Liebe Freunde des OSM,
wer meine Rezensionen kennt, der weiß, dass ich sowohl ein Fan von Zeitreisegeschichten bin als auch große Stücke auf den verstorbenen amerikanischen Autor Keith Laumer halte, der hierzulande leider vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Das verleitete mich aber schon vor Jahren nicht dazu, in restlos unkritische Rezensionshymnen auszubrechen. Ihr kennt das von meinen Clive Cussler-Rezensionen. Auch den (ebenfalls verstorbenen) Autor schätze ich, und seine Romane gefallen mir in der Regel sehr gut. Doch auch dort kommt es naturgemäß, wie bei allen Vielschreibern, zu Ausfällen und schwachen Werken.
Nun, bei Keith Laumer trifft das leider auch zu. Und damit sind wir beim vorliegenden Roman – der übrigens, auch wenn der Titel verblüffend ähnlich ist, nicht mit „Zeitlabyrinth“ von ihm verwechselt werden darf. Weder titelmäßig noch vom Inhalt her sind diese beiden Werke zu vergleichen. „Zeitlabyrinth“ ist immer noch einer meiner Lieblingsromane von ihm.
„Zeit-Odyssee“ hingegen … nun, schon als ich ihn vor über 20 Jahren rezensierte, wirkte ich nicht so ganz überzeugt. Ihr werdet das erkennen, wenn ihr weiterlest. Aber bildet euch am besten ein eigenes Urteil:
Zeit-Odyssee
(OT: Dinosaur Beach)
von Keith Laumer
Terra-Taschenbuch 219
162 Seiten, TB
August 1973
Übersetzt von Gisela Stege
Sein Name ist Jim Kelly. Er wohnt in Buffalo, USA, im Jahre 1936, und er ist frisch und glücklich verheiratet mit seiner Ehefrau Lisa. An einem Sommerabend verabschiedet er sich von Lisa, um noch ein Bier trinken zu gehen. So scheint es. Aber dies ist nur Tarnung.
In Wahrheit ist er der Zeitagent Ravel, der in dieser Epoche einen gefährlichen Gegner auszuschalten hat, dessentwegen er die absolute Tarnung auf sich nahm und mit gefälschten Erinnerungen sogar eine Frau dieser Zeit umwarb und heiratete. Als sich Ravel von seinem trauten Daheim löst, ist die Zeitagentenpersönlichkeit wieder zum Vorschein gekommen und lässt ihn nun handeln.
Zunächst sieht alles so aus wie ein Routineauftrag. Er findet sein Zielobjekt, einen menschlich verkleideten Roboter, den man „Karg“ nennt, eine von vielen Maschinen einer Roboterzivilisation der fernen Zukunft. Ravels Auftraggeber entstammen noch einer ferneren Zukunft, und sie haben ihre Zeitstation 65 Millionen Jahre vor der Jetztzeit am Strand der Saurier-Epoche errichtet (daher der amerikanische Originaltitel). Die Aufgabe dieser Spezialisten der so genannten Nexx-Zentralen ist eine Bereinigung und Begradigung von Zeitschäden der Vergangenheit, hervorgerufen durch Zeitexperimente früherer Zeitreisekulturen der Menschheit. Und davon gibt es eine Menge.
Kaum ist Ravel wieder in der Station Dinosaur Beach angekommen, geht alles auf eine sehr rätselhafte Weise schief: Panzerfahrzeuge greifen die Station an und können sie schwer beschädigen. Ravels Kommandant evakuiert sie in die Zukunft, nur Ravel selbst bleibt verletzt zurück und findet sich schließlich alleine am Dinosaurier-Strand. Die Station scheint explodiert zu sein und einen gewaltigen Krater zurückgelassen zu haben.
Als er seinen temporalen Notschalter aktiviert, findet er sich in einer Zeitstation wieder. Dummerweise ist es dieselbe, die eben gerade zerstört worden ist. Und sie ist menschenleer. Schlimmer noch: ringsherum wabert ein diffuses Nichts.
Ravel steckt in einer Zeitfalle, die er nicht versteht. Als er über den Zeittransporter der Station zur nächsten Zeitstation springen möchte, landet er stattdessen im 16. Jahrhundert auf einem gerade von Piraten angegriffenen Schiff. Und hier behindert er sich selbst, so sehr, dass er hilfloser Zeuge wird, wie ein Karg – nein, DERSELBE Karg, den er 1936 eliminiert hat – sein alter Ego über den Haufen schießt.
Vollends chaotisch wird die Situation, als er wenig später auf seine eigene Frau von 1936 stößt, die allerdings eine Zeitagentin namens Mellia Gayl ist oder zu sein scheint …
In diesem Roman, der ein wenig an die russischen Steckpuppen erinnert, weil hinter jeder Fassade noch einmal dasselbe auftaucht, nur in größerer oder – hier – perfekterer Version, verliert der Leser zwar nicht unbedingt den Faden der Handlung richtig aus den Augen, aber etwa ab der Hälfte merkt man, dass Laumer offenbar die Lust am Schreiben verlorenging.
Woran erkennt man das? An der Transformation des Zeitagenten Ravel in ein Superwesen. So plausibel es am Anfang noch sein mag, dass er für die vernünftige Ausführung seines Auftrages in Buffalo, 1936, ein Kunstego aufgepfropft bekommen musste, das sich erst allmählich zersetzte und Informationen preisgab, so wenig mag das Entdecken immer neuer Fähigkeiten zu überzeugen, darunter das Anhalten der Zeit, das mühelose Gehirnlöschen machtvoller Antagonisten und das noch mühelosere Reisen durch die Zeiten, um Gegner zu verfolgen. Reden wir mal nicht vom Auftauchen der Fünften, Sechsten und Siebten Ära, deren Agenten sich als machtlos gegenüber Ravel erweisen.
Vergleichbar manchem kosmologisch-gigantistischen Roman von beispielsweise Stephen Baxter (nehmen wir etwa Ring) geht über all diesen Bombast die sympathische Anfangsidee vollständig verloren. Das führt dann leider dazu, dass Ravel als Protagonist und als Identifikationsfigur nicht mehr taugt. Und damit ist der Roman gestorben.
Es ist schade, dass es so kommt, weil die erste Hälfte des Buches wirklich unterhaltsam ist. Aber ansonsten ist er nur eingefleischten Laumer-Fans zu empfehlen.
© 2003 by Uwe Lammers
In der nächsten Woche bekommen wir es dann mit einem weiteren recht fragwürdigen Stück Literatur zu tun, das massiv gehypt wurde, bei mir aber nicht so recht angekommen ist. Ihr werdet es erleben, woran das wohl gelegen hat, und vielleicht halte ich euch dann von einer voreiligen Geldausgabe ab.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.