Liebe Freunde des OSM,
ich lese gern Zeitreise-Romane, und da ich bekanntlich Historiker mit ausgesprochenem Faible für den alten Orient bin, also jene Epochen, in denen die alten Pharaonen, die mesopotamischen Hochkulturen, das Reich der Keftiu auf Kreta und das hethitische Großreich existierten, war es von dort bis hin zum mythischen Atlantis, um das es in diesem Roman geht, nur noch ein kleiner Schritt.
Grundsätzlich gefiel mir die strukturelle Grundidee, aber die zahlreichen inhaltlichen Fehler machten im Verein der doch eher schwerfälligen Übersetzung diese Geschichte nicht wirklich zu einem Lesevergnügen. Meiner Einschätzung nach ist das ein klarer Pflichtroman, den Maddock hier verfasste, mit wenig Schreibzeit und wenig Gelegenheit, sich gescheit vorzubereiten. Ausgehend von einer schlichten Grundidee schrieb er einfach drauflos (einen ähnlichen Fall, der witzigerweise auch mit Atlantis zu tun hat, hat sich mal vor Ewigkeiten Clive Cussler geliefert … und dann den haarsträubendsten und schlechtesten Roman seiner Karriere abgeliefert, jedenfalls meiner Ansicht nach; vielleicht ist das Thema Atlantis also mit einem Fluch belegt …? Man könnte man drüber nachdenken).
Ist das also ein schlechter Roman? Man könnte das nach der Einleitung mutmaßen. Aber soweit würde ich nicht gehen. Er hat schon einigen Unterhaltungswert, und gerade wenn man historisch nicht so sattelfest ist wie ich und vielleicht mehr fantasy-affin, als ich es bin, dann kann das eine durchaus vergnügliche Lektüre werden.
Schaut am besten mal selbst:
Die goldene Göttin
(OT: The Golden Goddess Gambit)
Von Larry Maddock
Terra-Taschenbuch 155
160 Seiten, TB, 1968 (1967)
Aus dem Amerikanischen von Walter Brumm
Keine ISBN
In seinem zweiten Abenteuer nach „Agenten der Galaxis“, das ein paar Jahre nach dem Erstling geschrieben wurde, hat sich die Handlungsstruktur des Hintergrundes verändert. Wir haben es mit einem im Hintergrund tobenden Zeitkrieg zu tun. Die Geheimorganisation T.E.R.R.A. („Temporal Entropy Restructure and Repair Agency“), die die Geschichte der Menschheit bewahren will, agiert gegen die antagonistische Macht der Organisation „Empire“ (hier immer wieder zwischen „Empire“ und „Imperium“ oszillierend). Während im Erstling noch ein Mann namens Drofox Johrgol diese Organisation leitete, wird er in diesem Roman nicht mehr erwähnt, sondern nun ist jemand namens „Gregor Malik“ an dessen Stelle getreten. Das kann natürlich bedeuten, dass Maddock seine eigene Historie nicht mehr recht im Blick hatte, als er den Roman schrieb, aber das ist hier nur Spekulation. Vielleicht ist das auch die Auswirkung einer Zeitmanipulation.
Schauen wir uns an, worum es diesmal ging. Während der T.E.R.R.A.-Agent Hannibal Fortune im ersten Abenteuer in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts äußerst passend agierte und es mit UFOs zu tun bekam, wird er jetzt vom Wissenschaftler Pohl Tausig auf eine historische Manipulation aufmerksam gemacht, die viel älter ist. Auf Kreta wird im Jahre 1509 vor Christus von einem T.E.R.R.A.-Agenten eine Grabstätte archäologisch – quasi nebenbei – erforscht, die sonst wenige Jahrzehnte später durch eine Flutwelle zerstört werden würde. Darin taucht eine rätselhafte Plakette auf, die anzeigt, dass hier eine Zeitmanipulation vorgenommen wurde.
Hannibal Fortune und sein 15 Pfund schwerer, zur Gestaltwandlung befähigter Symbiont Webley werden mit ihrem Zeittransporter in diese Zeit zurückgeschickt, um diskret den Fund zu präparieren, damit dessen Ursprung herausgefunden werden kann … aber ich gewann bei der Lektüre den Eindruck, als wenn der Autor das Prinzip radioaktiven Zerfalls nicht recht begriffen hätte. Man überlege: Wenn man im 16. Jahrhundert das Fundstück radioaktiv präpariert und dann die „Spur“ Jahrhunderte weiter zurückverfolgen möchte (also ehe die Präparierung erfolgt ist), dann kann das strukturell nicht funktionieren. Dessen ungeachtet „folgt“ Fortune dieser „Fährte“ und gelangt so ins Jahr 11.642 vor Christus, zudem auf eine große Landmasse, die direkt vor der Straße von Gibraltar liegt – nach Atlantis.
Zu ihrer nicht geringen Überraschung besteht hier ein hoch entwickeltes Staatswesen in einem Land, das Nodiesop genannt wird. Und hier ist ein raffinierter Zeitfälscher namens Kronos dabei, den Kult der goldenen Göttin zu etablieren und ein Geschlecht von Unsterblichen zu erschaffen. Er benennt das Land nun in Manukronis um und etabliert eine Zweiklassengesellschaft. Und zu Hannibal Fortunes Unbehagen stellt er fest, dass diese Gesellschaft zivilisatorisch nahezu nur Vorteile für die Beherrschten bietet … wie also soll er nun diesen illegalen Herrscher stürzen und die Manipulation rückgängig machen?
Zu seinem Glück läuft ihm eine „verrückte alte Frau“ zu, die ihm wesentliche Informationen vermitteln kann, um die Zeit vielleicht ins rechte Bett zurückzulenken …
Der zweite Roman um Hannibal Fortune kam sehr viel schleppender daher als der erste, was vielleicht nicht zuletzt auch auf die Übersetzung zurückzuführen ist. Zum anderen krankte der Roman spürbar an einer Reihe von Logikfehlern, die nicht recht zueinander passen wollten, wovon die obige Zeitverfolgungs-Problematik nur ein Teil ist. Außerdem war Fortune hier sehr wesentlich auf die ausufernden Erzählungen Dritter angewiesen, was die Geschichte noch deutlich sperriger machte als zuvor. Ich vermisste auch ein wenig Nebenpersonen, die den Erstling noch so amüsant ausgestalteten … aber bekanntlich war Maddock in den 60er Jahren in den USA natürlich mehr zuhause als in diese vorgeschichtlichen Epoche, wo man nicht mal hinreichende Kenntnisse der Sprache nachweisen konnte … die Integration Fortunes in diese Zeit gelingt also nur bedingt, und es ist dem Autor zugute zu halten, dass er das nicht bagatellisiert, sondern durchaus akzeptabel thematisiert.
Ignorieren wir dagegen mal die hier ventilierte Atlantis-Geschichte, die noch fest davon ausgeht (eine Theorie, die ja auch in der frühen Perry Rhodan-Serie noch Usus war … aber dort galt ja auch die Venus noch als Dschungelplanet mit Sauriern und urwüchsiger Vegetation), dass die Azoren die Spitzen eines untergegangenen mythischen Kontinents sind. Inzwischen ist relativ sicher, dass der platonische Atlantis-Mythos wesentlich inspiriert wurde durch die Vulkaneruption von Thera/Santorin im 15. Jahrhundert vor Christus und das atlantische Reich eine Mischung des untergegangenen minoischen Inselreiches und platonischer Idealstaatvorstellungen darstellt.
Herausgekommen ist ein recht fantasy-lastiger Roman mit recht wilden Adelsintrigen, Schwertkämpfen, Kerkern und dergleichen. Was man sich nicht so einfach klarmacht, auch weil es in dem Buch nicht richtig thematisiert wird, ist der mythologische Hintergrund. Während der Name des Landes ein wenig einfältig ist (lest ihn mal von hinten!), ist die Wahl des Namens Kronos viel sinniger. Der griechischen Mythologie zufolge war Kronos der Vater des olympischen Göttergeschlechts, der getötet wurde, als er sich anschickte, seine gesamte Kinderschar zu verschlingen … man vergleiche das mal mit der vorliegenden Romanhandlung, das ist doch ein netter Aha-Effekt, würde ich sagen.
Alles in allem ist diese Geschichte indes nicht gar so eingängig und flüssig lesbar wie der Erstling, sondern schwächelt etwas … aber ich bin gleichwohl immer noch neugierig, wie die Geschichte wohl weitergehen mag. Zwei weitere Romane der Reihe gibt es immerhin. Ich werde berichten.
© 2022 by Uwe Lammers
In gewisser Weise bleiben wir in der kommenden Woche im mythologischen Fahrwasser, und doch gelangen wir zugleich wieder in den Handlungsstrom erotischer Romane zurück. Denn es geht um die leibhaftige Göttin Aphrodite und ihre Söhne.
Mehr dazu erzähle ich euch in sieben Tagen hier.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.