Rezensions-Blog 563: Gefangener in Raum und Zeit (4/E)

Posted Juni 3rd, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ich bin wirklich ein Fan von Zeitreise-Geschichten, und von His­torie, zumal der alten Historie, die vor Beginn der christlichen Zeitrechnung spielt, ohnehin. Deshalb kamen in diesem vierten und letzten Roman um den Zeitagenten Hannibal Fortune meh­rere sehr schöne Sujets zusammen, was mir die Lektüre dann doch sehr erleichterte. Hinzu kam, dass ich – wie in der Rezensi­on kursorisch angemerkt – seit meiner Lektüre des dritten Ban­des (vgl. dazu den Rezensions-Blog 555 vom 8. April 2025) mich wieder gründlich in historische Zusammenhänge eingelesen hatte, insbesondere auch in jene Epoche, um die es hier geht.

Wir schreiben das Ende des 3. Jahrhunderts vor Christus, und die imperialen Mächte Rom und Karthago beharken sich schon seit Jahrzehnten mit dem Ziel, koloniale Hegemonie über den Mittelmeerraum zu erlangen und den jeweiligen Konkurrenten zurückzudrängen.

Wie man weiß, wenn man sich mal mit den Punischen Kriegen beschäftigt hat, zog dabei Karthago den Kürzeren und wurde schließlich dem Erdboden gleich gemacht.

Im vorliegenden Roman ist diese Entwicklung des „wahren Zeit­strahls“ um mal die Marvel-Fernsehserie „Loki“ zu zitieren), in Gefahr. Und Hannibal Fortune wird losgeschickt, um diese Ge­fahr zu entschärfen und die Zeit wieder in ihre richtige Bahn zu­rückzulenken. Er ahnt nicht, dass diese Entwicklung genau zu dem Zweck inszeniert wurde, um ihn dorthin und in eine aus­weglose Falle zu locken.

Vorhang auf für das dramatische letzte T.E.R.R.A.-Zeitabenteuer:

Gefangener in Raum und Zeit

(OT: The Time Trap Gambit)

Von Larry Maddock

Ullstein 2000, Band 2857

160 Seiten, TB, 1969 (1972)

Aus dem Amerikanischen von Ingrid Rothmann

ISBN 3-548-02857-8

Aus mir nicht erklärlichen Gründen kam es in der Terra-Taschen­buch-Reihe nicht dazu, den vierten und meiner Kenntnis nach letzten Roman der Abenteuer des T.E.R.R.A.-Agenten Hannibal Fortune zu publizieren. Das geschah dann tatsächlich erst Jahre später in einem anderen Verlag. Witzigerweise entging er lange meinem suchenden Auge, und selbst als ich anno 2023 alle vier Bände zusammen hatte, schweifte mein Leseinteresse in histori­sche Gefilde ab, ehe ich ihn dann Anfang 2025 binnen zwei Ta­gen durchschmökern konnte.

Die Ablenkung hatte in gewisser Weise eine heilsame Funktion, weil sie mein Gespür für die Historie wieder schärfte. Ich bin ja von der Ausbildung her Historiker, und während ich mich statt durch Romanstoffe durch historische Aufsätze in der Zeitschrift ANTIKE WELT schmökerte, stieß ich dabei auch auf einige Auf­sätze zum Thema Karthago … und damit sind wir im Grunde ge­nommen genau dort, wo dieser Roman spielt.

Man schreibt auf der Erde das Jahr 203 nach Christus, und im Mittelmeerraum ringen zwei imperiale Mächte um die Vorherr­schaft. Sie tun dies schon seit Jahrzehnten, und so langsam geht beiden Seiten die Geduld aus. Die Mächte sind das imperiale Rom mit Zentrum in Italien auf der einen Seite, das punische Reich, das von Karthago in Nordafrika ausstrahlt und seit 15 Jahren seinen Heerführer Hannibal nach Italien entsandt hat, wo er mit seiner Armee Angst und Schrecken hervorruft. Darum entsendet Rom seinen Feldherrn Scipio nach Nordafrika, um Karthago im Zuge des Zweiten Punischen Krieges zur Kapitulation zu zwingen und die Gefahr von Rom abzuwenden.

Der normale Verlauf der Zeit würde es sein, dass Scipio die Stadt Utica einnimmt und sich mit einem lokalen Fürsten na­mens Syphax verbündet, um dann Karthago zu unterwerfen. Doch der T.E.R.R.A.-Agent Vango, der inkognito in Karthago sta­tioniert ist, übermittelt der in der fernen Zukunft liegenden Zen­trale, dass es irgendwie … nun … Unstimmigkeiten gibt. Syphax hat offenbar die Seiten gewechselt. Und Scipios Belagerung Uti­cas ist erfolglos.

T.E.R.R.A. vermutet, dass die antagonistische Organisation EM­PIRE dabei ist, die Weichen der irdischen Vergangenheit neu zu stellen, was eine eminente Bedrohung der Zukunft darstellt. Also wird Hannibal Fortune entsandt, um die Ereignisse in den richtigen Zeitstrom zurückzuführen.

Als Fortune mit seinem Symbionten Webley in Nordafrika ein­trifft, muss er ernüchtert entdecken, dass Vango nebst seinem Symbionten Arrik bedauernswert passiv ist und sich mehr um das Sammeln historischer Schriften kümmert als um die lokale Politik – etwas, was man in so gefährlichen, historisch entschei­denden Zeiten definitiv nicht dulden kann. Seine Informationen sind zudem in gefährlichem Maße veraltet. Und es wird über­deutlich, dass EMPIRE in dem wirren Machtgeflecht in Nordafrika eingegriffen hat. Der Sinn der Handlungen ist nicht wirklich zu begreifen, aber es sieht ganz so aus, als würde Scipio bei Nicht­eingreifen kurzerhand in Nordafrika untergehen.

Fortune entschließt sich also, den Stützpunkt des Gegners di­rekt zu attackieren … und läuft in eine höllische Falle, die aus­drücklich allein für ihn und seinen Symbionten geschaffen wur­de und ihn ein für allemal aus dem Verkehr ziehen soll. Doch die Dinge entwickeln sich dann deutlich anders, als sich das die Zentrale von T.E.R.R.A. oder auch die Antagonisten von EMPIRE gedacht haben. Und als Fortune schließlich von der Zentrale und seinen Hilfsmitteln nahezu abgeschnitten ist, eskalieren die Ereignisse in Nordafrika, und Zehntausende von Menschen kom­men ums Leben …

Der Schlussroman des Zyklus unterscheidet sich deutlich von den Vorgängerbänden. Das hat natürlich einmal mit der zeitli­chen Distanz zum letzten Roman zu tun, zum anderen mit dem Übersetzerwechsel, doch das allein ist es nicht. Der Band ist in vielerlei Hinsicht blutrünstiger und brutaler als zuvor – erkenn­bar wird diese Charakterveränderung Hannibal Fortunes hier auf die im Roman beschriebene Folterung des Agenten zurückge­führt. Doch er war zuvor schon angeschlagen, da die Agentin Luise Little, mit der er ja im vergangenen Roman romantisch eng verbandelt war, ihre Beziehung beendet hatte. Und dann noch von der Zentrale abgeschnitten zu sein und ohne seinen Symbionten (im Roman permanent nervig als „Symbiot“ falsch geschrieben!), das erzeugte ein Klima, in dem Fortune als sinist­rer Intrigant agiert, der scheinbar emotionslos Tausende von Soldaten in den sicheren Untergang laufen lässt … ein krasser Bruch mit der deutlich moralistischeren Handlungsweise in frü­heren Romanen. Ein wenig ließ sich der Eindruck nicht abschüt­teln, dass es der Autor im Abschlussband seines Zyklus „noch mal richtig krachen lassen“ wollte.

Es war gleichwohl ein faszinierendes und, wie man an meiner Lesezeit sehen kann, recht flüssig zu lesendes Werk. Man merkt überdeutlich, auch an den Lektürehinweisen am Schluss zu er­kennen, dass er sich gründlich in die Hintergründe des Zweiten Punischen Krieges eingelesen hatte, als er das Werk schrieb. Im hinteren Drittel wurde es dann zwar etwas zäher, weil ständig Szenenblenden zu den Verantwortlichen von T.E.R.R.A. zustande kamen, auch waren die wechselnden Bündnisse und Schauplät­ze in Nordafrika doch einigermaßen chaotisch … alles in allem aber erwies sich das als handlungsdramaturgisch sinnvoll.

Was ich besonders interessant fand, waren ein paar ernüchtern­de historische Statements, die der Autor in den Text einwob. Sie sind es durchaus wert, hier zitiert zu werden. Nehmen wir etwa die Erkenntnis von Seite 94: „Daher war es völlig natürlich, je­weils den anderen als bösen Kriegstreiber anzusehen, der ver­nichtet werden musste. Keine Seite bedachte dabei, dass in je­dem Krieg die wirklichen Verlierer die Leute sind, die ihn nicht überleben, ganz gleich, auf welcher Seite sie kämpfen.“ Das kann man, fürchte ich, zeitlos nennen und auch auf die Gegen­wart anwenden.

Oder schauen wir uns einen externen Blick auf Seite 138 an: „Der Ruf der Erdenmenschen im Erfinden religiös begründeter Entschuldigungen für das gegenseitige Abschlachten ist unüber­troffen.“ Auch da konnte ich bedauerlicherweise nur nicken. Es wird ergänzt durch ein Zitat auf der nächsten Seite: „Für Men­schen beschränkter Intelligenz ist Krieg die erregendste, anre­gendste und gefühlsträchtigste Aktivität, die erdacht wurde. Nichts kann so vielen so viele Entschuldigungen für eine solche Vielfalt von Tätigkeiten geben. Krieg ist eigentlich der ideale All­zweck-Zweck.“

Tja, was soll man da Grundlegendes einwenden? Man schaue sich das Jahr 2025 an, was da in der Welt passiert … man fühlt sich irgendwie sehr bestätigt, traurigerweise. Es gäbe wahrlich gegenwärtig viel wichtigere Dinge, als in Waffen und gegenseiti­ge Zerstörung zu investieren, aber was fällt dummen Leuten ein? Kriegführen. In jederlei Weise die nutzloseste „Freizeitbe­schäftigung“, die man sich denken kann. Tödlich noch dazu.

Trotz all dieser Weisheiten ist im Grunde zu konstatieren, dass der Roman etwa ab der Hälfte zwar zielstrebig bleibt, doch bei aller Action und Brutalität den Charme verliert, den er noch im Vorgängerabenteuer besaß. Darum ist es vermutlich gut, dass es keinen fünften Roman mit Hannibal Fortune gegeben hat oder dieser wenigstens nicht mehr ins Deutsche übertragen wurde. Nun, einerlei: Ich werde den Zeitagenten durchaus in gu­ter Erinnerung behalten, auch wenn er sich in diesem Abenteu­er deutlich zu seinem Nachteil charakterlich verändert hat. Nicht umsonst vermuten seine Chefs in der Zwischenzeit ja, er habe den Verstand verloren … in chaotischen irdischen Zeiten ein Urteil, das offenbar auch auf zahlreiche Staatslenker der Ge­genwart zutrifft.

© 2025 by Uwe Lammers

Ihr merkt hieran, dass auch Romane, die tendenziell etwas an meinem Lesegeschmack in der Quintessenz vorbeizielten – ich fand des Metzelns etwas zu viel in diesem Buch, als dass es noch angenehme Lektüre dargestellt hätte – prinzipiell nicht uninteressant zu nennen sind. Was der Verfasser sicherlich mit der Bemerkung kontern würde, dass Kriegführung nun einmal so sei und auch das muntere Seitenwechseln nicht allein im Zweiten Punischen Krieg und seinem Umfeld vorge­kommen sei. Leider hat er damit Recht. Ich habe jüngst einiges über den Hundertjährigen Krieg gelesen und die sich daraus letztlich entwickelnden Rosenkriege im englischen Mittelalter, und da sah das leider sehr ähnlich aus.

Dessen ungeachtet: Ich bleibe bei dem obigen Statement, dass Kriegführung ein nutzloses, tödliches Freizeitvergnügen dar­stellt, das letzten Endes nur Verlierer, Revanchegelüste und Fol­gefeindseligkeiten gebiert.

Darum wenden wir uns in der kommenden Woche auch lieber wieder dem genauen Gegenteil zu: der Liebe. Es geht im letzten Band von Ivy Pauls Romanzyklus um „Aphrodites Söhne“ erwar­tungsgemäß um exakt dies.

Mehr dazu lest ihr in sieben Tagen hier bei mir.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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