Liebe Freunde des OSM,

Literatur, die nicht in etablierten Verlagen erscheint, gilt im bibliothekarischen Jargon gemeinhin als „graue Literatur“, deren bibliografische Erfassung etwa im Rahmen der Deutschen Nationalbibliografie, schwer fällt. Hier ist sie erfreuli­cherweise geglückt, wie die ISSN bezeugt. Ebenfalls ist das Verdikt bekannt, dass die Qualität und das Lektorat solcher semiprofessioneller Schriften hinter denen der traditionellen Verlagsveröffentlichungen zurückbleiben. Meist ist das zutreffend, partiell auch in diesem Fall.

Zugleich aber, und das sollte an dieser Stelle als Positivum ausdrücklich hervor­gehoben werden, ermöglicht seit den späten 1990er Jahren die aufblühende Self­publisher-Szene, die zunehmend die Verlagsszene kontrastiert und Werke ans Licht der Öffentlichkeit hebt, für die sich normalerweise kein Verlagslektorat hinreichend begeistern kann, auch die Publikation jener Schriften, die eher für einen kleinen Interessentenkreis von Bedeutung sind. Die vorliegende Schrift aus dem Science Fiction-Club Deutschland (SFCD) ist diesem Sektor zuzurech­nen.

Ich gebe zu, ich hatte von Herbert Häußler keine Ahnung. Und während ich mich durch die Publikation las, fragte ich mich unwillkürlich immer wieder, wie wohl der ein wenig reißerische Titel „Der erste deutsche SF-Fan“ zustande ge­kommen sein mochte. Das ist ein wenig vollmundig für meinen Geschmack und wertet implizit sicherlich jede Menge weiterer deutscher SF-Fans der ersten Stunde ab. Das soll hingegen nicht bedeuten, dass die hier ausgebreitete Biogra­fie uninteressant ist, ganz im Gegenteil.

Sowohl aus zeithistorischer Sicht (für mich als Historiker mit Schwerpunkt Bio­grafiegeschichte) als auch aus milieuanalytischer Sicht heraus ist dieses Werk faszinierend. Es bietet einen faszinierenden Blick durch die Biografie eines fest in Ostdeutschland verwurzelten Literaten, Fans und Esperantisten, der ungeach­tet der Widrigkeiten der deutsch-deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert den Kontakt zur internationalen Fanszene nicht verlor. Und sein Schicksal, so denke ich, steht stellvertretend für zahlreiche weitere Phantasten, die in den ideologi­schen, politischen und biografischen Grabenkämpfen vor und während des Kal­ten Krieges in widrigen Lagen feststeckten und nicht mit gutem Gewissen vor noch zurück konnten.

Es ist eine Sache, vom Exil zu reden, eine völlig andere dagegen, diesen rigiden Schnitt im Leben auch tatsächlich zu vollziehen. Herbert Häußler hat ihn nie ge­wagt und kann somit als standorttreuer Literat und Phantast verortet werden. Er hat, zeithistorisch bedingt, den Preis für seine Standorttreue gezahlt. Aber ver­gessen worden ist er nicht.

Schaut euch einfach an, wovon ich spreche:

Herbert Häußler 1912 – 1973

Der erste deutsche SF-Fan

Eine Biographie

Von Wolfgang Both, Hans-Peter Neumann & Klaus Scheffler

Andromeda SF Magazin 148

Erlangen 2002

ISSN 0934-330X

Biografien sind spannender Stoff für Historiker. Und wenn man – wie im Falle des Rezensenten – sowohl Historiker als auch Phantast ist und sich dann diese Biografie als diejenige eines Science Fiction-Fans der ersten Stunde herausstellt, erhält dieses Werk noch einmal eine doppelt faszinierende Bedeutung. Wenn es schließlich ausdrücklich historisch interessierte Fans sind, die diese Biografie verfassen und sie innerhalb des SF-Fandoms in einer fest etablierten Zeitschrif­tenreihe des Science Fiction Clubs Deutschland (SFCD) auf den Weg bringen, kann man sich wirklich auf ein höchst interessantes Werk gefasst machen.

Um es kurz vorwegzunehmen: die Lektüre lohnt sich in der Tat, in beiderlei Hinsicht, also sowohl unter dem Aspekt der Zeithistorie und der klassischen Biografieschreibung wie unter dem Aspekt auch des Fan-Seins. Da Herbert Häußlers Lebensweg über Jahrzehnte hinweg und über alle Fährnisse der Zeit­läufte mit dem amerikanischen SF-Fan Forrest (Forry) J. Ackerman verbunden war, der auch die amerikanische Einleitung zu diesem Band verfasst hat, kann man mit Fug und Recht sagen, dass diese in jederlei Beziehung phantastische Freundschaft über die Zeitgeschichte triumphiert hat.

Die Biografie orientiert sich, wie zumeist üblich, am Zeitstrahl Häußlers (S. 69 in der gebotenen Knappheit noch einmal auf einer Seite resümiert) und ist eng mit dem zeitgeschichtlichen Kontext verwoben, so dass man nicht, wie es manchmal leider immer noch geschieht, eine Art Tunnelblick geboten bekommt und das Leben aus dem weiteren historischen und auch politischen Kontext her­ausgelöst wird, was der Einbettung in ebendiesen üblicherweise Gewalt antut.

Herbert Häußler wird in einfachen Verhältnissen in Reichenbach/Vogtland am 8. Mai 1912 geboren, vor genau hundert Jahren also, und hier ist sein Lebensmit­telpunkt, zunächst im Kaiserreich, das im Ersten Weltkrieg untergeht, in dem auch sein Vater 1916 den Tod findet. Die heile Welt zerbricht in jederlei Bezie­hung, und so sind die Anfangsseiten der Biografie auch stark auf den zeithistori­schen Kontext dieser Jahre fixiert, der im weiteren Verlauf immer wieder durch­klingt.

1925 macht er seine ersten Leseerfahrungen mit der Phantastik (Otto Willi Gail „Der Schuss ins All“), nachdem er zuvor über das neue Medium Film schon ers­te Berührungen damit gehabt hat. Zunächst aber ist er mehr damit befasst, eine Kaufmannslehre zu absolvieren, die „phantastischen Nerven“ bleiben zunächst eher passiv. Das ändert sich, als er 1928 auf die Kunstsprache Esperanto stößt. Zeitlebens wird Häußler ein intensiver internationaler Esperantist bleiben, und auf diesem Weg wird er 1931 Kontakt in die USA bekommen und nach seiner Heirat 1934 – er bleibt, der beginnenden Naziherrschaft ungeachtet, seiner vogt­ländischen Heimat treu – schließlich 1935 Forrest Ackerman kennen und schät­zen lernen.

Während der Austausch über Esperantisten besonders aus den USA, namentlich eben Ackerman, ihm zahlreiche ausländische SF-Magazine zugänglich macht und seine Neugierde auf die phantastischen Welten der Science Fiction immer größer macht, beginnt sich privat allmählich die Umwelt zu verfinstern.

1937 wird dem Ehepaar Häußler der Sohn Wolfgang geboren, der leider bald ernste Lernschwierigkeiten offenbart und auf diese Weise den Nazi-Behörden mit ihrem Rassenwahn auffällt. Als Herbert Häußler 1940 in die Wehrmacht ein­gezogen und gen Osten geschickt wird, gerät der Sohn Wolfgang in die Mühlen der Euthanasie-Aktionen der Nazis und noch in den Endtagen des Krieges getö­tet – offiziell stirbt er an „Lungenentzündung“.

Häußler selbst befindet sich inzwischen im Lazarett und anschließend als „pri­soner of war“ in einem Kriegsgefangenenlager. Hier kann er glücklicherweise nach dem Fall des Naziregimes wieder Kontakt mit Forrest Ackerman aufneh­men, der jahrelang unterbrochen war, und so gelingt ihm schließlich die Rück­kehr in die Heimat.

Aber er bleibt im Vogtland, das durch die deutsche Teilung nun in den Bereich der DDR fällt. Politisch noch immer eher naiv, versucht sich Häußler mit den Verhältnissen wieder zu arrangieren und die Esperantistenkontakte zu pflegen. Tatsächlich kommt es dann 1957 auch zu einem ersten Treffen mit Forrest Ackerman in Deutschland.

Traurigerweise ist der DDR-Regierung das Esperanto ebenso suspekt wie der Briefkontakt zu „Klassenfeinden“ im Ausland, und so reißt der Kontakt zwi­schen Häußler und Forry wieder für eine Weile ab. Dafür kann Häußler aber Kontakte ins westdeutsche Fandom aufbauen, die natürlich von der DDR-Staats­sicherheit überwacht werden.

Häußler ist nun vielfältig fannisch aktiv, einmal auf der Esperantoschiene, dann aber auch durch die Herausgabe von Fanzines, insbesondere mit Schwerpunkt auf Rezensionen phantastischer Filme und Bücher. In den Jahren seit dem SFCD-Con 1957 in Bad Homburg, woran er teilnehmen kann, bis hin zu seinem Tod im Jahre 1973 ist Häußler reger Phantast in vielfältiger Weise, freilich im­mer etwas geknebelt durch den Ost-West-Gegensatz, die übermächtige SED und die Zensurbehörden, die mal Sendungen aus dem Westen zu ihm durchlassen, mal wieder beschlagnahmen. Manches davon wird sich nach seinem Tod in sei­ner Stasi-Akte finden, die fragmentarisch erhalten ist.

Im Jahre 1966 wird bei Häußler Diabetes diagnostiziert, bald darauf stellen sich auch Folgeprobleme seiner Kriegsverletzung ein. Am 11. Dezember 1973 ver­stirbt Herbert Häußler im Alter von nur 61 Jahren. Seine Frau Gertrud überlebt ihn um 20 Jahre und verstirbt 1994 in einem Pflegeheim im wiedervereinigten Deutschland.

Traurigerweise geht aus dem Epilog der Biografie hervor, dass sie mit der phan­tastischen Sammlung ihres verstorbenen Mannes nicht viel anzufangen wusste. „… so nutzte sie die Gelegenheit, die umfangreiche Sammlung zu versilbern“, heißt es hier recht drastisch. Auf diese Weise ist Häußlers Nachlass leider so gut wie nicht mehr vorhanden. Doch in dieser Hinsicht sind jene Briefe, die er ins Ausland schickte und die erhalten blieben – beispielsweise im Dunstkreis des SFCD oder auch im Nachlass von Forrest Ackerman – sowie auch (grotesker­weise) seine Stasi-Akte von Bedeutung. Sie wurden zum erheblichen Teil in die­ses vorliegende Werk eingearbeitet.

So ist letzten Endes ein sehr vielseitiges, faszinierendes und insbesondere auch zeithistorisch interessantes Porträt eines Mannes entstanden, den man wirklich als „Wanderer zwischen den Welten“ betrachten kann, der in jederlei Beziehung „in interessanten Zeiten“ gelebt hat, wie das chinesische Sprichwort sagt. Ange­siedelt an einem leider durchweg problematischen Ort Deutschlands machte Häußler physisch und lokal verankert die Unbilden des Ersten und Zweiten Weltkriegs mit, der Nazi- und DDR-Diktatur, die deutsche Teilung mit all ihren Turbulenzen und Beschränkungen, erlitt Arbeitslosigkeit, Kriegsgefangenschaft und Ausgrenzung …

Doch auf der anderen Seite, im Geiste, war er frei genug, nach den Sternen zu greifen und dies mit Gleichgesinnten zu tun, die er dank der Sprache Esperanto überall auf der Welt kennen lernen konnte. Man hätte ihm gewünscht, dass er sich nach dem Zweiten Weltkrieg zur Übersiedelung nach Westdeutschland ent­schlossen hätte, wo er fraglos bessere Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätte. Aber das ist Kontrafaktik, in unserer Welt wenigstens ist dies nicht geschehen.

Die verdienstvolle Aufgabe der drei Verfasser ist ein sehr bemerkenswertes Werk, das Häußlers Bedeutung in der frühen Phantastik Deutschlands nachdrü­cklich herausarbeitet. An manchen Stellen des schön illustrierten Werkes hätte freilich ein besseres Lektorat gut getan. Solche Worte wie „Fratanisierungsver­bot“ (S. 32, gemeint ist natürlich „Fraternisierungsverbot“), „Todspritzen“ (S. 35, gemeint ist „Totspritzen“) oder „skurille“ (S. 53, gemeint ist „skurrile“) sind dann einfach ärgerlich. Auch Namensfehler kommen durchaus vor, die hätten vermieden werden können: „Chrustschow“ (S. 42, gemeint ist „Nikita Chruschtschow“), „J. v. Putkammer“ (S. 43, gemeint ist „Jesco von Puttkamer“). Insgesamt ist aber die Fehlerdichte erstaunlich niedrig und tut der Lektüre nur höchst selten Abbruch.

Wer immer sich für den Zeithorizont zwischen 1912 und 1973 und das, was in dieser Zeit in der weltweiten, d. h. zumeist angloamerikanischen Phantastik je­ner Zeit tat, interessiert und dies durch eine spannende, wechselvolle Biografie eines deutschen frühen Phantasten vermittelt haben möchte, sei nachdrücklich auf diese Biografie hingewiesen. Sie lohnt die Lektüre!

© 2012 by Uwe Lammers

Der Schluss meiner fast zehn Jahre alten Rezension mag ein wenig besserwisse­risch klingen, ich weiß. Aber die darüber stehenden Worte zeigen recht klar, dass ich diese Fan-Biografie durchaus gelungen finde. Das Leben Herbert Häußlers, eingebettet in die internationale Esperantistenszene und Phantastik-Szene, u.a. über die Schiene zu Forrest Ackerman in den USA, ist es auf jeden Fall wert, in Erinnerung behalten zu werden. Und vielleicht liefert sie die Blaupause für wei­tere ähnliche Lebensläufe. Insbesondere das Stasi-Unterlagenarchiv und seine Zweigstellen beinhalten ohne Zweifel noch jede Menge Material, das uns beizei­ten weitere Überraschungen bescheren wird.

Ich bin mal sehr gespannt darauf.

In der kommenden Woche kehren wir dann von der biografischen Bodenstruktur der Phantastik wieder zu den Sternen zurück zu einem klassischen SF-Roman. Mehr dazu in sieben Tagen an dieser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

wir sind, soweit das bekannt ist, selbstbestimmte Wesen, die eingebettet in einen steten Strom der Zeit existieren, der von der Vergangenheit konstant in die Zukunft fließt. Unter norma­len Umständen gehen wir von dem Erfahrungswert aus, dass auf einen Sonnenuntergang und eine Nacht normalerweise ein neuer Tag folgt, der sich signifikant vom vergangenen unter­scheidet und eben nicht wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ immer wieder von vorne beginnt.

Die Phantastik hält aber derlei Überraschungen parat, und eine besonders perfide Variante dieser Art ist jene Welt, die ich für den Moment einfach mal die „Vier-Stunden-Welt“ getauft habe. Leser des Fanzines „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA) des Science Fiction-Clubs Baden-Württemberg“ (SFCBW) kennen diese Welt schon, da ich den betreffenden Roman vor einigen Jahren dort als Fortsetzungsgeschichte publiziert habe.1

Obgleich ich nur einmal im Rahmen dieser Geschichte in dieser bizarren und unheimlichen Welt verweilt habe, enthält sie das Potenzial für deutlich mehr, und aufgrund des auftretenden mul­tikosmischen Personals transportiert sie auch enorme Erkennt­nisse, die langfristig nicht nur für mich, sondern für alle eminent sind, die den OSM gern tiefer durchdringen möchten.

Für alle jene unter euch, die die obige Geschichte bislang nicht lesen konnten – es gibt dazu noch kein E-Book – , sei kurz die Ausgangslage skizziert, ehe es in die durchaus verwirrenden Details geht. Die verstörten vermutlich nicht nur die Hauptper­son, den Oheetir-Mönch Shylviin, sondern zu Beginn sicherlich auch zahlreiche der bisherigen Leser:

Alles beginnt im KONFLIKT 21 des Oki Stanwer Mythos, an dem ich innerhalb der Serie „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL) schreibe. Nein, die ist noch nicht fertig, und sie ist auch in­folgedessen leider nicht lesend zu besichtigen. Einige Jahrhun­derte vor Beginn der Serienhandlung befindet sich der junge Mönch Shylviin auf dem Heimweg in sein Dorf, als er von einem Raubtier angefallen und getötet wird. Normale Romane enden hier, aber der OSM ist, wie ihr wisst, anders, hier gibt es spiritu­elle und z.T. sehr handfeste Konzepte für ein Dasein nach dem Tod.

Shylviin hat das Pech, dass er die finstere Variante davon ken­nen lernt – er wird auf die Knochenstraßen TOTAMS gerissen und materialisiert im Innern der schwarzen Kristallwelt in einem neuen Körper: dem eines fleischlosen Skeletts mit schwarzem Kristall-Brustpanzer, und der Körper repetiert maschinell einen Strahlenkarabiner und reagiert wie ferngesteuert.

Der arme Mönch ist völlig konsterniert, er kennt keine Totenköp­fe, die Angehörigen von TOTAMS Elite-Kampftruppen. Und nun ist er selbst einer, ein unsterblicher Knochenkrieger, der auf den Schlachtfeldern der Hohlwelt darauf gedrillt wird, dereinst für die Macht des Bösen in den Krieg zu ziehen. Und das ist leider erst der Anfang.

Im Laufe seiner „Ausbildung“ gelingt es Shylviin allerdings, as­sistiert von einem seltsamen Phänomen, das man später als „Heimweh-Syndrom“ klassifizieren wird, sich aus der mechani­schen Routine zu befreien und aus der Armee zu desertieren. So durchstreift er die finsteren Weiten der Hohlwelt auf der Suche nach … ja, nach irgendetwas, was nicht aus Kristall, Staub und Knochen besteht. Was genau er sucht, kann er selbst nicht sa­gen.

Was er indes findet, darauf ist er in keiner Weise vorbereitet. In einer unterirdischen Passage irrt er in einen bizarren Nebel und wird von einer körperlosen Stimme aufgefordert, ein Geschlecht zu wählen … und dann beginnen die Wunder, die für ihn an­fangs schlichtweg phantastisch sind.

Auf einmal nämlich tritt er durch ein Transmitterportal in einen geschäftigen, farbenprächtigen und von zahllosen humanoiden Lebensformen bevölkerten Saal. Und er ist völlig überwältigt von den Eindrücken, schauen wir uns das mal kurz an:

„…kommen in Vaslinnen-Zentralstation. Willkommen in Vaslinnen-Zen­tralstation. Bitte verlassen Sie die Ankunftszone und machen Sie den Weg frei für weitere Ankömmlinge …“

Der Totenkopf Shylviin, der seinen jähen Schrecken über den brüsken Wechsel der Umgebung – von der unterirdischen Straße in den substanzlo­sen Nebel, dann in das schwarze, materielose Nichts, in dem er hilflos schwebte und von der rätselhaften Stimme angesprochen wurde, hinüber in das ganz kurze Aufblitzen des Feuerschachtes der Knochenstraßen und jetzt hierher, an einen noch viel fremdartigeren Ort – noch nicht recht rea­lisiert hatte, vom Verstehen war er erst recht weit entfernt, kam automa­tisch und ganz benommen der Aufforderung der seltsam warmen, harmo­nischen Stimme nach, die auf einmal ganz eigentümlich vertraut klang, obwohl sie zweifellos überhaupt nichts Oheetirsches an sich hatte. Er trat von dem Kristalltor weg, für das er keinen Blick hatte.

Er starrte auf das Bild, das sich ihm bot und das er in keiner Weise be­griff. Es war in jeder nur erdenklichen Weise atemberaubend, und jedes Detail, das ihm zu Bewusstsein kam, erhöhte die wunderbare Irrealität des­sen, was Shylviin erlebte.

Da war beispielsweise jene Stimme, die ihn indirekt angesprochen hatte.

Es war keine Roststimme.

Es war keine Dämonenstimme.

Und er selbst … er war nicht einmal mehr auf TOTAM!

Vor Shylviins fassungslosen Blicken breitete sich vielmehr ein farben­prächtiger Saal aus, schimmernd von blankem, silbrigem Metall, hellem Kristall und Glas, Rot, Gold, Grün, Blau … ach, es gab fast alle Farben eines Regenbogens, dass der Totenkopf Shylviin fast trunken wurde, allein durch die Gegenwart dieser Farben. Aber das war ja nur der Anfang. In diesem mächtigen Saal wimmelte es von Leben, und es pulsierte eine beispiellose Geschäftigkeit, gegen die selbst ein Truppenaufmarsch von Totenköpfen keinen passenden Vergleich geboten hätte.

Binnen Augenblicken sog Shylviin eine unglaubliche Vielzahl von Details in sich auf: Die Halle, in der er erschienen war, durchmaß sicherlich zwei­hundert Vaay (? Er verstand diesen Begriff nicht, der ihm ganz unwillkür­lich so als Maßeinheit zuflog, aber wenn er genau war, verstand er gegen­wärtig fast überhaupt nichts und nahm es einfach erst einmal so hin). Die Halle war ein hoher Kuppeldom, der von ringförmigen, schwebenden Leuchtelementen erhellt wurde, die allem widersprachen, was er auf TO­TAM kennen gelernt hatte, Der Dom präsentierte sich als ein strahlend hell beleuchtetes Gewimmel von schwebenden Zügen, filigranen Bahnsteigen aus einem silbergrauen Metall und einer Vielzahl von Gleitbändern, auf de­nen seltsame Wesen unterwegs waren.

Und nein, diese Wesen waren definitiv keine Totenköpfe.

Diese Wesen hier besaßen ganz wie die Untoten Arme und Beine in ana­loger Weise, aber sie waren alles andere als untot. Sie bestanden auch nicht nur aus Knochen, sondern besaßen Fleisch und Blut, sie trugen far­benprächtige, luftige Gewänder aus hellen Stoffen, und ein Brausen von Stimmen, in das sich Gelächter, das Kichern von Kindern und das Plaudern zahlloser Gespräche mischte, erfüllte die Halle. Unzählige andere Geräu­sche verwirrten den Totenkopf weiter.

Das Rauschen von hülsenförmigen, aus glitzerndem Kristall und Metall bestehenden Transitzügen, die in leuchtende Transitfelder eintauchten oder austauchten. Das leise Surren der Transportbänder, die Personen und Gepäck von den schwarzen Transmittertoren wegführten. Das Brummen schwebender Kegel, die offensichtlich Roboter waren.

Es gab, allesamt auf schwebenden Metallplattformen aus silbrigem Me­tall bestehend wie die, auf der er selbst stand, eine Vielzahl weiterer schwarzer Kristallquader, die in stetem Strom Personen aufsaugten oder in geordneten Kolonnen ausspieen. Und ein jedes dieser Wesen war unter­schiedlich gekleidet, besaß unterschiedliche Haarfarben, Haarformen, Grö­ßen, Alter, individuelle Gesichter, schwebendes Gepäck glitt wie von Zau­berhand neben ihnen her … und überall erkannte Shylviin glitzernde, schwerelose Ringe, die Geländer um die Plattformen bildeten, wo warten­de Personen standen. Leute in einer Art von hellblauer Uniform, die viel­leicht Dienstpersonal sein mochten, andere, die Ankommende in Empfang nahmen, sie umarmten und wegzogen …

Shylviin konnte nur verstört dastehen und ungläubig dieses Wunder an­schauen, das er in keiner Weise verstand.

Leuchtende Hologrammanzeigen, die er allesamt lesen konnte – aber das verblüffte Shylviin nicht weiter, denn in den Instruktionen wurde den Totenköpfen prägnant beigebracht, dass sie, weil sie Teil von TOTAMS uni­versaler Matrix waren, jede Schrift lesen und jede Sprache sprechen konn­ten, die es im Kosmos gab … als wäre das eine hinreichende Erklärung; nun, das hier war jedenfalls die schlagende Bestätigung, dass das mehr als nur Propaganda war – , wiesen auf unbekannte Ausgangsstationen hin, auf Vergnügungsparks, priesen in Werbespots unerklärliche Produkte an oder brachten Nachrichten.

„Komm, Freund, du stehst hier im Weg herum. Ich habe das Gefühl, du bist hier neu, hm?“, wurde er unvermittelt von der Seite her angespro­chen.

Selbstverständlich muss Shylviin, der nun statt seines ursprüng­lichen Käferkörpers den eines humanoiden Technos der Welt Tushwannet trägt, davon ausgehen, dass er TOTAM auf eine un­begreifliche Weise entkommen ist. Seine Begeisterung kennt keine Grenzen, aber rasch wird er auf grässliche Weise ernüch­tert. Er muss nämlich erkennen, dass er nicht viel Zeit hat.

Zeit ist überhaupt das, wovon niemand hier etwas hat.

Sein neuer Freund, ein Techno, der sich Shandoynoored nennt, reagiert recht eigentümlich und kryptisch, während er sich um Shylviin kümmert. Auch hiervon eine kurze Andeutung:

„Komm, ich glaube, es ist ganz angebracht, ein Café zu besuchen“, sag­te sein Gefährte mitfühlend. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und seufzte. „Noch gut drei Stunden. Ich glaube, es ist ganz gut, wenn ich dich ein bisschen instruiere. Sonst wirst du noch ganz hysterisch.“

„Nein … nein … also … ich meine, es geht mir gut … wirklich“, stammel­te Shylviin. „Es geht mir gut!“

Er konnte nicht einmal sich selbst davon überzeugen. Er blinzelte hek­tisch, um sich zu vergewissern, dass das wirklich kein Traum war. Aber die Welt verschwand weder, noch veränderte sie sich auf schreckliche Weise. Sie setzte sich einfach weiter fort, und jeder Vaay, den er in dieser Welt zu­rücklegte (Vaay musste irgendein Maß dieser Welt sein, schätzte Shylviin), war noch schöner, farbenprächtiger und lebendiger als zuvor.

Das Gleitband brachte sie in zügigem Tempo hinunter zu einem Bogen­portal aus blauem Metall, das vor ihnen rosettenartig aufglitt und eine Vor­halle enthüllte, in der blau uniformierte Männer und Frauen lächelnd den Gästen zulächelten. Das Lächeln hatte etwas Mechanisches, aber es han­delte sich bei ihnen unbestreitbar um lebendige Personen.

„Ja, noch“, seufzte sein unbekannter Begleiter leise in dem Moment als Antwort auf Shylviins wirres Gestammel. Er klang ein wenig traurig.

„Ich verstehe dich nicht.“

„Du verstehst hier vieles noch nicht“, gab der fremde Mann bereitwillig zu. „Aber das Desorientierungssyndrom lässt schnell nach, glaub mir. Du kannst auf die harte Tour lernen oder dich von mir instruieren lassen. Bei­des kostet dich nichts, aber glaub mir einfach – meine Version ist die ange­nehmere. Komm einfach mit.“

So wurde Shylviin in den Alptraum endgültig hineingezogen.

Wie sollte Shylviin auch ahnen, dass er in der Hölle gelandet ist? Sie sieht überhaupt nicht danach aus: Jenseits des Transmit­terdoms breitet sich vielmehr eine atemberaubende unterirdi­sche Shopping-Mall mit unzähligen Stockwerken und Hunderten von Geschäften aus.

Sie besuchen also ein Café, werden bewirtet, und Shylviin muss leider extrem rasch erkennen, dass die Dinge völlig anders sind, als er sich das vorstellt.

Er hat TOTAM verlassen?

Leider nein.

Diese Welt namens Tushwannet, auf der er sich offenbar befin­det, ist ein Ort, an dem er TOTAMS Terror und der ewigen Ver­dammnis, ein Totenkopf zu sein, entfliehen konnte? Ein Ort gar, an dem Oki Stanwer, TOTAMS Todfeind, regiert? Das könnte doch besser überhaupt nicht sein, glaubt er.

Weit gefehlt.

Shandoynoored ist nicht eben feinfühlend mit seinen Bemerkun­gen, und das ist ebenfalls alles erst der Anfang:

„So, Junge, und bis die Bestellung hier ist, kann ich dir ein bisschen was über diese Welt erzählen, auf der du dich momentan befindest“, sagte Shandoynoored in dem Augenblick, und seine Worte machten alles noch viel schlimmer. „Und glaub mir, Freund, je eher du verstehst, dass wir alle tot sind, desto besser ist es für dich. Leider wird dir das nicht helfen, denn unser Sterben ist schon ganz genau terminiert. Und du wirst ebenfalls ster­ben.“

Es wird allerdings noch schlimmer: denn gut drei Stunden nach seiner Ankunft fegt ein infernalischer Feuersturm durch die Shopping-Mall und verwandelt alles in Schmelze und alle Be­wohner in Asche.

Shylviin stirbt.

Shandoynoored stirbt.

Jeder in dieser phantastischen Kulissenwelt stirbt.

Und dann:

Shylviin war ganz verstört, als er wieder die Augen aufschlug.

Er trat ein wenig zittrig aus einem schwarzen Transmittertor und fand sich wieder auf einer runden Empore aus hell schimmerndem Kunstmetall in einem farbenprächtigen Saal, in dem wimmelndes Leben pulsierte. Die Halle, in der er erschienen war, sicherlich zweihundert Vaay tief (215 Vaay, sagte sein unbestechlicher Totenkopfblick gleich darauf).

Ein hoher Kuppeldom, der von ringförmigen, schwebenden Leuchtele­menten beleuchtet wurde, wurde ausgefüllt mit einem Gewimmel aus schwebenden Zügen, filigranen Bahnsteigen aus einem silbergrauen Me­tall und einer Vielzahl von Gleitbändern, auf denen seltsame Wesen unter­wegs waren.

Nein, keine seltsamen Wesen.

Technos.

Er befand sich auf Tushwannet

„… kommen in Vaslinnen-Zentralstation. Willkommen in Vaslinnen-Zen­tralstation. Bitte verlassen Sie die Ankunftszone und machen Sie den Weg frei für weitere Ankömmlinge …“

Immer noch ganz entgeistert kam der Totenkopf Shylviin auch diesmal ganz benommen der Aufforderung der Automatikstimme nach, die der ei­ner hübschen, jungen Techno-Frau nachempfunden war, wie er nun er­kannte. Die Ansage war ihm verstörend vertraut, sogar die Nuancen waren offensichtlich dieselben. War das eine Aufzeichnung? Wurde sie nonstop wiederholt?

Wie war das nur möglich, dass er hier war?

Shylviin fragte sich das ernstlich, und während hinter ihm zahlreiche weitere Personen – allesamt männliche oder weibliche Technos – an ihm vorbei den Gleitbändern zustrebten, fragte er sich, ob das eben nichts an­deres als ein ausgesprochen grässlicher Traum gewesen war.

Sein Tod.

Sein entsetzlicher Tod durch eine unbegreifliche Feuerwalze, die ihn rös­tete, dann sogar noch mit brennenden Trümmerstücken zerhackte und in die Tiefe stürzte, während ringsum die ganze Einkaufspassage in ein lo­derndes Inferno und ein Leichenhaus verwandelt wurde.

Hatte er das tatsächlich erlebt? War es nicht vielleicht doch ein … gräss­licher … ungeheuerlich realistischer … Traum?

Leider nicht, wie er rasch erkennen muss.

Er befindet sich nach wie vor auf TOTAM, allerdings in einer bi­zarren, in sich geschlossenen Raumzeitschleife, wie es aussieht. Der Planet Tushwannet, auf dem er sich offensichtlich aufhält, ist im KONFLIKT 4, über den ich in der Serie „Oki Stanwer – Der Insel-Regent“ (IR) schreibe (nein, leider auch noch nicht vollen­det und erst recht noch fern der Umarbeitung in E-Books, bedaure, Freunde), dieser Planet Tushwannet also, ist bei einem vernichtenden Angriff TOTAMS untergegangen. Alles wurde da­bei zerstört, auch die Shopping-Mall von Tushwannet, in der er sich zurzeit aufhält.

Er hat gleichwohl keinen Zeitsprung gemacht.

Vielmehr verhält es sich – wahrscheinlich – so, dass in dem Mo­ment der Vernichtung ein massiver Informationstransfer statt­fand und alle Informationen bis auf die molekulare Ebene ko­piert und gewissermaßen in TOTAMS physische Kristallsubstanz eingebrannt wurden.

Ein temporaler Zyklus von vier Zeitstunden, der von immer glei­chen Rahmenereignissen stabilisiert wird, läuft seit Urzeiten ab, möglicherweise seit Milliarden von Jahren (der KONFLIKT 4 ist zum Zeitpunkt von KONFLIKT 21, zu dem Shylviin nach TOTAM gelangt, mindestens 85 Milliarden Jahre vergangen!).

Innerhalb dieser stabilisierten Vier-Stunden-Welt befinden sich Zehntausende von Technos, die als „Automaten“ bezeichnet werden und ein statisches Verhalten an den Tag legen … aller­dings kommt es vor, dass Totenkopf-Seelen wie die von Shylviin in die Vier-Stunden-Welt hineingesogen werden, und damit sie keine körperlosen Schemen werden, besetzen sie einen Auto­mat-Techno-Körper und erlangen so autonome Handlungsfrei­heit.

Woran sie nichts zu ändern vermögen, ist der Feuersturm, der diese Mikrowelt alle vier Stunden auslöscht. Und anschließend tauchen sie wieder an ihrem ursprünglichen Materialisierungs­ort auf (Shylviin also in der Transmitterhalle, andere in einer Liftkabine, einem Café, einem Bordell, Kino usw.), wo sie ihre Gastkörper übernehmen.

Viele von ihnen sind schon seit Jahrhunderten hier gefangen, ausweglos, immerzu in dem kleinen Zyklus aus 4 Stunden Exis­tenz gebannt. Und da sie immer noch mental Totenköpfe sind, können sie weder wahnsinnig werden noch irgendetwas von ihren Todeserlebnissen in der Mall vergessen.

Shylviin versucht verzweifelt herauszufinden, was hier über­haupt passiert, und so stößt er auf die Fährte der „Alten Armee“ TOTAMS, jener monströsen Krieger, die die Vorgänger der Toten­köpfe waren.

Und er versucht auf vielfache Weise, diese Welt zu verlassen, die ungeachtet ihrer luxuriösen Ausstattung und all der Leibes- und Gaumenfreuden, die er erlebt, nach wie vor ein geschlosse­ner Alptraum ist.

Da ihr diesen Roman sicherlich beizeiten einst lesen werdet, möchte ich an dieser Stelle nicht mehr verraten, nur soviel: Ja, es gibt eine haarsträubende Form von Schlupfloch, durch das man die Mall wieder verlassen kann. Aber die Konsequenz ist, dass man unendlich Kostbares dabei unwiederbringlich verliert.

Obgleich es jetzt schreibend für mich schon über zehn Jahre her ist, dass ich in dieser Welt weilte, hat sie sich auf beeindrucken­de Weise in meinen Verstand eingebrannt – und ich hoffe, das geht euch beizeiten genauso, wenn ihr die Geschichte lesen könnt.

Für heute möchte ich diese janusgesichtige Alptraumwelt ver­lassen. In der kommenden Woche geleite ich euch in die nicht minder alptraumhafte Szenerie der Serie „Horrorwelt“ hinein, in der ich bis zum Auftakt des legendären Titanenkampfes berich­ten werde. Der Schlussteil dieser Serie wird noch länger auf sich warten lassen, weil die Episoden 151-172 erst zu digitalisieren sind.

Macht es gut und bleibt gesund und weiterhin neugierig.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Vgl. bei Interesse den Roman „Die Totenköpfe 1: Die Alte Armee“, veröffentlicht in BWA 400 (Januar 2017) bis BWA 425 (Februar 2019).

Rezensions-Blog 314: Die Muschel auf dem Berg

Posted März 31st, 2021 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute stelle ich euch mal wieder ein echtes kleines Schmankerl der Wissenschaftsgeschichte vor, das ich ausdrücklich als Ent­deckung ans Herz lege. Vor fünfzehn Jahren kaufte ich das Buch neugierig und verschlang es binnen vier Tagen – das passiert mir mit Belletristik natürlich häufig, aber historisch-biografische Werke brauchen in der Regel etwas länger.

Hier war das Thema so unwiderstehlich, die Prosa so flüssig übersetzt und die Vita von Nicolaus Steno so pointiert darge­stellt, zudem die wiedergegebenen landläufigen Ansichten des 17. Jahrhunderts derart … ja, ich sage mal, bizarr, dass ich ein­fach zum unentwegten Weiterlesen animiert wurde.

Und was es da nicht für verrückte Ideen gab. Kristalle, die man für „versteinertes Eis“ hielt. Versteinerungen, die wahlweise von der Erde selbst als Manifestationen ausgeschwitzt wurden oder vom Himmel fielen … abenteuerlich für uns Heutige. Aber wenn man den Denkhorizont der meisten, überwiegend christlich sozialisierten und zudem nahezu komplett analphabetischen Men­schen von einst berücksichtigt, durchaus auf eigenwillige Weise konsistent.

Die Welt war, wiewohl dieselbe, auf der wir heutzutage weilen, mental doch eine vollkommen andere. Der Glaube an die unbe­dingte Zuverlässigkeit antiker Autoren und Philosophen bzw. der Heiligen Schrift erzeugte, wenn man auf Phänomene stieß, die man sich einfach nicht erklären konnte, eine verwegene Form von legitimierender Erklärung, die dann freilich durchaus heid­nischer Natur sein konnte … ohne dass man da einen impliziten Widerspruch zur Bibel sah.

Eine eigenartige Welt, eindeutig. Und Nicolaus Steno als wacher Geist und Wissenschaftler machte sich daran, die alten Denkge­wohnheiten durch kritisches Hinterfragen in einer äußerst un­willkommenen Weise zu kontrollieren, und in mancherlei Fällen kam er zu dem Schluss, dass die bisherigen Mutmaßungen eben nur dies waren, nämlich Mutmaßungen. Und dass sie in den weitaus meisten Fällen sehr weitab lagen von der Realität (die allerdings auch er nur in Umrissen erkannte, dafür war die Zeit meistenteils noch nicht reif).

Wer gern in die seltsame Denkwelt des 17. Jahrhunderts eintau­chen will und die Denkpfade von Nicolaus Steno verfolgen möchte, um herauszufinden, was mit der titelgebenden „Mu­schel auf dem Berg“ denn nun konkret gemeint ist, der sollte einfach mal weiterlesen:

Die Muschel auf dem Berg

(OT: The Seashell on the Mountaintop)

Über Nicolaus Steno und die Anfänge der Geologie

von Alan Cutler

Knaus-Verlag, 2004

260 Seiten, geb.

ISBN 3-8135-0188-4

Deutsch von Harold Stadler

Das Phänomen war schon lange bekannt, und niemand hatte das Rätsel jemals lösen können: bereits in antiken Zeiten be­richteten Geschichtsschreiber und Autoren, ja, selbst Philoso­phen von Reisen in ferne, meist gebirgige Gegenden der Welt, und was brachten sie von dort für Kunde mit?

Sie hatten in Steinbrüchen, an den Hängen und auf Hügeln doch tatsächlich seltsame Dinge gefunden, die ihnen auf obskure Weise vertraut schienen: Steine, die aussahen wie Muscheln. Oder wie Seeschnecken. Oder wie Korallen. Andere wieder, etwa die legendären „Zungensteine“, sahen fast so aus, als wä­ren es zu Stein erstarrte Zähne blutgieriger Raubfische.

Das alles war natürlich völlig unmöglich, denn wie sollte bei­spielsweise ein Haifisch auf einen Acker im Innern der Insel Mal­ta gelangen und dort seine Zähne verlieren? Zudem gab es na­türlich keine Fische, deren Zähne aus Fels bestanden, und Fels war es unbestreitbar.

Auch wuchsen selbstverständlich keine Muscheln in den Gebir­gen, schließlich hatte Gott der Schöpfer selbst bestimmt, dass sie nur im Meer vorkamen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass die Erde selbst erst im Jahre 4004 vor Christus vom Schöp­fer erschaffen worden war, gab es, als das Christentum schließ­lich die vorherrschende Denkrichtung wurde, die die Welt erklär­te, gewisse Schwierigkeiten mit diesem Phänomen.

Nun, oder auch nicht.

Als im Jahre 1666 der dänische Anatom Nicolaus Steno in Flo­renz im Auftrag seines Gönners aus dem Haus der Medici den Kopf eines gigantischen Haies sezierte, schien dieses Thema vollständig fern zu sein und nicht im Mindesten mit dem zu tun zu haben, was er tat, und doch sollte Nicolaus Steno sich hart­näckig an der Frage der „Muscheln auf dem Berg“ festbeißen und eine eigene Theorie entwickeln, die schließlich entgegen al­ler Wahrscheinlichkeit langfristige Gültigkeit beanspruchen wür­de.

Nicolaus Steno, 1638 in Kopenhagen auf der Insel Seeland ge­boren während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges, die sich hier in fortwährenden militärischen Gemetzeln zwischen den Dänen und den Schweden äußerten, war anfangs kein vom Schicksal begünstigter Mann. Sein Vater starb früh, seine Mutter verheiratete sich wieder, Stenos Studium der Medizin musste er abbrechen, konnte es dann aber im Ausland später vollenden, mit Hilfe von Gönnern, die sein Talent erkannten.

Stenos Talent lag in einer beispiellos ruhigen Hand und einer un­wahrscheinlich präzisen Beobachtungsgabe verborgen, die ihn geradezu zum Anatomen prädestinierte. Bei der Sektion von Leichen entdeckte er dabei allerdings Dinge, die ganze Genera­tionen von Anatomen vor ihm schlicht nicht entdeckt hatten. Und wie das bei anerkannten „Autoritäten“ auch heute gern so ist, wurde Stenos Entdeckung zunächst als Irrtum interpretiert … und dann von Stenos auf diese Weise bloßgestelltem Vorgesetzten als eigene Entdeckung ausgegeben. Der durchaus streitlustige Däne machte so nachdrückliche negative Erfahrungen mit dem wissenschaftlichen Establishment.

Schlimmer noch: indem er durch seine anatomischen Untersu­chungen feststellte, dass der von ihm verehrte (und kurz zuvor verstorbene) Philosoph René Descartes schlicht Unrecht hatte mit seiner mechanistischen Lehre vom Ursprung der menschli­chen Bewegungen, erwachte in ihm ein skeptischer Argwohn gegen jede Art von etablierter Doktrin und Lehre.

Universell gebildet und weit herumgekommen, unter anderem auch in den Sammlungen europäischer Adeliger und Professo­ren, kam es schließlich auch, dass er in Florenz bei der Sektion des Haifischkopfes ein besonderes Augenmerk auf die Zähne legte.

Denn er hatte dergleichen schon gesehen, freilich aus Stein: so­genannte „Glossopetren“, also „Zungensteine“, die besonders häufig auf der Insel Malta gefunden wurden. Es gab einige in seinen Augen recht abenteuerliche Erklärungsversuche. Ein paar seien mal aus dem Buch zitiert:

Weil die Zungensteine oft verstreut auf der kargen Krume ge­funden wurden, glaubten viele Menschen, sie fielen vom Him­mel.“

Nicht sehr plausibel? Na, wie ist es dann mit dieser Erklärung?

Glossopetren waren am häufigsten nach starken Gewittern zu finden (behauptete der römische Naturphilosoph Plinius, der es als anerkannte Autorität ja wissen sollte), was die alternative Theorie aufkommen ließ, es handle sich um Scherben von Blit­zen.“

Auch das konnte Nicolaus Steno nicht sonderlich überzeugen.

Die Bibel berichtete ferner von einer dritten Erklärungsmöglich­keit, die akzeptabler schien. Sie hatte zu tun mit einer Reise des Apostels Paulus, die ihn auf Malta stranden ließ (und man erin­nere sich, dort fand man besonders viele Zungensteine). Hier wurde der Apostel von einer giftigen Schlange gebissen. Weiter hieß es: „Doch zum Erstaunen aller schüttelte Paulus die Schlange ohne jegliche Folgen ab. Die Malteser glaubten, Pau­lus habe die Schlangen deshalb mit einem Fluch belegt und ih­nen die Giftzähne geraubt. Zum Gedenken an das Wunder des Paulus habe die Natur Steine in Form von Schlangenzähnen her­vorgebracht. Diese Geschichte lieferte nicht nur eine Erklärung für die Steine selbst, sondern auch für deren Wirkung gegen Gif­te.“

Wie gesagt, all das überzeugte den streng gläubigen, damals noch protestantischen Dänen nicht. Für die meisten Menschen schien das, so erstaunlich uns das heute anmutet, aber auch gar kein Problem zu sein. Ganz im Gegenteil! Denn sowohl für die Zungensteine als auch für Muscheln im Fels boten sich eine Vielzahl anderer Deutungen an, die offensichtlich freimütig ak­zeptiert wurden:

Nach dem Denken der Zeit gab es viele weitaus plausiblere Er­klärungen für das Wachstum von Muscheln im Gestein als et­waige Verschiebungen von Land und Meer. Der Kosmos wurde als Netz astraler Einflüsse und okkulter Wechselwirkungen an­gesehen. Die Erde lebte und bebte vor ‚plastischen Kräften‘ und ‚generativen Prinzipien‘ und triefte von ‚gesteinsbildenden Säf­ten‘ und ‚feuchten Ausdünstungen‘. Steine von jeder erdenkli­chen Gestalt wuchsen wie Pflanzen und fielen auch mit dem Re­gen zu Boden.“

Überhaupt machten sich selbst die gelehrten Wissenschaftler und Theologen, die sich an griechischen Klassikern orientierten, nur relativ wenige Gedanken darüber, dass sich die Altvorderen vielleicht getäuscht haben mochten. Es ist unwahrscheinlich, dass viele Leute die Behauptung antiker Autoren hinterfragten, derzufolge Kristalle nichts anderes seien als „versteinertes Eis“.1

Es konnte also nicht ausbleiben, dass uralte Denkmuster sich hartnäckig hielten:

Nach der alten Hypothese der Spontanzeugung konnten Mu­scheln ebenso leicht auf dem trockenen Land entstehen wie im Meer … Es entsprach ihrer Natur (schrieb Aristoteles), überall dort spontan zu wachsen, wo günstige Bedingungen herrschten. Wieso sollten Muscheln und Austern, vielleicht nach einem or­dentlichen Regenguss, nicht in salzigen Wüstenböden oder kal­kigem Gebirgsgestein sprießen?“

Außerdem ging man davon aus, dass „die charakteristischen Merkmale einer Tier- oder Pflanzenart … nicht durch ein vererb­tes inneres Programm bestimmt …, sondern von der Weltseele und der Sphäre der Ewigen Formen in diese hineingestrahlt (wurden) … Von allen irdischen Sphären reichten die Berggipfel am nächsten an die himmlische Sphäre heran, in der die Ewi­gen Formen angeblich wohnten. War es nicht denkbar, dass sie bisweilen Muschelemanationen abfingen, die für den Meeresbo­den bestimmt waren …?“

Und dann kam Nicolaus Steno, der nur dem traute, was seine scharfen Augen und sein flinker Verstand ihm sagten. Naturge­mäß begann damit auch eine Krise des Denkens und der hart­näckigen Auseinandersetzungen …

Der englische Paläontologe und Geologe Alan Cutler hat mit die­sem schmalen Bändchen ein Buch vorgelegt, das er ausdrück­lich als „nicht wissenschaftlich“ bezeichnet, das sich also an den interessierten Laien richtet. Es arbeitet ausführlich das Leben des Anatomen, Geologen und Theologen Nicolaus Steno heraus, ausdrücklich vor dem uns faszinierend fremden Denkhinter­grund der Mentalität des 17. Jahrhunderts, in einer Zeit also, in der Theologie und Mystik noch mehrheitlich die Welterklärung leisten und Aberglaube in den unterschiedlichsten und abenteu­erlichsten Schattierungen Gang und Gäbe ist.

Wer als Wissenschaftler, insbesondere als Historiker dieses Buch liest, wird vielleicht bedauern, dass es nicht über eine Fuß­notenkommentierung verfügt, dürfte aber durch das mehrseiti­ge alphabetische Register und das Literaturverzeichnis entschä­digt werden. Zudem muss man Cutler und seinem Übersetzer attestieren, dass das Buch sowohl flüssig geschrieben als auch übersetzt worden ist, und Langeweile kommt wahrhaftig nir­gends auf.

Ganz im Gegenteil: Wer wie ich das Buch binnen von 4 Tagen liest, wird neue Fragen in sich aufsteigen fühlen. Etwa diese: Wer genau war dieser Universalgelehrte Athanasius Kircher, und wie konnte er auf diese absolut abenteuerlichen Lehren kom­men, die sich im 18. Jahrhundert, durchaus mit Billigung der Kir­che, europaweit ausbreiteten? Denn er war, wenn man genau ist, quasi ein „Bestsellerautor“ des 18. Jahrhunderts. Oder auch die Frage: Wie ging die Kirche mit dem wirklich sehr weit ver­breiteten Aberglauben an eine mit Selbstzeugungskraft beseel­te Erde um, die ja eine direkte Konkurrenz zur kirchlichen Lehre darstellte?

Bücher, die spannende Fragen aufwerfen und uns wie von Ar­chäologen gegrabene Schächte einen Blick in die Tiefen der menschlichen Geschichte und der dort beheimateten Psyche werfen lassen, halte ich persönlich für gelungene Werke. In die­sem Fall sei Cutlers Buch all jenen empfohlen, die sich nicht vom vermeintlich „trockenen“ Gegenstand der Geologie ab­schrecken lassen. An diesem Gegenstand ist fürwahr gar nichts Trockenes! Auch wenn man die fossilen „Muscheln auf dem Ber­ge“ nun einmal selten im Meer antrifft …

© 2006 by Uwe Lammers

Ihr merkt, ich bin immer noch sehr angetan von diesem Werk. Lektüre lohnt sich also auch nach all der langen, seither verstrichenen Zeit unbedingt. In der kommenden Woche bleiben wir bei Biografien, landen aber mitten im 20. Jahrhundert in Deutschland. Und, versprochen, es wird phantastisch!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. GEO 2/1984.

Liebe Freunde des OSM,

der Monat Dezember ist immer ein umtriebiger und arbeitsrei­cher Monat für mich – weniger, weil ich dann noch so viele Ge­schichten schreiben kann, sondern weil viel Energie darauf ver­wendet werden muss, solche schönen wie zugleich fordernden Aufgaben umzusetzen, die nun mal mit dem Jahresende zusam­menhängen: Weihnachten gilt es zu planen, Weihnachtspost für die lieben Freunde und Verwandten zu entwerfen, zu schreiben und zu versenden, die mir teuer sind. Gegebenenfalls sind noch Weihnachtsgeschenke zu organisieren, und dann habe ich den selbstgestellten Anspruch, bis zum Silvesterabend möglichst noch eine breite Schneise in die aufgelaufene und bislang aus Zeitgründen nicht beantwortete Post zu schlagen.

Das alles steht natürlich dem ungehemmten Ausleben meiner Kreativität gründlich im Weg, folgerichtig fällt der kreative Out­put im Dezember meist recht verhalten aus.

Wie sah das im Corona-Jahr 2020 aus? Nun, noch deutlich selt­samer. Bekanntlich arbeite ich ja derzeit auf einer Vollzeitstelle an der Uni, und der letzte Arbeitstag war hier der 22. Dezember. Erst im Anschluss konnte ich mich den obigen Angelegenheiten mit voller Energie widmen … die Corona-Besonderheiten dieses Jahres machten die Eigenartigkeit des Monats vollständig.

Weihnachtsgeschenke kaufen im Lockdown, während man stets gewärtigen muss, unerkennbaren Virenträgern im Gedränge von Kaufhäusern über den Weg zu laufen?

Keine gute Idee. Ich habe das demgemäß auch vermieden.

Freunde im Vorfeld treffen? Auch dies habe ich auf ein Minimum reduziert.

Besuch bei den Verwandten über die Festtage? Leider gestri­chen. Von der Gegenseite her herrschte zu große Furcht, ich könne das Virus einschleppen und die betagten Schwiegereltern anstecken. Das konnte ich nachvollziehen, bedauerlich blieb das gleichwohl.

Also stürzte ich mich in die anderen Aufgaben und kam, wie ich nach dem gestrigen (angenehm ruhigen) Silvestertag konstatie­ren kann, recht ordentlich voran. Der Berg beantworteter und ausgedruckter Mails ist wirklich bemerkenswert. Das Wegsortie­ren habe ich in dieses Jahr verlagert.

Was meinen kreativen Output angeht, so kam ich auf insgesamt 22 abgeschlossene Werke, von denen aber 8 auf die Digitalisie­rung einer alten Non-OSM-Serie entfielen, bei der jede Episode nur 5 Textseiten umfasst. Ich lasse sie hier weiterhin außer Be­tracht. Ansonsten kam ich zu folgenden Werken:

Blogartikel 417: Work in Progress, Part 95

(OSM-Wiki)

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“)

Anmerkung: Dieses Glossar wurde weitergeführt, aber es ist na­türlich noch weit von der Vollständigkeit entfernt. Hier habe ich aber immerhin den Vorteil – im Gegensatz zu den Glossaren für die Ebenen 16, 20 und 23 – , dass es schon damals in den 90er Jahren ein voll ausgearbeitetes Serienlexikon gab, auf dem ich aufbauen kann … auch wenn die Einträge oftmals irreführend und unpassend abschweifend sind, so dass sie eigentlich neu geschrieben werden müssen.

12Neu 100: Kommandounternehmen Entropiehammer

(12Neu 101: Der Konstantenwechsler)

(12Neu 102: Galaxis im Mahlstrom)

(12Neu 103: Emissär aus der Ewigkeit)

(12Neu 104: Ausflug in die Zukunft)

13Neu 7A: Der glühende Schädel

(Glossar der Serie „Oki Stanwer Horror“)

Anmerkung: Auch hier machte ich vor Jahrzehnten (ca. 1987) schon den Ansatz, ein Lexikon zu entwerfen, das aber in den Ansätzen stecken blieb. Ich baue auch darauf auf, vervollständi­ge es aber sukzessive. Das ist eine Dauerbaustelle für 2021.

Blogartikel 424: Close Up – Der OSM im Detail (26)

(Das Geheimnis von Church Island – OSM-Novelle)

Anmerkung: Hier kam ich zwar gut voran, aber unmittelbar nach Oki Stanwers Eintreffen in Westcott stockte die Geschich­te, die ja bald darauf ins blutrünstige Finale übergehen wird. Momentan hadere ich noch mit dem Nebel und der Frontenbil­dung … ihr werdet das verstehen, wenn ihr die vollständige Ge­schichte lest. Da wird das Problem dann gelöst sein.

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-BUCH)

(Das Rätsel von Garos – OSM-Hintergrundtext)

Anmerkung: Hieran versuchte ich, weiterzukommen. Dieser Hin­tergrundtext wurde entworfen, als ich am CK 1-E-Book schrieb, speziell am dortigen Garos-Kapitel. Aber ich fand nicht recht hinein und schickte die Datei wieder in den Entwurfsschlummer.

(DSf 53: Zielpunkt Zhanyor)

Anmerkung: Dies war der Versuch, eine weitere Serienlücke zu schließen, aber auch hier war ich zu weit vom eigentlichen Stoff entfernt, um voranzukommen … was nicht überraschen kann, da ich parallel mit der glossarischen Durchdringung des KON­FLIKTS 23 „Oki Stanwer – Der Dämonenjäger“ begonnen hatte … und ich sage euch, DIE Serie lenkt mich von so ziemlich al­lem anderen ab. Ich bin inzwischen mit der reinen Lektüre des Bandes deutlich jenseits von Band 100 und schwerstens begeis­tert. Das ist toller, wilder Lesestoff. Darauf könnt ihr euch bei­zeiten wirklich freuen.

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Der Dämonenjäger“)

Silvesterblog 2020

13Neu 8: Der Todesfahrer

(13Neu 9: Der Killer mit meiner Waffe)

(Falsche Voraussetzungen – Archipel-Story)

Anmerkung: Eine kurze, nur wenige Seiten ausweitende Stippvi­site auf dem Südkontinent der Archipelwelt … führte nicht allzu weit.

(12Neu 105: Das Chaos-Universum)

(Die Kolonie Saigon II – Erotic Empire-Roman)

So, und da verließen sie mich dann schon.

Oh, ihr sagt, das seien ja nur sechs Werke effektiv? Wie ich dazu käme, oben von 22 zu sprechen? Selbst wenn man die erwähn­ten 8 abzieht, müsste ich doch auf 14 kommen, und wo sei der Rest?

Tja, ihr müsst folgende Fakten natürlich an dieser Stelle mit be­rücksichtigen: Die Digitalisate der Horrorwelt-Serie werden nicht erfasst, ebenso wenig die Rezensions-Blogs. Und damit ist die Reihe der abgeschlossenen Werke fast schon vollkommen. Auch Rezensionen (diesmal nicht im Plan enthalten) und die monatli­che Fertigstellung des Fanzines Baden-Württemberg Aktuell (BWA) tauchen in den Work in Progress-Blogartikeln üblicherwei­se nicht auf.

Mich hat im Dezember natürlich selbst geärgert, dass ich mit den 12Neu-Digitalisaten zwar anfangen konnte, aber kaum vor­an kam. Und der Jubiläumsband 100 umfasste wirklich viele Sei­ten und kostete mich deutlich mehr Zeit als üblich. Dennoch war ich mit dem Endresultat des Monats durchaus zufrieden, insgesamt kam ich auf mehr als 800 Seiten, von denen aller­dings sehr viel auf Korrespondenz und Listen entfiel (beides auch nicht Bestandteil dieser Aufstellungen).

Doch jetzt ist der Horizont erfreulich offen, und ich bin sehr ge­spannt, wohin mich diese kommenden 365 Tage bringen wer­den. Von vollmundigen Plänen möchte ich heute absehen (ebenso, wie ich das im Silvesterblog schon vermieden habe), da ich weiß, regelmäßig mit meinen Wünschen übers Ziel hin­auszuschießen. Nur soviel ist ganz gewiss: Ich möchte unbe­dingt wieder ein paar E-Books fertigstellen und euch zu lesen geben. Die Totalflaute von 2020 soll sich nach Möglichkeit nicht wiederholen.

Ich hoffe, ihr seid alle gut und gesund ins neue Jahr hinein ge­langt … wenn ihr diese Zeilen in ein paar Monaten lest, die ich am Neujahrsmorgen 2021 schreibe, sind wir alle schon schlauer.

Macht es gut und bis nächste Woche!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 313: Calendar Girl 2: Berührt

Posted März 25th, 2021 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wie versprochen wird es heuer nach den hochdramatischen Er­eignissen um die OREGON-Crew in der vergangenen Woche wie­der ein wenig ruhiger, verträumter und in gewisser Weise bo­denständiger.

Wir erinnern uns – im ersten Teil von Audrey Carlans „Calendar Girl“-Vierteilers wurde uns die Notlage des in Las Vegas leben­den Mädchens Mia Saunders vor Augen geführt, das durch Spielschulden des Vaters binnen relativ kurzer Zeit eine Million Dollar an den Kredithai Blaine Pintero abzuliefern hat. Die einzi­ge Chance, die ihr blieb, war die, auf das Angebot ihrer Tante Millie einzugehen und für 12 Monate zu einem hoch bezahlten Escort-Girl zu werden.

Drei dieser Monate sind schon verstrichen, jetzt folgen die nächsten drei Engagements, die sie von Boston über Hawaii nach Washington, D.C. reisen lassen. Dabei lernt sie wieder neue, faszinierende und zum Teil auch ziemlich beunruhigende Typen kennen und findet sich in bisweilen eigenartigen Settings wieder.

Langweilig wird das jedenfalls nie, auch wenn man hier schon deutlich merkt, wie der romantisierende Weichzeichner arbeitet. Wie das im Detail ausschaut? Nun, das seht euch am besten mal selbst an:

Calendar Girl 2: Berührt

(OT: The Calendar Girl – April/May/June)

von Audrey Carlan

Ullstein 28885

418 Seiten, TB

August 2016, 12.99 Euro

Aus dem Amerikanischen von Graziella Stern (April), Friederike Ails (Mai) und Christiane Sipeer (Juni)

ISBN 978-3-548-28885-7

Vielleicht ist es doch gar nicht so übel, ein Escort-Girl zu sein, wenn auch zwangsweise. Das ist Mia Saunders´ Fazit nach den ersten drei Monaten, in denen sie sowohl ihre stagnierende Schauspielerkarriere in Kalifornien auf Eis legen muss als auch ihre kleine unvollständige Familie in ihrer Heimat Las Vegas im Stich zu lassen gezwungen ist.

Gott weiß, dass sie lieber an der Seite ihres Dads wäre. Er ist der Grund, warum sie das alles macht und für ihre Tante Millie („Mrs. Milan, wenn ich bitten darf!“) und ihre Agentur Exquisite Escorts arbeitet. Obwohl … wenn man es genau bedenkt, ist das doch im Kern ihre Schuld: schließlich war sie so dämlich, sich in den Kredithai Blaine Pintero zu vergucken, der sich als ausgesprochener Mistkerl entpuppte. Blaine hat ihren spielsüch­tigen Vater finanziert und ihn, als dieser seine horrenden Spiel­schulden nicht bezahlen konnte, krankenhausreif geschlagen. Seither soll Mia nun eine Million Dollar auftreiben, und allein ihre Tante bot ihr einen Ausweg: für den Satz von 100.000 Dol­lar pro Monat zwölf Monate als Escort-Girl zu arbeiten. Sex ex­klusive (der kostet die Kunden extra). Am Anfang empfand Mia das als eine Mischung aus Sklaverei und Prostitution.

Gut, sie kam in den Staaten sagenhaft weit herum. Sie kostete von der verführerischen Droge Luxus und wurde mit einer Pracht konfrontiert, die sie selbst kaum jemals geschmeckt hat­te. Und sie lernte, das war vielleicht das Unglaublichste, phan­tastische Männer und unfassbar heißen Sex kennen.

Und verlor ihr Herz.

Damit begann das Drama.

Denn schon ihr erster Kunde, Weston Charles Channing der Dritte schlich sich in ihr Herz, wie es sonst niemand ihrer kata­strophalen Liebsten schaffte. Er hätte auch bereitwillig ihre Schulden übernommen, aber in diese Form neuer Abhängigkeit wollte sich Mia nicht begeben. Darum machte sie weiter. Aber Wes folgt ihrem Herzen wie ein beständiger Schatten.

Im April wird sie nach Boston delegiert, und zwar an die Seite des Baseball-Jungstars Mason „Mace“ Murphy, der sich von An­fang an – wie üblich – falsche Vorstellungen von einem Escort-Girl macht und sich denkt, dass sie „natürlich“ sein Bett wär­men werde. Das nimmt er generell von jedem Mädel an, das ihm über den Weg läuft, und die meisten landen tatsächlich in seinem Bett.

Tja, da hat er sich aber geschnitten. Mia macht unmissverständ­lich klar, so knackig der Auftraggeber diesmal auch wieder sein mag, dass er für derlei Dienstleistungen erstens ihre Zustim­mung braucht und zweitens locker 20.000 Dollar extra zu zah­len habe. Das ernüchtert Mace dann doch und verhagelt ihm erst mal die Laune. Und in der Folge gibt es noch einige Kompli­kationen, die unter anderem in Masons Managerin Rachel beste­hen und seinen Imageproblemen Suff, Sexgelage und Prügelei­en – um diese wirkungsvoll durch das Darstellen einer dauern­den Freundin zu vereiteln, ist Mia überhaupt erst angestellt wor­den, und zwar von Rachel. Aber ihr scheint das sehr schnell eine sehr üble Idee zu sein, die zu tränenreichen Problemen führt …

Noch mehr setzt Mia in diesem Monat der selbst auferlegte Sexentzug zu. Denn in ihrem Herzen brennt nach wie vor die Sehnsucht nach Wes, und selbst wenn sich der burschikose und rüpelhafte Mace sich sehr bald gentlemanlike verhält, genügt Mia doch ihr Vibrator schon lange nicht mehr. Und dann ergibt sich die Chance, einen Zwischenstopp in Seattle einzulegen – und sie kann der Versuchung nicht widerstehen, sich mit einem Ex-Kunden zu treffen.

Im Monat Mai wird sie von ihrer Tante nach Hawaii ins Paradies geschickt, um hier für einen Fotografen in einem Modelshooting zu arbeiten. Doch zu ihrer Verblüffung ist es überhaupt nicht der Fotograf, der ihre Libido entflammt, sondern ihr Modelpartner, der Samoaner Tai Niko, ein tätowierter Hüne, der sie sofort emo­tional versengt (warum musste ich dabei nur an Dwayne John­son denken … no idea … lach!). Zu dumm allerdings, dass er mehr sucht als nur eine kurzweilige Bettgefährtin für einige Wo­chen – er will eigentlich „seine Unendlichkeit“ suchen, die Frau, mit der er den Rest des Lebens verbringen kann. Glücklicher­weise entspricht sie, von seiner medial veranlagten Mutter vor­ausgesagt, so gar nicht Mias Äußerem, sondern soll eine blasse Blondine vom Festland sein.

Aber Mia hat ihre kleine Schwester Maddy und die beste Freun­din Ginelle zum Urlaub auf Hawaii eingeladen, und beides sind Blondinen … und Maddy hat bei der Wiederbegegnung einen Schocker ganz heftiger Art für ihre ältere Schwester parat, der Mia völlig aus der Bahn wirft.

Um sich von dieser Schocksalve ein wenig zu erholen – auch Blaine Pintero hat erneut seine gierigen Krallen nach ihr ausge­streckt und würde sie zu gern wieder als seine Bettwärmerin se­hen – ist es fast schon erholsam, als Mia dann im Juni ihren nächsten Termin wahrnimmt.

Diesmal reist sie in die inzwischen klimatisch schwülheiße Hauptstadt Washington, D.C., und hier soll sie die Galabeglei­tung eines älteren Unternehmers namens Warren Shipley sein. Shipley stammt wirklich aus altem Geldadel und residiert in ei­ner unfassbar feudalen Villa, verwaltet von seiner Haushälterin Katherine – und dummerweise hat er mit dem unverschämt at­traktiven Senator Aaron Shipley, den Mia aus den Nachrichten kennt, auch einen smarten Sohn, der sehr rasch ein Auge auf sie geworfen hat.

Ähnlich wie in Boston knistert es – durchaus krisenhaft – zwi­schen Shipley senior und seiner Haushälterin, und Mia ist inzwi­schen so versiert, derlei Signale zu entschlüsseln, dass ihr das sofort auffällt. Was sie jedoch krass unterschätzt, ist das Inter­esse Aaron Shipleys. Und das führt dann zur Katastrophe …

Auch der zweite Band um das Calendar Girl Mia Saunders ver­steht es, den Leser in drei höchst interessante Szenarien zu ver­setzen. Mason Murphy, Tai Niko und Warren Shipley könnten verschiedener kaum sein, auch die Settings, in denen Audrey Carlan ihre Protagonistin versetzt, sind deutlich differenziert, so dass man nicht das Gefühl hat, irgendwie in einer Wiederho­lungsschleife zu landen. Die sexuelle Glut des ersten Romans wird durch die Settings, die derlei zum Teil nicht zulassen, deut­lich abgemildert, aber das tut der Lesbarkeit des Romans abso­lut keinen Abbruch.

Dafür wird massiv der Humor ausgebaut, der manchmal beim Lesen zu prustenden Ausbrüchen reizt, ganz ehrlich. Mia ist so­wieso, das merkt man hier noch deutlicher als im ersten Roman, eine durchaus humorvolle Person. Das merkt man schon daran, dass sie ihre beste Freundin Ginelle unter „Hurenschlampe“ als Kontakt gespeichert hat. Ginelle nennt sie selbst im Gegenzug freundschaftlich „Miststück“. Und der SMS-Verkehr der beiden liest sich annähernd so vergnüglich wie der Mailverkehr zwi­schen Christian Grey und Anastasia Steele in „Fifty Shades of Grey“, woran sich die Autorin zweifellos ein Vorbild genommen hat.

Indes … man merkt schon durchaus, dass sie eine starke Nei­gung zu Happy Ends hat. Das war bereits im ersten Band zu entdecken, als es um Anthony Fasano ging. Hier spielt sie eine analoge Rolle im Fall Mason Murphy, Tai Niko und Warren Shipley – das war dann doch ein wenig zu viel des Guten. Ebenfalls sympathisch ist es, dass sie sich überall Freunde macht und so ihre „Familie“ vergrößert. Das klingt nicht wirklich realistisch.

Warum nicht?

Weil sie, beispielsweise, aus ihrer vermeintlichen kalifornischen Lebensheimat so überhaupt keine Kontakte besitzt, und das als jemand, der dort Schauspielerfahrungen gemacht haben möch­te. Das hört sich doch ziemlich irreal an. Außerhalb ihrer „Kern­familie“, also ihrem komatösen Dad, dem widerwärtigen Blaine Pintero, ihrer besten Freundin Ginelle, ihrer jüngeren Schwester Maddy und ihrer Tante Millie gibt es überhaupt keine Kontakte. Die Kalifornien-Schiene wirkt also nur sehr fern und aufgesetzt. Und dass sie durch sonderlich bereitwillige Kontaktfreudigkeit aufgefallen wäre, kann man auch nicht sagen. Da hätte man doch erwarten sollen, dass ihr das im Escort-Job noch deutlich schwerer fällt. Aber das hätte sie auf der anderen Seite natür­lich auch ein wenig soziopathisch erscheinen lassen und nicht eben für die Hauptrolle qualifiziert. Audrey Carlan musste hier also gewisse Abstriche machen.

Irritiert hat mich auch im April-Kapitel, dass Tai Niko und seine Familie durchweg als „Samoaner“ bezeichnet werden. Ich mei­ne, Samoa liegt deutlich weiter weg im Pazifik, und eigentlich hätte sie wohl sinnvollerweise von „Hawaiianer“ reden müssen. Aber das ist vielleicht auf die Übersetzerin zurückzuführen. Ge­schwinde Leser, die sich von Tais Liebeskunst mitreißen lassen, werden diese Irritation vermutlich gar nicht spüren.

Bei der Freundschaftsanbahnung leistet die Autorin dann freilich ganze Arbeit, und dass sie Hilfe von Seiten ihrer einstigen Kun­den braucht, wird schon im Juni-Kapitel unübersehbar. Ich glau­be, das wird sich noch verstärken. Denn, mal ganz ehrlich, wie­so sollte der Kredithai Blaine sie in Ruhe lassen, wenn Mia sich zwölf Monate lang als schöne Geldkuh entpuppt? Warum sollte ihre Tante sie in Frieden lassen, wenn sie ihr bestes Pferdchen im Stall ist?

Auch das wäre nicht plausibel. Und dann ist da noch die Frage mit ihrem Herzen und Wes, der sich zwischenzeitlich – zu ihrer Pein – mit einer Schauspielerin eingelassen hat und dem Ver­nehmen nach „dasselbe tut“, was sie auch macht. Während Mia sich im Rahmen ihres zwölfmonatigen Dienstes mit fremden Männern amüsiert, könne sie ja wohl nicht erwarten, dass er enthaltsam in die Ferne schmachtet. Tja, wohl nicht. Aber kann sie damit leben? Und ist das tatsächlich Liebe, die sie für „ihren Wes“ empfindet?

Ihr merkt schon – es gibt fortdauerndes Krisenpotenzial für die beiden weiteren Bände der Serie. Ich bin schon an der Lektüre und am fortwährenden Kichern. Ihr werdet davon Näheres hö­ren, bald.

Auch der zweite Band ist jedenfalls unbedingt empfehlenswert.

© 2018 by Uwe Lammers

Man merkt, ich mag die Autorin – das kann nicht verblüffen, würde ich sagen, immerhin hatte ich sie bereits nach dem ers­ten Roman ziemlich ins Herz geschlossen … inzwischen, wo ich diesen Zyklus gelesen habe, den Folgezyklus „Trinity“ (auch schon rezensiert) und ebenfalls „Dream Maker“ (gleichfalls be­reits rezensiert), hat sich diese Emotion noch deutlich verstärkt. Zurzeit sammle ich ihren neuesten Zyklus „Lotus House“ und freue mich darauf, ihn beizeiten lesen zu können.

Vorerst gibt es aber genügend anderen Lesestoff, und das be­deutet dann natürlich auch reichlich Abwechslung für euch im Rahmen meines Rezensions-Blogs. In der nächsten Woche merkt ihr das mal wieder, da schwenke ich gänzlich von der Bel­letristik weg und stelle euch ein faszinierendes Sachbuch vor über eine Zeit, wo Naturwissenschaft, Religion und Aberglauben noch verwirrende Schnittstellen besaßen. Da hört ihr dann von Melksteinen, Blitzsteinen und dergleichen.

Never heard before? Na, das wird sich ändern, Freunde. Einfach neugierig bleiben. Nächste Woche seid ihr schlauer!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 312: Schattenfracht

Posted März 16th, 2021 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wie ich schon vor ein paar Wochen an dieser Stelle schrieb – der vorliegende Roman sollte unbedingt direkt nach dem Cussler-Roman „Das Osiris-Komplott“ gelesen werden, da beide zeit­gleich spielen und eine personelle und temporale Schnittstelle auf Malta besitzen. Davor und danach teilen sich die Handlungs­ströme wieder, aber es spricht doch sehr dafür, dass die beiden Coautoren sich hier solide Kooperation geleistet haben, um nicht eine Irritation beim Leser der Cussler-Gesamtwerke her­vorzurufen.

Ich lehne mich heute sogar mal soweit aus dem Fenster, dass ich sage: solche Kooperationen über Romangrenzen hinweg dürfte es vermutlich in Zukunft noch öfter geben. Wenigstens eine solche (noch nicht übersetzte) Kooperation ist angedeutet: nämlich zwischen den Fargos einerseits und dem Detektiv Isaac Bell andererseits.

Dieser zweite Kooperationsroman zwischen Cussler und Boyd Morrison ist jedenfalls ein rasantes, intelligentes Abenteuer mit sehr ernsthaftem Gefahrenpotenzial für Juan Cabrillo und die OREGON-Crew, und es geht um weitaus mehr als nur die Jagd nach den Schätzen des korsischen Soldaten und späteren fran­zösischen Kaisers Napoleon Bonaparte.

Wenn ihr ohnehin schon nach meiner Andeutung vor ein paar Wochen, als ich „Das Osiris-Komplott“ vorstellte, neugierig geworden sein solltet, schlage ich vor – lest jetzt einfach mal weiter und erfahrt Näheres:

Schattenfracht

(OT: Emperor’s Revenge)

Von Clive Cussler & Boyd Morrison

Blanvalet 0517

2018, 9.99 Euro

512 Seiten, TB

Übersetzt von Michael Kubiak

ISBN 978-3-7341-0517-3

Am 28. April des Jahres 1821 beginnt ein Abenteuer, das knapp zweihundert Jahre später die Welt in eine beispiellose Krise füh­ren soll, aber niemand wird sehr lange Zeit auch nur das Min­deste davon erfahren: Nach Napoleons Flucht von der Insel Elba und seiner kurzen zweiten Regentschaft, die mit der Niederlage auf dem Schlachtfeld von Waterloo endete, ist der Kaiser der Franzosen auf die Atlantikinsel St. Helena verbannt und wird von einer Garnison streng bewacht. Dennoch gelingt an diesem Tag dem wagemutigen Leutnant Pierre Delacroix der Vorstoß auf die Insel – mittels eines zusammengezimmerten ersten Unter­seebootes der Welt. Der Kaiser wird befreit und durch ein Dou­ble ersetzt, doch dann verschwindet er spurlos aus der Weltge­schichte.

In der Gegenwart absolvieren Juan Cabrillo und seine Mitstreiter von der „Corporation“ einen riskanten Undercover-Einsatz in der algerischen Wüste, bei der es fanatischen arabischen Terroris­ten beinahe gelingt, in den Besitz einer Massenvernichtungs­waffe zu gelangen. Dies kann knapp vereitelt werden. Doch als Cabrillo dann zurück ist auf seinem Tarnschiff OREGON, wird er mit einer unerwarteten Hiobsbotschaft konfrontiert: Die „Corpo­ration“ ist überraschend nahezu pleite.

Wie konnte es dazu kommen?

Das hängt mit der Bank Crédit Condamine in Monaco zusam­men, wo ein Großteil der Vermögenswerte der „Corporation“ an­gelegt sind. Während des Einsatzes in Algerien hat offenbar der Direktor der Bank, Henri Munier, das Banksystem mit einem hochkomplexen Virus verseucht, der jeden Zugriff auf die Daten und damit die Guthaben unmöglich machte. Niemand kann sa­gen, ob sie überhaupt noch existieren oder illegal transferiert wurden. Und Munier kann niemand mehr fragen: er ist bei einer Verfolgungsjagd durch die Grand Prix-Rennstrecke von Monaco ums Leben gekommen.

So sieht es anfangs aus, aber Cabrillo und seine Leute zweifeln das rasch an – und sie haben völlig recht. Als sie, getarnt als Versicherungsagenten, die Ermittlungen in Monaco aufnehmen, stellen sie bald fest, dass hinter der Geschichte noch sehr viel mehr steckt. Es dauert allerdings, bis die Spuren, die sie entde­cken, zu den Verursachern führen: zu dem russischen Milliardär Maxim Antonowitsch und seiner faszinierenden Großraumyacht „Achilles“. Hier sind der ukrainische Kapitän Sergej Golow und die Privatsekretärin Ivana Semova federführend bei etwas, das „Operation Dynamo“ genannt wird und dessen Ziele anfangs noch vollkommen im Dunkeln liegen.

Die Person, die die Datenbestände der Bank offenbar tatsäch­lich verseucht hat, ist ein genialer Meisterhacker, der in Insider­kreisen nur als „Shadow Foe“ bekannt ist. Identität: unbekannt. Geschlecht: unbekannt. Selbst die Computercracks der „Corpo­ration“ sind ratlos, was das Virus angeht. Also nehmen sie die Suche nach „Shadow Foe“ auf – und die führen ausgerechnet zu einer Bergfestung der albanischen Mafia.

Doch als Cabrillo & Co. vor Ort sind, stellt sich heraus, dass ih­nen der unheimliche Gegner schon wieder voraus war. Die Fähr­te ist falsch … oder beinahe falsch, denn in der Tat finden sie dort jemanden, der „Shadow Foe“ mal geholfen hat. Bei etwas, das äußerst bizarr klang und auf den ersten Blick so überhaupt nichts mit dem Bankraub in Monaco zu tun hat.

Bei dem Projekt, das „Shadow Foe“ damals betrieb, ging es um die Suche nach Napoleons Tagebuch, das lange verschollen war und nun auf Malta versteigert werden soll. Angeblich, so heißt es, hat dieses Tagebuch irgendeine Bedeutung für die Schätze, die Napoleon bei seinem Russlandfeldzug erbeutet haben soll, die er aber nie zurück nach Frankreich bringen konnte.

Warum aber unterdessen ein Flugzeug über Gibraltar abstürzen und alle Insassen sterben müssen und weshalb außerdem ein Frachter mit Kurs auf Malta von einer ungeheuerlichen Waffe auf offener See versenkt wird, erschließt sich so gar nicht. Ja, geraume Zeit ahnen Cabrillo und seine Gefährten, deren Crew inzwischen um Cabrillos toughe Ex-Frau Gretchen Wagner er­gänzt wird, von diesen Vorfällen ebenso wenig wie von der Sa­botage eines großen Umspannwerkes nahe Frankfurt.

Doch alles das führt zusammen zu einer Katastrophe, deren Ver­ursacher der OREGON-Crew stets einen Schritt voraus zu sein scheinen – und noch schlimmer ist es, als sich die „Achilles“ als ein Gefährt entpuppt, das sehr viel kampfkräftiger ist als die OREGON. Bei einer ersten Konfrontation der beiden Schiffe ver­hindert nur ein unglaublicher Zufall die Versenkung des „Corpo­ration“-Schiffes, aber alle Beteiligten wissen genau: beim nächs­ten Waffengang ist die „Achilles“ nicht mehr so angreifbar.

Und dieser Waffengang kommt schneller, als sie alle wünschen.

Es geht längst nicht mehr nur (aber auch) um den Schatz Napo­leon Bonapartes, sondern auch darum, ob es den Verbrechern um Antonowitsch gelingt, buchstäblich einem ganzen Kontinent das Licht auszuknipsen …

In Anbetracht der Tatsache, dass ich diesen Roman binnen zwei Tagen unaufhaltsam verschlungen habe, kann ich schon jetzt sagen, dass er die hohe Messlatte, die sein Vorgänger „Piranha“ anlegte, mühelos genommen hat. Boyd Morrison versteht es wirklich, hochdramatische Geschichten zu erzählen, und vor al­len Dingen nimmt er seine Bösewichter ernst. Ich habe ja schon verschiedentlich gesagt, dass manche Coautoren von Clive Cussler und z. T. auch er selbst, es sich bei diesem Punkt in den Romanen mitunter sehr einfach gemacht haben. Da wurden dann schematische Dumpfbacken als Schurken aufgebaut, mit der Konsequenz, dass sie so dämlich und lahm handelten, bis man sie nicht mehr ernst nehmen konnte.

Das kann hier bei Golow & Co. nicht geschehen. Diese Leute sind hochintelligent, raffiniert, verschlagen und vorausschau­end. Kriminelle Perfektionisten bei der Arbeit, die zudem mit Waffensystemen ausgerüstet werden, die denen der „Corporati­on“ gleichwertig sind. Und die über einen Masterplan verfügen, der selbst für Cabrillos Leute undurchschaubar ist. Denn wie zum Henker soll man diese Mosaiksteine zusammensetzen? Ein digitaler Bankraub in Monaco, ein Ultimatum, dass den Banken in Europa binnen 10 Tagen der Zusammenbruch droht, dazu die Jagd nach einem alten Tagebuch Napoleon Bonapartes und die Suche nach einer ägyptischen, 30 Tonnen schweren Säule? Äh … wie soll das denn bitte zusammenhängen mit einem Superhacker und einem russischen Oligarchen, der eigentlich alles haben sollte, was er braucht? Das klingt einfach nur bizarr und unplausibel, wie das Hirngespinst eines Verrückten – was es dann auch unmöglich macht, die Verantwortlichen von notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu überzeugen. Mit der Konsequenz, dass die Katastrophe, die Cabrillo verhindern möchte, quasi sehenden Auges angesteuert wird.

Denn es gibt diesen Masterplan, und er führt in ein Beinahe-In­ferno, das selbst Juan Cabrillo kaum verhindern kann und das überall üble Kollateralschäden hinterlässt, zu denen unter ande­rem ein russischer Admiral und beinahe ein Kreuzfahrtschiff ge­hören.

Besonders apart fand ich aber, dass dieser Roman eine witzige Crossoverszene enthält, die auf Malta spielt. Ich erwähnte das schon in der Rezension zum Kurt Austin-Roman „Das Osiris-Komplott“ jüngst. In der Lagerhalle des Ozeanographischen Mu­seums von Malta treffen nämlich Kurt Austin und Joe Zavala überraschend auf Juan Cabrillo und seine Partnerin Gretchen Wagner. Und während dort auch Golow und seine Leute nach Napoleons Tagebuch suchen, fahnden die kriminellen Osiris-Leu­te nach Artefakten aus Napoleons Ägyptenfeldzug. Dieser Ro­man schildert die nämliche, durchaus bleihaltige Begegnung wortidentisch aus der Gegenrichtung und hebt so das Manko auf, dass Kurt Austin und sein Kollege es nicht auf die Gala im Museum geschafft haben. Das gelang nämlich Juan Cabrillo, der wiederum natürlich nichts von den Osiris-Gangstern wissen kann.

Wenn man also diese beiden Romane direkt hintereinander wegliest, wie ich es getan habe, hat man ein köstliches Gefühl einer sich vervollständigenden Szene. Ich habe das bei meinen E-Books schon mal auf ähnliche Weise gemacht, als ich das E-Book „Heiligtum der Shonta“ verfasste, das eine analoge Blick­verschiebung zu meinen E-Books „Abenteurerherz“ und „Zurück zu den Sargkolonnen“ brachte. Scheinen leider die wenigsten meiner Leser bisher begriffen zu haben, sodass ihnen ein gutes Stück des Lesevergnügens entging.

Schade an dem vorliegenden Roman ist freilich, dass das Cover ein bisschen sehr frei zum Inhalt ist, und dass der deutsche Titel wirklich völlig sinnfrei gewählt ist. Eine 1:1-Übersetzung des amerikanischen Titels hätte allerdings noch weiter von dem Ge­schehen weggeführt und für mehr als 200 Seiten wohl nur Stirn­runzeln ausgelöst, da es dort so gar nicht um Napoleon geht. Die Bedeutung dieses Titels erschließt sich tatsächlich erst auf den letzten rund 80 Seiten und ist dennoch irreführend.

Wer über solche Details aber gern und geflissentlich hinweg­sieht, wird mit einem rasanten, schlauen Leseabenteuer be­lohnt, das auch unter Cussler-Romanen seinesgleichen sucht und mit weitem Abstand zu den besten Abenteuern zählt. Das hat zum einen mit dem witzigen Crossover zu tun, zum anderen mit der geschickten Charakterdarstellung der Protagonisten und der windungsreichen Story, in der sich beide Seiten echt nichts schenken. Dass zudem Elemente der Schatzsucher-Artefaktjagd a la „Fargos“ integriert wird, macht die Geschichte noch interes­santer, als sie ohnehin schon ist.

Klare Leseempfehlung!

© 2020 by Uwe Lammers

Soviel zu den hochdramatischen Ereignissen in diesem wirklich streckenweise recht atemlosen Abenteuer. In der kommenden Woche werden wir uns dafür wieder ein wenig entspannen und uns stattdessen mit dem weiteren Lebensweg des „Calendar Girls“ wider Willen beschäftigen.

Mia Saunders wird natürlich weiterhin von Kunden gebucht und macht menschliche wie auch erotische Erfahrungen, derweil ihre familiären Probleme nie völlig vom Radar verschwinden. Was das für Konsequenzen nach sich zieht, davon lest ihr in der kommenden Woche hier.

Bis dahin dann, Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

vor 8 Wochen verharrte ich berichttechnisch am Ende des Mo­nats Juni 2019 in meiner Kreativbiografie, soweit sie die zentra­len großen Projektwelten betrifft, in denen ich seit Jahren da­heim bin: den Oki Stanwer Mythos (OSM), den Archipel und das Erotic Empire. Kleinere Stippvisiten in andere kreative Welten – wie etwa die Horrorwelt-Serie – werden darunter stillschweigend subsumiert.

Der Sommer 2019 war wie alle in den vergangenen Jahren wie­der einmal eine außerordentlich heiße, schweißtreibende Zeit des Jahres, und wie ihr aus meiner Berichterstattung wisst, funktioniere ich im heißen Hochsommer nur sehr bedingt, was den freien Fluss der Kreativität angeht. Das war auch in diesem dritten Quartal des Jahres 2019 zu spüren.

Hatte ich im Juni noch runde 42 Werke abschließen können, so kam ich im Juli nur noch auf deren 27, von denen sieben auf Blogartikel entfielen. Fast 10 zählten zu den Horrorwelt-Abschrif­ten. Eine Menge Energie wurde außerdem in Überarbeitungen von Novellen investiert, die in der zweiten TCE-Storysammlung meiner Werke im Rahmen der Reihe „Grey Edition“ dann im Herbst 2019 erscheinen sollten. Ihr wisst schon, ich berichtete von dem Erscheinen der zweiten Storysammlung „Wollust, Wunder und Verhängnis“.

Außerdem fuhr ich natürlich fort, die Digitalisate der OSM-Seri­en „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC, KONFLIKT 12) und „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ (FdC, KONFLIKT 14) voranzutreiben. Ferner wurde ein altes Digitalisierungsprojekt wieder aufgenommen, nämlich die lange überfällige Abschrift des Fantasy-BUCHES „Die sieben Prüfungen“ (aber in diesem Monat nicht vollendet).

Und es klappte auch, ein wenig an zwei E-Book-Skripten voran­zukommen, nämlich an TI 31: „Zeitenwandel“ und TI 32: „Krisenherd Xoor‘con“. Ersteres ist inzwischen längst er­schienen, an dem zweiten feile und schreibe ich zum Zeitpunkt, wo ich diese Zeilen verfasse (Mitte November 2020) immer noch. Ich weiß, Asche auf mein Haupt … es ist unverzeihlich lange, dass ihr darauf warten müsst, Freunde. Aber wenn ich mit dieser Artikelreihe im Jahr 2020 anlange, werdet ihr verste­hen, warum ich so wenig Zeit zum Schreiben finde.

Der Monat August war nicht kühler als der Juli, eher das Gegen­teil ist zu nennen. Glücklicherweise konnte das Level von 27 be­endeten Werken gehalten werden. Darunter 8 Blogartikel und ein paar Dinge, die ich hervorheben sollte:

5. August: Fertigstellung des E-Books „Zeitenwandel“

24. August: Korrekturlesung „Grey Edition 13“ (s.o.)

30. August: Fertigstellung des Digitalisats „Die sieben Prüfun­gen“

Beim Horrorwelt-Digalisierungsprojekt erreichte ich Band 59, bei BdC den Band 70, bei FdC wurde pausiert. Dafür schrieb ich ein wenig an KONFLIKT 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) weiter und am E-Book-Projekt „DER CLOGGATH-KONFLIKT 2: Monstererwachen“. Ebenfalls erwachte das lange vernachläs­sigte E-Book-Glossar wieder zum Leben, und ich kümmerte mich um so lange schlummernde Werke wie „Die Wandlung“ und „Die Totenköpfe 2: Durch die Ruinenwelten“.

Und, ihr mögt es glauben oder nicht, in mir keimten, sobald die Finalisierungslinie für die Grey Edition 13 in Sicht war, der Plan, zwei weitere Storysammlungen thematischen Zuschnitts schon einmal in Rohform zu entwerfen: eine Grey Edition-Ausgabe zum OSM und eine zum Archipel. Aber ehrlich, Freunde, ich habe keine Ahnung, wann aus diesen Projekten etwas werden wird. Vor 2022 ist das höchstwahrscheinlich nicht realistisch.

Der September wurde, wenn mich meine Erinnerung nicht gänz­lich trügt, dann wieder etwas kühler, und mit 28 beendeten Werken kann man sagen, dass ich das Level der beiden Vormo­nate zu halten verstand.

Diesmal kamen 9 Blogartikel dabei zustande, und als besonde­res Highlight dieses Monats wurde ich erstmals im Rahmen des Standes der KreativRegion e.V. Teil des Magnifestes 2019 in Braunschweig.

Genau genommen bin ich nicht der Mensch für Großveranstal­tungen, und Menschenmengen halte ich üblicherweise lieber auf Distanz. Diesmal ließ sich das nicht machen, und das war auch durchaus gut … zwar lag noch nicht „Corona“ in der Luft, aber ich war ohne Erwerbsarbeit und hatte mithin Zeit, das kol­legiale Gemeinschaftsgefühl mit den Exponenten und Kreativen der KreativRegion zu pflegen. Ich beteiligte mich hier als Stand­betreuer und versuchte eine Lesung meiner Prosagedichte.

Versuchte? Na ja, sagen wir es so, das Zeitfenster war recht schmal, und ich teilte es mir mit ein paar weiteren Literatinnen, sodass für mein Programm nur wenige Minuten blieben. Um das ein wenig zu kompensieren, stellte ich wenig später mein Lese­skript der KreativRegion zur Verfügung, die Prosagedichte las­sen sich inzwischen alle in der Mediathek dort nachlesen … dies und ein bunter Strauß von Rezensionen und Kurzgeschichten von mir.

Am Ende des Monats September fand außerdem in Nordrhein-Westfalen der mehrtägige „GutCon“ des Terranischen Clubs Eden (TCE) statt, an dem ich ebenfalls teilnahm und dort auch aus den beiden „Grey Edition“-Bänden, die inzwischen veröf­fentlicht vorlagen, vortragen konnte. Ein Event, an den ich mich gern erinnere, auch weil ich dort mit vielen Fans zusammentraf, die ich sonst nur aus dem gemeinsamen Fanzine PARADISE kannte oder von Mails und Leserbriefen.

Heutzutage schaue ich auf solche Events mit einer gewissen wehmütigen Attitüde zurück, und das geht wohl nicht nur mir so. „Corona“ hat in der Hinsicht 2020 doch sehr viel Porzellan zerschlagen, und es ist durchaus fraglich, ob es 2021 sehr viel besser werden wird.

Was für Themenfelder habe ich im September 2019 noch bear­beitet? Ich kümmerte mich um eine Reihe von Archipel-Frag­menten, darunter „Vivica auf Abwegen“, „Das Los der Lady Renata“, „Die Suyenka“. Einige Erotic Empire-Novellen wur­den ebenfalls fortgesetzt: „Brittanys Abenteuer“, „Die ent­führte Gefangene“ oder „Nadja“, auch an der OSM-Story „Exil auf Hushhin“ schrieb ich etwas.

Schön und überraschend für mich war auch das Entstehen einer neuen TI-Episode, nämlich mit „Das graue Ei“ kehrte ich in den Handlungsstrom der RHONSHAAR-Expedition zurück und in das faszinierende Cestai-Habitat des „Kriegernestes“.

Und in den Digitalisaten kam ich ebenfalls voran: Bei Horrorwelt bis Band 63, bei BdC bis zu dem schaurigen Band 74 „Die To­tengräber von Arc“, bei FdC gleichfalls bis Band 74 „Ein Mond vergeht!“

Bis Monatsende hatte ich in dem Jahr 2019 also schon 311 ab­geschlossene Werke realisiert, ein Quantum, das durchaus eine gewisse Zufriedenheit auslöste.

Wie der Rest des Jahres 2019 voranschritt, dazu erzähle ich dann im nächsten Abschnitt dieser Artikelserie mehr.

Bis bald dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 311: Der Prophet

Posted März 11th, 2021 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wirklich nur manchmal entwickle ich eine Neigung zu seman­tisch nachgerade lyrischen Werken, und über manche davon stolpere ich einfach nur durch Zufall. So war es auch, als ich vor rund 20 Jahren Khalil Gibran entdeckte, dessen schmales schriftliches OEuvre bis heute interessante Entdeckungen bereit hält.

Eine davon, von der ich immer wieder auszugsweise in anderen kleineren Schriften las, war dieses hier „Der Prophet“. Wer da jetzt unwillkürlich an den Propheten Mohammed und womöglich finster an islamischen Fundamentalismus denkt, könnte falscher nicht liegen. Wiewohl es auf der Hand liegt, dass der gebürtige Libanese Gibran ohne Frage die islamische Lyrik in sich aufgeso­gen und für sein eigenes Werk fruchtbar gemacht hat, so hat er sich doch auch aus dem engen Denkkorsett befreit und seinen ganz eigenen „Propheten“, einen Weltweisen mit Sinn für lyri­sche und philosophisch tief schürfende Formulierungskunst ge­schaffen, den ich zeitlos nennen möchte.

Heute gibt es also mal keine Action, keine Erotik, keine packen­de historische Story, sondern etwas völlig Anderes zu entde­cken. Schnuppert hinein, Freunde, und wer Appetit bekommen hat, der schaue sich nach diesem – sicherlich immer noch er­hältlichen – Büchlein um und goutiere langsam und genüsslich Zeile für Zeile.

Ich denke, das lohnt sich.

Der Prophet

(OT: The Prophet)

von Khalil Gibran

Atmosphären-Verlag, München 2004

226 Seiten, gebunden, Kleinformat

Neu übertragen von Konrad Dietzfelbinger

ISBN 3-86533-015-0

In der Stadt Orphalis hat der Prophet Almustafa zwölf Jahre lang gelebt und das Umland durchwandert, seine Schönheiten, seine Besonderheiten in sich aufgenommen und die Menschen, die hier wohnen, kennengelernt. Doch nun, als er von des Berges Höhe das Segel auf dem Meer auftauchen sieht, weiß er, dass der Tag des Abschieds gekommen ist. Er kehrt aus den Höhen zurück in die Stadt und sagt dem Volk von Orphalis Lebewohl.

Die Priesterin Almitra jedoch möchte ihn so leicht nicht ziehen lassen, sondern sie wünscht sich, dass er die hier gewonnenen Weisheiten verkündet, auf dass sie überliefert werden können. Sie sagt: „So mache uns in dieser Stunde mit uns selbst be­kannt, und sage uns: Was ist dir offenbar geworden von den Dingen in den Grenzen von Geburt und Tod?“

In sechsundzwanzig Kapiteln gibt der Prophet bereitwillig und ungeschönt Antwort auf die Fragen, die die Bürger von Orphalis umtreiben, und der Bogen seiner Weisheiten reicht von der Lie­be über Ehe, Kinder, die Arbeit, die Gesetze, die Freiheit, den Schmerz und Selbsterkenntnis wie Freundschaft bis hin zum Tod.

Lasst mich nur kurz ein paar Worte von seiner Rede über den Tod zitieren, um einen Eindruck der lyrischen Schönheit dieses Werkes zu demonstrieren. Der Prophet Almustafa spricht zum Thema Tod:

Eure Todesfurcht ist nur das Zittern eines Hirten, der, vor sei­nem König stehend, darauf wartet, dass ihm dieser ehrenvoll die Hand auflegt.

Wird nun der Hirte unter seinem Zittern nicht die Freude spü­ren, dass er künftighin das Zeichen seines Königs tragen darf?

Und trotzdem: Ist er sich des Zitterns nicht bewusster als der Freude?

Denn was ist Sterben, außer nackt im Wind zu stehen und ins Sonnenlicht hineinzuschmelzen?

Und was bedeutet es, zu atmen aufzuhören, außer dass der Atemhauch von seinem langen, ruhelosen Ein und Aus erlöst wird?

Endlich kann er steigen, sich ins Weite dehnen und Gott unge­hindert suchen!“

Da mag man seufzen, so schön formuliert ist es.

Als die Stunde des Abschieds nach den Reden gekommen ist, ist das Volk von Orphalis reicher, und dadurch, dass Gibran diese Reden niederschrieb, sind wir allesamt reicher geworden. Denn, wie der Übersetzer in seinem langen, äußerst erhellenden Nach­wort darlegt, der Redner schließt seine Reden nicht umsonst mit einer Rede über den Tod. Und nicht umsonst geht es danach noch weiter.

Man muss dieses Werk nicht nur als, wie es Gibran dachte, „poetische Essays über die Geheimnisse des Lebens“ verstehen – was sie auch sind – sondern in ihrer Gesamtheit als eine Para­bel auf das Leben selbst. Das Werk steckt voller geheimer An­spielungen und Mystik, und das wenigste davon erschließt sich durchs erste Lesen.

Warum etwa ist Almustafa 12 Jahre in Orphalis? Weil 12 die Zahl der Monate des Jahres ist und somit der Zyklus des jährlichen Lebens vollständig symbolisiert wird. Der Aufbruch des Prophe­ten, der in die leuchtende Ferne des erhellten Meeres ent­schwindet, ist gleichbedeutend mit dem Abschied des Redners vom Leben selbst, und deshalb ist Almitras Wunsch, er möge doch am Ende seines Aufenthaltes (= Ende seines Lebens!) noch seine Weisheiten der nachfolgenden Generation mitteilen, überaus verständlich …

Wiewohl das Buch bereits im Jahre 1923 in New York erschienen ist, hat der am 6. Januar 1883 in Bsharri (Libanon) geborene Khalil Gibran, der 1895 mit Mutter und Geschwistern nach Bos­ton emigrierte und zeitlebens in Amerika blieb (mit einem Studienaufenthalt 1908-1910, wo er in Paris mit Auguste Rodin zusammen Kunst studierte) als „Formenschöpfer“ – er begriff sich nicht als Dichter oder Lyriker, wiewohl ich ihn so einordnen würde, allein Kraft seiner Sprache – ein Werk von dauerhafter Schönheit und tiefer Wahrhaftigkeit hinterlassen, das zudem noch ein literarischer Hochgenuss ist.

Einst habe ich zwei weitere Werke von Gibran rezensiert, näm­lich „Sprich uns von der Freundschaft“1 und „Sprich uns von der Liebe“2, aber dies sind nur Auszüge aus dem vorlie­genden Werk. Freilich gestehe ich, dass mir die beiden Ausga­ben des Kiefel-Verlages mehr gefallen, sie sind kleiner, feiner gesetzt, und die Wortwahl ist mir irgendwie sympathischer. Das ist aber vermutlich nur eine Frage der Gewöhnung. Dort ver­misst man jeden weitergehenden interpretatorischen Ansatz und erhält „nur“ eine schöne, lyrische Ausgabe in Prosa, wäh­rend hier versucht wurde, den Stil der rhythmischen Prosa, den Gibran verwendete, zu restaurieren. Dies vorliegende Buch ist also die „ehrlichere“ Ausgabe.

Und es handelt sich, das ist die feste Meinung des Rezensenten, um ein Werk, das tiefsinnige Wahrheiten über zahlreiche The­menkomplexe des Lebens enthält und ein unbedingtes, wieder­holtes Lesevergnügen ist. Das Buch wurde nicht umsonst in 20 Sprachen übersetzt und ist über beinahe 85 Jahre hinweg im­mer noch ein Weltbestseller.3 Manchmal irren solche „Bestsel­ler“-Notierungen eben doch nicht.

Es lohnt sich durchaus, sich auf dieses Buch einzulassen. Man geht klüger daraus wieder hervor.

© 2007 by Uwe Lammers

So, Freunde, genug geschwärmt für heute. Bitte wieder aus der Trance erwachen und Teil der realen Welt werden. Ihr seht mich schmunzeln, da ich euch sehr gut verstehen kann, wenn ihr ge­rade tief in dieses Buch abgetaucht seid.

In der kommenden Woche geht es dann tatsächlich um ein pa­ckendes historisches Abenteuer, und gleichzeitig vollende ich hier, was ich mit dem Blogartikel 307 vor vier Wochen begon­nen habe.

Schon vergessen? Dann erinnere ich euch in sieben Tagen dar­an, was diese Andeutung zu sagen hat.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Rezensiert in BWA 244, Januar 2004. Vgl. dazu auch, einfacher zugäng­lich, den Rezensions-Blog 57 vom 20. April 2016.

2 Rezensiert in BWA 262, Juli 2005. In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

3 Inzwischen müssen wir die Zeit natürlich relativieren: es sind seit der Erstveröffentlichung von Gibrans Buch schon fast 100 Jahre verstrichen.

Blogartikel 418: Wenn der Autor über den OSM lachen muss…

Posted März 7th, 2021 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

Kommunikation ist ein schwieriges Feld, ich glaube, das ist je­dem von uns mehr oder minder bewusst. Es gibt in der sozialen Interaktion schier unendlich viele Fettnäpfchen, in die man tre­ten kann, und oft richtet man mit unbedachten Worten mehr Schaden an, als wenn man den Mund gehalten hätte … das merke ich zurzeit in der Corona-Krise immer wieder. Sie hat mich symptomatisch nicht befallen, gottlob, aber die mentalen Auswirkungen dieser Pandemie machen mir doch sehr zu schaffen und wirken sich unschön auf meine sozialen Kontakte aus.

Ich habe noch nie – meines Wissens nach jedenfalls – behaup­tet, ich hätte ein gutes oder sogar sehr gutes Gedächtnis, im Gegenteil pflege ich zu erklären, meine kognitiven Erinnerungs­leistungen seien am anderen Ende des Spektrums angesiedelt, will heißen: ich bin ein vergesslicher Mensch. Was Verschiede­nes zur Folge hat – einerseits schreibe ich viel auf und bewahre so die flüchtige Erinnerung (eher negativ eingestellte Zeitge­nossen nennen so etwas dann eine Zwangshandlung oder spre­chen von Kontrolltick, was meiner Ansicht nach nur einen Teil der Fakten abdeckt, und zwar den dunkleren davon). Anderer­seits entschwinden solcherart schriftlich fixierte Fakten recht schnell aus meinem Gedächtnis, und dies umso schneller, je ak­tionistischer ich sie niedergeschrieben habe.

Damit nähern wir uns dem heutigen Thema und dem Oki Stan­wer Mythos (OSM).

Ihr wisst, dass ich seit knapp 20 Jahren dabei bin, alte OSM-Seri­en zu digitalisieren und mit umfangreichen Fußnotenapparaten zu kommentieren. Dies geschieht meist relativ ad hoc, sodass die Details recht rasch wieder meiner Erinnerung entschwinden. So weit, so gut. Daran ist noch nichts Problematisches, denn diese Kommentierung ist ja ohnehin für eine spätere Nachbear­beitung der Episoden, ich kann es mir also leisten, ein wenig vergesslich zu sein.

Als ich den KONFLIKT 17 „Drohung aus dem All“ im Jahre 2011 als Digitalisat abschloss, war ich mit Recht zufrieden. Wieder 71 OSM-Episoden aus der rein analogen Vergänglichkeit gerissen! Sehr schön.

Erst mit deutlicher Verspätung von ein paar Jahren ging mir dann allerdings auf, dass es vielleicht nützlich sein würde, im Rahmen des OSM-Gesamtglossars auch die einzelnen Serien­glossare zu erfassen. Denn nur so ist es möglich, alle Begriffe, Namen und Handlungsschauplätze, Raumschiffe, Raumstatio­nen, Waffen und sonstige technologische Errungenschaften und Begrifflichkeiten in einem riesigen Dokument dereinst zusam­menzufügen.

Notwendig begann ich damit, die schon digitalisierten Serien durchzugehen und zu erfassen. Und Ende 2019 gelangte ich all­mählich bei der oben genannten Serie an das Erfassungsende heran … und es gab Momente, in denen ich einfach ungläubig losprusten musste, weil ich nicht fassen konnte, was da stand.

Ich erwähnte oben, dass das Geschriebene, zumal bei kommen­tierten Episoden, oftmals recht geschwind aus meiner Erinne­rung verdunstet. Und es gab Zeiten, wo ich alte Episoden ab­schrieb, da war ich so genervt von meiner eigenen Dämlichkeit (anno 1985-86, denn aus dem Zeitraum stammten die Ur­sprungsepisoden, die ich 2011 kommentierte), dass ich saftige Kommentare in die Fußnoten schrieb.

Und ehrlich, Freunde, manche davon sind so saukomisch, dass ich, als ich Ende 2019 die Glossararbeiten abschloss, am Ende der handschriftlichen Glossarseiten gelegentlich Notizen machte, wo ich besonders obskure Kommentare festhielt mit der festen Absicht, sie eines Tages mal in einem Artikel wie die­sem hier euch vorzustellen. Dass das über ein Jahr gedauert hat, tut mir leid, aber ihr wisst ja … 2020 ist nun wirklich kein normales Jahr gewesen, und es steht zu befürchten, dass 2021 recht ungeniert und nahtlos in die Fußstapfen des Corona-Jahres treten wird.

Wir machen dann doch lieber eine Zeitreise zurück ins Jahr 1985/2011.

In der Episode 64 der Serie, „Oki und die sterbende Rasse“ kommt es zum Kontakt zwischen Oki Stanwer und dem Volk der geheimnisvollen Rontat. Um den späteren Close-Up-Artikeln nicht allzu sehr vorzugreifen, halte ich mich mit Details zurück und skizziere nur die Situation: Oki Stanwer und Ekkon, der Rit­ter vom Goldkristall, erreichen eine Welt, auf der ein terrani­sches Schiff gestrandet ist, ein klassischer Torpedoraumer der Menschheit.

Das Problem ist nun Folgendes: Eine Mannschleuse eines sol­chen Schiffes ist notwendig so dimensioniert, dass Menschen gut hindurchpassen. Aber in diesem Fall taucht jemand in der Schleuse auf, der deutlich größer ist, nämlich Soffrol, der sinis­tre Rächer von Breeth-Fgahn … ein Wesen, das 4 Meter Körper­größe erreicht! Man kann sich denken, dass das in der Schleuse ein wenig schwierig wird. Aber es geht ja noch weiter.

Aus dem Kontext geht hervor, dass Oki Stanwer und Soffrol bei­de in dieser engen Schleuse sind. Und dann passiert Folgendes:

Der Unheimliche lachte, sein Gesicht verdüsterte sich aber, als Ekkon eintrat.

Lichtbrut‘, zischte er. ‚Was willst du hier, Ekkon? Scher dich ge­fälligst zu deinem Herrn und Meister, dem LEUCHTENDEN…!‘“

Und ich kommentierte trocken in die Fußnote 5676 bei dem ers­ten Ekkon-Satz: „Auch hier habe ich übersehen, dass für Ekkon kein Platz in der Schleuse ist. Willkommen in der Konservendo­se!“

Gott, was habe ich gelacht, als ich die Stelle glossierte. Damals war ich wirklich gut drauf.

Gab es noch mehr so kuriose Stellen? Aber ja.

Zwei Episoden später, in Band 66 „Schlacht der Entschei­dung“, wusste ich semantisch offenbar auch nicht mehr, was ich tat. Folgendes zur Situationsklärung:

Oki Stanwer und seine Gefährten befinden sich auf dem Weg in die entscheidende Schlacht, als auf einmal jemand unvermittelt erscheint und, als er attackiert wird, sich schlagartig mit bruta­ler, letaler Gewalt wehrt. Der im Affekt feuernde Gefährte Oki Stanwers wird in Asche verwandelt, und dann kommt der denk­würdige Satz:

Die Gänsehaut erstreckte sich wohl nicht nur auf meinen Kör­per.“

Ich dachte: Äh, wie bitte? Was ist das denn jetzt? Und dann, als mir diese bizarre Stilblüte klar wurde, kommentierte ich schnip­pisch in Fußnote 5926: „Solch eine Gänsehaut würde ich gern mal sehen, die sich über MEHRERE Körper erstreckt. Muss eine ziemlich große Gans gewesen sein …“

Ich war unvermeidlich wieder am Prusten.

Mann, dachte ich mir, was ich damals für einen Stuss zusam­mengeschrieben habe, wenn ich im Schreibflow war und mich die Actionhandlung voranpeitschte.

Und weil das eben so war, ließ die nächste Stilblüte nicht lange auf sich warten. Sie findet sich in derselben Episode auf Seite 969 der Gesamtzählung.

Zum Kontext: Hier befinden wir uns in der Kommandozentrale eines Schiffes, und der Helfer des Lichts Klivies Kleines ist eben­falls auf dem Weg in die Schlacht. Ein Countdown zählt runter, und dann heißt es:

„‚Mein Gott‘, dachte er, und seine Nerven zuckten aufgeregt…“

Ich meine, klar, Kleines ist kein Mensch, sondern eben ein Kleini … aber doch immerhin so humanoid und menschlich, dass er mit menschlichen Frauen erfüllende Liebesabenteuer erleben kann. Ich kommentierte damals trocken:

Da musste ich beim Abschreiben lachen. Ich möchte zweifeln, dass Kleines‘ NERVEN zucken können, das geht nicht mal beim Menschen (und Kleinis sind nun mal extrem menschenähnlich). Was da zuckt, sind vermutlich Muskeln. Wenn da was zuckt. Kleines ist eigentlich sehr hart gesotten.“

Tja, der OSM ist halt auch für kuriose, vergnügliche Überra­schungen gut. Diese drei Beispiele sollen für heute genügen … in Anbetracht der Tatsache, dass es noch Aberhunderte OSM-Episoden im allein-analogen Zustand gibt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich auf die nächsten amüsanten Stellen stoße und sie euch vorstellen kann. Wartet es einfach mal geduldig ab.

In der kommenden Woche ist ein kleines Jubiläum zu feiern – die Artikelreihe „Was ist eigentlich der OSM?“ hat doch echt schon Teil 75 erreicht! Das hätte ich anno 2013 eigentlich für ausge­schlossen gehalten. So kann man sich täuschen.

Also dann, bis kommende Woche! Und bleibt bitte schön ge­sund!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 310: Sherlock Holmes: Das ungelöste Rätsel

Posted März 3rd, 2021 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wie ihr schon seit langem wisst, bin ich definitiv ein Sherlock Holmes-Fan, und das bezieht sich nicht nur auf den traditionel­len Kanon jener Geschichten, die der nachmalige Sir Arthur Co­nan Doyle verfasst hat, sondern mein Interesse erstreckt sich auch auf die Epigonenwerke, deren Zahl unüberschaubar ge­worden ist.

Dass in dieser Fülle von Werken naturgemäß viel Durchschnittli­ches ist, dürfte ein Allgemeinposten sein. Dass sich darunter – leider – auch sehr viel Unfug, Unausgegorenes und Krauses be­findet, das mehr von der Vorstellung zeugt, mit einer Holmes-Story „garantiert abgedruckt zu werden“, als dass intime Kennt­nis des Holmes-Kosmos darin zu finden wäre, ist ebenso wahr. Mir tut es immer leid, sowohl für die Autoren wie für die ambitionierten Herausgeber solcher Sammelwerke, wie ich euch heute eines präsentieren will, wenn man dann mit dem scharfen und bisweilen schmerzhaften Sezierwerkzeug des Wort-Chirur­gen zu Werke gehen muss, um sinnbildlich Spreu vom Weizen zu trennen oder das Ungesunde oder Faulige aus dem gesunden Korpus einer Anthologie herauszuschneiden.

Glaubt mir, das fiel mir anno 2012 nicht leicht, als ich die heute vorzustellende Anthologie las. Aber ihr kennt mich auch lange genug: wenn es handwerkliche, inhaltliche oder strukturelle Fehler gibt, gerade im Rahmen von Sherlock Holmes-Geschich­ten, wo ich besonders empfindlich bin, dann fällt es mir schwer, ein Blatt vor den Mund zu nehmen oder Fünfe gerade sein zu lassen.

Mag sein, dass ich ein wenig zu scharfzüngig vor neun Jahren argumentiert habe und dass manch einer von euch sich von der folgenden Anthologie durchaus immer noch angezogen fühlt – nur zu. Bei mir hat sie einen sehr schalen Nachgeschmack hin­terlassen. Und warum das so war, das zeige ich euch jetzt.

Vorhang auf für:

Sherlock Holmes – Das ungelöste Rätsel

Von Alisha Bionda (Hg.)

Voodoo Press 2011

274 Seiten, TB

ISBN 978-3-902802-05-7

Das Phänomen Sherlock Holmes erlebt im Zuge seiner Neuver­filmung durch Guy Ritchie aktuell eine interessante Renaissance in Film, Fernsehen und auch auf dem Buchsektor. Es gibt zahl­reiche Neuauflagen des klassischen Kanons der Holmes-Ge­schichten von Sir Arthur Conan Doyle und natürlich auch jede Menge Epigonen, die aus den Schlupflöchern kommen und sich mit „neuen“ Abenteuern des unsterblichen Detektivs aus der Baker Street 221b zu Wort melden. Alisha Bionda ist da als Her­ausgeberin besonders rührig, wie man als Rezensent anerken­nend vermerken muss. Doch manchmal wird ein Thema für eine Holmes-Anthologie vorgegeben, das den originalen Charakteren zunehmend Gewalt antut. So geschah das leider in dieser vor­liegenden Anthologie (jedenfalls hat es deutlich den Anschein), und das Resultat ist … vorsichtig ausgedrückt … durchwachsen.

Alisha Bionda legt hiermit eine „etwas andere“ Anthologie vor, die neben elf Stories auch einen Essay von Christian Endres und ein Nachwort von Klaus-Peter Walter über das Phänomen Sher­lock Holmes und besonders die Arbeit der Epigonen vorlegt. Schauen wir uns diese Beiträge mal kurz der Reihe nach an.

In der Titelstory konfrontiert Christoph Marzi Sherlock Holmes mit Professor Challenger – einer weiteren Doyle-Schöpfung – und stellt einen direkten Bezug zum Roman „Die vergessene Welt“ einerseits her und andererseits, was leider unübersehbar ist, zu Andreas Grubers beeindruckender Holmes-Novelle „Glauben Sie mir, mein Name ist Dr. Watson“ (enthalten in der Anthologie „Das Geheimnis des Geigers“, ebenfalls un­ter Biondas Ägide erschienen).1 Leider merkt man der Geschich­te hier sehr deutlich an, dass Marzi das Rätsel weder lösen woll­te noch konnte, das er aufwarf, und so bleibt ein halbgarer Ein­stiegseindruck zurück. Leider soll das nicht der einzige dieser Art bleiben.

Arthur Gordon Wolf (ebenfalls aus der Anthologie „Das Ge­heimnis des Geigers“ bekannt) beschert uns mit „Wheezy-Joe oder Der dunkle Gott der Menge“ eine interessante und atmosphärische Geschichte über einen übernatürlichen Mörder in London, mit Abstand eine der besten Geschichten im Band.

Klaus-Peter Walter, der in diesem Buch gleich viermal (!) vertre­ten ist, was ein wenig den Eindruck aufkommen ließ, dass Frau Bionda an Materialmangel litt, als sie die Anthologie erstellte – auch dies war nicht das einzige Mal, dass ich das dachte, davon wird noch die Rede sein – , steuerte mit „Watson und die Frau aus dem Meer“ eine Geschichte bei, die gut hätte sein können, wenn sie a) in einer Fantasy-Anthologie erschienen wäre und b) die Personen Watson und Holmes vermieden und c) eine andere Zeit gewählt hätte. Warum? Nun, es genüge die An­deutung, dass diese Geschichte eigentlich ein „Watson-Porno“ geworden ist und ein viktorianischer Gentleman wie Dr. John Ha­mish Watson so etwas niemals niedergeschrieben hätte. Hier hat den Verfasser sichtlich der Wunsch gelenkt, das Triebleben unseres guten Dr. Watson darzustellen, worüber er freilich voll­ständig die Erzählform vergessen hat. Mit Abstand einer der Tiefpunkte der Anthologie, leider.

Aino Laos, wieder eine „Hausautorin“ der Herausgeberin Bionda, diesmal übersetzt von Christoph Marzi, steuert mit „Das Dupli­kat“ eine vergleichsweise schlichte Holmes-Geschichte bei, in der es wesentlich um ein Halstuch geht. Mehr zu verraten, wäre unstatthaft. Passabel.

Sören Preschers Story „Der verfluchte Mann“ ist deutlich er­kennbar ursprünglich für ein anderes Publikum gedacht gewe­sen und handelte in einer anderen Zeit. Wenn eine Frau, die Holmes befragen möchte, arglos meint, sie habe keine Zeit, ihr Mann „komme gleich von der Nachtschicht“, dann merkt der aufmerksame Leser zweierlei: erstens hat der Verfasser unge­nügend die Bezüge auf das 20. Jahrhundert getilgt, zweitens hat das Lektorat in der Beziehung ebenfalls geschlafen. Dass so der Eindruck entsteht, die ganze Anthologie sei mit der sehr heißen Nadel gestrickt worden – auch das sollte sich bei weiterer Lektü­re noch an zahlreichen weiteren Punkten erhärten lassen – , ist kaum zu vermeiden. Dem geneigten Leser sei diese Geschichte, in der ein weitgehend orientierungsloser Holmes ohne Plan durch die Seiten, einen Ort und die umliegenden Wälder irrt, als habe er nichts Besseres zu tun, definitiv nicht ans Herz gelegt. Noch ein Minuspunkt der Anthologie.

Sherlock Holmes und der Orchideenzüchter“ hingegen ist dann wieder eine interessante Story von Klaus-Peter Walter, die mit dem eigenartigen Verhalten eines exzentrischen Botanikers und einer Gefangenen anfängt und dann interessant wissen­schaftlich wird. Für diese Story hat sich Herr Walter dann wieder wirklich mehr Zeit genommen als für die oben genannte. Gelun­gen.

Christian Endres´ Geschichte „Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes“ ist nicht nur – worauf die Herausgeberin im Vorwort schon aufmerksam macht – aus der gleichnamigen Anthologie des Atlantis Verlages entnommen, sondern mit rund 45 Seiten die längste Geschichte in diesem Band. Eine beein­druckende, von zahlreichen raffinierten Anspielungen wimmeln­de Geschichte, die wirklich mit Vergnügen gelesen werden kann. Zwar wäre skeptisch anzumerken, dass der doch grundso­lide und grundlegend skeptische Holmes überraschend belesen in jüdischer Kabbalistik ist (und dass Gustav Meyrink zu seinen Briefpartnern zählte, ist doch eher unwahrscheinlich), ansons­ten macht sie aber einfach Spaß. Und wer aufmerksam liest, fin­det Anspielungen auf „Edward mit den Scherenhänden“ und „Pi­nocchio“ und noch andere Dinge.

Andrä Martyna legt mit der Geschichte „Die Kreatur von Eastchurch“ eine nur bedingt durchdachte Geschichte vor, die vor der Zeit, in der Holmes mit Watson zusammenkam, eigent­lich beginnt und schließlich Jahre später zu einem Aufrollen die­ses Falles eines monströsen Mörders führt, der offensichtlich ein Gestaltwandler ist. Der Schluss der Geschichte vermag jedoch in keiner Weise zu überzeugen, nicht einmal unter Berücksichti­gung der Tatsache, dass Holmes ziemlich erschöpft ist. Ein eher mäßiges Werk.

Antje Ippensen steuert mit „Charlys Welt und Sherlocks Beitrag“ (der Titel ist eine offensichtliche Anspielung) die kurioseste Geschichte der Anthologie bei. Charly ist eine Katze, die offenkundig in unserer Realgegenwart oder sogar der nahen Zukunft lebt, einer ziemlich versmogten und vermüllten Welt, in der ein rätselhafter Todesfall aufzuklären wäre; dann gibt es ei­nen Handlungsstrang um eine offensichtlich verrückte, im Un­tergrund lebende Wissenschaftlerin, die mit einem ominösen Zeitkristall experimentiert; bei Sherlock Holmes taucht so ge­nanntes „Traumpulver“ als Ersatzopiat auf … und ehe der Leser recht begreift, wie das alles zusammengehört, reißt der Hand­lungsstrang nach 16 Seiten ab und die Geschichte wird, wiewohl mittendrin aufhörend, für beendet erklärt. Darüber kann man wirklich nur den Kopf schütteln. Ein ähnlicher Fall fand auch schon in der Anthologie „Das Geheimnis des Geigers“ statt und wurde vom Rezensenten dort für einen schlechten Scherz der Herausgeberin auf Kosten der Leser gehalten. Hier ist das Resultat noch schlimmer, nämlich wirres Zeug, das sich nicht entscheiden kann, ob die Verfasserin Akif Pirincci nachahmen möchte (den sie sogar nennt), einen Fantasy-Ansatz verfolgt oder einen Mad-Scientist-Ansatz. Das Resultat ist in meinen Au­gen jedenfalls durchweg misslungen, auch wenn es sympathi­sche Ansätze gibt. Warum uns die Herausgeberin so etwas an­tut, bleibt ihr Geheimnis.

Im dritten Auftritt bringt Klaus-Peter Walter mit „Sherlock Hol­mes und der Arpaganthropos“ eine Geschichte, die – recht unpraktisch und einigermaßen unerwartet für den Leser – direkt inhaltlich anschließt an die Story „Das Geheimnis der Un­sterblichkeit“ aus der Bionda-Anthologie „Sherlock Holmes – Der verwunschene Schädel“ (liegt dem Rezensenten noch nicht vor). Zudem schließt sie vom Duktus sehr an die „Watson-Porno-Story“ oben an, mit der sie auch geografisch einiges ge­mein hat, da sie auf Korfu spielt. Während es Dr. Watson in der obigen Geschichte mit einem mordlüsternen Meereswesen zu tun bekommt, hat er es hier – leider auf ebenfalls recht durch­sichtige Weise – wieder mit etwas sehr Ähnlichem zu tun, erhält aber Hilfe von treuen, menschenliebenden Delfinen und wird zu guter Letzt von Holmes auf einem fliegenden Teppich aus höchster Not gerettet … man kommt sich also zunehmend vor, als befände man sich in Tausendundeiner Nacht, aber nicht bei Sherlock Holmes. Mich wenigstens überzeugte diese Ge­schichte ob ihrer phantastischen Exaltiertheit nicht wirklich, da hilft auch das Anspielen auf einen Dr. van Helsing nicht mehr, tut mir leid …

Linda Budingers Story „Der stählerne Strahl“ könnte dann ei­gentlich wegen ihres kontrafaktischen Ansatzes (Watson ist statt Holmes mit Moriarty in die Reichenbachfälle gestürzt und definitiv gestorben, Holmes bläst daraufhin Trübsal) interessant sein … ja, wenn sie nicht erstens zu sehr an die obige Wolf-Ge­schichte erinnern würde (zweimal ägyptische, übernatürliche Bedrohungen in einer Anthologie tun dem Thema definitiv Ge­walt an, aber dass das so sein würde, hat Frau Budinger ja viel­leicht nicht geahnt, als sie die Story einreichte), und wenn sie nicht, zweitens, eine einigermaßen abenteuerliche Kenntnis der ägyptischen Mythologie und Magie seitens des nun wirklich erz­christlichen Dr. Watson, auch noch des verstorbenen (!), proji­zieren würde. Auch hier muss darum letztlich konstatiert wer­den, dass das Ende der Geschichte in höchstem Maße konstru­iert und erzwungen wirkt. Sehr schade.

Es folgt der Essay „Sherlock Holmes – Unsterblicher Meisterdetektiv“ von Christian Endres, ein äußerst kundiger, aus-gezeichnet zu lesender Beitrag, der allerdings – wie schon die obige Story von Endres – ein Nachdruck ist, hier aus der NAUTILUS, Ausgabe 70 (2010).

Den Schluss macht dann Klaus-Peter Walter mit dem Nachwort „Alimentary, my Were-Datsun“ zum Thema des phantasti­schen Sherlock Holmes. Ein gelungener Essay, wie ich sagen muss … er kann leider den Gesamteindruck der Anthologie nur unwesentlich bessern.

Konstatieren wir: Drei der elf Geschichten können als gelungen gelten. Eine davon ist ein Nachdruck (Endres). Ebenfalls sind die beiden Essays solide zu nennen (einer davon aber ebenfalls ein Nachdruck). Die Konsequenz besteht rein textlich – die Illustrationen sind durch die Bank gelungen, auch wenn manchmal der Zusammenhang mit den Stories etwas rätselhaft bleibt, etwa bei der Arpaganthropos-Geschichte, die ein Schiff in der Brandung zeigt, das in der Story nicht vorkommt – in etwa 60 Seiten, die man als lohnend bezeichnen möchte, die Nachdrucke einmal außen vor gelassen. Das ist doch einigermaßen ernüchternd, den Gesamtumfang in Rechnung gestellt, nämlich weniger als ein Viertel des Bandes.

Hinzu kommen die gehäuften Lektoratsfehler, die den aufmerk­samen Leser – und Holmes-Leser SIND aufmerksame Leser par excellence, davon sollte die Herausgeberin besser ausgehen – zunehmend nerven. Eine kleine Auswahl sollte das vielleicht verdeutlichen:

Uns begegnen beispielsweise klein geschriebene Anreden (S. 14), Widersprüche zum Holmes-Geschichtenkanon (S. 23, wo behauptet wird, Holmes sei 1957 verstorben, was nun definiti­ver Käse ist, da der Detektiv nach gängiger Lehrmeinung kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in jedem Fall aber in den 20er Jah­ren verstorben sei, wonach Dr. Watson noch eine Weile länger lebte); Klaus-Peter Walter wird in seiner mehrfach kopierten und offensichtlich nicht Korrektur gelesenen Vorstellung vor seinen Geschichten hartnäckig als „Waltger“ bezeichnet, der angeblich ein Werk mit dem Titel „Im Reich des Cthulu“ geschrieben habe (S. 46, 95, 202). Beides ist natürlich falsch. Letzterer Name muss selbstverständlich „Cthulhu“ heißen. Frau Bionda sollte das eigentlich wissen.

Ferner mutiert Inspektor Lestrade mal munter zu „Lestrades“ (S. 82), wir lesen von einem „hypokratischen Eid“ (S. 87), was schon beim Lesen weh tut, die grammatikalischen Fälle gehen munter mal durcheinander (S. 178), die Haut eines Toten ist „übersäht“ von Handabdrücken (S. 214, gemeint ist natürlich „übersät“).

Das Ende der Fahnenstange ist dann erreicht, wenn ein sonst sehr versierter Erzähler davon faselt (tut mir leid, kann man nicht anders nennen), Watson habe in Afghanistan „gegen die Taliban“ gekämpft. Bekanntlich sind „die Taliban“, deren Übersetzung „Koranschüler“ heißt, kein afghanischer Stamm, sondern eine terroristische Erscheinung der Neuzeit, von der im 19. Jahrhundert noch kein bisschen die Rede war …

Also wirklich, man kann nur bedingt sagen, dass solche Nach­lässigkeiten am aufmerksamen Leser spurlos vorbeigehen. Der obige Eindruck, dass der Herausgeberin für das Füllen der zweiten Anthologie deutlich zu wenige qualitativ akzeptable Werke vorlagen – wofür die Aufnahme der Neuabdrucke spricht – , drängt sich dem Rezensenten deshalb massiv auf. Es wäre klug gewesen, auf ein paar dieser Werke zu verzichten und stattdessen Frau Ippensen zu gestatten, ihre Storyline vernünftig auszugestalten. Mit 30 Seiten mehr Inhalt wäre sie vermutlich solide geworden. So ist sie ein Rudiment geblieben, das besser noch nicht abgedruckt worden wäre.

In einer kommenden Anthologie sollte deutlich mehr die brillan­te Deduktion eines Sherlock Holmes Raum finden und weniger die Schreiber, die meinen, sie könnten den Detektiv in eine ah­nungslos und desorientiert herumtappende (oder bereitwillig an mystischen Hokuspokus „glaubende“) Figur verwandeln. So et­was geht regelmäßig schief. Dieser Storysammlung kann darum nur ein „Mäßig“ attestiert werden. Tut mir leid. Vielleicht ist die­ses Werk darum nur für eingefleischte Bionda-Anthologie-Fans zu empfehlen.

© 2012 by Uwe Lammers

Ich kann eure langen Gesichter und enttäuschten Mienen wahr­haftig sehr gut verstehen, Freunde. Diese Kritik ist doch recht herb ausgefallen … aber wie schon angedeutet, ich halte sie nach wie vor für berechtigt. Herausgeber sollten nicht irgendwie versuchen, ihre neuen Anthologien zu füllen, im obigen Fall war das der durchsichtige Versuch, die eher sehr mäßige Reihe ein­gereichter Geschichten durch qualitativ hochwertige Nachdru­cke – die der geneigte Holmes-Sammler daraufhin ärgerlicher­weise doppelt hat – aufzuhübschen. Dieser Versuch muss als gescheitert betrachtet werden. Er sollte nicht wiederholt wer­den.

Zweifellos wird Alisha Bionda weitere Holmes-Anthologien vorle­gen. Aber ich wünsche ihr dabei ein entschieden besseres Händchen, Spreu vom Weizen zu trennen, das Unbrauchbare oder Unvollendete auszusondern und im Extremfall ebenfalls ein sehr viel dünneres Werk vorzulegen.

In der kommenden Woche bespreche ich ein solch sehr viel dün­neres Werk – aber es hat zugleich einen stilistischen Anspruch, der von dem des obigen Buches meilenweit entfernt ist, viel­leicht Lichtjahre entfernt.

Bleibt neugierig, Freunde!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Vgl. dazu den Rezensions-Blog 29 vom 14. Oktober 2015. Ich bemerke an dieser Stel­le, dass mir Grubers Geschichte auch heute noch in bester Erinnerung ist – was man von den meisten Storys dieser vorliegenden Anthologie nicht sagen kann.