Rezensions-Blog 579: Doc Savage 1: Der Chef

Posted September 23rd, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wir machen diesmal eine wirklich weite Zeitreise. Formal geht sie „nur“ über gut 50 Jahre zurück, ins Jahr 1972. Aber damit er­reichen wir nur die Neuauflage dieser Werke. In Wahrheit wur­den sie in der Regel vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben und dann 1972 für die Neuveröffentlichung mal mehr, in mei­nen Augen eher weniger geschickt angepasst.

Wir reden von der Doc Savage-Serie, die ab 1933 in den USA in Form von Pulp-Magazines in den Zeitschriftenhandel kam und damit den frühen Science Fiction-Magazinen und rudimentären Superheldengeschichten Konkurrenz machte.

Auf den ersten Blick könnte man sagen, es sei einfach altbacke­ne, heutzutage angestaubte und veraltete Abenteuerliteratur, die nicht zuletzt mit einem reichlich antiquierten Frauenbild operiert und die ferner Methoden (auch auf der positiven Seite!) anwendet, die heutzutage einfach nicht mehr tragbar sind. Das wären natürlich Gründe, diese Romane von vornherein von der potenziellen Leseliste zu streichen, eingestanden.

Aber dann gibt es eben auch – neben zahlreichen Rohrkrepie­rern, die ich nicht verschweigen möchte, das Qualitätslevel der Romane schwankt mindestens ebenso abenteuerlich wie die Geschichten inhaltlich wie oft handlungslogisch selbst – eben auch Dinge in dieser Serie, die immer wieder verblüffen.

Wir lernen fiktive Staaten kennen.

Wir treffen eine Insel, wo noch Dinosaurier leben.

Wir haben es mit verrückten Wissenschaftlern zu tun, scheinbar mit Geistern und Flüchen, mit weltbedrohenden Szenarien … und mit fremdartigen Völkern, die beispielsweise unter der Erde hausen und eine Invasion der Oberwelt planen.

Zahlreiche klare SF-Topoi, die später in anderen Büchern, Filmen und Serien zum Tragen kamen, tauchen hier in schillernden Va­riationen auf. Und deshalb – und weil ich diese Serie inzwischen seit sehr langer Zeit wieder zum zweiten Mal lese und mir seit dem Jahr 2000 vorgenommen habe, diese Werke alle zwecks Gedächtnisstütze zu rezensieren, deshalb wird hiermit eine neu­en Rezensionsserie eröffnet, die dem bislang zahlenmäßig füh­renden Clive Cussler und seinen Epigonen mal eine Ruhepause gönnt.

Reist also mit mir zurück ins Jahr 1933 und lernt Doc Savage kennen …

Der Chef

(OT: The Man of Bronze)

Doc Savage 1

von Kenneth Robeson

Pabel-Verlag

160 Seiten, TB

1972, 2.80 DM

Übersetzung: Werner Gronwald

Mitten in New York wird Clark Savage jr., auch Doc Savage ge­nannt, ein herkulischer, hochintelligenter Arzt und Multitalent beinahe Opfer eines Anschlages, als ein rätselhafter Attentäter ihn zu erschießen trachtet. Bevor Doc ihn zur Rechenschaft zie­hen kann, stürzt sich der Indio mit seinen rot gefärbten Finger­spitzen in den Tod.

Diese roten Fingerspitzen scheinen ein Indiz zu sein, die den An­schlag in Zusammenhang bringen mit dem mysteriösen Tod von Savages Vater. In der Tat finden Doc und seine fünf Freunde sehr schnell heraus, dass es um eine Erbschaft geht, die Doc antreten soll: ein Pachtvertrag eignet ihm ein großes Stück Land im Herzen des mittelamerikanischen Staates Hidalgo zu.

Da sie vermuten, dass der rätselhafte Feind, von dem man bald erfährt, dass er sich „der rote Tod“ nennt, sie davon abhalten will, die Erbschaft anzutreten, macht sich Doc Savage auf den Weg nach Hidalgo. Seine Begleiter sind der feingestaltige Che­miker Andrew Blodgett Mayfair, kurz „Monk“ genannt, der Rechtsanwalt Theodore Marley Brooks mit dem Spitznamen „Ham“ und der Archäologe und Geologe William Harper Little­john, schlicht „Johnny“ genannt. Der Ingenieur John Renwick, meist „Renny“ genannt sowie Thomas J. Roberts, den man „Long Tom“ ruft und der auf Elektronik spezialisiert ist, vervoll­ständigen das schlagkräftige Team.

Kaum in Hidalgo angekommen, müssen sie sich auch schon ge­gen bürokratische Schikanen, Verfolgungen, Maschinengewehr­salven und Entführungen zur Wehr setzen. Niemand scheint in Hidalgo allerdings zu wissen, was es so Wichtiges in jenem Ge­birgsgebiet gibt, das solche Anschläge rechtfertigen kann. Selbst der Präsident Carlos Avispa, ein ehrenhafter einstiger Re­volutionär, der Savages Vater persönlich kannte, weiß es nicht.

So machen sich die Freunde erneut auf den Weg, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Sie finden das weltabgeschiede­ne, festungsartige Tal der letzten Maya und die goldene Pyrami­de. Doch damit beginnen ihre Sorgen erst richtig, denn der „rote Tod“ hat seinen Plan nicht aufgegeben. Ganz im Gegenteil …

Ach, was waren das noch für naive, schöne Zeiten, als man ein­fach einen Abenteuerroman schreiben, fiktive rückständige Staaten erfinden und in die Landkarten projizieren konnte. Als Kenneth Robeson (ein Sammelpseudonym für verschiedene Schriftsteller, die an der Romanserie um Doc Savage zwischen etwa 1933 und 1942 mitschrieben) die hünenhafte Über­menschengestalt des Doktors Clark Savage jr. erfand und sein durchweg militärisches Gefährtenpotenzial, da war noch Platz für solche Philanthropen und edle Geister, die das Verbrechen in der späteren Batman-Manier bekämpften. Helden, die Schwie­rigkeiten mit Frauen hatten (man muss nur an solche Gestalten wie Indiana Jones, Clark Kent oder Bruce Wayne denken) und unbestechlich und letztlich unbesiegbar ihren Weg gingen.

Ihnen flogen zwar unvermeidlich die Herzen der Frauen zu, doch wenn sie dies überhaupt wahrnahmen, neigten sie dazu, unter dem Vorwand, eine Familie nicht gründen zu können (Gefahren­gründe, Schwachstelle für Schurken usw.), diesem edelmütig aus dem Weg zu gehen. Heutzutage lässt sich das leicht als ein später Widerhall des mittelalterlichen Ritter-Ideals herauskristal­lisieren. Es würde zudem sehr gut in die prüde und entsexuali­sierte Gegenwart in den USA passen … man muss sich nur mal die Clive Cussler-Romane anschauen, mehr als (sehr seltene) Küsse gibt es da an Erotik nicht zu erleben.

Die starke Polarisierung in Gut und Böse, die zum Teil brutale Beseitigung von Verbrechern (in späteren Bänden der Serie be­sitzt Doc Savage ein geheimes „Umerziehungsinstitut“, in dem Verbrecher einer Gehirnoperation unterzogen werden, die sie zu braven Bürgern vor dem Gesetz macht – das ist dann eine Vor­stellung, die uns heute schaudern lässt), auch sie ist prototy­pisch für diese Serie, ebenso wie permanente Cliff-hanger inner­halb der Romane, die sie kurzweilig in eine ganze Reihe von zum Teil absurden Actionszenen portionieren, die sich jedoch sehr kurzweilig lesen.

Wenn man also einmal diese fragwürdigen wissenschaftlich-ethischen Hintergründe beiseite lässt, erscheinen die Doc Sava­ge-Romane, die ab 1972 im Pabel-Verlag neu aufgelegt und bis Band 89 publiziert wurden (insgesamt hat die Serie 190 Bände), als amüsantes, bisweilen unterhaltsames Lesefutter goutieren.

Es wird indes ein wenig dadurch erschwert, dass wohl nur die ersten rund 20 Romane in chronologischer Folge veröffentlicht wurden.1 Später ging der Verlag aus unbegreiflichen Gründen dazu über, manche Romane einfach nicht zu bringen, bzw. Jahre später nachzureichen (das kann man in dem Augenblick erken­nen, wo im Impressum aufgeführt ist, wann die Originalausgabe erschien. Da kann es also vorkommen, dass man von einem Band zum nächsten Sprünge von vier bis fünf Jahren vor und zu­rück macht). Dadurch verliert die Serie natürlich stark an Zu­sammenhang.

Da es sich fast ausschließlich um Einzelabenteuer handelt, scheint das bedeutungslos zu sein. Aber wenn man die techni­sche Entwicklung in den Romanen einbezieht, ist das mitnichten unwichtig. In manchen Romanen verfügt Doc Savage über Hub­schrauber, Mini-U-Boote und sogar über eine „Festung der Ein­samkeit“ (Ja, ja, auch SUPERMAN hat abgekupfert, wie man sieht!) in der Arktis, die in manchen Romanen der frühen Zeit nicht vorkamen. Man kann sich die Konfusion der Leser vorstel­len, wenn etwas, das im letzten Roman selbstverständlich war, im nächsten (weil der älter ist) nicht einmal vorkommt.

Sinnvoll erschiene mir eine Neuauflage, die die Chronologie ein­hält und solche offenkundigen Nachfügungen wie „Videorecor­der“ (Bd. 1! Also etwa 1933 geschrieben! Das ist auf die „Mo­dernisierung“ der Romane in Conde Nast-Verlag zurückzuführen – was natürlich zu weiteren Verwerfungen führt, da andere Tech­niken wie Luftschiffe nicht modernisiert wurden) wieder rausre­tuschiert. Es sieht aber wohl nicht danach aus, als gäbe es – trotz Indiana Jones und der Heftserie Die Abenteurer2 – für so et­was einen risikoorientierten Verlag, der das wagen würde. Scha­de. So kann man die Romane allenfalls auf dem Flohmarkt oder in Antiquariaten erstehen. Für eine Zwerchfellmassage ist das allemal empfehlenswert.

Sagen wir mal so: Das gilt für viele Romane, aber wie einleitend gesagt, ist die Qualität der Serie natürlich äußerst heterogen. Da sind auch echte Rohrkrepierer dabei, das werde ich dann nicht verschweigen. Rezensiert wurden sie von mir dennoch.

© 2000 by Uwe Lammers

Wie ich schon sagte, ist dies eine ziemlich alte Rezension, die ich für den Blog nur ein wenig geglättet und kommentiert habe. In der nächsten Woche springen wir mal wieder in die Beinahe-Gegenwart (anno 2009) und tauchen in einen erotischen Roman mit Fernost-Setting ein, den ich auch in guter Erinnerung habe. Vielleicht geht euch das ja dann ähnlich.

Lasst euch da mal überraschen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Nachtrag vom 21. Januar 2026: Diese Einschätzung ist heute überholt. Allen unter den ersten 20 Bänden finden sich zwei, die nicht deutsch übersetzt wurden, die restlichen sind gestreut zwischen den Publikationsjahren 1933 und 1934, in der deutschen Serie zwischen den Episoden 1 und 62! Ich bringe die Rezensionen entsprechend der originalen Erscheinungsfolge, wundert euch also nicht, dass der nächste Band die Nr. 12 der deutschen Serie ist, das ist tatsächlich der zweite amerikanische Band.

2 Man merkt hieran das Alter der Rezension – diese Heftromanserie gibt es auch schon seit sehr langer Zeit nicht mehr, auch wenn der Romancharakter Tom Ericsson meiner Erinnerung nach später in der MADDRAX-Serie wieder tempo­rär Erwähnung findet.

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