Rezensions-Blog 562: Begierde

Posted Mai 27th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist immer wieder interessant, unbekannte Autorinnen lesend kennen zu lernen … in diesem Fall handelt es sich dabei um eine deutsche Verfasserin namens Lilly Grünberg, wobei ich nicht zu sagen weiß, ob das ein Pseudonym oder der Realname ist. Ich fand die Lektüre durchaus interessant – auch wenn ich heute, neun Jahre nach der Lektüre des Buches, in Anbetracht der Veränderungen der modernen Lesekultur annehme, dass das Werk einige Schwierigkeiten hätte, publiziert zu werden.

Warum nehme ich das an? Nun, wer sich heutzutage Bücher an­sieht, die in dem Feld der erotischen Literatur oder der Roman­ce-Genres, die sich ja zunehmend diversifiziert haben, um­schaut, stößt nahezu überall auf die unvermeidlichen „Content Warnings“ und auf die Etikettierung mit so genannten „Tropes“. Unsere moderne Zeit ist doch sehr zu einer Art überbehüteter Mimosenwelt degeneriert … ich nenne das so, weil die selbst er­nannten Moralhüter den AutorInnen zunehmend vorschreiben, wie sie ihr Publikum vor vermeintlichen „Gefahren“, die in ihren Büchern lauern, „warnen“ müssen.

Ich denke, das ist eine Form der übergriffigen Entmündigung, die der Buchkultur eine Art von Maulkorb anlegt, und über kurz oder lang führt das möglicherweise zu einer Selbstzensur der Li­teraten oder – wie im Fall der USA heute schon zu beobachten – zu einer recht unverhohlenen Zensur und Kriminalisierung „un­liebsamer“ Literatur. Es gibt zu denken, dass in den Vereinigten Staaten aufgebrachte Literaturdetektive sogar schon Harry Pot­ter-Bücher verbrennen und Bücher über sexuelle Aufklärung als Pornographie schmähen und LGBTQ+-Werke in den Bibliotheken zerstören und Bibliothekarinnen mobben und verfolgen.

Von solchen Auswüchsen sind wir hierzulande, glücklicherweise, noch weit entfernt (vielleicht „noch“, gibt es schließlich auch hierzulande schon Zerstörungen von entsprechenden Büchern durch Vandalen in Bibliotheken). Dieses Buch hier jedenfalls hätte sicherlich einige „Content Warnings“ auf sich gezogen. Da wäre beispielsweise so etwas wie „Freiheitsentzug“, „Gefangen­schaft“ und „physische Gewalt“ zu nennen, die hier durchaus vorkommt. Aber das ist, sollte ergänzend gesagt werden, in ei­nem Romansegment, das sich als erotische Literatur versteht und starke Schnittmengen mit der BDSM-Kultur hat, eigentlich von vornherein klar und akzeptiert.

Außerdem ist zu vermuten, dass auch die Stiefgeschwisterge­schichte, um die sich hier alles dreht, die bigotten Moralisten sofort zu einem Sturm der Entrüstung treiben würde … ich sage ja, die Mimosenkultur der Überempfindlichkeit ist munter und massiv auf dem Vormarsch.

Schauen wir besser mal nach dieser langen, hoffentlich nach­denklich stimmenden Vorrede, was den Roman selbst angeht. So ganz uninteressant ist die Beziehung zwischen Marc Braun und Victoria Rossmann nicht … aber da schaut lieber selbst:

Begierde

Von Lilly Grünberg

RM Buch und Medien Vertrieb GmbH

38 Seiten, TB (2010)

(zuvor erschienen 2009 bei Plaisir d’Amour)

Keine ISBN!

Die Geschwister Marc Braun und Victoria Rossmann waren einst wie Pech und Schwefel, unzertrennbar – allerdings gefangen in einer bizarren und ungeliebten Patchwork-Familie. Marcs Vater, eifrig unterwegs in diversen Betten, erreichte durch sein egoisti­sches Verhalten, dass die Ehe zerbrach, aus der Marc hervorge­gangen war. Seine nicht minder lustbezogene neue Ehefrau brachte ihre eigene Tochter in die Ehe mit – die vier Jahre jünge­re, verschüchterte Victoria, ein pummeliges Ding mit roten Haa­ren und Zahnspange. Die beiden Kinder unterschiedlicher Er­zeuger hingen bald unzertrennlich aneinander … bis zu jener traurigen Nacht, als sich Victoria offensichtlich als Lügnerin her­ausstellte und das Vertrauensverhältnis unwiederbringlich zer­rüttet wurde.

Marc zog wenig später nach Italien um, willens, einen vollständi­gen Bruch mit seiner Familie herbeizuführen. Fortan arbeitete er hier mit seinem Freund Antonio del Carmine in der familieneige­nen Designmöbelfabrik mit, bald in leitender Stellung, wo er es rasch zu Wohlstand brachte. Victoria, die nach dem Tod von Marcs Vater bei ihrer leiblichen Mutter in Deutschland geblieben war, strebte in die Stewardessen-Laufbahn. Beide hatten quasi keinen Kontakt mehr miteinander.

Als Marc schließlich die Information bekommt, dass die Schwie­germutter überraschend verstorben ist, reist er zur Testaments­eröffnung nach Frankfurt zurück und trifft hier nach langer Zeit wieder auf seine kleine Stiefschwester Vicky, wie er Victoria im­mer genannt hat. Sie ist inzwischen zu einer ansehnlichen, schönen Frau herangereift, doch scheint sie sich moralisch sehr zu ihrem Nachteil verändert zu haben. Sie steckt dem Notar schamlos eine Telefonnummer zu, bietet Marc unverfroren einen Blowjob an und lässt abends einen wildfremden Mann an ihrem Busen wildern, während er fassungslos zuschaut.

Marc ist angewidert und zornig. Wie hat sich doch seine kleine Stiefschwester zu ihrem Nachteil verändert! Wie kann sie sich in aller Öffentlichkeit so hurenhaft gerieren und dabei ganz nach ihrer nicht minder zügellosen Mutter und seinem eigenen Vater geraten … es ist einfach empörend! Noch unglaublicher ist es jedoch, dass Marc Victoria nach diesem Wiedersehen nicht mehr aus seinen Gedanken vertreiben kann. Und genauso ver­hält es sich.

Da kommt ihm dann die unglaubliche Nachricht seines Freundes Antonio ganz recht – er befindet sich seit einiger Zeit auf der Suche nach einer passenden Gattin und hat bei dieser Suche in Italien die Annonce eines seltsamen Instituts entdeckt, das et­was verklausuliert, aber doch recht eindeutig etwas Seltenes anbietet, nämlich wohlerzogene künftige Ehefrauen für potente und reiche Junggesellen. Und es hört sich ja wirklich interessant an, was in der Meldung steht: „Wir vermitteln junge hübsche Frauen, die wohlerzogen sind, Lust am Sex haben und für die es selbstverständlich ist, ihrem Ehemann zu gehorchen. In jegli­cher Hinsicht.“

Doch, denkt sich Marc, genau so etwas würde seiner kleinen Victoria definitiv gut tun: Ein Mann im Leben, der ihrem zügello­sen Lotterleben rigoros ein Ende macht und sie auch energisch zu bestrafen weiß, wenn sie wieder über die Stränge schlagen sollte. Wirklich zu schade, dass Vicky auf solch einen Mann bis­lang offensichtlich verzichten muss und stattdessen schamlos und ungeniert von einem Bett zum nächsten springt, um sich sexuell zu vergnügen.

Marc weiß seit ihrem Zusammentreffen beim Notar aber eben­falls, dass Vicky derzeit auf Arbeitssuche ist, mithin von nieman­dem so schnell vermisst werden würde – also macht er kurz­schlussartig Nägel mit Köpfen und lässt sie völlig überraschend aus ihrem Alltag entführen und über die Alpen nach Italien in das rätselhafte Institut verschleppen, wo noch elf weitere Frau­en dabei sind, sich ausbilden zu lassen, um wohlerzogen und gehorsam schließlich an Ehemänner vermittelt zu werden.

Doch diese anderen „Leidensgenossinnen“, wie die schockierte Vicky zunächst denkt, sehen die Kasernierung im Institut völlig anders als sie selbst – sie sind nämlich durchaus freiwillig hier und wollen sich mittels der Ausbildung einen Ehemann angeln. Zwei von ihnen sind sogar auf Veranlassung ihres Gatten hier, um durch das Erlernen neuer sexueller Fertigkeiten wieder fri­schen Wind in ihre eingerostete Beziehung zu bringen. Vicky hingegen wurde entführt, was ihr aber niemand glaubt. Sie wur­de vielmehr als hemmungslose Nymphomanin beschrieben und angekündigt, und sie muss sich nicht wundern, dass sie deutlich härter angefasst wird als die anderen „Insassinnen“, erst recht nach einem desolaten Fluchtversuch.

Aber schon bald kommen der Patronin, die das Institut leitet, aufgrund des Verhaltens des Neuzugangs ebenso Zweifel an der Zuverlässigkeit von Marcs Informationen wie auch Vickys Zim­mergenossin Anna, die schließlich ungläubig erkennt, wo Vickys wirkliches Problem liegt.

Marcs Stiefschwester ist nämlich ungeachtet ihrer Attraktivität und ihres Alters nach wie vor noch jungfräulich … auch wenn scheinbar alles dagegen spricht, insbesondere ihr Ruf. Auf diese Weise stürzt sie dann auch ihren Stiefbruder in ein ungeahntes emotionales Chaos, aus dem er sich allerdings ohne völligen Gesichtsverlust nicht mehr zurückziehen kann. Marc belässt sei­ne Stiefschwester also im Institut, ohne zu wissen, wohin das noch führen soll. Und dann macht Victoria im Laufe ihrer Erzie­hung und in Gesellschaft sexuell deutlich erfahrenerer Gefähr­tinnen recht bald eine gründliche Wandlung durch – bis sie schließlich den geheimnisvollen Signore Gino kennen lernt, ei­nen maskierten Mann, der ihr Herz in Wallung und ihre verzwei­felten Fluchtwünsche zum Erlöschen bringt …

Bislang war mir Lilly Grünberg als Autorin noch nicht vertraut. Dieser erste Roman, ein wenig irreführend mit „Begierde“ titu­liert, ist nun insofern eine interessante Entdeckung, als man es hier tatsächlich mit einer durchaus nicht sexuell erfahrenen Hauptperson zu tun hat – wie in den weitaus meisten sonstigen erotischen Romanen („Fifty Shades of Grey“ mal ausdrück­lich ausgenommen) – , sondern eben mit einer zögerlichen Jung­frau, die sich aus guten Gründen nach außen eine raffinierte Tarnung als Vamp aufgebaut hat. Eine Tarnung, die so frivol selbst auf ihren Stiefbruder wirkt, dass Marc ihr das Lotterleben abkauft und so zu seinem drastischen Handeln getrieben wird. Notwendigerweise geht das nicht gut.

Ebenso offenkundig ist von Anfang an, wer zu wem hingezogen wird und wohin der Roman durch zahlreiche Irrungen und Wir­rungen der eher romantisch-sanftmütigen Art driftet. Das heißt indes nicht, dass es im Roman nicht zur Sache geht, ganz im Gegenteil. Denn einige Strukturen des leider recht nebulös blei­benden Instituts, in dem die „Erziehung“ der Mädchen vorge­nommen wird, sind doch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Natu­relle der Mädchen sind zutiefst unterschiedlich, und auch die Art und Weise, wie sie schlussendlich vermittelt werden – nämlich über eine Art „Sklavinnenauktion“ inklusive vollständiger Ent­hüllung – , die schürt doch im Leser die Vermutung, dass das ganze Institut eher recht halbseiden operiert. Victorias Entfüh­rung ist da gewissermaßen nur das Tüpfelchen auf dem I-Punkt des Misstrauens, selbst wenn man zugeben muss, dass klar dar­gelegt wird, wie ungewöhnlich das Verfahren gerade in ihrem Fall ist.

Auch gibt es unter den „Interessenten“ dann solche, die ausge­sprochen sadistische Neigungen haben und sie bei der Prüfung der Kandidatinnen – wenn die Regularien das zulassen – auch durchweg ausleben. Einigermaßen haarsträubend und sehr hef­tig ist etwa die etliche Seiten lange, ausgiebig sadistisch-maso­chistische Unterwerfungsszene, die Federico Moreno seiner Fa­voritin angedeihen lässt, ehe er zufrieden ihre „Tauglichkeit“ ge­prüft hat. Das ist schon echt schmerzhaft zu lesen. Das zeigt aber im Grunde genommen, dass die Autorin auch durchaus mit der härteren Erzählweise klarkommt … aber mehr als 90 % des Buches sind eben relativ sanft geschrieben. Ausgesprochen schockierende Szenen sind selten.

Konflikte treten auf, sind aber eher schlicht gestrickt. Jenseits des recht engen personalen Fokus der Story fragt man sich manchmal schon, warum soviel Raum auf recht offensichtliche mentale Strukturen verwandt wird. Der Roman ist in seiner Ziel­konzeption sehr durchschaubar, großartige Überraschungen gibt es im Grunde genommen nicht. Einige Details bleiben am Schluss ungeklärt, aber diese Tatsache trübt das Lesevergnügen nur sehr bedingt.

Wer sich deshalb mit einer etwas problematischen Geschwister­geschichte beschäftigen möchte, die Entführung und erotische Erziehung der Stiefschwester beinhaltet, der kann hier gut an­docken. Auf jeden Fall macht der Roman neugierig auf weitere Werke der Autorin und wie sie sich wohl darin schlagen mag. Ich werde beizeiten darauf zurückkommen.

Bis dahin kann ich diesem Roman durchaus eine durchschnittli­che Lesenote verabreichen und ihn zur Lektüre empfehlen.

© 2017 by Uwe Lammers

Auch die Entführungsgeschichte ist übrigens so singulär nicht, wie ich heute, ein paar Lesejahre später, bestens weiß. Es gibt da noch so das eine oder andere Werk in dieser Richtung, das ich seither gelesen habe. Beizeiten komme ich darauf zweifellos zu sprechen.

In der kommenden Woche erzähle ich euch aber zunächst etwas über den letzten auf Deutsch erschienenen Roman von Larry Maddock, dessen Zeitreise uns nun nach Nordafrika schickt, in eine besonders chaotische Zeit.

Mehr in sieben Tagen an dieser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Leave a Reply

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>