Rezensions-Blog 558: Zimmer 69

Posted April 29th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

erotische Literatur kann selbst dann, wenn man schon ziemlich viel davon gelesen hat – wie ich beispielsweise – , immer noch überraschen, und das allein ist schon eine schöne Entdeckung. Nehmen wir den vorliegenden Roman, den ich anno 2018 ent­deckte und durchschmökerte. Wie wohl viele potenzielle Leser kommt man angesichts des Titels auf ziemlich eindeutige Ge­danken … die witzigerweise völlig ins Leere führen. Es ist nicht ganz klar, ob der Titel vom Verlag explizit gewählt wurde oder er von der Autorin stammt, aber letztlich ist das nicht so wich­tig.

Tatsache ist, dass der Leser, der sich auf das Abenteuer ein­lässt, die weibliche Hauptperson der Geschichte, Sophie Martin, näher kennen zu lernen, sich auf eine höchst amüsante Aben­teuerreise begibt, die sich grundlegend anders entwickelt, als man das anfangs vermutet hat.

Wie anders? Nun, da lasse ich mal die Rezension selbst besser sprechen und nehme es nicht vorweg:

Zimmer 69

(OT: On Demand)

Von Justine Elyot

Heyne 54542

352 Seiten, TB

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Georg

ISBN 978-3-453-54542-7

Ein paar Worte der Vorwarnung, um falsche Erwartungen im An­satz zu zerstreuen: Wer denkt, es handele sich hier um eine Kurzgeschichtensammlung, in der man wahllos nach Herzens­lust herumschmökern kann, wird sich selbst in Verwirrung stür­zen. Es handelt sich zwar durchaus um eine Kurzgeschichten­sammlung, aber diese werden durch stringente innere Fäden einer konsistenten, aufeinander aufbauenden Handlung getragen. Wer sie in einer anderen als der vorgegebenen Reihenfolge liest, erschwert sich den Zugang.

Wer denkt, weil er dem Klappentext folgt, es gehe um ein „Zim­mer 69“, wie es der Titel suggeriert, wird ebenfalls enttäuscht werden. Das Zimmer kommt im gesamten Roman nicht vor. Und ja, in gewisser Weise ist es ein Roman, jedenfalls deutlich mehr als eine Kurzgeschichtensammlung. Wer außerdem die sexuelle Stellung 69 sucht, auf die der Titel auf plumpe Weise anspielt, kann ebenfalls recht lange suchen.

Heißt das demnach, es handele sich um ein schlechtes Buch? Nein.

Enttäuscht es die Lesererwartung, die einen erotischen Roman sucht? Nein.

Aber worum geht es denn dann, verdammt noch mal, sonst in diesem Buch?, mögt ihr euch jetzt fragen. Okay, wenn ihr bis zu diesem Punkt gekommen seid, dann kläre ich euch mal auf.

Der Name der Hauptperson ist Sophie Martin. Eigentlich ist sie auf der Reise und möchte nur kurz einen Zwischenstopp ma­chen und im Hotel Luxe Royale direkt am Bahnhof eine Kleinig­keit in der Hotelbar trinken. Sie ist nach eigener Beschreibung „langweilige Büro-Drohne und erfolglose Fotografin“. Doch sie hat auch eine durchaus lebhafte Libido … und ehe sie sich ver­sieht, hat sie zweimal an diesem Tag Sex, einmal mit einem hier vorübergehend weilenden Kongressteilnehmer in dessen Auto in der Hotelgarage, dann mit einem Geschäftsmann, den sie kur­zerhand in der Hotelbar abschleppt.

Und im Anschluss sagt der Barkeeper, der Hotelchef möchte sie sprechen – ein Mann namens Christopher Chase, der eine so magnetische Ausstrahlung hat, dass Sophies Leben sich schlag­artig völlig verändert. Er hat nämlich nicht vor, sie zu verklagen, weil sie schamlos „in der Hotelbar anschaffen geht und Gäste aufs Zimmer verschleppt“ (was sie sehr gut verstehen könnte und fürchtet), sondern im Gegenteil: er bietet ihr einen Job an. Sie soll a) die Rezeption des Hotels bemannen und b) in der Bar Gäste becircen, weil das spürbar die Umsätze erhöht. Und wenn sie sich zwischendrin mit den Gästen noch amüsieren möchte … das sei dann gewissermaßen ihr Privatvergnügen.

Dass Sophie die Offerte annimmt, die durchaus eine unmorali­sche Komponente enthält, liegt aber nicht an all dem, was aus­gesprochen wurde, sondern an dem, was eben nicht gesagt wurde. Konkret: Sophie ist von einem Moment zum anderen scharf auf den Hoteldirektor! Und sie würde fast alles tun, um in seiner Nähe zu sein, ihm aufzufallen und in seinem Bett zu lan­den.

So geht alles los.

In zwölf weiteren Kapiteln/Geschichten lernen wir nun durch die Augen von Sophie Martin erstens ihre Kollegen kennen, etwa die lesbische Jade, das Zimmermädchen Maria, den aufreißerischen Fitnesstrainer Lincoln, den Masseur, den Bademeister, den Bar­keeper Lloyd Ellison sowie zahlreiche Gäste, die es auf unter­schiedlichste Weise mit erotischen Marotten haben oder die eine oder andere Person in aufreizende, bisweilen kompromittie­rende Situationen bringen.

Nicht selten beschäftigt sich Sophie höchstpersönlich mit den Leuten. Mitunter kommt es auch zu Komplikationen – etwa, als aus einer Suite laute Schreie dringen und sich Gäste aus den Nachbarzimmern beschweren. So gerät Sophie in eine Session eines Sadisten hinein und hat sich später, durchaus auch phy­sisch, zu entschuldigen … und macht Bekanntschaft mit dem Rohrstock, der höllisch weh tut, aber zugleich auch … na ja … ziemlich heiß macht.

Oder da ist Lloyd, der unheimliche Barkeeper, der sie jahrelang auf dem Kieker hat, dem sie aber permanent ausweicht. Genau­so übrigens, wie sie zunehmend frustriert feststellt, wie das um­gekehrt mit Chase der Fall ist. Ihre heimliche Obsession von ihm wird immer peinigender, weil er sie absolut korrekt behandelt, aber mit keiner Wimper zuckt und zu erkennen gibt, dass er mehr für sie empfindet. Es macht Sophie wahnsinnig, und sie spioniert ihm hinterher. Das geht so lange, bis …

Ah nein, das sollte ich nicht verraten. Der Handlungsstrang um Christopher Chase ist jedenfalls hübsch und ausdauernd ge­sponnen und führt zu einem unerwarteten Ende, das die Leser­erwartung auf interessante Weise völlig ad absurdum führt.

Dieses Werk, das ich ursprünglich eigentlich gar nicht rezensie­ren wollte – ich neige schon seit längerem nicht mehr dazu, Kurzgeschichtensammlungen zu rezensieren, erotische schon gar nicht, und das hier ist eine durchaus aufregende, selbst wenn sie von einem Mann übersetzt worden ist – , wusste doch in einer Weise zu gefallen und las sich binnen von vier Tagen geschwind weg, dass ich mir dachte, es sei durchaus eine Emp­fehlung wert. Hier haben wir eine Autorin vor uns, die ich bis­lang nur aus Kurzgeschichten kannte. Sie hat eindeutig auch das Zeug dazu, längere Handlungsbögen zu entwickeln und den Leser ganz schön auf abwegige Fährten zu führen. Ich mag so etwas.

Gewiss, der Titel und der Klappentext führen völlig in die Irre, auch manche Titel der Kurzgeschichten sind doch abwegig … aber das Gesamtpaket war es dann doch wert, eine Rezension lohnend erscheinen zu lassen. Kurz und knackig gesagt: Wer im­mer das Buch – inzwischen wohl nur noch antiquarisch zu errei­chen – finden sollte und die oben geschilderten Szenarien inter­essant findet, kann sich auf ein prickelndes, anregendes Lese­abenteuer gefasst machen.

Definitive Leseempfehlung.

© 2018 by Uwe Lammers

Das war doch mal ein bisschen was anderes als die erotische 08/15-Kost, die hier sonst so rezensiert wird, denke ich. Auch solche unerwarteten Dinge muss es geben, denn wie ich nicht müde werde zu betonen – das hier ist kein Schönwetter-Blog, hier gibt es ständig wie auf dem Jahrmarkt unerwartete Dinge zu entdecken und Überraschungen zu gewärtigen.

In der kommenden Woche machen wir eine weitere Zeitreise, die diesmal in einen Teil der Welt und Zeitgeschichte führt, über die ich wenig weiß und die ich deshalb ganz besonders interes­sant fand – ins Zeitalter der Induskultur.

Wer damit noch nichts anfangen kann, der warte bis zur nächs­ten Woche, dann wird Aufhellung gegeben.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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