Liebe Freunde des OSM,
Zeitreisegeschichten gibt es solche und solche … diejenigen, die eher als mäßig gelungen zu betrachten sind, wo hinein ich das zweite Abenteuer von Hannibal Fortune, also den Vorgängerband dieses Romans hier rechnen möchte, als auch jene, die den Leser echt packen und mitzureißen verstehen, weil sie einfach gut komponiert sind.
Das hier ist einer von der letztgenannten Sorte.
Hannibal Fortune von T.E.R.R.A. erfährt von einem Notruf aus dem 15. vorchristlichen Jahrhundert, aus dem Zeitalter der Indus-Kultur, und er eilt zu Hilfe, um eine gefährdete Kulturwissenschaftlerin zu evakuieren. Doch die Situation erweist sich als deutlich anders als erwartet, und binnen kürzester Zeit geraten beide in akute Lebensgefahr.
Im Detail sieht das dann folgendermaßen aus:
Räuber von den Sternen
(OT: The Emerald Elephant Gambit)
Von Larry Maddock
Terra-Taschenbuch 157
160 Seiten, TB, 1968 (1967)
Aus dem Amerikanischen von Walter Brumm
Keine ISBN
Mit diesem Roman liegt der dritte Band der Zeitreise-Abenteuer des T.E.R.R.A.-Agenten Hannibal Fortune vor … aber davon wusste ich, zugegeben, nichts, als ich ihn mir auf einer Reise in einem Wiener Antiquariat anno 1996 kaufte und kurzerhand in meinen Buchbestand einsortierte. Ungelesen, aber als Lesevorrat für die Zukunft. Es klang ja auch zu spannend: Ein Zeitreiseabenteuer, das mich nach Mohenjo Daro ins Industal entführte? Davon hatte ich schon in historischen Büchern flüchtig gelesen, aber wirklich orientiert, was es mit der Harappa-Kultur auf sich hatte, war ich damals nicht.
Heute, satte 27 Jahre später, bin ich diesbezüglich historisch etwas trittfester (Betonung auf „etwas“, denn diese Kultur ist immer noch sehr von Legenden umwittert; umso erstaunlicher, dass Maddock hier 1967 bereits einen Roman ansiedelte!). Dennoch dauerte es bis 2023, ehe ich alle vier Romane von Maddocks Zyklus beisammen hatte und mir diesen Roman auch endlich zu Gemüte führen konnte.
Die Wartezeit hat sich definitiv gelohnt.
Nach Hannibal Fortunes eher mäßig geglücktem Ausflug auf den Kontinent Atlantis im zweiten Roman hoffte ich deutlich mehr auf bessere Fundierung dieses Romans und wurde nicht enttäuscht. Der Klappentext erweist sich freilich als etwas bizarr irreführend. Denn Fortune kämpft durchaus nicht „auf der Seite derer, die er hasst, um das Gleichgewicht der Geschichte aufrechtzuerhalten“, sondern durchaus schon auf der richtigen Seite. Dass die Stadt dennoch dem Untergang geweiht ist, steht dagegen auf einem anderen Blatt. Aber schauen wir uns das im Detail an:
Im 15. Jahrhundert vor Christus ist Europa – schweigen wir von Amerika – noch eine unzivilisierte Wüstenei bzw. ein Urwald, da regiert noch vollständig die Steinzeit. Das ist im Industal völlig anders. Hier werden Städte aus Lehmziegeln errichtet, mit mathematisch exakt ausgerichteten rechtwinkligen Straßenzügen, Kanalisation und öffentlicher Wasserversorgung, mit religiöser Grundstruktur, sozialer Binnenorganisation und hohem handwerklichem Geschick. Die Metallbearbeitung blüht bereits … und doch geht diese Kultur binnen weniger Jahrhunderte fast sang- und klanglos unter. Als im 19. Jahrhundert im Zuge der englischen Eroberung Indiens schließlich Reste der Städte im Industal entdeckt werden, kann niemand sie einordnen (und manche werden für den Bau einer Eisenbahntrasse kurzerhand eingeebnet). Die archäologische Erforschung dieser Kultur beginnt noch später.
Da ist es doch eleganter, man hat eine Zeitmaschine und kann sich dort umschauen, solange die Städte noch existieren. Das hat auch die Organisation T.E.R.R.A. erkannt und Luise Little als wissenschaftliche Dokumentarin dorthin entsandt, die zehn Jahre lang die Kultur Mohenjo Daros erforscht und festgehalten hat. Und nun schickt sie einen Notruf.
Der ist wohl begründet, und er hat gleich zwei Gründe: Zum einen nähert sich den weitgehend friedlichen Stadtstaaten im Industal eine barbarische, zeitgenössische Invasionsarmee von Proto-Indern unter ihrem Feldherrn Divodasa. Den historischen Aufzeichnungen zufolge ist diese Armee wesentlich für den Untergang der Stadtstaaten verantwortlich. Das wäre also der natürliche Lauf der Dinge, auch wenn Luise das Herz blutet, das zu wissen und nicht verhindern zu können.
Aber dummerweise taucht dann über der Innenstadt ein seltsames Gebilde auf, das sie unbestreitbar als Landungsboot des „Imperiums“, also der antagonistischen Organisation „Empire“ identifiziert, den Erzfeinden von T.E.R.R.A. Ein Wesen, das sich Indra nennt, verspricht als quasi göttliche Entität, die Stadt zu schützen, wenn vorher ein hinreichender Tribut in Form von Schätzen entrichtet worden ist. Der Hohepriester Sambara wird um Rat gefragt … aber Luise Little schickt schon ihren Notruf ans Hauptquartier von T.E.R.R.A., gut 4053 Jahre in der Zukunft.
Dort rätselt man anfangs, was wohl der Mastermind des Imperiums, Gregor Malik, im Jahre 1481 vor Christus suchen möge. Dennoch wird Hannibal Fortune mit seinem Symbionten Webley entsandt, um mehr herauszufinden und Luise Little in Sicherheit zu bringen.
In der Zielzeit wird deutlich, dass Maliks Männer augenscheinlich dabei sind, von allen Städten auf dem Weg der Invasionsarmee von Divodasa solche Tribute zu erpressen – und sie dann schutzlos zurückzulassen. Dasselbe wird auch Mohenjo Daro blühen, steht zu befürchten.
Dummerweise hat Luise Little eine starke Aversion gegen Männer mit Fortunes Qualifikationen, was die Lage nicht eben erleichtert. Und noch unschöner wird es, als sie entdecken müssen, dass die Imperiums-Agenten einen noch infameren Plan verfolgen, als sie das anfangs annehmen … aber so weit kommen sie dann erst, als sie beide nackt und angekettet in deren Gefangenschaft sind. Und die Invasionsarmee nähert sich unaufhaltsam Mohenjo Daro …!
Was es mit dem titelgebenden Smaragd-Elefant auf sich hat, das sollte man selbst verfolgen, das ist auf der einen Seite possierlich, auf der anderen tödlich, und dann gibt es da noch eine infame dritte Inhaltsebene, zu der ich gar nichts verraten möchte. Wir haben es hier mit einem veritablen, turbulenten Zeitreiseabenteuer zu tun, mit wilden Zeit-Steps, wie sie schon im ersten Roman vorkamen, mit Amok laufenden Elefanten, Flüchtlingsschiffen und einem heimtückischen Gegner, der Fortune, Luise Little und die beiden Symbionten Webley und Ronel (ja, Luise hat auch einen Symbionten bei sich) an den Rand ihrer Existenz bringt. Es hat seinen Grund, warum ich die 60 Schlussseiten an einem Tag verschlungen habe. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen.
Und jetzt bin ich natürlich mächtig gespannt auf den Schlussband des Zyklus. Der hier ist wirklich ein gelungenes Abenteuergarn, das man sich nicht entgehen lassen sollte.
© 2023 by Uwe Lammers
Doch, wie eingangs gesagt, ich war sehr angetan von diesem Buch, so schmal und so alt es auch immer sein mag. Gute Literatur braucht meiner Ansicht nach nicht 600-800 Seiten Raum, um sich auszudehnen und spannend zu unterhalten, mitunter reichen da auch weniger als 200 völlig hin.
Wie oft habe ich es bei modernen Romanen erlebt, auch bei ganzen Romanzyklen (beizeiten stelle ich euch ein paar davon vor, dann könnt ihr mein zeitgenössisches Urteil vielleicht konkreter nachvollziehen), dass über Dutzende und Aberdutzende von Seiten hohles Geschwafel oder absolut durchsichtige Strategien regierten … davon kann im obigen Roman keine Rede sein. Da kommt der Autor schnell und konsequent auf den Punkt, ohne lang Zeit mit Geschwätz zu vergeuden – was ich als ausgesprochen angenehme positive Überraschung verbuchte.
Zudem kann man darin einiges über die Indus-Kultur lernen, und nicht zuletzt gibt es ja auch noch das, was man ein „Love-Interest“ für Hannibal Fortune nennen kann.
Nächste Woche bleiben wir bei einer Lovestory, aber diesmal sind wir wieder zu Gast bei den Göttern Aphrodite und Ares und ihrem Streit, dessen Beginn ich vor drei Wochen skizzierte. Der Wettstreit geht also in die zweite Runde.
Bis in sieben Tagen an dieser Stelle.
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.