit uns hast du es einfacher, du kennst die Sprache nicht, und du kennst die hiesigen Bräuche nicht.‘“ Was also sollte er tun? Er blieb natürlich.

Als sich die Terroranschläge vom 11. September 2001 ereigne­ten, war er also als vergleichsweise freier, aber nur geduldeter russischer Muslim in Kunduz. Auf die Frage Roger Willemsens, wie er von den Ereignissen von „9/11“ erfahren habe, antwortet Gumarow alarmierend offen: „Auch über Radio, und als das be­kannt wurde, haben alle darüber geschrien. Ich hatte ja kein großes Interesse an der Weltpolitik.4

In der Folge gerät der Tatare in die Gewalt des usbekischen Ge­nerals Dostum, der mit den Amerikanern zusammenarbeitete und „Taliban“ jagte. Über sechshundert von ihnen wurden in der Festung Mazar-e-Sharif zusammengepfercht, die meisten von ihnen waren indes keine Taliban, sondern Binnenflüchtlinge wie Gumarow, der all das selbst erlebt hatte. Er berichtete Roger Willemsen schreckliche Details über das von Dostum angerich­teten Massaker in der Festung, das nach seinen Worten wohl dazu dienen sollte, das eigene Versagen zu verschleiern – die Tatsache, dass er „die Falschen“ eingefangen hatte und auslie­fern wollte. Gumarow trug hier Schusswunden in beiden Beinen davon.

Kurze Zeit später wurde er als einer der wenigen Überlebenden ans amerikanische Militär übergeben, das ihn ungeachtet seiner Verletzungen fesselte und misshandelte und schließlich über Bagram nach Guantánamo ausflog, weil es ihn für einen „Tali­ban“ hielt. Allein sein dauerhaft labiler Gesundheitszustand ver­hinderte, dass man ihn ähnlichen Schikanen aussetzte wie seine gesunden und jüngeren Gefährten.

Was ihm während seiner Verhaftungszeit am meisten auffiel, war Folgendes: „Besonders schlecht wurden die Araber behan­delt, weil Osama bin Laden Araber ist. Aber es ist ja nicht ein­mal bewiesen, dass er für die Anschläge verantwortlich ist. Das konnte jedenfalls bisher nicht nachgewiesen werden.“

Und so kam er zu dem Schluss, dass viele amerikanische Bewa­cher und Befehlshaber schlicht „verzweifelt bemüht“ gewesen seien, aus ihnen „irgendetwas“ herauszuholen, um es als Er­folg zu präsentieren (bei den meisten Inhaftierten hätten sie – wie etwa bei ihm – schon nach wenigen Wochen gewusst, dass sie unschuldig seien).

Denn, wie er richtig feststellt: was für einen Eindruck macht es auf die Bevölkerung, wenn alle Gefangenen nach Jahren freige­lassen werden und man keinen einzigen Schuldigen vorweisen kann …?

Abdulsalam Saif ist wohl der einzige Prominente unter den Be­fragten. Er war Afghane, Ökonom von Beruf, Pressesprecher der Taliban-Regierung, später Afghanistans Botschafter in Pakistan. Bei ihm handelte es sich um den einzigen Taliban, der für dieses Buch befragt werden konnte. Er vermittelte keinen fanatischen Eindruck, sondern beharrte darauf, vielmehr ein Opfer amerika­nischer Aggression und zudem völkerrechtswidrig durch die pa­kistanischen Behörden ausgeliefert worden zu sein.

Ihm war, als die Anschläge des 11. September bekannt wurden, sofort klar, dass dies Auswirkungen auf Afghanistan haben wür­de – weil die amerikanischen Behörden sich schon seit mehre­ren Jahren bemühten, Osama bin Ladens, der als Gast der af­ghanischen Regierung im Land weilte, habhaft zu werden. Saif betrachtete folgerichtig die Aggression der Amerikaner als will­kommenen Vorwand, sich das zu nehmen, was sie auf diploma­tischem Weg nicht bekommen konnten.5

Wie wir heute wissen, ist dieses Ziel verfehlt worden – um den Preis zweier Bürgerkriege und Zehntausender unschuldiger To­desopfer, deren Zahl von Tag zu Tag weiter steigt. Niemand weiß bis jetzt, ob Osama bin Laden für die Terroranschläge ur­sächlich verantwortlich war oder wo er sich heute aufhält.6

Unter dem Vorwand, ihn in Sicherheit zu bringen, lieferten die pakistanischen Behörden Saif an die amerikanischen Militärs aus, die ihn, ohne jeden plausiblen Grund anzugeben, über ihre Militärstützpunkte und Lager in Afghanistan nach Kuba depor­tierten. Hier bestand nach Saifs Worten, die die vorherigen Be­richte in vielen Punkten bestätigen, ihre einzige Beschäftigungs­möglichkeit darin, im Koran zu lesen und ansonsten fast den ge­samten Tag in ihren Gitterkäfigen in Containern zu hocken, 48 Mann in einer Baracke, ohne jedwede Privatsphäre. Die Zustän­de führten letztlich bei vielen zu nervlichen Zusammenbrüchen, Hungerstreiks, Selbstmordversuchen und Selbstverstümmelun­gen.

Das vermutlich Schlimmste, von dem Saif zum Schluss berich­tet, sind die dauernden Spätschäden: „Alles, was ich wusste, habe ich vergessen. Ich bin nicht sicher, ob ich das, worauf ich mich einmal verstand, wieder praktizieren könnte oder nicht. Ich konnte zum Beispiel am Computer arbeiten. Jetzt kann ich nicht mal tippen … Alles habe ich aus dem Gedächtnis verloren, muss alles wieder neu lernen. Alles ist so.

In diesen vier Jahren [im Lager Guantánamo, UL] habe ich we­der ein Buch gesehen noch einen Stift in der Hand gehabt, noch mich fortgebildet, noch etwas gehört oder gelesen. Von allem war ich abgeschnitten, mein Kopf und mein Gedächtnis funktio­nieren schlecht, weil ich während dieser Zeit keine Beschäfti­gung hatte außer dem Nachdenken. Natürlich, wenn jemand den ganzen Tag und das ganze Jahr über sein ganzes Leben nachdenkt, wird er verrückt …“

Dies ist etwas, das sich offenkundig vollkommen dem Begreifen durch die Rezensenten entzogen hat. Niemand konnte sich in diese Lage auch nur annähernd hineinversetzen. In einer fast schon tragikomischen Anmerkung zum Schluss meint Saif, ei­nen Kommentar seiner amerikanischen Bewacher wiederge­bend: „Ja, die Amerikaner fragten mich auch: ‚Wie kommt es, dass du nicht verrückt wirst? Wenn wir hier nur einen Monat verbringen würden, würden wir verrückt werden.‘ Das haben sie wirklich gesagt.“

Über Guantánamo ist alles gesagt. Tatsächlich? Nach diesem Buch gewinnt man leider einen gänzlich anderen Eindruck …

Über Guantánamo ist alles gesagt. Bis auf das, was die Häftlin­ge zu sagen hätten“, wiederholt Roger Willemsen absichtlich mehrmals.

Fürwahr.

Und deshalb lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Um zu begrei­fen, auf welch verheerenden, steil bergab führenden Pfad der nachlassenden Moral sich die amerikanische Regierung und da­mit leider auch weite Teile der dortigen (indoktrinierten) Gesell­schaft begeben haben. Es ist ein Pfad in die gesellschaftliche Selbstzerstörung der amerikanischen Demokratie.

Es wird ein böses Erwachen für die amerikanische Nation ge­ben, steht zu fürchten. Und zwar, nachdem sie einen Sumpf aus Blut durchquert hat, den sie selbst mit dem Lebenssaft unschul­diger Opfer gefüllt und mit Lügen erhitzt hat.

Die eigentlichen Terroristen, muss man wohl konstatieren, sit­zen im Weißen Haus, und sie opfern ihre eigene Nation aus selbstsüchtigen Interessen. Wirtschaftliche Interessen, Befriedi­gung persönlicher rassistischer Wahnvorstellungen, religiöser Dünkel, was auch immer. Was kann man von einem Präsidenten schon erwarten, der seine Regierung auf Lügen baut, sich ins Regierungsamt schleicht, sogar zweimal hintereinander?

Doch wie Lügen nur Lügen gebären, so kann man einmal ge­machte Fehler nicht dadurch wieder abwaschen, dass man die Opfer dieser Fehler zu Foltergeständnissen zwingt oder alle Op­fer mundtot zu machen sucht.

Das Lager Guantánamo ist ein Fehler der Menschlichkeit, und man kann Roger Willemsen nur beipflichten in seinem Fazit: Das Lager gehört aufgelöst, die Insassen freigelassen oder wenigs­tens vor ein faires, unvoreingenommenes Gericht gestellt, die unschuldigen Opfer müssen entschädigt und die Verantwortli­chen dieser Folter, Misshandlungen und widerrechtlichen Inhaf­tierung ohne Beachtung der Menschenrechte, diese Verantwort­lichen gehören vor Gericht und bestraft.

Und wenn es Präsidenten sind.

Unrecht bleibt Unrecht.

© 2007 by Uwe Lammers

Es erübrigt sich die Feststellung, dass Bush natürlich nie vor Ge­richt gestellt wurde wegen der Lügen oder der völkerrechtswid­rigen Behandlung von Unschuldigen in Guantánamo. Bis heute tun sich amerikanische Abgeordnete ja schwer damit, Präsiden­ten für ihre Vergehen zur Rechenschaft zu ziehen – man denke nur an das jüngste Beispiel des Präsidenten Trump.

Im nächsten Rezensions-Blog wird es weniger wortreich und mehr seichter. Da stelle ich mit Meredith Wild eine weitere Ro­manautorin aus dem Erotik-Segment vor.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

(BS, 4. September 2021)

1 Folgt man dem Journalisten Michael Moore, so ist diese Bezeichnung in sich hanebü­chener Unfug. Er sagt sinngemäß und zutreffend, Krieg könne man nur gegen Natio­nen führen. „Terrorismus“ ist aber keine Nation. Solche diffusen Konflikte haben die in­härente Neigung dazu, permanent zu werden und den Keim des unabweislichen Schei­terns in sich zu tragen. Was wir seit Frühjahr 2002 weltweit erleben, bestätigt diese Sicht der Dinge leider. Genaueres nachlesen kann man in Michael Moores Buch „Volle Deckung, Mr. Bush“, Piper 4250, München 2003.

2 Von Oliver Stone werden diese zivilen Opfer in seinem Gedenkfilm „World Trade Center“ als „Gefallene“ bezeichnet, also mit einem militärischen Terminus in die ame­rikanischen Streitkräfte eingemeindet, ob sie nun puertoricanischer Hausmeister oder eine arglose Stenotypistin in einem der Büros gewesen sein mögen. Manche finden das beeindruckend, andere – dazu zähle ich – eher abgeschmackt.

3 Nach der Lektüre fragt sich der Leser, wie viele Gefängnisse solcher Natur der zitierte Rezensent wohl persönlich kennengelernt hat. Keines, ist anzunehmen!

4 Fettgezeichnete Hervorhebungen UL. Diese Worte zeigen dramatisch deutlich, wie ich finde, wie wesentlich es ist, sich durchaus für das zu interessieren, was in der Welt vorgeht. Man weiß nie, ob es nicht irgendwelche Rückwirkungen auf das eigene Leben haben kann – und zwar eventuell durchaus desaströse.

5 Vgl. insbesondere im Buch die Seiten 205-208, wo Saif dazu präzise Stellung bezieht.

6 Nachtrag von 2021: Das ist inzwischen natürlich veraltet. Osama bin Laden wurde ausfindig gemacht und durch amerikanische Antiterrorspezialisten gezielt getötet. So­weit ich weiß, ist aber die ursächliche Verantwortung Osama bin Ladens für die An­schläge des 11. September 2001 immer noch unbestätigt. Aber es ist natürlich be­quem, Hintermänner zu suchen, da sämtliche ausführenden Attentäter bei den An­schlägen umkamen und zu selbigen keine Auskunft mehr geben können.

Liebe Freunde des OSM,

es ist ein komisches Gefühl, mit dieser Artikelreihe der Gegen­wart so nahe zu kommen – in den vergangenen Jahren verstand ich sie mehrheitlich, und fraglos zu Recht, als historische Abris­se, die eine gewisse Distanz zur Realzeit besaßen. Es ist darum abzusehen, dass ich diese Artikelreihe etwas pausieren lassen werde, nachdem ich die Folge 84 erreicht habe, mit der das Jahr 2021 vollständig abgehandelt ist. Vom momentanen Standpunkt ist das sicherlich nachvollziehbar: Wir schreiben den 3. Oktober 2021, wo ich diese Zeilen verfasse, mithin ist der letzte Be­schreibungszeitraum noch Zukunftsmusik.

Nun denn, nehmen wir uns zunächst das erste Quartal des zwei­ten Corona-Jahres 2021 vor. So werden das sicherlich künftige Historiker nennen. Wir sollten uns hier keine Illusionen machen: die globale Corona-Pandemie ist eine historische Zäsur, und sie wirkt sich notwendig in allen Lebensbereichen aus. Ob auch nachhaltig, etwa durch flächendeckende und regelmäßige Ver­wendung der Atemmasken, wie das in Asien schon seit langem – dort allerdings mehr wohl wegen der akuten Luftverschmut­zung in den Ballungszentren – üblich ist, das steht noch dahin. Das müssen wir abwarten.

Ich startete jedenfalls ins Jahr 2021 mit einem Monat, der mich am Ende auf 28 abgeschlossene Werke zurückblicken ließ. Davon entfielen allerdings 7 auf Blogartikel, acht weitere ent­stammen der Serie „Erotische Abenteuer“ (EA).

Interessanterweise entstand gleich zu Jahresbeginn mit „Am Großen Strom“ eine neue Episode aus dem KONFLIKT 7, also der Serie „Oki Stanwer – Held der Hohlwelt“, leider hielt der Elan nicht lange an. Ich dokterte zwar auch an der in diesem KONFLIKT angesiedelten Story „Bewusstwerdung“ etwas her­um, doch mehr nahm mich die Arbeit an der Abschrift und Kom­mentierung des KONFLIKTS 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ gefangen, wo ich ja jüngst Band 100 überschritten hat­te. Ebenfalls gingen die Digitalisierungsarbeiten an KONFLIKT 13 „Oki Stanwer Horror“ voran. Am Monatsende versuchte ich kurz, in den KONFLIKT 4 „Oki Stanwer – Der Insel-Regent“ einzutau­chen, aber effektlos.

Im Monat Februar, wo mich die Brotarbeit schon wieder vollkom­men vereinnahmt hatte, Hunderte von Mails auf mich einstürm­ten bzw. geschrieben werden wollten, schwand die Energie dann schon merklich. In absoluten Zahlen war das so nicht er­kennbar: Auch hier standen am Monatsende 28 beendete Wer­ke, doch änderte sich diesmal der Fokus merklich.

Neun Blogartikel wurden flankiert von 8 Episoden der Serie „Erotische Abenteuer“ (die ja nur jeweils 5 Seiten umfassen) sowie 8 der Serie „Horrorwelt“, die damit Band 150 der Serie überschritt. Auch bei EA stand ich gerade am Beginn des Bandes 25 der Serie.

Da bleibt dann nicht mehr viel übrig, meint ihr? Wahr gespro­chen. Zwar versuchte ich, ein wenig bei KONFLIKT 12 und 13 auf einen grünen Zweig zu kommen, ebenfalls flammte kurz ein En­gagement für den Erotic Empire-Roman „Die Kolonie Saigon II“ auf, aber damit hatte es sich dann leider auch schon.

Zufriedenstellend ist, finde ich, etwas anderes.

Auch der Monat März, mit dessen Betrachtung ich die heutigen Ausführungen schließen möchte, sah auf den ersten Blick äu­ßerst konstruktiv und kreativ aus: 32 beendete Werke, das ist doch beeindruckend … wie gesagt, auf den ersten Blick.

Auf den zweiten finden wir hier 5 Blogartikel, 5 EA-Episoden und 10 (!) Horrorwelt-Folgen, womit ich bis zur legendären „Feen­dämmerung“ kam (Band 160). Ergänzend las ich auch wieder mehr, und fünf Rezensionen füllten das Kreativitätsbudget die­ses Monats fast zur Gänze auf.

Ich versuchte, ein wenig mühsam im Archipel wieder Fuß zu fas­sen (in den Werken „Auf und nieder“, „Rhondas Aufstieg“, „Wendy und die Räuber“, „Die Rollenspielerin“ und „Freundschaftsbande“) sowie in Erotic Empire-Fragmenten („Schnelle Zähmung“ und „Unter falscher Flagge“). Aber das waren halbherzige Versuche, die nicht sehr weit führten.

Deutlich mehr als bisher wurde klar, dass meine Energie zwar für die kommentierten Abschriften mehrheitlich sehr kurzer Ge­schichten – zu denen auch noch ein paar in den angeführten Monaten kamen, die ich hier nicht erwähnte – reichte, aber ei­genständig vorhandene Geschichten weiterzudenken und abzu­schließen, dafür reichte die Kraft nicht.

Kurz und gut: Ende März war ich rechtschaffen urlaubsreif. Ein paar Tage Urlaub gegen Mitte März – also vor Semesterbeginn – erwiesen sich nicht als ausreichend. Es gab definitiv die Not­wendigkeit, bald mal etwas mehr und zusammenhängend zu re­laxen. Für den Moment mochte ich mir noch selbst ein wenig die Situation schönreden, aber mein Unterbewusstsein hatte schon die Vorwarnstufe signalisiert … mehr dazu dann im nächsten Teil dieser Artikelreihe.

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 352: Im Strom der Zeit (2/E)

Posted Mai 17th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

manchmal gibt es paradoxe Fortsetzungen von etwas, das ur­sprünglich gar nicht auf Fortsetzung angelegt war, ja das sogar seine eigenen Fortsetzungsgrundlagen absichtlich zerstörte, um für immer ein Unikat zu sein. So erging es dem Geschichtenver­lauf in Jack Finneys großartigem Roman „Von Zeit zu Zeit“ (bzw. in der alten und titelmäßig eigentlich schöneren Fassung „Das andere Ufer der Zeit“). Wer sich an die Inhaltsangabe im Rezensions-Blog 349 vor drei Wochen erinnert, wird, wenn er von diesem vorliegenden Werk nicht schon Kenntnis hatte, ähn­lich überrascht sein wie ich damals, als ich es vor rund 15 Jah­ren entdeckte und – notwendig – kaufen und umgehend ver­schlingen musste.

Wir hatten alle gedacht, Simon Morley hätte alle Brücken in die Zeit, aus der er kam, abgebrochen und sei im Ende des 19. Jahr­hunderts glücklich geworden. Und zugleich sicher, jedweder In­tervention durch das „Projekt Vergangenheit“ ausgeschaltet zu haben.

Doch die Zeit ist ein tückisches Gebilde, ein Strom, der sich ge­legentlich in Seitenäste verströmt, wenn der Hauptpfad jählings verschlossen ist (das dürfte den US-Amerikanern, die am Missis­sippi wohnen, sehr vertraut sein, der Strom hat seinen Verlauf in den letzten Jahrhunderten zahlreiche Male gründlich geän­dert, und gleich ihm ist der Zeitstrom, wie Finney ihn hier dar­stellt, ein ziemlich unberechenbares Biest).

Faktum des vorliegenden Romans ist so genanntes „temporales Treibgut“, man könnte auch von Strandgut aus Wahrscheinlich­keitswelten sprechen. Das erzeugt dann für den ahnungslosen Simon Morley ein Abenteuer, das ihn in die Lage versetzen könnte, ein zentrales Ereignis des 20. Jahrhunderts zu verän­dern – mit ungeheuerlichen Konsequenzen.

Aber schaut euch das besser mal selbst an:

Im Strom der Zeit

(OT: From Time To Time)

von Jack Finney

Bastei 14165, November 1998

360 Seiten, damals 12.90 DM

Die Zeit ist eine wunderliche Sache – substanzlos, doch für je­des Lebewesen unseres Planeten eine unabdingbare, unaus­weichliche Naturgesetzlichkeit. Dinge wachsen, Dinge altern, Dinge sterben. Nichts ist dagegen zu tun.

Was aber, wenn doch?

Einst gelang es den Verantwortlichen im „Projekt Vergangen­heit“, Dr. Danziger und dem Soldaten Rube Prien, den begab­ten Zeichner Simon Morley dazu zu bewegen, an dem Projekt teilzunehmen, dessen Ziel es sein sollte, eine These von Albert Einstein zu überprüfen. Einstein ging davon aus, dass die Zeit nicht ein für alle Mal vergangen sei, wenn das Blatt im Tageska­lender umgeblättert sei, sondern dass der vergangene Tag nur „hinter die Schleife des Flusses Zeit“ zurückgeblieben wäre. Wenn man Mittel und Wege fände, die Flusskehre zu überschrei­ten, würde man im Gestern landen und daran teilnehmen kön­nen.

Simon Morley war einer der wenigen Teilnehmer am Projekt, denen das gelang. Sein Besuch im New York der 1880er Jahre führte zum Aufschluss über ein Verbrechen der Vergangenheit … und dort lernte er die Frau kennen, die er lieb­te, seine Julia. Als er aufgefordert wurde, eine dezidiert politi­sche Veränderung der Vergangenheit vorzunehmen, kehrte er in die Vergangenheit zurück und vernichtete die Grundlagen des „Projekts Vergangenheit“, indem er Dr. Danzigers Geburt verhin­derte.

Damit endete der Roman „Von Zeit zu Zeit“.1

Nach 25 Jahren kehrt Jack Finney zu seinem „Helden“ Simon Morley zurück und schildert seine weiteren Abenteuer. Und der fassungslos schauende Leser stolpert über bekannte Namen: Rube Prien. Dr. Danziger.

Das ist doch unmöglich, denkt er. Das kann nicht sein. Und wird gruselnd eines Besseren belehrt:

Die Zeit ist ein unheimliches Gebilde, weitaus gespenstischer, als es sich Einstein vorstellen konnte. Sie produziert offensicht­lich so etwas wie temporales Treibgut, und die Entdecker die­ses Treibguts, diese Anomalien, sind durch diese Funde äußerst verstört: da gibt es Ausgaben von Zeitungen jenseits der Liqui­dation des Zeitungsverlages, weit jenseits davon. Da gibt es Wahlkampfbuttons von John F. Kennedys zweiter Amtszeit. Und ein alter Zeitzeuge erinnert sich äußerst lebhaft, wie er Zeuge vom Einlaufen der TITANIC im New Yorker Hafen war – auch wenn die Umwelt nichts davon weiß und das Gegenteil in den Geschichtsbüchern steht.

Und ein Soldat namens Rube Prien hat vage, wirre Träume von einem „Projekt“, erinnert sich an einen Mann, dessen Nachna­me mit D beginnt. Und schließlich findet Rube Prien das Back­steingebäude in New York, in dem das „Projekt“ beheimatet war, forscht unermüdlich nach weiteren Anomalien und findet schließlich einige weitere Mitarbeiter. Aber nicht Dr. Danziger. Er kennt zwar seinen Namen, aber er hat nie existiert.

Nicht in dieser Zeitlinie.

Doch als erst einmal Simon Morley als Verantwortlicher der Zeit­veränderung ausfindig gemacht worden ist, reist ein anderer, der durch diese Veränderung alles verloren hat, zurück – quasi in das Ende des vorigen Romans – und verhindert Simons Mani­pulation. Wer jetzt denkt, alles kehrte ins alte Gleis zurück, der hat keine Ahnung. Denn nun entwickeln sich die Dinge völlig un­erwartet.

Mit der Veränderung schwinden auch Erinnerungen dahin, und dennoch lebt Simon Morley unverdrossen im New York des Jah­res 1886 weiter, inzwischen mit Julia verheiratet und Vater des kleinen William Simon Morley. Als er dann schließlich einfach testhalber in die Gegenwart zurückkehrt, trifft er auf Dr. Danzi­ger und Rube Prien, die Erben eines ruinierten „Projekts“.

Aber die Anomalien sind noch immer da, rätselhafter denn je. Und wenngleich Simon nicht die geringste Neigung dazu ver­spürt, noch einmal für das geschasste „Projekt“ tätig zu werden, kann ihn doch Rube Prien überreden, ein einziges Mal noch tätig zu werden – indem er das New York des Jahres 1912 aufsucht und eine für die Zukunft der Welt wichtige Person identifiziert.

Der arglose Simon hat noch keine Ahnung, was für eine bösarti­ge Überraschung noch auf ihn warten wird, und erst recht hat er keine Ahnung davon, dass er verfolgt wird …

Mit dem zweiten und diesmal wohl abschließenden Roman um den Künstler Simon Morley, in dem man als Leser unschwer das alter Ego des Autors erkennt, der in das New York des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verliebt ist, kehrt Jack Finney in jene Gefilde zurück, die er einst mit seinem Erstling so genial und beeindruckend beschrieb. Wieder einmal wandert der Leser durch das New York der Vergangenheit, in dem Hochhäuser Ge­bäude meint, die allerhöchstens acht bis zehn Stockwerke ha­ben, in denen es noch von Kutschen wimmelt, von Cabarets und Varietés und in der Künstler sich auf manchmal erbärmlichste Weise den Lebensunterhalt verdienen.

Unbestreitbar ist das eine faszinierende, schillernde, von Leben nur so sprühende Welt. Aber man hat als Leser eben stets die gespenstischen Schatten der Anomalien im Hinterkopf, die das Dasein überschatten, man hat den PLAN im Kopf, den Rube Prien mit Simon Morley im Sinn hat – den Plan, den Ersten Welt­krieg ungeschehen zu machen, indem er im Jahre 1912 die Wei­chen anders stellt.

Leider muss gesagt werden, dass Finney in diesem Roman er­kennbar an den Fotografien und Bildern hängt, die er in das Buch integriert. Die Handlung ringsherum wirkt eher gezwun­gen, an manchen Stellen auch über Dutzende von Seiten so fern des Handlungs-Hauptstranges, dass das Gefühl aufkommt, er wolle um jeden Preis das Buch noch etwas strecken. Das tut der Atmosphäre und dem Buch selbst bedauernswert Gewalt an. Und der Schluss gerät dann hastig, brüsk und wirkt dadurch höchst unrealistisch.

Sagen wir es dem fiebernden Leser lieber zuvor: Simon Morley verhindert den Ersten Weltkrieg nicht, obwohl er sich einige Mühe gibt, es zu tun. Er hat ja auch einen guten Grund dafür … aber eben dieser Grund ist es am Ende, der die ganze Geschich­te und insbesondere den Schluss völlig unrealistisch ausklingen lässt. Es mag gemutmaßt werden, dass er ein wenig Angst vor der eigenen Courage bekam.

Warum?

Nun, wer die Größe der Veränderungen auch nur erahnen kann – und wer könnte das besser als ein Neuzeithistoriker wie ich? – , den schwindelt vor der Fremdartigkeit jener schemenhaft durch das Buch durchschimmernden Parallelwelt. Es geht nicht nur um eine im New Yorker Hafen einlaufende TITANIC, so schön der Gedanke auch wäre. Es geht um MILLIONEN junger Men­schen, die weitergelebt hätten; es geht um Staaten, die nicht in sich zusammengebrochen wären; es geht um Staaten, die gar nicht erst entstanden wären. Wir reden von Kolonien, von Kai­serreichen, von Republiken. Wir sprechen über Israel, die Türkei, den Libanon, über afrikanische Gebiete, über Grenzziehungen in Europa, Minderheitenkonflikte, den Versailler Vertrag und die Grundlagen des Zweiten Weltkriegs.

Wen da noch nicht schwindelt, der hat keinen historischen Sach­verstand.

Was wäre, wenn? Die geniale, den Puls beschleunigende kontra­faktische Frage schwingt in diesem ganzen Roman durch wie in einer genial komponierten Oper der Hauptton. Und am Ende be­gradigt Finney diese ganze Oper mit wenigen Sätzen, trägt sie zu Grabe. Und da soll der Leser nicht enttäuscht sein? Das kann man nicht ernstlich erwarten.

Was schließlich jene geheimnisvollen temporalen Anomalien an­geht … im Oki Stanwer Mythos (OSM) könnte ich sie mit Hil­fe des Modells der Matrixfehler recht gut erklären. So aber ist Finney eher ratlos, wie er ihnen Gerechtigkeit widerfahren las­sen könnte … und beschließt, sie am Schluss einfach zu ignorie­ren. Auch hieraus könnte man ganze Romane machen, ganze Serien gestalten. So viel Potenzial, einfach aus Angst um die entscheidende Handlung verschenkt, aus Zaghaftigkeit fortge­worfen.

Nein, Mr. Finney – „Von Zeit zu Zeit“ war ein großartiger Ro­man mit einer wunderbaren Stimmung und einer durchdachten, stimmigen Handlung. Dieser Nachfolger indes ist genau das, was viele Sequels in Film, Fernsehen und Buch immer gewesen sind: Ein müder Aufguss, der noch dazu nicht einmal sehr gut durchdacht worden ist. Es wäre schöner gewesen, Simon Morley da zu lassen, wo er war und ihn nicht zu exhumieren. Oder aber die Anfangsidee konsequent umzusetzen. Aber dazu waren Sie ja zu ängstlich …

© 2006 by Uwe Lammers

Ja, ich glaube, man merkt mir die Enttäuschung auch nach über 15 Jahren, die seit der Lektüre verstrichen sind, immer noch an. Ich liebe Kontrafaktik, aber diese Vollbremsung war doch sehr stimmungstötend, das kann ich nicht mehr anders nennen. Jen­seits eine gelungenen Manipulation hätte natürlich ein unkalku­lierbares Abenteuer begonnen, soviel steht fest. Aber ob wir dazu den Historiker Alexander Demandt konsultieren und sein intelligentes Buch „Ungeschehene Geschichte“ oder die neue Marvel-Animationsserie „What If…?“, der Reiz solcher Ge­schichten ist nach wie vor ungebrochen, und es gibt mutige Leute, die den Faden bereitwillig weiter spinnen als Mr. Finney.

Nun, das Buch ist geschrieben, der Autor hat seine Entschei­dung getroffen, und sie fiel nicht im Sinne der Geschichtsverän­derung aus – das muss man leider respektieren, auch wenn es nicht schmeckt.

Nächste Woche kommt wieder mal das Kontrastprogramm – ein politisches Buch, das auch schon vor geraumer Zeit erschien und dessen Verfasser inzwischen leider verstorben ist. Das The­ma des Buches ist leider nur noch zu aktuell, immer noch, auf beschämende Weise.

Details dazu? Nein, noch nicht jetzt. Aber wir reisen nach Kuba, soviel sei angedeutet. Mehr dann in der nächsten Woche.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Vgl. Rezension: Jack Finney „Von Zeit zu Zeit“ bzw. den Rezensions-Blog 349.

Blogartikel 458: Die Jinminqui-Katastrophe (Teil 2/E)

Posted Mai 14th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wer den Blogartikel der vergangenen Woche noch nicht konsul­tiert hat, sollte das besser mal zügig nachholen. Es gibt eine Menge zu erzählen heute, und ich steige gleich in medias res ein mit nur kurzer Einleitung.

Wir befinden uns in der INSEL, im Baumeister-Imperium des KONFLIKTS 4 des OSM, also in der Serie „Oki Stanwer – Der In­sel-Regent“ (IR), wo seit zweieinhalbtausend Jahren der Angriff der Macht TOTAM erwartet wird. Und als im Ghinsslay-Randsys­tem der INSEL ein offenkundiger Biowaffenangriff eine insektoi­de Kultur, die Jinminqui, auszurotten trachtet, sehen die Bau­meister den „Alarmfall TOTAM“ gekommen.

Sie irren sich – aber das macht die Lage nicht besser.

Auf dem Planeten Ghinsslay-II sind zugleich Mitglieder einer For­schungsgruppe der Technos unter Professor Dr. Jashquandaar isoliert. Das System ist durch mondgroße Kampfsterne der Bau­meister, so genannte ZYNEEGHARE, und Hunderte von roboti­schen Krisenreaktionskräften der INSEL abgeriegelt. Man sollte also annehmen, dass die Lage unter Kontrolle ist.

Ist sie nicht im Mindesten.

Denn die entsandten ZYNEEGHARE und Robotschiffe sind der Baumeister-Kontrolle entglitten und beginnen nun, statt zu iso­lieren oder den Jinminqui zu helfen, vielmehr damit, ein verbor­genes Baumeister-Portal auf dem Planeten freizulegen und dann enorme Mengen an Kriegsmaterial durchzuschleusen.

Die gestrandeten Forscher nehmen an, dieses Baumeister-Portal führe zu einer INSEL-Welt, da die dortigen Planeten durch analo­ge Portale miteinander verbunden sind, und sie flüchten eben­falls nach vorn … nur um am bizarren Ziel, einer unheimlichen düster erleuchteten Hohlwelt namens Uuridan, die definitiv NICHT in der INSEL liegt, paralysiert zu werden.

Auf Ghinsslay-II, wo zwischenzeitlich Zehntausende von Jinmin­qui an dem so genannten „Nivellierungsvirus“ gestorben sind, der in Uuridan entwickelt wurde (!), setzt derweil die „Metamor­phose Stufe Zwei“ ein.1

Vor sehr langer Zeit wirkte im EXIL Uuridan der Baumeister Asin, kristallisiert sich schließlich heraus. Und er war traumati­siert von den Ereignissen insbesondere in KONFLIKT 2, die ich in der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) thematisie­re. Seitdem versuchte er, eine ideale Schutzmaßnahme zu er­sinnen, um Völker vor TOTAMS vernichtendem Angriff vollstän­dig zu schützen. Grundsätzlich, da würde ihm jeder zustimmen, wäre das ein lobenswerter Plan. Er hat nur letzten Endes in der Ausführung ein paar katastrophale Denkfehler, und die Konse­quenz besteht in der Jinminqui-Katastrophe.

Während die Forscher im EXIL und die Verantwortlichen der IN­SEL noch ziemlich ratlos sind und zwischen Entsetzen und Ver­wirrung schwanken, werden bestimmte Details für den Leser der Episoden immer klarer.

Punkt 1: Der Baumeister Asin ist lange tot. Er hat, tief depressiv, vor langer Zeit Selbstmord begangen. Allerdings hat er für sein Dienervolk, die Huum, eine strikte Anweisung hinterlassen.

Punkt 2: Diese Anweisung betrifft etwas, das er „Projekt 700.000“ genannt hat und das den Huum, als sie die zeitgesi­cherten Dateien endlich öffnen können, einen neuen Lebenssinn gibt.2 Sie sollen nichts Geringeres als diesen gigantischen Schutzschild gegen TOTAM realisieren. Ganze Spezies gegen TOTAMS Angriffe immunisieren und so deren Leben retten.

Punkt 3: Da die Huum aber ein Volk von intelligenten Pilzen (!) sind, die grundsätzlich nicht akustisch kommunizieren, sondern über ihre Pilzhyphen, geht der Projektplan von einer völlig ver­kehrten Ansicht aus.

Und so kommt es, dass die Phase 1 des Rettungsprojekts, als die als Kometen getarnten Eisfähren mit dem Nivellierungsvirus auf Ghinsslay-II einschlagen, die betroffenen Jinminqui nicht ret­ten, sondern umbringen.

In der zweiten Phase werden dann, und so erklärt sich die monströse Beobachtung der „Zombiearmee“ aus der vergange­nen Woche, die die Forscher so traumatisierte, die Pilzhyphen in den toten Jinminqui aktiviert und gewissermaßen ferngesteuert.

Was ins Innere von Uuridan zurückkehrt, ist darum nicht eine le­bendige, „gerettete“ Planetenbevölkerung, sondern eine Lei­chenstreitmacht, die zudem ein hochtoxisches Virus verbreitet.

Das wirklich Bestürzende, was mir erst während des Schreibens der letzten aktuellen Bände im November 2021 aufging, ist dies: Wir haben es hier mit einer bizarren Form von tödlichem kulturellem Missverständnis zu tun.

Denn als die Monsterarmee in Uuridan ausgerüstet und bewaff­net wird, um von dort aus – so der Plan – weitere INSEL-Welten zu erreichen und so diese zu „retten“ (was in der Quintessenz Massenmord bedeutete!), erkennen die Huum, die ja als Pilzwe­sen weder optische noch akustische Sinne besitzen, die untote Armee nicht als grundlegend gescheitert, sondern sie halten al­les für vollendet gelungen.

Verrückt?

Nur von unserem Standpunkt aus, nicht von ihrem: Denn sie kommunizieren ja mit den Pilzhyphen in den toten Jinminqui. Und die Pilzhyphen sind lebendig, folgerichtig, so der gedankli­che Kurzschluss, müssen es die Geretteten auch sein. Das „Pro­jekt 700.000“ ist also ein voller Erfolg!

In Wahrheit ist dies das Tor zum vollendeten Genozid.

Zum Glück für die INSEL-Bevölkerung hat aber die Attacke der automatischen Routinen des Drift-EXILS Uuridan, das inzwi­schen den Randbereich des Ghinsslay-Systems erreicht hat, un­abhängig von der Katastrophe auf dem Jinminqui-Planeten noch etwas Fatales ausgelöst, das ich hier nur kurz anreißen möchte und das eigentlich einen eigenen Artikel verdient hätte, weil es im Detail so wahnsinnig wie komplex ist.

Wer verschiedene Geschichten aus dem Oki Stanwer Mythos schon gelesen hat, namentlich diejenigen, die in der INSEL spie­len oder in der Galaxis Twennar, also meine TI-E-Books, der hat vermutlich schon Bekanntschaft mit den SENSOREN der Bau­meister gemacht.

Das sind energetische, wurmartige Maschinen mit hoch stehen­der Eigenintelligenz, die aus Formenergie bestehen und als qua­si unzerstörbar gelten. Sie können sowohl unermüdliche akribi­sche Arbeiter sein wie auch gnadenlose Vernichtungsmaschi­nen. Üblicherweise werden sie von den ZYNEEGHAREN der Bau­meister designt, von den dortigen SENSORKERNEN in den Ein­satz geschickt und zu Arbeitskolonnen eingeteilt.

Als der ZYNEEGHAR 19.904 ins Ghinsslay-System abgeordnet wird, um hier die Blockade des Systems vorzunehmen, führt das EXIL Uuridan einen Datenangriff mit einem Subversionsvirus durch, der dazu führt, dass die ZYNEEGHARE und damit auch all ihre SENSOREN an Bord, dem Kommando der Zentralintelligenz von Uuridan unterstellt werden.

Tja … aber bei dem Prozess geht etwas grotesk schief. Und ein SENSOR, SENSOR 556, entwickelt ein neurotisches Eigenleben. Auf einmal sieht er die Welt vollständig anders als zuvor, näm­lich als Sklavenhalter-System, das sein „Volk“, die anderen SEN­SOREN, knechtet und unterdrückt … und so macht er sich dar­an, eine Revolution zu starten und die unterwanderten ZYNEEGHARE rigide zu sabotieren. Sein Ziel: Befreiung aller SENSOREN!

Dummerweise entdeckt er schließlich, während seine „Revoluti­onsgarden“ sich im System immer stärker ausbreiten, was dann zu einem regelrechten ZYNEEGHAR-Krieg führt3, dass das Ghinsslay-System nur ein ganz kleines Licht im Kosmos ist. Und dass es ein viel größeres Sklavenhaltersystem in der Galaxis Mysorstos gibt, das dringend der Befreiung bedarf: die INSEL Oki Stanwers und der Baumeister!

Notwendig muss das auch befreit werden, nicht wahr? Koste es, was es wolle!

Und damit wird das Ghinsslay-System dann zu einem dramati­schen Krisenherd der Galaxis, und es müssen nach allen Kräften BEIDE Bedrohungen hier isoliert werden, um nicht das Leben von Milliarden intelligenter Wesen zu gefährden.

Ein Job für den Co-Regenten der INSEL, Oki Stanwers ältesten Freund Klivies Kleines. Mit nur geringen Hintergrundkenntnissen steuert er seine Yacht TRASCOOR mitten ins Inferno …

Was das schlussendlich ergibt? Ah, das könnte ich natürlich jetzt verraten, zumal es schon in Umrissen skizziert (aber noch nicht geschrieben) ist. Aber das möchte ich aus zwei Gründen nicht tun – zum einen will ich es erst schreiben. Und zum zweiten – ihr wollt das doch schließlich auch noch irgendwann lesen, nicht wahr? Und dann soll ich jetzt schon so spoilern? Naa, das könnt ihr nicht wirklich erwarten, Freunde!

Es muss reichen, dass eine Entschärfung der Krise dann doch, so unmöglich die Aufgabe klingen mag, tatsächlich gelingt. Aber wie und was auf dem Weg dorthin alles noch geschieht, wer bedauerlicherweise auf der Strecke bleibt und wessen Hoffnun­gen zerstört werden … das sei hier noch nicht vorweg genom­men.

Soweit mein Ausflug in den KONFLIKT 4 für dieses Mal. In der kommenden Woche erreiche ich im Rahmen der Artikelreihe „Was ist eigentlich der OSM?“ den Frühling des Jahres 2021.

Bis dann also, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Vgl. dazu beizeiten IR-Bd. 16: „Metamorphose Stufe Zwei“, 2011.

2 Vgl. dazu beizeiten IR-Bd. 24: „Projekt 700.000“, 2014.

3 Vgl. dazu beizeiten IR-Bd. 25: „ZYNEEGHAR-Krieg“, 2020.

Rezensions-Blog 351: Entdecker der vergessenen Stadt

Posted Mai 10th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wie ich schon in der vergangenen Woche sagte, ist die Aufberei­tung historischer Stoffe für jugendliche Leser, zumal dann, wenn sie massiv visuell unterstützt werden soll, immer eine schwieri­ge Gratwanderung. Manches Mal ging das auch schon in Wer­ken, die ich las, gründlich daneben.

Diesmal war ich im Jahre 2011, als ich das heute vorzustellende Buch entdeckte (!) und geradewegs verschlang, äußerst positiv überrascht, wie ihr sehen werdet. Falls es dieses Buch also noch irgendwo antiquarisch gibt und ihr darauf neugierig geworden sein solltet, was ich sehr gut verstehen könnte, dann greift un­bedingt zu.

Ich weiß, manchmal ist es von ausgesprochenem Nachteil, wenn ich so alte Werke rezensiere, die dann möglicherweise kaum mehr greifbar sind … aber der unbestreitbare Vorteil einer gut sortierten eigenen Bibliothek besteht halt darin, auch auf solche Bücher zurückgreifen zu können. Und bei meinem Rezen­sionsfundus verhält es sich natürlich sehr ähnlich. Die Aberhun­derte von Rezensionen, die ich in den zurückliegenden gut 30 realen Schreibjahren verfasst habe, sind erst zu einem kleinen Teil in den Rezensions-Blog eingeflossen. Und es entstehen ja ständig weitere, wenn ich auf interessante Lektüre stoße und sie lesend vereinnahme.

Nach dieser kurzen Vorrede möchte ich euch aber nicht länger von dem Abenteuer abhalten, das mich damals in das Reich der alten Maya auf höchst farbenprächtige und unterhaltsame Wei­se führte.

Vorhang auf für:

Entdecker der vergessenen Stadt

(OT: Fast Forward – Lost Cities)

von Nicholas Harris (Text)

& Peter Dennis (Illustrationen)

Aus dem Englischen von Salah Naoura

Meyers Lexikonverlag

Mannheim 2003

28 Seiten

ISBN 3-411-07232-6

Ich denke, wenn man Kinder für die menschliche Geschichte be­geistern möchte, geht wirklich nichts über eine zünftige, faszi­nierende Zeitreise mit zahlreichen Überraschungen. Sie muss in eine Zeit und Weltgegend gehen, die nicht unbedingt alltäglich ist und um die Ecke liegt, das ist wohl die erste Voraussetzung, die Texte in einem solchen Buch müssen zudem leicht verständ­lich sein und die Illustrationen am besten auch noch gespickt mit Details, die die Neugierde der Kinder aufs Entdecken gene­rell anstacheln und sie länger auf den Seiten verharren lassen.

Ein solches Buch, das ich als Kind gern gelesen hätte – damals gab es so was aber offenkundig noch nicht, schon gar nicht so neckisch didaktisch aufbereitet und kostengünstig erhältlich – , das liegt hier vor, und es liest sich wirklich äußerst zügig. Mein Vergnügen dauerte höchstens eine Stunde … aber natürlich, ich bin ja auch ein gestandener Leser im mittleren Alter. Kinder in der Altersstufe von 9-12, für die das Werk vermutlich geschaf­fen wurde, haben bekanntlich ein ganz anderes Lesetempo und setzen andere Prioritäten, lassen sich leichter ablenken und so weiter. Sie werden darum entsprechend mehr von dem Buch haben.

Diesmal unternehmen wir, wenn wir das vorliegende Werk auf­schlagen, eine sehr kurzweilige Zeitreise in das Reich der alten Maya und verfolgen auf den 28 Seiten, die zudem ein kurzes Begriffsglossar und ein Stichwortregister beinhalten, in 12 Etap­pen den Aufstieg, Untergang und die Wiederentdeckung einer „vergessenen Stadt“. Im Grunde genommen bezieht sich der englische wie der deutsche Titel darum also nur auf die letzten vier Kapitel, was aber nicht bedeutet, dass der Anfang uninter­essant wäre, ganz im Gegenteil.

Auf farbenprächtigen Doppelseiten sieht man, von einer Blende abgesehen, aus der Vogelperspektive breite Panoramen vor sei­nen Augen ausgebreitet. Beginnend im Jahre 1000 vor Christus – hier noch als Dorf bestehend – entwickelt sich die namenlose Metropole der Maya zu einer großen Stadt mit hohen Tempelpy­ramiden, vor denen und auf denen sich das Alltagsleben aus­breitet. Wir sehen Bauarbeiter, Steinmetze und Maler bei der Ar­beit (plus zahlreiche Arbeitsunfälle und häusliche Katastrophen, die wirklich für diverses Gekicher sorgen), es wird gekocht, ge­webt, Körbe geflochten, Markt gehalten, Tiere eingefangen und vieles mehr. Auf den Bildern, die bisweilen fünfzig oder noch mehr akkurat gezeichnete Personen darbieten, gibt es wirklich eine Menge zu entdecken.

Die Blende des Jahres 910 nach Christus, die in die Nieder­gangszeit der Maya-Kultur fällt, erinnerte mich beunruhigend an die Forschungen der Archäologen in der Maya-Stadt Aguateca, die zur Zeit ihrer Besiedelung in der Spätphase sehr ähnlich ausgesehen haben muss.1 Die Zeichnungen sind insgesamt ex­zellent ausgeführt, und auf der Rückseite der Daumenleiste, wo die Jahreszahlen aufgetragen sind, finden wir weitere Informationen zur Kultur der Maya, die man beim ersten Mal fast über-sieht. Genaues Hinsehen lohnt sich als in jedem Falle.

Gewiss, mit manchen Argumentationen bin ich nicht recht ein­verstanden, beispielsweise mit der Behauptung, niemand wisse genau, warum die Mayakultur zugrunde ging (S. 21). Es gibt heutzutage ein paar sehr plausible Modelle, die gut erklären können, warum die Mayazivilisation in Etappen unterging. Krieg ist zweifellos ein wesentlicher Faktor, aber den größeren Anteil hatten Naturkatastrophen einer völlig ausgepowerten Natur, in der die Bewohner der Region unpassende Hanglagen besiedel­ten und zu viel Waldland zerstörten, was das Mikroklima der Re­gion dramatisch verschlechterte, Erosion, Missernten, Hungers­nöte und Seuchen auslöste. Das ist inzwischen recht gut er­forscht.2

Gleichermaßen ist die Aussage wohl überholt, dass bis heute nur ein Teil der Schriftzeichen der Maya entziffert werden konn­te (S. 20). Hier sollte auf die Forschungsresultate des Wissen­schaftlers Michael D. Coe verwiesen werden.3

Sonst hingegen habe ich gegen das vorliegende Werk keine signifikanten Einwände. Mit Dr. Elizabeth Graham vom Archäolo­gischen Institut des University College in London stand unüber­sehbar fachlicher Rat den Arbeiten am Buch zur Seite, und das merkt man dem Text und den Illustrationen auch an – von den obigen Einwänden mal abgesehen.

Gleichfalls ist für die Kompletterstellung des Buches in Singapur und Malaysia zu konstatieren, dass man keine offensichtlichen Schreibfehler entdecken kann, wie es früher bei „ausgelager­ten“ Produktionen häufig vorkam. Möglicherweise wurden Texte und Bilder als Datei nach Fernost transferiert und dann wirklich nur noch gedruckt. In jedem Fall ist so ein sehr ansehnliches Buch entstanden, das als Einstieg in die Geschichte der Maya­kultur für Kinder des genannten Alters uneingeschränkt empfoh­len werden kann.

© 2011 by Uwe Lammers

Ja, das ist doch mal ein deutlicher Unterschied in der Bewertung eines Rezensionsbuches, wenn man es an der Vorstellung der letzten Woche misst. Und man sollte dabei ausdrücklich berück­sichtigen, dass ich vor gut 10 Jahren ja noch näher an meinem historischen Studium war, zahlreiche historisch-biografiege­schichtliche Artikel verfasst und veröffentlicht hatte und gene­rell mehr im historischen Forschungsfeld verankert war, als das aktuell der Fall ist.

Auch im Roman der kommenden Woche – das ist dann die Fort­setzung von Rezensions-Blog 349 – bleiben wir im Feld der zeit­historischen Forschung, diesmal aber im Rahmen einer Zeitrei­se, die ich extrem spannend fand. Am Schluss gibt es einen her­ben Wermutstropfen, aber dazu sage ich dann nächste Woche Genaueres.

Für den Moment freut euch einfach auf die nächste Buchvorstel­lung.

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Vgl. dazu den Artikel zur Maya-Stadt Aguateca im NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCH­LAND 5/2003.

2 Vgl. dazu Jared Diamond: „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder unterge­hen“, Frankfurt am Main 2005.

3 Vgl. Michael D. Coe: „Das Geheimnis der Maya-Schrift. Ein Code wird entschlüsselt“, Reinbek bei Hamburg 1995.

Blogartikel 457: Die Jinminqui-Katastrophe (Teil 1)

Posted Mai 7th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute nehme ich euch mal mit auf eine Abenteuerreise in den KONFLIKT 4 des OSM, also die Serie „Oki Stanwer – Der Insel-Re­gent“ (IR), an der ich zurzeit besonders intensiv arbeite. Wir schreiben zum gegenwärtigen Zeitpunkt den November 2021, bis diese Zeilen also erscheinen, mögt ihr sagen, ist das alles Schnee von vorgestern … das ist nicht völlig präzise.

Warum nicht? Weil die Texte, die ich im OSM schreibe, ja nicht wirklich 1:1 gleich veröffentlicht werden. Die Publikation des KONFLIKTS 4 wird darum bis zum Veröffentlichungszeitpunkt des Blogartikels 457 noch nicht gekommen sein, mithin ist alles Fol­gende für euch Neuland.

Ich muss diese Reise auf zwei Blogartikel verteilen, da sie doch etwas umfangreicher ist. Im Teil 1 geht es um die Ausgangslage und die Darstellung der Katastrophe selbst, im kommenden, der in der nächsten Woche folgen wird, kümmere ich mich dann um ein paar der Implikationen und die Lösung des Problems, soweit man das so nennen kann … und nein, ich habe letzteres noch nicht niedergeschrieben, aber in Umrissen schon gesehen. Und ja, „Katastrophe“ beschreibt es sehr gut.

Fangen wir mit den Basics an:

Die INSEL ist, soweit dürfte euch aus bisher veröffentlichten Ge­schichten aus KONFLIKT 4 vertraut oder leicht aufzuholen sein1, nicht ein tropisches Eiland, sondern ein galaktisches Vielvölker-Imperium in der Galaxis Mysorstos. Zum Zeitpunkt, da ich in die Serienhandlung einsteige, besteht dieses von den Baumeistern geschaffene Reich schon seit gut 2500 Jahren und dehnt sich auf Tausende von Welten aus. Der unsterbliche Regent ist Oki Stanwer, und unter der Tünche der zivilisatorischen Oberfläche dieses Friedensreiches, das in beispiellosem Wohlstand lebt, fürchten die Lenker der INSEL, dass die Macht TOTAM irgendwo im Kosmos darauf lauert, die INSEL anzugreifen und zu zerstö­ren.

Sie warten auf den „Alarmfall TOTAM“ und haben dafür massive Abwehrkräfte zusammengezogen: mondgroße künstliche Ster­ne, mobil und im Kern Kampfsterne von unvergleichlicher Stär­ke, die ZYNEEGHARE. Außerdem gibt es noch die Krisenreakti­onsstreitkräfte, Hunderttausende von hochgerüsteten Robot­kampfschiffen, die in dimensional verfalteten Depots auf ihren Einsatzbefehl warten.

Die INSEL ist, so sehen das Oki Stanwer und die Baumeister, sehr gut auf TOTAMS möglichen Angriff vorbereitet. So sieht das jedenfalls aus.

Und dann kommt es zum Ghinsslay-Zwischenfall, und alle Ge­wissheiten hören von heute auf morgen auf zu bestehen.

Das Ghinsslay-System gehört nicht zur INSEL. Es handelt sich um eines von zahllosen Randsystemen des imperialen Raumes, das wegen dort lebender systemischer Völker von Beobachtern und Wissenschaftlern observiert wird. In diesem Fall handelt es sich um ein in sieben Clanstaaten zergliedertes Insektoiden­reich, das auf einer feudalen Entwicklungsstufe steht. Die Jin­minqui, so ihr Artname, sind noch sehr weit etwa vom Dampf­maschinenzeitalter entfernt, infolgedessen verbieten sich direk­te Kontakte.

Es gibt allerdings einen Jinminqui-Stamm, der seiner Zeit etwas voraus ist – das ist der Stamm der Ilquiin, der in einer entlege­nen Gebirgsregion lebt. Hier haben die Baumeister tatsächlich eine Kontaktstelle eingerichtet, über die die Ilquiin Kontakt zu den Sternen haben.

Eine Wissenschaftlermission unter Professor Dr. Jashquandaar, einem Techno von der Welt Sintaujan, ist nun unterwegs, um ei­nen ersten Direktkontakt mit den Ilquiin herzustellen und sozio­logische Studien durchzuführen. Soweit ist alles normal und un­problematisch. Ein Biologe, ein Exosoziologe und eine Linguistin sowie ein Ex-Soldat begleiten diese Mission, die von dem freien Raumfahrtunternehmer Alfassi Cenndor und seiner gemischt­rassigen Crew nach Ghinsslay-II gebracht werden soll. Da gibt es schon gewisse Reibungen, aber nichts, womit sich nicht um­gehen ließe.

Das ändert sich dramatisch, als sie die steppen- und wüstenhaf­te Welt erreichen. Denn die Ilquiin reagieren nicht auf die Kon­taktanrufe. Obwohl die Forscher sich unbehaglich fühlen, landen sie dennoch nahe der Gebirgssiedlung und machen sich auf den Weg dorthin.

Womit sie konfrontiert werden, ist beim besten Willen nicht zu erwarten: Die Siedlung ist offenbar fluchtartig verlassen worden … aber in der Baumeister-Station finden die bestürzten Forscher eine Gruppe toter Jinminqui-Priester: sie scheinen, ihren zer­borstenen Gelenken zufolge, offenbar an einer Art Pilzinfektion gestorben zu sein. Allesamt.

Professor Jashquandaar ist untröstlich und am Boden zerstört – all die jahrelange Vorarbeit der Baumeister ist schlagartig zu­nichte gemacht worden. Denn die anderen Jinminqui-Stämme haben keinerlei Ahnung, dass es jenseits ihrer Welt noch andere Lebensformen gibt. Der Professor fürchtet zu Recht, dass sie jetzt wieder bei Null anfangen müssen, und das wird Jahrzehnte der Vorbereitungsarbeit kosten.

Nun, es sei denn, es haben noch Ilquiin, die geflüchtet waren, ir­gendwo anders überlebt, etwa in der nächsten Stadtansiedlung namens Shyliit-Ci.

Er sieht nicht einmal das wirkliche Problem.

Das ist dann einer seiner Gefährten. Und der Biologe, Dr. Vas­laygon, formuliert es äußerst drastisch so:

„Schauen Sie: hier links sehen Sie die DNS eines erwachsenen Jinminqui. Cha­rakteristisch für die besonderen DNS-Verhältnisse auf dieser Welt sind die ge­spleißten Enden der Stränge. Hier ist das sehr deutlich zu sehen …“ Er erzählte noch eine Menge mehr von Basensequenzen, Abfolge und Länge von Strängen, dem sie nicht folgen konnte, aber er kam rasch wieder zurück zum eigentlichen Problem.

„Und das hier … das ist die Pilz-DNS. Schauen Sie sich das mal an!“

Silvanis Augen wurden groß vor Verblüffung, als sie die Jinminqui-DNS und die Pilz-DNS so nebeneinandergestellt sah. Zwar war letztere eine typische Doppel­helixstruktur, wie die DNS sie nun einmal einnahm, aber sie wies seltsame graue Winkelstücke auf, als ob sie … nun … mit einem Stück Draht gekreuzt worden wäre. Was natürlich unmöglich war.

„Was ist das?“

„Gute Frage“, nickte Dr. Vaslaygon. „Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die grauen Enden sind nach Angabe der Roboter Metallverbindungen, die fest mit der DNS fusioniert sind. Vorrangig Nickel und Quecksilberverbindungen, eigentlich absolut schädigend für die genetische Information. Hier jedoch nicht … ich kann mir nicht mal im Traum vorstellen, wie so etwas zustande kommt … es ist eine Sensation …“

„Und so sind also die Jinminqui gestorben …“

„Ach, das ist doch alles gar nicht wichtig! Sehen Sie denn die wirkliche Schwie­rigkeit nicht, Silvani?“ Er wirkte jetzt ernsthaft ungehalten.

Sie blinzelte ihn verdutzt an. Hatte sie wichtige Dinge überhört? „Na ja … ich meine … sie sind doch offensichtlich durch diese Schwermetallverbindungen ver­giftet …“

„Ja, das hat sie vermutlich umgebracht, zusammen mit dem explosiven Wachs­tum der Pilzkeime … aber das ist doch ganz egal. Es GIBT solche genetischen Kombinationen auf Ghinsslay-II nicht.“

Die Linguistin zwinkerte und starrte die seltsamen genetischen Paare an, die sich gegenüberstanden. Die Gene der gestorbenen Jinminqui und die der bizarren Pilze. Das war einwandfrei eine furchtbare Art und Weise, zu sterben.

„Sind sie gleich gestorben … oder hat es noch eine Weile gedauert?“

„Verdammt, Silvani! Das ist doch völlig egal!“, knurrte der Biologe. „Frauen! Se­hen nicht das Wesentliche …!“

Die Linguistin merkte, wie ihr Gesicht zornig anlief. Sie war eine geduldige Wis­senschaftlerin, aber wenn sie auf diese Weise chauvinistisch beschimpft wurde …

Ihre Wut verrauchte jäh und machte ungläubigem Grauen Platz, als Vaslaygon seine Bemerkung wiederholte und sie dabei fast flehend anschaute: „Bitte, be­greifen Sie doch, Silvani! Wir befinden uns hier in großer Gefahr! Die genetische Konfiguration der Pilze … es GIBT sie auf Ghinsslay-II einfach nicht! Was auch im­mer die Jinminqui umgebracht hat – ja, ja, die Pilze, ich weiß – es kommt nicht von diesem Planeten! Das war keine Infektion. Es war ein Biowaffenangriff!“2

Und damit sind sie mitten in der Katastrophe. Denn auf einmal müssen die Forscher realisieren, dass nicht nur die Ilquiin ge­fährdet sind, sondern mehr oder minder ALLE Millionen Jinmin­qui auf Ghinsslay-II. Eine Stippvisite in der nächsten Stadt der Insektoiden bestätigt ihre schlimmsten Ahnungen. Auch dort hat sich die Epidemie dramatisch ausgebreitet und alle Bewoh­ner getötet.

Die animistischen Jinminqui haben dies alles, wie ihre Aufzeich­nungen verraten, für das Wirken „tödlicher Geister“ gehalten und in ihrer verengten Weltsicht alles nur noch verschlimmert.

Um die Katastrophe noch mehr zu verschärfen, stellen die For­scher fest, dass die insektoiden Teilnehmer ihrer Expedition ebenfalls schon infiziert sind. Die beiden Xhilaari sterben kurz darauf, und Dr. Vaslaygon geht davon aus, dass sie alle von dem Erreger längst befallen sind, der sich offenbar über die Luft weiter verbreitet.

Eine Flucht vom Planeten erweist sich allerdings als unmöglich – längst haben die Baumeister den Planeten unter Quarantäne gestellt und drohen damit, jedes startende Schiff abzuschießen.

Es scheint nur eine einzige Möglichkeit zu geben, vom Planeten zu entkommen: In einem Felsmassiv hinter einer alten Jinmin­qui-Metropole befindet sich ein Baumeister-Transmitterportal, durch das man höchstwahrscheinlich eine INSEL-Welt erreichen kann.

Um die Handlung, die noch etwas verschlungener ist, abzukür­zen: Die Gestrandeten von Ghinsslay-II können tatsächlich die alte Metropole erreichen – ebenfalls inzwischen eine von Lei­chen erfüllte Geisterstadt … und hier landen zurzeit robotische Pioniermaschinen der Baumeister, die einen Tunnel ins Felsmas­siv fräsen, um den Zugang zum Transmitter freizulegen.

Grundsätzlich gut?

Jein.

Denn dummerweise steuern nicht mehr die Baumeister die Ma­schinen. Und auch die Krisenreaktionsschiffe und fünf ZYNEEGHARE, die ins Ghinsslay-System entsandt worden sind, stehen inzwischen unter einer rätselhaften Fremdkontrolle.

Der richtige Alptraum beginnt allerdings, als die gestrandeten Forscher ungläubig erleben müssen, wie die toten (!) Jinminqui auf einmal zombiegleich zu neuem, unnatürlichem Dasein erwa­chen und beginnen, den Transmitter zu durchqueren. Eine in die Millionen gehende Monsterarmee ist entstanden, und der voran­gehende Tod ihrer Mitglieder stellte offenbar erst den Teil 1 ei­nes schrecklichen Plans dar, der gut und gerne den Untergang der INSEL zur Folge haben kann.

Professor Jashquandaar, Alfassi Cenndor und ihre überlebenden Gefährten entschließen sich mangels einer Alternative zur Flucht nach vorn und durchqueren den Transmitter ebenfalls.

Leider landen sie zwar in einer von einem Baumeister gestalte­ten Hohlwelt namens Uuridan – aber sie ist nicht Teil der INSEL. Stattdessen werden sie auf einmal paralysiert und begreifen gar nicht, wie ihnen geschieht. Und sie haben keine Vorstellung davon, in was sie da hineingeraten sind … es ist ein schwacher Trost, dass die Verantwortlichen der INSEL um Oki Stanwer ebenso ahnungslos sind.

Sie fürchten noch, TOTAM könne mit dem Drama im Ghinsslay-System zu tun haben und irren sich vollständig. Die Dinge sind noch sehr viel schlimmer.

Inwiefern? Das erkläre ich euch in der nächsten Woche an die­ser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. dazu etwa die beiden E-Books „In der Hölle“ , 2013, und „Jaleenas zweites Leben“, 2016 (2 Teile).

2 Vgl. dazu beizeiten die Originalepisode, IR 5: „Tödliche Geister“, 2005.

Liebe Freunde des OSM,

erotische Literatur ist eine Form von Minenfeld, wer sich daran mal versucht hat, weiß das wohl bestens. Gar zu leicht kann man hier in schematische Fallen tappen, unangemessene Tun­nelblickperspektiven einnehmen, sich von den Sexszenen mit­reißen lassen und darüber die Charakterisierung und die Reali­tätsnähe der Personen vernachlässigen. Mitunter ist auch ein rosaroter Filter im Spiel, der die Realität so weichzeichnet, dass man als kritischer Leser manchmal tief Luft holen muss, um weiterlesen zu wollen.

Geschickte Autorinnen – zumeist sind es Autorinnen oder we­nigstens wird unter weiblichem Pseudonym geschrieben – ver­suchen derlei Probleme durch Humor zu kompensieren, was die Geschichten dann in Richtung von Komödien verschiebt … auch das eine nicht unproblematische Strategie, die gar zu leicht die Grenze zur Satire tangiert, was zweifelsohne meist nicht inten­diert ist.

In den vergangenen Jahren habe ich, wie ihr aus den vergange­nen Artikeln des Rezensions-Blogs wisst, eine Vielzahl erotischer Romane und Romanzyklen gelesen und bisweilen sehr differen­ziert beurteilt. Da gab es auch sehr schwache Geschichten, Sei­te an Seite mit beeindruckenden, die durch psychologische Tie­fe und schöne Charakterzeichnung auffielen.

Bei dem vorliegenden Romanzweiteiler, den ich 2019 las und in einer Sammelrezension besprach, halten sich die beiden Pole ein wenig die Waage. Charakterliche Tiefe jenseits des Schema­tismus sucht man eher vergebens, auch ist der rosarote Weich­zeichner massiv in Aktion, wie man schnell sehen kann. Das spricht tendenziell gegen diese Bücher.

Für sie ist allerdings der phantasievolle Einfallsreichtum auf der Haben-Seite des Romans zu verbuchen, ebenfalls der Humor, der hier nicht zu kurz kommt. Wer also erotische Romane mit komödienhaften Elementen und einem Happy End zu schätzen weiß und seine Anfangserwartungen auf ein realistisches Maß zurückfährt, dürfte diese Romane durchaus als angenehme Ur­laubslektüre wahrnehmen.

Wovon genau spreche ich? Von diesen Werken hier:

Der Club der verborgenen Wünsche

(kein OT im Impressum!)

Von Joan Elizabeth Lloyd

Heyne 54517 (07/2007)

368 Seiten, TB (kein OT-Datum im Impressum!)

Aus dem Amerikanischen von Eva Malsch

ISBN 978-3-453-54517-5

und

Club der Sünde

(OT: Night After Night)

Von Joan Elizabeth Lloyd

Heyne 54519 (01/2008)

368 Seiten, TB (2005)

Aus dem Amerikanischen von Eva Malsch

ISBN 978-3-453-54519-9

Es ist manchmal schon kurios, wie das Schicksal so spielt und wie es sich dann in meinen Bücherregalen widerspiegelt … es ist, denke ich, allgemein bekannt, dass sich in meiner eigenen kleinen Bibliothek unzählige noch ungelesene Werke aufhalten. Und dann und wann gehe ich an den Regalen entlang, wenn ich auf der Suche nach Lesestoff bin und ziehe mir mal diesen, mal jenen Band heraus und fange ihn zu lesen an.

Bei dem Buch „Club der Sünde“ hätte ich allerdings nur Bahnhof verstanden, es war also gut, dass ich ihn seit meinem Kauf im Februar 2008 im Regal verweilen ließ … bis ich im September 2018 den ersten Teil dieses Romanzweiteilers entdeckte und im Frühjahr 2019 entschied, es sei jetzt Zeit, beide Bände zu lesen. Eine gute Entscheidung, und ich wurde äußerst zielstrebig von allen anderen Problemen und Taten ringsum gründlich abge­lenkt, weil ich mich auf dieses Leseabenteuer einließ.

Worum geht es?

Die Zwillingsschwestern Jenna und Marcy Bryant leben in der Kleinstadt Seneca Falls im Staate New York und arbeiten beide für eine dort ansässige Übersetzungsagentur. Sie wohnen zu­sammen im Haus ihrer verstorbenen Eltern und kommen bes­tens miteinander aus. Und das, obwohl sie im Grunde genom­men vollkommen unterschiedlich sind. Wo Jenna rank und schlank und attraktiv ist, ist Marcy mit mehr als fünfzig Pfund Übergewicht drall und kommt sich stets dicklich und unattraktiv vor. Ihr Lieblingshobby besteht darin, Süßigkeiten zu vertilgen, Popcorn zu naschen und die echte, originäre Couch Potato zu sein, wie sie im Buche steht. Gleichzeitig ist Jenna die Impulsi­ve, die leicht chaotisch zu sein pflegt, und Marcy räumt ihr ge­duldig hinterher, macht akkurate Pläne und hat auch sonst or­ganisatorisch alles im Griff.

So kann es bleiben, findet zumindest die sehr standorttreue Marcy. Eigentlich denkt Jenna das auch … bis zu dem Abend, an dem ihr langjähriger Freund Glen sie zu einem eleganten Dinner einlädt und ihr dann zu ihrer Fassungslosigkeit einen Heiratsan­trag macht.

Den sie in Panik ablehnt!

Muss man das verstehen? Nein, nicht wirklich … also, nur, wenn man genauer drüber nachdenkt. Natürlich liebt Jenna Glen, ja. Aber sie denkt voraus und sieht sich in zehn, zwanzig Jahren im­mer noch im biederen, beschaulichen Seneca Falls, immer noch im gleichen Beruf, verheiratet mit dem lieben Glen, vielleicht mit Kindern, und in einem Leben eingesperrt, das an Monotonie kaum zu überbieten ist. Ist das wirklich alles, was sie sich vom Leben erhofft? Gibt es da nicht irgendwie … na ja, sie kann es auch nicht genau sagen, aber … nun ja, mehr?

Sie zieht also die Notbremse, wenn auch reuevoll. Glen ist na­türlich zutiefst verletzt, und sie kann ihm ihre Reaktion nicht wirklich recht erklären.

Da kommt ihr der Anruf ihrer alten Collegefreundin Chloe ganz recht, die sie nach Beichten ihres Problems kurzerhand zu sich nach New York einlädt, um ein wenig Abstand zu bekommen. Chloe hat von ihrer verstorbenen Tante ein mehrstöckiges Sand­steinhaus mitten in Manhattan geerbt, in dem sie nun völlig al­lein lebt.

Marcy empfindet heftigen Trennungsschmerz, als sich Jenna für die Auszeit entscheidet – sie sind noch nie in ihrem nunmehr 30 Jahre währenden Leben länger als ein paar Tage voneinander getrennt gewesen, und das ist schon eine heftige Umstellung. Sie hat allerdings keine Ahnung, wie sehr sich ihrer beider Le­ben alsbald verändern soll. Marcy ist fest überzeugt davon, dass Jenna, die ja sicherlich ganz genauso wie sie empfindet, in weni­gen Wochen tränenüberströmt heimkehren und dann bestimmt „ihren“ Glen heiraten und glücklich werden wird.

Das geht doch gar nicht anders, oder? Sie kennt doch schließ­lich ihre Schwester!

Jenna hält also Glen auf Abstand, „erst mal für ein halbes Jahr“, möchte sich aber doch lieber ganz von ihm trennen und hofft darauf, dass er sie vergisst und jemanden findet, der besser zu ihm passt. Und liebt ihn gleichzeitig doch irgendwo immer noch … Liebe kann komisch sein.

In New York angekommen verliebt sich Jenna fast vom Fleck weg in das schöne Villengebäude, das allerdings unglaublich leergeräumt ist. Nur wenige Zimmer sind noch möbliert – Chloe leidet unter notorischem Geldmangel, und es ist absehbar, dass sie bald wohl das Haus verkaufen muss. Es sei denn, sie finden eine Finanzierungsmöglichkeit. Und die gibt es tatsächlich, auch wenn sie sich eher zufällig ergibt.

Chloe, lebenslustig und sexuell experimentierfreudig, findet schnell heraus, dass Jennas Probleme mit Glen wesentlich mit seiner geringen erotischen Variationsbreite zu tun hatten und damit, dass Jenna als „Mädchen vom Lande“ wirklich von der Vielfalt des Sex kaum Ahnung hat. Sie kennt jede Menge Leute, die das zu ändern imstande sind … und schnell entdeckt Jenna, dass Chloe auch kein Problem damit hat, Leute aufzureißen und für Sex Geld zu verlangen.

Also ist sie einfach eine Prostituierte? Und sie will Jenna dazu animieren, dasselbe zu tun? Was Jenna natürlich total scho­ckiert.

Nun, ganz so einfach ist das nicht.

Was mit Jennas Assistenz beim Filmen von Liebesszenen an­fängt, verselbständigt sich sehr rasch und wird zu etwas, was ihnen über den Kopf wächst. Aber wahnsinnig Vergnügen berei­tet. Die beiden Freundinnen entschließen sich alsbald dann dazu, etwas anderes zu machen als üblich: sie gründen den „Club Fantasy“ und beginnen damit, erotische Szenarien zu ent­wickeln und so finanziell potenten Männern ordentlich Geld aus der Tasche zu ziehen. Das spricht sich schnell herum, und auf einmal ist da die charismatische Unternehmerin Erica von Cour­tesans, Inc., die Interesse daran bekundet, mit den beiden Ero­tik-Jungunternehmerinnen ins Geschäft zu kommen.

Aber da sind natürlich auch immer noch Marcy und Glen, die von Jenna über Monate nach Strich und Faden belogen werden, weil Jenna es einfach nicht übers Herz bringt, ihren beiden liebs­ten Menschen zu erklären, was sie tatsächlich in Manhattan tut.

Das geht nicht lange gut …

Im zweiten Roman „Club der Sünde“ wechselt der personale Fo­kus. Es sind ein paar Monate seit dem ersten Band vergangen, und inzwischen ist Marcy Bryant in Seneca Falls genau im Bilde darüber, was ihre Schwester in Manhattan tut – und sie ist im­mer noch völlig schockiert.

Jenna Bryant, ihre Schwester – eine Prostituierte! Sie ist völlig am Boden zerstört! Nie hätte sie das für möglich gehalten! Wie konnte ihre Schwester nur dermaßen auf Abwege geraten?

Sicher, so redet sie sich ein, ist das nur der schlechte Einfluss ihrer liederlichen Freundin Chloe und dieser geheimnisvollen Eri­ca, von der sie gelegentlich gehört hat. Irgendwie muss sie also versuchen, Jenna aus diesem Sündensumpf zu holen und zurück in den sicheren Hafen von Seneca Falls. Immerhin ist da doch Glen, der Jenna immer noch liebt … scheinbar haben sie sich versöhnt, aber wie soll das wohl funktionieren, wenn Jenna stän­dig mit fremden Männern schläft?

Marcy, ganz die planerische von den beiden Schwestern, entwi­ckelt einen Plan, den sie für raffiniert und genial hält. Als ihre Schwester eines Tages auf Kurzurlaub wieder in der Heimat weilt, enthüllt sie ihn, wenigstens vordergründig: Sie werde ei­nen Roman schreiben. Einen erotischen Roman, und zwar über den „Club Fantasy“!

Jenna ist völlig entsetzt und reagiert erst einmal komplett ab­wehrend.

Aber was sich Marcy in den Kopf gesetzt hat, das boxt sie auch durch und lässt sich nicht davon abbringen. Ihr Langzeitplan sieht schließlich so aus, dass sie mit dem Buch viel Geld verdie­nen wird, soviel, dass Jenna auf die Gelder nicht mehr angewie­sen ist, die sie in New York damit erwirtschaftet, dass sie ihren Körper verkauft. Dann wird sie nach Seneca Falls zurückkehren, und sie leben alle wieder harmonisch so wie zuvor … so ihre naive Vorstellung.

Es gibt nur ein paar klitzekleine Probleme bei dem Plan.

Das erste besteht darin, dass Jenna ihre Tätigkeit inzwischen wirklich LIEBT.

Das zweite entdeckt Marcy, als sie sich tiefer in die Materie in New York einarbeitet – Jenna verdient verdammt viel Geld mit der Inszenierung erotischer Phantasien. Das ökonomische Ele­ment steht also auf arg wackeligen Füßen.

Doch der wirkliche Hemmschuh ist Problem Nummer 3: Marcy, die sich aufgrund ihres Übergewichts immerzu in recht unförmi­ge Kleidung zwängt und die ganzen Jahre im Schatten ihrer at­traktiveren Schwester stand, hat nahezu keine sexuellen Erfah­rungen, von Orgasmen ganz zu schweigen. Wer will schon mit einem dicken Mädchen schlafen? Sie würde es ja selbst nicht tun.

Und wie soll man über sexuell ausgefallene Erfahrungen schrei­ben, wenn man sie gar nicht aus eigener Anschauung kennt?

Also, Probleme über Probleme. Aber Marcy ist immer noch fest entschlossen, ihren Plan umzusetzen. Sie muss doch ihre Missi­on realisieren: rette die in Sünde gefallene Schwester, koste es, was es wolle!

Und dann kommt Problem Nummer 4 unvermittelt hinzu: der at­traktive Zack, den Jenna ihr empfiehlt, damit Marcy mit etwas Informationsinput versorgt wird, was den Roman angeht. Zu­gleich warnt sie Marcy: Sie solle auf gar keinen Fall etwas mit Zack anfangen, denn immerhin sei er ein Angestellter des „Club Fantasy“ und somit ein Callboy, also genau die Art von Mann, die Frauen Lust vorspiele und bereite. Er sei nicht die Art von Mann, mit der Marcy glücklich werden könne.

Zu dumm nur, dass Marcy bald mehr für Zack zu empfinden be­ginnt …

Es ist schon echt interessant und durchweg vergnüglich gewe­sen, dem kurvenreichen Lebensweg der beiden Schwestern zu folgen, die, wiewohl Zwillinge von Geburt her, doch charakter­lich sehr verschieden sind und sich in zunehmend komplizierte­ren erotischen Wirrnissen wieder finden. Während die Überset­zung von Eva Malsch sich ausgezeichnet liest, wird meiner Überzeugung nach die Problematik insgesamt etwas unterbe­lichtet dargestellt. Gar zu leicht kann man zu der Überzeugung kommen, in beiden Romanen würde käuflicher Sex bagatellisiert und zu einer Art aufregendem Privatvergnügen verkürzt, mit dem man rasch viel Geld machen kann. Das ist doch wenigstens sehr romantisch simplifiziert.

Es klingt zwar in beiden Romanen gelegentlich an, dass gewerb­liche Prostitution, zumal im Staate New York, kriminalisiert und vom Gesetz verfolgt wird, aber von dieser Seite her gibt es in beiden Werken überhaupt keinen Moment lang Probleme. Es gibt keine Schwierigkeiten mit Drogen, mit Verrat und Erpres­sung, mit brutalen Klienten oder stalkenden Psychopathen (was es alles ohne Zweifel gibt), von ausbeuterischen Methoden oder dergleichen mal ganz zu schweigen. Es reicht im Roman völlig hin, den hünenhaften (und natürlich dominanten) Rock da zu haben, der alles bald unter Kontrolle hat. Und selbstverständlich hat auch die Unternehmerin Erica von Courtesans, Inc., nur die allerbesten Absichten.

Genau genommen leben wir hier als Leser also in einer Art rosa­rotem Wunderland der erotischen Phantasien, die inszeniert werden – und gar nicht mal so unintelligent, vielfach äußerst aufreizend – , doch mit der Realitätsnähe hapert es mächtig.

Außerdem ist Lloyd erkennbar eine Romantikerin reinsten Was­sers, will heißen: die Protagonistinnen müssen natürlich schluss­endlich in den erfüllenden Hafen einer glücklichen Ehe einlau­fen. Der Weg dahin ist vergnüglich, oftmals sehr aufregend, aber von eigentlicher Dramatik kann keine Rede sein.

Wer also dramatische Romane sucht, etwa a la „Trinity“ (Audrey Carlan) oder „Hard“ (Meredith Wild), der wird erfolglos bleiben. Joan Elizabeth Lloyd spielt dann eher in der vergnüglichen Liga einer Jessica Clare („Perfect Passion“, „Perfect Touch“ usw.). Wenn man sich als Leser dort zuhause fühlt, kann man mit den beiden vorliegenden Romanen – so seltsam und unvollkommen der erste auch bibliografisch im Impressum erfasst ist – ein paar sehr angenehme Unterhaltungsstunden verbringen.

Mit der erwähnten Einschränkung sind die Bücher aber durch­aus lesenswert.

© 2019 by Uwe Lammers

Einleitend sagte ich ja, man solle als potenzieller Leser seine Er­wartungshaltung etwas drosseln. Das war vermutlich eine gute Vorwarnung – aber ich könnte mir vorstellen, dass die Rezension doch neugierig gemacht hat.

In der kommenden Woche streife ich mal wieder die Untiefen des Infotainments, würde man wohl sagen können, insofern, als ich eine Rezension ausgegraben habe, die historische Informationen jugendgerecht im Buchformat aufzubereiten suchte. Ob das gelungen ist und worum genau es sich handelt, erfahrt ihr beim nächsten Mal an dieser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Maiblog 2022

Posted April 30th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde meiner E-Books,

das zurückliegende Jahr war für mich eine ziemliche Achter­bahnfahrt, und ich gehe mal davon aus, dass das – nicht zuletzt pandemiebedingt – für die meisten von euch sehr ähnlich abge­laufen ist. Wir befinden uns halt alle nach wie vor im Modus der Corona-Zeit, und selbst wenn viele von uns (ich beziehe mich da ausdrücklich ein) inzwischen zweifach geimpft und ergän­zend „geboostert“ sind, heißt das natürlich nicht, dass wir da jetzt tadellos vor dem Corona-Virus geschützt wären. Davon sind wir weit entfernt.1

Nun, diese Illusion hatte bei mir noch nie sonderlich starke Haft­wirkung entfaltet. Ich wusste genau, dass auch geimpfte Perso­nen weiterhin Träger des Virus sein können, und dass aufgrund der Mutabilität des Virus natürlich irgendwelche weiteren Varianten auftreten könnten, die den Impfschutz zumindest partiell durchbrechen. Und genauso ist es gekommen.

Drum halte ich auch aktuell nichts von der illusionären Hoff­nung, wir könnten irgendwie zur „Zeit vor Corona“ zurückkehren … das wird ohne Zeitmaschine unmöglich sein, und wie verbrei­tet die sind, wissen wir ja. Unsere individuellen Zeitmaschinen reisen nur in eine Richtung: mit der Schnelligkeit von einer Se­kunde pro Sekunde Richtung Zukunft. Alles andere ist hypothe­tisch, sagen wir: Science Fiction.

Ihr habt vielleicht noch mal den „Maiblog 2021“ nachgelesen, der in einer seltsamen Zeit von mir publiziert wurde. Dann wisst ihr, dass ich zwischen Mitte April 2021 und Ende August vergan­genen Jahres singulär mit meinen Blogartikeln pausiert habe. Das geschah, um meine Konzentration verstärkt auf meine uni­versitäre Tätigkeit zu lenken. Es hat nur teilweise funktioniert … in den „Work in Progress“-Blogartikeln könnt ihr das zurzeit nachverfolgen, sie sind ja alle um Monate verschoben worden und kommen erst jetzt zutage.

Nun, seit Ende August bin ich also wieder auf Arbeitssuche. Aber erfreulicherweise hat sich meine Fassung Anfang 2022 wieder soweit stabilisiert, dass die kreativen Impulse sehr viel reger wurden als in all den Monaten der ersten Jahreshälfte 2021.

Schauen wir mal, was für kreative Highlights ich für den Zeit­raum Mai 2021 bis Ende April 2022 vermelden kann. Und es sei vorausgeschickt, allzu viel auf dem E-Book-Sektor war da leider nicht dabei.

Blogartikel habe ich in der „Pausenzeit“ und auch anschließend recht viele geschrieben, gewissermaßen ein bisschen als Ar­beitstherapie und Vorplanung für die nähere Zukunft. Ebenfalls war ich – und bin im März 2022 erneut im Amt bestätigt worden – weiterhin Chefredakteur des Science Fiction-Clubs Baden-Württemberg (SFCBW) mit seinem monatlich erscheinenden Ma­gazin „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA). Kaum zu glauben, dass ich das jetzt schon über 15 Jahre nonstop mache … damit bin ich vermutlich der dienstälteste Redakteur des Clubs. Soll mir recht sein, Eitelkeit ist mir da eher fremd. Wie immer könnte das Magazin mehr Leser und unser Club mehr Mitglieder vertra­gen. Vielleicht helfen meine diesbezüglichen Fingerzeige in den Blogartikeln da ja ein kleines bisschen …

Im August 2021 konnte ich endlich das Digitalisat des KON­FLIKTS 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ abschließen und so die vollendete Grundlage für die diesbezügliche E-Book-Serie legen. Da wird es dieses Jahr auf alle Fälle weitergehen … ich muss nur noch die immer noch nicht geklärte Konvertie­rungsfrage lösen.

Ebenfalls im August begann ich gleich mit dem Digitalisat der so genannten „Proto-OSM-9-Ebene“, also der Serie „Der Kaiser der Okis“, die nur rudimentär ist und es von 1983-1990 lediglich auf 14 Episoden brachte. Am 25. November 2021 konnte ich das Projekt dann auch schon abschließen.

Auch in den Monat August 2021 fiel der OSM-Band 2050, einen Monat später folgte Band 175 der Serie „Horrorwelt“, an der ich nach dem Abschluss des Digitalisats jetzt endlich – mit einem zeitlichen Abstand von nicht weniger als 23 Realjahren – neue Episoden verfasste.

Am 14. November folgte die fertige Digitalisierung der Non-Phantastik-Serie „Erotische Abenteuer“, und kaum zwei Wochen später begann die Arbeit an der nächsten „Baustelle“, nämlich dem KONFLIKT 16 „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“ (in­zwischen ist das diesbezügliche Seriendigitalisat schon bei Band 21 angelangt, man kann also sagen, es geht sehr gut voran).

Soviel zu den Arbeiten, die ich für 2021 noch fertig stellen konn­te. Kommen wir zu den Monaten dieses Folgejahres 2022. Ver­gleichsweise gut erholt, schloss ich am 6. Januar die 26teilige Artikelreihe „Legendäre Schauplätze“ mit dem Buchstaben Z ab.2 Dann wandte ich mich einem Langzeitprojekt der jüngeren Vergangenheit zu (2018 begonnen) und konnte am 20. Januar auf schöne Weise den ersten modernen OSM-Roman der Rubrik „Aus den Annalen der Ewigkeit“ abschließen. Die Rede ist von „Das Geheimnis von Church Island“, also dem Zwischenteil zwischen den E-Books „DER CLOGGATH-KONFLIKT 1: Vorbe­ben“ (2018) und „DER CLOGGATH-KONFLIKT 2: Monsterer­wachen“.

Dann wechselte ich von Ende Januar bis Anfang März 2022 in das Erotic Empire und arbeitete intensiv an dem langen Roman „Die Kolonie Saigon II“ weiter, der auf über 600 Textseiten angewachsen war. Dennoch sind bislang erst die Hälfte der ins­gesamt sechs Abschnitte fertig, summa summarum wird der Ro­man also auf wenigstens 1200 Textseiten kommen, und das ist vorsichtig kalkuliert.

Ende Februar forderte mich schon wieder der OSM heraus. Zu meinem nicht geringen Entzücken gelang es mir, die bislang stark vernachlässigte Hohlwelt Hyoronghilaar zu neuem Leben zu erwecken, zu der ich zwischen 2006 und Ende 2021 gerade mal 5 Episoden verfasst hatte. Jetzt entstanden allein drei Fol­gen bis Ende Februar.

Drei weitere Folgen des KONFLIKTS 7 „Oki Stanwer – Held der Hohlwelt“ (HdH), darunter auch der OSM-Band 2100 entstanden bis Mitte März, und aktuell gehen die Arbeiten an der Serie munter voran. Je mehr ich daran herumdenke, desto mehr Ein­fälle kommen mir.

Kürzlich sinnierte ich beispielsweise über eine Karte der Hohl­welt nach (immer noch nicht existent), die Frage, wie der Recht­eckmond eigentlich Tag und Nacht erzeugt, wie hoch und dicht die Atmosphäre ist und was eigentlich an den Polen der Hohl­welt los ist (und nein, da gibt es sicherlich keine „Auslassventi­le“ in die Außenwelt!).

Als ich zudem kürzlich anfing, ein altes Romanfragment abzu­schreiben, das im KONFLIKT 13 „Oki Stanwer Horror“ spielt (ja, ja, die Episodenvorlage für die E-Books der Reihe „DER CLOG­GATH-KONFLIKT“, ganz recht) und sich mit dem Helfer des Lichts Klivies Kleines beschäftigt, stieß ich auf eine kursorische Randnotiz aus dem Jahr 1990, wo ich andeutete, dass Kleines „in einem früheren KONFLIKT“ mit dem Dämon Zuduma zusam­mengeprallt sei. Tja, jetzt weiß ich auch halbwegs, wann und wo das war.

Genau, in Hyoronghilaar. Die entsprechenden Episoden sind na­türlich noch lange nicht geschrieben, aber es ist schön zu ent­decken, dass ich bei der Ausarbeitung von KONFLIKT 7 Details nutzen kann, die über 30 Realjahre alt sind.

Manche weitere Punkte kann ich fast 1:1 aus dem letzten Maiblog übernehmen:

E-Book-Verkäufe: keine signifikante Besserung in Sicht (zweifel­los auch, weil es bislang noch nicht gelungen ist, eine neue Flyergeneration zu erschaffen, wie ich das schon lange vorhabe. Ohne Werbung kein breiteres Interesse, keine weiteren Verkäu­fe. Und Lesungen, in denen ich Neugierde hätte forcieren kön­nen, fanden nicht zuletzt aus pandemischen Gründen ebenfalls nicht statt.

Weitere E-Book-Veröffentlichungen & Pläne: Ein „Nachdruck“ ist anno 2022 bei XinXii erschienen, weitere sind in Arbeit. Die vor einem Jahr genannten drei Hauptprojekte bei den neuen E-Books, „DER CLOGGATH-KONFLIKT 2: Monstererwachen“, „BdC 2: Gestrandet in Bytharg“ und der aktuelle Band der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“, also der Band „Krisenherd Xoor‘con“ sind nach wie vor noch „work in pro­gress“. Hier hängt es wesentlich vom Erfolg oder Misserfolg meiner Jobsuche, dem daraus resultierenden Zeitmanagement und der Klärung der Konvertierungsfrage ab, wann ich diese Werke abschließe und veröffentliche.

Übersetzungsprojekt „Die Katze, die die Sonne stahl“: Auch das ist nach wie vor eine Baustelle (seufz, das hört gar nicht mehr auf, gell? Ich weiß, aber so ist das Leben zurzeit).

Fannische Aktivitäten: Es deutet sich für Sommer 2022 endlich mal wieder – Lockerung der pandemischen Situation vorausge­setzt – ein Convention in Braunschweig an. Da horcht mal bei der ESPost herein oder schaut auf der Webseite des Förderver­eins Phantastika Raum & Zeit e.V. in Braunschweig für Details. Aller Wahrscheinlichkeit werde ich mich da auch tummeln, aller­dings wohl ohne eigenen Programmpunkt.

Glossararbeiten und Lexikonarbeiten: Hier komme ich auch wei­terhin solide voran, das bezieht besonders inzwischen die Glos­sare und Lexika der KONFLIKTE 13 und 16 ein – also der aktuel­len zentralen Digitalisierungsprojekte. Da sind Hunderte von noch nicht erläuterten Namen und Begriffen aufgelaufen, und jeder digitalisierten Episode werden inzwischen Lexikonseiten angefügt. Es gab damals um 1987 schon zarte, halbgare Ansät­ze dazu in den Serien, die aber samt und sonders nach wenigen Episoden abbrachen, weil ich nicht die konsequente Energie und Geduld aufbrachte … das sieht heute gottlob gründlich anders aus.

Blogartikel: Wie oben bereits erwähnt, habe ich zwei Artikelrei­hen inzwischen abgeschlossen, bei den „Close Ups“ steht nächstens die Besprechung der letzten Episoden des KONFLIKTS 15 „Oki Stanwer“ an. Deshalb war es so wichtig, dass ich mit der Digitalisierung von KONFLIKT 16 begann. Nach aktuellem Stand kann ich allein für diese OSM-Ebene schon 5 „Close Up“-Beiträge verfassen, das reicht dann locker bis ins Frühjahr 2023.

Von der Veröffentlichung her sind die regulären Blogartikel, wie ihr wisst, bis Beitrag 455 publiziert, der äußerste Rand ist zur­zeit Blogartikel 490, der – ob ihr es glaubt oder nicht – erst Ende Dezember 2022 veröffentlicht werden wird.

Bei den Rezensions-Blogs sieht es so aus, dass Nr. 349 aktuell veröffentlicht ist, die letzte Rezensions-Blog-Ausgabe, die ich gegenwärtig fertig gestellt habe, ist Nr. 387, die sogar erst im Januar 2023 für euch zu lesen sein wird … und ja, die Planungen sind bei beiden Reihen schon erheblich weiter gediehen.

Alles in allem würde ich daher sagen, dass die Bilanz für den Zeitraum zwischen Mai 2021 und Mai 2022 durchaus recht durchwachsen aussieht … aber in mancherlei Beziehung gibt es schon gewisse Lichter am Horizont. Schauen wir also mal, wie sich die Lage weiter entwickelt. Den nächsten Rückblick gleich diesem hier bekommt ihr dann am 31. Dezember 2022 geliefert im „Silvesterblog 2022“.

Bis dahin bleibt gesund und weiterhin treue Freunde und neu­gierige LeserInnen meiner Beiträge. Danke euch!

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Will heißen: Ich selbst bin dem Virus bislang erfolgreich entkommen, aber im Freundes- und Verwandtenkreis hat es diverse Menschen niedergestreckt, die gottlob dank des Impfschutzes glimpflich davongekommen sind.

2 Und ja, natürlich gibt es mehr als nur 26 „Legendäre Schauplätze“. Beizeiten wird von mir eine neue Runde erwogen, aber sicherlich kaum vor 2024. Ihr merkt, auch hier pla­ne ich durchaus schon recht weit voraus.

Liebe Freunde des OSM,

ehrlich, es ist mir eine Freude, endlich wieder Blogartikel schrei­ben zu können, die in näherer Zukunft erscheinen können. Mein selbst auferlegtes Publikationsmoratorium, das von Ende April 2021 bis Ende August 2021 währte, ist jetzt vorüber, und wer regelmäßig Leser der ESPost des SF-Stammtisches „Ernst Ellert“ aus München ist, weiß längst, dass ich wieder regelmäßig blog­ge … zum Zeitpunkt, zu dem ich diese Zeilen schreibe, hat das indes noch nicht in realiter begonnen, sondern wird erst in 4 Ta­gen der Fall sein. Aber ehe ihr diese Zeilen dann zu lesen be­kommt, vergehen weitere Monate … der Takt ist halt gründlich aus den Fugen, und da ich nicht vorhabe, jetzt täglich zu blog­gen, um diesen Rückstand gewissermaßen aufzuholen, werden wir mit der Verschiebung einfach leben müssen.

Sehen wir mal das Positive daran: Ich kann auf diese Weise ohne großen Druck einfach weiterschreiben und derweil die Pro­bleme lösen, die sonst so vor mir liegen. Als da beispielsweise wären: Die Suche nach einer neuen Erwerbsarbeit (hat schon begonnen). Die Unterstützung durch Coaching-Beratung (hat heute angefangen). Die Reaktivierung alter, durch die Corona-Lähmung weitgehend eingeschlafener Kontakte in nah und fern. Das Aufarbeiten der vielen Korrespondenz, die sich hier aufge­staut hat … und so weiter und so fort. Es gäbe noch einiges an­dere zu ergänzen.

Well, ich kann also nicht sagen, dass mir dieser Berg schon vor­geschriebener Blogartikel, die mir für den Rest des Jahres in Hinsicht auf das regelmäßige Publizieren Luft lassen, ungelegen käme, ganz im Gegenteil. Und da die meisten Bloginhalte ja nicht irgendwie mit einem MHD-Stempel versehen wären oder Wert auf Topaktualität legen (wir sind hier nicht in einem Newsportal!), habe ich auch von der Seite eher Ruhe.

Die Work in Progress-Blogartikel sollen auch weiterhin mit mo­natlicher Frequenz erscheinen, sie haben sich halt nur verscho­ben, was den Zeitpunkt des Erscheinens angeht. Aber das soll uns nicht verdrießen, daran werde wir uns schon alle gewöh­nen, so meine Hoffnung.

Schauen wir uns doch mal an, was ich im verstrichenen Monat August 2021 so kreativ auf die Reihe bekam … zum Ende hin wurde ich deutlich lebhafter, als ich meinen Resturlaub abbum­meln konnte, das hat mir sehr geholfen, auch wenn zwischen­drin notwendig von der Agentur für Arbeit diverse Korrespon­denz eintraf und interessanterweise auch ein paar Bewerbungs­vorschläge … diesbezüglich bin ich also recht rege zurzeit. Wer weiß, vielleicht stecke ich, wenn ihr diese Zeilen dann anno 2022 zu sehen bekommt, schon wieder in einer neuen Beschäf­tigung, es ist sehr zu hoffen.

Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück. Wie sah die Kreativbi­lanz des Monats August 2021 aus? Nun, so:

12Neu 123: Soffrols Armee

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“)

Blogartikel 452: Work in Progress, Part 104

12Neu 126: Finale für CROSSATH

12Neu 127: Flucht nach Pholyar

12Neu 124: Die Planetenfestungen von Zyoth-Soon

12Neu 125: Raumschlacht in Maran-Ghaal

12Neu 128: Das letzte Ultimatum

Anmerkung: Ihr werdet am Blogartikel 437 gemerkt haben – ko­misch, so von Artikeln zu reden, die zwar geschrieben, aber noch nicht publiziert sind, aber so muss ich das hier halt halten – , dass es für mich eine ziemliche Erleichterung war, nach 14 realen Schreibjahren endlich mit der Digitalisierung dieser lan­gen OSM-Serie fertig zu werden. So habe ich nun die solide Grundlage für das Serienglossar, das schon weitgehend fertig ist (ich stecke aktuell in der Verzeichnung der Begriffe von Band 127, und damit beinahe am Ende der Arbeiten). Direkt im An­schluss ging es dann an das Beschriften der inzwischen 6 Seri­enordner, an das Anfertigen von Inhaltsverzeichnissen, den Ausdruck der letzten Episoden und so weiter … das zieht immer so einen kleinen Rattenschwanz an Ergänzungsaufgaben nach sich. Aber ja, grundsätzlich ist diese Serie jetzt vollkommen di­gitalisiert – und vielleicht gelingt es mir ja (so die Planung), bis zum Frühjahr 2022 dieses erste Serienglossar komplett in das Hauptglossar des OSM zu überführen.

Okay, es sind jetzt schon 275 Seiten im BdC-Glossar … ihr könnt also erahnen, dass das eine Menge Zeit in Anspruch neh­men wird. Aber das ist den Aufwand unbedingt wert!

9ANeu 1: Die Mission des Lichtkaisers

Anmerkung: Wer hier jetzt große Augen macht und seufzend bemerkt „Verdammt, kaum ist die eine Baustelle abgeschlossen, wandert der Uwe zur nächsten weiter … das kann doch nicht wahr sein!“, der sollte etwas bedenken, was sein Urteil viel­leicht relativiert:

Diese kurzlebige erste Entwurfsfassung des KONFLIKTS 9, 2011 unter dem Titel „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ besser und durchdachter wieder aufgenommen (reden wir mal überhaupt nicht von solchen Dingen wie Personencharakterisierung, Dialo­gen, Dramatik und Seitenumfang!), umfasst nur eine Handvoll Episoden, gut ein Dutzend. Und sie sind durch die Bank alle sehr kurz. Es scheint mir deshalb aus zwei Gründen geboten, hiermit weiterzumachen.

Erstens ist der Zeithorizont dieser Aufgabe recht gut absehbar. Er dürfte, wenn sich keine störenden Einflüsse auswirken, kaum ein halbes Jahr Arbeitszeit überschreiten, lange Pausen schon eingerechnet.

Zweitens ist die Serie schon sehr alt, die Anfänge liegen im Jahr 1984, die letzten Folgen schrieb ich 1990, womit sie auch schon über 30 Jahre alt sind … es ist also höchste Zeit! Zu der Serie werdet ihr noch mehr zu hören bekommen, so obsolet sie für den Gesamt-OSM auch sein mag.

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Der Neutralkrieger“)

(NK 59: Ziel: Splitterhort)

(NK 60: Im Sturm von Tushwintau)

Anmerkung: Es ist ein beeindruckendes Gefühl, bei einer so späten Serie wie NK, also „Oki Stanwer – Der Neutralkrieger“, KONFLIKT 24), wieder up to date zu sein: Ich habe, wie erinner­lich, 2020 den Band 2000 des OSM geschrieben, „Tödliche Entscheidung“, und damit zugleich den Schlussband des HANKSTEYN-Zyklus, der mich viele Jahre in Atem gehalten hat. Und ich konnte kürzlich (2021) die darauf folgende Trilogie um das Volk der Mörder und Colin Gablon von der Basis der Neutra­len vollenden.

Nun befinde ich mich im nächsten Handlungsstrom um die ge­staltwandelnden Tassiner, habe eine Gruppe sehr kluger und abenteuerlustiger Matrixfehler am Hals … und die Bilder begin­nen auf beeindruckende Weise Brücken in meinem Geist zu ge­stalten. Auch hiervon wird alsbald zweifellos noch mehr die Rede sein.

(Glossar der Serie „Oki Stanwer Horror“)

(DKdO 19: Lügengespinste)

Kämpfer gegen den Tod, Teil 3 – OSM-Novelle

Kämpfer gegen den Tod, Teil 4/E – OSM-Novelle

Anmerkung: Bis Dezember 2021 wird … nein, zum Zeitpunkt, wo ihr das lest, wird das ja schon Vergangenheit sein, als korri­giere ich mich: Bis Dezember 2021 WAR diese OSM-Novelle im Fanzine „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA) zu lesen, und für das Jahr 2022 schweben mir schon eine Reihe weiterer Ge­schichten vor, mit denen ich die Clubmitglieder erfreuen möch­te.

Warum sage ich das? Weil der Science Fiction-Club Baden-Würt­temberg (SFCBW), in dem dieses Fanzine monatlich erscheint, weitere Mitglieder und Abonnenten dringend gebrauchen kann. Wer also neugierig auf Werke jenseits meiner Blogartikel und des aktuell noch stagnierenden E-Book-Programms sein sollte, hat hier die Möglichkeit, eine Menge davon zu bekommen, nicht zuletzt, wie die obige Veröffentlichung zeigt, auch OSM-Texte aus diversen Universen.

(13Neu 12A: Saurier-Angriff)

(Brigitta – Archipel-Story)

9ANeu 2: Der Weg in die Freiheit

DSj 57: Göttliche Erkenntnisse

Anmerkung: Ja, ich weiß, das hatte ich erst für September ange­kündigt … aber es ging dann doch viel schneller als angenom­men. So geht das manchmal, wenn ich wieder Luft zum Schrei­ben bekomme, dann geschehen manche Dinge im Rekordtem­po. So war es hier auch. Am 16. die 2. Corona-Schutzimpfung, dann war ich zwei Tage unpässlich, schließlich kamen meine Ur­laubstage, und whoosh!, schon war diese Geschichte fertig. Mit immerhin 85 Seiten deutlich mehr als eine klassische Episode, aber an solche Umfänge habe ich mich in dieser spätesten aller OSM-Serien längst gewöhnt.

Mann, ich wünschte echt, ich könnte euch diese wilde Achter­bahnfahrt zugänglich machen … aber dafür müsst ihr einfach noch mehr Hintergrundwissen sammeln, sonst könnt ihr die zum Teil wirklich sehr anspruchsvolle Argumentation speziell in dieser Geschichte nicht angemessen verstehen.

Allein schon, um die Gänsehaut nachzuvollziehen, die ich beim Schreiben bekam, als es im Epilog hieß, jemand versuche „die Strömung zu ändern“, braucht es wirklich massives kosmologi­sches Hintergrundwissen. Das war selbst für mich ein ziemli­cher Wow-Effekt, und das will was heißen.

Neustart September 2021 – Blogartikel

(Die Eigentums-Lösung – Erotic Empire-Story)

9ANeu 3: Bei den Echsenmenschen

Anmerkung: Echsenmenschen …? Echsenmenschen anno 1984? Das werden doch wohl nicht etwa …?, mögt ihr euch viel­leicht fragen, die ihr die E-Book-Serie „Oki Stanwer und das Ter­rorimperium“ lest. Ich grinse an dieser Stelle und antworte lä­chelnd: Doch, Freunde, genau die sind das.

Die reptiloiden Allis sind gewissermaßen OSM-Urgestein, sie stammen noch aus den „Gedankenspielen“ mit meinem Bruder. Hier sind sie natürlich noch sehr schematisch dargestellt und äußerst oberflächlich, falls überhaupt, charakterisiert. Aber doch, Oki Stanwer stößt da auf eine Alli-Flotte. Deshalb sagte ich ja früher in meinen Anfangs-Blogartikeln, dass viele Struktu­ren des OSM schon sehr alt sind, das galt 2013, das gilt heute immer noch. Und ich freue mich schon sehr, alsbald ein weite­res so altes Element in die Neufassung des KONFLIKTS 9 einzu­arbeiten, nämlich die so genannten PSI-Intelligenzen und die Zartans.

Wie, die kommen euch auch vertraut vor? Aus KONFLIKT 15 und den aktuellen „Close Up“-Beiträgen? Natürlich. Ich sage doch, wenn man ein gewisses Breitenwissen, das ich in meinen Blog­artikeln zu vermitteln suche, in sich aufsaugt, kann man im Lau­fe der Zeit verblüffende Querbezüge herstellen.

Und genau so soll das auch sein …

(9aNeu 4: Der Verräter auf Station 0)

Blogartikel 437: 24. August 2021 – ein neuer Meilenstein

Blogartikel 444: OSM-Band 2050 – Göttliche Erkenntnisse

(FvL 44: Die Tiefenseele)

(Mutproben – OSM-Story)

Anmerkung: Das war jetzt gewissermaßen ein erster zarter Ver­suchsballon mit der Fortführung dieser Story. Sie ist deshalb so wichtig, weil sie in KONFLIKT 28 spielt, also in der DSj-Serie, die ich gerade mit dem dreiteiligen TOTAM-Zyklus verlassen habe. Oki Stanwers nächstes Reiseziel heißt Rhoskoy, eine Welt der Technos an der so genannten Nebelgrenze, von der ich bislang noch kaum etwas weiß.

Und wo spielt dieses Fragment? Ganz genau dort! Allerdings eine geraume Zeit vor Oki Stanwers dortiger Ankunft. Es gibt mir jedenfalls die Gelegenheit, gleichsam das Terrain zu bestel­len und diverse Fragen zu klären, die für euch vermutlich auch rätselhaft sein werden: Warum schwebt der Mond von Rhoskoy UNTER der Welt? Was ist das überhaupt für eine Welt, die an­geblich mit normalen Planeten nichts gemeinsam hat? Was ist die „Nebelgrenze“? Was hat es mit dem „Embargo“ auf sich und mit „ZIRRONS Reich“ hinter der Nebelgrenze? Und was für Ent­deckungen werden wohl die beiden Teenager bei ihrer verord­neten Mutprobe machen?

Doch, ich freue mich schon sehr darauf, hieran weiterzuschrei­ben. Jetzt nach Erreichen von OSM-Band 2050 ist der Horizont bis zum Band 2100 wieder offen, und da kann ich – hoffentlich – sowohl an einigen bislang stagnierenden Serien weiter voran­kommen als auch an solchen Fragmenten. Es wird für viele wirklich Zeit.

(BURTSONS Feuerprobe – OSM-Hintergrundtext)

Alles in allem kam ich auf 30 fertig gestellte Texte, zumeist kür­zere Abschriften, die nichts mit dem OSM zu tun hatten bzw. Re­zensions-Blogs. Aber eben auch das Obige. Da war ich doch nicht eben wenig beeindruckt.

Der Spätsommer 2021 macht Mut darauf, dass noch mehr inter­essante Taten folgen mögen. Ich halte euch auf dem Laufenden, Freunde.

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 349: Von Zeit zu Zeit (1)

Posted April 27th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

Zeitreiseromane sind ein altes Steckenpferd von mir … wer die Rezensions-Blogs verfolgt hat, insbesondere die Aufstellung in der Nummer 300, der weiß das ganz genau. Dennoch ist dieses Werk, das ich im Abstand von rund 15 Jahren zweimal las – ein­mal in der alten Heyne- und nun in der Bastei-Ausgabe – , all die Jahre durch das Blickraster meiner Wahrnehmung gerutscht und kommt erst jetzt auf die Tagesordnung.

Dass ich anno 2006 zur Zweitlektüre griff, lag schlicht daran, dass ein zweiter Teil dieses Romans sich überraschend anschloss und ich, um wieder im Handlungsstrom zu sein, den ersten Band notwendig noch einmal lesen musste. Das geht mir sonst bei mehrteiligen Filmen und Serien so. Auch hier erwies es sich als äußerst nützlich, mich mit der Geschichte um Simon Morley wieder vertraut zu machen, der gewissermaßen die Schlaufen des Zeitstroms durchbricht und „zur letzten Flussbiegung“ zu­rückgeht, d.h. eine Zeitreise unternimmt.

Zwar wird hier nur indirekt die fernöstliche Vorstellung vertre­ten, derzufolge unser modernes Konzept der linearen Zeit sehr eingeschränkt sein soll – in Wahrheit, so habe ich mal gehört, heißt es in fernöstlichen Vorstellungen, dass alles zugleich ge­schieht und so etwas wie Zeitreisen darum prinzipiell überhaupt kein Problem darstellte … indes hindere uns das „Verhaftetsein“ im Hier und Jetzt mehrheitlich massiv daran, eine solche Reise auch zu unternehmen. Wie ihr sehen werdet, wenn ihr den Ro­man selbst zur Hand nehmt, ist Simon Morleys Form der Zeitrei­se hiervon nicht sehr weit entfernt.

Herausgekommen ist eine äußerst charmante, lesenswerte und zutiefst romantische Geschichte, die zugleich eine Liebesge­schichte ist, ein kriminalistischer Abenteuerroman und auch eine Liebeserklärung an das alte New York des ausklingenden 19. Jahrhunderts.

Lest einfach weiter und lasst euch vom Zauber der Geschichte einfangen – das lohnt sich wirklich!

Von Zeit zu Zeit

(OT: Time and Again)

von Jack Finney

Bastei 14840, Januar 2003

560 Seiten, 8.90 Euro

Neu übersetzt von Karl-Heinz Ebnet

ISBN 3-404-14840-1

Die Vergangenheit ist eine graue, triste und vergessene Welt, die wir heute nur noch aus Postkarten, Fotografien, Reportagen und mürben Zeitungen kennen, vielleicht noch aus frühen Fil­men. Doch für das New York des Jahres 1882 gelten viele dieser neumodischen Dinge noch nicht – es gibt kaum etwas, das den Namen Film verdient, Kinos sind unbekannt, Zeitungen werden noch mit Kupferstichen illustriert, da die Montage von Fotos in den Drucksatz nicht realisierbar ist.

Wie anders als über die Zeugnisse dieser Zeit soll man verste­hen lernen, was damals geschah? Dies ist die Domäne der His­toriker, jener Menschen, die imstande sind, die Vergangenheit zu neuem Leben zu wecken. Doch was geschähe, wenn wir uns täuschten? Wenn die Vergangenheit eben NICHT vergessen, vergangen und ein für alle Mal verstrichen wäre, sondern man sie wieder erreichen könnte, gleichsam mit einem einzigen Schritt? Würde dies nicht die Welt schlechthin verändern?

Dies ist Science Fiction, etwas Unglaubhaftes, und so empfindet es auch der 28jährige Zeichner Simon Morley im New York des Jahres 1970, als Rube Prien vom Stab des „Projekts Vergangen­heit“ auf ihn zutritt und ihm erklärt, unter den zahllosen Millio­nen Menschen, die das Projekt inzwischen auf bestimmte Fähig­keiten und Reaktionsweisen hin gesiebt habe (naheliegender­weise anhand der Army-Akten), gelte gerade er als einer der hoffnungsvollen Aspiranten.

Es dauert eine Weile, bis sich Simon dazu durchringen kann, sei­nen unbefriedigenden Zeichnerjob mit einer sehr vagen und ge­radezu aberwitzigen Projektidentität einzutauschen. In einem heruntergekommen wirkenden Lagerhaus in New York ist der Sitz des Projekts, dem der alte Dr. Danziger vorsteht. Er erklärt Simon mit schlichten Worten, warum er denkt, dass es ein Er­folg werden könnte.

Natürlich geht alles auf Einstein zurück. Einstein, der durch For­meln bewies, dass Licht Masse besitzt – nachgewiesen durch die Beobachtung einer Sonnenfinsternis. Einstein, der bewies, dass die Atomspaltung ungeahnte Kräfte freizusetzen imstande war – schaurig nachgewiesen in Hiroshima. Und Einstein sagte auch dies: die Menschheit mache sich eine völlig falsche Vorstellung von der Zeit. Die Vergangenheit sei für den Betrachter passé, die Zukunft noch nicht geschehen, folglich sei ersteres nur von geringer Bedeutung, letzteres bedeutungslos. Das sei falsch. Einstein sehe, sagt Danziger, die Zeit als einen windungsreichen Strom an, und wenn es dem Reisenden auf dem Strom gelänge, das Ufer zu erreichen und zur letzten Flussbiegung zurückzuge­hen, dann befände er sich in der Vergangenheit, könne sie beobachten und dort agieren.

Simon Morley ist skeptisch, natürlich. Doch er ist ein begeister­ter Fan des alten New York, und durch seine Freundin Kate hat er einen guten Grund, das für ihn anvisierte Ziel des Projekts zu verändern. Er möchte nicht im Jahre 1901 in San Francisco her­auskommen, sondern im New York des Jahres 1882.

In diesem Jahr nämlich wurde im Haus von Kates späterem Adoptivgroßvater (nicht Vater, wie der Klappentext beharrlich behauptet) Andrew Carmody ein blauer Briefumschlag abgegeben, der offensichtlich zu seinem späteren Selbstmord führte. Der Brief hat sich in Kates Ahnenpapieren erhalten, und er wurde durch Feuer versengt, wodurch ein Teil des Textes verschwunden ist. Noch seltsamer aber, sagt Kate, ist die Tatsache, dass Carmodys Frau ihren toten Mann persönlich wusch und einkleidete – und ihm anschließend einen bizarren Grabstein ohne Text setzte, nur mit einem obskuren neunzackigen Stern innerhalb eines Kreises.

Was also, fragen sich Simon und Kate, mag hinter all diesen seltsamen Dingen stecken? Wenn, so fährt er vor dem Aus­schuss des Projekts fort, eine Reise in die Vergangenheit über­haupt möglich sei, würde er gerne dieses Rätsel erforschen.

Nun, es ist möglich, und eines Tages befindet sich Simon Morley auf einmal im winterlich verschneiten New York des Jahres 1882 und erlebt, wie Rube Prien es sagte, buchstäblich das Abenteuer seines Lebens. Doch er ahnt nicht einmal entfernt, dass er da­bei nicht nur die Aufklärung des späteren Selbstmordes von An­drew Carmody erhält, sondern die Frau seines Herzens findet und dadurch in höchste Lebensgefahr gerät …

Der im Jahre 1970 publizierte Roman des 1911 geborenen ame­rikanischen Schriftstellers Jack Finney wurde bereits im Jahre 1981 von Thomas Schlück übersetzt und bei Heyne unter der Nummer 3800 in der Science Fiction-Reihe publiziert. Damals trug er den, wie ich finde, weitaus treffenderen Titel „Das an­dere Ufer der Zeit“, was erheblich besser den Kern des The­mas traf als der doch recht nichtssagende neue Titel. Zwar ist die neue Übersetzung unbestreitbar geschmeidiger als die alte, und man erfährt hier im Klappentext einiges über den Autor, was in der alten Übersetzung fehlt … doch sonst bleibt die Neu­fassung bedauerlich hinter dem „Original“ zurück. Dort wie hier gibt es Illustrationen und zeitgenössische Fotos, die Simon Mor­ley/Jack Finney auf kluge und liebenswerte Weise in den Text einbaut. Doch wer beide Ausgaben vorliegen hat, erkennt schnell die Nachteile der neuen Version:

Die Fotos im vorliegenden Band sind viel finsterer gehalten als die in der Erstausgabe, zweifellos eine Frage der Reproduktion, vermutlich wurden einfach die Fotos aus der Heyne-Ausgabe herauskopiert und wieder eingebaut, was natürlich einen Verlust an Bildqualität mit sich brachte. Zudem sind manche Fotos ge­rahmt worden, wodurch weitere Stücke der Fotos und Zeichnun­gen verloren gingen. Einige sind sogar seitenverkehrt reprodu­ziert worden. Auch das spricht nicht unbedingt für sorgfältige Arbeit. Dabei ist indes das Lektorat besser als damals bei Hey­ne.

Alles in allem ist dies ein Roman, der ungeachtet all dieser klei­nen Mankos den Kauf wirklich sehr lohnt. Wie es auf dem Hey­ne-Band damals der Werbetext der New York Times treffend sagte: „Gehen Sie zurück in diese wunderbare Welt und verbrin­gen Sie – während Sie das tun – eine wunderbare Zeit!“ Das passt ausgezeichnet, wiewohl man bei Klappentexten immer skeptisch sein sollte.

Ich würde das Werk dennoch nicht als „Kriminalroman“ bezeich­nen und auch nicht in eine Reihe mit „Die Einkreisung“ von Caleb Carr stellen, wiewohl es auf der Neupublikation gemacht wird. Stattdessen handelt es sich mehr um einen klassischen SF-Roman mit starkem Fantasy-Einschlag (durch die Art und Weise der Zeitreise) und zudem um eine sehr romantische Hul­digung an das alte New York, das durchsetzt ist mit einer sanf­ten, schönen Liebesgeschichte, die, dem Stil der damaligen Zeit sehr entsprechend, äußerst dezent ist.

Natürlich ist eine Krimihandlung da, und im letzten Viertel des Buches geht es dann auch äußerst dramatisch zur Sache. Vor­her jedoch kann man einfach nur die Mysterien und die kleinen und seltsamen Alltäglichkeiten des New York von 1882 genie­ßen. Man muss, so glaube ich, nicht Historiker sein, um das tun zu können, obwohl es sicherlich hilft, eine historische Ader zu besitzen.

Dies ist ein Buch für Romantiker, und es ist, auch nach zweima­ligem Lesen innerhalb von 20 Jahren, eines der besten, das ich kenne. Das sollte Inspiration und Ansporn genug sein …

© 2006 by Uwe Lammers

Wie gesagt, der Roman – und die Rezension strahlt das meiner Ansicht nach recht deutlich aus – aktiviert die romantischen Ge­fühle im Leser auf schwer zu beschreibende Art und Weise … aber auf eine schöne, wie ich finde.

In dem Leseabenteuer der kommenden Woche bespreche ich mal der Kürze wegen zwei Romane in einer Rezension, und wie üblich wechselt das Genre. Diesmal geht es um einen eroti­schen Club … Näheres dann in sieben Tagen an dieser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.