Liebe Freunde des OSM,
ich weiß, dass ich euch schon wieder geraume Zeit auf diesen Beitrag habe warten lassen … seht es mir bitte nach. In den vergangenen Wochen und Monaten ist, wie so üblich, wieder eine Menge passiert, und zahlreiche Termine, Treffen, Geburtstage und so weiter haben neben vielfältigen Projektarbeiten meine Zeit an diesem Thema sehr eingeschränkt. Das bedeutet aber nicht, dass das Autoren-Nachlassarchiv-Projekt aus dem Blick ist.
Ich denke vielmehr immer sehr intensiv daran herum, wenn sich die Gelegenheit ergibt, und ich führe Gespräche mit Freunden und AutorenkollegInnen. Und manchmal stoße ich auch auf faszinierende Gedanken in Publikationen, die mich unweigerlich dazu inspirieren, diese hier in Verbindung mit dem Projektgedanken zu bringen.
Ihr habt dergleichen schon manches Mal in dieser Rubrik in den zurückliegenden Jahren entdecken können. Diesmal ist es wieder ein Gedanke, den ich in einer über 20 Jahre alten Zeitschrift las, deren Titel hier nichts zur Sache tut.
Es ging in dem Artikel um eine belgische, in Frankreich lebende Schriftstellerin namens Amélie Nothomb, die mir vorher nichts sagte. Damals war sie 34 Jahre alt, hatte aber schon eine reiche Publikationskarriere hinter sich und blickte auf 54 veröffentlichte Romane zurück.
In dem Artikel wird sie ziemlich zu Beginn mit einem Satz zitiert, der mich elektrisierte. Es ist dieser Satz, um den es heute gehen soll. Ich zitiere:
„Einen großen Schriftsteller erkennt man nicht an dem, was er veröffentlicht hat, sondern an dem, was er nicht veröffentlicht.“
Ein Satz, der im Grunde genommen, wenn man ihn gründlich durchdenkt, nichts weniger darstellt als Sprengstoff. Man überliest ihn leicht, aber nur deshalb, weil die meisten Menschen inzwischen verlernt haben, gründlich zu lesen und die Konsequenzen der Worte wirklich zu verinnerlichen. Leisten wir uns also mal ein wenig Interpretationsarbeit.
Unter einem Schriftsteller stellt man sich landläufig eine Person vor, die eigene Texte zu Papier bringt und diese veröffentlicht. Im idealen (und sehr seltenen) Fall führt das dazu, dass diese Person damit so erfolgreich ist, um ihren Lebensunterhalt davon bestreiten zu können. Wir wissen, dass das in den seltensten Fällen möglich ist und die überwältigende Mehrzahl von internationalen Schriftstellern darum genötigt ist, einen Brotberuf zu praktizieren, um gewissermaßen in der Freizeit ihrer schriftstellerischen Karriere zu huldigen und einen meist bescheidenen Nebenerwerb damit zu erwirtschaften.
Texte, die ein Schriftsteller nicht veröffentlicht, können deshalb nicht monetarisiert werden. Im Grunde genommen werden sie also für die Schublade geschrieben und finden nicht den Weg in die Öffentlichkeit.
Ihr merkt schon hieran den direkten Verbindungspfad zum Autoren-Nachlassarchiv-Projekt, aber es geht ja noch weiter.
Ich würde vermuten, dass sich das Selbstverständnis und die Anerkennung eines Autors wesentlich aus den Werken speist, die er veröffentlicht und für die er zunehmend öffentlich wahrgenommen wird. Wenn Nothomb nun also genau das Gegenteil behauptet, bürstet sie im Grunde alles gegen den Strich, was dem Selbstverständnis der Verfasser wie auch des Publikums und der verlegenden Zunft originär zukommt. Vorsichtig gesprochen formuliert sie eine Paradoxie.
Wie kann es sein, dass sie solch einen provokativen Gedanken als Absolutum in den Raum wirft? Ist das nicht absurd? Und mehr noch: Wenn sie damit die Wahrheit spräche, was bedeutet das letztlich für die Schriftstellerzunft, für den Literaturbetrieb selbst? Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Öffentlichkeit mit … sagen wir … nebensächlichen Werken abgespeist wird, während die wirklich wichtigen Texte der VerfasserInnen unter dem Radar laufen und das Licht der Öffentlichkeit gar nicht erblicken?
Ihr spürt schon, denke ich, was für abenteuerliche Weiterungen sich abzeichnen, wenn man mal länger über diesen oben so schlicht zitierten Satz nachdenkt. Da entsteht durchaus eine fundamentale Unsicherheit.
Ich denke, der Satz war wesentlich als Provokation gedacht. Als ein Mittel zum Zweck, um etwa eine landläufig gern praktizierte Schubladendenkweise zu konterkarieren und Irritation zu entwickeln. Wir wissen, dass zumal der Buchmarkt dazu neigt, gewisse Schematismen zu plakativen Werbezwecken zu verwenden. Ein paar schlichte Beispiele mögen dazu hinreichend sein.
Patricia Highsmith, eine großartige Thrillerautorin, die schon lange von uns gegangen ist, ist als genau dies in Erinnerung. Als vor einigen Jahren ihre Tagebücher entdeckt wurden, musste man realisieren, dass sie eben auch auf diesem Gebiet kreativ tätig war. Nicht veröffentlichte Werke, die deutlich mehr über sie aussagten als die Thriller und Kurzgeschichten, für die sie durch die Verlage bekannt wurde.
Auf einmal bekam die Schublade „Thriller“ für die Highsmith sinnbildlich Schlagseite.
Die Autorin Anaïs Nin war bekannt für ihre erotischen Geschichten, die sie zum Beispiel im Band „Das Delta der Venus“ veröffentlicht hatte. Lange Zeit unbekannt blieb, dass sie in erster Linie exzessive Tagebuchschreiberin war. Auch das kam erst sehr spät in ihrem Leben zum Vorschein, zunächst noch in Auszugsform und von ihr deutlich reduzierter gestatteter Veröffentlichung. Inzwischen sind die Tagebücher deutlich umfassender ediert, sodass man auch die Dinge nachlesen kann, die zu ihren Lebzeiten nicht publik werden sollten.
Auch hier haben wir durchaus einen klaren Fall, der Nothombs provokante Worte bestätigt.
Dennoch: Im Umkehrschluss summarisch zu behaupten, die wichtigsten Werke von AutorInnen seien die, die nicht veröffentlicht wurden, bleibt provokant und vielleicht überzogen.
Überlegen wir noch etwas weiter. Was für Gründe mag es geben, dass Autoren bestimmte Geschichten nicht veröffentlichen? Zum einen haben wir hier natürlich jenen Fall, für den das Autoren-Nachlassarchiv da sein soll: Wenn Autoren zu krank werden oder sterben, ehe sie Werke vollenden können, sind das Werke, die aus dem Nachlass das Licht der Welt erblicken können. Doch das ist nicht die einzige Möglichkeit.
Zum zweiten hat die Veröffentlichung von Werken etwas mit Konjunkturen zu tun. Wir kennen das, wenn wir den Buchmarkt verfolgen. Es gibt ein stetes Auf und Ab von Themen, die gerade en vogue sind und die Verlage darum favorisiert in ihr Portfolio aufnehmen. Werke, die gewissermaßen „antizyklisch“ geschrieben werden, haben es schwer, einen Verleger zu finden. Solche Werke, die gerade nicht der gängigen Literaturwelle entsprechen, gelten als verlegerisches Risiko, und viele scheuen dementsprechend, sich darauf einzulassen.
Auch hier sind Beispiele sinnvoll, um das näher zu konkretisieren. Als vor einigen Jahrzehnten eine arbeitslose Britin eine Geschichte schrieb, die sie ihren Kindern als Gutenachtgeschichte vorgetragen hatte und die sich um einen Zauberlehrling und eine magische Schule drehte, war sie jahrelang erfolglos am Klinkenputzen, weil niemand diesen Stoff haben wollte.
Heutzutage kann man sicher davon ausgehen, dass alle Verlage und Verlagslektoren, die diesen Stoff ablehnten, im Nachhinein dies als eine ihrer größten Fehlentscheidungen ansehen. Denn der Zauberlehrling Harry Potter und die Zauberschule Hogwarts wurden bei einem risikofreudigen Verlag zu einem Megabestseller und die arbeitslose Autorin namens Joanne K. Rowling ist inzwischen nach meiner Kenntnis Milliardärin.
Auch auf sozialen Schreibplattformen wie Wattpad tauchen in der Zeit des Selfpublishings immer mehr neue Schreibtalente auf, die sich dort verwirklichen und bisweilen äußerst gefragte AutorInnen werden. Als in den ziemlich stockkonservativen USA sich niemand für einen Stoff, in dem sich ein jungfräuliches Mädchen in einen sadistischen Superreichen verguckt und in dessen BDSM-Lebensstil eingeführt wird, interessieren mochte, war diese Geschichte im Internet dennoch ein Bestseller … und als „Fifty Shades of Grey“ machte der Stoff dann ihre Autorin E. L. James zu einer internationalen Berühmtheit und trat eine ganze Welle von Epigonenwerken los.
Werke, die dieses Potenzial (noch) nicht haben, landen dessen ungeachtet häufig in den sprichwörtlichen Schubladen oder Festplattenspeichern von Computern und marinieren da vor sich hin … im Extremfall bis zum Ableben der VerfasserInnen.
Das, was auf dem Buchmarkt also gängig ist, stellt in der Regel einen literarischen Konsens zwischen den Verlegern und den Buchkritikern dar. Über die Qualität dessen lässt sich häufig trefflich streiten. Und ja, hier mag Nothombs Gedanke, dass die wichtigsten Werke von Autoren diejenigen sind, die nicht veröffentlicht werden, eine gewisse Berechtigung haben.
Es bleibt gleichwohl Fakt, dass der Gedanke an sich provokant ist. Er zeigt aber sehr deutlich in meinen Augen an, und deshalb hielt ich ihn für zitierenswert, dass Werke von AutorInnen nicht nur deshalb zu verwerfen sind, weil sie nicht publiziert wurden. Dafür kann es, wie oben gezeigt wurde, zahlreiche Gründe geben. Es gibt zweifellos noch mehr, beispielsweise intrinsische: Die VerfasserInnen wollen möglicherweise, dass ein bestimmtes Bild von ihnen in der Öffentlichkeit prominent bleibt, wobei es sinnvoll sein kann, gewisse persönliche Befindlichkeiten (etwa die sexuelle Orientierung) oder Vorlieben nach außen nicht zur Schau zu stellen.
Man kann sich etwa gut denken, dass religionskritische AutorInnen in religiös-doktrinären Staaten ihre kritischen Schriften lieber nicht an die große Glocke hängen, weil ihnen das wirtschaftliche und persönliche Nachteile einbringen könnte. Ich vermute beispielsweise, dass Patricia Highsmith es sehr viel schwerer gehabt hätte, als Autorin offiziell in Amerika anerkannt zu werden, wenn die Öffentlichkeit gewusst hätte, dass sie lesbisch ist. Das war üblicherweise ein solide gehütetes Geheimnis.
Wie sähe das in meinem Fall aus, um mal in medias res zu meinen eigenen Werken zu kommen? Ich bin inzwischen 59 Lenze alt, und es ist offensichtlich absehbar, dass sehr viele meiner Werke wohl zu meinen Lebzeiten (die hoffentlich noch geraume Zeit andauern wird) nicht mehr veröffentlicht werden. Das ist ja auch ein wichtiger Beweggrund für mich, diesen Archivgedanken intensiv zu verfolgen, er dient auch der Bewahrung dieser Schriften.
Viele meiner Werke befinden sich in einem Entwicklungsstadium, das eine intensive Nachbearbeitung erfordert. Darunter fallen nahezu alle Werke des Oki Stanwer Mythos und zahlreiche aus dem Segment des Archipels. Von den Schriften des Erotic Empire gibt es aktuell ausschließlich Fragmente, wenn auch manche 100 und mehr Textseiten überschreiten. Es gibt weit mehr als tausend Rezensionen, eine Handvoll Gedichte und Serienwerke wie etwa „Horrorwelt“, die ich bislang nicht mal entfernt für veröffentlichungsreif halte.
Dazu kommen sicherlich mehrere hundert Fragmente und zahlreiche Serien-Entwicklungslinien, von denen ich immer wieder mal in meinen „Work in Progress“-Blogartikeln berichte. Der Gedanke, all dieses Material könne nach meinem Ableben summarisch den Weg in instinktlose Papiercontainer finden, ist zu schmerzlich, um darüber länger nachzudenken.
Ja, ich würde sagen, in meinem Fall ist es tatsächlich so, dass Nothombs Worte die Wahrheit treffen – die weitaus meisten Werke, die ich für wichtig halte, sind tatsächlich derzeit noch nicht veröffentlicht.
Wer jetzt aufschreit: Ja, verdammt, dann MACH das doch, veröffentliche das wichtige Zeug, solange du noch da bist!, der hat leider ein bisschen zu wenig Ahnung von meiner Arbeitsorganisation und der vernetzten Struktur meiner Geschichten. Das kann ich natürlich niemandem zum Vorwurf machen, und davon bin ich weit entfernt. Aber wer sich mal die Zeit genommen hat und zwei oder vielleicht auch drei Stunden durch meine OSM-Wiki auf der Webseite www.oki-stanwer.de gesurft ist, dem wird ziemlich deutlich geworden sein, wie komplex allein das Werk des Oki Stanwer Mythos mit seinen bald 2500 fertigen Werken ist.
Wer im Internet schaut, wie viel davon inzwischen veröffentlicht wird, zieht zweifellos ein langes Gesicht: Wir sind hier nicht mal im niedrigen dreistelligen Bereich, sondern noch weit davon entfernt. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, die meisten sind technischer und monetärer Ursache. Deshalb denke ich, ist es wichtig, den Projektgedanken weiter zu verfolgen und langfristig sicherzustellen, dass zumindest ein guter Teil dessen, was ich geschrieben, aber noch nicht publik gemacht habe, erhalten bleibt. Wer sich nur anhand dessen, was ich veröffentlicht habe, ein Bild von meiner Persönlichkeit zu machen sucht, wird zweifelsohne ein ziemlich schiefes Bild meiner selbst zu sehen bekommen.
Ihr merkt an diesen ziemlich ausufernden und letztlich auch persönlichen Worten, dass mich die schlichten Zeilen der belgischen Autorin doch sehr beschäftigt haben. Und das ist auch gut so, sie lohnen nämlich ganz eindeutig, auch wenn das hier jetzt kein abschließendes Statement sein kann.
In der kommenden Woche erzähle ich euch Näheres zu dem jüngsten Jubiläum der Serie „Horrorwelt“. Und beizeiten geht auch die Reise in der Artikelreihe zum Autoren-Nachlassarchiv-Projekt weiter, versprochen!
Bis bald, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.