Liebe Freunde des OSM,
es ist eine Art urbaner Legende, die sich um diesen obskuren Titel rankt. Es dauerte tatsächlich bis zum Jahr 2023, bis der Titel 1:1 als „Rendezvous mit Rama“ übersetzt wurde. Man kann bezweifeln, dass indische Fundamentalisten sich in den 70er Jahren gegen die Verwendung eines indischen Götternamens auf einem deutschen Buchcover wehrten und so den Verlag zu einer abweichenden Titelvergabe inspirierten. Nahe liegender ist tatsächlich diese urbane Legende, dass die Hersteller der Margarinemarke „Rama“ etwas dagegen einzuwenden hatten.
Aber mal ganz von diesen obskuren Details abgesehen … der Roman selbst, so schmal und unscheinbar er auch daherkommt im Zeitalter voluminös aufgeblasener Romanumfänge (man denke nur an die unsägliche Großschrift und breiten Ränder in Romanen wie denen der Harry Potter- oder Twilight-Serie, heutzutage immer noch gern angewendet im Romance-Sektor und bei mancherlei Selfpublishern). Das Buch hat es in sich.
Es schildert einen faszinierend realitätsnahen Erstkontakt mit einer Alienzivilisation, die zugleich bis Ende des Romans vom Geheimnis umwittert bleibt. Und dies war für rund 20 reale Jahre das Einzige, was man von den Ramanern hörte. Bis Arthur C. Clarke dazu bewegt wurde, einen Nachfolgeband zu verfassen.
Doch bleiben wir erst einmal bei diesem Auftaktband. Stürzt euch ins frühe 22. Jahrhundert und mitten hinein ins Abenteuer:
Rendezvous mit 31/439
Neuauflage als: Rendezvous mit Rama
(OT: Rendezvous with Rama)
von Arthur C. Clarke
Heyne 5370
288 Seiten, TB
München 1973, 1996
Übersetzt von Roland Fleissner
ISBN 3-453-09963-x
Als Padua und große Teile Oberitaliens durch einen Meteoriteneinschlag zerstört werden, was beispielsweise auch Venedig völlig auslöscht, schreibt man das Jahr 2077. Als Folge davon wird die SPACE GUARD eingerichtet, um die nächste verheerende Katastrophe durch Meteore zu verhindern. Rechtzeitig zu verhindern.
Im Jahre 2130 scheint sich ein weiterer Meteor der Erde zu nähern, doch er entpuppt sich alsbald schon als außergewöhnlich: es ist ein perfekter Zylinder, 16 Kilometer stark und 60 Kilometer lang. Der lang ersehnte und gefürchtete Erstkontakt ist gekommen, und unschwer zu erahnen, verändert er die Welt.
Das einzige in der Nähe befindliche Raumschiff, das das Objekt 31/439, Eigenname Rama, abfangen könnte, ist das Raumschiff ENDEAVOUR unter Commander Norton. Er hat nur wenige Wochen Zeit, Rama zu erforschen und gegebenenfalls Kontakt aufzunehmen, denn dann wird Rama offenkundig die Sonne erreichen. Oder so ähnlich …
Die ENDEAVOUR landet planmäßig auf einer schüsselförmigen Vertiefung am „Nordpol“ des fremden Schiffes, bei dem man keinerlei Antriebsaggregate feststellen kann. Rama reagiert nicht auf die Besucher, auch nicht, als sie durch einen von drei Zugangstunnels ins Innere vordringen und nach einer Weile (und drei Schleusen) den Innenraum von Rama betreten, eine beklemmend finstere Gruft, tiefschwarz und grabeskalt. Nach Abschuss von Leuchtkugeln enthüllt sich vor ihnen ein phantastisches Panorama.
Rama ist eine Hohlwelt, die sich in vier Minuten um den eigenen Schwerpunkt dreht und damit an den Innenflächen des Hohlzylinders eine Schwerkraft erzeugt. In der Mitte des fünfzig Kilometer langen zylindrischen Innenraums befindet sich gar ein gefrorenes Meer, die so genannte Zylindrische See, in der eine Insel existierte, deren stadtähnlichen Komplex man „New York“ nennt. Weitere Siedlungskomplexe werden nach anderen Großstädten der Erde benannt. Auf dem diesseitigen Ende ist die Zylindrische See durch einen fünfzig Meter hohen Wall abgeschirmt, auf der Südseite ist jener Wall fünfhundert Meter hoch, so dass für die mangelhaft ausgerüstete Expedition ein Zugang zum „Südkontinent“ fast unmöglich wird.
Der Abstieg von der Zentralnabe des Nordpols, wo sich die Einstiegsluken befinden, ist durch ein gewaltiges, mehr als acht Kilometer langes System aus Leitern, Treppen und Plattformen möglich, das ebenfalls dreifach vorhanden ist. Die Dreigliederung scheint überhaupt überall in Rama zutreffendes Bauprinzip zu sein.
Lange Zeit glauben die Terraner, dass es sich bei Rama um ein Geisterschiff handelt, vielleicht ein Generationsschiff oder gar eine robotisierte Mission, die irgendwie fehlgeschlagen ist. Doch sie müssen rasch erkennen, dass dem keineswegs so ist. Je näher Rama der Sonne kommt, desto gespenstischer werden die Aktivitäten: Die sechs Kunstsonnen Ramas beginnen ihren Betrieb, und der endlose Tag beginnt. Und dann erscheinen unheimliche Wesen, von denen man weder weiß, ob sie organisch oder technisch sind und ob es sich hierbei um Ramaner oder robotähnliche Kreaturen handelt.
Und schließlich beginnt Rama dicht bei der Sonne auch noch damit, den Kurs zu ändern …!
Dieser Roman von Arthur C. Clarke, den ich nun schon zum zweiten Mal – mit wachsender Begeisterung! – gelesen habe, gehört meines Erachtens wirklich zu den herausragenden Stücken seines Werkes und ist sicherlich ein Juwel der SF, wenn man gut fundierte Zukunftsvisionen mag (nicht umsonst wurde der Roman jüngst unter dem Originaltitel wieder neu aufgelegt wie auch zahllose andere Klassiker – und diesmal, ohne dass er verfilmt worden wäre!). Beim Erdenken einer ganzen Welt wie RAMA hat Clarke eine Detailfreude bewiesen, die ungemein verblüfft und damit einen schlüssigen Roman geschaffen, der durchaus das Attribut „zeitlos“ verdient. Und später hat er interessanterweise diese Geschichte 18 Jahre später in „Rama II“ fortgesetzt. Man mag gespannt sein, ob dieser Roman nun ebenfalls neu aufgelegt wird, wie auch die beiden weiteren Werke, die diese Tetralogie schließlich abrundeten.
© 1998 / 2023 by Uwe Lammers
Die drei folgenden Romane werden im Rahmen meines Rezensions-Blogs natürlich demnächst ebenfalls vorgestellt werden. Selbst wenn es nicht zur Neuauflage der Nachfolgebände kommt, lohnt sich der antiquarische Nachkauf. Vertraut mir.
In der kommenden Woche rutschen wir mal wieder in die schlichte Welt erotischer Romane ab. Nähere Details verrate ich an dieser Stelle aber noch nicht.
Bis bald, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.