Rezensions-Blog 567: Die Erdbebenmaschine

Posted Juli 1st, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wer meinem Blog schon länger folgt, der weiß natürlich, dass ich schon recht viel zum Thema Sherlock Holmes gelesen habe. Darunter finden sich wunderbare Perlen, auch unter den so ge­nannten Epigonenwerken … aber eben auch echte Rohrkrepie­rer. Und dann gibt es Werke, die schwankend wie Betrunkene ir­gendwo dazwischen stehen und bei denen man nicht recht si­cher sein kann, ob sie sich noch fangen oder kurzerhand einfach umfallen.

Ein solcher Fall der letzteren Art liegt uns mit diesem Buch vor, leider, möchte ich sagen. Ich bin schon sehr früh auf dieses Werk gestoßen und habe es dann sehr viel später, nämlich 2017, noch einmal gelesen, um es angemessen rezensieren zu können.

Bei Sherlock Holmes handelt es sich, betrachtet man diese Figur und ihr Umfeld als ein literarisches Kontinuum, um die Entwick­lung eines Paralleluniversums, das durch den Erfinder Sir Arthur Conan Doyle gewisse, relativ strenge Regeln auferlegt bekom­men hat. Dazu zählt ein Grundstock an respektablen Gegnern wie Protagonisten der positiven Seite. Und es gibt einen zeithis­torisch engen Handlungsspielraum. Nach meiner Kenntnis gibt es keine Holmes-Geschichten, die nach 1920 spielen und keine, die vor 1870 angesiedelt sind (vielleicht mal ausgenommen die Young Sherlock Holmes-Reihe, die ich aber noch nicht gelesen habe).

Außerdem sind ausgesprochen phantastische Elemente wie Ali­ens, Zeitmaschinen, Dämonen und dergleichen doch sehr rar gesät und im ursprünglichen Kanon nicht vorgesehen. Ein wenig lockerer ist der Umgang mit revolutionärer Technik im Viktoria­nischen Zeitalter und jungen 20. Jahrhundert. In diesem Umfeld setzt der vorliegende Roman an, der uns zielstrebig ins Jahr 1906 versetzt.

Wer sich zeitgenössisch ein wenig mit dieser Epoche auskennt, wird natürlich wissen, dass der Erste Weltkrieg heraufdämmer­te, der Rüstungswettlauf zwischen dem Deutschen Reich, dem Zarenreich in Russland sowie dem Empire in Großbritannien und der französischen Nation sich immer mehr zuspitzte.

Hier also eine Verschwörungsgeschichte zu platzieren, die ge­eignet wäre, den Lauf der Menschheitsgeschichte fundamental zu verändern, ist an sich eine spannende Sache. Was daraus entwickelt wird, erfahrt ihr nun im Detail:

Sherlock Holmes – Die Erdbebenmaschine

(OT: The Earthquake Machine)

von Austin Mitchelson & Nicholas Utechin1

Xenos-Bücher 78 B 17

Hamburg 1977

224 Seiten, Taschenbuch

Keine ISBN, gedruckt in Finnland

Aus dem Englischen von Dr. Ingrid Rothmann

15 Jahre liegt es nun zurück, dass Sherlock Holmes seinen wil­desten Kampf ausfocht und im europäischen Gebirge in den Flu­ten der Reichenbach-Fälle scheinbar sein Ende fand.2 Dr. John Watson, der diese Geschichte einst sichtlich bestürzt der Öffent­lichkeit bekannt machte, war schwer erleichtert, als im Jahre 1894 ein verkleideter, aber physisch völlig gesunder Sherlock Holmes sich in seinem Wohnzimmer demaskierte. Holmes er­zählte damals, es sei sehr knapp gewesen, aber nein, nicht er habe den Tod gefunden, sondern nur sein sinistrer Gegenspie­ler, der „Napoleon des Verbrechens“, Professor James Moriarty.3

In den Folgejahren löste Holmes natürlich noch weitere Fälle, aber immer stärker machte sich bei ihm Verdruss breit, Reizbar­keit und Unterforderung. Nichts und niemand sei mehr da, der eine ernsthafte Herausforderung biete. Ende Oktober 1906 kommt wieder ein solcher Zeitpunkt, wo Holmes mit dem Schicksal hadert – da erreicht ihn von seinem Bruder Mycroft eine dringende Nachricht: eine Verschwörung von Anarchisten sei drauf und dran, das Empire und ganz Europa ins Chaos zu stürzen.

Holmes ist skeptisch. Das ist mehr eine Sache für die Polizei und den Geheimdienst, vielleicht für die Armee, aber nicht für ihn. Doch, bekräftigt sein Bruder, denn es gäbe Indizien, die darauf hinwiesen, dass ein verbrecherisches Genie sich der gesamten Anarchistenbewegung nur als Hilfsmittel bediene, um ein viel unheilvolleres Ziel zu verfolgen.

Kurzum: Holmes ist dabei und begibt sich auf nächtliche Streif­züge durch die Anarchistenszene Londons, wobei er sich schließlich als Helfershelfer andient, als ein Sprengstoffanschlag auf Scotland Yard verübt werden soll. Doch wer beschreibt ihm den Schrecken, als er als Drahtzieher niemand Geringeren als den unehrenhaft entlassenen Oberst Sebastian Moran vorfindet, Moriartys einstigen Kompagnon?4

Es gelingt Holmes zwar, Moran zu inhaftieren, aber das ist nur der Anfang des Fadens, der nach Cornwall führt, zu einem ge­heimnisvollen Erfinder namens Tremaris, einem mörderischen Schwarzen und einem Mord, der auf rätselhafte Weise in einem verschlossenen Zimmer verübt wurde. Tremaris muss, seinem monströsen Gruselkabinett auf der Tremayne-Farm zu urteilen, ein wahres Ungeheuer sein, und angeblich besitzt er auch zwei mechanische Hände.

Die Spur führt Holmes nach St. Petersburg an den Hof des Za­ren, wo ein britischer Erfinder namens Soames dem Zaren eine neue Waffe vorführen möchte. Auch hier gerät Holmes, der sich als Captain Basil ausgibt, in die Anarchistenszene. Es gilt, ein Attentat auf den Zaren zu verhindern, einen Zugunfall zu über­leben und die Tochter der raffinierten Holmes-Widersacherin Ire­ne Adler5 kennenzulernen, mit der er zusammenarbeitet.

Und dann … tja, dann hat er eine Begegnung mit einem Toten.

Denn der rätselhafte Erfinder Soames oder Tremaris, wie er sich in England nannte, ist niemand Geringeres als der grässlich ver­stümmelte Professor James Moriarty. Und er hat eine Waffe er­sonnen, wie die Welt noch nie gesehen hat – eine regelrechte Weltuntergangswaffe, die Uranbombe

Es ist von ausgesprochenem Nachteil, wenn man diesen Roman nach dem Nachfolgeband „Die Höllenvögel von Heaven’s Por­tal“6 liest, wie es der Rezensent leider gemacht hat. So werden viele Details dieses vorliegenden Werkes im genannten Roman wiederholt und damit vorzeitig offenbart. Doch selbst wenn das nicht geschehen wäre, hätte dieses Buch nicht sehr viel Überra­schendes aufzubieten.

Der Klappentext, um nur ein Beispiel zu nennen, verrät bereits, dass der Gegenspieler von Sherlock Holmes Moriarty ist (was man zumindest ungeschickt nennen sollte, um nicht zu sagen: stümperhaft). Der Pfad zur „Uranbombe“ ist bereits auf Seite 61 klar, als das erste Mal das Wort „Pechblende“ fällt. Nur ein Narr kann einen historischen Krimi, der 1906 spielt, nicht mit der Nu­klearbombe in Verbindung bringen, wenn zugleich Pechblende und eine „sensationelle neue Waffe“ verheißen wird. Plump.

Die Autoren haben allerdings von der Funktion des katalyti­schen Kettenreaktionsprozesses eine sehr naive Vorstellung. Man sehe sich den Testfall an: zwei russische Soldaten, die schwere Rucksäcke auf den Rücken geschnallt haben, nähern sich über eine Brücke einander, und als sie fast in der Mitte der Brücke sind, reagieren die „kritischen Massen“ in den Rucksäcken und lösen die vernichtende Explosion aus, offenbar ohne Zünder, durch reine Annäherung. So geht das in realiter einfach nicht. Ohne eine Reaktionsmaterie, z. B. aus Lithium bestehend, würde eine solch verheerende Explosion gewiss nicht ausgelöst werden.

Weder das Auftauchen von Moriarty noch später vom jungen Winston Churchill können in irgendeiner Weise überraschen. Man erwartet derlei Veränderungen des Handlungsstromes ein­fach, und das Freundlichste, was man sagen kann, ist wohl, dass es den Autoren gelungen ist, nicht zu viele Widersprüche und Ungereimtheiten zu erzeugen. Wenn man das Nachfolgewerk – „Die Höllenvögel von Heaven’s Portal“ – diesbezüglich betrach­tet, ist letzteres eindeutig desaströser geraten.

Nett werden hingegen im vorliegenden Buch die Verhältnisse in Europa um 1906 beschrieben (die politischen erscheinen aller­dings ein wenig theatralisch überzogen), insbesondere der Za­renhof und die hier grassierenden unmenschlichen Verhältnisse (etwa sehr interessant fand ich die Äußerung des Zaren Niko­laus nach einer Erschießungsaktion von Zivilisten angesichts ei­ner Demonstration, wo er mit den Worten zitiert wird, als 150 Menschen zu Tode gekommen sind: „Sind Sie sicher, dass sie genügend Menschen getötet haben?“ Ich neige dazu, diese Äu­ßerung als authentisches Zitat zu nehmen). Natürlich darf Gri­gorij Rasputin nicht fehlen und die ihm ergebene Zarin, natür­lich auch nicht der an der Bluterkrankheit leidende Zarewitsch und die klassische Wodkamanie der Russen. Schön gezeichnet ist auch das Misstrauen des Zaren selbst.

Das hintere Viertel des Romans versinkt aber in einer geradezu als lethargisch zu bezeichnenden Passivität, und das ist einfach bedauerlich und unangemessen. Hier spürt man deutlich, wie der Schwung des Anfangs verebbt und die Autoren nicht mehr wussten: wie jetzt weitermachen?

Der Titel des Romans, sowohl im Englischen wie im Deutschen, erweist sich im übrigen als grob irreführend, da man mit der Waffe keine „Erdbeben“ auslösen kann (wiewohl eine Nuklearex­plosion natürlich einen signifikanten, aber vernachlässigbaren Impuls auf der Richterskala produziert). Man kann die Geschich­te insgesamt also als ein ganz nettes Lesefutter betrachten, aber an die Originalität der Holmes-Geschichten reicht sie defi­nitiv nicht heran, das merkt man auch schon am Villain-Perso­nal, das durch die Bank vertraut erscheint.

Kein Wunder also, dass dieses Werk wie auch sein Nachfolge­band nicht von den gängigen Essays berücksichtigt wird, in dem Originalkanon und namhafte Epigonenromane und -geschichten genannt werden.7 Sie sind bedeutungslos und wohl nur für den absoluten Fan zu empfehlen, der „alles“ über Holmes & Co. ge­lesen haben möchte.

© 2017 by Uwe Lammers

Ja, wer enttäuscht seufzt und sich ein besseres Fazit gewünscht hätte, wird hier leider keine angemesseneren Worte finden. Aber ich wiederhole mich gern – dies ist kein Schönwetter-Blog, es werden manchmal auch wenig angenehme Werke bespro­chen.

Ihr müsst dann entscheiden, ob ich mein Urteil mit Recht gefällt habe oder eurer Ansicht nach zu hart mit den Autoren ins Ge­richt ging.

In der kommenden Woche machen wir dann wieder mal das Fass der Kontrastprogramme auf und schauen uns einen nahezu aus der Gegenwart stammenden erotischen Roman an.

Details folgen an diesem Ort in sieben Tagen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Es sei an dieser Stelle ergänzt, dass ich zumindest zu Nicholas Utechin recherchieren konnte, wie seine Lebensdaten sind. Er lebte von 1952-2022 und starb an Krebs im Alter von 70 Jahren. Demzufolge sind die beiden Holmes-Romane ausgesprochene Frühwerke, denen nach meiner Kenntnis keine weiteren gefolgt sind.

2 Vgl. Sir Arthur Conan Doyle: „Sein letzter Fall“ (The Final Problem), erstmals erschienen in The Strand, Dezember 1893.

3 Vgl. Sir Arthur Conan Doyle: „Das leere Haus“ (The Adventure of the Empty House), erstmals erschienen in Collier’s, 26. September 1903. Was Holmes in den dazwischen liegenden drei Jahren gemacht hat, ist am interessantesten ausgearbeitet bei Jamyang Norbu: „Das Mandala des Dalai Lama“ (Sherlock Holmes – The Missing Years: The Adventures of the Great Detectice in India and Tibet), Bergisch-Gladbach 2004.

4 Die Begegnung mit Moran findet in der oben genannten Story „Das lee­re Haus“ statt. Die Verbindung zwischen Moran und Moriarty wird auch bei Norbu schlagend (um nicht zu sagen: mörderisch!) nachgewiesen.

5 Vgl. Sir Arthur Conan Doyle: „Ein Skandal in Böhmen“ (A Scandal in Bohe­mia), erstmals erschienen in The Strand, Juli 1891. Dies ist die erste Holmes-Kurzgeschichte.

6 Vgl. Austin Mitchelson & Nicholas Utechin: „Die Höllenvögel von Hea­ven’s Portal“, Hamburg 1977.

7 Vgl. beispielsweise den Anhang in: Mike Ashley (Hg.): „Sherlock Holmes und der Fluch von Addleton“, Bergisch-Gladbach 2003, S. 721-757, die als vorbildlich zu nennen ist.

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