Rezensions-Blog 418: The Awful German Language

Posted August 23rd, 2023 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist schon wirklich verblüffend, was sich in meinem reichhalti­gen Fundus an Buchrezensionen manchmal für eigenwillige Per­len finden. Das hier ist so eine. Als ich das genannte Büchlein anno 2005 las, handelte es sich um eine ausgesprochen ver­gnüglichen und sehr kurzweilige Lektüre. Das hatte nur bedingt mit der generellen Kürze des Textes an sich zu tun. Es lag mehr an der äußerst launigen, durchweg sprachkundigen Art und Wei­se, wie es geschrieben war.

Obgleich die Schrift inzwischen fast 150 Jahre auf dem Buckel hat, liest sie sich doch dank Mark Twains satirischer und höchst unterhaltsamer Formulierungskunst einfach nur goldig. Und da ich denke, dass dieses Werk sehr leicht dem Vergessen anheim­fallen könnte, verdient es dies doch nicht, sondern bedarf einer weiteren Aufmerksamkeit neugieriger Lesekreise. Es lohnt auch unbedingt, wenn bereits bekannt, ohne Frage eine Neuentde­ckung.

Also, Vorhang auf für Mark Twains launige Deutschlektionen:

The Awful German Language

Die schreckliche deutsche Sprache

von Mark Twain

Manuscriptum-Verlagsbuchhandlung

136 Seiten, geb.

ISBN 3-933497-41-8

2004

Ich habe das Deutsche Sprache gelernt und bin ein glücklicher kind, you bet“, so schreibt Mark Twain im Mai 1878 aus Heidel­berg. Das entspricht natürlich, wie man sofort merkt, nicht ganz der Wahrheit. In Wirklichkeit dauert dieser Kampf, sich die Spra­che anzueignen, immer noch an. Zu diesem Zeitpunkt ist der Romancier, der mit bürgerlichem Namen Samuel Longhorne Clemens heißt und spätestens mit seinem Roman „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ weltberühmt wurde, auf Deutschlandrei­se und kämpft schon seit einiger Zeit einen Kampf besonderer Art – er fechtet erbittert gegen und mit der deutschen Sprache.

Schon als Junge hat er sich in Amerika mit einem eingewander­ten Schuster deutscher Herkunft angefreundet und im Aus­tausch gegen englische Worte deutsche beibringen lassen. Auch als er in der Folge erst Druckereigehilfe, dann Satiriker bei sei­nes Bruders Zeitung, schließlich Dampfschifflotse und Journalist sowie Silbersucher und endlich weltberühmter Romancier wird, verliert er nie ganz den Kontakt mit der deutschen Sprache. Sie reizt ihn fortwährend, aber, wie der Herausgeber Helmut Winter im Nachwort erklärt: „er will sie sich unbedingt gefügig ma­chen, will sie sprechen und verstehen, nennt sie ‚schrecklich’, weil sie ihn reizt und abstößt wie eine spröde Geliebte.“

Eine zutreffende Charakterisierung, die den Schriftsteller dazu verführt, nach monatelangen Deutschstudien endlich seine Erfahrungen und Leiden in einem durchaus satirischen, bissigen und sehr vergnüglich lesbaren Essay (zumal, wenn man Deutscher ist!) zu kondensieren, der hier als zweisprachige Ausgabe vorliegt.

Es beginnt alles ganz harmlos: „Ganz bestimmt gibt es keine andere Sprache, die so ungeordnet und unsystematisch ist, die so jedem Zugriff entschlüpft; man treibt völlig hilflos in ihr um­her, hierhin und dahin; und wenn man schließlich glaubt, man hätte eine Regel zu fassen bekommen, die festen Boden böte, auf dem man inmitten des allgemeinen Tobens und Aufruhrs der zehn Wortarten ausruhen könnte, blättert man um und liest: ‚Der Schüler beachte sorgfältig folgende Ausnahmen.’ Man läßt das Auge über die Seite gleiten und entdeckt, dass es mehr Ausnahmen von der Regel als Beispiele für sie gibt …“

Und das Abenteuer geht von vorne los.

Twain dekliniert. Er geht die Fälle durch, redet von äußerst amüsanten Verwicklungen, was die Geschlechter der einzelnen Wörter angeht, mokiert sich beispielsweise darüber, dass die Rübe einwandfrei weiblich ist, aber das Mädchen nur mehr eine Sache darstellt – schrecklich diskriminierend, nicht wahr? Als Journalist bereiten ihm die künstlichen, gestelzten und zusam­mengesetzten Worte in den Zeitungen Kopfschmerzen und Ma­gengrimmen. Er findet sie so unausstehlich, dass er zu denen, die es schon gibt, flugs noch neue erfindet. Neben „Stadtver­ordnetenversammlungen“ oder „Altertumswissenschaften“ setzt er karikierend „Vorgesternkurznachelfuhrabend“ und „schnell­wiederkehrende Storchenmutter“, was den Leser zum Kichern bringt.

Am Schluss all dieser amüsanten Sprachstudien steht letztlich ein äußerst ironischer Vortrag, den Twain zum 4. Juli im Anglo-Amerikanischen Studentenklub in Heidelberg hält. Ein Stück daraus verdient, zitiert zu werden, den Rest sollte man dann selbst lesen:

Seit ich vor einem Monat in diesem alten Wunderland … ange­kommen bin, hat sich meine englische Sprache schon so oft als unnützes Gepäckstück erwiesen, und in einem Land, wo man Gepäck nicht aufgeben kann, war es sehr lästig, sie mitzu­schleppen … Also! Es freut mich, dass dies so ist, denn es muß, in ein hauptsächlich degree, höflich sein, dass man auf ein oc­casion like this, sein Rede in die Sprache des Landes worin he boards, aussprechen soll. Dafür habe ich aus reinische Verle­genheit – no, Vergangenheit – no, I mean Höflichkeit, aus rheini­sche Höflichkeit habe ich resolved to tackle this business in the German language, um Gottes willen! Also!“

Twain dampft somit die Charakteristika der deutschen Sprache dermaßen ein, dass eine Karikatur herauskommt oder, wie der Herausgeber es prägnant auf den Punkt bringt, er „benutzt den bewährten rhetorischen Trick, komplexe Zusammenhänge so zu vereinfachen, dass am Ende nur noch Klischees übrigbleiben.“ Diese Vereinfachung bringt allerdings einen enormen Unterhal­tungswert mit sich (insbesondere da, wo er einwandfrei seine Fähigkeiten unter den Scheffel stellt und hanebüchen deutsche und englische Satzteile miteinander verbindet wie oben. Die ar­men Studenten müssen sich damals halb totgelacht haben, fürchte ich – so ähnlich, wie es mir ging).

Die hier vorliegende Schrift bietet darum ein kleines Glanzstück der schriftstellerischen Treffsicherheit und Prägnanz des wortge­waltigen Schriftstellers Mark Twain, das man sich, sollte man zu­fällig darauf stoßen oder gezielt danach suchen, nicht entgehen lassen sollte. Das Vergnügen ist einwandfrei programmiert.

© 2005 / 2016 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 13. Februar 2005

In der kommenden Woche werde ich über das dritte Abenteuer von James Rollins‘ „Sigma Force“ berichten. Das ist dann wieder ein ziemlich wildes Action-Garn, vertraut meinem Urteil.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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