Rezensions-Blog 571: Zeit-Odyssee

Posted Juli 29th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wer meine Rezensionen kennt, der weiß, dass ich sowohl ein Fan von Zeitreisegeschichten bin als auch große Stücke auf den verstorbenen amerikanischen Autor Keith Laumer halte, der hierzulande leider vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Das verleitete mich aber schon vor Jahren nicht dazu, in restlos un­kritische Rezensionshymnen auszubrechen. Ihr kennt das von meinen Clive Cussler-Rezensionen. Auch den (ebenfalls verstor­benen) Autor schätze ich, und seine Romane gefallen mir in der Regel sehr gut. Doch auch dort kommt es naturgemäß, wie bei allen Vielschreibern, zu Ausfällen und schwachen Werken.

Nun, bei Keith Laumer trifft das leider auch zu. Und damit sind wir beim vorliegenden Roman – der übrigens, auch wenn der Ti­tel verblüffend ähnlich ist, nicht mit „Zeitlabyrinth“ von ihm verwechselt werden darf. Weder titelmäßig noch vom Inhalt her sind diese beiden Werke zu vergleichen. „Zeitlabyrinth“ ist immer noch einer meiner Lieblingsromane von ihm.

Zeit-Odyssee“ hingegen … nun, schon als ich ihn vor über 20 Jahren rezensierte, wirkte ich nicht so ganz überzeugt. Ihr wer­det das erkennen, wenn ihr weiterlest. Aber bildet euch am bes­ten ein eigenes Urteil:

Zeit-Odyssee

(OT: Dinosaur Beach)

von Keith Laumer

Terra-Taschenbuch 219

162 Seiten, TB

August 1973

Übersetzt von Gisela Stege

Sein Name ist Jim Kelly. Er wohnt in Buffalo, USA, im Jahre 1936, und er ist frisch und glücklich verheiratet mit seiner Ehefrau Lisa. An einem Sommerabend verabschiedet er sich von Lisa, um noch ein Bier trinken zu gehen. So scheint es. Aber dies ist nur Tarnung.

In Wahrheit ist er der Zeitagent Ravel, der in dieser Epoche ei­nen gefährlichen Gegner auszuschalten hat, dessentwegen er die absolute Tarnung auf sich nahm und mit gefälschten Erinne­rungen sogar eine Frau dieser Zeit umwarb und heiratete. Als sich Ravel von seinem trauten Daheim löst, ist die Zeitagenten­persönlichkeit wieder zum Vorschein gekommen und lässt ihn nun handeln.

Zunächst sieht alles so aus wie ein Routineauftrag. Er findet sein Zielobjekt, einen menschlich verkleideten Roboter, den man „Karg“ nennt, eine von vielen Maschinen einer Roboterzivi­lisation der fernen Zukunft. Ravels Auftraggeber entstammen noch einer ferneren Zukunft, und sie haben ihre Zeitstation 65 Millionen Jahre vor der Jetztzeit am Strand der Saurier-Epoche errichtet (daher der amerikanische Originaltitel). Die Aufgabe dieser Spezialisten der so genannten Nexx-Zentralen ist eine Bereinigung und Begradigung von Zeitschäden der Vergangen­heit, hervorgerufen durch Zeitexperimente früherer Zeitreise­kulturen der Menschheit. Und davon gibt es eine Menge.

Kaum ist Ravel wieder in der Station Dinosaur Beach angekom­men, geht alles auf eine sehr rätselhafte Weise schief: Panzer­fahrzeuge greifen die Station an und können sie schwer beschä­digen. Ravels Kommandant evakuiert sie in die Zukunft, nur Ra­vel selbst bleibt verletzt zurück und findet sich schließlich allei­ne am Dinosaurier-Strand. Die Station scheint explodiert zu sein und einen gewaltigen Krater zurückgelassen zu haben.

Als er seinen temporalen Notschalter aktiviert, findet er sich in einer Zeitstation wieder. Dummerweise ist es dieselbe, die eben gerade zerstört worden ist. Und sie ist menschenleer. Schlim­mer noch: ringsherum wabert ein diffuses Nichts.

Ravel steckt in einer Zeitfalle, die er nicht versteht. Als er über den Zeittransporter der Station zur nächsten Zeitstation sprin­gen möchte, landet er stattdessen im 16. Jahrhundert auf einem gerade von Piraten angegriffenen Schiff. Und hier behindert er sich selbst, so sehr, dass er hilfloser Zeuge wird, wie ein Karg – nein, DERSELBE Karg, den er 1936 eliminiert hat – sein alter Ego über den Haufen schießt.

Vollends chaotisch wird die Situation, als er wenig später auf seine eigene Frau von 1936 stößt, die allerdings eine Zeitagen­tin namens Mellia Gayl ist oder zu sein scheint …

In diesem Roman, der ein wenig an die russischen Steckpuppen erinnert, weil hinter jeder Fassade noch einmal dasselbe auf­taucht, nur in größerer oder – hier – perfekterer Version, verliert der Leser zwar nicht unbedingt den Faden der Handlung richtig aus den Augen, aber etwa ab der Hälfte merkt man, dass Lau­mer offenbar die Lust am Schreiben verlorenging.

Woran erkennt man das? An der Transformation des Zeitagen­ten Ravel in ein Superwesen. So plausibel es am Anfang noch sein mag, dass er für die vernünftige Ausführung seines Auftra­ges in Buffalo, 1936, ein Kunstego aufgepfropft bekommen musste, das sich erst allmählich zersetzte und Informationen preisgab, so wenig mag das Entdecken immer neuer Fähigkei­ten zu überzeugen, darunter das Anhalten der Zeit, das mühelo­se Gehirnlöschen machtvoller Antagonisten und das noch mü­helosere Reisen durch die Zeiten, um Gegner zu verfolgen. Re­den wir mal nicht vom Auftauchen der Fünften, Sechsten und Siebten Ära, deren Agenten sich als machtlos gegenüber Ravel erweisen.

Vergleichbar manchem kosmologisch-gigantistischen Roman von beispielsweise Stephen Baxter (nehmen wir etwa Ring) geht über all diesen Bombast die sympathische Anfangsidee vollständig verloren. Das führt dann leider dazu, dass Ravel als Protagonist und als Identifikationsfigur nicht mehr taugt. Und damit ist der Roman gestorben.

Es ist schade, dass es so kommt, weil die erste Hälfte des Bu­ches wirklich unterhaltsam ist. Aber ansonsten ist er nur einge­fleischten Laumer-Fans zu empfehlen.

© 2003 by Uwe Lammers

In der nächsten Woche bekommen wir es dann mit einem weite­ren recht fragwürdigen Stück Literatur zu tun, das massiv ge­hypt wurde, bei mir aber nicht so recht angekommen ist. Ihr werdet es erleben, woran das wohl gelegen hat, und vielleicht halte ich euch dann von einer voreiligen Geldausgabe ab.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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