Rezensions-Blog 542: Weihnachten mit Sherlock Holmes

Posted Januar 7th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist immer wieder entzückend für mich, wenn ich durch Zufall – oder weil liebe Freunde, die von meiner Leidenschaft für den fiktiven beratenden Detektiv aus der Baker Street 221B wissen, mich mit Lesestoff in der Richtung beschenken – jenseits des Kanons bekannter Geschichten und Romane aus Sir Arthur Co­nan Doyles Feder auf mehr oder minder frische Sherlock Hol­mes-Werke stoße. Bekanntlich hat Doyle ja zahlreiche Andeu­tungen zu möglichen untersuchten Fällen des Detektivs hinter­lassen, außerdem geistert immer wieder eine Kiste mit Dr. Wat­sons unveröffentlichten Notizen durch die Literaturgeschichte … gerade das finde ich reizvoll als ein Historiker und tätiger Phan­tast, weil ich ja seit ein paar Jahren versuche, ein Autoren-Nach­lassarchiv ins Leben zu rufen. Dies könnte man darum Dr. John Watsons persönliche schriftstellerischen Nachlass nennen, auch wenn er, wie der gute Doktor und sein bester Freund Sherlock Holmes, naturgemäß fiktiv sind.

Dessen ungeachtet kommen immer wieder Storysammlungen ans Tageslicht, die meinem suchenden Auge entgehen. Dies hier war eine solche, die ich dann aber mit Genuss und gewis­sermaßen „antizyklisch“ (weil gerade nicht in der Weihnachts­zeit goutiert) recht schnell weggeschmökert habe. In gewisser Weise habe ich übrigens mit dem heutigen Veröffentlichungster­min (7. Januar 2026) dem Sujet Rechnung getragen. Ihr seid derzeit wohl noch in wohliger Nach-Weihnachtsstimmung …

Es empfiehlt sich übrigens sehr, das Lesevergnügen zu strecken und maximal zwei Geschichten pro Tag zu schmökern. Ich für meinen Teil denke wenigstens, dass sie dann besser wirken.

Aber ihr seid natürlich Herren und Damen über euer eigenes Le­setempo, vielleicht steht ihr ja mehr auf „Binge-Reading“? Schaut auf alle Fälle mal weiter, wenn ihr Holmes-affin seid:

Weihnachten mit Sherlock Holmes

Von Aleksia Sidney (Hg.)

Oktopus Verlag, Zürich

288 Seiten, TB, 2023

ISBN 978-3-311-30058-8

Wenn man Mr. Sherlock Holmes, seines Zeichens einziger bera­tender Detektiv der Welt am Ende des 19. Jahrhunderts, eins gewiss nicht nachsagen kann, dann dies: dass er sentimental ist und in der Weihnachtszeit Sehnsucht nach Weihnachtsliedern, Gottesdiensten, Geschenken und Weihnachtsbraten entwickelt. Folglich war ich einigermaßen verdutzt, als mir eine gute Freun­din dieses Buch schenkte, schien es sich doch um eine materia­lisierte Paradoxie zu handeln: Sherlock Holmes meets Weih­nachten.

Eine originelle Paradoxie, muss ich nach Abschluss der sehr kurzweiligen Lektüre zugeben. Der Band enthält neun Fallge­schichten des Meisterdetektivs, von der ich nur die letzte kann­te – die vergnügliche Geschichte um den blauen Karfunkel von Arthur Conan Doyle selbst. Ich lasse sie hier aus, da ich zuver­sichtlich annehme, dass jeder, der den Geschichtenkanon Doy­les kennt, hinreichend über ihren Inhalt orientiert sein dürfte. Für den Rest der Geschichten gilt das vermutlich nicht, darum seien sie hier kurz skizziert, um den Lesehunger zu stimulieren:

Anthony Horowitz verfolgt in „Sherlock Holmes und die tödli­chen Weihnachtskarten“ die Fährte eines Weihnachtskartenma­lers, der ausgesprochen schaurige Motive verewigt. Inwiefern dies dann zu einem Verbrechen führt, sei an dieser Stelle besser nicht vorweggenommen.

Anne Perrys Geschichte mit dem schlichten Titel „Das Weih­nachtsgeschenk“ beginnt mit einem gemeinschaftlichen Besuch des Detektivs mit seinem Adlatus bei einem Violinkonzert des Violinisten Vassily Gorkov … doch wird das Konzert jäh vor Be­ginn abgesagt, und kurze Zeit später treffen die beiden Freunde den Violinisten als verzweifelten Klienten bei sich in der Baker Street. Seine Stradivari ist gestohlen worden, und er weiß sogar, wie es geschah … aber das hilft ihm nichts, denn gemäß einem Erpresserbrief soll er ein Verbrechen begehen, um sie wieder zu bekommen …

Gillian Linscotts Geschichte „Ein Skandal im Winter“ lässt schon beim Titel eine gewisse Ahnung bei versierten Holmsianern auf­kommen … und doch ist man dann verdutzt, sich in der Schweiz wieder zu finden und alles Geschehen durch die Augen eines jungen Mädchens zu beobachten. Es geht um einen Todesfall in dem Hotel, in dem es sich mit seiner Familie aufhält, und um den Ruf einer Frau … einer für Kenner durchaus vertrauten Frau.

Edward D. Hoch beschert Holmes den „Weihnachtsklienten“, ebenfalls einen recht prominenten dazu. Sein Name? Charles Lutwidge Dodson, Künstlername Lewis Carroll. Und er wird er­presst von einem Professor … als sein Name fällt, ist es Ehren­sache, dass Holmes die Sache persönlich nimmt. Immerhin geht es gegen seinen Intimfeind Professor James Moriarty …

Laurie R. Kings Geschichte „Marys Weihnachten“ ist in meinen Augen die sonderbarste der Storysammlung. Das liegt vermut­lich daran, dass ich mit dem Geschichtenkosmos von Laurie King nicht vertraut bin und dementsprechend mit Mary Russell nichts anzufangen wusste, um deren seltsame Familienge­schichte sich alles dreht. Dr. Watson suchen wir vergebens, und Holmes ist allein ein betagter Zuhörer in dieser Story. Gleich­wohl ist auch sie nicht ohne Reiz.

Reginald Hill macht uns vertraut mit dem Grafen Montesecco, dem „italienischen Sherlock Holmes“, der den Detektiv und sei­nen Adlatus nach Italien einlädt. Er hat nach eigenem Bekunden den Mord an seinem Onkel mit Hilfe von Holmes´ deduktiver Methode aufgeklärt, und auch die Guillotine steht schon vor dem Palazzo bereit, um den Mörder hinzurichten. Aber Holmes ist ein scharfer Beobachter, und ihm fallen gewisse Ungereimt­heiten in der Schlussfolgerung des Grafen auf …

Peter Loveseys Geschichte „Die vier Weisen aus dem Morgen­land“ (!) ist wirklich sehr vergnüglich, fand ich, und sie las sich heute im Handumdrehen flüssig weg. Watson wird über die Weihnachtstage von einem alten Regimentskommandeur einge­laden (man sollte vielleicht eher sagen: herbefohlen), um bei ei­ner Gottesdienstprozession in führender Rolle teilzunehmen. Und es ist in der Tat eine sehr bewegende Prozession … zumin­dest bis Holmes aus der Rolle fällt und sich ein Diebstahl ereig­net …

Anne Perry führt uns in „Die Mitternachtsglocke“ ein wenig zu direkt zum eigentlichen Ziel, wie ich fand. Die junge, schöne Mil­licent Bayliss sucht Holmes auf, weil sie in Sorge um ihren Vater ist, auch einen altgedienten Soldaten höheren Semesters. Laut ihren Worten hat sich ihre Schwester Alyson in den falschen, verschwenderischen Kerl verguckt und plant nun einen kaltblüti­gen Mord an ihrem Vater, um an das Erbe zu gelangen. Und tat­sächlich gelingt dieser Anschlag beinahe … doch die eigentliche Krönung folgt erst danach.

Ich muss sagen, so eingeschränkt auch das Sujet zwangsläufig bei dieser Storysammlung ist, kann man doch festhalten, dass das goldige Spiel mit der raffinierten Deduktion in allen diesen Werken – Laurie Kings Geschichte ausgenommen, weil Holmes da ja nur eine Statistenrolle spielt – hervorragend funktioniert und den Leser automatisch zum Mitknobeln animiert. Das ist nicht zuletzt ein großer Reiz dieser Art von Epigonengeschich­ten.

Es seien zwei kleine Eintrübungen aber an dieser Stelle nicht verschwiegen. Zum einen kommt es gelegentlich zu der närri­schen Stilblüte „leises Lächeln“, der Übersetzern aus unerklärli­chen Gründen immer wieder unterläuft („leises Lächeln“ macht nur Sinn, wenn es auch das Gegenteil gibt; da das nicht der Fall ist, kann mal zwar von „feinem Lächeln“, „verschmitztem Lä­cheln“ usw. sprechen, aber „leises Lächeln“ ist einfach Blöd­sinn). Da mir so etwas immer wieder begegnet, etwa wie auch die notorischen Falschverwendung des Wortes „Quanten­sprung“, das die Benutzenden offenbar geradezu hypnotisiert und das klare Denken ausschaltet, sei das hier nur so kursorisch angemerkt. Die meisten Leser werden das vermutlich gar nicht registrieren.

Ärgerlicher fand ich etwas anderes: Seit einer ganzen Reihe von Jahren bürgert es sich bei immer mehr Verlagen ein (inzwischen sind auch Heyne und Blanvalet damit infiziert, wie ich das mal nennen möchte), dass sie keine Reihenziffern mehr auf die Buchrücken aufdrucken. Zweifellos geht das auf Kostenerspar­nis zurück, weil so wohl ein Arbeitsschritt in der Produktion ein­gespart wird … aber zugleich macht es dies für jemanden, der Bücher gern in der Reihenfolge des Erscheinens in seine Bü­cherregale einsortieren möchte, zunehmend schwierig, sie ge­scheit zu ordnen. Außerdem finde ich – persönlicher Standpunkt – , dass so etwas zu einer gewissen Nachlässigkeit und Beliebig­keit im Buchprogramm animiert.

Nennt es einen puristischen Standpunkt oder nennt es altmo­disch … ich finde, das ist für den Buchhandel klar ein Schritt in die falsche Richtung. Offenbar ist es für die Verlage heutzutage wichtiger, modischen Schnickschnack wie Farbschnitt zu de­monstrieren (den man, wenn man die Bücher ins Regal stellt, doch nicht sieht, was überdeutlich klar macht, wie überflüssig solche Verschönerungen sind; im Gegensatz zu Reihenziffern übrigens), als sich an jahrzehntelange Praxis zu halten, die sich bewährt hat.

Aber ansonsten halte ich dieses Buch für eine nette kleine An­thologie, die ich Holmes-Fans gern empfehlen kann. Eine Einlei­tung oder ein paar Informationen zu Herausgeber und Autoren hätten freilich nicht geschadet, aber das kann man bei dieser Anthologie, die mit der heißen Nadel zusammengestrickt wurde (woraus ich das schließe? Man schaue sich mal den Nachweis an, woher die Geschichten stammen; es wurde mir nicht um­sonst in der Vorweihnachtszeit geschenkt), wohl nicht erwarten …

© 2025 by Uwe Lammers

In der nächsten Woche schließe ich die Rezensionsreihe der Tri­logie von Kitty Frenchs Büchern ab. Da wird es dann also wieder recht intensiv menscheln, und eine sehr komplexe Geschichte braucht man dort nicht zu gewärtigen. Vielleicht ist das eine passende Abwechslung zu der obigen Storysammlung, wo man ja doch im Gegenteil zu recht intensiver Gedanken-Mitarbeit animiert wurde.

Alles in allem sei noch mal an dieser Stelle daran erinnert, dass wir uns ja hier in einer literarisch-rezensierenden Achterbahn­fahrt befinden. Ob Phantastik, Sachbuch, Historie oder Erotik und Krimiliteratur … da ist quasi für jeden was dabei, und eben­so, wie ich wirklich ultraspannende Werke vorstelle, kommt es vor, dass ich auch mal schwächere Bücher bespreche.

Ich hoffe gleichwohl, dass euch die Auswahl auch weiterhin zu­sagt. Aktuell ist die Planung bei Blogartikel 553 angelangt, und es kann als sicher gelten, dass das noch sehr lange Zeit nicht das Ende der Fahnenstange ist.

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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