Liebe Freunde des OSM,
ich kann das vermutlich nicht zu stark betonen – Jessica Clares Billionaire-Romane sind einfach nahezu unschlagbares Gute-Laune-Lesefutter. Natürlich mag man sagen, sie seien schematisch (was sie sind). Natürlich kann man die Augen verdrehen und das Ende vorhersagen (was nicht schwer fällt). Aber ich sage es mal so: Dieselbe Vorhaltungen könnte man auch nahezu allen Verantwortlichen machen, die Komödien drehen, vor und hinter der Kamera. Oder die Endlosserien mit Herzschmerz-Verirrungen inszenieren, wo dann am Ende eben doch nicht die Totalkatastrophe steht, sondern – welch Wunder – ein Happy End.
Und wie schaut es mit Krimiserien aus? Mit Krimiliteratur im Allgemeinen? Sind das samt und sonders jedes einzelne Mal total unschematische Geschichten? Ich denke, das wird niemand, der sich da einigermaßen auskennt, reinen Gewissens behaupten können.
Im vorliegenden Buch variiert die Autorin zudem ihr bisheriges Rezept „Milliardär meets unvermögendes Mädchen“ auf eine interessante Weise, und auch das umgebende Setting ist … einigermaßen grotesk und so witzig, dass das allein schon eine Leseempfehlung wert ist. Haltet euer Zwerchfell fest, Mädels und Jungs, es wird hier schwer erschüttert werden.
Warum das? Nun, schaut euch mal an, was euch hier erwartet:
Perfect Touch 4 – Untrennbar
(OT: The Billionaire’s Favorite Mistake)
von Jessica Clare
Bastei 17579
336 Seiten, TB (2017)
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Fricke
ISBN 978-3-404-17579-6
Die Verlobte des Milliardärs Hunter Buchanan, Gretchen Petty, lädt zur Vorstellungsrunde der Brautjungfern und ihrer männlichen Pendants ein – wir kennen einen Teil dieses Settings bereits aus den Romanen „Perfect Touch 2“ und „Perfect Touch 3“, mit denen sich dieser Band tatsächlich zeitlich und inhaltlich überlappt. Diesmal steht die bislang stiefmütterlich nur am Rande erwähnte Freundin von Gretchen, Greer Chadha-Janssen, im Zentrum der Darstellung. Sie war einst eine Mitbewohnerin von Gretchen und teilte sich damals mit ihr, ihren Freundinnen Taylor und Chelsea eine Wohnung in New York. Und später kam noch jemand dazu, nämlich ein unverschämt gut aussehender Kerl namens Asher Sutton.
Greer war quasi sofort hin und weg und total in ihn verschossen … es gab nur ein zentrales Problem bei der Sache: er nahm sie nicht wahr. Stattdessen war er mit seiner Jugendliebe Donna Sunshine (ernsthaft!) zusammen und hatte nur Augen für sie. Greer blieb in seiner Wahrnehmung allein eine gute Freundin, mehr nicht. Sexuell existierte sie für ihn überhaupt nicht.
Nach dem Zerfall der WG trennten sich die Wege der Freundinnen. Chelsea wurde Seifensiederin (siehe „Perfect Touch 3“), Gretchen lernte Hunter kennen und verführte ihn (siehe „Perfect Passion 2“), Taylor klebte weiterhin an ihren Computerspielen und landete in einer entsprechenden Firma und war zuständig für Computerservice (das ist dann Thema des letzten Bandes der Reihe „Perfect Touch“, ich komme darauf zurück). Und Greer machte sich einen Namen als Hochzeitsplanerin.
In dieser Funktion blieb sie dann auch mit Gretchen in Kontakt und ist nun engagiert für deren Hochzeit. Und als Brautjungfer, was ihr eigentlich eher unangenehm ist. Sie empfindet sich als zu klein, als Halb-Inderin mit einer traumatischen Familienvergangenheit und einem kaltherzigen Vater, noch dazu schrecklich kurzsichtig, so dass sie ohne Brille quasi gar nichts mehr sieht, fühlt sie sich völlig fehl am Platze.
Aber sie ist an diesem Abend ausgerechnet Asher Sutton zugeteilt – und das ist doch, verdammt noch mal, DIE Gelegenheit, ihm endlich mal zu zeigen, was sie für ihn empfindet. Zu Greers Pech funktioniert der Plan nur teilweise. Ja, er nimmt sie in ihrem 20er-Jahre-Kleid durchaus wahr als weibliches Wesen und betrachtet sie als äußerst attraktiv. Leider ist er aber auch sturzbetrunken, und wie viel von diesen Worten der Wahrheit entspricht und wie viel einfach nur alkoholisiertes Gelalle ist, mit dem er jede Frau herumzubekommen versucht, kann Greer nicht sagen.
Das ist schon schlimm genug, aber es wird noch übler: er verführt sie tatsächlich im Garten des Herrenhauses, und sie haben Sex … den ersten, den Greer als Jungfrau je gehabt hat, und er ist so unterirdisch, dass er diese Bezeichnung eigentlich gar nicht verdient. Das hat die Konsequenz, dass sie Asher daraufhin hasst und den Kontakt abbricht, um zu ihrem Vater Stijn Janssen nach Las Vegas zu flüchten. Er hat sie ebenfalls für die Organisation einer Preisfeier engagiert, und Greer kann die Ablenkung wahrhaftig gut gebrauchen.
Was sie nicht gebrauchen kann, sind Stijn Janssens aktuelle drei Gespielinnen – blonde Drillinge, und (sorry) eine dümmer als die nächste. Ihre selbst gewählten Namen sind nicht intelligenter: Kiki, Bunni und Tiffi. Alle drei machen sich Hoffnungen auf den Dauerposten an Stijn Janssens Seite. Dass der Mogul Stijn Janssen dem vor einiger Zeit verstorbenen Playboy-Gründer Hugh Hefner nachgebildet ist, wird hier auch ausdrücklich angesprochen. Alles ist in der Tat recht ähnlich und ein wenig grotesk-karikierend wie im Fall der Playboy-Mansion.
Was Greer ebenfalls überhaupt nicht gebrauchen kann, ist die ständige Übelkeit, die sie inzwischen plagt. Und die Drillinge mögen ja nicht die Intelligenz mit Löffeln gefressen haben, aber sie erkennen doch ziemlich flink, was Greer einfach nicht wahrhaben will: dass sie schwanger ist.
Schwanger von diesem bad sex mit Asher, den sie nie in ihrem Leben wieder sehen will! Wütend entschließt sie sich dazu, das Baby zu behalten und allein aufzuziehen (auch wenn das eine unangenehme Parallele zum Schicksal ihrer leiblichen Mutter Lakshmi ist, was ihr emotional noch mehr zusetzt). Einerlei: sie will mit Asher nichts mehr zu tun haben. Absolut gar nichts. Der Mann ist für sie vollständig gestorben!
In der Zwischenzeit erfährt der ausgenüchterte Asher allerdings von Gretchen, dass Greer ihn immer und schon seit Jahren angehimmelt hat, und immer deutlicher geht ihm auf, was für ein unmöglicher Mistkerl er gewesen ist. So reist er ihr also ein paar Monate später nach Las Vegas hinterher, um sie um Verzeihung zu bitten und ihre Freundschaft zu erneuern … und er blitzt vollständig ab. Obwohl er mit einiger Bestürzung erkennt, dass sie schwanger ist und ihm klar wird, dass er der Vater sein muss. Das festigt seinen Wunsch, wieder enger mit ihr zusammenzukommen, nur noch mehr.
Sie will nach wie vor nichts mit ihm zu tun haben.
Er will ihr nun aber unbedingt beweisen, dass er zunehmend Gefallen an ihr findet und sich auf alle Fälle für die angerichteten Probleme entschuldigen. Mehr noch: er möchte dauerhaft mit ihr zusammen sein.
Nur – wie soll man das unter diesen Umständen erreichen? Da hilft nur, Greer zu überlisten und einen Plan auszuhecken, den sie nicht ablehnen kann. So entsteht der Plan für Stijn Janssens Hochzeit (!), was Greer völlig entsetzt, weil sie das für undenkbar hält. Noch schlimmer ist aber die Tatsache, dass er alle drei Drillinge bis vor den Altar im Ungewissen lassen möchte, wen er von ihnen auswählt … und so beginnt ein bizarres Abenteuer, das Greer alsbald an den Rand des Nervenzusammenbruchs führt – nicht zuletzt wegen dieses Trauzeugen, den ihr Vater engagiert hat und der ihr bei der Planung helfen soll.
Asher Sutton…
Das war schon wirklich eine interessante Variation der Geschichte „Milliardär trifft eher unvermögendes Mädchen“. Natürlich sind wir bei Jessica Clare, mit der Konsequenz, dass es natürlich in ein Happy End mündet. Aber wie so oft ist der Weg dorthin sehr reizvoll und vor allen Dingen gespickt mit absurden und zum Teil wahnsinnig komischen Szenen. Besonders die naiven Drillinge (die Bora Bora mit dem Mount Everest verwechseln, unbedingt auf Einhörnern zum Altar reiten wollen und dreitausend Gäste einladen möchten) bringen so abenteuerliche Vorstellungen in den Roman ein, dass einem Greer als Hochzeitsplanerin wirklich nur noch von Herzen leid tun kann.
Während ich ernstlich eine Menge Schwierigkeiten mit den Namen in diesem Buch hatte – angefangen mit Greer und Asher (wer, bitte schön, nennt seine Kinder so? Und wie viel haben diese Leute vorher an Pot geraucht?), auch die Spitznamen der drei Blondinen sind eigentlich an Einfältigkeit nicht zu überbieten (hier aber wohl Absicht). Süß fand ich hingegen Ashers Strategie, Greers Vorwurf, er sei absolut unterirdisch als Liebhaber, so zu drehen, dass sie – als vormalige Jungfrau – ihm, dem Playboy, Nachhilfeunterricht im Verführen geben solle. Man kann sich leicht denken, dass das schnell eskaliert ist. Ist es tatsächlich.
Herausgekommen ist deshalb ein rundum unterhaltsamer, zeitweilig etwas überdrehter Roman, der sich durchaus solide in die bisherige Reihe „Perfect Touch“ einfügte. Kann man mit Genuss lesen – für romantische Seelen definitiv empfehlenswert.
© 2019 by Uwe Lammers
Ehrlich, ich glaube, ich habe an zahlreichen Stellen des Romans Tränen gelacht, und das passiert mir dann doch eher selten. Und ich habe ihn, glaube ich, auch in absoluter Rekordzeit verschlungen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht.
Also, mein Fazit ist völlig klar: Lest ihn, echt!
Ob das dann auch für das viele Jahrzehnte ältere Buch gilt, das ich euch in der kommenden Woche vorstellen möchte, das müsst ihr selbst entscheiden. Mehr sei an dieser Stelle dazu noch nicht verraten.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.