Liebe Freunde des OSM,
Milliardäre wachsen nicht auf Bäumen, soviel sollte uns allen klar sein. Serien, also, in denen reihenweise ledige Milliardäre auf humorvolle, originäre Weise unter die Haube gebracht werden, oftmals mit Partnerinnen, die scheinbar so überhaupt nicht passen, landen notwendigerweise darum in der Kategorie Komödie. So ist das auch mit Jessica Clares Serie „Perfect Touch“, deren dritten Band ich euch heute vorstellen und ausdrücklich als Lektüre empfehlen möchte.
Wer diese Serie und ihren Vorgänger „Perfect Passion“ schon kennt, wird vermutlich kaum sehr überrascht sein, dass ich ihn mit viel Gekicher und großem Vergnügen in Rekordtempo weggeschmökert habe. Diesmal vielleicht noch mehr, weil wir faszinierend bizarre Widersprüche darin finden können.
Auf der einen Seite eine Reality-TV-Parallelwelt, auf der anderen Seite eine zutiefst traumatisierte Frau mit jeder Menge Problemen (die man ihr nicht ansieht). Und als dann eine Scheinehe arrangiert werden soll, tauchen noch mehr Probleme auf … aber schaut euch das lieber mal selbst genauer an.
Vorhang auf für:
Perfect Touch 3 – Ergeben
(OT: The Billionaire takes a Bride)
von Jessica Clare
Bastei 17578
336 Seiten, TB (2017)
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Fricke
ISBN 978-3-404-17578-9
Wer Fan von Reality-TV-Shows sein sollte, für den ist diese Geschichte wohl eher nichts. Wer hingegen Familienshows wie die der Kardashians für eine recht absurde Entartung des modernen Fernseh-Entertainments ansieht, könnte sich hiermit sehr gut unterhalten. Da ich mich selbst eher zu letzterer Fraktion rechne, konnte ich mich mit dem vorliegenden Roman gut anfreunden – umso mehr, als er ein paar wirklich sensible gesellschaftliche Bereiche tangierte, wie das meist mit Jessica Clares Büchern der Serien „Perfect Passion“ und „Perfect Touch“ der Fall ist. Wer die bisher acht Bücher der Reihen gelesen hat, wird diese Anspielung gewiss richtig einzuordnen wissen.
Worum also geht es im vorliegenden Buch? Natürlich um einen Milliardär und eine Frau, soviel steht von Anfang an fest. Ausgangspunkt ist, wie schon in „Perfect Touch 1“, die in Planung befindliche Hochzeit von Gretchen Petty und ihrem Geliebten, dem narbigen Milliardär Hunter Buchanan. Wie erinnerlich hat sie dazu eine Reihe von Freundinnen als Brautjungfern auserkoren und aus Hunters Bekanntschaft die passenden „Matches“ dazu gesucht. Auf diese Weise kam bereits Magnus Sullivan („Perfect Passion 2“) unter die Haube. Nun ist die Reihe am nächsten Kandidaten.
Der junge und sehr gut aussehende Sebastian Cabral ist eigentlich eher unverhofft Milliardär geworden, ohne dafür ein erfolgreiches eigenes Unternehmen zu besitzen. Er ergibt sich dem Müßiggang, ist Hunters Kletterkollege beim Climbing, und ansonsten versucht er nach besten Kräften, seiner eigenen Familie aus dem Weg zu gehen, die ihn ohnehin nicht so akzeptiert, wie er ist. Infolgedessen macht er aus seinen wichtigsten Wesens-zügen ein Geheimnis und verschließt sie sorgfältig vor der Außenwelt, um nicht durch herablassende Kommentare verletzt werden zu können.
Sebastian hat guten Grund, so zu reagieren. Denn seine Familie, allen voran seine Mutter, ein ehemaliges Model namens Elizabeth Cabral, ist inzwischen wieder eine Berühmtheit – auch das kam eher unerwartet. Nachdem ihr Stern im Anschluss an die Heirat und Familiengründung im Sinken begriffen war, sie dies aber nicht als unabwendbares Schicksal akzeptieren wollte, hat sie damit begonnen ihre eigene Reality-TV-Show zu realisieren, „The Cabral Empire“.
Selbst ihr Sohn Sebastian war völlig überrascht davon, dass dieses TV-Format so einschlug. „The Cabral Empire“ ist ein unglaublicher Quotenrenner, und quasi jede Minute ihres Lebens wird Elizabeth Cabral von Kameramännern und Mikrofonen begleitet. Privatsphäre? Unbekannt. Jeder, der sie besucht, wird in die Serie eingemeindet. Jeder, mit dem sie sich blicken lässt, wird in die Serie eingemeindet. Alles wird als Event zelebriert und gesendete.
Als „Mama Precious“ vermarktet sie so ihr ganzes Leben, ihre Schönheits-OPs, ihren alten und etwas hinfälligen Mann, den achtzigjährigen portugiesischen Milliardär, der in der Show „Daddy Money“ genannt wird, und auch den Rest der Familie. Sebastians Geschwister sind vollkommen eingemeindet, dito seine vormaligen Anwälte (!), und inzwischen versucht auch seine frühere Freundin Lisa Pinder-Schloss, sich einen festen Platz in der Serie zu erobern.
Sebastian will mit alledem rein gar nichts zu tun haben!
Mit Lisa hat Sebastian schon vor zwei Jahren Schluss gemacht, weil er diese in absurde Schönheitsoperationen vernarrte Frau einfach nicht mehr ertragen konnte – jetzt aber macht ihn sein Anwalt darauf aufmerksam, dass die neue Storyline der Show darauf abzielt, Sebastian und Lisa wieder zusammenzubringen. Was das Allerletzte ist, was er will.
Er sucht einen Ausweg.
Der Zufall will es, dass dieser Ausweg geradewegs auf ihn wartet, und zwar in Gestalt der bildhübschen Chelsea Hall, einer jungen und eher nicht so erfolgreichen Seifensiederin in New York, der er auf Gretchens Hochzeitsvorbereitungstreffen als Tischpartner zugeteilt wird. Sie scheint tatsächlich absolut perfekt zu sein, weil sie sich von Anfang an sympathisch sind … aber Chelsea verhält sich in mancherlei Hinsicht sehr seltsam.
Sie trinkt niemals Alkohol.
Sie fühlt sich in Gruppen von fremden Menschen höchst unwohl und verkriecht sich in eine Ecke des Raumes.
Sie lässt Tag und Nacht jedes erdenkliche Licht in der Wohnung an.
Und sie hat beunruhigende blaue Flecken und andere Blessuren, die Sebastian bei der ersten Begegnung auf einen gewalttätigen Freund zurückführt.
Er liegt vollkommen falsch.
Allein um den Nachstellungen seiner penetranten Familie zu entgehen, schlägt Sebastian ihr kurze Zeit später spontan vor, sie könnten ja heiraten. Denn dann müsse Lisa ihre Versuche offenkundig aufgeben (worin er sich täuscht). Chelsea ist anfangs verdattert und verstört, aber als sie sich darauf einigen, dass das eine Scheinehe mit einer Dauer von zwei Jahren sein soll und Sex explizit ausgeschlossen ist, beginnt ihr die Idee zuzusagen.
Dass das erst recht sehr beunruhigend ist, fällt Sebastian erst später auf.
Dass sie primär deshalb darin einwilligt, weil ihr zuhause fast buchstäblich die Decke auf den Kopf fällt und sie Panikattacken erleidet, begreift Sebastian erst deutlich später. Dass sich ihr Wesen vollständig verändert, wenn es um sie herum dunkel wird und keine Lichtquelle in der Nähe ist, stellt er fest, als auf ihrer Hochzeitsreise in New Orleans das Licht ausfällt und er einen ihrer Panikanfälle hautnah miterlebt.
Spätestens von dem Moment an ist ihm klar: seine süße Chelsea, seine Ehefrau auf Zeit, hat ein dunkles, traumatisches Geheimnis, über das sie aber auch nicht reden will. Und ein weiteres Problem kommt schnellstens hinzu: die Scheinehe soll absolut platonisch sein, ja? Für Chelsea ist das in Ordnung. Aber Sebastian entdeckt sehr rasch, dass er ein gottverdammter Heiliger sein muss, wenn er Sex kategorisch ausklammert, wie er es versprochen hat. Wie zum Teufel soll das gehen, wenn sie sich jede Nacht warm an ihn kuschelt und um den Verstand bringt …?
Und warum empfindet sie selbst dabei rein gar nichts …??
Mit dem vorliegenden Roman streift die Autorin die unheimlichen und verstörenden Tiefen posttraumatischer Störungen nach sexuellen Übergriffen – nicht erst seit den Zeiten der „#MeToo“-Debatte ist dieses Thema von enormer Bedeutung, und die hier vorhandenen Dunkelziffern dürften beträchtlich sein. Das liegt einfach nahe – ganz so wie in Chelseas Fall schämen sich viele Opfer, über diese grässliche Erfahrung zu sprechen, und die mitunter wirklich sexistischen Vorurteile meist männlicher Zuhörer in diesen Fällen („Sie hat es doch offensichtlich gewollt …“) machen die Aufarbeitung dieses Traumas nicht leichter.
In Chelseas Fall verbindet sich das – durchaus nicht unplausibel – letzten Endes mit einer Form von Fetischismus und zweiter Identität, die mich ein wenig an amerikanische Superheldencomics erinnerte. Man kennt solche Sujets etwa von Superman. Im zivilen Leben als biederer, schüchterner Clark Kent unterwegs, als Superman alias Kryptonier Kal-El hingegen furchtlos, unermesslich stark und bereit, sich in jedwede Gefahr zu stürzen. Sehr ähnlich läuft das im Fall Chelsea, nur geht das bei ihr in den Sportbereich, und das auf eine sehr vergnügliche Weise.
Auch wenn mir die Lösung in diesem Fall ein wenig schematisch vorkam, fand ich die Art und Weise, in der die Autorin Chelseas Trauma feinfühlig ausformulierte, sehr passend. Dies dann noch mit der schrillen Reality-TV-Show zu kombinieren, das passte irgendwie sehr gut zusammen.
Ein äußerst kurzweiliger Roman, romantisch wie immer, und bevölkert von durchaus lebendigen und sympathischen Charakteren. Es gibt eigentlich nur eine Schwierigkeit, die übrigens auch auf „Perfect Passion 2“ zutrifft: indem Clare dort immer wieder auf ein paar weitere Personen anspielt – namentlich auf Greer und Taylor und ihre männlichen „Matches“ – , greift sie der Handlung von „Perfect Passion 4“ und „Perfect Passion 5“ vor. Es gibt infolgedessen hier auch eine Inhaltsüberlappung mit Band 2 der Reihe.
So pfiffig es also auch für die Autorin ist, neue Milliardäre aus dem Hut zu zaubern (und neue Frauen), indem sie gewissermaßen Gretchens und Hunters Freundeskreis „plündert“, so wirkt das doch ein bisschen mehr gestellt als noch in „Perfect Passion“. Da es indes ebenso unterhaltsam ist, würde ich dies für einen lässlichen Fehler halten, der beim stürmischen Lesen der Bücher kaum weiter auffällt.
Klare Leseempfehlung daher.
© 2019 by Uwe Lammers
In der kommenden Woche geht es zurück in kosmische Weiten. Ich bespreche einen schon etwas angestaubten Storyband eines weiteren phantastischen Literaten, der leider ebenfalls schon lange von uns gegangen ist. Seine Geschichten gehören aber meines Erachtens zum bleibenden und lesenswerten Kulturerbe der Menschheit.
Näheres in sieben Tagen an dieser Stelle.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.