Rezensions-Blog 584: Nights of Passion

Posted Oktober 27th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist manchmal wirklich nett, was man so auf dem Buchmarkt für Funde macht, mit denen man nur bedingt rechnen kann. Ge­rade auf dem Sektor der erotischen Romane, der inzwischen schier unüberschaubar geworden ist (das war er auch schon 2018, als ich diesen Band las), kann man das als längerfristig gültiges Statement setzen.

Dieses Werk kam zutage, als ich nach weiteren erotischen Ro­manen von Julie Kenner fahndete, deren Geschichten rings um den Millionär Damien Stark sich ja ziemlich auf Subreihen aus­gedehnt haben und zum erheblichen Teil sehr zu gefallen wuss­ten. Das hier ist etwas fundamental anderes, wie ich auch in der Rezension schreibe … aber vertraut meinem Urteil, Freunde, auch acht Jahre nach der Lektüre muss ich grinsen, wenn ich an diese beiden Novellen denke. Warum dies? Na, lest einfach mal weiter:

Nights of Passion

Von Julie Kenner

Mira 35066

352 Seiten, TB (2015)

ISBN 978-3-95649-114-6

9,99 Euro

Was tut man als Verlag, wenn eine Autorin statt eines voluminö­sen Romans und statt eines Straußes von Kurzgeschichten zwei Novellen von gut hundert Seiten abliefert? Für sich genommen sind die Werke zu kurz, um in das Verlagsportfolio zu passen, aber zu lang, um als „Kurzgeschichten“ irgendwo in einer Antho­logie untergebracht zu werden.

Man presst sie gemeinsam zwischen Buchdeckel und macht eine Art Zwitter daraus, um sie neudeutsch als „two in one“ zu verkaufen. Unter dem plakativen Gesamttitel „Nights of Passi­on“ wurden so in diesem Band die Novellen „Hot Revenge – Lustvolle Rache“ und „Lessons in Lust – Sündige Lektionen“ zu­sammengefügt. Und darum geht es:

Hot Revenge – Lustvolle Rache

Belinda Rachel Dean ist eine einstige Absolventin der Schule in der Kleinstadt Braemer im Mittleren Westen. Und sie ist zehn Jahre fort gewesen mit dem festen Vorsatz, niemals wieder zu­rückzukehren – zu tief sitzt auch nach all dieser Zeit die Demüti­gung, die sie einst dort erlitten hat. Doch in ihrem neuen Leben in New York ist sie derzeit in die Krise geraten, und das Ehemali­gentreffen der Schulabsolventen erscheint ihr nun eine gute Ge­legenheit zu sein, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen.

Denn das hässliche Entlein von einst ist Belinda nicht mehr – nicht die pummelige, unsichere Teenagerin mit Brille und Zahn­spange. Sie hat sich vielmehr zu einer attraktiven jungen Frau gemausert und will nun auf dem Abschlussball ihre drei damali­gen Schulkameraden Derek Booker, Jason Stilwell und Carl MacLean scharfmachen und dann kalt stehen lassen. Sie ist überzeugt davon, dass sie in ihr nicht mehr das Mädchen erken­nen werden, das sie einst so gnadenlos bloßgestellt haben. Be­sonders Carl, der sich als ihr Freund gerierte, will sie dabei aufs Korn nehmen.

Aber die Dinge laufen schnell völlig aus dem Ruder: als sie nach Braemer hereinfährt, prasselt der Regen nur so herab, und sie ist so aufgeregt und abgelenkt, dass sie prompt einen Hund an­fährt und wenig später, selbst halb aufgelöst und halb verzwei­felt am Straßenrand steht, unfähig, den schweren Hund zur nächsten Tierarztpraxis zu bringen. So findet sie Garrett MacLean, Carls Bruder, der in Kalifornien Tierarzt ist und hier nur vertretungsweise seinen Vater (der sinnigerweise auch Carl heißt) einspringt. Und er ist von dieser selbst im halb aufgelös­ten Zustand bildhübschen Sirene, die den verletzten Hund mit Bluse und Strumpfhose verbunden hat, völlig verzaubert.

Belinda hingegen, die sich nur Rachel nennt, ihm ihren Namen aber kategorisch verschweigt, hält ihn aufgrund seiner Ähnlich­keit mit ihrem alten schikanösen Mitschüler für Carl und be­schließt prompt, ihre Verführungsstrategie schon zu beginnen, wenn ihr das erste Opfer schon auf dem Silbertablett serviert wird.

Das ist natürlich der Auftakt für die abenteuerlichsten Kaprio­len … und dummerweise scheint Belindas Herz mit dem Rache­feldzug zunehmend weniger zu tun haben zu wollen …

Lessons in Lust – Sündige Lektionen

„Achtzehn Prozent – das schaffen Nonnen und kleine Kinder!“, erregt sich Mattie Brown gegenüber ihrer Schulfreundin Carla Browning. Die beiden Freundinnen könnten ungeachtet ihrer ähnlichen Nachnamen nicht unterschiedlicher sein. Während Mattie als durchaus erfolgreiche Vorstandsfrau in der Filmfirma John Laymon Productions arbeitet und gerade von ihrem Freund Dex verlassen worden ist, hat Carla aus dem Nachbarhaus eine phantastisch glückliche Beziehung mit ihrem Freund Mitch, den Mattie als „Supersexprotz“ bezeichnet. Matties Sexleben dage­gen ist quasi nicht existent, nicht nur deswegen, weil sie sich so in die Arbeit gestürzt hat, dass dafür keine Zeit mehr bleibt.

Und dann dieser Test! Der gibt ihr den Rest.

Es ist eigentlich nur einer der zahllosen Internet-Tests, die man so zum Zeitvertreib macht und sich am Ende bewerten lässt. Zu dumm: es handelt sich um einen so genannten „Schlampen­test“, der die sexuelle Erfahrung der Probandin testet. Und Mat­tie erreicht gerade mal klägliche 18 Prozent. Selbst Carla kommt auf 75 %! Und Matties heißeste Konkurrentin, ihre Stiefschwes­ter Angie, hat es sogar auf 85 % gebracht. Angie ist sowieso im­mer in allem besser, hat ihr ständig die Freunde wegge­schnappt, ist an ihrer Stelle Jahrgangsbeste geworden … und jetzt also auch das noch.

Verdammt, schimpft Mattie, das ist doch einfach ungerecht. Ich bin eine erfolgreiche Geschäftsfrau! Ich habe zwar nicht die An­waltslaufbahn eingeschlagen, wie meine Eltern das ursprünglich wollten, und ich bin ebenfalls weit von meinem Traumjob der Drehbuchautorin entfernt (dafür ist im neuen Job einfach keine Zeit mehr) … und jetzt bin ich auch noch in meinem Frausein vollständig disqualifiziert! Das muss doch zu ändern sein!

Carla hat einen Ratschlag dafür parat: wenn sie da ihre Schwä­chen kompensieren will, braucht sie eben einen echten Macho, der mit ihr heißen Sex praktiziert. Und wie der Zufall es will, wohnt tatsächlich so ein superheißer Typ direkt nebenan: Cullen Slater, ein Traumbild von Kerl, der ständig heiße Frauen an­schleppt und offenbar lustvoll durchvögelt. Der würde im Test si­cherlich weit mehr als 18 % erreichen – also kann er ihr doch si­cherlich eine verdammte Menge beibringen, nicht wahr?

Also setzt sich Mattie auf die Agenda: ich steige mit Cullen in die Kiste, daraus muss ja nichts Langfristiges werden (dafür hat sie ja sowieso, so eingespannt, wie sie im Beruf ist, eh keine Zeit – so ihre naive Grundeinstellung). Einfach nur ein paar Er­fahrungen machen, um nicht als völlig Ahnungslose dazustehen … das muss doch funktionieren.

Aber dummerweise ist der Nachholbedarf bei Mattie wirklich as­tronomisch zu nennen. Als Carla sie zum Shoppen abschleppt, weil sie meint, sie bräuchte sicherlich auch „ein bisschen Spiel­zeug“ für die heißen Nächte, fragt sich Mattie allen Ernstes: was meint sie mit Spielzeug? Teddybären und so?

Ich dachte, ich lache mich tot.

Also ja, Nachholbedarf, eindeutig! Nicht zuletzt deshalb muss Mattie dann eine superpeinliche Weiberparty mit „Penis-Pasta“ (kein Scherz!) machen und sich darin üben, Kondome zu rollen. Auch dabei geht natürlich jede Menge schief, das darf man gar nicht erzählen, das muss man lesen.

Und dann ist da natürlich auch noch ihr nerdiger Nachbar Mike Peterson (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Person in der Fernsehserie Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.!), der total ver­schossen in seine Nachbarin Mattie ist … er könnte aber auch quasi unsichtbar sein.

Und als die „Mission Verführung“ beginnen soll, taucht zu allem Verdruss dann auch noch Matties Stiefschwester Angie auf und mischt sich ein … und im Nu ist das Chaos perfekt …

Wer bislang noch keine Berührung mit Geschichten von Julie Kenner hatte, sollte sich wirklich auf Zwerchfellattacken einstel­len. In den beiden Geschichten, die sich (leider, muss man sa­gen) binnen von drei Tagen mühelos weglesen lassen, gibt es soviel absurde Szenen, Verwechslungen und Situationskomik, dass man aus dem vergnüglichen Grinsen nur selten heraus­kommt und manchmal sogar lauthals auflachen muss. Das gilt insbesondere für die zweite Geschichte.

Gewiss, man spürt sehr schnell in beiden Geschichten, wie der Hase läuft, aber es ist doch sehr interessant, wie angestrengt die weiblichen Hauptpersonen sich bemühen, strikt in die ent­gegengesetzte Richtung zu schauen als dorthin, wo letzten En­des das Glück winkt. Dabei kommt einem das Setting an vielen Stellen tatsächlich vertraut vor – denn in der Tat benehmen sich viele Menschen genau so. Julie Kenner erweist sich in diesen Werken als geschickte Psychologin, die mit den Komplexen, Wunschvorstellungen und Hoffnungen der beteiligten Personen raffiniert spielt und sie ein ums andere Mal in abenteuerliche Lagen versetzt, die sie dazu nötigen, ihre Grenzen auszutesten.

Im Gegensatz allerdings zu ihren Romanen um Nikki Fairchild und Damien Stark oder andere Personen aus ihrem Umfeld braucht man in diesen beiden humorvollen Novellen nicht zu er­warten, dass sie irgendwo ins BDSM-Setting abgleiten. Das ha­ben sie überhaupt nicht nötig. Deshalb sind es eben auch No­vellen geblieben – die Handlungsbögen der Werke sind relativ schlicht und geradlinig. Für eine Autorin, die lange und komple­xe Settings gewohnt ist, würde ich sagen, sind das hier necki­sche Fingerübungen zwischendurch gewesen. Diese Geschich­ten sind deshalb ideal dafür geeignet, die Autorin kennen zu ler­nen und besonders ihre Art von schnippischem Humor, der auch in den längeren Romanen des Öfteren durchblitzt und die Werke bereichert.

So kurzweilig und zielstrebig diese Geschichten auch sein mö­gen, sie stellen wirklich eine amüsante, unterhaltsame Lektüre für Zwischendurch dar, die ich guten Herzens empfehlen kann.

© 2018 by Uwe Lammers

Echt, das war gute Vergnügungslektüre, so kann man das nen­nen. Und ja, der Sex kommt darin natürlich auch nicht zu kurz. Das kann man sich bei Julie Kenner auch kaum vorstellen.

Nächste Woche wechseln wir mal wieder das Medium, dann möchte ich euch einen etwas älteren, aber immer noch sehr reizvollen phantastischen Film vorstellen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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