Liebe Freunde des OSM,
zugegeben: Der Erste Weltkrieg ist eines meiner historischen Steckenpferde, infolgedessen ist es äußerst nahe liegend, dass ich Romanen wie Sachbüchern, die ihn thematisieren, meine besondere Aufmerksamkeit zukommen lasse. Ebenfalls eingestanden: Clive Cussler und seine Protagonisten, zu denen Isaac Bell zählt, der Detektiv, der hier die Hauptperson darstellt, wird von mir in der Regel sehr gern gelesen. Die Konsequenz, wenn beide Faktoren zusammenspielen, führt üblicherweise dazu, dass ich zwar immer noch als kritischer Leser fungiere … aber zugleich mein Lesevergnügen zunimmt.
Bei diesem schlicht gestalteten Roman war ich ein wenig am Zweifeln, da Isaac Bell nun einmal weder Soldat noch Spion ist, sondern ein Detektiv, der ganz wesentlich (mit gelegentlichen Ausnahmen) auf dem amerikanischen Festland agiert. Ihn auf einmal in einem Seekriegs-Setting des Ersten Weltkriegs agieren zu sehen, an dem er nicht als Kombattant teilnimmt, war deshalb etwas verwunderlich.
Ohne Zweifel hatte auch Jack du Brul, der von Justin Scott den Staffelstab für die Weiterdarstellung der Bell-Abenteuer übernommen hat (wie auch Wolfgang Thon, der hierbei Michael Kubiak als Übersetzer abgelöst hat), einige argumentative Schwierigkeiten, diese Dinge in Deckung zu bringen.
Ich muss sagen, ich fand das Resultat äußerst gelungen. Schauen wir uns das doch einfach mal näher an:
Seewölfe
(OT: The Sea Wolves)
Von Clive Cussler & Jack du Brul
Blanvalet 1293
528 Seiten, TB, 2023
Übersetzt von Wolfgang Thon
ISBN 978-3-7341-1293-5
Krieg ist immer ein blutiges Geschäft, ganz gleich, wie sehr die Propagandisten auch behaupten mögen, er sei „gerecht“. Militärischer Massenmord ist, wenigstens in meinen Augen, niemals mit diesem Wort zu rechtfertigen. Aber das ist eine akademische, vielleicht auch philosophische Frage, die hier nur am Rande angeschnitten sein mag.
Krieg ist immer auch neben dem reinen Gefechtsfeld ein Geschehen, das insbesondere Spionage und Sabotage befördert – und auf der Gegenseite natürlich den Versuch, selbige einzuhegen und aufzudecken, um die eigene Seite zu stärken, die der Gegner so im Hinterland zu schwächen sucht.
Als im Sommer des Jahres 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, halten sich die Vereinigten Staaten heraus, weil sie sich für neutral erklärt haben. Aber ihre Waffenindustrie möchte möglichst doch noch in den ersten Kriegstagen Geschäfte mit den Briten machen, die dringend Waffenhilfe benötigen. Also ersinnen die Verantwortlichen Mittel und Wege, um noch ein paar Waffenlieferungen ins Vereinigte Königreich zu schmuggeln. Für die Bewachung der Verladung von etlichen hundert Kisten mit Gewehren und Munition wird die Van Dorn-Agency engagiert mit ihrem Chefermittler Isaac Bell. Durch einen schieren Zufall stößt er dabei auf deutschfreundliche Amerikaner, die revolutionäre Funksender in die Waffenkisten schmuggeln – einmal auf See geben diese Sender Signale ab, die feindliche U-Boote zielgenau die Möglichkeit zur Versenkung der Transportschiffe geben. Nur mit größten Anstrengungen können nach einer ersten Versenkungsaktion weitere Katastrophen verhindert werden.
Dennoch … Bell sagt sich, ebenso wie sein Chef, dass der Krieg ihre Sache nicht ist. So bleibt es dann, bis im April 1915 der junge italienischstämmige Ensign Joe Marchetti in den alarmierenden Versenkungsziffern von Schiffen aus dem New Yorker Hafen mit Ziel England ein Muster festzustellen glaubt. Seiner Ansicht nach operiert im New Yorker Hafen ein deutscher Agentenring, der – wie auch immer – den Deutschen die vielversprechenden Ziele ankündigt, die dann torpediert werden.
Eher gegen seinen Willen wird Bell überredet, sich um diese Frage zu kümmern. Nicht zuletzt, weil seit dem vergangenen Sommer der Verdacht an ihm nagt, dass er vielleicht nicht alle deutschen Spione ausgeschaltet hat. Ein Verdacht, der sich bestätigen soll und viele Menschenleben kosten wird. In der Tat gibt es weitere deutsche Agenten und deutschfreundliche Saboteure, die über eine revolutionäre Funktechnologie und ein raffiniertes Netzwerk in den USA verfügen, mit dem sie Bell und seinen Agenten deutlich voraus sind. Hinzu kommt erschwerend, dass die Detektive von moderner Funktechnik keine rechte Vorstellung haben – deshalb wird kurzerhand Ensign Marchetti, der sich damit bestens auskennt, an die Agentur ausgeliehen. Gemeinsam beginnen sie mit der Jagd auf den Feind.
Allerdings ahnt Isaac Bell selbst in dem Moment, als er ihm Aug in Auge gegenübersteht, nicht im Traum, wer das ist – ein alter Feind namens Foster Gly, dem er vor drei Jahren in England schon einmal gegenüberstand. Er nahm an, Gly sei inzwischen im französischen Straflager in Französisch-Guayana umgekommen, doch weit gefehlt.
Gly nutzt diese Chance, die ihm das Schicksal dank deutscher Befreier gegeben hat, um seinen verhassten Todfeind auszuschalten … ein mörderischer Wettlauf folgt, der zu einem tödlichen Duell führt …
Ich gebe zu, ich war wirklich verblüfft, Foster Gly wieder zu treffen. Wen die Vorgeschichte interessiert, der sollte im Vorab besser den Roman „Die TITANIC-Verschwörung“ lese, in dem Gly auftaucht. Selbst nach vielen Jahren Straflager ist Gly ein höllisch gefährlicher, durchtriebener und reaktionsschneller Gegner, der Isaac Bell in diesem Roman mehr als nur einmal üble Blessuren zufügt. Zugleich ist er solch ein hartnäckiger Überlebenskünstler, dass er, selbst als er tot geglaubt wird, tatsächlich weiterlebt und weiteres Unheil inszeniert.
Der Schluss des Romans führt dann direkt zu der verheerenden Versenkung des Dampfers „Lusitania“ in der Irischen See, bei der mehr als hundert Amerikaner und sehr viel mehr andere Passagiere ihr Leben verlieren. Hier wird eine alternative Deutung gebracht, wie es zu der Versenkung kommen konnte. Aber ich fürchte, du Brul übernimmt zudem eine historische Legende – es ist richtig, dass Kapitän Walther Schwieger an Bord der U-20 nur einen Torpedo abfeuerte und das riesige Passagierschiff in nur 18 Minuten unterging, was damals für allgemeines Entsetzen sorgte. Allerdings hat das wohl weniger mit geladener Munition zu tun (wie während und nach dem Weltkrieg gern verbreitet wurde).
Soweit ich mich entsinne und es Tauchgänge von Robert D. Ballard später ziemlich sicher ergeben haben, war die verheerende Explosion an Bord des Schiffes, die zum rasanten Untergang führte, wesentlich mit einer fatalen Kohlenstaubexplosion zurückzuführen, die die direkte Folge des Torpedoeinschlags war. Für du Brul scheint allerdings geladene Munition als Untergangsgrund festzustehen.
Ungeachtet des nur partiell zutreffenden Titels – die meiste Zeit wird eben nicht auf U-Booten agiert oder auf von ihnen bedrohten Schiffen, sondern an Land – ist bei dieser Geschichte ein durchaus packender Roman herausgekommen, in den du Brul dann sogar noch eine niedliche Lovestory eingewoben hat.
Alles in allem ein wirklich lesenswerter Roman, der besonders durch das detailliert beschriebene technologische Lokalkolorit besticht, wie ich immer wieder finde. Die durch mangelhafte Kommunikations- und Straßenverhältnisse auftretenden Handlungshemmnisse im Verein mit den gerissenen, geschickten Feinden dramatisieren die Geschichte dabei ganz ausgezeichnet.
Eine klare Leseempfehlung von mir!
© 2026 by Uwe Lammers
In der nächsten Woche machen wir einen weiten historischen Schritt in die Realgegenwart und kümmern uns um einen interessanten Roman, der dann sehr viel weniger historisches Basiswissen abverlangen wird. Die Autorin Eden Bradley begibt sich einmal mehr auf das Terrain der dominant-submissiven Liebeserfahrungen.
Mehr dazu in sieben Tagen an dieser Stelle.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.