Liebe Freunde des OSM,
es gibt solche und solche erotischen Romane. Ihr kennt das aus meinen bisherigen Rezensions-Blogartikeln zur Genüge. Sehr viele sind ausgesprochen gelungen, manche kranken an zu engem Setting, an zu durchsichtiger Handlungsführung oder an unmotivierten erotischen Passagen, die anstelle einer gescheiten Handlung eingebaut werden.
Dieses Buch hingegen überraschte mich in vielerlei Weise ausdrücklich, wie ich 2017 nach der Lektüre ausgiebig darstellte. Ein erotischer Roman im Ägypten der Gegenwart ist für sich genommen schon ein Abenteuer. Dann aber auch noch glaubwürdige Charaktere zu ersinnen, denen man ihre Berufe wirklich abnimmt … das schaffen nur relativ wenige Autorinnen erotischer Romane tatsächlich umzusetzen. Hier ist es ausdrücklich gelungen.
Es gibt eine verwirrende Vielfalt von Protagonisten mit undurchsichtigen Motivlagen, viel Folklore, und ich stürzte mich Hals über Kopf in ein wirklich aufregendes Leseabenteuer. Das solltet ihr hier mal als klare Empfehlung vorab verstehen.
Und nun schauen wir uns das Buch selbst genauer an:
Die Lotusblume
Von Tanja Albers
Mira 35018
338 Seiten, TB (2009)
ISBN 978-3-89941-461-5
Die leidenschaftliche und schöne spanische Archäologin Elena Ruíz Maréchaux erhält von ihrem früheren Doktorvater das Angebot, bei einer spektakulären neuen Ausgrabungsstätte in Ägypten tätig zu sein und ihm zu assistieren. Ihr Tätigkeitsort soll die 400 Kilometer südwestlich von Kairo gelegene Oase Bahariya sein. Seit dem Jahr 2000 und einer bemerkenswerten Publikation des damaligen Leiters der Antikenbehörde, Dr. Zahi Hawass, ist dieser Fundort besser bekannt ist als „Tal der goldenen Mumien“. Für die Außenwelt gesperrt, ist dieser Ort allein für die Wissenschaft zugänglich.
Elena ist begeistert von dieser Aussicht. Sie lässt sich von ihrer Arbeitsstelle in Madrid auf unbestimmte Zeit beurlauben und reist nach Ägypten, um Dr. Henri Pascal zu treffen, ihren Doktorvater … und damit beginnt auch schon ein zum Teil wirklich vergnügliches, teilweise äußerst erotisches Abenteuer, das voller seltsamer Rätsel steckt. Zunächst muss sie entdecken, dass der deutlich ältere Henri durchaus Anstalten macht, mit ihr zu flirten (etwas, was sie selbst umgekehrt auf der Uni ansatzweise versuchte, womit sie aber nie weit kam – wohingegen Henri angeblich reihenweise Studentinnen vernascht habe).
Dann ist der ägyptische Behördenalltag ein einziger Alptraum – die lässige Haltung der Bewohner des Niltales, was Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit von Aufenthaltsorten angeht, treibt Elena schnell zur Weißglut. Und dann gerät sie auch noch ausgerechnet an Dr. Karim Sada, der zum Teil im Kulturministerium arbeitet, teilweise in der Ägyptischen Altertümerverwaltung, und Vorlesungen an der Uni gibt er außerdem.
Denkwürdig ist der Moment, in dem Elena völlig verschwitzt, mit aufgelöster Frisur und flammendem Zorn im Blick nach langwieriger Suche endlich sein Büro findet und ihn wütend anraunzt. Und Karim Sada, ein äußerst faszinierender Mann, Kopte einerseits und halber Beduine von der Abstammung her, ist von „diesem rassigen Weib“, das vor seinem Schreibtisch steht, einfach nur beeindruckt. Beeindruckt und erregt.
Sie teilt diese Auffassung überhaupt nicht, jedenfalls redet sich Elena das energisch ein. Dieser Vorsatz hält nur nicht allzu lange, und alsbald nimmt eine stürmische, von temperamentvollen Höhen und Tiefen durchwachsene erotische Beziehung zwischen Elena und Karim ihren Anfang.
Dabei steht das alles unter einem Unstern – denn Karim verdächtigt insgeheim, schrecklich frankophob, den Franzosen Henri Pascal des Antiquitätenschmuggels. Und er argwöhnt zudem, dass Elena dessen Mätresse ist, mindestens aber Schmugglerkomplizin. Elena selbst stellt parallel dazu nicht eben gering frustriert fest, dass seltsamerweise in der Oase für sie gar nicht so viel zu tun zu sein scheint.
Es wimmelt von Aufpassern, Aufsehern und Spitzeln an der Ausgrabungsstätte, Privatleben ist schwierig, um es vorsichtig zu sagen – denn eine Frau mit unverschleiertem Gesicht ist generell verdächtig, die Leidenschaften der Männer aufzustacheln; wenn sie mit feuchten Haaren aus dem Haus geht, gilt dies unverhohlen als Zeichen, „dass sie gerade Sex hatte“ (was Elena dann doch verlegen macht, zumal das in dem einen Fall, wo sie tatsächlich mit feuchten Haaren aus dem Haus geht, wirklich nicht geschehen ist).
Ganz zu schweigen von dem grundsätzlichen Vorurteil, dass westliche Frauen, ungeachtet ihrer Qualifikation oder beruflichen Profession „sowieso alle Schlampen“ seien. Ägypten ist diesbezüglich kulturell ein echtes Minenfeld, und Elena hat ein Talent dafür, die falschen Signale auszusenden.
Als wäre das alles noch nicht genug, ist da außerdem noch die zierliche und erstaunlich hemmungslose Koreanerin Jung-Hee, mit der sich Elena ein Apartment in Bahariya teilen muss. Offiziell ist sie eine Journalistin, aber offenbar bringt ihre Nächte bereitwillig und sehr gern damit zu, Elena zu lesbischen Liebesspielen zu verführen oder sich anderweitig sexuell auszutoben.
Kurzum: Die Verhältnisse sind irgendwie gründlich aus den Fugen, und bald beginnt sich Elena ernsthaft zu fragen, was hier los ist – und wieso sie Karim Sada, seiner offensichtlich machohaften Arroganz und seinen leider sehr aufregenden Liebeskünsten so verfallen kann. Was Sada überhaupt anstrebt, bleibt ihr auch verborgen – will er nur ein paar Quickies und One-Night-Stands zwischendurch, oder ist es ihm ernster mit Elena? Vielleicht instrumentalisiert er sie aber auch nur, um Henri auszuspionieren. Eine schwierige Situation.
Und was, um alles in der Welt, ist mit dem Antikenschmuggel los? Ist ihr Doktorvater tatsächlich darin verwickelt, wie Sada denkt, oder verhält es sich irgendwie völlig anders …?
Der Roman überraschte mich einigermaßen. Er ist nach „Unter dem Jademond“ der zweite, den ich von Tanja Albers las und der dritte, den sie meiner Kenntnis nach insgesamt geschrieben hat. Entgegen des Titelbildes und des Titels, der eher nahe legt, dass die Geschichte ebenfalls in Fernost spielt wie der Erstling (aber Lotus gibt es ja auch in Ägypten), finden wir uns hier im modernen Ägypten vor dem Ägyptischen Frühling wieder. Die Geschichte ist aus mehreren Gründen für mich äußerst interessant gewesen, nachdem ich mich auf sie eingelassen hatte.
Erstens einmal ist Ägypten sowieso ein Land, dessen jahrtausendealte Geschichte mich bereits zu Kinderzeiten fasziniert und von Grundschulzeiten an mitgerissen hat. Und hier hat mich entzückt, wie intensiv die Autorin bis in feine Verästlungen hinein die ägyptische Kultur und den Ablauf des Alltags darzustellen vermag, bis hin zu den laxen Taxifahrern, den krakeelenden und spielenden Kleinkindern auf dem Ministeriumsflur, und den kulturellen Tabus, etwa der Verlegenheit, wenn einheimische Männer unverschleierten Frauen zu lange ins Gesicht schauen.
Es ist unter solchen Umständen einigermaßen kompliziert und diffizil, einen wirksamen erotischen Roman zu verfassen, da die meisten sonst offenherzig offerierten Reize, die man standardmäßig in solchen Büchern seitens der Männer wie der Frauen einsetzen könnte, hier schlicht skandalös wirken und sofort verboten sind. Dass es dennoch gelingt, zeigt die kluge Argumentation und Komposition des Romans.
Zweitens war der Schauplatz des Geschehens einer, der mich wirklich elektrisierte – denn die Oase Bahariya ist mir seit langem ein Begriff, und das oben eingangs erwähnte Sachbuch von Zahi Hawass stand lange Jahre auf meiner Suchliste und wurde mir erst zu Weihnachten 2016 geschenkt (ich hätte es vor der Lektüre dieses Buches lesen sollen, aber das konnte ich ja nicht ahnen).1 Insofern lernte ich einen höchst interessanten archäologischen Schauplatz der jüngsten Vergangenheit kennen, von dem ich noch nichts Näheres kannte. Das ist immer packend.
Drittens aber entzückte mich das von allen Seiten dargebotene Sachwissen, das in die Diskussionen unter den Wissenschaftlern mühelos einfließt. Da wird über die Altägyptenforschung gesprochen, über Dynastien, Personen, Forscherbiografien, Stile, religiöse Details und Materialien, dass es wirklich eine wahre Wonne ist, das als kenntnisreicher Leser zu lesen. Da hat sich die Verfasserin enorm Mühe gegeben, glaubwürdige Wissenschaftlercharaktere zu gestalten. Und solcher Input kommt von Elena und ihren Komparsen selbst dann noch, wenn sie durch ein Gelage schwere Schlagseite haben – schön.
Bedauert habe ich hingegen eben genau den letzten Punkt: dass nämlich ein nachhaltiger Hang zum Alkohol das Buch bis hin zum Vollrausch und Filmriss durchzieht – in einem strikt islamischen Land klingt das bizarr, aber an den Orten, an denen sich die Protagonisten aufhalten, ist das offensichtlich weniger widersprüchlich, als man auf den ersten Blick glauben mag. Aber davon abgesehen, ich mag einfach keine Protagonisten und Protagonistinnen, die sich gnadenlos zuschütten. Wir sind hier doch nicht bei Charles Bukowski! Und die Vorstellung, dass Ausgrabungen und Forschungen in der trockenen Wüste nur zu ertragen sind, wenn man sich die Kante gibt, ist doch, mit Verlaub, eine beunruhigende Einstellung, die sicherlich nicht der Realität entspricht.
Ebenfalls eigenwillig – wie schon beim „Jademond“-Band – ist dann der Titelbezug. Er ergibt sich wieder einmal über ein Schmuckstück, das in dieser Geschichte Elena geschenkt wird. Das als Anlass zu nehmen für die Titelvergabe, ist doch wenigstens etwas eigentümlich, zumal es recht weit gegen Ende passiert. Natürlich könnte man auch versuchen, die „Lotusblume“ auf Elena selbst anzuwenden, doch geschieht das im Roman nirgendwo … das ist also alles ein wenig gezwungen, fand ich.
Erotische Szenen hätte ich mir schon ein paar mehr gewünscht, manchmal schrammt sie an solchen knapp – und definitiv absichtlich vorbei – , was ich dann schon ein wenig bedauerte. Da wäre mehr definitiv mehr gewesen. Vor allen Dingen aber wäre eine präzisere Auflösung des Plots schön gewesen. Ich hatte da schon gewisse Vorstellungen entwickelt, die sich allesamt als falsch erwiesen. Auch wirkte die Rolle der Koreanerin seltsam improvisiert. Eine Zeitlang kam es mir vor, als habe sie so etwas wie einen geheimen Auftrag, aber darüber wurde letztlich nichts Genaues mehr sichtbar. Eine vergebene Chance für eine komplexere Gestaltung des Plots. Schade.
Wenn man sich dazu anschaut, dass dieser Roman rund 200 Seiten kürzer ist als ihr Erstling, dann gewinnt man als Leser unweigerlich den Eindruck, dass sie zum Schluss eine deutlich ausgefeiltere Storyline drastisch abkürzen musste. Das war sicherlich nicht Albers´ eigener Einfall, sondern eher von Verlagsseite her intendiert. Es hat dem Roman nicht gut getan, finde ich, vieles blieb hier doch unschön im Diffusen und Unkonkreten.
Von der Atmosphäre her stufe ich ihn allerdings als sehr gelungen ein. Man erhält ein äußerst plastisches und lebhaftes Bild vom ägyptischen Alltagsleben, bis hin zu den Speisen, dem Feilschen im Basar, den Kunstschätzen, Gräbern und den faszinierenden Schauspielen der Wüste. Auch Atmosphäre, Gerüche, Geschmack, Farben und kulturelle Eigenheiten kommen nicht zu kurz.
Wenn man also gern Romane liest, die in Ägypten in glaubwürdigem Ambiente spielen, so ist man hier absolut an der richtigen Adresse. Dasselbe gilt, wenn man eine höchst leidenschaftliche Spanierin und ordentlich belesene Archäologin mit teilweise französischen Wurzeln in Aktion erleben will. Als der Roman am Ende angekommen war, hätte ich gern noch ein paar Dutzend Seiten weitergelesen … und das ist doch ein sehr gutes Zeichen für ein Buch. Ihr kennt mein Statement: Gute Bücher sind immer zu kurz, hier passte das mal wieder.
Klare Leseempfehlung mit nur geringen Eintrübungen.
© 2017 by Uwe Lammers
In der kommenden Woche machen wir einen schönen Schwenk zu einem Roman, der eines meiner Lieblingsthemen der Phantastik behandelt – Zeitreisen!
Mehr dazu in einer Woche an dieser Stelle.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.
1 Gemeint ist folgende Publikation: Zahi Hawass – Das Tal der goldenen Mumien, Scherz 2000.