Rezensions-Blog 566: Perfect Touch 1 – Ungestüm

Posted Juni 23rd, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

diesmal reisen wir gewissermaßen auf vertrautes Terrain zurück, auch wenn wir uns in einen neuen Romanzyklus begeben. Die Autorin Jessica Clare hat im Vorfeld mit ihrem Romanzyklus „Perfect Passion“, den ich bereits im Rezensions-Blog vorstellte (vgl. dazu am besten meinen Rezensions-Blog 500 vom 19. März 2025, in dem ich die Übersicht über die Rezensions-Blogs seit Anbeginn aufgelistet habe) gewissermaßen den Boden be­reitet für das, was hier jetzt geschieht.

Wem also das Touristenresort Seaturtle Cay auf den Bahamas vertraut vorkommt, der liegt völlig richtig, denn es war schon Schauplatz in „Perfect Passion 1“. Lange ist es her. Deshalb sei­en im Vorfeld zwei sanfte Warnungen ausgesprochen. Zum ei­nen: Wer ohne Kenntnis des Vorgängerzyklus in diesen Roman startet, wird es vermutlich ziemlich schwer haben, die Anspie­lungen darin gescheit zuzuordnen. Wenn man diese Bände hin­gegen mit Vergnügen gelesen hat, wie ich etwa, der wird sich vor Gekicher kaum mehr retten können.

Punkt 2 der Warnung: In der Folge wird es eine ganze Reihe un­gehobelter Formulierungen geben, die zarte Gemüter vielleicht schockieren können. Das ist nicht mein normaler Sprachge­brauch – ich habe mich hier an die ziemlich egomanische, rüpel­hafte männliche Hauptperson Robert Cannon etwas angegli­chen, damit ihr merkt, wie der Kerl so drauf ist.

Dessen ungeachtet gilt auch das, was ich weiter unten gegen Schluss der Rezension sage: Wir sind hier bei Jessica Clare, und Happy Ends sind bei ihr gewissermaßen programmiert … aber was auf dem Weg dorthin alles geschieht, ist bisweilen … sagen wir … abenteuerlich.

Bereit zum Start? Dann schaut mal weiter:

Perfect Touch 1 – Ungestüm

(OT: The Billionaire and the Virgin)

von Jessica Clare

Bastei 17466

336 Seiten, TB (2016)

Aus dem Amerikanischen von Kerstin Fricke

ISBN 978-3-404-17466-9

Titten oder Abflug!“, jauchzen die vulgären Strandnixen am Strand des restaurierten tropischen Resorts Seaturt­le Cay in den Bahamas, als der Milliardär Robert Cannon am Strand ist. Es nervt ihn, die Bezeichnung seines eigenen erfolg­reichsten Fernsehformats zu hören, durch dessen Vermarktung er zu seinen Milliarden gekommen ist – eine Sendung, in der eine Sendecrew rücksichtslos Frauen auf der Straße bedrängt, ihre Brüste zu enthüllen oder zu flüchten.

Das sei es doch, meint der rücksichtslose Egomane Cannon, was die Kerle sehen wollen, und der Erfolg gibt ihm da offenkun­dig Recht. Aber das heißt nun nicht, dass alles stimmt, was in den Klatschmagazinen über ihn geschrieben steht. All diese Ge­rüchte über Koks, den er sich reinzieht, die Partys mit Prostitu­ierten und seine Skandale … alles journalistisches Wunschden­ken. Eigentlich ist er von diesem Lebensstil schon ziemlich an­geödet, gilt auch für diese ekelhaften Silikonbrüste und die vul­gären Weiber, die sich ihm ständig aufdrängen.

Gerade jetzt, wo er in Seaturtle Cay ist, kann er das nicht ge­brauchen. Immerhin will er mit dem Milliardär Logan Hawkings, der hier weilt, einen Geschäftsdeal abschließen. Cannon will nach dem Skandal-TV ein wenig bodenständiger werden … aber Hawkings zeigt ihm die kalte Schulter. Schlimmer noch: er hei­ratet sogar hier und jetzt, heilige Scheiße (wie der fluchfeste Cannon oft und gern sagt). Er fragt sich zornbebend, wie er, verdammt noch mal, Hawkings, diesem arroganten A… zeigen kann, dass er es ernst meint!

Keine Chance, wie es scheint.

Und dann erleidet er auch noch einen Badeunfall, bei dem er fast ertrinkt – aber der panische Alptraum schlägt jählings ins Gegenteil um, als er von einer leibhaftigen Göttin geborgen wird: einer phantastischen Lebensretterin mit unendlich lang scheinenden Beinen in einem absurd roten Badeanzug mit lä­cherlichen weißen Punkten.

Und dann kommt dieser Scheiß-Lebensretter und verscheucht die Nixe!

So eine verdammte, verfickte Scheiße noch mal!

Von diesem Moment an will er diese phantastische Frau unbe­dingt wieder sehen. Nicht nur, um ihr zu danken, natürlich nicht. Er ist Robert Cannon, verfluchter Mist noch mal … er will sie na­türlich in sein Bett zerren und dieses Weib vernaschen. Soviel steht ja wohl fest. Anders, das ist ihm klar, kriegt er seine Le­bensretterin nicht mehr aus dem Kopf. Und das ist halt so seine Strategie, die er in vielen Lebensjahren perfektioniert hat – wenn er eine Frau haben will, dann kriegt er sie ins Bett, vögelt sie schön durch und vergisst sie danach. Warum also sollte das hier wohl anders laufen?

Nun, es läuft anders.

Robert Cannon macht die ernüchternde Erfahrung, dass zwei seiner drei Assistenten bei dem Versuch, mehr über seine Le­bensretterin herauszufinden, schlichtweg versagen. Dabei kann das doch wohl gar nicht wahr sein – die Frau ist mit weitem Ab­stand die größte Person, die er je gesehen hat. Diese Riesin kann man doch wohl nicht übersehen. Sie muss mindestens 1,80 Meter groß sein. Allein schon diese Wahnsinns-Hammerbei­ne! Die kann man doch überhaupt nicht übersehen! Wieso kön­nen diese verdammten Vollidioten dieses Rasseweib eigentlich nicht finden? Haben die Tomaten auf den Augen? Muss er sie feuern?

Schlimmer noch: Logan Hawkings will ihn kurzerhand aus dem Hotel rauswerfen – es ist schließlich sein Hotel, nicht wahr? – und von der Insel verscheuchen. Nun, er hat die Insel gekauft, also wäre das sein gutes Recht.

Aber, verdammte Scheiße, ein Robert Cannon lässt sich doch nicht wegjagen wie ein verfluchter Straßenköter! Erst recht nicht, ohne dass er seine Lebensretterin wiedergesehen und um den Verstand gevögelt hat …

Durch einen glücklichen Zufall trifft er erneut auf die Schönheit und bekommt heraus, wer sie ist … und verflucht diese Schick­salsfügung unweigerlich wieder. Denn sie ist quasi unerreichbar für ihn. Die 1,85 Meter große, sehr schlanke Schönheit heißt Marjorie Ivarsson und stammt aus Kansas City. Dort ist sie Ser­viererin in einem Diner – demselben Diner, in dem vormals die Kellnerin Brontë Dawson gearbeitet hat … Logan Hawkings Braut, zu dessen Gefolge sie jetzt als Brautjungfer gehört. Und Hawkings ist Cannons erklärter Feind.

Ändert das seine Ansicht? Nein.

Meidet er Marjorie, da er ständig Gefahr laufen muss, mit Hawkings und seinem Gefolge zu kollidieren? Natürlich nicht. Scheiße, nein, ein Robert Cannon zieht doch nicht den Schwanz ein, weil ihm irgendein verf… Milliardär dämlich kommt! Er ist, verdammt noch mal, Robert Cannon, nicht wahr? Wenn er eine Mieze haben will, dann kriegt er sie, so ist das immer schon ge­wesen! Scheiß auf Hawkings und seine dämliche Hochzeit!

Aber die Dinge werden schwieriger, als er sich das gedacht hat. Die skrupellose Prüfung Marjories durch seine Angestellten er­gibt für Cannon das ernüchternde Bild, dass die 24jährige Schönheit offenkundig noch Jungfrau ist. Und mit Jungfrauen hat er wirklich so überhaupt keine Erfahrung.

Heilige Scheiße, wie soll er denn mit einer Jungfrau anbandeln? Wie soll er das erreichen, dass sie nicht gleich schreiend vor ihm davonrennt, wenn er ihr mehr über sich erzählt? Da ist gu­ter Rat echt teuer. Und so beginnt sich Robert Cannon zu ver­stellen, seine automatische Neigung zum Fluchen zu unterdrü­cken, vorsichtig auf Marjorie zuzugehen und alles sehr, sehr langsam anzugehen. Gleichzeitig ist er weiterhin von Logan Hawkings Nachstellungen auf der Flucht und beginnt immer mehr zu fürchten, dass Marjorie ihn einfach zu googeln anfan­gen könnte, um aus seinem Leben zu verschwinden.

Marjorie ihrerseits ist anfangs verwirrt, dass Rob sich unbedingt mit ihr treffen möchte. Sie hat so gar keine sonderliche Erfah­rung mit Männern, und ihre Dates sind regelmäßig zum Desas­ter geworden … und die Ratschläge ihrer Freundinnen um Brontë Dawson helfen ihr auch nur sehr bedingt weiter und füh­ren stattdessen zu zwei desaströsen Dates mit Robert Cannon. Das untergräbt ihre ohnehin nicht sehr selbstbewusste Haltung noch mehr – ob Rob sich wohl wirklich noch mal mit ihr, dem „Fahnenmast“, wie frühere Männerbekanntschaften sie boshaft genannt haben, treffen möchte? Marjorie ist schon ziemlich ver­zweifelt.

Und dann taucht auch noch, um das Chaos vollständig zu ma­chen, Cannons Filmcrew von „Titten oder Abflug“ auf der Insel auf …

Gleich zu Beginn der neuen Serie „Perfect Touch“ zum Hand­lungsschauplatz des ersten Romans der Reihe „Perfect Passion“ zurückzukehren, halte ich für einen geschickten Schachzug von Jessica Clare. Man trifft zahlreiche Personen aus dem ersten Zy­klus wieder und ist quasi sofort wieder im alten Erzählstrom drin. Das hat natürlich Konsequenzen.

Wer meine bisherigen Rezensionen der ersten Serie gelesen hat, weiß, dass Leser, die sich allein auf „Perfect Touch“ konzen­trieren, über weite Strecken dieses Romans nur Bahnhof verste­hen werden. Die Lektüre der sechs Vorgängerromane ist also es­sentiell zum vollständigen Genuss. Dann ist es aber auch zu wit­zig, weil die ganzen Anspielungen darin Sinn machen. Ich be­ging vor ein paar Wochen den Fehler, mit dem zweiten Zyklus beginnen zu wollen, weil der vollständig vorlag im Gegensatz zu „Perfect Passion“, aber ich kapitulierte vor den Anspielungen schon im ersten Kapitel.

Diesmal, zweiter Anlauf, nach vollständiger Vorgängerband-Lek­türe, war wesentlich begreiflicher. Die etwas tollpatschige Mar­jorie, deren normale „Dates“ jenseits der 70 anfangen (sie spielt mit ihnen dann üblicherweise Bingo), die wegen ihrer schieren Körpergröße gehänselt, gedemütigt und von Männern ignoriert wird, ist ein durchweg liebenswerter Charakter, den man rasch ins Herz schließt. Der rumpelige Robert Cannon hingegen, der gerne, viel und unflätig flucht – ich habe es oben in der Rezensi­on ein wenig einzufangen versucht – , ist dagegen wirklich ein ungehobelter Schrat vor dem Herrn.

Und doch, wenn man ihn ein wenig besser kennen lernt, dann stimmt Marjories Einschätzung seiner Person durchaus: genau betrachtet ist er ein Mann mit einer rauhen, abweisenden Scha­le, unter der aber ein eher jungenhafter, ernsthafter und emp­findsamer Kern steckt. Auf seltsame Weise ist er Marjories Spie­gelbild, wenn auch vordergründig sehr viel erfolgreicher. Und er gibt sich wirklich erstaunlich viel Mühe mit der Jungfrau Marjorie … auch wenn das zunächst einmal im tränenreichen Chaos en­det.

Aber, hey, wir sind bei Jessica Clare – ihr kennt ihre „Milliar­därs“-Bände inzwischen. Natürlich kommen die beiden schließ­lich zusammen. Doch was auf dem Weg dorthin passiert, ist höchst unterhaltsam und süß. Es ist zwar ein wenig obskur, dass die Autorin ständig Milliardäre aus dem Boden sprießen lässt wie Champignons, und der personelle Start dieser Serie ist ein kleines bisschen holprig … aber es liest sich wirklich sehr angenehm. Dem Urteil der Booklovers for Life kann ich darum absolut zustimmen: „Ich verschlinge Jessica Clares Milliardärs-Bücher wie Schokolade – sie sind einfach so gut.“

Wer also romantisch veranlagt ist und Happy End-Romane liebt, wird hier wirklich bestens bedient. Klare Leseempfehlung mei­nerseits.

© 2019 by Uwe Lammers

In der nächsten Woche reisen wir zeitlich und realzeitlich ziem­lich weit zurück und besuchen einen alten Bekannten in einem sonderbaren Roman. Er residiert in London in der Baker Street und gilt als einziger beratender Detektiv der Welt.

Ja, natürlich wisst ihr, von wem ich rede. Aber die Gefahr, mit der er es dieses Mal zu tun bekommt, ist alles andere als die üb­liche Komplikation des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens am Ausgang des Viktorianischen Zeitalters.

Was ich damit meine? Nun, ihr solltet neugierig bleiben, in sie­ben Tagen seid ihr dann schlauer.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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