Liebe Freunde des OSM,
manchmal ist es wirklich wunderbar, seinen inneren Schweinehund zu überwinden. Dabei kann man absolut faszinierende Dinge entdecken. So ging es mir heute, als ich von der heute vorzustellenden Storysammlung die letzten beiden Geschichten fast in einem Rutsch weglas (S. 98-207!). Das hatte ich so nicht kommen sehen … und ihr wisst ja bereits, wenn mein Lesetempo so rasant anzieht, ist das immer ein äußerst positives Qualitätsmerkmal.
Hier stimmte das ebenfalls.
Aber was war mit dem inneren Schweinehund? Nun … ich hatte die erste Geschichte schon vor Monaten gelesen, und seither zögerte ich, offen gestanden, mir die anderen (längeren) Geschichten auch zu Gemüte zu führen. Ich lenkte mich mit Rezensionen in Fanzines, Zeitschriftenaufsätzen und anderem ab.
Da es nun aber nur noch wenige Wochen hin war bis zu dem Zeitpunkt, wo ich dieses Buch für den Rezensions-Blog ohnehin aufbereiten wollte, fing ich also gestern an und schmökerte mich durch „Dodkins Job“ … und war total angefixt. Und der Rest folgte dann heute.
Das, was ihr also nun lest, ist, glaube ich, im Grunde genommen unausweichlich gewesen:
Staub ferner Sonnen
(OT: Dust of far Suns)
Von Jack Vance
Heyne 4202, 1985, 208 Seiten
Aus dem Amerikanischen von Lore Strassl
Mit Innenillustrationen von Hubert Schweitzer
ISBN 3-453-31176-0
Jack Vance ist leider schon lange nicht mehr unter uns. Aber seine Werke haben ihn überdauert und finden sich noch reichhaltig und zumeist ungelesen in den Regalen meiner Bibliothek. Von Zeit zu Zeit überkommt mich dann der Rappel und ich ziehe eines der alten Werke hervor, staune über den Erwerbseintrag und fange an zu lesen.
Und immer wieder bin ich am Staunen. Darüber, wie faszinierend und wortmächtig Vance exotische Welten, fremde Spezies und schrullige Zeitgenossen charakterisiert, die seine Geschichten bevölkern. Noch viel beeindruckter bin ich davon, wie sehr es ihm mühelos gelingt, die Länge von Geschichten vergessen zu machen und den Leser umstandslos hineinsaugt in die Storyline, aus der man nicht aussteigen kann, ehe man die letzte Zeile gelesen hat. Diese Storysammlung bestätigt das einmal mehr. Auch wenn sie seit dem Kaufjahr 1989 unmögliche 37 Jahre ungelesen im Regal ausharren musste, ehe ich sie binnen 3 Tagen wegschmökerte.
„Staub ferner Sonnen“ enthält entgegen der ersten Erwartung keine Story dieses Titels. Stattdessen haben wir es mit vier Geschichten zu tun, die zwischen 1955 und 1962 erschienen sind. Wer jetzt hier arglos „altbacken“ oder „verstaubt“ vor sich hinmurmelt und hochnäsig abwendet, der verpasst ein enormes Lesevergnügen, das sei vorangeschickt.
In der ersten Story, „Raumsegler Fünfundzwanzig“ ist es an der Reihe des Raumveterans Henry Belt, einer Gruppe von Jungspund-Raumkadetten durch eine Mischung aus Missachtung und haarsträubender Herausforderung Schliff beizubringen. Ich gebe zu, ich war nach der Story doch einigermaßen verstört und zögerte ein paar Wochen lang, mich in die nächste Geschichte zu wagen. Vielleicht war das klug, vielleicht nicht.
In „Dodkins Job“ verfolgen wir dann den einfachen Arbeiter Luke Grogatch, der einen beispiellosen sozialen Abstieg hinter sich hat. In einer extrem durchorganisierten Gesellschaft, die bis in kleinste Details durchbürokratisiert ist, ist er so ziemlich am untersten Ende der Hierarchie angelangt. Tief unten in den Eingeweiden der Stadt ist er als „Versager/Klasse D/ungelernt“ gerade noch gut genug, Gesteinsschutt einer Tunnelbohrmaschine mit der Schaufel wegzukehren.
Als nun eines Tages eine neue Vorschrift herauskommt, derzufolge jeder Arbeiter sein Arbeitsgerät jeden Tag gereinigt wieder zum Lager zu bringen und am nächsten Morgen dort abzuholen hat (was Grogatch letztlich drei unbezahlte Weg- und Wartestunden täglich kosten würde), da begehrt er auf. Auch wenn er weiß, dass er damit womöglich seine allerletzten Privilegien aufs Spiel setzt.
Sein Vorarbeiter ist indes uneinsichtig. Für ihn sieht die neue Richtlinie völlig korrekt aus. Dass sie unsinnig ist, vermag er nicht zu erkennen. Also entschließt sich Grogatch, statt sich kleinlaut dem schikanösen Behördendiktat zu unterwerfen, lieber die Hierarchieleiter hinaufzuklettern, von einem Sachbearbeiter zum nächsten, um diese zur Zurücknahme der Vorschrift zu bewegen … eine Odyssee von nahezu kafkaeskem Ausmaß schließt sich an. Und ihr Ende … nun, das sei nicht vorweggenommen.
„Ullwards Zuflucht“ spielt in einer ebenso völlig überbevölkerten Welt, in der Raum knapp und immer knapper geworden ist und die Menschen froh sein können, überhaupt noch etwas Privatsphäre zu haben. Familienglück zu planen ist gänzlich ausgeschlossen, auf den Listen stehen buchstäblich Milliarden Menschen vor unserem Protagonisten. Der 300jährige Ullward, die genannte Hauptperson, ist noch vergleichsweise gut dran, er ist dank eines Patents recht vermögend und hat sich ein etwas größeres Stück Privatgarten geschaffen mit einem echten Baum darin. Als er aber nun hört, dass ein ganzer PLANET jüngst versteigert worden ist, der vollkommene Freiheit und unbegrenzte Raumweite verspricht, da setzt er sich mit dem neuen Besitzer in Verbindung, einem Mann namens Mail … und tatsächlich kann er dann auf der neuen Welt, die Mail gehört, einen ganzen Kontinent sein eigen nennen und seine Freunde – auch wenn das für diese sehr aufwändig ist – dorthin einladen. Aber er merkt rasch, dass irgendetwas Grundlegendes nicht stimmt …
Noch bemerkenswerter fand ich „Die Gabe der Sprache“ am Schluss der Storysammlung. Sie spielt auf dem Wasserplaneten Sabria, auf dem Firmen von schwimmenden Plattformen dabei sind, Lebensformen des Meeres auszubeuten. Manche von ihnen werden künstlich gezüchtet, damit sie im Meerwasser gelöste Substanzen aufnehmen und einlagern. Beim Wiedereinfangen und Schlachten der Organismen werden die Substanzen dann freigesetzt und gesammelt. Zwei Firmen sind dicht nebeneinander angesiedelt: Biomineral mit seinem Chef Fletcher einmal, zum anderen die Pelagische Wiedergewinnungsstation unter ihrem Investor Ted Chrystal, der früher mal für Biomineral gearbeitet hat.
Ach ja, und dann gibt es natürlich auch noch die Dekabrachen … sonderbare Meereslebewesen, die manche mit Nixen vergleichen, wobei sie zehntentakelige Kopfanaloga besitzen, die sie unbeschreiblich fremdartig machen. Nach Forscherangaben handelt es sich bei ihnen um fischartige endemische Lebensformen. Intelligenz ist keine nachgewiesen worden. Und mehr ist für die Arbeiter an der Meeresoberfläche nicht wichtig.
Als allerdings bei Biomineral ein Mitarbeiter spurlos verschwindet und Fletcher bei der Suche nach ihm fast von einer Art Meerestentakel in die Tiefe gezerrt wird, beginnt er argwöhnisch zu werden.
Sind die Dekabrachen tatsächlich unintelligent? Warum kommt ihm das zunehmend unplausibel vor? Weshalb wurden Teile der Datenprofile dieser Spezies gelöscht? Und was hat Ted Chrystal zu verbergen? Bald beginnt Fletcher zu verstehen, dass hier schreckliche Dinge vor sich gehen – und es gibt offenbar nur eine Möglichkeit, diesen Geschehnissen einen Riegel vorzuschieben: Er muss versuchen, mit diesen sonderbaren Wesen Kontakt aufzunehmen. Und ihm läuft die Zeit davon …
Wie eingangs gesagt ist es wirklich erstaunlich, wie lebendig und packend, bisweilen nachgerade grotesk-absurd (Dodkin) diese Geschichten sind, die schon zum Teil über 60 Jahre auf dem Buckel haben. Mich erinnern sie auf schöne Weise an die Klassiker von Ray Bradbury. Und einige der Themen sind ja auch wirklich zeitlos – Erstkontakte mit wirklich fremdartigen Aliens etwa sind bis heute etwas, was die Science Fiction stark bereichert, wenn sie gut dargestellt werden. Und auch die bizarren Auswüchse einer Hyperbürokratie, in der alle ohne Hinterfragen selbst die absurdesten Vorschriften ausführen (Hauptsache, die Formulare wurden richtig ausgefüllt und sind rational absolut nachvollziehbar), kann man wohl mit Fug und Recht zeitlos nennen. Merke: Das Thema Bürokratieabbau und Obrigkeitshörigkeit ist nichts Neues, das gab es in den 50er Jahren auch schon – ebenso wie scharfzüngige Autoren, die diese Missstände ungeniert mit Hilfe der Abstraktion in einer phantastischen Geschichte an die Öffentlichkeit brachten.
Ganz klar: Jack Vance und seine Kurzgeschichten lohnen definitiv eine Neuentdeckung! Klare Leseempfehlung, auch wenn man diesen Band nur noch antiquarisch erwerben kann.
© 2026 by Uwe Lammers
In der kommenden Woche folgt noch ein Nachschlag zum Rezensions-Blog 572. Und das ist dann wirklich auch das letzte Werk, das ich von dem Autorenduo Vina Jackson lesen werde. Schaut es euch an und haltet die Finger davon fern. Die Rezension kann man sich aber antun, glaube ich.
Soviel als kleine Vorwarnung. Ansonsten wünsche ich euch alles Gute und bis demnächst, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.