Rezensions-Blog 559: Räuber von den Sternen

Posted Mai 6th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

Zeitreisegeschichten gibt es solche und solche … diejenigen, die eher als mäßig gelungen zu betrachten sind, wo hinein ich das zweite Abenteuer von Hannibal Fortune, also den Vorgän­gerband dieses Romans hier rechnen möchte, als auch jene, die den Leser echt packen und mitzureißen verstehen, weil sie ein­fach gut komponiert sind.

Das hier ist einer von der letztgenannten Sorte.

Hannibal Fortune von T.E.R.R.A. erfährt von einem Notruf aus dem 15. vorchristlichen Jahrhundert, aus dem Zeitalter der In­dus-Kultur, und er eilt zu Hilfe, um eine gefährdete Kulturwis­senschaftlerin zu evakuieren. Doch die Situation erweist sich als deutlich anders als erwartet, und binnen kürzester Zeit geraten beide in akute Lebensgefahr.

Im Detail sieht das dann folgendermaßen aus:

 

Räuber von den Sternen

(OT: The Emerald Elephant Gambit)

Von Larry Maddock

Terra-Taschenbuch 157

160 Seiten, TB, 1968 (1967)

Aus dem Amerikanischen von Walter Brumm

Keine ISBN

Mit diesem Roman liegt der dritte Band der Zeitreise-Abenteuer des T.E.R.R.A.-Agenten Hannibal Fortune vor … aber davon wusste ich, zugegeben, nichts, als ich ihn mir auf einer Reise in einem Wiener Antiquariat anno 1996 kaufte und kurzerhand in meinen Buchbestand einsortierte. Ungelesen, aber als Lesevor­rat für die Zukunft. Es klang ja auch zu spannend: Ein Zeitrei­seabenteuer, das mich nach Mohenjo Daro ins Industal entführ­te? Davon hatte ich schon in historischen Büchern flüchtig gele­sen, aber wirklich orientiert, was es mit der Harappa-Kultur auf sich hatte, war ich damals nicht.

Heute, satte 27 Jahre später, bin ich diesbezüglich historisch et­was trittfester (Betonung auf „etwas“, denn diese Kultur ist im­mer noch sehr von Legenden umwittert; umso erstaunlicher, dass Maddock hier 1967 bereits einen Roman ansiedelte!). Den­noch dauerte es bis 2023, ehe ich alle vier Romane von Ma­ddocks Zyklus beisammen hatte und mir diesen Roman auch endlich zu Gemüte führen konnte.

Die Wartezeit hat sich definitiv gelohnt.

Nach Hannibal Fortunes eher mäßig geglücktem Ausflug auf den Kontinent Atlantis im zweiten Roman hoffte ich deutlich mehr auf bessere Fundierung dieses Romans und wurde nicht enttäuscht. Der Klappentext erweist sich freilich als etwas bizarr irreführend. Denn Fortune kämpft durchaus nicht „auf der Seite derer, die er hasst, um das Gleichgewicht der Geschichte auf­rechtzuerhalten“, sondern durchaus schon auf der richtigen Sei­te. Dass die Stadt dennoch dem Untergang geweiht ist, steht dagegen auf einem anderen Blatt. Aber schauen wir uns das im Detail an:

Im 15. Jahrhundert vor Christus ist Europa – schweigen wir von Amerika – noch eine unzivilisierte Wüstenei bzw. ein Urwald, da regiert noch vollständig die Steinzeit. Das ist im Industal völlig anders. Hier werden Städte aus Lehmziegeln errichtet, mit ma­thematisch exakt ausgerichteten rechtwinkligen Straßenzügen, Kanalisation und öffentlicher Wasserversorgung, mit religiöser Grundstruktur, sozialer Binnenorganisation und hohem hand­werklichem Geschick. Die Metallbearbeitung blüht bereits … und doch geht diese Kultur binnen weniger Jahrhunderte fast sang- und klanglos unter. Als im 19. Jahrhundert im Zuge der englischen Eroberung Indiens schließlich Reste der Städte im In­dustal entdeckt werden, kann niemand sie einordnen (und man­che werden für den Bau einer Eisenbahntrasse kurzerhand ein­geebnet). Die archäologische Erforschung dieser Kultur beginnt noch später.

Da ist es doch eleganter, man hat eine Zeitmaschine und kann sich dort umschauen, solange die Städte noch existieren. Das hat auch die Organisation T.E.R.R.A. erkannt und Luise Little als wissenschaftliche Dokumentarin dorthin entsandt, die zehn Jah­re lang die Kultur Mohenjo Daros erforscht und festgehalten hat. Und nun schickt sie einen Notruf.

Der ist wohl begründet, und er hat gleich zwei Gründe: Zum ei­nen nähert sich den weitgehend friedlichen Stadtstaaten im In­dustal eine barbarische, zeitgenössische Invasionsarmee von Proto-Indern unter ihrem Feldherrn Divodasa. Den historischen Aufzeichnungen zufolge ist diese Armee wesentlich für den Un­tergang der Stadtstaaten verantwortlich. Das wäre also der na­türliche Lauf der Dinge, auch wenn Luise das Herz blutet, das zu wissen und nicht verhindern zu können.

Aber dummerweise taucht dann über der Innenstadt ein seltsa­mes Gebilde auf, das sie unbestreitbar als Landungsboot des „Imperiums“, also der antagonistischen Organisation „Empire“ identifiziert, den Erzfeinden von T.E.R.R.A. Ein Wesen, das sich Indra nennt, verspricht als quasi göttliche Entität, die Stadt zu schützen, wenn vorher ein hinreichender Tribut in Form von Schätzen entrichtet worden ist. Der Hohepriester Sambara wird um Rat gefragt … aber Luise Little schickt schon ihren Notruf ans Hauptquartier von T.E.R.R.A., gut 4053 Jahre in der Zukunft.

Dort rätselt man anfangs, was wohl der Mastermind des Imperi­ums, Gregor Malik, im Jahre 1481 vor Christus suchen möge. Dennoch wird Hannibal Fortune mit seinem Symbionten Webley entsandt, um mehr herauszufinden und Luise Little in Sicherheit zu bringen.

In der Zielzeit wird deutlich, dass Maliks Männer augenschein­lich dabei sind, von allen Städten auf dem Weg der Invasionsar­mee von Divodasa solche Tribute zu erpressen – und sie dann schutzlos zurückzulassen. Dasselbe wird auch Mohenjo Daro blühen, steht zu befürchten.

Dummerweise hat Luise Little eine starke Aversion gegen Män­ner mit Fortunes Qualifikationen, was die Lage nicht eben er­leichtert. Und noch unschöner wird es, als sie entdecken müs­sen, dass die Imperiums-Agenten einen noch infameren Plan verfolgen, als sie das anfangs annehmen … aber so weit kom­men sie dann erst, als sie beide nackt und angekettet in deren Gefangenschaft sind. Und die Invasionsarmee nähert sich un­aufhaltsam Mohenjo Daro …!

Was es mit dem titelgebenden Smaragd-Elefant auf sich hat, das sollte man selbst verfolgen, das ist auf der einen Seite pos­sierlich, auf der anderen tödlich, und dann gibt es da noch eine infame dritte Inhaltsebene, zu der ich gar nichts verraten möch­te. Wir haben es hier mit einem veritablen, turbulenten Zeitrei­seabenteuer zu tun, mit wilden Zeit-Steps, wie sie schon im ers­ten Roman vorkamen, mit Amok laufenden Elefanten, Flücht­lingsschiffen und einem heimtückischen Gegner, der Fortune, Luise Little und die beiden Symbionten Webley und Ronel (ja, Luise hat auch einen Symbionten bei sich) an den Rand ihrer Existenz bringt. Es hat seinen Grund, warum ich die 60 Schluss­seiten an einem Tag verschlungen habe. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen.

Und jetzt bin ich natürlich mächtig gespannt auf den Schluss­band des Zyklus. Der hier ist wirklich ein gelungenes Abenteu­ergarn, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

© 2023 by Uwe Lammers

Doch, wie eingangs gesagt, ich war sehr angetan von diesem Buch, so schmal und so alt es auch immer sein mag. Gute Lite­ratur braucht meiner Ansicht nach nicht 600-800 Seiten Raum, um sich auszudehnen und spannend zu unterhalten, mitunter reichen da auch weniger als 200 völlig hin.

Wie oft habe ich es bei modernen Romanen erlebt, auch bei ganzen Romanzyklen (beizeiten stelle ich euch ein paar davon vor, dann könnt ihr mein zeitgenössisches Urteil vielleicht kon­kreter nachvollziehen), dass über Dutzende und Aberdutzende von Seiten hohles Geschwafel oder absolut durchsichtige Stra­tegien regierten … davon kann im obigen Roman keine Rede sein. Da kommt der Autor schnell und konsequent auf den Punkt, ohne lang Zeit mit Geschwätz zu vergeuden – was ich als ausgesprochen angenehme positive Überraschung verbuchte.

Zudem kann man darin einiges über die Indus-Kultur lernen, und nicht zuletzt gibt es ja auch noch das, was man ein „Love-Interest“ für Hannibal Fortune nennen kann.

Nächste Woche bleiben wir bei einer Lovestory, aber diesmal sind wir wieder zu Gast bei den Göttern Aphrodite und Ares und ihrem Streit, dessen Beginn ich vor drei Wochen skizzierte. Der Wettstreit geht also in die zweite Runde.

Bis in sieben Tagen an dieser Stelle.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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