Liebe Freunde des OSM,
manchmal kann es sehr interessant sein, Romane mit einigem Abstand ein zweites Mal zu lesen – mir geht das gerade so mit meinen eigenen alten Romanen aus dem Jahre 1984, die ich einst mit der Absicht verfasste, sie im Zauberkreis-Verlag zu veröffentlichen. Da mache ich durchaus spannende Entdeckungen, die mich nicht eben wenig verblüffen … mehr dazu in meinen diesbezüglichen Blogartikeln im Rahmen der „unveröffentlichten Romane“.
Auch der vorliegende Roman wurde von mir ein zweites Mal gelesen. Während er aus rätselhaften Gründen beim ersten Mal nicht soviel Eindruck bei mir hinterließ, dass ich ihn rezensierte, änderte sich das dieses Mal gründlich.
Woran lag es? Zum einen hatte ich in der Zwischenzeit intensive Berührung mit den Werken von E. L. James gemacht und die Verfilmungen von „Fifty Shades of Grey“ angesehen. Außerdem war mir Eden Bradley als Verfasserin des damals von mir eher distanziert gelesenen Romans keine Unbekannte mehr, und ich begann deshalb – ihr werdet das unten entdecken – , Parallelen zwischen ihren Romanen zu ziehen und Rückschlüsse auf die Psyche der Autorin (mit aller Vorsicht) einzuarbeiten.
Herausgekommen ist eine Rezension, die ich euch nicht vorenthalten möchte:
Fesselnde Lust
(OT: The Dark Garden)
Von Eden Bradley
Blanvalet Avenue 37034
288 Seiten, TB (2007)
ISBN 978-3-442-37034-4
Aus dem Amerikanischen von Claudia Müller
Eigentlich ist die Unternehmensberaterin Rowan Cassidy in Los Angeles eine selbstbestimmte, erfolgreiche Frau, die genau weiß, was sie will. Und das wissen auch alle regelmäßigen Gäste im Club Privé, in dem Rowan in ihrem zweiten Leben tätig ist – dort ist sie als stolze, intelligente und zugleich einfühlsame Domina bekannt, die unter anderem einen Gesprächskreis für Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger leitet, denen sie die Regeln und mentalen Klippen des BDSM-Lebensstils erklärt und ihnen dabei hilft, mit ihren dunklen erotischen Leidenschaften klarzukommen. Denn ihr ist völlig klar, dass die Lust an bisweilen sadistischer Dominanz einerseits und der Wonne der völligen Unterwerfung andererseits psychisch höchst belastend sein kann. Gar zu leicht können sich Menschen, die derlei Veranlagung in sich fühlen, dasselbe spüren, wie es schlichte Gemüter der Umwelt annehmen: dass es sich hierbei um eine Form von Perversion handelt, um Sünde, etwas, für das man sich schämen muss und das man in den Abgrund der Hölle zu verdammen hat.
Doch Rowan hat zugleich seit einiger Zeit ein Problem – wiewohl es ihr üblicherweise Vergnügen bereitet, die Neulinge zu initiieren und dabei auch aufgeregte junge Männer mit zahlreichen Instrumenten wie Nippelklemmen und Peitschen ihrem Willen zu unterwerfen, ist sie doch inzwischen seltsam abgestumpft. Sie findet in dieser Art von Beschäftigung weniger Befriedigung, als es üblicherweise der Fall ist. Stattdessen hat sie insgeheim begonnen, einen erotischen Roman zu schreiben, in dem es um eine junge Frau namens Ashlyn geht, die sich willig einem dominanten Gebieter namens Gabriel unterwirft. Und das sind zu ihrer Beunruhigung Phantasien, die sie feucht werden lassen.
Devote Phantasien.
Aber sie IST nicht devot! Sie weiß doch ganz genau, dass sie dominant veranlagt ist. Sie hat vor Jahren ein Experiment in der Gegenrichtung unternommen, das grässlich fehlgeschlagen ist und über das sie sich in vollkommenes Schweigen hüllt.
Nein, sie ist einwandfrei und unwiderruflich dominant!
Als der unübersehbar dominante Künstler Christian Thorne den Club Privé betritt, geraten ihre Grundsätze allerdings bestürzend rasch ins Wanken. Er verunsichert sie ebenso, wie er sie auf subtile Weise erregt … aber leider ist er andererseits, einfach qua seiner Dominanz, für sie unerreichbar, was sie sehr bedauert. Immerhin, er ist seit langem der erste Mann, der sie wieder faszinieren kann. Zu schade, dass aus ihnen nichts werden kann …
Christian scheint das völlig anders zu sehen – und schließlich fordert er fast schon vergnügt ihren Stolz heraus, weil er der Auffassung ist, in Rowan schlummere insgeheim eine devote Seele. Sie solle das Experiment wagen und privatim 30 Tage mit ihm „spielen“, d. h. sich seinem Willen unterwerfen, um herauszufinden, ob an dieser Vermutung etwas Wahres ist.
Das ist eine Unverschämtheit, die sie schäumen lässt. Wütend stimmt Rowan aber schließlich zu, macht indes unmissverständlich klar, dass es dabei nicht zum Sex kommen werde. Das hat weniger mit körperlicher Unattraktivität Christians zu tun als vielmehr mit dem exakten Gegenteil – Rowan spürt sich extrem zu ihm hingezogen und fürchtet, wenn sie sich miteinander vereinigen, dass sie für nichts mehr garantieren kann.
Beide bedauern diese Übereinkunft schon bald, aber das ist nur der Anfang.
Rowan fürchtet den völligen Kontrollverlust allerdings so unglaublich, dass es bald zu abenteuerlichsten Fluchtreaktionen kommt, die nun wiederum Christian überrumpeln, der mit dergleichen nicht gerechnet hat. Zugleich zeigen sie ihm, dem gerade aus Europa heimgekehrten Künstler, der gegenwärtig in einer Schaffenskrise steckt, aber auch, dass Rowan ein stilles, tiefes Wasser voller Probleme und Geheimnisse ist – und sie elektrisiert ihn wie noch keine Frau zuvor. Sie geht ihm buchstäblich unter die Haut und okkupiert geradezu spielend seine Seele.
Könnte es sein, fragt er sich, der in ihrer Vereinbarung eine gemeinsame Beziehung konsequent ausgeschlossen hat, dass diese Verbindung deutlich mehr ist, als er anfangs annahm? Könnte es vielleicht sogar möglich sein, dass Rowan das ist, was er seit langem gesucht hat, eine neue Muse für seine kreative Ader? Denn mehr und mehr fokussieren sich seine Gedanken auf sie, und während sich Christians Vermutung hinsichtlich der devoten Ader bei Rowan auf köstliche Weise zu bestätigen beginnt, nehmen im gleichen Maße Rowans Fluchtbewegungen zu. Ein Drama bahnt sich an …
Auf einer Parallelschiene wird eine weitere sich entwickelnde Beziehung verfolgt, die explizit sexuellen Charakters ist. Die junge Devote namens April, die seit jüngster Zeit in Rowans Beratungsgruppe ist und sich mit ihr angefreundet hat, verguckt sich zunehmend in einen neuen Master im Club Privé, den Iren Decker.1 Rowan warnt sie davor, denn es ist allgemein bekannt, dass Decker sich mit devoten Mädchen stets nur vorübergehend einlässt und sie in der Regel nach einem gemeinsamen Abend wieder fortschickt.
Doch auch hier entwickeln sich die Dinge auf interessante Weise anders, obsessiv anders …
Dieser erste auf Deutsch bei Blanvalet von Eden Bradley veröffentlichte Roman wurde von mir bereits anno 2009 gelesen, damals allerdings in einem sehr behäbigen Lesetempo, deren sechs Lesetage sich auf fast drei Monate verteilten – heutzutage etwas rätselhaft, denn nun kostete er mich nur zwei direkt aufeinander folgende Lesetage. Das zeigt deutlich, dass ich inzwischen eine andere Form des Leseumgangs mit romantischen BDSM-Romanen habe als damals. Ich lasse mich sehr viel leichter darauf ein als einst.
Wenn man sich die Charakteristika von Bradleys weiblicher Hauptperson Rowan anschaut und außerdem als Parallelfolie ihren später veröffentlichten Roman „Dunkle Begierde“ (2014) heranzieht, dann wird ziemlich klar, wie sehr sie ihren Protagonistinnen persönliche Züge verleiht. Wie Bradley ist Rowan Schuhliebhaberin und begeisterte Museumsgängerin, liest viel und ist in der BDSM-Szene tätig. Auch die Schreibbegeisterung – hier eher diskret als eine Art sehr lustvolles „alter Ego“ in den Hintergrund gedrängt – spiegelt offensichtlich frühe schriftstellerische Gehversuche der Autorin, ehe sie ihre ersten Romane veröffentlichte. Das ist nicht ohne Reiz, wie ich zugeben muss.
In der Konsequenz macht diese Mischung ihren Romancharakter durchaus glaubwürdig und führt dazu, wenn man sich darauf einlässt, dass sich der Roman quasi wie von selbst liest. Verglichen mit Dylan Ivory aus dem späteren Roman hat man allerdings das Gefühl, dass nur geringe Abwandlungen vorliegen. Gewiss: Dylan ist Schriftstellerin und Newcomerin in der BDSM-Szene, wohingegen Rowan als erfahrene Domina präsentiert wird. Aber die Veranlagung beider Frauen ist doch ganz dieselbe und, für romantische BDSM-Romane nicht verblüffend, auch das Lösungsszenario funktioniert auf die gleiche Weise. Zentral ist beide Male der Akzeptanzkonflikt der weiblichen Protagonistin, der primär in mangelndem Selbstwertgefühl wurzelt. Das lässt natürlich schon gewisse Schlüsse auf die Psyche der Verfasserin zu.
Gleichwohl hat das Lesen Vergnügen bereitet, und es war überraschend zu entdecken, wie viel von dem Inhalt ich doch nach gerade mal knapp 10 Jahren schon wieder völlig vergessen hatte. Auf diese Weise war die Neulektüre tatsächlich fast mit einer Frischlektüre identisch. Das hätte ich so nicht gedacht. Ich kam auf diesen Gedanken eben genau deswegen: weil ich beim Einsortieren von „Dunkle Begierde“ entdeckte, dass ich mir beim besten Willen nicht mehr konkret vorstellen konnte, worum es in diesem älteren Buch genau gegangen war. Also lohnte sich die Neulektüre durchaus.
Allerdings würde ich, gemessen an den oben dargestellten Parallelen, schon vorschlagen, dass jemand, der beide Romane neu entdecken möchte, zwischen die Werke ein paar Monate Lesedifferenz und einige andere Autoren zur Abwechslung einstreuen sollte. Andernfalls könnte er/sie von einem der beiden Romane oder von beiden vielleicht gerade wegen ihrer strukturellen Ähnlichkeit etwas enttäuscht sein.
Ich schätze, diese Gefahr hat auch die Verfasserin geahnt und deshalb neben dem doch lange Zeit auf kleiner Flamme köchelnden Rowan/Christian-Handlungsstrang den deutlich härteren und direkteren zweiten Handlungsfaden um April und Decker eingearbeitet … um durch die explizite Erotik den Leser bei der Stange zu halten. Nun, ein Rezept, das – mit der erwähnten Einschränkung – durchaus funktionierte. Und es sind ein paar wirklich sehr phantasievolle und raffiniert geschriebene erotische Szenen im Buch enthalten, die die obigen Abschattungen klar aufwiegen.
Also: von meiner Seite aus letzten Endes doch eine klare Leseempfehlung.
© 2017 by Uwe Lammers
In der kommenden Woche sind wir dann wieder auf Zeitreise. Und diesmal geht Hannibal Fortune wirklich weit zurück. Mehr dazu erfahrt ihr in sieben Tagen an dieser Stelle.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.
1 Bedauerlicherweise gewährt uns die Autorin zwar bereitwillig Einblick in Deckers und Aprils Lebenswelt, aber Nachnamen gestattet sie ihnen nicht – vielleicht, um klarzumachen, dass es sich um Protagonisten zweiter Wahl handelt und die Konkurrenz zum Haupterzählstrang niedrig zu halten … in meinen Augen keine glückliche Form des Schachzugs. So wird der richtige Zugang zu dieser Erzählebene erschwert.