Rezensions-Blog 582: Perfect Touch 5/E – Vereinigt

Posted Oktober 14th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

nein, erotische Romane mit romantischen Verirrungen müssen nicht verkrampft daherkommen (wie neulich in dem Fall eines meiner Meinung nach völlig zu Unrecht gehypten Romans wie „Magnolia Parks“ (ich komme beizeiten noch dazu, rezensiert ist er schon) geschehen). Es geht auch superwitzig und geradezu abstrus-turbulent. Jessica Clare zeigt das mit dem formalen Schlussband ihres Zyklus „Perfect Touch“ auf sensationelle Wei­se, wie ich finde.

Ich musste eben schon, während ich die Rezension nachforma­tierte, beim Lesen wieder kichern. Es ist zwar fast sieben Jahre her (!), dass ich ihn las, aber die Begeisterung, die mich damals bei der Rezension des Bandes erfasst hatte, leuchtet noch im­mer durch die Formulierungen hindurch und entspricht nach wie vor meiner Anschauung.

Das hier ist Gute-Laune-Lektüre, ein bisschen so, wie Kylie Mi­nogue-Musik Gute-Laune-Musik ist. Ich glaube, wenn ihr nach den Rezensionsworten den Roman selbst lest, werdet ihr auch aus dem munteren Gekicher kaum mehr herauskommen.

Also, Vorhang auf für einen sehr vergnüglichen Roman:

Perfect Touch 5/E – Vereinigt

(OT: Billionaire On The Loose)

von Jessica Clare

Bastei 17617

320 Seiten, TB (2017)

Aus dem Amerikanischen von Kerstin Fricke

ISBN 978-3-404-17617-5

Es kann manchmal ganz gut sein, wenn Romanserien sich dem Ende zuneigen … aber es gibt dann auch Fälle, wo man sich wünscht, das Gegenteil sei der Fall. Mir ging es so, als ich Jessi­ca Clares Zyklus „Perfect Passion“ ausgelesen hatte. Das hätte ruhig noch ein Weilchen weitergehen können, fand ich. Und das­selbe geschah nun im Folgezyklus „Perfect Touch“, der zwar ein kleines bisschen holprig startete, dann aber doch wie ein frisch optimierter Motor rund zu laufen begann und zum Schluss rich­tig Laune machte.1

Tatsächlich hätte ich gerade in dem Fall des vorliegenden Ro­mans noch sehr gerne mehr Text gehabt und von der unglaub­lich schusseligen Taylor Westfield und ihrem Leben weiter mehr erfahren. Aber man bekommt halt im Leben nicht immer das, was man sich wünscht, nicht wahr?

Also, worum geht es denn dieses Mal? Hierzu ist es sinnvoll, sich ein wenig an den Zyklus „Perfect Passion“ zurück zu entsin­nen – dort kam es bekanntlich zur literarischen Gründung des oberitalienischen Fürstentums Bellissime, aus dem der Milliar­där Griffin Verdi stammt. In „Perfect Passion 4“ wird er durch Gretchen Petty mit der etwas chaotischen und in Etikettefragen eher unbewanderten Hinterwäldlerin Maylee Meriweather ver­kuppelt.

Nun lernen wir also seinen Cousin kennen, Leo delle Scogliere (der in „Perfect Touch 4“ übrigens noch ganz irritierend und durchgehend als „Loch“ vorgestellt wird … da hat die Überset­zungskontinuität eindeutig gepatzt! Ich vermute, der wohl im amerikanischen Original als „Loch“ bezeichnete Protagonist wurde dann „eingedeutscht“ in „Leo“, wie es einst im Falle von Jason Bourne geschah, der in frühen Heyne-Übersetzungen als „Jason Borowski“ firmierte). Leo ist ein Milliardär, so sollte man das jedenfalls annehmen, bezogen auf das traditionelle Setting der Clare-Romane. Aber hier ergibt sich schon das erste ver­gnügliche Problem.

Leo hat keine Ahnung, über wie viel Geld er verfügt. Die völlig verwöhnten Adeligen von Bellissime, die sich mit reichlich Die­nerschaft umgeben und quasi alle Aufgaben des Alltags an ihre Untergebenen delegieren, weiß darüber nicht Bescheid. Als ihn sein Cousin Griffin darauf anspricht, meint Leo ratlos: „Vielleicht zwanzig Millionen?“ Griffin ist entsetzt und meint, er hoffe doch sehr, er besäße noch mehr Finanz, immerhin habe er doch vor Jahren sein Schloss für immerhin 200 Millionen verkauft, um sich dann diesen kleinen toskanischen Landsitz zu besorgen, auf Leo sich wohler fühlte. Dass es dann letzten Endes 1,2 Milli­arden Dollar sind, die Leo sein eigen nennen kann, erleichtert ihn sehr – dann könne er sich wohl doch einen weiteren Be­diensteten leisten …

Ja, es geht vergnüglich zu in dem Roman, das kann man wohl sagen. Aber das ist noch harmlos im Vergleich zur zweiten Hauptperson des Romans. Dabei handelt es sich um die letzte Brautjungfer von Gretchen Petty, die eher unscheinbare und stets zerstreute und sehr nerdige Taylor Westfield (nachteilig fand ich allerdings, dass ihr Nachname erst auf Seite 284 eher beiläufig nachgetragen wird; über die Eltern wird wieder kaum ein Wort verloren, wie so auffallend häufig in Clares Romanen. Wenn das geschieht, sind es eigentlich immer ziemliche Ekelpa­kete …).

Taylor hat im Grunde genommen nie Zeit. Sie arbeitet im Kun­dendienst eines Computerfachhandels und hat darum die Mög­lichkeit, aus dem Home-Office tätig zu sein. Das gefällt ihr sehr gut, denn auf diese Weise kann sie ihrer zweiten Leidenschaft nebenbei frönen – Online-Rollenspielen wie „Excelsior“, in de­nen sie als Teamleiterin „Raids“ mit anderen Online-Spieler­freunden durchführt und sich einen gewissen Ruf erarbeitet hat und anerkannt wird.

Sonstige Freunde? Eher selten. Sie hat ja nie Zeit, nicht wahr? Und sie übernimmt deshalb auch nur sehr unwillig die Betreu­ung von Leo, als er als ihr „Match“ bei Gretchens Hochzeitspla­nung in Erscheinung tritt.

So jedenfalls ist es, bis sie ihn zu Gesicht bekommt – da ver­gleicht sie ihn unvermeidlich sofort mit Chris Hemsworth, dem „Thor“-Darsteller in den Marvel-Filmen. Ach ja, und daran muss man sich in diesem Buch gewöhnen: kulturelle Anspielungen an die phantastischen Genres tauchen hier ständig auf. Es wimmelt von solchen Anspielungen. Filmzitate aus Star Wars und Star Trek, Uniformen der Sternenflotte, gemurmelte Kommentare zu Doctor Who oder den Marvel-Filmen, Harry Potter usw. tauchen hier permanent auf, von Rollenspiel-Jargon mal ganz zu schwei­gen. Da ich die meisten Anspielungen durch Kenntnis der Filme und Romane bzw. Serien durchaus einzuordnen wusste, war ich ständig amüsiert.

Taylor ist jedenfalls schnell völlig fasziniert von diesem muskulö­sen Europäer, auch wenn ihr Kennenlernen sich unter eher chaotischen Umständen vollzog (ich deute nur mal an: es geht dabei um einen eingeklemmten Schal, Taylor, die sich in einem Badezimmer einschließt und schlussendlich nahezu klatschnass und benommen von Leo auf dem Boden desselben wieder auf­gesammelt wird – wobei er einen Blick auf ihren tollen Busen werfen kann, was ihn, verständlicherweise, sehr für die kleine Chaotin einnimmt). Und sie landet ebenfalls rasch für einen One-Night-Stand mit ihm im Bett und hat den besten Sex ihres Lebens.

Dummerweise gibt es auf beiden Seiten Geheimnisse und Pro­bleme, und die brechen ihrer keimenden Beziehung dann fast das Genick.

Leo verschweigt beispielsweise, warum er in den USA weilt – weil er dorthin gewissermaßen verbannt worden ist. Er ist zwar nicht sehr weit oben in der Thronfolge und steht noch hinter Griffin Verdi … aber der hat sich durch die Heirat mit Maylee völlig diskreditiert und kommt nicht mehr in Frage (was Griffin sehr erleichtert hat).

Dummerweise hat sich Cousin George durch Skandale in der Heimat Bellissime selbst aus der Bahn geschossen, ein anderer vorrangiger Thronfolger ist noch minderjährig … und so gerät Leo ins Visier zahlreicher interessierter Kreise in Bellissime. Aber er will partout nicht König werden. Zur Beruhigung der Lage wird er also kurzerhand für mehrere Jahre ins Ausland „ausgelagert“.

Das Problem besteht aber weiter. Wie kann er langfristig verhin­dern, als Königsaspirant herangezogen zu werden? Ihm fällt nichts ein, und er ist in den Staaten entsetzlich ziellos und un­glücklich.

Bis er Taylor trifft.

Taylor, die so zerstreut ist, dass sie in Bars bei einer Ablenkung vom Barhocker fällt. Taylor, die sich selbst mit dem Schal fast stranguliert und, vor einem Blumenstrauß flüchtend, so über ihre eigenen Beine stolpert, dass sie im Krankenhaus wieder aufwacht … sie ist wirklich die Chaotin in Person, und sie schafft es sogar, aus einer Kuchenverkostung ein Desaster zu machen, selbst wenn man dabei gar nichts verkehrt machen kann.

Sie ist die Frau, die Leo sofort auf Anhieb gefällt, weil sie witzig ist, unkompliziert und direkt. Und auch sexuell funkt es zwi­schen ihnen permanent. Dass sie aus vollkommen verschiede­nen Welten stammen, ist für ihn zweitrangig. Aber möglicher­weise ist das ja DIE Lösung – wenn er eine unstandesgemäße Amerikanerin heiratet und sie in Bellissime präsentiert (Griffins Beispiel zeigt es doch, nicht wahr?), dann würde man ihn dort auch nicht mehr mögen und schon gar nicht als König in Be­tracht ziehen.

Problem erledigt! Hervorragend.

Es gibt allerdings eine Schwierigkeit, und über die redet Taylor nicht, wiewohl sie ihr Leben längst in einen vollständigen Alp­traum verwandelt hat. Das ist Sigmund oder wie immer er im realen Leben heißen mag – ein Spielerkollege aus ihren Rollen­spielen, dem sie sich ein bisschen zu weit geöffnet hat. Er ist in­zwischen ein permanenter Cyberstalker, der Taylor nicht in Ruhe lässt. Und ständig droht er damit, sich umzubringen, wenn sie den Kontakt abbricht …

Der Abschlussband der Serie „Perfect Touch“ verschlägt den Le­ser wieder in einen interessanten subkulturellen Parallelkosmos, in dem sich auch Phantasten durchaus heimisch fühlen können. Eine Welt der Zauberer, Magier und Rollenspiel-Avatare, der ner­digen SF-Filme und konstanten Anspielungen. Zudem prallen hier wie üblich zwei Weltanschauungen aufeinander, und die Konsequenz ist ein gegenseitiger Lernprozess, der schlussend­lich – wir sind bei Jessica Clare! – eine erfolgreiche Liebesbezie­hung steht.

Wie ich oben schon andeutete, gerade der Charakter der toll­patschigen Taylor macht den Roman ungemein lesenswert. Und die monströse Stalking-Geschichte, die von Taylor ständige Heimlichkeiten und Lügen erzwingt und sie unter konstanten Stress setzt, ist dann gewissermaßen das ausgleichende Gegen­gewicht zu den amüsanten Strecken des Romans.

Gegen Schluss des Buches weicht die Autorin außerdem von den sonst vergleichsweise durchschaubaren Strukturen ab. Durch Einflechtung des obdachlosen Golfkriegs-Veterans Rex ei­nerseits und der durchaus ganz anderen Lösung des Sigmund-Dramas, als ich es anfangs erwartet habe, zeigt sie ein verblüf­fendes sozialkritisches Einfühlungsvermögen, das man hier viel­leicht nicht unbedingt annehmen würde. Ich fand es sehr wich­tig, dass sie solche nachdenklichen Töne in den Schlussakkord ihres Romanzyklus´ eingearbeitet hat.

Aber im Ernst: allein schon wegen der superwitzigen Interaktion zwischen den Hauptpersonen und Taylors ausgelösten Katastro­phen ist die Geschichte höchst lesenswert. An zahlreichen Stel­len kam ich aus dem Gekicher nicht mehr heraus. Und ja, wie eingangs gesagt – es wäre echt schön gewesen, wenn es noch ein gutes Stückchen weiter gegangen wäre. Das Potenzial dazu hätte es gewiss gegeben.

Nun, einen weiteren Band gibt es noch. Ich lasse mich da mal überraschen.

Für diesen hier gilt: unbedingte Leseempfehlung!

© 2019 by Uwe Lammers

In der kommenden Woche stürzen wir uns dann in ein Abenteu­er aus den 30er Jahren und besuchen mit Doc Savage und sei­nem Team ein Land des Schreckens. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mussten die deutschen Leser zwölf Monate auf dieses Abenteuer warten, das in Wahrheit schon das zweite war, durch das Lester Dent alias Kenneth Robeson den Bronzemann jagte.

Ich denke, das könnte ganz interessant werden. Details dazu er­fahrt ihr hier in der nächsten Woche.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Nun, inzwischen ist bekannt, dass es noch einen Nachzüglerband gibt. „Perfect – Für immer verführt“ wird demnächst in meinem Besitz sein, dann kann ich auch dazu etwas sagen.

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