Liebe Freunde des OSM,

beim letzten Mal erzählte ich ja von einem erstaunlich innovati­ven und phantasiereichen Frühroman unter meinen nicht veröf­fentlichten Projekten, die ich beim Zauberkreis-Verlag als Heft­romanskript einreichte. Im Gegensatz dazu, und zwar in ziem­lich krassem Gegensatz dazu steht der Folgeroman, den ich heute vorstellen möchte. Es mag für den Einstieg genügen, dass ich mir tatsächlich eine komplette Seite handschriftliche Notizen machen musste beim Lesen, um den Überblick über Handlung, Fronten und Protagonisten zu behalten. Den Roman „Der Blutparasit“ wirr zu nennen, ist tatsächlich beschöni­gend. Am besten fange ich mal langsam an, die komplexen Fä­den dieses vermeintlich schlichten Horror-Romans zu entwirren … er ist in der Tat etwas völlig anderes.

Wir befinden uns in der Gegenwart in England (der Ort, wo das Dorf Daahkor liegt, wird nur vage skizziert, am ehesten kann man es wohl in den schottischen Highlands lokalisieren). Zwei Handlungspersonen, die Freunde Brian Anderson und Gus Hart, sind auf der Suche nach ihrem Freund, dem vermissten Archäo­logen Frank Gambert. Er hat ihnen kurz vor seinem Verschwin­den noch geschrieben, er habe eine Einladung in das Hinter­wäldlerdorf Daahkor erhalten und ist seither verschollen.

Von Anderson und Hart bekommt man so gar nicht mit, was sie beruflich machen. Sie treten hier hauptamtlich als „Freunde von Frank Gambert“ auf und erreichen auf der Suche nach Frank tat­sächlich das schwer erreichbare und weltabgeschiedene Ört­chen Daahkor, über dem auf einem Berg Castle Doom thront (später mutiert dieses Schloss auch mal zu „Doom Castle“ und am Ende versehentlich zu „Dark Castle“). Generell merkt man an zahlreichen Inhaltsfehlern deutlich an, dass dieser Roman, den ich wieder mal mit Hochdruck zwischen dem 16. August und 3. September 1984 herunterschrieb, in einem hitzigen Tran­cezustand realisiert wurde.

Im Dorf treffen die beiden Freunde zunächst auf den rätselhaf­ten alten Mark Riley, der sie davor warnt, länger im Dorf zu ver­weilen oder gar den Lord auf dem Castle zu besuchen. Dann werden sie allerdings bei dem Gastwirt George Smith (anfangs verwirrend als „Hank“ angeredet, was nachher völlig vergessen wird) untergebracht, der sich in der Folge als „Henker von Daah­kor“ herausstellt, sich jedoch als grundsätzlich positive Gestalt erweist.

Daahkor selbst ist ein unheimlicher Ort, der ein wenig an Inns­mouth von H. P. Lovecraft erinnert, verwahrlost, mit Häusern, die tief heruntergezogene Walmdächer besitzen und der offen­bar im Mittelalter stecken geblieben zu sein scheint. Dafür spre­chen auch die bizarren Büßerumzüge, die die Freunde bald beobachten. Normale Menschen sind nicht zu sehen, der Ort ist ansonsten offenbar völlig ausgestorben.

Doch das ist alles erst der Anfang.

Frank, erfahren sie, ist durchaus bekannt, aber er ist verschwun­den. Vielleicht wisse der Lord, ein Mann namens Mike Hill, Nähe­res.

Doch ehe die Freunde hier nähere Erkundigungen einziehen können, erfahren sie von Smith ein paar wirklich schräge Dinge. So gäbe es beispielsweise im Ort einen Vampir und zugleich auch einen Dämon, der über das ganze Tal einen magischen Bann geworfen habe … etwas, was die beiden hart gesottenen Männer, die sich als durch und durch rational verstehen, natür­lich nur spöttisch zur Kenntnis nehmen.

Das tun sie jedenfalls bis zu dem Moment, zu dem sie zum Cast­le aufbrechen wollen … denn als sie vor die Tür treten, ist aus dem hellen Tag unvermittelt Nacht geworden!

Verunsichert fragen sie Smith, was das denn nun sei, wie das möglich sein könne, dass binnen ihres kurzen Gesprächs jäh­lings STUNDEN verstrichen seien.

Nun, das sei ein Zeitzauber des erwähnten Dämons. Er werfe künstliche Nacht über das Dorf, das habe er schon mehrfach ge­tan. Und im Schutz der Finsternis treibe dann der Vampir sein Unwesen. Später im Zuge des Romans bekommt dieser Dämon auch einen Namen: Sekoor, der Herr des Bösen. Er ist eine der drei Fraktionen, die im Tal einen magischen Krieg ausfechten, aber bis das ans Tageslicht kommt, vergeht wirklich viel Zeit.

Auf einer anderen Handlungsschiene, die anfangs völlig neben­sächlich zu sein scheint, beobachten wir zwei junge Camper aus dem Küstenort Oban, die im Tal von Daahkor campen, Gunnar Höl und Rainer Kahm (ihr stimmt mir sicherlich zu, dass das TO­TAL schottische Namen sind … ja, mit Namen hatte ich es da­mals nicht so). Es geht auf Kahm zurück, dass sie nach Daahkor reisten, sie hätten auch in den Nachbarort Bloomfield (auch das eher ein amerikanischer Name als ein schottischer … aber ich sagte ja, ich hatte es nicht so mit passenden Namen damals…) reisen können.

So reisen sie in den Tod.

Denn während des Campens wird das Lager verwüstet und Gun­nar kurzerhand von einem Baum stranguliert. Rainer Kahm flüchtet in Panik und gerät unvermittelt in Gefangenschaft des Lords von Doom Castle, der ihn in einen Vampir verwandeln wird. Und das ist noch nicht mal das Schlimmste.

Anderson und Hart machen sich unverdrossen am nächsten Tag auf den Weg zum Castle, obwohl sie nächtens höllischen Besuch eines Alpträume induzierenden Alps hatten, den sie nur müh­sam abwehren konnten.

Wieder taucht der rätselhafte Mark Riley auf und warnt die Freunde, sie sollten dringend das Tal verlassen, ihre Anwesen­heit würde ein nicht näher beschriebenes „Gleichgewicht“ stö­ren, und schlimme Dinge würden geschehen, wenn sie blieben.

Das bekümmert sie nicht – sie wollen ihren Freund Frank retten, der inzwischen vermeintlich wieder aufgetaucht ist und auf dem Schloss weilen soll. Das stimmt tatsächlich … aber er betrachtet Anderson und Hart als Schwindler und erkennt sie nicht. Grotes­kerweise zeigt er ihnen Ausweisbilder der „echten“, aber inzwi­schen als tot geltenden Brian Anderson und Gus Hart – doch das sind wirkliche Verbrechervisagen. Noch verrückter: Als die bei­den ihre Personalausweise zücken, um ihren Freund von ihrer Identität zu überzeugen, sind ihre eigenen Passfotos identisch mit denjenigen, die Frank Gambert ihnen gezeigt hat!

Das Nächste, was geschieht, ist, dass der bleiche Butler Harold die beiden Freunde kurzerhand „bis zur Klärung der Sachlage“ in einem Raum im Castle einschließt.

Auf weiteren Ebenen des Romans bekommt man allmählich mit, dass Mark Riley durchaus in einem Punkt Recht hat: Das Tal hat einen magischen Herrscher, der eigentlich nur „ER“ genannt wird und seinen eigenen Namen längst vergessen hat. Es ist der titelgebende Blutparasit, eine monströse Entität, die vor 2331 Jahren als etruskischer Priester in diese Gegend kam und sich hier mit einem keltischen Stamm anlegte, der hier seine Heimat hatte. Dies war der Ursprung eines magischen Krieges, der in­zwischen Abstand von 333 Jahren immer wieder punktuell auf­flammt.

Jetzt, anno 1984, befinden sie sich im siebten Waffengang, und während die Kelten schon lange untergegangen sind und nur noch als Geister aus dem Jenseits sprechen, hat der Graf von Castle Doom, inkarniert im aktuellen Lord Mike Hill, die Gegner­rolle eingenommen.

Ach ja, und dann ist da natürlich noch Hills Intimfeind, der jen­seitige Dämon Sekoor, der verantwortlich ist für diese magi­schen Nächte, die den Raumzeitkontext rings um das Tal zuneh­mend zerrütten.

Diese drei Protagonisten lassen nun also ihre magischen Puppen tanzen. Vampire, Untote, magisch belebte Ritterrüstungen, schließlich kommen auch noch die Naturkräfte von Luft, Erde, Feuer und Wasser hinzu … und in diesem ganzen Chaos wim­melt es zudem noch von heißhungrigen Riesenspinnen, Ge­heimgängen, Verliesen, Doppelgängern, Raumzeitrissen und Ähnlichem. Die arglosen Sterblichen, die in diesem ganzen Cha­os eingeschlossen sind, taumeln und irren mehr durch die Hand­lung, als dass sie irgendwie Akteure sind. Und als der magische Krieg dann endgültig ausbricht, steht das Schicksal der ganzen Welt auf dem Spiel, die in die Hölle hinabgesaugt zu werden droht …

Also, ganz ehrlich – ich konnte nach der Neulektüre den Lektor sofort verstehen, der dieses wilde Garn als untauglich für die Veröffentlichung als Heftroman angesehen hat! Wie ich ein­gangs sagte, brauchte ich selbst auch eine ganze Seite Notizen, um mir diese wirre Handlung einigermaßen zu strukturieren. Das wird ihm kaum anders gegangen sein. Dies leserunfreund­lich zu nennen, ist wohl beschönigend.

Mehrere Dinge zeigt dieser Roman überdeutlich: Zum einen, dass ich schon 1984 Vampire also reichlich uninteressant be­trachtete (ist heute immer noch so). Wer also vom Vampirmy­thos beeindruckt und fasziniert ist, sollte diesen Roman definitiv nicht lesen, denn ich gehe mit den dort erscheinenden Vampi­ren in keiner Weise respektvoll um.

Zum zweiten wird klar, dass mir damals schon ein „einfacher“ Horror-Roman nicht wirklich als Sujet zusagte. Ich legte, wie man deutlich sieht, immer noch eine Schippe drauf. Und dann noch eine. Und noch eine. Und wusste partout nicht, wann es genug ist. Diese stete Reihung von Schockeffekten, die diverse Gruselsituationen aufeinander aufbaut (eingeschlossen in Ver­liese, Geheimgänge, die ins Nichts führen, magische Labyrinthe, aufgefundene Leichen, die später wieder lebendig werden, un­tote Butler usw.), sie erinnert mich inzwischen an die Schachtel­struktur in SF-Romanen von Keith Laumer, die ich damals gern las, und ziemlich sicher habe ich von da einiges übernommen.

Zum dritten sind Handlungsanleihen an meine eigenen Welten vage zu erkennen: Die belebten Ritterrüstungen sind ziemlich eindeutiger Widerschein der Eisernen Krieger aus meiner zeit­gleich geschriebenen Fantasy-Horror-Serie „Horrorwelt“, ohne dass sie auch nur entfernt deren Robustheit erreichen.

Viertens spricht das Auftreten von nachher durchaus personifi­zierten Naturkräften für meine ebenfalls zeitgleiche Fantasylek­türe der damaligen Zeit.

Und da es am Ende noch zu einem veritablen Zeitkorrekturma­növer kommt, haben wir zudem auch noch ein SF-Element in der Geschichte (hatte ich schon erwähnt, dass ich bereits da­mals Zeitreisethemen liebte? Hier haben wir es dann wieder!), das endgültig zeigt: Horror-Romane, die allein nur Horror-Ele­mente enthalten? Nee, Freunde, das ist mir nicht genug, ich muss da noch einen heftigen Schlag draufgeben, damit es so RICHTIG spannend wird! Womit ich die Schraube endgültig überdrehte.

Die Konsequenz aus alldem ist ein wildes Potpourri, das sich nicht wirklich entscheiden kann, ob es – wie man an der Ohn­macht der meisten Protagonisten ablesen kann – in Richtung Lovecraftscher Horror gehen möchte, lieber einen magischen Krieg a la Harry Potter entfesseln will (aber sehr viel konsequen­ter als bei J. K. Rowling, hier bleibt wirklich kein Stein auf dem anderen bei mir) oder ob ich letztlich eine Art bizarren Horror-SF-Roman daraus drehen will.

Quintessenz aus dem Jahr 2026: Leider nahezu unlesbar. Wie ich daher 1989 zu dem folgenden Fazit kommen konnte, das ich euch hier nicht vorenthalten möchte, kann ich inzwischen kaum mehr nachvollziehen. Ich zitiere:

Dieser Roman zählt deswegen zu meinen designierten Lieb­lingsstücken, weil er eben das beinhaltet, was ich persönlich für sehr wichtig erachte, er zeigt die Verbindung zwischen den Na­turkräften, den magischen Gewalten und der Physik auf, die ich für unbedingt existent halte. Nun, vielleicht wird der Roman da­durch etwas unverständlich, aber ich hoffe es nicht. Nach dem Studium dieses Bandes werdet ihr es mir sagen können.“

Das schrieb ich am 12. Januar 1989. Es ist das komplette Ge­genteil von dem, was ich heute über dieses Werk denke! Ich hatte damals diesen Text als eine Art Vorwort konzipiert und plante allen Ernstes, dieses Skript eigenverantwortlich zu veröf­fentlichen … es ist vermutlich sehr gut, dass daraus in der vor­liegenden Form nie etwas geworden ist. Mein Ego am Vorabend meines Zivildienstes (ab März 1989) war noch so groß ausge­prägt, dass ich wirklich gar keine gescheiten Parameter dafür hatte, Qualität von Schrott und Wirrnis zu scheiden.

Ihr merkt an dieser Schilderung wohl deutlich, dass ein Zeitab­stand von 40 Jahren einiges in meinen Denk- und Schaffenspro­zessen geschärft hat und ich die Qualität von selbst Geschriebe­nem heute deutlich besser einzuordnen verstehe als einstmals. Aber berücksichtigt bitte auch, wie jung ich damals war. Als ich das vorliegende Skript entwickelte, befand ich mich kurz vor mei­nem 18. Geburtstag. Wie würden denn Texte aussehen, die IHR in dem Alter verfasst habt, falls das überhaupt jemals der Fall war?

Also, das relativiert dann doch mögliche Verdammungsurteile schon ziemlich stark, möchte ich denken.

Nach diesem vierten Roman, der mit Absagekommentar zurück­kehrte, traf ich die Entscheidung, keine weiteren Romanskripte mehr einzureichen. Ich arbeitete damals schon an meinem fünf­ten Romanskript, und das sollte sich dann tatsächlich als richtig solider Aufbruch in ein neues Schreibuniversum entpuppen – in den Kosmos des Weltraum-Detektivs Mike Cole. Davon erzähle ich euch in neun Wochen im nächsten Teil dieser Rubrik.

In der kommenden Woche erzähle ich dagegen ein bisschen mehr von meinen Schreibfortschritten im Monat Mai 2025.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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