Rezensions-Blog 543: Verbotenes Spiel (3/E)

Posted Januar 14th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

leider gibt es Romane, die als klare Verlegenheitslösung schon in dem Moment erkennbar werden, wenn man die Personenrie­ge entdeckt. Das ist hier der Fall. Die Autorin Kitty French, die ich schon in dem zweiten Band dieser scheinbaren Trilogie kriti­sierte, weil sie den Romanstoff nicht gescheit auf drei Romane verteilen konnte, sondern ihr Pulver bereits nach Band 2 ver­schossen hatte, beweist hiermit einmal mehr, dass diese Ein­schätzung auf Fakten beruht.

Hier baut sie eine bisherige Nebenperson eher halbherzig zu ei­ner neuen tragenden Hauptfigur auf … und es funktioniert wirk­lich so gar nicht. Schaut es euch am besten mal an, Freunde, aber seid nicht überrascht, wenn diese Buchvorstellung nahe am Abgrund entlangschrammt und nicht wirklich allzu viel Lese­freude ausstrahlt:

Verbotenes Spiel

(OT: Knight & Day)

Von Kitty French

Lyx (keine Verlagsnummer!), März 2015

320 Seiten, TB

ISBN 978-3-8025-9567-7

Aus dem Englischen von Nele Quegwer

Kara Brookes ist die beste Freundin von Sophie Black, der weib­lichen Protagonistin der ersten beiden Romane der Trilogie von Kitty French, und sie hat bislang nur eine Nebenrolle in der Ge­schichte gespielt. Das ändert sich nun grundlegend, als sie ins Zentrum der Darstellung rückt.

Privat ist ihr Leben als gescheitert anzusehen – auf so desaströ­se Weise gescheitert, dass sie sich massiv ins Geschäftsleben geflüchtet hat. Ihr Vater ist ein notorischer Lügner gewesen, mit dem sie gebrochen hat, und die letzte Niederlage war ihre ver­heerend gescheiterte Hochzeit, wo sie von ihrem Verlobten kur­zerhand vor dem Traualtar allein stehen gelassen wurde. Nein, von Männern, von Lügnern noch dazu, hat Kara wirklich mehr als genug. Männer existieren in ihrem Leben von jetzt an nicht mehr, so ihr fester Vorsatz!

Das ist natürlich schwierig – schließlich hat sie zusammen mit Sophie Black, die seit Jahren mit ihrem Geliebten Lucien Knight zusammen ist und mit ihm eine kleine Tochter hat, geschäftlich interagiert. Gemeinsam haben sie in Luciens „Gateway“-Clubs für Erwachsene (eine nur leicht bemäntelte Bezeichnung für lu­xuriöse Sexclubs) eine Boutiquenreihe geschaffen, in der edle Lingerie und Liebeszubehör verkauft wird. Somit ist Kara auto­matisch mit genau den Dingen konfrontiert, die sie selbst aus ihrem Leben kategorisch ausgeschlossen hat: Männern und Sex.

Als der neueste „Gateway“-Club auf Ibiza eröffnet werden soll, reist Kara Brookes darum hier an, um Sophie bei dem Aufbau des Shops ihrer Kette darin zu helfen. Womit sie eher nicht rech­net, ist der charismatische, faszinierende Geschäftsführer, den Lucien dort als oberste Instanz eingesetzt hat: Dylan Day.

Der Amerikaner, der nie viel über seine Vergangenheit spricht, ist von der stolzen, hoch gewachsenen Britin in Cowboystiefeln sofort wie magnetisiert. Zwar ist auch er auf dem Pfad unter­wegs, auf dem er mit dem anderen Geschlecht möglichst nichts mehr zu tun haben will, ja, er will sein gesamtes Leben neu or­ganisieren und alles Vorherige hinter sich lassen … aber er kann Kara einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommen, und ihr geht es sehr schnell ebenso.

Sie treffen ein bizarres Agreement, von dem der Leser sofort ahnt, dass das langfristig nicht funktionieren wird: Kara betont, ihr Leben finde familiär hauptsächlich in London statt, und sie sei nur ein paar Monate auf Ibiza. Dann sei sie eben wieder weg. Was auf Ibiza geschieht, bleibe auf Ibiza, und Sex müsse ja nicht unbedingt mehr sein als netter Zeitvertreib. Dylan sieht das recht ähnlich, und so landen die beiden auf Dylans gemiete­tem Hippie-Boot recht schnell in der Kiste und verstricken sich äußerst rasch in eine unglaublich heiße sinnliche Affäre.

Aber sie belügen sich beide konsequent. Denn ihre Herzen ha­ben längst Feuer gefangen. Grundsätzlich müsste das nicht zur Katastrophe führen, aber genau dazu kommt es aus verschiede­nen Gründen: Kara möchte nie wieder etwas mit Lügen zu tun haben und baut zunehmend ein idealistisches, romantisches Bild von Dylan Day auf. Dylan wiederum, der nicht einmal Dylan Day heißt, sondern ganz anders, merkt jede Minute am Tag, dass er Kara, weil er unfähig ist, die Wahrheit zu sagen, mehr und mehr seelisch verwundet und leidet darunter selbst wie ein Tier. Ganz zu schweigen davon, dass er sich selbst über seine tiefen Gefühle ihr gegenüber krass belügt.

Und dann kommt der Tag, als Dylan von seiner Vergangenheit eingeholt wird, und der phantastische Traum zerbirst ebenso wie sein neues Leben und lässt nichts als Tränen und Scherben zurück …

Ich sagte es schon in der Rezension zum zweiten Band der Trilo­gie: Die Autorin hat es nicht verstanden, den Handlungsbogen der Trilogie vom ersten bis zum letzten Band konsequent zu füh­ren, sondern beendete ihn vorzeitig schon nach dem zweiten Band. Folgerichtig ist dieser hier als Ergänzung zwar nett ge­schrieben, inhaltlich aber klar improvisiert. Ja, man bekommt eine Menge über Kara Brookes und ihren Geliebten Dylan Day zu lesen (wie er wirklich heißt und warum er aus seiner Vergan­genheit solch ein Geheimnis macht, sollte man nachlesen – sehr große Überraschungen sind da aber dennoch nicht zu erwarten, die Erwartungen sollten also nicht zu hoch geschraubt werden). Aber dass das improvisiert ist, merkt man schon daran, dass über Kara in den ersten beiden Romanen nicht mal deren Nach­name thematisiert wurde, von der Familie ganz zu schweigen.

Meine Schlussfolgerung hieraus: Kitty French hatte nicht vor, Kara zu mehr als einer schlichten Nebenfigur zu machen. Sie musste aber mit einer neuen Hauptperson improvisieren, als ihr der Stoff für Band 3 fehlte. Statt die drei Bände also zu einer harmonischen Einheit zu verbinden, steht dieser Roman etwas abseits. Ja, natürlich trifft man Lucien wieder und Sophie und lernt ihre kleine Tochter kennen. Und ja, selbstverständlich gibt es auch dort das eine oder andere erotische Intermezzo. Aber das ist mehr Geplänkel. Man erwartet eigentlich mehr. Dabei müsste schon das extrem eingeschränkte Personensetting zei­gen, dass wir es hier mit einer ausgesprochenen Schmalspur­veranstaltung zu tun haben. Weder Sophies noch Karas Eltern spielen etwa jemals irgendeine Rolle (und Namen bekommen sie schon gar nicht!). Dass in Sophies Bekanntenkreis außer Kara noch irgendeine Person existiert, wird nirgendwo gesagt, und das für sich ist schon eher soziopathisch.

Gewiss, es vereinfacht natürlich schriftstellerisch die Situation, wenn man nur mit wenigen Personen zu tun hat. Aber das hat dann, genau genommen, mit menschlicher Gesellschaft und realistischer Darstellung nichts mehr zu tun. Ein wenig mehr Personal hätte der Geschichte zweifellos nicht geschadet, das gilt für alle drei Romane. Und etwas weniger schematische In­strumentalisierung natürlich auch nicht.

Denn was die Handlung angeht, so gibt es dummerweise auch zwischen Kara und Dylan im Wesentlichen erotische Intermezzi ohne mehr Tiefgang. So etwas wie ernsthafte Spannung kommt allein auf, als sein Bruder Justin unerwartet auf der Bühne er­scheint und schließlich diese zweite Frau, zu der ich nichts wei­ter verraten möchte. Sonstige dramatische Handlungsbögen gibt es nicht, und am Ende geht es sehr voraussagbar aus.

Quintessenz: Für Leute, die gern noch mehr über Sophie Black und Lucien Knight lesen möchten, sind das ein paar hundert Seiten neues Lesefutter, aber da hört dann die Empfehlung lei­der schon auf. Jeder, der mehr als ein wenig Sex und kriselnde Romantik, die in ein Happy End mündet, haben möchte, wird hier konsequent enttäuscht. Schade. Davon hatte ich mir defini­tiv mehr erwartet …

© 2019 by Uwe Lammers

Tja, das war nun wahrlich kein Ruhmesblatt, muss man sagen. Und ich vermute, es überrascht keinen von euch, dass ich Kitty French von der Liste favorisierter Autoren gestrichen habe, nachdem ich dieses Buch fertig rezensiert hatte.

Die Buchwelt da draußen ist wirklich voll von interessanten und guten alten wie frischen Autoren. Und natürlich auch voll von echt faszinierenden Büchern, die sehr viel mehr Lesefreude wecken als das obige. Ein solches Buch stelle ich euch in der kommenden Woche vor.

Bleibt gespannt, Freunde!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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