Liebe Freunde des OSM,
schon vor vier Wochen war ich über die ersten drei Romane dieses Romanzyklus absolut nicht angetan, ich habe das damals im entsprechenden Rezensions-Blogartikel klar zum Ausdruck gebracht. Aber der vierte Band lag mir halt 2017 noch vor, also habe ich mich überwunden, um ihn dann auch noch zu schmökern.
Ich sage es gern vorweg, damit ihr eine überhöhten Erwartungen hegt: Die Schwierigkeiten, die die ersten drei Romane zu einer unschönen Lektüre machten, gehen hier munter weiter. Überfliegerperspektive, Wegblenden bei kritischen Szenen, fehlende Dialoge, mangelnde Personencharakterisierung. Hauptpersonen, die nur Vornamen, aber keine vollständige Charakterisierung erhalten … und so weiter.
Erschwerend kommt hinzu, dass die immer noch anonymen Autoren sich diesmal ins entgegen gesetzte Extrem flüchten. Statt ständig wechselnde Perspektivwechsel zu haben, landen sie diesmal in einem den ganzen Roman ausfüllenden Monolog … ich weiß nicht, aber das ist nun wirklich nicht meins. Vielleicht gibt es wirklich LeserInnen, die sich von solch flüchtigem Leseexperiment ohne wirkliche Virtuosität angezogen fühlen, aber ich bin dafür eindeutig die falsche Person.
Folgerichtig fiel auch mein Fazit über diesen vierten Band des Zyklus alles andere als schmeichelhaft aus. Aber als Warnung sollt ihr wissen, was euch darin erwartet:
80 Days – Die Farbe des Verlangens
(OT: Eighty Days Amber)
Von Vina Jackson (Pseudonym)
carl’s books
München 2012
324 Seiten, TB
Preis: 12,99 Euro
ISBN-978-3-570-58526-9
Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan und
Thomas Wollermann
Man geht ja eigentlich davon aus, dass eine Trilogie nach drei Bänden abgeschlossen ist, deshalb heißt das Ganze ja auch „Trilogie“. Nun, im Fall der titelmäßig rätselhaften Serie „80 Days“ ist das anders. Quasi nahtlos wurden nach den ersten drei Bänden, also „Die Farbe der Lust“, „Die Farbe der Begierde“ und „Die Farbe der Erfüllung“1 noch ein vierter und fünfter Band nachgeschoben, offenkundig, um auf der Erfolgswelle weiterreiten zu können.
Inzwischen ist der vierte Band gelesen, und da es temporale und personelle Überschneidungsflächen gibt, wenn auch recht bescheidene und erst gegen Schluss, ist es vermutlich von Nutzen, noch mal kurz die Geschichte der ersten drei Bände zu resümieren.
Dort ging es um die junge Musikerin Summer Zahova und ihre nicht unproblematische, stets stark musikalisch geprägte dunkel-erotische Beziehung zu dem dominanten Dominik Conrad.2 Sie lernen sich in London kennen und haben eine stürmische, nicht unkomplizierte Beziehung, die auseinanderreißt, als sich ihre Karrierewege trennen – er schlägt als vormaliger Literaturdozent mit Sitz in London die Schriftstellerlaufbahn ein, sie wohnt inzwischen in New York und wird Solo-Geigerin. Ein wesentlicherer Grund ist aber darin zu suchen, dass sie nicht restlos aufrichtig zueinander sind und schlussendlich in Band 3 erst der vermittelnden Instanz der Cellistin Lauralynn bedürfen, um endgültig zueinander zu finden und glücklich zu werden.
Im Laufe dieser drei Romane lernen die beiden Hauptcharaktere eine Reihe von Nebenpersonen kennen. Eine davon ist eine faszinierende, geschmeidige Tänzerin namens Luba, mit der Summer schließlich im dritten Band auch intim zusammenkommt, und sie avanciert im vorliegenden Roman zur Hauptperson.
Mit bürgerlichem Namen heißt die ranke Blondine Lubow Schewschenko und stammt interessanterweise – wie Summer Zahovas ausgewanderte Eltern – aus der Ukraine.3 Sie wächst hier in prekären familiären wie finanziellen Verhältnissen auf und beschließt schon recht bald, nachdem ihre Wunschkarriere als Tänzerin Schiffbruch erleidet, einen Auslandsaufenthalt in den USA dazu zu verwenden, kurzerhand zu emigrieren. Es gelingt ihr, dort unterzutauchen, doch das ist erst der Anfang ihrer Probleme.
Ohne gültige Papiere ist es schwer, so etwas wie eine gescheite Anstellung zu finden, von einer akzeptablen Wohnung ganz zu schweigen. So wird sie genötigt, in einer Bäckerei auszuhelfen – und hier hat sie das Glück, den charismatischen und geheimnisvollen Chey und seinen russischen (!) Freund Lev kennen zu lernen.4 Er ist es, der von ihr magisch angezogen wird und ihr letztlich Zugang zu amerikanischem Wohlstand verschafft (was etwas rätselhaft scheint, da er als Beruf angibt, er sei internationaler Bernsteinhändler). Gleichzeitig ist er auch der Mann, der ihr Herz erobert und dem sie es erlaubt, sie zu entjungfern. Außerdem ist Chey ein Mann mit faszinierenden, wilden erotischen Ideen, und sie als vormalige Tänzerin in der Sowjetunion durchaus gelenkig und geschmeidig genug, um auch abenteuerlichste Posen mitzumachen.
Chey ist aber zugleich auch eine problematische Persönlichkeit – er neigt dazu, manchmal wochenlang ohne ein Wort spurlos zu verschwinden und anschließend sehr schweigsam zu sein, was die Zeit dazwischen angeht. Er ist ein Mann mit Geheimnissen, und dass er nicht aufrichtig zu ihr sein kann, belastet Luba recht schnell massiv. Als sie dann auch noch eine Schusswaffe in seinem Arbeitszimmer findet, nagt die Befürchtung an ihr, er könne insgeheim ein Krimineller sein und sie, ohne es zu wollen, ein Gangsterliebchen geworden sein. Kurzerhand ergreift sie die Flucht.
Durch Zufälle ergibt sich dann die Gelegenheit, in Clubs erotische Tänze aufzuführen, und mehr und mehr beginnt sich Luba darüber zu definieren … leider sehnt sich ihr Herz nach wie vor nach Chey, der sich aber nicht wieder meldet, sondern wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. So vergehen zahlreiche Jahre, bis Luba endlich mit einer erotischen Tanz-Performance (die in einem der ersten drei Bände aus der Außenperspektive dargestellt wird) so gut verdient, dass sie sich auf wenige Auftritte im Jahr beschränken kann.
Bei einem dieser Engagements trifft sie in New Orleans auf Summer Zahova und ihren Geliebten Dominik, und alsbald später laufen sich die drei wieder über den Weg, als Luba zur temporären Gespielin von Viggo Franck in London wird. Auch die offenbar unvermeidliche Lauralynn tritt wieder auf. So verflechten sich auf dezente Weise die Handlungsstränge der ersten drei Romane mit diesem nachgeschobenen vierten.
Und dann taucht wie ein Springteufel aus der Versenkung Chey wieder in Lubas Leben auf … und er befindet sich in Lebensgefahr, wie sie selbst recht bald ebenfalls …
Im Kontrast zu den ersten drei Romanen der Reihe hat dieser hier einen ganz unübersehbaren, klaren Vorteil: Er weist nur eine Handlungsperspektive auf, nämlich die von Luba. Und sie erzählt, auch das ist ein klarer positiver Kontrast zu den ersten drei Bänden, konstant aus der Ich-Perspektive. Man hat darum das eindeutige Gefühl, dass das Autorenduo doch gründlich dazugelernt hat seit der Abfassung der ersten drei Romane. Allerdings meiner Überzeugung nach noch nicht genug.
Weite Strecken des Romans lesen sich nämlich nach wie vor wie ein mächtiger Monolog. Die ersten leichten Dialoge kommen auf Seite 32 und 42 zustande, werden aber sehr schnell wieder abgewürgt, ehe sie sich – was vernünftig wäre – in gescheite Kennenlern-Szenen und ausgiebige Diskussionen entwickeln könnten. Der nächste, der der Rede wert ist, kommt auf Seite 56 in Gang … und so geht das den ganzen Band lang weiter. Überall da, wo man so schön durch direktes Nah-Herangehen an die Szene die Atmosphäre hätte einfangen, Zweifel, Amüsement, Humor, Nervosität und Sehnsucht hätte ausdrücken können, fliegt Vina Jackson wieder über den Handlungskontext dahin.
Überflieger-Perspektive, wieder einmal oder immer noch. Ich fürchte letzteres und nehme an, das wird auch nicht mehr besser werden. Warum? Weil das „Erfolgsrezept“ ja mit dieser Erzählperspektive perfekt funktioniert hat für oberflächliche und literarisch nicht sonderlich gebildete Leserkreise. Seufz!
Ich seufzte und las weiter, halbwegs dadurch besänftigt, dass zumindest eine durchgängige Erzählperspektive existierte. Luba – Lubow ist in meinen Augen nun wirklich kein sonderlich attraktiver Frauenname und wirkt hier eher wie eine Verlegenheitslösung (vielleicht, weil die Autoren wiederholt gefragt wurden, was neckischerweise in diesen Band projiziert wird, ob „Luba“ ein Künstlername sei)5 – nun, Luba also erweist sich als ein deutlich sorgfältiger ausgearbeiteter Charakter als etwa Dominik in den ersten drei Bänden, und in meinen Augen ist unübersehbar, dass der Roman primär von einem Teil des Duos, mutmaßlich dem weiblichen, verfasst wurde. Wahrscheinlich auch eher nicht auf Reisen, sondern relativ stationär an einem Ort.
Noch immer gibt es keine Erklärung für die willkürlichen „80 Days“, während sich zumindest ein wenig bemüht wurde, diesmal das „Amber“ im Originaltitel für Bernstein begreiflicher zu machen (das mindestens kann als geschickt gemacht gelten). „Farbe des Verlangens“ ist nach wie vor schwammig und nichtssagend. Dass der geistlose Werbeslogan des „Look Magazines“, der schon die ersten drei Bände zierte, hier wieder bemüht wird, ist ermüdend und unnötig, weil immer noch kaum zutreffend. Man kennt analoge Vorgehensweisen von anderen Verlagen, wo etwa Dan Simmons von Stephen King überschwänglich angepriesen wird (auf verschiedenen Romanen mit höchst verschiedenem Niveau), stets mit denselben euphorischen Worten.
Aber es kann gleichwohl nach der Lektüre zugegeben werden: dieser Band ist durchaus solider geschrieben als die Vorgängerbände … wenn man auf einen dreihundertseitigen Monolog einer durchaus melancholischen ukrainischen Tänzerin steht. Wirklich zu „packen“ versteht mich dieser Band aber auch nicht recht. Da gibt es doch deutlich spannenderen Stoff, der glaubwürdiger inszeniert ist. Ich denke da etwa an die Autorin Eden Bradley, von der ich kürzlich einen Roman auslas, der sehr viel glaubwürdiger und lebendiger argumentiert.6
Ich werde schauen, was ich zu den abschließenden zwei Romanen dieses Zyklus zu sagen habe, deren Lektüre noch ansteht.7 Jedoch scheint bereits festzustehen, dass die Qualität dieses Zyklus als maximal mittelmäßig einzustufen ist. Wer nämlich fast 1500 Seiten braucht, um halbwegs in Form zu kommen, der sollte mal bei den Profis in die Schule gehen, die auf 300 Seiten mehr Faszination zu wecken verstehen und lebendiger und glaubwürdiger schreiben als in den obigen Romanen zusammen. Da besteht doch irgendwie eine klare Dysbalance zwischen Autorenbefähigung und Lesererwartung, dem die Autoren besser entsprechen sollten.
© 2017 by Uwe Lammers
Noch eine Ergänzung meinerseits zum letzten Fußnotenkommentar: Ja, es gab noch zwei weitere Teile. Aber die habe ich mir dann gar nicht mehr angeschaut. Warum auch? Wenn mir die ersten vier Bände schon nicht gefallen haben, weshalb sollte ich mir dann den Schrott auch noch antun und ihm kostbare Lesezeit und Lebenszeit opfern? Falls ihr also zu den Romanen noch Rezensionen sucht, müsst ihr leider anderweitig danach fahnden. Hier gibt es die nicht.
In der kommenden Woche werden wir dann mal wieder zu Clive Cussler zurückkehren. Das ist dann für längere Zeit der letzte aktuelle Cussler-Roman … danach fange ich mit der Besprechung einer sehr viel älteren Serie an, die mich lange beschäftigen wird. Dazu sage ich dann Näheres im Blogartikel 579.
Bis bald, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.
(BS, 3. Januar 2026)
1 Vgl. dazu die Sammelrezension zu den genannten ersten drei Bänden, 2017, im Rezensions-Blog 572 vor vier Wochen.
2 Seinen vollen Namen erfährt man, wenn ich das richtig erinnere, tatsächlich erst in diesem Band auf Seite 223 … nachdem schon über tausend Seiten von ihm geschrieben wurde. Peinlich, um es vorsichtig zu sagen. Und dabei bleibt es auch diesmal nicht.
3 Ich schätze aber mal, dass der Name korrekt „Schewtschenko“ hätte geschrieben werden müssen, auch macht der Klappentext aus ihr ungeniert eine „Russin“, wogegen die Ukrainer sicherlich vehementen Protest einlegen würden …
4 Chey bekommt im gesamten Roman keinen Nachnamen, soweit ich das sehen konnte … ein absolutes No-Go für Hauptpersonen, und er ist eine Hauptperson!
5 Aber da kann man mich natürlich gern korrigieren, ich kenne mich mit ukrainischen Mädchennamen nun wirklich nicht aus. Das Obige ist jetzt so ein Bauchgefühl.
6 Die Rede ist von „Dunkle Sehnsucht“, 2014. Rezension in Vorbereitung.
7 Wieso ich JETZT noch von zwei Romanen spreche? Weil entgegen der Ankündigung im Umschlag des Buches nicht nur fünf Teile existieren, sondern deren sechs. Überraschung!!!