Rezensions-Blog 550: Schule der Lust

Posted März 4th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

zu behaupten, ich sei von diesem Roman anno 2019, als ich ihn las, überrascht worden, hieße ernsthaft, äußerst tief zu stapeln. Ihn zu schmökern oder besser: zu goutieren, das war tatsächlich ein unerwartetes, wonnevolles Lesevergnügen. Wie ich unten in der Rezension explizit schreibe, war mir die Verfasserin nicht restlos unbekannt. Dennoch ging ich die Lektüre eher zögerlich an (das ist anders als bei solchen Vielschreiberinnen a la Julie Kenner, Layla Hagen, Audrey Carlan, Jessica Clare und wie sie nicht alle heißen). Bei manchen AutorInnen tritt solch ein Zö­gern auf.

In diesem Fall war es vollständig unberechtigt. Der Roman fing mich im Nu mit seinem Zauber ein, woran eindeutig die Katzen nicht unschuldig waren. Natürlich ist es ein erotischer Roman mit BDSM-Anklängen, sogar recht intensiven. Aber auf eine völ­lig andere Art und Weise, als man das sonst so gewöhnt ist.

Wie ich das meine? Nun, schaut es euch am besten selbst an:

Schule der Lust

(OT: The Fabric of Love)

Von Maria Isabel Pita

Heyne 81100 (2008)

304 Seiten, TB

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Georg

ISBN 978-3-453-81100-3

Mira Rosemond ist immer schon ein eigenwilliges Kind gewesen, mit einem recht exquisiten Geschmack und eigenen Kopf. Als einziger Spross ihrer Eltern im amerikanischen Virginia aufge­wachsen, lernt sie schnell, auf eigenen Füßen zu stehen und er­greift den Beruf der Innenarchitektin, die sich an den Prinzipien des Feng Shui im weitesten Sinne orientiert. Sie lebt wohlig al­lein in einem großen Haus, umgeben von einem urwüchsigen Gartengrundstück mit alten Bäumen und im Leben begleitet von ihren beiden eigensinnigen Katzen Stormy (Kater) und Sekhmet (Kätzin), die in der vorliegenden Geschichte wichtige Rollen zu spielen haben.

Mira hat nach zahlreichen wenig erfolgreichen Abenteuern mit egoistischen Männern die Entscheidung getroffen, dass es bes­ser ist, dem anderen Geschlecht nicht mehr soviel Raum in ihrem Leben einzuräumen. Im Gegensatz zu ihren wenigen Freundinnen ist sie der Auffassung, dass die Ehe krass überbe­wertet wird und frau sowieso mittels eines Vibrators und üppi­ger erotischer Träume leichter zur vollendeten Erfüllung findet als in den Armen eines ohnehin meist egoistischen Kerls.

Nun, diese Ansicht ändert sich in dem Moment, in dem Mira ei­nes Morgens ihrer nach einer ägyptischen Göttin benannten Katze Sekhmet in den Garten folgt und dort überraschend Zeu­gin wird, wie ihre sonst sehr fremdelnde Katze schnurrend ei­nem unbekannten Mann in Leder um die Füße geht und sich da­bei höchst behaglich fühlt. Das ist schon sehr eigenartig – aber noch seltsamer ist das, was folgt. Mira fasst ebenso wie ihre sonst so scheue Katze sehr rasch Vertrauen zu dem rätselhaf­ten, gut aussehenden Fremden, der sich mit Philip vorstellt und erklärt, einer ihrer nahen Nachbarn zu sein, der eher zufällig die Abkürzung durch ihr Gartengrundstück genommen hat.

Und ehe sich Mira versieht, erlebt sie in ihrer voll gestellten Ga­rage, in der sich diverse gesammelte Antiquitäten stapeln, ein phantastisches, leidenschaftliches Sexabenteuer mit Philip und gestattet ihm – was sie früher nie getan hat, sie dabei mit dem Gürtel ihres Morgenmantels zu fesseln.

Philip Montaigne macht seinerseits aus seinem Beruf keinen Hehl: er ist BDSM-Master und dominiert üblicherweise dreimal in der Woche abends Frauen gegen Bezahlung, ansonsten arbei­tet er an seiner Doktorarbeit und hat, was Mira sehr zusagt, nicht nur einen gut sortierten Weinkeller, sondern seine Eltern haben sogar einen eigenen Weinberg.

Er wiederum erkennt in Mira nahezu sofort ein nicht nur bild­schönes weibliches Wesen, das ihn augenblicklich in ihren Bann schlägt, sondern zudem einen devoten Charakter. Er ist hinge­rissen von ihr und wird immer mehr zu ihr hingezogen. Sein ausdrücklicher Wunsch: er möchte, dass sie sich ihm bereitwillig unterwirft und seine gehorsame Sklavin ist, seine einzige Skla­vin, um genau zu sein (die anderen Frauen, die er dominiert, bleiben ferne Schatten und erlangen, genau genommen, keine Bedeutung). Und Mira, wiewohl sehr selbstbewusst, erliegt der köstlich-aufregenden sinnlichen Ausstrahlung des Unbekannten und steigt in dieses Abenteuer ein, das ihr Leben binnen kürzes­ter Zeit gründlich umkrempelt …

BDSM-Romane – und dies hier ist prinzipiell einer – , sind schon recht lange in der deutschen Belletristik angekommen, ver­stärkt natürlich nach dem unerwarteten Erfolg von E. L. James „Fifty Shades of Grey“. Und ich habe auch schon viele solche Epigonenromane gelesen, die recht oft klar durchschaubaren Strickmustern folgen. Dieser hier ist allerdings anders, auf eine sehr interessante Weise anders.

Als ich Maria Isabel Pitas Erstling, „Die Geschichte der M.“ las, in der sie autobiografisch ihre eigene Erweckung als devote Frau und die Entdeckung ihres lebenslangen Geliebten Stinger darstellte (dem auch das vorliegende Buch gewidmet ist), da war ich noch ein wenig beunruhigt, da es doch zum Teil heftig zur Sache ging und mich nicht eben animierte, eine Rezension zu schreiben. Es dauerte also, bis ich den vorliegenden Roman las … und wurde vollständig überrascht. Das passiert mir bei Autoren, die ich kenne, eher selten.

Pitas neue Protagonistin Mira ist auf wohltuende Weise völlig an­ders als ihr normales Ego, und auch die Struktur des Romans mit den einleitenden Zitaten z. B. aus Märchen, die thematisch den Kern des jeweiligen Kapitels vorfokussieren, erweist sich als faszinierende Abwechslung. Darüber hinaus aber ist die Ge­schichte von einer unerwarteten warmherzigen Sanftmütigkeit erfüllt und mit bisweilen überraschenden Bemerkungen ge­spickt, von denen ich an dieser Stelle nur eine herausgreifen möchte:

Philip meint an einer Stelle: „Interessant, dass die Rolle des Amors mal von einer schwarzen Katze übernommen wird.“

Sie erwidert trocken: „Na, du kennst ja das Sprichwort – Hunde halten sich für Menschen, Katzen halten sich für Götter.“

Solche Passagen, die sich reichlich im Buch finden, lockern ein­fach auf zauberhaft-verspielte Weise die Geschichte auf, die auch sonst höchst unkonventionell funktioniert. In traditionellen Klischee-Romanen der BDSM-Romantik hat man üblicherweise unterschwellige Konflikte, oft Dreiecksgeschichten, die regelmä­ßig durch unerwartete Enthüllungen im hinteren Drittel eine Kri­se auslösen und dann zur finalen Versöhnung überleiten. Das kann man von der Baustruktur in diesem Roman völlig verges­sen. Ernsthafte Konflikte? Fehlanzeige. Rivalitäten? Fehlanzeige. Kathartischer Höhepunkt? Fehlanzeige. Stattdessen klingt der Roman, ohne Witz, mit einer angenehmen Ganzkörpermassage aus.

Wer also mal einen völlig anderen Roman über das Hineinfallen einer selbstbewussten jungen Frau in eine devot-dominante Be­ziehung lesen möchte, der sollte sich nicht vom abweichenden Titelbild oder dem völlig irrigen Titel verwirren lassen, sondern dieses Buch mal suchen. Und wer Katzenfan ist und etwas für sanftmütige Romantik übrig hat, ja, vielleicht an die Vorherbe­stimmung im märchenhaften Sinne glaubt, der wird sich meiner Ansicht nach in diesem Buch wirklich sehr wohlfühlen. Eine höchst angenehme Abwechslung zu all den eher schematischen Imitatoren, die auf der BDSM-Welle mitzuschwimmen versu­chen, ohne echte eigene Rezepte zu entwickeln.

Offenbar hat es durchaus seine Vorteile, wenn man als beken­nende devote Autorin in einer erfüllenden devot-dominanten Beziehung explizite schriftstellerische Neigungen hegt und aus­leben kann. Das hier ist das beste Beispiel dafür und ohne Frage ein Buch, das längerfristig in meinem Bücherbestand verbleiben wird.

© 2019 by Uwe Lammers

Wohin verschlägt es euch in der kommenden Woche? In einen recht alten, aber immer noch äußerst amüsanten SF-Roman aus den 60er Jahren. Wir bekommen es mit UFOs und Zeitreisenden zu tun, ihr werdet es schon sehen, Freunde!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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