Rezensions-Blog 553: Seewölfe

Posted März 25th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

zugegeben: Der Erste Weltkrieg ist eines meiner historischen Steckenpferde, infolgedessen ist es äußerst nahe liegend, dass ich Romanen wie Sachbüchern, die ihn thematisieren, meine be­sondere Aufmerksamkeit zukommen lasse. Ebenfalls eingestan­den: Clive Cussler und seine Protagonisten, zu denen Isaac Bell zählt, der Detektiv, der hier die Hauptperson darstellt, wird von mir in der Regel sehr gern gelesen. Die Konsequenz, wenn beide Faktoren zusammenspielen, führt üblicherweise dazu, dass ich zwar immer noch als kritischer Leser fungiere … aber zugleich mein Lesevergnügen zunimmt.

Bei diesem schlicht gestalteten Roman war ich ein wenig am Zweifeln, da Isaac Bell nun einmal weder Soldat noch Spion ist, sondern ein Detektiv, der ganz wesentlich (mit gelegentlichen Ausnahmen) auf dem amerikanischen Festland agiert. Ihn auf einmal in einem Seekriegs-Setting des Ersten Weltkriegs agie­ren zu sehen, an dem er nicht als Kombattant teilnimmt, war deshalb etwas verwunderlich.

Ohne Zweifel hatte auch Jack du Brul, der von Justin Scott den Staffelstab für die Weiterdarstellung der Bell-Abenteuer über­nommen hat (wie auch Wolfgang Thon, der hierbei Michael Ku­biak als Übersetzer abgelöst hat), einige argumentative Schwie­rigkeiten, diese Dinge in Deckung zu bringen.

Ich muss sagen, ich fand das Resultat äußerst gelungen. Schau­en wir uns das doch einfach mal näher an:

Seewölfe

(OT: The Sea Wolves)

Von Clive Cussler & Jack du Brul

Blanvalet 1293

528 Seiten, TB, 2023

Übersetzt von Wolfgang Thon

ISBN 978-3-7341-1293-5

Krieg ist immer ein blutiges Geschäft, ganz gleich, wie sehr die Propagandisten auch behaupten mögen, er sei „gerecht“. Militä­rischer Massenmord ist, wenigstens in meinen Augen, niemals mit diesem Wort zu rechtfertigen. Aber das ist eine akademi­sche, vielleicht auch philosophische Frage, die hier nur am Ran­de angeschnitten sein mag.

Krieg ist immer auch neben dem reinen Gefechtsfeld ein Ge­schehen, das insbesondere Spionage und Sabotage befördert – und auf der Gegenseite natürlich den Versuch, selbige einzuhe­gen und aufzudecken, um die eigene Seite zu stärken, die der Gegner so im Hinterland zu schwächen sucht.

Als im Sommer des Jahres 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, halten sich die Vereinigten Staaten heraus, weil sie sich für neu­tral erklärt haben. Aber ihre Waffenindustrie möchte möglichst doch noch in den ersten Kriegstagen Geschäfte mit den Briten machen, die dringend Waffenhilfe benötigen. Also ersinnen die Verantwortlichen Mittel und Wege, um noch ein paar Waffenlie­ferungen ins Vereinigte Königreich zu schmuggeln. Für die Be­wachung der Verladung von etlichen hundert Kisten mit Geweh­ren und Munition wird die Van Dorn-Agency engagiert mit ihrem Chefermittler Isaac Bell. Durch einen schieren Zufall stößt er da­bei auf deutschfreundliche Amerikaner, die revolutionäre Funksender in die Waffenkisten schmuggeln – einmal auf See geben diese Sender Signale ab, die feindliche U-Boote zielgenau die Möglichkeit zur Versenkung der Transportschiffe geben. Nur mit größten Anstrengungen können nach einer ersten Versen­kungsaktion weitere Katastrophen verhindert werden.

Dennoch … Bell sagt sich, ebenso wie sein Chef, dass der Krieg ihre Sache nicht ist. So bleibt es dann, bis im April 1915 der jun­ge italienischstämmige Ensign Joe Marchetti in den alarmieren­den Versenkungsziffern von Schiffen aus dem New Yorker Hafen mit Ziel England ein Muster festzustellen glaubt. Seiner Ansicht nach operiert im New Yorker Hafen ein deutscher Agentenring, der – wie auch immer – den Deutschen die vielversprechenden Ziele ankündigt, die dann torpediert werden.

Eher gegen seinen Willen wird Bell überredet, sich um diese Fra­ge zu kümmern. Nicht zuletzt, weil seit dem vergangenen Som­mer der Verdacht an ihm nagt, dass er vielleicht nicht alle deut­schen Spione ausgeschaltet hat. Ein Verdacht, der sich bestäti­gen soll und viele Menschenleben kosten wird. In der Tat gibt es weitere deutsche Agenten und deutschfreundliche Saboteure, die über eine revolutionäre Funktechnologie und ein raffiniertes Netzwerk in den USA verfügen, mit dem sie Bell und seinen Agenten deutlich voraus sind. Hinzu kommt erschwerend, dass die Detektive von moderner Funktechnik keine rechte Vorstel­lung haben – deshalb wird kurzerhand Ensign Marchetti, der sich damit bestens auskennt, an die Agentur ausgeliehen. Gemein­sam beginnen sie mit der Jagd auf den Feind.

Allerdings ahnt Isaac Bell selbst in dem Moment, als er ihm Aug in Auge gegenübersteht, nicht im Traum, wer das ist – ein alter Feind namens Foster Gly, dem er vor drei Jahren in England schon einmal gegenüberstand. Er nahm an, Gly sei inzwischen im französischen Straflager in Französisch-Guayana umgekom­men, doch weit gefehlt.

Gly nutzt diese Chance, die ihm das Schicksal dank deutscher Befreier gegeben hat, um seinen verhassten Todfeind auszu­schalten … ein mörderischer Wettlauf folgt, der zu einem tödli­chen Duell führt …

Ich gebe zu, ich war wirklich verblüfft, Foster Gly wieder zu tref­fen. Wen die Vorgeschichte interessiert, der sollte im Vorab bes­ser den Roman „Die TITANIC-Verschwörung“ lese, in dem Gly auftaucht. Selbst nach vielen Jahren Straflager ist Gly ein höllisch gefährlicher, durchtriebener und reaktionsschneller Gegner, der Isaac Bell in diesem Roman mehr als nur einmal üble Blessuren zufügt. Zugleich ist er solch ein hartnäckiger Überlebenskünstler, dass er, selbst als er tot geglaubt wird, tat­sächlich weiterlebt und weiteres Unheil inszeniert.

Der Schluss des Romans führt dann direkt zu der verheerenden Versenkung des Dampfers „Lusitania“ in der Irischen See, bei der mehr als hundert Amerikaner und sehr viel mehr andere Passagiere ihr Leben verlieren. Hier wird eine alternative Deu­tung gebracht, wie es zu der Versenkung kommen konnte. Aber ich fürchte, du Brul übernimmt zudem eine historische Legende – es ist richtig, dass Kapitän Walther Schwieger an Bord der U-20 nur einen Torpedo abfeuerte und das riesige Passagierschiff in nur 18 Minuten unterging, was damals für allgemeines Entsetzen sorgte. Allerdings hat das wohl weniger mit geladener Munition zu tun (wie während und nach dem Weltkrieg gern ver­breitet wurde).

Soweit ich mich entsinne und es Tauchgänge von Robert D. Ballard später ziemlich sicher ergeben haben, war die verheerende Ex­plosion an Bord des Schiffes, die zum rasanten Untergang führ­te, wesentlich mit einer fatalen Kohlenstaubexplosion zurückzu­führen, die die direkte Folge des Torpedoeinschlags war. Für du Brul scheint allerdings geladene Munition als Untergangsgrund festzustehen.

Ungeachtet des nur partiell zutreffenden Titels – die meiste Zeit wird eben nicht auf U-Booten agiert oder auf von ihnen bedroh­ten Schiffen, sondern an Land – ist bei dieser Geschichte ein durchaus packender Roman herausgekommen, in den du Brul dann sogar noch eine niedliche Lovestory eingewoben hat.

Alles in allem ein wirklich lesenswerter Roman, der besonders durch das detailliert beschriebene technologische Lokalkolorit besticht, wie ich immer wieder finde. Die durch mangelhafte Kommunikations- und Straßenverhältnisse auftretenden Hand­lungshemmnisse im Verein mit den gerissenen, geschickten Feinden dramatisieren die Geschichte dabei ganz ausgezeich­net.

Eine klare Leseempfehlung von mir!

© 2026 by Uwe Lammers

In der nächsten Woche machen wir einen weiten historischen Schritt in die Realgegenwart und kümmern uns um einen inter­essanten Roman, der dann sehr viel weniger historisches Basis­wissen abverlangen wird. Die Autorin Eden Bradley begibt sich einmal mehr auf das Terrain der dominant-submissiven Liebes­erfahrungen.

Mehr dazu in sieben Tagen an dieser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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