Rezensions-Blog 576: 80 Days – Band 4

Posted September 2nd, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

schon vor vier Wochen war ich über die ersten drei Romane die­ses Romanzyklus absolut nicht angetan, ich habe das damals im entsprechenden Rezensions-Blogartikel klar zum Ausdruck ge­bracht. Aber der vierte Band lag mir halt 2017 noch vor, also habe ich mich überwunden, um ihn dann auch noch zu schmö­kern.

Ich sage es gern vorweg, damit ihr eine überhöhten Erwartun­gen hegt: Die Schwierigkeiten, die die ersten drei Romane zu ei­ner unschönen Lektüre machten, gehen hier munter weiter. Überfliegerperspektive, Wegblenden bei kritischen Szenen, feh­lende Dialoge, mangelnde Personencharakterisierung. Haupt­personen, die nur Vornamen, aber keine vollständige Charakte­risierung erhalten … und so weiter.

Erschwerend kommt hinzu, dass die immer noch anonymen Au­toren sich diesmal ins entgegen gesetzte Extrem flüchten. Statt ständig wechselnde Perspektivwechsel zu haben, landen sie diesmal in einem den ganzen Roman ausfüllenden Monolog … ich weiß nicht, aber das ist nun wirklich nicht meins. Vielleicht gibt es wirklich LeserInnen, die sich von solch flüchtigem Lese­experiment ohne wirkliche Virtuosität angezogen fühlen, aber ich bin dafür eindeutig die falsche Person.

Folgerichtig fiel auch mein Fazit über diesen vierten Band des Zyklus alles andere als schmeichelhaft aus. Aber als Warnung sollt ihr wissen, was euch darin erwartet:

80 Days – Die Farbe des Verlangens

(OT: Eighty Days Amber)

Von Vina Jackson (Pseudonym)

carl’s books

München 2012

324 Seiten, TB

Preis: 12,99 Euro

ISBN-978-3-570-58526-9

Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan und

Thomas Wollermann

Man geht ja eigentlich davon aus, dass eine Trilogie nach drei Bänden abgeschlossen ist, deshalb heißt das Ganze ja auch „Tri­logie“. Nun, im Fall der titelmäßig rätselhaften Serie „80 Days“ ist das anders. Quasi nahtlos wurden nach den ersten drei Bän­den, also „Die Farbe der Lust“, „Die Farbe der Begierde“ und „Die Farbe der Erfüllung“1 noch ein vierter und fünfter Band nachgeschoben, offenkundig, um auf der Erfolgswelle wei­terreiten zu können.

Inzwischen ist der vierte Band gelesen, und da es temporale und personelle Überschneidungsflächen gibt, wenn auch recht bescheidene und erst gegen Schluss, ist es vermutlich von Nut­zen, noch mal kurz die Geschichte der ersten drei Bände zu re­sümieren.

Dort ging es um die junge Musikerin Summer Zahova und ihre nicht unproblematische, stets stark musikalisch geprägte dun­kel-erotische Beziehung zu dem dominanten Dominik Conrad.2 Sie lernen sich in London kennen und haben eine stürmische, nicht unkomplizierte Beziehung, die auseinanderreißt, als sich ihre Karrierewege trennen – er schlägt als vormaliger Literatur­dozent mit Sitz in London die Schriftstellerlaufbahn ein, sie wohnt inzwischen in New York und wird Solo-Geigerin. Ein we­sentlicherer Grund ist aber darin zu suchen, dass sie nicht rest­los aufrichtig zueinander sind und schlussendlich in Band 3 erst der vermittelnden Instanz der Cellistin Lauralynn bedürfen, um endgültig zueinander zu finden und glücklich zu werden.

Im Laufe dieser drei Romane lernen die beiden Hauptcharaktere eine Reihe von Nebenpersonen kennen. Eine davon ist eine fas­zinierende, geschmeidige Tänzerin namens Luba, mit der Sum­mer schließlich im dritten Band auch intim zusammenkommt, und sie avanciert im vorliegenden Roman zur Hauptperson.

Mit bürgerlichem Namen heißt die ranke Blondine Lubow Schewschenko und stammt interessanterweise – wie Summer Zahovas ausgewanderte Eltern – aus der Ukraine.3 Sie wächst hier in prekären familiären wie finanziellen Verhältnissen auf und beschließt schon recht bald, nachdem ihre Wunschkarriere als Tänzerin Schiffbruch erleidet, einen Auslandsaufenthalt in den USA dazu zu verwenden, kurzerhand zu emigrieren. Es ge­lingt ihr, dort unterzutauchen, doch das ist erst der Anfang ihrer Probleme.

Ohne gültige Papiere ist es schwer, so etwas wie eine gescheite Anstellung zu finden, von einer akzeptablen Wohnung ganz zu schweigen. So wird sie genötigt, in einer Bäckerei auszuhelfen – und hier hat sie das Glück, den charismatischen und geheimnis­vollen Chey und seinen russischen (!) Freund Lev kennen zu ler­nen.4 Er ist es, der von ihr magisch angezogen wird und ihr letztlich Zugang zu amerikanischem Wohlstand verschafft (was etwas rätselhaft scheint, da er als Beruf angibt, er sei internationaler Bernsteinhändler). Gleichzeitig ist er auch der Mann, der ihr Herz erobert und dem sie es erlaubt, sie zu entjungfern. Außerdem ist Chey ein Mann mit faszinierenden, wilden erotischen Ideen, und sie als vormalige Tänzerin in der Sowjetunion durchaus gelenkig und geschmeidig genug, um auch abenteuerlichste Posen mitzumachen.

Chey ist aber zugleich auch eine problematische Persönlichkeit – er neigt dazu, manchmal wochenlang ohne ein Wort spurlos zu verschwinden und anschließend sehr schweigsam zu sein, was die Zeit dazwischen angeht. Er ist ein Mann mit Geheimnis­sen, und dass er nicht aufrichtig zu ihr sein kann, belastet Luba recht schnell massiv. Als sie dann auch noch eine Schusswaffe in seinem Arbeitszimmer findet, nagt die Befürchtung an ihr, er könne insgeheim ein Krimineller sein und sie, ohne es zu wollen, ein Gangsterliebchen geworden sein. Kurzerhand ergreift sie die Flucht.

Durch Zufälle ergibt sich dann die Gelegenheit, in Clubs eroti­sche Tänze aufzuführen, und mehr und mehr beginnt sich Luba darüber zu definieren … leider sehnt sich ihr Herz nach wie vor nach Chey, der sich aber nicht wieder meldet, sondern wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. So vergehen zahlreiche Jahre, bis Luba endlich mit einer erotischen Tanz-Performance (die in einem der ersten drei Bände aus der Außenperspektive dargestellt wird) so gut verdient, dass sie sich auf wenige Auf­tritte im Jahr beschränken kann.

Bei einem dieser Engagements trifft sie in New Orleans auf Summer Zahova und ihren Geliebten Dominik, und alsbald spä­ter laufen sich die drei wieder über den Weg, als Luba zur tem­porären Gespielin von Viggo Franck in London wird. Auch die offenbar unvermeidliche Lauralynn tritt wieder auf. So verflech­ten sich auf dezente Weise die Handlungsstränge der ersten drei Romane mit diesem nachgeschobenen vierten.

Und dann taucht wie ein Springteufel aus der Versenkung Chey wieder in Lubas Leben auf … und er befindet sich in Lebensge­fahr, wie sie selbst recht bald ebenfalls …

Im Kontrast zu den ersten drei Romanen der Reihe hat dieser hier einen ganz unübersehbaren, klaren Vorteil: Er weist nur eine Handlungsperspektive auf, nämlich die von Luba. Und sie erzählt, auch das ist ein klarer positiver Kontrast zu den ersten drei Bänden, konstant aus der Ich-Perspektive. Man hat darum das eindeutige Gefühl, dass das Autorenduo doch gründlich da­zugelernt hat seit der Abfassung der ersten drei Romane. Aller­dings meiner Überzeugung nach noch nicht genug.

Weite Strecken des Romans lesen sich nämlich nach wie vor wie ein mächtiger Monolog. Die ersten leichten Dialoge kommen auf Seite 32 und 42 zustande, werden aber sehr schnell wieder ab­gewürgt, ehe sie sich – was vernünftig wäre – in gescheite Ken­nenlern-Szenen und ausgiebige Diskussionen entwickeln könn­ten. Der nächste, der der Rede wert ist, kommt auf Seite 56 in Gang … und so geht das den ganzen Band lang weiter. Überall da, wo man so schön durch direktes Nah-Herangehen an die Szene die Atmosphäre hätte einfangen, Zweifel, Amüsement, Humor, Nervosität und Sehnsucht hätte ausdrücken können, fliegt Vina Jackson wieder über den Handlungskontext dahin.

Überflieger-Perspektive, wieder einmal oder immer noch. Ich fürchte letzteres und nehme an, das wird auch nicht mehr bes­ser werden. Warum? Weil das „Erfolgsrezept“ ja mit dieser Er­zählperspektive perfekt funktioniert hat für oberflächliche und literarisch nicht sonderlich gebildete Leserkreise. Seufz!

Ich seufzte und las weiter, halbwegs dadurch besänftigt, dass zumindest eine durchgängige Erzählperspektive existierte. Luba – Lubow ist in meinen Augen nun wirklich kein sonderlich attrak­tiver Frauenname und wirkt hier eher wie eine Verlegenheitslö­sung (vielleicht, weil die Autoren wiederholt gefragt wurden, was neckischerweise in diesen Band projiziert wird, ob „Luba“ ein Künstlername sei)5 – nun, Luba also erweist sich als ein deutlich sorgfältiger ausgearbeiteter Charakter als etwa Domi­nik in den ersten drei Bänden, und in meinen Augen ist unüber­sehbar, dass der Roman primär von einem Teil des Duos, mut­maßlich dem weiblichen, verfasst wurde. Wahrscheinlich auch eher nicht auf Reisen, sondern relativ stationär an einem Ort.

Noch immer gibt es keine Erklärung für die willkürlichen „80 Days“, während sich zumindest ein wenig bemüht wurde, dies­mal das „Amber“ im Originaltitel für Bernstein begreiflicher zu machen (das mindestens kann als geschickt gemacht gelten). „Farbe des Verlangens“ ist nach wie vor schwammig und nichts­sagend. Dass der geistlose Werbeslogan des „Look Magazines“, der schon die ersten drei Bände zierte, hier wieder bemüht wird, ist ermüdend und unnötig, weil immer noch kaum zutref­fend. Man kennt analoge Vorgehensweisen von anderen Verla­gen, wo etwa Dan Simmons von Stephen King überschwänglich angepriesen wird (auf verschiedenen Romanen mit höchst ver­schiedenem Niveau), stets mit denselben euphorischen Worten.

Aber es kann gleichwohl nach der Lektüre zugegeben werden: dieser Band ist durchaus solider geschrieben als die Vorgänger­bände … wenn man auf einen dreihundertseitigen Monolog ei­ner durchaus melancholischen ukrainischen Tänzerin steht. Wirklich zu „packen“ versteht mich dieser Band aber auch nicht recht. Da gibt es doch deutlich spannenderen Stoff, der glaub­würdiger inszeniert ist. Ich denke da etwa an die Autorin Eden Bradley, von der ich kürzlich einen Roman auslas, der sehr viel glaubwürdiger und lebendiger argumentiert.6

Ich werde schauen, was ich zu den abschließenden zwei Roma­nen dieses Zyklus zu sagen habe, deren Lektüre noch ansteht.7 Jedoch scheint bereits festzustehen, dass die Qualität dieses Zy­klus als maximal mittelmäßig einzustufen ist. Wer nämlich fast 1500 Seiten braucht, um halbwegs in Form zu kommen, der sollte mal bei den Profis in die Schule gehen, die auf 300 Seiten mehr Faszination zu wecken verstehen und lebendiger und glaubwürdiger schreiben als in den obigen Romanen zusam­men. Da besteht doch irgendwie eine klare Dysbalance zwi­schen Autorenbefähigung und Lesererwartung, dem die Autoren besser entsprechen sollten.

© 2017 by Uwe Lammers

Noch eine Ergänzung meinerseits zum letzten Fußnotenkom­mentar: Ja, es gab noch zwei weitere Teile. Aber die habe ich mir dann gar nicht mehr angeschaut. Warum auch? Wenn mir die ersten vier Bände schon nicht gefallen haben, weshalb sollte ich mir dann den Schrott auch noch antun und ihm kostbare Le­sezeit und Lebenszeit opfern? Falls ihr also zu den Romanen noch Rezensionen sucht, müsst ihr leider anderweitig danach fahnden. Hier gibt es die nicht.

In der kommenden Woche werden wir dann mal wieder zu Clive Cussler zurückkehren. Das ist dann für längere Zeit der letzte aktuelle Cussler-Roman … danach fange ich mit der Bespre­chung einer sehr viel älteren Serie an, die mich lange beschäfti­gen wird. Dazu sage ich dann Näheres im Blogartikel 579.

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

(BS, 3. Januar 2026)

1 Vgl. dazu die Sammelrezension zu den genannten ersten drei Bänden, 2017, im Rezensions-Blog 572 vor vier Wochen.

2 Seinen vollen Namen erfährt man, wenn ich das richtig erinnere, tatsächlich erst in diesem Band auf Seite 223 … nachdem schon über tausend Seiten von ihm geschrieben wurde. Peinlich, um es vorsichtig zu sagen. Und dabei bleibt es auch diesmal nicht.

3 Ich schätze aber mal, dass der Name korrekt „Schewtschenko“ hätte geschrie­ben werden müssen, auch macht der Klappentext aus ihr ungeniert eine „Rus­sin“, wogegen die Ukrainer sicherlich vehementen Protest einlegen würden …

4 Chey bekommt im gesamten Roman keinen Nachnamen, soweit ich das sehen konnte … ein absolutes No-Go für Hauptpersonen, und er ist eine Hauptper­son!

5 Aber da kann man mich natürlich gern korrigieren, ich kenne mich mit ukraini­schen Mädchennamen nun wirklich nicht aus. Das Obige ist jetzt so ein Bauch­gefühl.

6 Die Rede ist von „Dunkle Sehnsucht“, 2014. Rezension in Vorbereitung.

7 Wieso ich JETZT noch von zwei Romanen spreche? Weil entgegen der Ankündi­gung im Umschlag des Buches nicht nur fünf Teile existieren, sondern deren sechs. Überraschung!!!

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