Liebe Freunde des OSM,

kann man eine Biografie über eine fiktive Person schreiben? Das klingt doch auf den ersten Blick wie die Quadratur des Kreises, oder? Wie sollte so etwas wohl möglich sein? Ist man doch als Biograf gebunden an harte Fakten, an Dokumente, Archive, Kir­chenbücher, Zeitungsberichte, Todesmeldungen und derglei­chen mehr.

Im Fall von Mr. Sherlock Holmes, seines Zeichens (nach Sir Ar­thur Conan Doyle) einziger Beratender Detektiv Londons oder vielleicht gar der Welt, wird man derlei Fakten wohl schwerlich entdecken können. Es ist auch nicht damit getan, die Baker Street 221b in London aufzusuchen, wo nach meiner Kenntnis heute ein Sherlock Holmes-Museum existiert … das ändert näm­lich rein gar nichts an der Tatsache, dass Holmes nun einmal ein fiktionaler Charakter ist.

Als ich also davon erfuhr, dass Nick Rennison eine – wenn auch „unautorisierte“ Biografie des Detektivs verfasst hatte, wurde ich unvermeidlich neugierig darauf und besorgte mir das Buch … und es war, vorsichtig gesprochen, ein verdammtes Lesever­gnügen, das ich jedem echten Holmes-Fan wärmstens ans Herz lege.

Gut, ich schränke in einem Punkt natürlich ein: Ich bin Historiker und habe Biografien erforscht und biografische Aufsätze veröf­fentlicht. Ebenso ist nicht zu leugnen, dass ich eine starke Affini­tät zu Archiven und Bibliotheken habe, von Büchern ganz zu schweigen. Werke, in denen diese Faktoren einen starken Ein­fluss ausüben, und das ist hier so, können von vornherein mit sehr mildernder Kritik rechnen.

Doch ungeachtet dieser Einschränkung bin ich nach wie vor der Ansicht, dass das hier ein wagemutiges wie gelungenes Lese­abenteuer ist, in dem die Grenzen zwischen historischer Faktizi­tät einerseits und fiktionaler Ergänzung munter und durchaus plausibel überschritten werden.

Dieses interessante Experiment verdient eine genauere Begut­achtung. Und wer daran interessiert ist, lese einfach mal weiter:

Sherlock Holmes

Die unautorisierte Biographie

(OT: Sherlock Holmes. The Unauthorized Biographie)

von Nick Rennison

Artemis & Winkler

Düsseldorf 2007, 284 Seiten

Aus dem Englischen von Frank Rainer Scheck und Erik Hauser

ISBN 978-3-538-07246-6

Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie akribisch engagierte Fans sein können und ihren Untersuchungsgegen­stand manchmal mit ähnlich intensiver Detailverliebtheit durch­dringen wie Wissenschaftler, die ein bestimmtes Themengebiet zu ihrem Steckenpferd gemacht haben. Das Steckenpferd des Buchhändlers Nick Rennison heißt in diesem Falle Sherlock Hol­mes, und er hat sich nichts Geringeres auf die Fahnen geschrie­ben, als die Biografie des berühmtesten beratenden Detektivs der Weltgeschichte zu erforschen und dem interessierten Publi­kum auszubreiten.

Nun wissen wir natürlich – wenigstens in DIESER Welt, in paral­lelen Wirklichkeiten mag sich das anders verhalten – , dass Sherlock Holmes eine fiktive Figur ist. Er tritt erstmals durch die Feder seines nachmaligen so genannten „literarischen Agenten“ Arthur Conan Doyle (später Sir Arthur Conan Doyle) im Jahre 1887 in Erscheinung, als das erste Abenteuer mit ihm unter dem Titel „Eine Studie in Scharlachrot“ publiziert wird.1 Von die­sem Moment an ist die lesende Welt von dem ebenso exzentri­schen wie brillanten Kriminalisten so dermaßen fasziniert, dass bis heute der Ruhm des Gentlemans aus der Baker Street 221b nicht nachgelassen hat. Doyle hat der – in seinen Augen sicher­lich hinderliche – Ruhm des Detektivs selbst nach Holmes´ ver­meintlichem Tod in den Reichenbachfällen in der Schweiz nicht ruhen lassen und ihn schließlich dazu getrieben, vier Romane und nicht weniger als 56 Kurzgeschichten über ihn zu schrei­ben.2

Gleichwohl, in unserer Welt ist Holmes eine literarische Gestalt wie etwa auch James Bond, und es mutet ein wenig schrullig an, über ihn eine Biografie zu schreiben. Umso neugieriger war ich natürlich auf dieses Buch, das etwas eigentlich Unmögliches versprach …3 und kurz gesagt: es enttäuscht wirklich nicht.

Nick Rennison gräbt nicht nur in den Holmes-Geschichten, in denen er sich bestens auskennt, nach historischen Fakten, die ja spärlich genug sind, sondern er pflügt in seinem Buch auch die Geschichte Englands im 19. Jahrhundert um und vermischt auf raffinierte wie plausible Weise Fakten und Fiktionen, bis ein bemerkenswert „rundes“ Bild entsteht, wie es auch aus der Fe­der eines professionellen biografischen Historikers stammen könnte.4 Das verleiht dem Werk Solidität und eine gewisse – freilich vorgetäuschte – Seriosität.

Sherlock Holmes´ Familiengeschichte beginnt am Rande der Moore von Yorkshire, rund 12 Meilen entfernt von der Stadt Pickering, in einem kleinen Dorf namens Hutton le Moors, wo sich bis Mitte der 1920er Jahre ein alter Familiensitz erhob, Hutton Hall genannt.5 Nach Rennisons Recherchen erblickte hier William Sherlock Holmes am 17. Juni 1854 das Licht der Welt, in der Tat – wie er einmal Watson erzählte – als einer der letzten Sprösslinge eines alten Landjunker-Geschlechts, das nach Ge­richtsakten von Yorkshire bis zu einem gewissen Urkell de Hol­mes für das Jahr 1219 dort nachgewiesen ist.

Der neugierige Leser verfolgt fasziniert den Niedergang der Hol­mes-Familie, sieht die divergierenden Pfade der Brüder Mycroft und Sherlock, wobei letzterer sich mehr für Boxen, Fechten, Theater (!)6 und ähnlich „unsolide Dinge“ interessiert und wäh­rend seiner schulischen Ausbildung für mancherlei Skandal sorgt. Mycroft ist der zielstrebigere von beiden, der deutlich durchgeistigtere, und das ist für Rennison dann auch der we­sentliche Schlüssel für die Biografie des Jüngeren … denn an­geblich wird der Nachlass von Mycroft Holmes, seiner politi­schen Bedeutung nach durchaus angemessen, im Public Record Office, dem englischen Staatsarchiv, bis heute unter Verschluss gehalten.

Faszinierend verfolgt Rennison eine Art Parallelgeschichte, die sowohl parallel zu den Fällen verläuft, die Watson uns als Chro­nist mitteilt als auch parallel zu der offiziellen Geschichtsschrei­bung des britischen Königreichs. Er erhellt, dass Holmes´ Lauf­bahn ohne massive Protegierung seines inzwischen einflussrei­chen Bruders Mycroft entschieden glanzloser verlaufen wäre. Zugleich belegt er plausibel, dass Holmes weitaus intensiver in den irisch-britischen Konflikt verwickelt war, der ja schließlich während des Ersten Weltkriegs zu dem Versuch der deutschen Regierung führte, irische Nationalistenkreise zum Aufstand ge­gen das Empire aufzustacheln (ein Versuch, der 1916 freilich fehlschlug). Dass beispielsweise für manche Jahre von Watson so gut wie überhaupt keine Fälle nachgewiesen werden können, begründet Rennison und fügt hier sehr raffinierte Verbindungs­stränge ein, mit Holmes‘ Geheimdiensttätigkeit für die Regie­rung und besonders für seinen Bruder Mycroft, die natürlich im­merzu den irischen Unruheherd im Blick behalten mussten.

Ebenfalls aus der Ecke der irischen Nationalisten stammt, so be­hauptet es der Autor wenigstens, auch Holmes´ größter Gegen­spieler James Moriarty, der in Irland geboren wurde und weniger einen „Napoleon des Verbrechens“ darstellte als vielmehr einen intellektuell Holmes nahezu ebenbürtigen irischen Patrioten. Da natürlich dieses Thema in den 1880er Jahren und bis hinauf zum Ersten Weltkrieg hochgradig politisch brisant war, ist verständ­lich, dass Watson, wie er es ja oftmals tat, die wahre Natur Mori­artys verschleiern musste …

Ah, ich denke, es wäre unlauter, noch viel mehr der faszinieren­den Details dieses wirklich gelungenen, beeindruckenden Wer­kes ans Tageslicht zu zerren und allzu viele Überraschungen vorwegzunehmen. Es ist sicherlich klüger, dem Neugierigen den Rest der Lektüre selbst zu überlassen und das geschickte Flechtwerk des Autors, worin sich wahre Historie, Scheinhistorie und pure Fiktion auf anregende Weise miteinander verbinden, dem Kontrollblick eines jeden Lesers zu übergeben.

Wer immer jedenfalls ein wahrhaft neugieriger Fan des literari­schen Sherlock Holmes ist und sich mit den Geschichten des traditionellen Kanons nicht zufrieden geben möchte, der wird hier auf angenehmste Weise tiefer in das kriminalistische Paral­leluniversum Sherlocks entführt werden. Das Buch kann nur empfohlen werden, es ist wenigstens so unterhaltsam wie ein gut gemachter Epigonenroman zu Sherlock Holmes und destil­liert eine erstaunliche Fülle an Wissenswertem.

Manch einer, möchte ich denken, könnte daraufhin auf den Ge­schmack kommen und sich ein wenig eingehender mit der briti­schen Geschichte befassen, etwa mit dem irisch-britischen Kon­flikt, um herauszufinden, wo genau Rennison wohl von der Rea­lität abgewichen ist. Aber gebt Acht, Freunde – Rennison ist Buchhändler und als solcher wohl belesen in allen möglichen Bereichen der Geschichte und abseitigen Gebieten … es könnte schwer sein, ihn der Betrügerei zu überführen (wenn man das denn will). Dafür bedürfte es vielleicht schon der Qualitäten ei­nes Sherlock Holmes …

© 2010 by Uwe Lammers

In der kommenden Woche verlassen wir dann die Gefilde der Kontrafaktik, in die wir uns oben begaben und suchen einen alten Bekannten auf, nämlich Peter F. Hamilton.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Erstmals in Beeton’s Christmas Annual 1887 unter dem Titel „A Study in Scar­let“.

2 Vgl. dazu die Auflistung des traditionellen „Kanons“ in dem Anhang des Bu­ches „Sherlock Holmes und der Fluch von Addleton“, hrsg. von Mike Ashley, Bergisch-Gladbach 2003.

3 Indes, dass es nicht unmöglich ist, professionelle Beiträge über nicht existen­te Dinge zu schreiben, und wir reden hier nicht von Romanen, beweist bei­spielsweise der polnische Literat mit seinem Buch „Die vollkommene Leere“, das vollständig aus Vorwörtern zu nicht existenten Büchern besteht. Mein ei­gener bescheidener Beitrag besteht in einer Fiktivrezension einer Romantrilo­gie eines marsianischen Kriminalautors des 22. Jahrhunderts. Vgl. dazu mei­nen Beitrag „Ein Sherlock Holmes des Roten Planeten“ in BWA 290 (November 2007) und in SHERLOCK #4/FAN 90 (April 2010).

4 Das kann ich als biografischer Historiker durchaus beurteilen.

5 Elegant genug, das Gebäude wurde abgerissen, wenn man Rennison glauben darf. Das dürfte die Nachforschungen ein wenig erschweren. Ich nehme an, er bezieht sich hier auf einen durchaus authentischen Fall von Denkmalschlei­fung.

6 Hier legt der Autor übrigens auf faszinierend plausible Weise die Grundlage für Holmes´ spätere Verkleidungs- und Maskeradefähigkeiten an, auch wenn man sich den verschlossenen Holmes auf der Bühne, ehrlich gesagt, nur mit viel Phantasie vorstellen kann. Aber vielleicht hat er seinen „Boswell“ Watson ja später mit seinen sehr fragmentarischen Kenntnissen auf vielen Gebieten getäuscht? Indes … das hört sich doch gar zu unwahrscheinlich an.

Leave a Reply

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>