Liebe Freunde des OSM,
man kann ungeachtet der großen Mengen an Werken, die Clive Cussler und inzwischen seine Coautoren verfasst haben, eigentlich ein Faktum als unbestritten annehmen: dass sie äußerst unterhaltsam und in der Regel sehr spannend sind. Mag sich manch einer auch darüber echauffieren, dass sie mehr oder minder schematisch sind … das sind Agatha Christie-Krimis, James Bond-Filme und Tatorte nicht minder, und dessen ungeachtet haben all diese ihre Fans. Mir geht das eben bei Clive Cussler-Romanen so. Die Rate von Totalausfällen bei diesen Werken ist über all die Jahrzehnte verblüffend gering geblieben.
Hier ist also ein neueres Werk aus der Schreibfabrik des verstorbenen Vielschreibers. Nachdem im Vorgängerroman auf sehr drastische Weise das Operationsschiff der Corporation, die OREGON versenkt wurde (doch, solltet ihr nachlesen, das lohnt sich!), war es für Juan Cabrillo erforderlich, sich ein neues Spezialschiff anzufertigen. Es heißt, natürlich, erneut OREGON, und es ist noch nicht ganz einsatzbereit, als es in dieses Abenteuer hineinschlittert.
Eigentlich will Cabrillo seinen Leuten einen netten Weihnachtsurlaub gönnen, aber daraus wird nichts, weil er buchstäblich mal wieder die Welt retten muss. Dabei haben er und seine Leute es diesmal unter anderem mit einer nahezu unaufhaltsamen Waffe zu tun, die das neue Schiff im Handumdrehen in ein brennendes Wrack verwandeln kann. Und das ist noch nicht mal das Schlimmste.
Aber schaut lieber selbst genauer hin:
Operation Seewespe
(OT: Marauder)
Von Clive Cussler & Boyd Morrison
Blanvalet 1058
2022, 12.00 Euro
512 Seiten, TB
Übersetzt von Michael Kubiak
ISBN 978-3-7341-1058-0
Das Leben ist für April Jin und ihren Mann Angus Polk, eigentlich schon zu Ende, als dieser Roman beginnt – denn beide sind inzwischen unehrenhaft aus den australischen Streitkräften entlassen und haben jahrelange Haftstrafen verbüßt. Doch als Angus Polk, vormals Kommandosoldat und Strategieanalytiker des australischen Verteidigungsministeriums, vorzeitig auf freien Fuß gesetzt wird, erwartet seine Frau ihn bereits. April Jin, vormals eine hochrangige Mitarbeiterin des australischen Geheimdienstes, hat in der Zwischenzeit wieder Kontakt zu ihrem eigentlich verhassten chinesischen Stiefvater Lu Yang gehabt. Und Yangs Anwalt eröffnet ihnen dessen Testament, das ihnen eine märchenhafte Erbschaft eröffnet … vorausgesetzt, sie führen einen letzten Auftrag für den todkranken Lu Yang aus.
Geblendet von den Verheißungen in Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar, begeben sie sich auf den Pfad, den Lu Yang ihnen vorgegeben hat. An seinem Ende soll der Tod von Zehntausenden von Menschen stehen und ein politisches Erdbeben, das die Staatenwelt des Pazifiks grundlegend umstülpt.
Juan Cabrillo, der Chairman der „Corporation“, hat hiervon keinerlei blassen Schimmer. Er hat in Malaysia sein neues Schiff, ebenfalls wie das im Vorgängerband bei Feuerland versenkte langjährige Operationsschiff OREGON genannt, umbauen lassen. Es ist allerdings noch nicht ganz einsatzbereit, als schon ein Ernstfall eintritt. In der Straße von Malakka wird ein Tanker von fundamentalistischen Terroristen überfallen … mit dem erklärten Ziel, das Schiff zu sprengen und eine beispiellose Ölkatastrophe auszulösen. Diese Katastrophe kann durch einen riskanten Einsatz abgewendet werden.
Parallel dazu hat sich Raven Malloy, eine Spezialistin, die seit einiger Zeit zur Crew der OREGON gehört, in eine islamistische Terrorzelle auf Bali eingeschmuggelt, die einen Attentatsversuch auf Familien von amerikanischen Diplomaten geplant hat … ein Plan, der dann beinahe erfolgreich ist und zahlreiche Opfer fordert.
Und dann kommt da dieser seltsame Notruf von dem Expeditionsschiff Empiric. Juan Cabrillo nimmt unwillkürlich an, dass sein Besatzungsmitglied, der Techniker Mark Murphy (im Personenverzeichnis dämlicherweise als „Max Murphy“ falsch geführt), am Apparat ist, den er an das Forschungsschiff ausgeliehen hat.
Doch am Apparat ist stattdessen seine ziemlich verstörte Schwester, die Wissenschaftlerin Sylvia Chang … die Empiric sei angegriffen worden, und Mark vollständig durch eine Art Gas dauerhaft paralysiert, wie auch alle anderen Besatzungsmitglieder. Der Angreifer, berichtet sie schließlich, habe zwei Angriffe geführt – mit dem ersten versenkte er brutal das Begleitschiff Namaka, dann schoss er Gasgranaten ab, die über der Empiric detonierten und die Lähmung der Crew erzeugten. Dabei kann Sylvia kaum glauben, was für eine Waffe für den ersten Angriff genutzt wurde. Es handelt sich zweifellos um einen so genannten Marauder (die Abkürzung steht für Magnetically Accelerated Ring to Achive Ultrahigh Directed Energy and Radiation): eine annähernd lichtschnelle Plasmakanone, gegen die es keine Panzerung und auch sonst keinerlei Schutz gibt.
Juan Cabrillo, in Sorge nicht um seinen Freund Mark Murphy, sondern auch sonst in Sorge, dass diese beiden Terrorwaffen weiterhin im Einsatz sind – was realistisch ist, da es alsbald in Australien sechshundert weitere Lähmungsopfer gibt – , macht sich an die Verfolgung der Verbrecher auf ihrem Trimaran, während die Bordärztin Julia Huxley völlig ratlos ist, was die Lähmungserscheinungen angeht.
Bald jagen die Mitglieder der „Corporation“ nicht nur das Paar Jin und Polk, um ihre Pläne zu durchkreuzen, sondern sie müssen zudem auch noch unter hohem Zeitdruck versuchen, ein Heilmittel gegen die Lähmungserscheinungen finden. Und dies, während das Ehepaar zielstrebig und skrupellos dabei ist, die Quellen des Naturrohstoffs der Heilsubstanz zu vernichten.
Auch wenn das abstrus klingt, führt sie tatsächlich eine römische Ausgrabungsstätte schließlich auf die richtige Fährte … aber derweil tickt schon der Countdown für den letzten großen Akt des Ehepaars, dessen Vollzug Tausende von Menschen das Leben kosten und eine Invasion in Gang setzen soll, die unaufhaltsam scheint.
Stichtag ist der Silvestertag, und er ist nur noch wenige Tage entfernt. Dann nur noch wenige Stunden … und Cabrillo tappt immer noch in entscheidenden Punkten völlig im Dunkeln …
Es macht manchmal wirklich Sinn, einen Roman schön portioniert in Etappen zu lesen, wie ich es diesmal getan habe. Ich verteilte das ausgesprochene Lesevergnügen auf sieben Tage, und das war dann eine angenehme Leseerfahrung. Einmal mehr beweist Boyd Morrison, der bekanntlich den ganzen Roman geschrieben hat und sich dabei nur der Cusslerschen Charaktere bediente, technisches Gespür, dramaturgisches Geschick bei hochdramatischen Actionszenen, haarsträubenden Handlungsengpässen und innovativen Auswegstrategien.
Mich hat zwar, zugegeben, dieser Bezugspunkt der römischen Kolonie wirklich gar nicht überzeugt, der besser in einen Fargo-Roman gepasst hätte … aber das war dann nicht so ein Stolperstein in der Handlung, dass er mich irgendwie negativ beeinflusst hätte. Angus Polk und seine Frau April Jin sind tatsächlich durchaus raffinierte Gegenspieler Juan Cabrillos, und speziell diese Plasmawaffe ist ein echtes Teufelsding, das die – noch nicht völlig einsatzbereite – neue OREGON in ernste Schwierigkeiten bringt. Von anderen Dingen wie dem Hovercraft-Battle, den Krokodilen und anderen netten Überraschungen schweige ich mal.
Der Roman ist in der Tat eine ziemlich atemberaubende Achterbahnfahrt, die man zweifellos auch in drei Tagen verschlingen kann, wie mir das häufig widerfährt. Diesmal sollte man sich ein wenig mehr Zeit zum Lesen lassen, um die Details auf sich wirken zu lassen. Das lohnt sich.
Eine klare Leseempfehlung von meiner Seite!
© 2026 by Uwe Lammers
In der kommenden Woche machen wir einen Abstecher in einen sehr anregenden Roman, in dem es um sinnliche Erotik und um Katzen geht … mehr sei noch nicht verraten.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.