Rezensions-Blog 545: Die Dämonenfalle

Posted Januar 28th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ja, ich gebe zu, es ist schon ziemlich lange her, dass ich euch ei­nen Band von Hamilton vorstellte. Es stehen noch einige seiner Werke ungelesen in meinen Regalen bzw. Bücherstapeln. Und es existieren auch noch eine Reihe von nicht veröffentlichten Rezensionen, die beizeiten den Weg hierher finden werden.

Für den Anfang schicke ich euch mal in eine Kurzgeschichten­sammlung des britischen Autors, die ich umfangreich mit Kom­mentierungen versehen habe, weil die Storys teilweise erhebli­ches Vorwissen aus seinen Romanuniversen voraussetzen, die hier einfach nicht eingebracht werden … das halte ich für eine ziemlich unfreundliche Geste seitens des Verlages, denn so ver­scheucht man ahnungslose Leser. Fans von Hamiltons Werken verschreckt man dabei weniger, aber wie in meinem Fall taucht dann schon das eine oder andere Stirnrunzeln auf.

Das jedoch tut der Qualität der meisten SF-Geschichten in die­sem Band keinen Abbruch. Wer sich von mir dennoch gern durch diese Welten leiten lassen möchte, der lese bitte einfach weiter. Ich bin der Ansicht, dass das der Neugierde nur förder­lich sein kann …

Die Dämonenfalle

(OT: Manhattan in Reverse)

Von Peter F. Hamilton

Bastei 20709

352 Seiten, TB

Köln, April 2013

Aus dem Englischen von Michael Neuhaus

ISBN 978-3-20709-1

Es hat ein Weilchen gedauert, ehe ich diese zweite deutsche Storysammlung von Peter F. Hamilton lesen konnte, wiewohl ich sie mir gleich nach Erscheinen gekauft hatte – etwas, was ich üblicherweise eher selten tue. Es spricht sehr für meine Wert­schätzung des Autors, den ich mit seinem „Armageddon-Zy­klus“ kennen gelernt und über die Lektüre seiner „Mindstar“-Ro­mane und „Commonwealth“-Bücher zu einem meiner persönli­chen Lieblingsautoren der Gegenwart erhoben hatte. Natürlich konnte ich nicht ahnen, dass sich dann die Lektüre des Schluss­bandes seines „Void“-Zyklus1, „Evolution der Leere“ so hin­ziehen würde, dass ich eine wirklich jahrelange Hamilton-Lese­pause einzulegen gezwungen war.

Nun, nachdem dieses Buch verschlungen war, wandte ich mich folgerichtig diesem Werk hier zu, dessen Titel mir schon seit langem Rätsel aufgab. Ging es um ein Manhattan, das Kopf stand? Also vielleicht im Chaos versank? Ging es um die legen­däre Verbrecherin Catherine „Cat“ Stewart, die Hamilton in den „Commonwealth“-Romanen profiliert hatte, vielleicht gar darum, welche schrecklichen Verbrechen sie begangen hatte, ehe sie in dem Roman „Der Stern der Pandora“ erstmals Er­wähnung fand?

Nun, hierin wurde ich leider enttäuscht. Allerdings gab es in der Tat erwartungsgemäß ein Wiedersehen mit der beeindrucken­den, man möchte sagen, genetisch fixierten Ermittlerin Paula Myo des Intersolar Serious Crimes Directorate. Alleine die bei­den Geschichten, die sie ins Zentrum des Handelns stellen, ma­chen fast die Hälfte des Buches aus.

Doch ich sollte vorne anfangen, und da geht es für Leser, die Hamiltons Werke schon seit Jahren verschlingen und damit auch so ziemlich jede Kurzgeschichte kennen, die auf Deutsch er­schienen ist, mit einer Enttäuschung los. Zwar ist „Den Bäu­men beim Wachsen zusehen“ eine gelungenere Neuüberset­zung – wie der gesamte Band von dem gegenwärtigen Hamil­ton-Übersetzer Peter Neuhaus übertragen wurde – , das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Geschichte im gleichen Verlag schon einmal zehn Jahre zuvor publiziert worden und in­folgedessen von mir 2004 gelesen wurde.2 Es ist also schon ein wenig Seitenschinderei, wenn man als Verlagsleitung entschei­det, die ersten 120 Seiten eines neuen Buches mit einem Wie­derabdruck zu füllen. Das ist zumindest leserunfreundlich, selbst wenn man vielleicht davon ausgeht, dass die alte Quelle nicht mehr erhältlich ist.

Den Bäumen beim Wachsen zusehen“, ein Zitat aus einer Unterhaltung der Protagonisten in der Geschichte, konfrontiert uns überraschenderweise mit einer parallelen Wirklichkeit, in der es den römischen Imperatoren gelungen ist, in die altange­stammten Familien Langlebigkeit einzuzüchten und so auf eine Weise, die Hamilton nicht näher erklärt, Personen zu erzeugen, die mehrere hundert Jahre leben und so auch auf völlig andere Weise die Menschheitsgeschichte prägen können, als es jeder „normallebigen“ Dynastie jemals möglich wäre.

Das England, das auf diese Weise zum Schauplatz der Geschich­te wird, ist im Jahre 1832 schon soweit, dass Elektroautos die Straßen bevölkern und sich die hochbegabten Studenten bereits mit Molekularphysik beschäftigen. In diesem Klima, das sich durch weltweite Friedensstimmung und eine völlige Ausrottung des letalen Verbrechens auszeichnet, geschieht auf einmal in Oxford ein Mord. Der junge, geniale Student Justin Ascham Ra­leigh wird ermordet, ein Angehöriger der römischen Familien und entfernter Verwandter des auf das Verbrechen angesetzten Ermittlers Edward Raleigh.

Zu seiner nicht geringen Frustration erweist sich der Mord offen­sichtlich als das perfekte Verbrechen, denn er sieht sich außer­stande, es aufzuklären. Der Mord bleibt ungesühnt. Dieser Miss­erfolg nagt an seinem Gewissen, und hinfort verfolgt er über die Jahrhunderte die Entwicklung seiner ebenfalls quasi-unsterbli­chen Verdächtigen, die sich über das ganze Sonnensystem ver­streuen. Auf diese Weise gelingt es Hamilton ebenfalls, die Ent­wicklung der menschlichen Kultur vom Zeitalter der Elektroau­tos bis zu den Hyperspace-Raumschiffen der fernen Zukunft mitzuverfolgen. Und natürlich werden die Techniken zur Verfol­gung von Verbrechen auch immer perfekter. Dennoch … es ist eine lange, lange Jagd, und bis zuletzt tappt man als Leser im Dunkeln.

Abstimmung mit den Füßen“ ist die einzige Geschichte, die Hamilton für die Storysammlung noch einmal aktualisiert hat, und sie ist durchweg kurios, eine Art Schnappschuss, die deut­lich mehr Raum verdient gehabt hätte. Sie spielt, noch kurioser, in der nahen VERGANGENHEIT, nämlich anno 2010, in einer of­fensichtlich parallelen Welt, in der sich Gedanken der Gegen­wartspolitik mit denen des „Commonwealth“-Zyklus mischen.3 Hier gelingt es einem britischen Erfinder, ein Wurmloch zu einer anderen Welt zu öffnen, New Suffolk genannt, durch das eine Auswanderungswelle möglich wird. Die Konsequenz sind chaoti­sche Zustände, denn nun setzt geradezu ein Massenexodus ins­besondere von qualifizierten und vermögenden Menschen ein, der die normalen Verhältnisse in Großbritannien ins Wanken bringt. Durch die Wahl eines radikalen Premiers verwandelt sich die Insel damit in einen Überwachungsstaat, und mitten zwi­schen den Fronten von Exodus-Befürwortern und Gegnern steht eine zerrüttete Familie mit zwei kleinen Kindern … alles Weitere sollte man selbst nachlesen.

In „Auf ein Neues…“ werden wir auf faszinierend-originelle Weise mit einem jungen Genie namens Marcus Orthew konfron­tiert und einem ihn verfolgenden „Stalker“. Als die Polizei letzte­ren schließlich festnimmt, erweist sich der junge Mann, ein No­body namens Toby Jenson, zwar als in gewisser Weise von Or­thew besessen, aber auf andere Weise, als man das zunächst annimmt. Er ist nämlich überzeugt, Orthew müsse eine Zeitma­schine erfunden haben, um so die Welt zu erschaffen, in der er der dominierende Faktor der Industrie ist. Was natürlich absurd ist, findet der Ermittlungsbeamte David Lanson, aus dessen Per­spektive die Geschichte erzählt ist. Jedermann weiß, dass Zeit­maschinen unmöglich sind. Und selbst Jenson sagt, das würde stimmen, soweit es materielle Objekte beträfe. Aber was ist, setzt er den nagenden Gedankenwurm in Lansons Kopf, wenn man sein WISSEN in die Vergangenheit transferieren könnte …? Tja, und was dann geschieht, als Lanson sich auf das Gedanken­spiel einlässt, das sollte man wirklich lesen.

Zu der Story „Das ewige Kätzchen“, die mit nur vier Seiten eher anekdotischen Charakter besitzt, sage ich mal weiter nichts. Das würde viel zu viel verraten.

Wenn Engel reisen“ ist dann die erste von den drei letzten Geschichten, die im Commonwealth-Universum spielen. Und hier muss ich sagen, hat Hamilton auf 24 Seiten einfach zu viel in die Story gepresst, sie hätte deutlich entzerrt werden müs­sen. Wer sich mit dem Commonwealth-Universum nicht aus­kennt, verliert quasi auf der zweiten Seite den Boden unter den Füßen.

Wir befinden uns auf der Welt Anagaska im galaktischen Com­monwealth, eine Hinterwäldlerwelt, die vor Jahrhunderten von der Menschheit besiedelt wurde. Hier erscheint – nach der Zeit­linie des „Commonwealth“-Zyklus4 im Jahre 3255 menschlicher Zeitrechnung „ein radikaler Angel“. Er wird allerdings von Ange­hörigen des „Protektorats“ erwartet, und es schließt sich eine reichlich grässliche Handlung an, in deren Zentrum die junge, ahnungslose Imelda steht.

Ohne jetzt mehr der Handlung der Geschichte vorzugreifen, sollte erwähnt werden, was für einen historischen Background sie besitzt, um auch Lesern, die sich mit Hamiltons Welt des Commonwealth nicht auskennen, den Zugang zu erleichtern: Das Commonwealth entstand, nachdem Oswald Fernandez Isaacs (kurz „Ozzie“ genannt) und sein Kollege Nigel Sheldon, den ersten funktionsfähigen Wurmlochgenerator erschufen und so die Grundlagen für eine Gesellschaft ermöglichten, die Com­pression Space Transport (CST) genannt wird.5

Da annähernd parallel Jeff Baker Möglichkeiten der Langlebig­keit und der so genannten Rejuvenation entwickelte, mit denen jahrhundertelanges Leben und stete Verjüngung realisiert wur­den6, verwandelte sich die menschliche Gesellschaft grundle­gend. Neben der Sheldon-Familie entstanden weitere langlebige Dynastien, die wirtschaftlich bald die galaktische Menschheit dominierten. Alles inklusive der Erschließung zahlloser mensch­licher Planeten über CST-Wurmlochportale ging gut bis zum Jahr 2380, als das Dyson-Sternenpaar entdeckt wurde und der „Starflyer“-Krieg begann, den die Menschheit nur sehr knapp für sich entschied (dies ist die Handlung des sehr lesenswerten vierbändigen „Commonwealth“-Zyklus, der mit „Der Stern der Pandora“ begann).

Der Niedergang der Welt Anagaska, der die Hintergrundfolie der Story „Wenn Engel reisen“ bildet, ist nur vor diesem histori­schen Background verständlich. Außerdem muss man wissen, dass sich in den folgenden Jahrhunderten biologische und tech­nische Weiterentwicklungen innerhalb der sich allmählich fraktionierenden Menschheit abzeichneten. Und das Commonwealth war der Raum, in dem sich all diese Fraktionen ausbreiten konnten. Nach der Ausbreitung auf die „Externen Welten“, zu denen Anagaska gehört (in der Zeitlinie ab dem Jahre 2545) entwickelten sich biotechnisch aufgerüstete Menschen, so genannte „Higher“, deren radikale Fraktion der „Angel“ ab 2984 versuchen, auch auf subversive Weise die Menschheit in eine Higher-Kultur umzuformen. 2991 gründet sich daraufhin eine Gegenbewegung, das so genannte „Protektorat“. Und diese Leute greifen auch zu wirklich sehr extremen Maßnahmen, wie man in der vorliegenden Geschichte sehen kann, um zu verhindern, dass sie „kontaminiert“ werden.

Dass darüber hinaus diese Geschichte noch eine Zeitziffer in der Zeitlinie des „Commonwealth“-Zyklus illustriert, ahnte ich schon, als ich den Planetennamen las. Mehr verrate ich an die­ser Stelle dann aber doch nicht.

Die Dämonenfalle“ ist dann die erste der beiden Paula Myo-Geschichten, und auch sie ist ohne die obigen Erläuterungen quasi kryptisch, da sie ebenfalls im Commonwealth spielt. Paula Myo, die in den Commonwealth-Romanen als charakterstarke Person etabliert wird, die durch ihre genetisch optimierte Her­kunft vom Planeten Huxley’s Haven (auch „Bienenstock“ ge­nannt, weil dort jede Person mit einer klar in die Gene implan­tierten, lebenslang programmierten beruflichen Zielvorstellung erschaffen wird) eine unbeugsame Ermittlerin gegen jedes Ver­brechen und Unrecht ist, wird mit einem Massenmord konfron­tiert: auf dem Planeten Nova Zealand am Rande des Common­wealth wird ein Flugzeug mit mehr als 130 Personen abgeschos­sen, darunter auch eine Reihe von Dynastie-Angehörigen. Sie erleiden sämtlich das, was man im Commonwealth-Jargon „Kör­perverlust“ nennt.

Da alle Menschen ab einem bestimmten Alter zu dieser Zeit mit so genannten Memorycell-Inserts ausgestattet sind, die wie im Falle von Flugschreibern das Auslesen der Informationen bis zum Todeszeitpunkt ermöglichen, und da die Klonierungstech­nologie sehr weit fortgeschritten ist, ist dieser Tod üblicherweise nur ein temporärer.

Das Verbrechen muss gleichwohl geahndet werden, und das umso mehr, als sich unverzüglich eine weitgehend unbekannte politische Splittergruppe, die sich „Armee zur Befreiung Merio­neths“ nennt, zu der Tat bekennt und die Abspaltung ihrer Welt Merioneth vom Commonwealth fordert.7 Paula Myo und ihr Team von Investigatoren ist im Handumdrehen vor Ort – eine Reise­leistung, die der Leser, der vom Commonwealth-Zyklus keine Ahnung hat, einfach nicht zu verstehen imstande ist – und nimmt mit sagenhafter Technik die Verfolgung auf. In der Tat ge­lingt es schnell, die Person festzunehmen, die die Waffe abge­feuert hat.

Dummerweise hat man ihr eine falsche Erinnerung implantiert, und sie entsinnt sich nicht mehr an die Tat. Kann man aber eine physische Person, die mental nicht mit dem Attentäter identisch ist, für ein solches Verbrechen zur Rechenschaft ziehen? Und was ist mit den Hintermännern der Tat? Was für ein Ziel verfolgt die personell nicht fassbare „Armee zur Befreiung Merioneths“ mit der Abspaltung dieser Welt? Paula Myo argwöhnt, dass sie nur einen Teil des ganzen Bildes sieht, und sie beginnt hartnäckig damit, nachzubohren, weil das von ihrer genetischen Programmierung her gar nicht anders geht. Und im Vollzug der Gerechtigkeit kann sie wirklich richtig grausam sein …

Wann genau auf der Zeitlinie ist diese Geschichte angesiedelt? Da Hamilton uns das nicht erzählt, muss es aus den Details der Story geschlossen werden. Es wird nicht auf ANA verwiesen, eine menschliche Intelligenz, die man sich als eine Form von globalem Datenverbund vorstellen muss, in den Menschen, die nach einem langen, erfüllten Leben ihres physischen Daseins überdrüssig werden, ihre Individualität und ihre Informationen hochladen. ANA entsteht etwa ab 2833, die obige Geschichte muss folglich irgendwo zwischen dem Ende des „Starflyer“-Krie­ges (2384) und diesem Zeitpunkt spielen. Genauer einzugren­zen ist es auf den ersten Blick nicht.

Das ist mit der letzten Geschichte deutlich anders. „Ein ganz großer Deal“ (ursprünglich die Titelstory „Manhattan in Rever­se“) spielt 11 Monate nach dem Ende des „Starflyer“-Krieges, also im Jahre 2385. Aber der Ausgangspunkt ist wieder ohne Kenntnis des vorangegangenen Zyklus schlicht unbegreiflich.

Paula Myo wird hier nach einem erfolgreichen Prozess quasi commonwealthweit angefeindet. Warum? Weil sie jemanden verurteilt hat, der als Held gilt. Gene Yaohui, der im „Common­wealth“-Zyklus als Oscar Monroe in Erscheinung tritt, ist in sei­ner Jugend ein bekennender Radikaler gewesen, der an einem verheerenden Anschlag auf einen Zug teilgenommen hat, bei dem in Abadan-Station (hier ständig als „Aberdan-Station“ falsch geschrieben8) Dutzende von Kindern ums Leben kamen. Sie starben damit den endgültigen Tod, weil sie keine Memory­cell-Inserts besaßen. Dies gilt als das mit Abstand grässlichste Verbrechen überhaupt.

Paula Myo konnte die Fallakte erst schließen nach dem letzten Kapitel des „Starflyer“-Kriegs, in das sie selbst involviert war – und zwar, indem sie auf dem Planeten Far Away mit Oscar Mon­roe zusammenstieß. Oscar entschied den Krieg selbst für die Menschheit, erlitt dabei aber einen Körperverlust.9 Paula barg seine Memorycell und erwirkte dann wegen der Oscars früherer Verbrechen von Abadan-Station eine Suspensionshaft von 1.200 Jahren – also solange darf kein neuer Klonkörper Oscar Monroes geschaffen werden, was bedeutet, dass man ihn solange am Neubeginn seines Lebens hindert. Paula findet das völlig in Ord­nung und gerecht, hat aber gleichwohl nach der Zeitlinie noch bis 2403 mit Berufungsverfahren zu kämpfen, die diese Ent­scheidung rückgängig machen wollen. Der Rest der Menschheit, der in Oscar einen Märtyrer sieht, steht erkennbar nicht auf ih­rer Seite.

In der Story tritt sodann Wilson Kime auf, ein alter Kämpe, der erste Mann auf dem Mars10, und versucht, sie zur Revision des Urteils zu bewegen. Damit beißt er natürlich auf Granit … und dann bittet er Paula um einen Gefallen. Sie möge doch ein we­nig Distanz zur aufgebrachten Öffentlichkeit halten und sich um eine Angelegenheit auf dem Planeten Menard kümmern. Dies ist eine Randwelt, die kürzlich erschlossen wurde und zu der aktu­ell Millionen von Flüchtlingen des „Starflyer“-Konflikts umgesie­delt werden, die ihre Heimat verloren haben (auch dies ist ohne die Kenntnis des vorangegangenen Zyklus nur schwer zu ver­stehen). Soweit Kime es inzwischen gehört hat, gibt es hier eine Komplikation der Siedler mit einer einheimischen Lebensform, den Onid, die von Exosoziologen nicht als intelligent eingestuft worden sind, sondern als Tiere.

Paula fühlt sich nicht zuständig und glaubt nicht, dass hier ein „Fall“ vorliegt, in dem sie qua genetischer Programmierung er­mitteln müsste. Es zeigt sich allerdings, dass sie damit auf inter­essante Weise falsch liegt …

Die Lektüre des Kurzgeschichtenbandes gestaltete sich äußerst kurzweilig, gleichwohl bleibt mein Eindruck durchaus gespalten. Das euphorische Fazit, das der Bastei-Verlag auf die Rückseite druckte („Hamiltons Fantasie kennt keine Grenzen!“, Science Fiction Weekly), bezieht sich augenscheinlich auf ein anderes Werk und wirkt hier nur als Verkaufsförderungsmaßnahme. Ha­milton gibt im kurzen Vorwort selbst zu, dass er nicht „der pro­duktivste Kurzgeschichtenschreiber“ ist und üblicherweise höchstens eine Story pro Jahr hinbekomme. Ich würde sogar sa­gen, besonders angesichts der hier vorgelegten Werke, dass Kurzgeschichte gerade nicht das Metier darstellt, in dem Hamil­ton brillieren kann.

Wie komme ich darauf?

Nun, bei der Lektüre der sehr gut lesbaren, locker gestalteten Geschichten hatte ich immer ein wenig das Fastfood-Gefühl: man goutiert eine Speise, füllt den Magen, fühlt sich anschlie­ßend aber immer noch hungrig, irgendwie nicht recht befriedigt. Es war deutlich zu merken, dass selbst bei Geschichten, deren Handlungsbogen 80 und mehr Seiten umfasst, Hamilton auf­grund seiner an Romanlänge ausgerichteten Ausführlichkeit der Storyführung im Grunde genommen nur eine Art Fingerübung vollführte, eine Episode schilderte, die der richtigen Einbettung in eine Romanhandlung ermangelte. Bei den Geschichten um Paula Myo war das besonders deutlich.

In den „Commonwealth“-Romanen und denen um das „Dark Universe“11, in denen sie in Erscheinung tritt, ist der Paula Myo-Handlungsstrang nur einer von mehreren, aber stets ein sehr entscheidender. Sie hier losgelöst – wenn auch in der vorletzten Geschichte an der Seite weiterer bekannter Protagonisten aus den „Commonwealth“-Romanen – agieren zu sehen, ist eine seltsame Sache. Hamilton nutzt diese Gelegenheit, um weitere charakterliche Facetten der Ermittlerin herauszuarbeiten, und das gelingt ihm gut.

Gleichwohl entbehren eigentlich alle diese hier versammelten Geschichten, das gilt namentlich dann für die Schlussstory, des Tempos, das seine sonstigen Werke auszeichnet. Er ist hier sehr viel bedächtiger, fast manchmal philosophisch-reflektierend, es geht viel um Lebenseinstellungen, um Lebensentscheidungen, um charakterliche Stärken und Schwächen … man verstehe mich nicht verkehrt, das ist alles sehr lesenswert und faszinie­rend. Aber manchmal hätte ich mir schon gern ein wenig mehr „Action“ gewünscht.

Auch die Vergabe der Titel für die Geschichten ist bisweilen schrullig. Bis es in „Die Dämonenfalle“ tatsächlich um Meta­physisches in dieser Richtung geht, ist die Story fast zu Ende. Und „Manhattan in Reverse“ spielt in keiner Weise in Manhat­tan, sondern bekanntlich nicht mal auf der Erde. Auch hier bie­tet lediglich eine Diskussionsbemerkung den Titelbezug an. Das ist dann ein bisschen wenig.

Wer also die Storysammlung mit der Vorstellung liest, es ginge hier irgendwo um Dämonen, sollte sich besser im „Armaged­don-Zyklus“ umschauen, da kommen tatsächlich welche vor. Wer indes ruhige, faszinierende Blicke in die menschliche Zu­kunft sucht und vom „Commonwealth“-Zyklus gut unterhalten wurde, ist hier als Leser sicherlich richtig, vor allen Dingen dann, wenn man Leute wie Paula Myo lieb gewonnen hat und sich an manche Dinge im „Dark Universe“-Zyklus erinnert. Denn Reminiszenzen dergleichen gibt es hier viele (nicht zuletzt hin­sichtlich der menschlichen Neuexistenzform der „Multiples“).

Lasst euch auch nicht irritieren von den starken Commonwealth-Interferenzen, die die erste und zweite Geschichte durchziehen. Mich hat das anfangs verwirrt. Es ist aber wohl völlig normal, dass Hamilton solche Techniken dann auch in Welten einsetzt, die dafür irgendwie nicht richtig geeignet erscheinen. Das ist nur ein kleiner Moment der Irritation.

Alles in allem ist dies ein Erzählungsband, der für Hamilton-Fans auf jeden Fall geeignet ist. Als Ersteinstieg für Neulinge eignet er sich meiner Ansicht nach aber nicht. Da wäre „Der Stern der Pandora“ schon deutlich besser zu wählen.

© 2016 by Uwe Lammers

In der kommenden Woche könnt ihr euch wieder entspannt zu­rücklehnen, dann stelle ich euch einen wirklich niedrigschwelli­gen erotischen Roman vor, der kein umfangreiches Vorwissen erfordert.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

(BS, 9. Dezember 2025)

1 Im Deutschen inzwischen als „Das Dunkle Universum“ zyklentechnisch firmie­rend.

2 Vgl. Peter Crowther (Hg.): Unendliche Grenzen, Bergisch-Gladbach 2003.

3 Besonders interessant ist es, diese Geschichte nach der so genannten „Bre­xit“-Abstimmung zu lesen! Wenn zu der Zeit schon ein solches Portal bestan­den hätte, wer weiß, wie das dann weitergegangen wäre. Von der Flüchtlings­thematik der Gegenwart mal ganz zu schweigen …

4 Abgedruckt u. a. in Peter F. Hamilton: Schwarze Welt, Bergisch-Gladbach 2009. Im oben rezensierten Band fehlt dieses hilfreiche Kompendium leider, was für Ahnungslose für die drei letzten Geschichten im Band einige Verständnis­schwierigkeiten sorgt.

5 Nachzulesen in Peter F. Hamilton: Der Stern der Pandora, Bergisch-Gladbach 2006.

6 Nachzulesen in Peter F. Hamilton: Der Dieb der Zeit, Bergisch-Gladbach 2004.

7 Und man kann sich denken, dass die Formulierung von „Mit Terroristen wird nicht verhandelt“ hier fröhliche Urständ feiert … ein interessanter Bezug übri­gens zur aktuellen Gegenwart.

8 Wie es korrekt heißt, müsste man vermutlich im Original nachlesen – die Über­setzer sind verschieden.

9 Nachzulesen in Peter F. Hamilton: Die dunkle Festung, Bergisch-Gladbach 2007.

10 Nachzulesen in Peter F. Hamilton: Der Stern der Pandora, Bergisch-Gladbach 2006.

11 Das sind die vier Romane: Träumende Leere, Schwarze Welt, Im Sog der Zeit und Evolution der Leere, Bergisch-Gladbach bzw. Köln 2009-2011.

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