Liebe Freunde des OSM,
ich zauberte ein strahlendes Lächeln auf das Gesicht meiner langjährigen guten Freundin Conny, als ich ihr jüngst erzählte, dass ich endlich – endlich!! – dieses Buch läse. Und wir konnten uns ebenfalls endlich über solche possierlichen Dinge wie Wolkenschafe, kleine Seelen, Gott und seinen gruseligen Garten unterhalten, in dem Tote heranwachsen („Totenacker!“) … und uns um das Mysterium des Ablebens des Schäfers George Glenn austauschen.
Wie ihr, bis dieser Beitrag erscheint, zweifellos aus dem Kino wisst, ist der Roman nach über 15 Jahren endlich verfilmt worden, mit Hugh Jackman in der Rolle des Schäfers George. Zweifellos weicht der Film in vielen Details vom Buch von Leonie Swann ab.
Aber wer nach dem Amüsement des Films auch endlich mal das Original kennen lernen möchte, der sollte unbedingt weiterlesen. Tatsache ist: es lohnt sich.
Vorhang auf für ein grandioses Romandebüt:
Glennkill
Von Leonie Swann
Weltbild, Augsburg 2005
386 Seiten, TB
ISBN 3-8289-8730-3
Es hat wahrlich lange gedauert, bis dieses Buch sein Mauerblümchen-Dasein als ungelesenes Exemplar in meinen Bücherregalen aufgeben und ins Rampenlicht treten konnte. Und zwar mit Aplomb, würde ich sagen – denn das Lachen erwischt den Leser schon unweigerlich bei den ersten Sätzen des Buches. Ich zitiere:
„Gestern war er noch gesund“, sagte Maude. Ihre Ohren zuckten nervös.
„Das sagt gar nichts“, sagte Sir Richfield, der älteste Widder der Herde, „er ist ja nicht an einer Krankheit gestorben. Spaten sind keine Krankheit.“
Und damit sind wir mitten im Drama. Es geht um Mord. Es geht um Mörderjagd, und das ist ein Sujet, das literarisch nur zu vertraut ist, schon seit Generationen … aber die Irritation ist zugleich auch zugegen. Denn wer redet da? Verwandte? Tatortbesucher?
Weit gefehlt – es sind Schafe.
Willkommen in Glennkill, einem kleinen, idyllischen Ort in Irland mit grünen Wiesen, wolligen Schafen und einem Mord. Schweigen wir von dem Constabler Holmes (!), der hier eine eher unrühmliche Nebenrolle spielt. Denn die wahren Ermittler sind: Schafe.
George Glenn ist ein allein in einem Bauwagen lebender Schäfer am Rande der Ortschaft Glennkill, und um ihn herum hat er seine zahlreich vertretene Schafherde, um die er sich hingebungsvoll kümmert. Achtzehn davon spielen wichtige Rollen in dieser Geschichte, folgerichtig werden sie auch als „Dramatis Oves“, also „handelnde Schafe“ im Personenverzeichnis gelistet. Herausragend natürlich „Miss Maple“ (ein ebenso sinnig gewählter Name wie der Polizist mit Namen Holmes, wie Krimi-Kenner schnell erkennen werden).
Als die Schafe zu ihrem großen Entsetzen morgens ihren Schäfer George mit dem Spaten im Leib auf der Wiese liegen sehen, reißt Miss Maple die Ermittlungen umgehend an sich (sie gilt als „das klügste Schaf der Herde, vielleicht das klügste Schaf von Glennkill und möglicherweise sogar das klügste Schaf der Welt“). Denn es ist offensichtlich: Hier ist ein Verbrechen vorgefallen, und der Täter läuft noch frei herum.
Die Schafe des George Glenn sind klug, was daran liegt, dass George ihnen immer Geschichten vorgelesen hat (im Roman so genannte „Pamela-Romane“, in der Verfilmung werden daraus Krimis gemacht, aber der Film verändert ohnehin vieles und wird auch viele Details des Roman unterschlagen). Und sie fühlen sich notwendig berufen, den Mörder zu finden und seiner gerechten Strafe zuzuführen. Das erweist sich als einigermaßen vertrackt, aus verschiedenen Gründen.
Zum einen sind da die Menschen – sonderbare Wesen, die sich noch sonderbarer verhalten. Manche von ihnen wie etwa „Gott“ oder der Metzger sind sogar ausgesprochen unheimliche Wesen. Dann gibt es die rätselhafte Frau Beth, die George immer wieder besuchte und ihm Schriften zu lesen gab, die er aber ständig wegwarf. Und was ist mit dieser Rebecca, die irgendwie in einer Beziehung zu George zu stehen schien? Was ist das Geheimnis von Georges wirkungsvoll verschlossenem Wagen, in den verschiedenste Personen – erfolglos – einzubrechen versuchen? Was hat es mit dem ominösen „Gras“ auf sich, von dem im weiteren Verlauf der Ermittlungen immer wieder die Rede ist. Die Schafe schauen sich ihre Wiese an und wundern sich, warum Menschen über Gras sprechen, das sie doch gar nicht mögen … wahrlich, Menschen sind sonderbare Wesen, vielleicht liegt das daran, dass ihre Seelen so klein sind …
Es gibt zahlreiche Geheimnisse in Glennkill, wie man als Leser alsbald begreift, und viele haben direkt mit den Schafen zu tun. Mühsam versuchen die Schafe zu ermitteln, wer George getötet haben könnte und aus welchen Gründen. Und während dieser Ermittlungen lernt man die unglaublich kuriose Weltsicht der Schafe kennen. Eine Weltsicht, in der es etwa um Wolkenschafe geht, kleine Rattenschafe, in der sie sich gruseln, weil „Gott“ (der Pfarrer der Gemeinde) offenbar einen Garten bewirtschaftet, wo Tote anstelle von Pflanzen wachsen sollen (ein „Totenacker“ eben). Und es geht um große und kleine Seelen …
Kurzum, das Buch ist ein wahnwitziges Lesevergnügen, das in gewisser Weise Techniken der Fabel auf die moderne Welt anwendet. Während die Tiere die Menschen problemlos verstehen können, ist den Menschen sowohl die Sprache als auch die Reaktionsweise der Schafe weitgehend verschlossen … was natürlich auch eine Form von Erstkontakt darstellt, denn die Kommunikation zwischen zwei so fundamental verschiedenen Spezies wie Menschen und Schafen entspricht schon sehr der zwischen Forschern und Aliens, wenn sie denn eines Tages mal auftauchen sollen.
So prallen hier zwei grundlegend verschiedene Welten aufeinander, auf eine höchst originelle Weise. Dass die 1975 geborene Leonie Swann mit diesem Buch einen sagenhaften Überraschungserfolg erzielte, kann wirklich nicht überraschen. Und einige Jahre später legte sie dann mit „Garou“ ein weiteres Abenteuer der Schafe von Glennkill nach … doch davon kann ich erst berichten, wenn ich es gelesen habe. Das wird nach dieser schönen Leseerfahrung zweifellos nicht mehr lange auf sich warten lassen.
„Glennkill“ ist wirklich eine Entdeckung wert, die eure Lachmuskeln schön trainieren wird. Eine vollumfängliche Leseempfehlung ist diesem Buch absolut sicher!
© 2026 by Uwe Lammers
In der kommenden Woche tauchen wir dann wieder zurück in den chaotischen Kosmos von Jessica Clares „Perfect Touch“-Kosmos. Und auch darin ist Lesevergnügen garantiert, da könnt ihr meinen Worten vertrauen.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.