Rezensions-Blog 585: Midnight in Paris (Filmrezi)

Posted November 4th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ich erzähle euch natürlich nichts Neues, wenn ich sage, dass ich ein ausgeprägtes Faible für Zeitreisen habe – ein Sujet, in dem ich mich schreibend auch schon oft in den vergangenen Jahr­zehnten getummelt habe, wie ich gern eingestehe. Zeitreisero­mane oder auch Novellen und Kurzgeschichten, die die Protago­nisten auf diese Weise aus der Gegenwart in andere Zeitströme oder Parallelwelten katapultieren, genieße ich in der Regel sehr.

Zugleich ist mir natürlich auch bewusst, dass es bis heute kei­nerlei Möglichkeit gibt, mit technischen Mitteln den Zeitstrom in irgendeiner Weise zu beeinflussen, um das Gestern wieder zu neuem Leben zu erwecken und ihm neue Facetten abzugewin­nen … da muss man dann Zuflucht nehmen zu unbegreiflichen außerirdischen Zeitmaschinen wie etwa der TARDIS.

Ja, oder man verzichtet ganz auf eine Erklärung des Wie und Warum und schiebt alles in das Medium des „magischen Realis­mus“. Wer sich gern über die Unmöglichkeit, die Zeitreise physi­kalisch plausibel zu erklären, echauffiert, dem wird mit solch ei­ner Methode elegant der Wind aus den Segeln genommen. Und damit sind wir bei dem Film, den ich euch heute wärmstens empfehlen möchte. Viele von euch werden ihn schätzungsweise schon kennen, weil er eben schon 16 Jahre alt ist … aber viel­leicht denkt ihr ja anschließend dennoch darüber nach, ihn euch noch einmal, gewissermaßen mit frischem Blickwinkel, von neu­em anzusehen. Es lohnt sich auf alle Fälle.

Und für die, die dieses kleine Filmjuwel noch nicht kennen soll­ten … nun habt ihr die Gelegenheit, in die Vergangenheit einzu­tauchen, die es wirklich in sich hat.

Willkommen im Paris der 20er Jahre:

Midnight in Paris

(OT: Midnight in Paris)

Ein Film von Woody Allen

Erscheinungsjahr: 2010

Länge: 90 Minuten

Hauptpersonen: Owen Wilson, Rachel McAdams, Adrien Brody, Kathy Bates, Marion Cotillard, Michael Sheen, Carla Bruni, Alison Pill, Tom Hiddleston, Léa Seydoux, Tom Cordier u. a.

Irgendwie hat allein schon der Name Woody Allen etwas Magi­sches – wenn der Regisseur des „Stadtneurotikers“ ruft, sagt ir­gendwie alles zu, was Rang und Namen hat, und unterwirft sich bereitwillig seinen Anweisungen, in einem Film eine illustre Rie­ge der Darsteller zu formen. Das merkt man ganz besonders an diesem faszinierenden kleinen Komödien-Juwel, das ich lange schon mal ansehen wollte, aber erst kürzlich auf dem Flohmarkt als DVD erstand. Es ist wirklich ein romantischer Film mit philo­sophischen Akzenten, durchströmt von einer süßen Melancholie, dass man tatsächlich die Welt rings um sich herum völlig ver­gisst.

Worum geht es?

Im Jahre 2010 ist der Hollywood-Drehbuchschreiber Gil Pender (Owen Wilson) mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) in Paris, zeitgleich mit ihren Eltern, und sie treffen Inez´ früheren Studienkollegen Paul (Michael Sheen), der sich rasch als nervi­ger Pedant outet. Gil hadert mit seinem Beruf und ist dabei, ei­nen ersten Roman zu schreiben. Zugleich ist er einfach unglaub­lich romantisch und träumt von dem „Goldenen Zeitalter“ der 20er Jahre, während seine Verlobte ihn ständig davon abzubrin­gen sucht, sein Glück als Schriftsteller zu suchen. Rasch merkt man, wie sie sich innerlich voneinander entfernen. Ihn nerven die Schwiegereltern, die ihn nicht akzeptieren (Inez´ Vater steht der republikanischen Tea Party-Bewegung nahe, während er selbst es eher mit den Demokraten hält), Paul ist nachgerade unerträglich arrogant und stößt selbst die Fremdenführerin (Car­la Bruni) vor den Kopf mit seinem zur Schau gestellten Fachwis­sen.

Eines Abends klinkt sich Gil einfach aus und wandert angetrun­ken durchs nächtliche Paris … und auf einmal um Mitternacht rollt ein altes Automobil vor seine Füße, und er wird zum Einstei­gen einer ausgelassenen Gruppe von scheinbar kostümierten Leuten genötigt. Einer von ihnen stellt sich allen Ernstes als F. Scott Fitzgerald (Tom Hiddleston) vor.

Anfangs hält Gil das für eine Art von bizarrem Traum, aber er stellt schnell fest, dass ihn offensichtlich seine Sehnsucht nach den Zwanziger Jahren tatsächlich in jene Zeit zurückversetzt hat. Hier trifft er binnen kürzester Zeit nicht nur Fitzgerald und seine Frau Zelda (Alison Pill, bekannt aus der jüngeren Serie „Star Trek Picard“), sondern er begegnet auch kulturellen Grö­ßen wie dem Musiker Cole Porter, der Tänzerin Josephine Baker, Ernest Hemingway (sehr beeindruckend: Corey Stoll) und Ger­trude Stein (Cathy Bates, die ich aus „TITANIC“ kannte). Außer­dem begegnen ihm Künstler wie Salvador Dalí (Adrien Brody), Man Ray (Tom Cordier), Luis Buñuel (Adrien De Van) und weitere Berühmtheiten, die er alle aus der Literatur kennt. Besonders beeindruckt ihn Pablo Picassos Geliebte Adriana (Marion Cotil­lard), und damit wird die Geschichte kompliziert.

Wieder zurückgekehrt in die Gegenwart ist Gil völlig verwirrt. Sein Versuch, seiner Verlobten diese Erfahrung nahe zu bringen, scheitert, was die Entfremdung verstärkt. Er sucht daraufhin verstärkt Rat und Unterstützung in der Vergangenheit, stolpert in der Gegenwart über die Antiquitätenhändlerin Gabrielle (Léa Seydoux – mir vertraut aus den jüngsten Bond-Filmen) und kommt so zum einen Adriana näher, in die er sich unweigerlich verliebt, als er auch einem Geheimnis auf die Schliche kommt, das ihm in der Gegenwart zum Verhängnis zu werden droht.

Und dann ist da noch Adrianas Sehnsucht nach IHREM Goldenen Zeitalter, der Belle Epoque. Ach ja, und nicht zu vergessen, dass Inez´ Vater inzwischen skeptisch wird, was Gils ständige nächtli­che Ausflüge angeht … er setzt kurzerhand einen Detektiv auf ihn an. Was mit ihm passiert und mich zum lauten Lachen brachte, muss man selbst gesehen haben.

Wirklich, dieser Film ist so prallvoll mit berühmten Schauspie­lern, die hier mit Begeisterung in die Rollen von noch viel promi­nenteren historischen Persönlichkeiten, des frühen 20. Jahrhun­derts und der Belle Epoque schlüpfen (wo sich dann Personen wie Henri Matisse, Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Gauguin und Edgar Degas zum Cast gesellen), dass ich aus dem Staunen kaum mehr herauskam.

Wer immer sich für das Paris und die kulturelle Szene der Golde­nen Zwanziger Jahre interessiert und hier ein bisschen Grund­wissen besitzt, wird ohne jede Frage von dem schillernden Set­ting mitgerissen werden. Owen Wilson spielt den unsicheren, ro­mantisch-verträumten Gil so niedlich, dass man ihn unwillkür­lich ins Herz schließt. Dabei muss man die Logik des magischen Realismus dieser Zeitreisen einfach mal akzeptieren, gewisser­maßen als Zauber von Paris, dem Woody Allen hier eine äußerst charmante Liebeserklärung zukommen lässt.

Generell ist zu sagen, dass der eigentliche Zauber des Films von dem illustren Stelldichein der Personen ausgeht. Streng genom­men „passiert“ nicht wirklich allzu viel, aber das merkt man, während man sich den Film anschaut und von ihm verzaubern lässt, im Grunde nicht … sodass einem am Schluss fast das Wichtigste entgeht. Denn Gil zieht natürlich eine Konsequenz aus dem Geschehen und trifft eine Entscheidung, die ich ver­nünftig fand und die irgendwie sehr schön zu Woody Allen passt.

Alles in allem ist der Film ein schönes kleines romantisches Ju­wel, das unbedingt die Wiederentdeckung lohnt. Nicht umsonst urteilen Kritiker darüber, es handele sich um „ein echtes Feel-good-Movie“ bzw. einen „zauberhaft-klassischen Woody Allen mit Dialogwitz, Esprit und Situationskomik“. Dem ist uneinge­schränkt zuzustimmen.

© 2023 by Uwe Lammers

Tja, das war doch mal ein mächtiges Name-Dropping, wie man neudeutsch so originell sagt. Aber ich deutete ja oben schon an, dass nicht nur die SchauspielerInnen es in sich haben, sondern auch die Personen, die sie in diesem Film kongenial verkörpern. Der Film fängt das magische Paris der 20er Jahre auf wunderba­re Weise ein, dass man beinahe denkt, so etwas könne es tat­sächlich geben.

In der nächsten Woche gibt es dann aber einen kleinen romanti­schen Nachschlag zu Jessica Clares beiden Romanzyklen „Per­fect Passion“ und „Perfect Touch“. Und auch das ist ein Roman, an den ich mich gern erinnere. In sieben Tagen wisst ihr, warum ich das so betone.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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