Liebe Freunde des OSM,
nein, wir haben hier jetzt keinen Steinzeit-Roman vor uns, wie man das vielleicht anhand des Titels denken könnte. Stattdessen befinden wir uns mal wieder im Archipel, der über eine Vielzahl solcher noch nicht vollendeter Romanskripte verfügt, für die mir mitunter mal Zeit, mal Inspiration fehlt. Wie bei vielen solchen Langzeitprojekten ist es hier auch eine Mischung aus beiden Faktoren. Und wie so häufig ist auch dieses Mal der Handlungsverlauf im Wesentlichen schon skizziert … nur das Ende ist wie meistens noch schwammig. Und vieles dazwischen, natürlich.
Schauen wir uns zunächst mal die grundlegenden Daten zu der Geschichte an. Ich habe „Waldmenschen“ schon am 10. Oktober 2002 begonnen, also zu einem Zeitpunkt, als ich etwa auf Seite 300 im zweiten Rhonda-Roman „Rhondas Reifejahre“ steckte. Zu der Zeit entstanden ziemlich viele kürzere Fragmente und Kurzgeschichten, mitunter Ausgliederungen aus dem ersten und zweiten Rhonda-Roman. Und mich trieb damals ein Gedanke um, der mich schon ein paar Jahre verfolgte.
Im ersten Archipel-Roman „Die drei Strandpiratinnen“ (1997/98) hatte ich den Weg des Piratenseglers ALWANNEKHOR zur großen Archipel-Hauptinsel Coorin-Yaan begleitet. Zwei der Strandpiratinnen waren später vom Piratenrat von Asmaar-Len zur so genannten „Weghuren-Strafe“ verurteilt worden.
Das war ein entwürdigendes Schema, das im Anfang von „Rhondas Weg“ wiederkehrte. Und es machte mir zunehmend zu schaffen. Denn in beiden Fällen war dieser Punkt nur gestreift und gleich wieder, unbehaglich berührt, verlassen worden.
In „Waldmenschen“ veränderte ich darum die Perspektive grundlegend und nahm zugleich mehrere Elemente wieder auf, die in den Rhonda-Geschichten schon angeklungen waren. Ich komme gleich darauf. Lasst mich zunächst noch die Basisdaten der Geschichte vervollständigen, ehe wir uns in das Abenteuer selbst begeben.
Ich begann mit der Geschichte also im Oktober 2002. Der letzte Werkstand ist der 22. Juli 2024. Dort hat die Geschichte 112 Skriptseiten, von denen inzwischen 99 im Reinskript vorliegen … die Geschichte ist also durchaus weit gediehen. Aber die oben angedeuteten Schluss-Sequenzen, die noch nicht so wirklich konkretisiert sind, haben eine Fertigstellung des Romans bislang vereitelt.
Schauen wir uns diese beunruhigende Geschichte und ihre Ausgangsvoraussetzungen mal etwas näher an. Ich sollte vermutlich, weil es eine Weile her ist, dass ich dazu mehr sagte, etwas zur allgemeinen Situation vorwegschicken, sonst ist Stirnrunzeln programmiert.
Asmaar-Len ist eine große Metropole für Archipel-Verhältnisse. Sie liegt auf der Nordseite der sichelförmligen Dschungelinsel Coorin-Yaan, die sonst nur von vereinzelten Küstendörfern besiedelt ist. Die im Innern, dem Hinterland von Asmaar-Len liegende Kordillere ist unbewohnt und wird von dichtem Urwald bedeckt, in den sich kein Mensch, der noch seine Sinne beisammen hat, hineintraut.
Dennoch gibt es natürlich Pfade durch die Wildnis, die die einzelnen Siedlungen mit dem Umland der Metropole verbinden. An diesen Pfaden hat der Piratenrat von Asmaar-Len Rastplätze in dichter Folge eingerichtet … und sie dienen zudem auch als Bestrafungsorte für Frauen, die aus irgendwelchen Gründen gegen die gesellschaftlichen Grundlagen der Stadtgesellschaft verstoßen haben.
Diese verurteilten Frauen werden hier nackt angekettet und haben den Händlern und sonstigen Wandernden auf den Wegen für jeden ihnen erwiesenen Gefallen sexuell zu Diensten zu sein. Dies ist die so genannte Weghuren-Strafe, die bisweilen Monate dauern kann. Eine Rückkehr in ein normales Leben – was den Delinquentinnen selbstverständlich versprochen wird – gelingt in der Regel nicht. Das kann viele Gründe haben: Schwangerschaften, die sich einstellen, eine grundsätzlich zerfallene Moral, die die Frauen sexuell wahllos gemacht hat, Krankheiten oder Todesfälle.
Und dann gibt es noch Gründe, die in der Regel nicht thematisiert werden. Zwei davon verschmelzen in diesem Romanskript: Manche der Weghuren verschwinden auch von ihren Plätzen.
Meist ist der Grund in einem korrupten Komplott seitens der Stadtwachengardisten zu suchen, die die Frauen kontrollieren sollen, und von Haciendabesitzern, die sich auf diese Weise eine günstige Liebessklavin erwerben möchten, nach der später niemand mehr fragt.
Aber das ist nur die eine Weise des Verschwindens.
Es gibt auch noch eine andere.
Die siebzehnjährige Joy, die weibliche Hauptperson der Geschichte, ist durch ein infames Komplott der Verurteilung anheim gefallen und dient schon seit einigen Wochen hier an einer Wegraststelle als Weghure. Ihre vormalige Einstellung, die davon ausging, dass Weghuren doch zügellose Kreaturen seien, die moralisch verdammenswert wären, hat schon arg gelitten, seit sie sich selbst in dieser Rolle wieder gefunden hat.
Darum ist sie auch durchaus der Idee gegenüber aufgeschlossen, als der Stadtwachengardist Andoor sie mit dem Haciendero Harkasch besucht und sie von ihrem Platz loslöst. Harkasch, so heißt es, der sie schon am Weg genossen hat, möchte sich eine Weile auf seinem Gut im Wald etwas lockerer und entspannter mit ihr amüsieren und wird sie dabei gut verpflegen … was sich nach einer wirklich angenehmen Abwechslung anhört. Auch die damit dann verbundene Annullierung ihrer Strafe und die mittelfristig angekündigte Heimkehr nach Asmaar-Len wäre ihr sehr willkommen.
Joy geht auf dieses Ansinnen also durchaus bereitwillig ein. Da sie aber am gleichen Abend nicht mehr ihr Ziel erreichen, rasten sie auf einer Weglichtung, und Joy wird sicherheitshalber gefesselt, damit sie keine Dummheiten macht. Was sie natürlich im Traum nicht vorhat.
Doch während der Nacht wacht sie auf und wird von einer unheimlichen Gestalt kurzerhand in die Tiefen des Waldes entführt. Es handelt sich unzweifelhaft um einen Mann, das wird schnell klar, aber warum knebelt er sie dann?
Warum weicht er von den Wegen ab und schlägt sich mitten ins Dickicht?
Ist er verrückt?
NIEMAND, der seinen gesunden Menschenverstand beisammen hat, tut so etwas! Jeder Bürger Asmaar-Lens (wie Joy) weiß nun wirklich zur Genüge, dass man im Dschungel spurlos verloren gehen und nie wieder zum Vorschein kommen kann.
Es gibt sogar Furcht erregende Legenden in den Archipel-Dörfern von Waldgeistern, die Frauen entführen und nie wieder freigeben!
Ist es also ein Wunder, dass Joy in Panik und Tränen aufgelöst ist, als ihr Entführer sie schließlich auf einer Lichtung von dem Knebel befreit und mit ihr ein Gespräch anfängt?
Der durchaus nicht unattraktive, wenn auch etwas heruntergekommene Mann hört auf den Namen Naran, und er gibt vor, sie gerettet zu haben.
Joy sieht das verständlicherweise völlig anders. Sie denkt, Hauptmann Andoor und der Haciendero Harkasch würden bei gehorsamen Liebesdiensten auf der Farm nach einer Weile dafür sorgen, dass ihre Strafakte erlassen werden und sie in die Stadt zurückkehren könne – also genau das, was Naran durch ihre Entführung nun unmöglich mache!
Er rette sie also nicht, wirft sie ihm verzweifelt vor, sondern er zerstöre vielmehr ihr Leben!
Nein, widerspricht er ihr, sie müsse das anders sehen.
Seine Sicht auf ihr Schicksal sieht auf grässliche Weise ganz anders aus: Andoor habe mit Harkasch einen grundsätzlich verbotenen Vertrag ausgehandelt. Sie werde entgegen ihrer naiven Erwartung durchaus nicht temporär seine Liebessklavin sein, sondern auf Dauer in sein Eigentum übergehen, und er könne dann lebenslang mit ihr machen, was er wolle.
Der Hauptmann dagegen werde dem Rat von Asmaar-Len erzählen, sie sei spurlos von ihrer Wegstelle verschwunden. Damit sei ihre Rückkehr nach Asmaar-Len nicht nur unwahrscheinlich, sondern unmöglich geworden. Er selbst werde an ihrem Verkauf (!) an Harkasch sogar noch schön dazu verdienen und straffrei ausgehen!
Also doch, er habe sie vor diesem schlimmen Schicksal gerettet! Sie müsse ihm da einfach vertrauen, dass er nur das Beste für sie wolle.
Joy kann das einfach nicht glauben und will es auch eigentlich nicht, weil das ihrer kompletten bisherigen Weltsicht widerspricht. Aber Naran ist äußerst überzeugend … und nachdem er sie leidenschaftlich geliebt hat, nimmt er sie anschließend mit in die Tiefen der Wälder, wo die Outcasts von Coorin-Yaan leben, die Waldmenschen …
Wie gesagt, wie genau die Geschichte endet, ist noch nicht restlos geklärt. Aber der Anfang ist schon äußerst präzise ausgearbeitet und wirft ein paar wirklich finstere Lichter auf die Praxis der Weghurenstrafe, die stets nur Frauen trifft, deren Leben dadurch auf grässliche Weise völlig entgleist – und zwar vollkommen unabhängig davon, ob sie die Strafe nun durchstehen oder nicht.
Dass in der jüngeren Vergangenheit mit der so genannten „neuen Strafe“ eine alternative Verurteilungsform eingeführt wurde, ändert leider an der frauenfeindlichen Einstellung der Adeligen in dem Führungsgremium von Asmaar-Len herzlich wenig. Zu dieser Strafe werde ich in einem weiteren Langzeitprojekt-Artikel noch mehr ausführen.
Für den Moment bin ich erst einmal am Ende der Argumentationslinie für dieses Werk angelangt. Im nächsten Beitrag der kommenden Woche stelle ich euch vor, was ich im Monat November 2025 geschrieben habe.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.