Liebe Freunde des OSM,

was mag wohl ein „Sperrplanet“ sein? Oder, um es mit einem anderen Fachausdruck aus diesem Roman zu sagen, eine „gen­labyrinthische Welt“? Nun, diese Fragen führen uns zum vierten Mike Cole-Roman und in einen alptraumhaften Abgrund, der dem in dieser Serie erschaffenen irdischen Sternenreich eine finstere Vergangenheit attestiert – und wenn jemand im An­schluss denken sollte, dass die Nazizeit hier im Hintergrund Pate stand, so hat er damit zweifellos recht.

Wir schreiben in diesem Roman, den ich in den Monaten No­vember und Dezember 1985 in nur neun Tagen herunterschrieb, den Dezember des Jahres 2253. Die grässlichen Chaostage der Overkill-Verschwörung (vgl. dazu die Romane „Operation Overkill“ und „Das Erbe von Lepsonias“) liegen erst wenige Wochen zurück, und bekanntlich sind alle Feinde des Reiches der Verfolgung entkommen.

Der lebende Planet Lepsonias ist spurlos in den Weiten der Ga­laxis untergetaucht und schwebt weiterhin als drohende Gefahr über allem, aber nun naht das Weihnachtsfest auf der Erde, und der Privatdetektiv Mike Cole, der inzwischen mit seiner Detektei nach Boston an die amerikanische Ostküste umgezogen ist – vormals lebte er ja auf dem Kolonialplaneten Paumer IV – , über­legt, ob er die Offerte Jean Donnets, des Chefs des Terranischen Sicherheitsdienstes (TS) annehmen soll. Eingedenk der gemein­sam überstandenen Fälle hat Donnet ihm angeboten, Mike kön­ne in den TS eintreten und so seine chronischen Finanznöte ad acta legen.

Doch ehe es dazu kommt, passiert etwas anderes.

Ein Mitglied der Overkill-Verschwörung, der genetisch verwach­sene Ex-Eliteagent Aescyla, bricht zu einem so genannten „Sperrplaneten“ des terranischen Reiches auf und trifft hier auf eine Schar furchtbar entstellter Mutanten. Einstmals waren die Bewohner von Lintok, so der Name dieses Planeten, ganz nor­male Menschen … bis eine genetische Seuche die Ökosphäre verseuchte und der Planet dauerhaft für jedwede Raumfahrt ge­sperrt wurde. Daher der Name.

Auf Lintok nimmt Aescyla im Auftrag der Overkill-Verschwörung eine Reihe von bizarren Mutanten an Bord. Einer von ihnen gleicht mehr einem Baum mit peitschenartigen Gliedmaßen, er wird Würger genannt. Dann gibt es eine Kreatur, die vollständig aus klobig behauenem Stein zu bestehen scheint, der Zerstörer. Schließlich gesellt sich eine silbrig schillernde Gestalt, die einer bizarren Metallskulptur ähnelt, hinzu – Blitzer genannt. Und der schaurigste von allen ist Paraspider – eine sechzehnbeinige Rie­senspinne mit einem pulsierenden, offenen Gehirn. Er ist ein Multimutant und imstande, Gedanken zu lesen, Wahnvorstellun­gen hervorzurufen, telekinetisch zu wirken und zu teleportieren.

Diese vier Wesen, bis zum Scheitel (oder ihrem Äquivalent) an­gefüllt mit Hass gegen das terranische Reich, werden nun von Victor Tyrell, dem Finanzier von Overkill, und den Verschwörern, die sich immer noch an der Erdregierung, Jean Donnet und Mike Cole rächen wollen, in Dienst genommen.

Einsatzort: Erde.

Ziele: Mike Cole und Jean Donnet, die ermordet werden sollen.

Der grimmige nordische Killer Arne, der Mike schon im dritten Band der Serie das Leben schwer machte, möchte endlich sei­nen Auftrag beenden. Mike Cole töten.

Und der Privatdetektiv weiß von nichts.

Er trifft unterdessen in Boston unerwartet einen 82 Jahre alten Mann und wird Zeuge eines Mordversuchs – so kommt er in Kon­takt mit Samuel Igaron, einem Veteranen des Genetischen Krie­ges, und damit fangen die Probleme erst richtig an.

Der Genetische Krieg tobte im terranischen Reich in den Jahren 2175 bis 2203 und führte zur Vernichtung von 65 Kolonialwel­ten. Weitere 104 wurden während der Auseinandersetzungen nahezu unbewohnbar, rund vierzig Milliarden Menschen verlo­ren ihr Leben. Seit dieser Zeit sind die überlebenden Veteranen im Untergrund untergetaucht, aber es gibt sie, wie Igarons Exis­tenz beweist, nach wie vor.

Mike Cole muss realisieren, dass nicht alle Veteranen Verbre­cher sind, sondern manche die damals geschehenen Schrecken ernsthaft bedauern. Das gilt insbesondere für Igaron, der einst Offizier auf der Kolonialwelt Lintok war. Bevor diese Welt für den Rest der Menschheit gesperrt wurde, gelang ihm die Flucht. Und er drückt Mike Cole mit der Bitte, sich an Jean Donnet zu wen­den, etwas in die Hand und verjagt ihn dann.

Das, was Mike in der Hand hat, ist eine seltsame kleine Bleipla­kette (3 x 2 x 0,5 Zentimeter) mit einer aufgeprägten DNS-Spi­rale. Erst als er das Ding Jean Donnet bei einem Videoanruf zeigt, beginnt er zu verstehen, was das ist.

Es handelt sich um das Genetische Siegel der Genetik-Schule von Lintok, einen hochpotenten Datenträger mit tendenziell tödlichem Inhalt.

Donnet beordert ihn sofort nach Euro-City, in die in der Mitte des Atlantik schwimmende Erdhauptstadt, wo sie sich treffen wollen. Und hier machen sie die unerwartete erste Bekannt­schaft mit den mörderischen Mutanten von Lintok, die während ihres Kampfes eine ganze Bar im Schutt und Asche legen. Ihr Ziel – die Ermordung der beiden Freunde – erreichen sie aller­dings nicht.

Danach gibt Donnet Mike einen TS-Aufpasser mit, den smarten TS-Agenten Terry Enderby, der ihn mit nach Boston begleitet, auch wenn der TS-Chef da ernste Bedenken hat, weil Mike dort weitgehend ungeschützt ist. Enderby wird von nun an immer wieder in der Serie auftauchen, das Personensetting weitet sich also langsam aus.

Und in der Tat wartet in Boston der Killer Arne, und der Detektiv läuft mitsamt seinem TS-Bodyguard mitten in die Falle …

Der unscheinbar klingende Romantitel verbirgt in Wahrheit eine atemberaubende Achterbahnfahrt von SF-Abenteuer, die mich bei der Wiederlektüre nach über 30 Jahren völlig mitriss … viel­leicht vom Stil her etwas hölzern, dann und wann unangemes­sen theatralisch und meist in den Beschreibungen eher flüchtig gehalten, aber sonst wirklich ein rasantes Actionabenteuer, das nach wie vor zu fesseln versteht.

Mit dem Hintergrund des Genetischen Krieges, den Veteranen, den Sperrplaneten und den Genetik-Schulen taucht ein innenpo­litisches und historisches Thema auf, das man in der Spreng­kraft mit dem Fortdauern nazistischen Gedankenguts und Perso­nals in den 50er und 60er Jahren in der Bundesrepublik durch­aus parallelisieren kann. Mit einem wesentlichen Unterschied: Wir befinden uns in einer absoluten Hightech-Kulisse, und die Genetischen Krieger waren nicht irgendwelche tumben Gestal­ten, ganz im Gegenteil.

Die Genetik-Schulen erschufen eine genetisch optimierte Elite von Soldaten, die sich durch extreme Fitness und enorme Lang­lebigkeit auszeichnen. Auch wenn der Genetische Krieg also schon fünfzig Jahre Vergangenheit ist, zeigen reaktionsschnelle Veteranen wie Igaron (oder der sehr viel jüngere Jean Donnet, der in der Spätphase des Krieges ebenfalls zum Genetischen Krieger ausgebildet worden ist, was noch bedeutsam werden wird), dass die untergetauchten Exponenten des Konflikts immer noch eine schwelende Bedrohung sind.

Noch schlimmer ist es mit den Genetik-Schulen selbst und ihren Siegeln. Jean Donnet berichtet, dass angeblich eine der Schulen an Unsterblichkeit geforscht haben soll. Aber es gab auf fast je­der Welt des Reiches eine Genetik-Schule. Die Aufzeichnungen darüber, wo an was geforscht worden ist, sind allerdings zum ei­nen top secret, in den meisten Fällen sogar unauffindbar.

Und es gibt zudem noch eine Organisation namens OMEGA, die schon zwanzig Genetik-Siegel im Besitz haben soll, der TS hat weitere erbeutet … aber es gibt Aberhunderte in den Weiten des Reiches – und auf Sperrplaneten – , die noch nicht gehoben sind. Sie sind eine weitere stete Bedrohung.

Als sich letzten Endes die Geschichte am Ende so zuspitzt, dass ein Besuch auf Lintok unumgänglich wird, tritt noch eine weite­re unerwartete Gefahr zutage.

Denn Lintok wurde zwischenzeitlich von Aliens entdeckt … und sie sind keine Freunde der Menschheit …

Alles in allem ist auch der vierte Mike Cole-Roman ein höchst le­senswertes Abenteuer, das mit Recht darauf wartet, beizeiten digitalisiert und gehoben zu werden.

In der kommenden Woche werde ich dann wieder ein wenig bo­denständiger und lotse euch durch meine bearbeiteten Projekte im Monat Februar 2026.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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