Liebe Freunde des OSM,
ich mag Sandra Henke als Verfasserin interessanter erotischer Romane wirklich gern, das sollte ich hier voranschicken, da es sich wieder um ein Werk aus ihrer Feder handelt. Dass ich mich hier dennoch nur verhalten überzeugt zeige, betrübt mich selbst nicht wenig … aber ihr kennt mich schon lange genug als ehrlichen Kritiker, dass ich nicht dazu neige, Werke über den grünen Klee zu loben, von denen ich nicht begeistert bin. Wir sind hier nicht in der Marketing-Branche, wo geflunkert und schöngefärbt wird, speziell bei reißerischen Klappentexten, dass sich die sinnbildlichen Balken biegen.
Ich bin halt diesbezüglich einfach eine ehrliche Haut. Und wenn das dazu führt, dass ich das Erwartungsbarometer bei euch ein wenig herunterkühle, so geschieht das mit voller Absicht. Mag die folgende Rezension auch bei eingefleischten Sandra Henke-Fans, die es gewiss gibt, für ein wenig Ernüchterung sorgen, so ist sie doch nur ehrlich und realistisch gedacht.
Dies als Einstimmung auf den vorliegenden Roman, der euch nach Bangor/Maine in die USA versetzt und mit den dortigen Schwierigkeiten eines jungen, dominant veranlagten Immobilienmaklers konfrontiert:
Mit starker Hand
Von Sandra Henke
Heyne 54576, TB (Juni 2016)
288 Seiten
ISBN 978-3-453-54576-2
Der junge Immobilienmakler Tatum Baron in Bangor/Maine hat ein Problem. Er hat sich nach jahrelanger Ausnutzung durch seinen Vater, den Immobilienmogul Leviathan Baron, aus seiner Abhängigkeit freigeschwommen und arbeitet nicht mehr für die Baron Real Estate Agency. Stattdessen konnte er die Sea Wolf Estate Agency aus dem Boden stampfen, eine Konkurrenzfirma, die allerdings nach wie vor nur aus ihm selbst, einer Sekretärin und angeheuerten Teilzeitkräften besteht.
Tatum, der sich lässig Tate nennen lässt, hat ein lukratives Grundstück im Visier, dessen Erwerb und Vermittlung seine Firma sanieren wird. Es handelt sich um ein weitläufiges Waldstück mit einer kleinen Bruchbude darin, die von zwei Frauen bewohnt wird – das so genannte Honeycomb-Grundstück. Aber zu seiner Überraschung sind die beiden Frauen überhaupt nicht an einem Verkauf interessiert, obwohl es ihnen ökonomisch erkennbar nicht gut geht. Woran also liegt es wohl, dass seine Charmeoffensive an der herben älteren Schwester Muriel Honeycomb abprallt, die ihn sogar mit einem Gewehr bedroht? Ist der dämliche angeheuerte Anwalt Anthony DiMaggio daran schuld? Haben die Honeycombs womöglich ein Angebot seines Vaters Levi in Aussicht und lassen ihn deshalb abblitzen?
Tatum will unbedingt Näheres herausfinden und schleicht sich eines Abends heimlich auf das umzäunte Grundstück, und er macht eine überraschende Entdeckung – die jüngere Honeycomb-Schwester Alica Honeycomb, die er nun erstmals zu Gesicht bekommt, ist eine faszinierend erotische Frau mit Waldelfen-Touch … doch was sie heimlich im Wald tut, ist das genaue Gegenteil davon – er beobachtet sie dabei, wie sie sich sinnliche Schmerzen selbst zufügt, und ihm wird rasch deutlich, dass sie sich insgeheim nach ernsthaftem Lustschmerz verzehrt.
Da er selbst praktizierender dominanter Master ist, reizt ihn die sinnliche Schönheit, und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zeigt er sich ihr und bringt ihr bei, wie es wirklich ist, sich einem Master unterzuordnen und das, was sie bislang nur ungenügend zu erkunden suchte, tatsächlich vollständig ausleben kann – es ist vermutlich keine Überraschung, dass er sich sehr schnell in Alicas Herz einschleicht.
Annähernd gleichzeitig begegnet die weitaus sprödere, misstrauischere und menschenscheuere Muriel bei einem Einkauf in der Stadt ebenfalls einem attraktiven Mann, der seinen Namen mit Lester Square angibt. Anfangs skeptisch und argwöhnisch fühlt sich Muriel zunehmend von ihm angezogen. Während Alica von Tate in die Rolle einer genießenden BDSM-Sklavin eingeführt wird, verwöhnt Lester ihre Schwester auf aufregende Weise und gibt vor, in sie verliebt zu sein.
Doch alle haben Geheimnisse. Tate will auf diese Weise versuchen, über Alica Einfluss auf Muriel zu gewinnen, damit sie das Grundstück verkaufen. Der geheimnisvolle Lester, der schon an seiner gespaltenen Zunge erkennbar von Anfang an als Lügner und Hochstapler charakterisiert wird, hat seine eigenen Pläne … und die Schwestern hüten ebenfalls ein Geheimnis, das mit dem Haus und dem Grundstück zu tun hat. Und als die Halbwahrheiten und Lügen schließlich mit einem Knall auffliegen, scheint alles verloren zu sein …
Ich lese im Grunde gern Romane von Sandra Henke, das gebe ich gern zu. Mit diesem hier habe ich mich allerdings sehr schwer getan. Das ist eigentlich schade. Ich brauchte tatsächlich drei Anläufe, um ihn durchzulesen, was sehr selten vorkommt. Das hatte wesentlich mit der Tatsache zu tun, dass er leider relativ schematisch strukturiert ist und man das deutlich merkt: Wir haben eine nicht sehr attraktive Schwester, die gerne geliebt werden möchte. Wir haben eine deutlich hübsche Schwester, die gern dominiert werden will. Wir haben einen Dominus, der sich unabsichtlich verliebt. Und einen Betrüger, der Liebe heuchelt. Und im Hintergrund steht ein Geheimnis der Schwestern, das letzten Endes nur im „Wie ist es passiert?“ ein Geheimnis ist, wobei der Sachverhalt an sich in der Quintessenz aber schon sehr früh klar feststeht und darum nicht wirklich zu überraschen vermag.
Dann dümpelt der Roman im Grunde genommen die Hälfte der Zeit nur herum, um dann schließlich erst auf den letzten 80 Seiten Fahrt aufzunehmen. Das ist in meinen Augen eindeutig zu viel „Vorspiel“, halbherziges zumeist sogar noch, um tatsächlich als gelungen bezeichnet zu werden.
Für ausdrückliche Sandra Henke-Fans mag das hier vielleicht dennoch ein Must-Have sein … ich selbst stufe ihn als ausdrückliches Mittelmaß ein, eher eine Pflichtarbeit als wirklich ein Roman, der mit Herzblut verfasst wurde.
Darum kann ich nur eine mäßige Leseempfehlung aussprechen. Tut mir leid.
© 2026 by Uwe Lammers
Tja, ich kann jeden verstehen, der da jetzt ein langes Gesicht zieht und sich denkt, dass es vielleicht dringendere, interessantere Romane gibt, die er/sie vorher lesen sollte. Vielleicht gehört ja der Roman dazu, den ich euch nächste Woche vorstellen möchte. Wir reisen wieder zurück zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts und verfolgen das abenteuerliche Leben und die Fälle des Detektivs Isaac Bell von neuem. Und man kann sicher davon ausgehen, dass es da nicht so spannungsarm zugeht wie bei Sandra Henke!
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.