Liebe Freunde des OSM,
Geld ist uns allen lieb und teuer, würde ich mal sagen. Viel Geld ist etwas, was wir zumeist erstreben. Und unverschämt viel Geld – und darum geht es in dem Roman, den ich heute vorstellen will – löst höchst ambivalente Reaktionen in uns aus. Besitzgier, Neid, Fassungslosigkeit … und was wir immer wieder gern in Romanen lesen, sind Geschichten von spektakulären Raubzügen und Überfällen.
Ob bei „Fast and Furious“ ein ganzer Banksafe gestohlen wird. Ob in „The Italian Job“ eine Ladung Goldbarren den Besitzer wechselt oder – wie in diesem Fall – eine Milliarde US-Dollar vor Einführung der neuen Währung aus einem Hochsicherheitsgebäude geraubt werden soll … das sind Geschehnisse, die mich an die legendären Worte von Auric Goldfinger im gleichnamigen Bond-Film denken lassen: der menschliche Verstand habe auf allen Gebieten Rekorde erreicht, nur nicht in der Kriminalität!
Nun, dann schaut euch mal an, wie der Marquis und sein mörderischer Handlanger, der psychopathische Massenmörder Riordan, zu Werke gehen …:
Die Fälscher
(OT: The Heist)
Von Clive Cussler & Jack du Brul
Blanvalet 1380
480 Seiten, TB, 2024
Übersetzt von Wolfgang Thon
ISBN 978-3-7341-1380-2
Also, ganz ehrlich … ich habe wirklich viele Clive Cussler-Romane und solchen seiner Coautoren gelesen, aber so etwas ist mir noch niemals untergekommen. Hier hat, mit Verlaub, der Verlag vollständig gepennt. Man schaue sich den schlichten Titel an und dann den Roman, fasse sich an den Kopf und frage sich, was die Verantwortlichen wohl geraucht hatten, als sie DEN Titel für die deutsche Ausgabe wählten.
„Die Fälscher“ heißt der Roman … aber im gesamten Roman kommen keine Fälscher vor. Das ist etwa so, als wenn man einer Bilderausstellung von van Gogh den Titel „Picasso-Ausstellung“ verliehe und das völlig normal fände. Ich blinzelte weiß Gott ziemlich häufig, je weiter der Roman voranschritt und bis zur letzten Seite den Titelbezug nicht einlöste.
Wie gesagt, das habe ich bei diesem Autor noch nie erlebt. Aber offenbar ist wirklich irgendwann mal das erste Mal, dass man mit so was konfrontiert wird. Höchst kurios.
Der Roman selbst ist dagegen das vollständige Gegenteil, und es ist ein atemberaubendes Bravourstück, das mir mal wieder ein paar faszinierende neue Erkenntnisse über die frühen Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert aufzeigte. Worum also geht es, wenn es nicht um das geht, was im Titel sinnlos versprochen wird?
Zeitlich schließt dieser Roman eng an seinen Vorgänger „Seewölfe“ an. Wir befinden uns im Jahre 1914, der Erste Weltkrieg ist gerade ausgebrochen (aber interessanterweise ist das ein ferner Nebenkriegsschauplatz und spielt eigentlich keine Rolle). Stattdessen finden wir uns im August 1914 auf der Präsidentenyacht Mayflower auf dem Potomac. Bankenchefs aus dem ganzen Land sind zusammengerufen worden, um an einem epochalen Unternehmen des Präsidenten Woodrow Wilson teilzuhaben: Der Gründung einer nationalen Staatsbank mit Sitz in Washington, D.C. Damit wird zugleich eine neue nationale Währung in Milliardenhöhe in Umlauf gebracht, der heute gebräuchliche US-Dollar. Ebenezer Bell, Isaac Bells Vater, ist einer der Notenbankchefs, der an dieser Konferenz auf dem Wasser teilnimmt, und sein Sohn, der Chefermittler der Van Dorn-Agency, will eigentlich so in näheren Kontakt mit dem Präsidenten kommen.
Stattdessen wird Isaac Bell Zeuge eines Flugzeugangriffs auf die Yacht und kann das Mordflugzeug abschießen. Als er die Spur des Angreifers aufnimmt, kommt er beinahe zu spät, weil es Kumpanen an Land gibt, die sich jede erdenkliche Mühe geben, alle Spuren zu vertuschen. Höchst verwirrend dabei: er stellt den Lohn des Piloten sicher – und er besteht ausschließlich aus den modernen US-Dollarnoten, die noch gar nicht im Umlauf sind! Doch dann zieht der Secret Service die Ermittlungen an sich, und Bell wird wegen eines dringenden Mordfalls abgezogen.
In Newport, Rhode Island, soll der prominente Jackson Pickett seine Ehefrau Fedora Scarsworth-Pickett ermordet haben. Bell kann allerdings nachweisen, dass es sich um eine sehr komplex herbeigeführte Selbstmordtat der Frau handelt, mit der sie noch im Tode ihren Ehemann ruinieren wollte.
Als der Ermittler dann in New York Basis-Kontaktarbeit durchführen soll, wird er erst auf einer Hudson-Fähre bestohlen und, in Verfolgung des Taschendiebs, im Schiffsinnern eingesperrt. Mit der zynischen Bemerkung, „Das ist nichts Persönliches, Mr. Bell“ macht sich der Dieb aus dem Staub … und sprengt die Fähre in die Luft, wobei über einhundert Menschen ums Leben kommen. Bell entkommt mit Müh und Not.
Er hat keine Ahnung, wie er zur Zielscheibe werden konnte, aber die Geschichte wird ja noch abenteuerlicher.
Den nächsten Job unternimmt er undercover in Washington, D.C.,, um den Killer Glauben zu machen, er sei bei dem Attentat ums Leben gekommen. Hier unterstützt Bell nun C. Frederick Lawson, den Leiter des Sicherheitsdienstes des Bureau of Engraving and Printing Building, in dem die neue Währung hergestellt und unter Hochsicherheitsvorkehrungen verwahrt wird.
Und kurz darauf wird er Augenzeuge eines wirklich spektakulär eingefädelten Raubes, bei dem den unbekannten Angreifern unter ihrem sinistren „Marquis“ und dem psychopathischen Serienkiller Michaleen Riordan rund eine Milliarde Dollar in die Hände fallen.
Als Michaleen Bell aus zehn Metern Höhe beinahe in den Tod stürzen lässt und freundlich-höhnisch wieder betont, dies sei „nichts Persönliches“, wird klar, dass all diese Dinge seit dem Angriff auf die Präsidentenyacht zusammenhängen.
Doch wie findet man die Spur der Räuber wieder, wenn Michaleen mörderisch alle Spuren zu tilgen begonnen hat? Zumal wenn niemand von dem Raub in der Öffentlichkeit erfahren darf? Wie soll das gehen bei einem Raubgut, das rund eine Milliarde US-Dollar umfasst? Rasch beginnt Isaac Bell zu verstehen, dass er gegen ein kriminalistisches Meisterhirn antreten muss, das jeden Schritt dieser Operation akribisch geplant hat. Und dann bekommt er auch noch Probleme mit der Regierung … dramatisch schnell läuft ihm die Zeit davon …
Der Roman beginnt ein wenig schleppend, aber spätestens bei dem Mordfall in Newport wähnte ich mich, was Bells Deduktion angeht, fast in einer Sherlock Holmes-Geschichte … und von da an wurde die Sache immer spannender, das ist nicht zu leugnen. Was in Washington, D.C., anfängt und sich zu einer wilden Verfolgungsjagd entwickelt, bei der Autos zu Schrott gefahren werden und Züge entgleisen, das ist eine faszinierende kriminalistische Brotkrumensuche, packend und wagemutig zudem … und es zeigt sich einmal mehr, dass die Hartnäckigkeit der Van Dorn-Ermittler sich auszahlt. Es gibt sogar einen kleinen James Bond-Moment und einen Cameo-Auftritt eines gewisse Eliot Ness …
Alles in allem eine äußerst spannende Geschichte, die wirklich Laune macht. Gerade wenn das aktuelle Sommerwetter so drückend schwül ist, dass man rein gar nichts machen mag, ist das hier eine ideale Ablenkung. Bei kühlen Getränken und diesem Buch kann man alles um sich herum für viele Stunden vergessen.
Klare Leseempfehlung von mir!
© 2026 by Uwe Lammers
In der nächsten Woche wird es dann wieder sehr viel ruhiger. Weniger Tote, weniger Katastrophen … na ja, Beziehungsdramen dann schon, und reichlich Tränen gibt es auch. Ihr findet euch dann wieder in Jessica Clares Setting von „Perfect Touch“. Aber unterhaltsam wird es, das kann ich euch versichern, und des Kicherns kein Ende …
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.