Rezensions-Blog 572:

Posted August 5th, 2026 by Uwe Lammers

80 Days (Sammelrezension)

Liebe Freunde des OSM,

tja, diesmal gibt es eine ordentliche Maulschelle und Warnung, das sollte ich einleitend gleich mal voranschicken. Als ich diese drei Bücher anno 2017 las, kam ich zwar schnell durch die Ro­mane, aber ich kann auch aus der Distanz von fast 10 Jahren sagen: Wirklich vom Hocker gerissen haben sie mich nicht.

Es ist eine Sache, ob die Verfasser aus ihrem Namen ein Ge­heimnis machen und sich in einen Aliasnamen flüchten. Kann man machen, das ist kein Verbrechen. Aber sich (zu Unrecht) mit fremden Federn zu schmücken, wie es hier geschieht und zu suggerieren, stumpfsinniger, oberflächlicher Lesestoff, der zu einem horrenden Preis unter die Leute gebracht wird, sei unbe­dingt lesenswert, das finde ich dann durchaus kritikabel, um nicht zu sagen skandalös.

Ich habe mir die drei Romane angetan, ja. Und ich war sehr froh, sie bald nach dem Rezensieren wieder loswerden zu kön­nen. Solche Platzfresser unterster Schublade brauche ich wirk­lich nicht, dafür gibt es hier in meiner Wohnung zu wenig Platz. Den hebe ich mir lieber für nettere, lebendigere Autorinnen auf (die sich nicht ihres wahren Namens schämen) und die vor allen Dingen lebhaft, leidenschaftlich und realitätsnah zu schreiben verstehen.

Das sind leider Dinge, die man als potenziell interessierte/r Le­serIn hier in diesen Romanen nicht finden wird. So lautet zumin­dest mein Urteil.

Wer also vielleicht mal antiquarisch auf diese Bücher stoßen oder sie noch ungelesen im Regal stehen haben sollte, dem mö­gen die nachfolgenden Worte zur Warnung dienen. Ich schreibe wirklich sehr ungern und nur höchst selten Anti-Rezensionen, aber hier ließ es sich beim besten Willen nicht umgehen:

80 Days (Band 1-3) – Eine Sammelrezension

80 Days (1) – Die Farbe der Lust

(OT: Eighty Days Yellow)

Von Vina Jackson (Pseudonym)

carl’s books

München 2012

404 Seiten, TB

ISBN-978-3-570-58522-1

Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan und Thomas Wollermann

Ihr Name ist Summer Zahova. Eigentlich stammt die feuerhaari­ge, blasshäutige Schönheit aus Neuseeland und ist Abkömmling ukrainischer Einwanderer. Gegenwärtig lebt sie in London, und ihre Leidenschaft ist die Musik, speziell das Geigenspiel. Fern der Heimat lebt sie ein solitäres, relativ zielloses Leben in be­scheidenen Verhältnissen, jobbt, und verliert sich mit wunderba­rer Hingabe in der Musik, namentlich in Vivaldis „Vier Jahreszei­ten“, die sie auch als Straßenmusikantin in London präsentiert. In der Liebe hat sie bislang eher wenig Glück gehabt, weiß aber selbst nicht recht, woran das liegt.

Das ändert sich bald darauf schlagartig.

Durch ihre Musikbegabung wird Dominik auf sie aufmerksam, ein Dozent für Literaturgeschichte an der Londoner Universität, der eher durch einen Zufall ihrem Konzert in der Londoner U-Bahn lauscht und sowohl von der Musik, mehr aber noch von der Frau selbst fasziniert ist. Als Summers Geige durch einen hässlichen Zwischenfall zerstört wird, kann er ihren Namen her­ausfinden und nimmt mit ihr Kontakt auf. Er bietet ihr an, die Geige zu ersetzen und erbittet dafür ein persönliches Treffen und ein privates Konzert.

So beginnt ihre Beziehung, die von Anfang an sehr speziell ist. Nicht nur, dass er schließlich von Summer verlangt, dass sie eine Privatvorführung für ihn mit einer Gruppe handverlesener Musiker gibt, nein, bei dieser Vorführung sind den Musikern die Augen verbunden, und Summer hat nackt für ihn zu spielen. Auf diese Weise lockt er, ohne das selbst recht zu wissen, eine ver­borgene Leidenschaft der Musikantin für dunkle Erotik aus ihr hervor, die stetig stärker wird.

Was weder sie noch Dominik wissen – eine ihrer Musikantinnen spielt dabei falsch. Die Cellistin Lauralynn schummelt und ist durchaus nicht zufällig in der Musikantentruppe, sondern von ei­nem weiteren Bekannten von Dominik, dem sinistren Viktor, ge­zielt in das Ensemble eingeschleust worden.

Während Dominik und Summer beginnen, speziell Summers dunkle erotische Leidenschaften zu erforschen, was sie alsbald tief in die BDSM-Szene abdriften lässt, hat der heißhungrige Vik­tor noch ganz andere Pläne mit der schönen Geigerin …

80 Days (2) – Die Farbe der Begierde

(OT: Eighty Days Blue)

Von Vina Jackson (Pseudonym)

carl’s books

München 2012

404 Seiten, TB

ISBN-978-3-570-58524-5

Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan und Thomas Wollermann

Summer Zahovas Ruf als höchst begabte Geigerin hat dazu ge­führt, dass sie ein Engagement in New York erhalten hat. Hin und her gerissen zwischen ihrer leidenschaftlichen Beziehung zu Dominik einerseits und der möglich werdenden Karriere als Musikerin andererseits hat sie sich dafür entschieden, dem Ruf nachzukommen und ist nach New York gezogen, wo sie sich je­doch sehr bald schrecklich einsam fühlt. So beunruhigend und verstörend auch die sinnlichen Begegnungen mit Dominik ge­wesen sind, so unfähig zu dauerhafter Bindung fühlt sich die Geigerin.

Um diese Einsamkeit, die nur von gelegentlichen Besuchen Do­miniks unterbrochen wird, ein wenig zu füllen und zudem ihre Neigungen zu exzentrischer erotischer Befriedigung etwas mehr zu erforschen, begeht sie einen kapitalen Fehler. Während sie bei einer Dozentin namens Cherry einen Kursus in Shibari-Bondage mitmacht, kommt sie mit dem herrischen, aber auch sehr anziehenden ukrainischen Dozenten Viktor zusammen, der – welch Zufall! – ebenfalls gerade für ein paar Monate in New York weilt. Er überredet sie, auf einer seiner Partys zu Gast zu sein … wenn dies das richtige Wort ist. Weder Party beschreibt das, was er inszeniert, richtig, noch ist die gespielte Harmlosig­keit seiner Begegnung mit Summer aufrichtig. Denn er tut noch sehr viel mehr und ist schließlich drauf und dran, Summers sehnsüchtigem Drang nach sexueller Unterwerfung eine endgül­tige Prägung zu geben.

Summer kann gerade noch in letzter Minute die Haltebremse ziehen – aber schamhaft verschweigt sie dies alles vor Dominik, wiewohl dieser ihr in ihrer offenen Beziehung bereitwillig alle Freiräume gelassen hat. Er selbst lebt ja auch während Sum­mers Abwesenheit nicht mönchisch.

Schwierig wird die Angelegenheit, als Dominiks Sehnsucht nach Summer überwältigend wird und er sich um ein Stipendium be­wirbt, das ihn ebenfalls für Monate nach New York führt. Nun kann er mehrere Monate lang mit Summer zusammen leben … aber insbesondere die schöne Geigerin fragt sich, ob sie so viel Nähe zu ertragen vermag, wo sie doch eher einer Katze gleicht und solitär durch die Welt streift.

Genau dies wird zum Problem, als sie unvermittelt mit intimen Fotos erpresst wird, die imstande sind ihre aufblühende Karriere brüsk und unwiderruflich zu zerstören …

80 Days (3) – Die Farbe der Erfüllung

(OT: Eighty Days Red)

Von Vina Jackson (Pseudonym)

carl’s books

München 2012

356 Seiten, TB

ISBN-978-3-570-58523-8

Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan und Thomas Wollermann

Seit der letzten Begegnung zwischen Summer Zahova und ihrem stürmischen, wenn auch herrischen und unterwerfenden Geliebten, dem Londoner Literaturdozenten Dominik, sind zwei Jahre vergangen. Die Liebenden haben sich entfremdet und sind, aufgrund von Lügen und verschwiegenen Geheimnissen im zweiten Band der Trilogie, getrennte Wege gegangen. Wäh­rend Summer nun zu einer gefeierten Klassik-Solistin aufgestie­gen ist, Tourneen absolviert und Alben veröffentlicht, hat Domi­nik in London seine Professur aufgegeben und sich ins Schrift­stellermilieu umorientiert.

Dominiks erstes Buch, das sehr stark von der Beziehung zu Summer inspiriert wurde, ist ein internationaler Bestseller ge­worden, den er seiner entschwundenen „Muse“ gewidmet hat. Nun arbeitet er in seinem Londoner Domizil an einem weiteren Roman, doch fehlt ihm, wiewohl die lebenslustige – und eigent­lich auf Frauen fixierte – „Domme“ Lauralynn bei ihm eingezo­gen ist, die Inspiration für den nächsten Roman. Erst ein Zufall zeigt ihm den Weg: er hat Summer damals nach dem Verlust ih­rer Geige ein altes, schönes Instrument, die „Bailly“ geschenkt, die einen verschlungenen Weg hinter sich haben soll.

Als er herausfindet, dass dieses Instrument geradezu mit einem Fluch beladen ist und in Musikerkreisen als „die Angélique“ be­kannt ist, beschließt er, über die Geschichte dieses Instruments und seiner Vorbesitzer/innen zu arbeiten.

Etwa zeitgleich trennt sich Summer in New York von ihrem der­zeitigen Lebensgefährten, dem venezolanischen Dirigenten Simón Lobo, der sie zwar liebt und verehrt, aber völlig unfähig ist, ihre dunklen Leidenschaften zu erfüllen. Dies scheint nur mit Dominik wirklich zu gehen, und so orientiert sich Summer sehn­süchtig zurück nach London, wo sie zwar den Kontakt mit Domi­nik meidet, aber wieder mit ihrem alten Musikerkollegen Chris zusammenarbeitet, in dessen Band sie früher einmal gelegent­lich mitgespielt hat.

Sie ist nicht wenig überrascht, als sich auf einmal ihre sonst so bodenständige Schwester Fran aus Neuseeland meldet und nach London zieht. Chris überredet Summer zu einem Wechsel ihres Metiers. Wie wäre es, wenn sie sich – auf Zeit – seiner Band für eine Tournee anschließt und ihr Klassik-Image ein we­nig durch Rock aufpeppen würde.

Auf diese Weise kommt sie in Kontakt mit dem charismatischen Rockmusiker Viggo Franck, und die Funken knistern zwischen ih­nen recht schnell – auch deshalb, weil Viggo ein sehr lockeres und verwegenes Verhältnis zum Sex hat, gern mit zwei Frauen zusammenlebt und zusammen in einem Bett ist … und eine davon ist bald Summer.

Aber dann passiert die Katastrophe – die „Bailly“ wird gestohlen und bleibt spurlos verschwunden. Der „Fluch der Angélique“ scheint sich einmal mehr zu erfüllen. Summer kommt sich vor, als wäre ihre Seele selbst geraubt worden. Orientierungslos drif­tet sie dahin, allein von den köstlichen Orgasmen im Dasein ge­halten, und von der intensiven Nähe ihrer Schwester und ihrer Freunde.

Und dann begegnen sich Summer und Dominik wieder …

Wenn Sie SHADES OF GREY mochten, werden Sie 80 DAYS lie­ben“, wirbt prahlerisch ein Button auf jedem einzelnen der drei Bände der Serie, eine Auskunft des LOOK MAGAZINE. Meiner Meinung nach eine einfältige Form von Marketing, die nicht mal entfernt das hält, was sie verspricht. Sagt hier jemand, der E. L. James mit ausgesprochener Freude gelesen hat.

Vina Jackson – das unaufrichtige Pseudonym eines „bekannten Lektors, Radiojournalisten und Kolumnisten“, der angeblich be­reits 9 Romane veröffentlicht hat (es hat allerdings sehr den An­schein, dass es eher Sachbücher waren, keine Romane)1, und einer Autorin, die „im Finanzsektor arbeitet und eine feste Grö­ße in der Londoner Fetisch-Szene“ ist, wie der Klappentext ver­kündet – hat mit dieser Trilogie versucht, recht unverhohlen an E. L. James´ Bestseller anzuknüpfen bzw. auf den Zug aufzu­springen. Ich halte dieses Experiment allerdings ebenso unver­hohlen für misslungen, was indes nichts daran ändert, dass sich die Bücher offenbar wie geschnitten Brot verkauft haben.

Die Struktur des Buches ist dabei prinzipiell durchaus interes­sant. Kapitel, die aus Summers Sicht in der Ich-Form geschrie­ben sind, wechseln sich mit Dominik-Kapiteln in der dritten Per­son ab. Das ist nicht unspannend, wird aber nicht gründlich aus­gearbeitet und mit Detailfreude und psychologischer Tiefen­schärfe ausgeführt. In der vorliegenden Form führt es vielmehr dazu, dass man quasi in allen Romanen zwei unterschiedliche Handlungsstränge vorfindet, die sich nur bedingt miteinander zu einer Synthese verbinden.

Das ist lesetechnisch sehr bedauerlich und deutet in meinen Augen auf eine distanzierte Arbeitsweise hin, die planerisch und handlungslogisch motiviert war, nicht emotional eng an den Protagonisten (man könnte auch boshaft sagen: dass die Roma­ne auf zahlreichen Reisen an unterschiedlichen Orten entstan­den, wie die Autoren im Nachwort zugeben, ist unübersehbar und wirkt sich extrem nachteilig auf die Textintensität und die inhaltliche Kontinuität aus). Es entsteht ein distanziertes Patch­work, dem zudem der letzte konsequente Mumm fehlt.

Das alles führt dann dazu, dass der E. L. James-Effekt nicht ein­treten kann: während dort Anastasia Steele durchgängig in der Ich-Form und der Innenperspektive dargestellt wird, was tiefe Einblicke in ihre Seele und ihre innere Zerrissenheit ermöglicht, so dass man sich als LeserIn mit der Erzählerin gut anfreunden kann (wenn man ihre Person mag; ich kenne von einer Freundin den Kommentar, dass sie davon genervt war – ich fand das nicht nachteilig), wird dies in den vorliegenden Romanen durch die kapitelweise wechselnden „Zuständigkeiten“ unmöglich ge­macht, und man wird immer wieder aus dem Lesefluss brüsk herausgerissen.2

Eine echte Identifikation mit den Haupthandlungspersonen wird so meiner Ansicht nach bis zum dritten Band fast unmöglich ge­macht. Erzählerisch fand ich das doch sehr unglücklich. Wer kei­ne Geduld hat, steckt zweifellos schon nach dem ersten Band entnervt auf (ich gebe zu, ich war dicht davor).

Zwar ist die Sprache durchgängig schön, manchmal wirklich sehr einfallsreich, mitunter durchaus poetisch, was eindeutig den guten Übersetzern zu verdanken ist und zur guten und zü­gigen Lesbarkeit der Bände beiträgt, aber auch die Tatsache, dass es stets drei Übersetzer je Band sein mussten, und dies für Bücher mit vergleichsweise sehr wenig Textvolumen, spricht eher gegen sie als für sie.

Noch ärgerlicher ist es, wenn man dann auf das – wirklich sehr häufige – Phänomen stößt, dass Kapitelblenden vor dem eigent­lichen Texthöhepunkt enden und dann im nächsten Kapitel aus der Retrospektive eher kursorisch vom nächsten Coautor er­zählt werden. Das klingt verrückt und vielleicht im ersten Mo­ment nicht nachvollziehbar.

Ein Beispiel: Summer wird in einem der Bände zu einer Vorfüh­rung im BDSM-Milieu eingeladen und hat nicht wirklich eine Ah­nung, worauf sie sich einlässt. Das Kapitel endet damit, dass sie nackt und gefesselt in einem Wohnzimmer vor lauter unbekann­ten Menschen steht und sich jemand anschickt, ihr Schamhaar zu entfernen.

Unwillkürlich erwartet man als Leser nun natürlich eine Innen­blende in die Protagonistin, um zu wissen, wie sie sich dabei fühlt. Das auch deshalb, zumal dann ein Summer-Kapitel folgt … doch anstatt diese Lesererwartung zu erfüllen, wird man stattdessen mit vollendeten Tatsachen konfrontiert und mit einer Situation, die wenigstens 15 Minuten später liegt.

Ich dachte, einigermaßen vor den Kopf gestoßen: Was ist das denn jetzt? Antwort: die große Überflieger-Perspektive, die ins­gesamt vorherrscht. Im Schreibplan stand wohl sinngemäß: „Also, ich gehe bis Punkt X, und dann übergebe ich den Staffel­stab an die Autorin B.“ Okay, kann man machen.

Aber Autorin B sagte sich wohl: „Ich soll diese Szene jetzt aus­führlich beschreiben? Nee, das mache ich nicht! Das ist mir jetzt zu heikel!“ Und sprang einfach munter weiter in der Handlung.

Das kann man vielleicht mal machen, auch wenn es kein guter Stil ist und zeigt, dass die Verfasser keinen Mumm besitzen, sich auf schwierige Szenen einzulassen. Aber wenn man das ständig macht und auf diese Weise Stunden, Tage, Wochen und Monate in der Romanhandlung kurzerhand ausblendet, dann wird doch aus der einmaligen Ausfallstelle ein absichtliches, strukturelles Prinzip.

Und dann beginnt auch das, was im zweiten Roman an einer Stelle anklingt, Sinn zu machen, wo nämlich im maskulinen Do­minik-Kapitel der Hauptperson Dominik sinngemäß folgende Worte in den Mund gelegt werden: Es sei doch einigermaßen schwierig, statt Sachbüchern auf einmal einen Roman zu schrei­ben.

Ja, dachte ich, das merkt man hier wirklich deutlich.

Der männliche Teil des Pseudonyms hat zweifellos eine Menge Kenntnis von Literatur und kennt sich recht ordentlich im Be­reich der Erotik aus, was wohl auf „die große Sammlung von Erotika“ zurückgeht, auf die schon im Klappentext rekurriert wird. Aber mit dem Schreiben der Höhen und Tiefen eines Ro­mans hat der eine Teil des Teams doch eher weniger Ahnung.

Der weibliche Teil des Pseudonyms mag sich in der Londoner Fe­tisch-Szene auskennen, das ist nicht zu übersehen, aber vom Darstellen der Innensicht von Frauen ist da doch eher weniger zu finden, sondern es herrscht eine Art Gefühlskälte vor, die mich sehr an die abstoßende Darstellung bei Catherine Millet erinnerte.3 Es ist vermutlich auch kein Zufall, dass ich den Auto­ren die Protagonisten Dominik einerseits und Lauralynn ande­rerseits strukturell zuordne.

Beide sind doch eher bindungsarme, solitäre Protagonisten, von deren Innenleben man vergleichsweise wenig erfährt (was, wenn diese Parallelisierung zulässig sein sollte, die Autoren dann von vornherein für einen solchen Roman disqualifiziert, weil es hier genau auf starke emotionale Momente und intensi­ve Innenblenden ankommt. Genau auf das also, was hier konse­quent fehlt).

Und dass dann Lauralynn dann im dritten Band als Verkupp­lungsinstanz fungieren muss, konnte mich auch nicht wirklich verblüffen. Dass sie – wie viele Personen in den Romanen – durchgängig keinen Nachnamen und zudem keine Biografie be­kommt, ist dann doch arg peinlich und spricht für die erwähnte Überfliegerperspektive, die man dann eher bei einem altbacke­nen, stumpfsinnigen Pornofilm erwarten würde statt bei einem romantischen Liebesroman mit BDSM-Zutaten, wie es in dieser Trilogie der Fall ist.

Dass man Summers familiäre Bindung erst im zweiten Roman vergleichsweise weit hinten mitbekommt, ist wohl auch kein Zu­fall. Zweifellos ist diese gähnende Fehlstelle im ersten Roman deutlich von Verlagsseite wahrgenommen worden und musste dann mühsam – durch eine Welttournee, die Summer auch in ihre Heimat Neuseeland zurückkehren lässt – gefüllt werden. Das ist übrigens eins der schönsten Kapitel im ganzen Buch 2, muss ich sagen.

Wenn sie müssen, dann können die Autoren sich offensichtlich durchaus zusammenreißen und in die Tiefe gehen. Schade, dass sie das auf Hunderten von Seiten einfach nicht machen. Die Tri­logie hätte dadurch sehr an Attraktivität gewonnen.

Wohingegen die Verlagsleitung durchaus zu kritisieren ist, weil der Klappentext von Band 2, der ja eigentlich nur neugierig auf den Inhalt machen soll, wirklich haarklein ALLES erzählt, von Anfang bis Ende … so etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Wer also auf die Erpressung wartet, sollte ab Seite 287 weiterle­sen, und wer sie erpresst, ist in keiner Weise eine Überra­schung. Auch in Band 3 verfuhr der Verlag so „verräterisch“ und zerstörte quasi jede Spannung.

Grundsätzlich sind die Bücher überaus überraschungsarm und, ja, auch handlungsarm, wie ich sagen muss. Da ist eine Frau James wirklich vorzuziehen, selbst wenn in den Romanen dort auch relativ wenig passiert. Wenigstens hat man lebendige Prot­agonisten, die so etwas wie Humor besitzen (der kommt in die­ser Trilogie so massiv zu kurz, dass man sich in einem Trauer­stück von Dauer-Melancholikern vorkommen kann).

Alternativ zu diesen Romanen wäre übrigens auch – und das ist jetzt einigermaßen pikant – eine deutsche Autorin namens Ivy Paul Vina Jackson klar vorzuziehen. Denn von 2014 bis 2015 verfasste die Autorin ihre drei „Sweet Sins“-Romane, die nicht umsonst in Australien spielen und ebenfalls nicht umsonst mit einem Musikerduo anfangen. Es ist relativ unübersehbar, was hier als Vorbild fungierte und was die Autorin besser machen wollte.

Ich nehme es mal vorweg: es ist in meinen Augen klar gelun­gen. Dort sind deutlich lebendigere Personen, realistischere Konflikte, explizitere Liebesszenen und, wenn auch gegen Schluss stets mit romantischem Weichzeichner vorgegangen wird, leidenschaftlichere Beziehungen zu finden.4

Bei Vina Jackson hatte ich dagegen stets das Gefühl einer ge­wissen klinisch unterkühlten Distanz zu den Protagonisten, die immer nur wieder mal vorübergehend aufgebrochen wurde, aber nie ernsthaft in die Tiefe ging. Hier kamen mir die Konflikte inszeniert vor, relativ mühsam dazu, primär motiviert durch die dämliche Verschlossenheit der Hauptpersonen, die, statt sich auszusprechen, gern in Schweigen, Lügen und Ausweichen flüchten. Besonders der Konflikt in Band 2 hätte sich leicht ent­schärfen lassen, aber dann wäre der Roman ja vermutlich obso­let gewesen.

Ebenfalls ein schlechtes Zeichen ist es, dass der letzte Roman kürzer ist als die vorangegangenen … denn normalerweise soll­te man annehmen (und etwa bei Diana Gabaldon ist das regel­mäßig so, aber mit ihr sollte man die beiden Autoren dieser Tri­logie nun wirklich nicht vergleichen, das hieße gewissermaßen, knackige Äpfel mit unansehnlichem Runzelobst zu vergleichen), dass gerade zum Schluss, wenn die Handlungslinien konvergie­ren, der Textumfang der Bücher deutlich zunimmt. Daran merkt man auch das Eigeninteresse der Verfasserin.

Hier ist das Gegenteil der Fall, ein klares Indiz dafür, dass die vorher schon nicht sonderlich komplexe Handlung dann endgül­tig implodiert. Auch der dritte Band brilliert weder mit klugen, raffinierten Ideen, ausgefeilten Charakteren oder überraschen­den Wendungen. Es ist so überdeutlich von Anfang an klar, wer die Geige stiehlt, dass sich die weitere Handlung bis zum Wie­derauffinden geradezu elend hinzieht. Nicht uninteressant zu le­sen, und durch die nähere Einbeziehung von Fran, Chris und Luba ein wenig lebendiger als in den ersten beiden Bänden, aber immer noch klarer Durchschnitt.

So traurig das auch zu sagen ist: Die Autoren haben eigentlich nichts zu erzählen, was man auch schon an der aufgeplusterten Schriftform der Bücher erkennt, die man mühelos auf 200 Sei­ten hätte unterbringen können, gescheiteres Textformat voraus­gesetzt. Auch dass jeweils die letzten 30 Seiten mit einem Vor­abkapitel aus dem nächsten Roman aufgeblasen werden, was mehr Inhalt suggeriert, als eigentlich da ist, halte ich für ausge­sprochen schlechten Stil, hier seitens des geldgeilen Verlages.

Die vollmundige Werbung des „Look Magazines“ führt also völlig in die Irre. Realistisch müsste man sagen: „Wer SHADES OF GREY gemocht hat, sollte von den vorliegenden Werken die Fin­ger lassen, er wird nur enttäuscht werden.“ Wer von SHADES OF GREY sowieso schon enttäuscht war, für den ist das hier reine Geldverschwendung.

Mein momentaner Ratschlag kann darum nur sein: Finger weg von diesen Büchern! Es gibt wirklich lesenswertere literarische Ergüsse. Und es ist schade um die Zeit, die man hiermit zu­bringt. Wenigstens in den ersten 3 Romanen (denn es gibt ja noch drei weitere davon, die wohl „wegen des großen Erfolgs“ nachgeschoben wurden. Keine Ahnung, welche Qualität die auf­weisen).

Und was hat es mit dem kryptischen Titel „80 Days“ auf sich? Keine Ahnung. Ebenso wie etwas sinnlos an Farben orientierten Generaltitel selbst bleiben die „80 Days“ vollkommen unklar. Vielleicht haben die Autoren 80 Tage gebraucht, um diese Mach­werke zu schreiben, aber das verraten sie natürlich nicht …

© 2017 by Uwe Lammers

Nein, es tut mir nicht leid, so über diese Lebenszeitverschwen­dung zu urteilen – davor kann ich nur jeden, der gute Bücher zu schätzen weiß, lebendige Protagonisten, plausible emotionale Konflikte und sinnlich-heißblütige erotische Szenen, dringend warnen. Und diese Funktion erfüllt die obige Sammelrezension. Sollte es jetzt Vina Jackson-Fans geben (kann ich mir ehrlicher­weise nicht vorstellen), die sich vor den Kopf gestoßen fühlen, dann kann ich nur eins wiederholen: Dies ist kein Schönwetter-Blog. Er ist nichts für Mimosen, und ich teile hier auch schon mal ordentlich aus, wenn ich der Ansicht bin, dies sei erforder­lich.

Übrigens … ich habe mich dann tatsächlich noch an den vierten Band gewagt und ihn gelesen. In vier Wochen erfahrt ihr, was ich dazu zu sagen habe. In der kommenden Woche landen wir bei sehr viel angenehmerem Lesestoff, nämlich bei Clive Cuss­ler, wo wir Humor und Action im Überfluss entdecken können.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

(BS, 26. Dezember 2025)

1 Mutmaßlich soll es sich dabei um Maxim Jakubowski handeln, aber das ist nicht verifiziert.

2 Nachtrag von 2025: Wie man so etwas RICHTIG aufziehen kann und die LeserInnen mitzieht, kann man sich in L. J. Shens vierbändigem Zyklus „Sinners of Saint“ zeigen lassen, wo die biografischen Details der Protagonisten äußerst lebendig in allen Höhen und Tiefen und inneren Zerrissenheiten nachgezeichnet werden – das macht diese Romane außerordentlich stürmisch lesbar und die Personen glaubwürdig. Bei dem obigen Machwerk kann man höchstens von arg schematischen, mühsam erzwungenen Innenperspektiven sprechen, die allenfalls Zeugnis von der Verkrampftheit der Verfasser ablegen.

3 Es ist wohl nicht überraschend, dass ich „Das geheime Leben der Catherine M.“ nie rezensierte und das Buch bald nach Lektüre aus meiner Bibliothek aussonderte. Ich fand es gefühlskalt und einigermaßen abstoßend.

4 Allerdings gelangen diese bei dem Label Plaisir d’Amour verkauften Romane bedauerlicherweise, im Gegensatz zu Vina Jacksons Machwerken, nicht in den regulären Buchhandel und bleiben daher ein Geheimtipp. Es wäre zu wün­schen, dass sich das ändert.

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