Blogartikel 478: Saigon II – Paradies oder Hölle?

Posted Oktober 2nd, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute machen wir mal aus gegebenem Anlass einen Abstecher in ein im Rahmen meiner Blogartikel selten besuchtes Parallel­universum meiner kreativen Schaffenssphäre – in das so ge­nannte „Erotic Empire“. Und da ich euch so selten davon erzäh­le, empfiehlt es sich, eine kurze Einleitung zu bringen, damit ihr wisst, was hier eigentlich Standard ist.

Schon seit Jahrzehnten brütete meine kreative Phantasie eroti­sche Szenarien aus, aber ich habe sie sehr, sehr lange unter der Decke gehalten, weil ich mich mitunter genierte. Es ist meine Sache normalerweise nicht, frei und offen über Sex und alles, was damit zusammenhängt, zu reden.

Als ich ab 1996 die Serie „Erotische Abenteuer“ entwickelte, die jetzt nach der Volldigitalisierung allmählich fortgesetzt wird, und seit ich dann ab 1997 den tropischen Archipel entdeckte und bereiste, in dem die Sexualität eine sehr wesentliche Rolle spielt, da dort ja eine explizite Liebesreligion um den Sonnen­gott Laraykos und seine vegetative Gattin, die Göttin Neeli, herrscht, hat sich das geändert.

Nun hatte ich für die meisten erotischen Ideen, die bislang in der Aporie versumpften und irgendwie steckenblieben, ein ad­äquates Ventil gefunden. Aber es gab noch Werke, die ich in diesen beiden Sphären einfach nicht unterbringen konnte. Wer­ke, in denen es explizit um Erotik und fremde Welten ging. Blan­ke Science Fiction also. Und für SF war in den bisherigen eroti­schen Denksphären recht wenig Raum.

Natürlich, ein paar solche Geschichten sind inzwischen in zwei Print-Ausgaben des Terranischen Clubs Eden (TCE) in der Reihe „Grey Edition“ erschienen. Aber dabei handelt es sich lediglich um sechs eher kürzere Novellen. Es gab aber sehr viel ambitio­niertere Geschichten, die tatsächlich Romanformat erreichten, neben zahllosen anderen, die eher Kurzgeschichten- bis Novel­lenformat haben.

Und ich stellte interessiert vor etwa fünfzehn Jahren fest, dass viele offensichtlich in demselben Universum spielen. Aufgrund des durchgängigen erotischen Grundtenors gab ich diesem Kos­mos den Namen „Erotic Empire“ und begann ein wenig, die Chronologie dieser Welt zu untersuchen und, wo nötig, anzuglei­chen. Damit stehe ich freilich noch ziemlich am Anfang. Nur so­viel ist inzwischen offenkundig:

Im Erotic Empire (und nein, diesen Terminus verwendet dort nie­mand, ebenso wenig, wie jemand im Oki Stanwer Mythos den Begriff Oki Stanwer Mythos nutzt, das sind klare Autorentermini) hat im Laufe des 21. Jahrhunderts eine globale Vereini­gungsbewegung dazu geführt, dass eine Weltregierung etabliert werden konnte. Die fundamentalen ökologischen Katastrophen, die uns heutzutage zu schaffen machen, konnten durch konzer­tierte Aktionen einigermaßen in ihren desaströsen Auswirkun­gen begrenzt werden. Und die Hyperraumfahrt wurde entwi­ckelt, was nun Explorationen von nahen Sonnensystemen er­möglichte.

Heutzutage ist es in der Astrophysik entgegen früherer Annah­men allgemein akzeptiert, dass nahezu jeder Stern der Milch­straße über Planeten verfügt, mitunter über Mehrplanetensyste­me. Das ist vermutlich sogar der Normalfall. Dennoch nahm ich im Rahmen des Erotic Empire an, dass erdähnliche Ökosphären doch eher selten sein würden. Und selbstverständlich würde die Menschheit nicht auf einmal zu einem idealistischen Verein mu­tieren und Sternexploration sozusagen just for fun betreiben.

Nein, realistisch erscheint mir, dass auch hier der ökonomische Primat walten wird – will heißen: Wenn man schon Investitionen in Höhe von Milliarden Credits (globale Weltwährung im Erotic Empire) einsetzt, will man langfristig eine Art von Rendite erhal­ten. Das begrenzt dann natürlich die Rahmenbedingungen der Exploration.

Dennoch hat die Menschheit im frühen 22. Jahrhundert schon einige Planeten in relativer Erdnähe entdeckt, die für eine Kolo­nisation taugen. Darunter war z.B. eine Welt namens „Voskin­nen“, eigentlich eine Eiswelt, wo Siedlungen errichtet und be­sonders die auf der Erde wegen des Klimawandels heimatlos gewordenen Inuit angesiedelt wurden.1

Weitere Planeten, die ich im Rahmen dieser Geschichten des Erotic Empire schon besucht habe, sind beispielsweise „Azur“, „Texas“, „Corrida II“, „Tempera“, „Bluesea“, „Westpoint“, „Fair­bank‘s Planet“, „Tarragon“, „Chairos“, „Salvage Mountain“, „Sa­vannah“, „Talloran“, „Green Desert“, „Amazonas III“, „Whitela­ke“, „New Hope“ … die Liste ließe sich noch fortsetzen. Der Zeithorizont der Geschichten reicht z.T. bis zum frühen 25. Jahr­hundert hinauf und enthält auch einige wieder in die Vor-Raum­fahrt-Ära zurückgestürzte Welten und solche, wo man tatsäch­lich Alien-Technologie fand. Von diesen Zeiten und Welten spre­che ich hier aber auch nicht.

Zu den frühen Entdeckungen, die die Erschließungsgesellschaft Unlimited Space ausfindig machte, gehört eine Welt namens Saigon II, der zweite von zwei Planeten der Sonne Heros, und damit sind wir beim Thema.

Saigon II ist ein grünes Juwel im Kosmos, quasi eine zweite Erde. Etwas geringere Erdschwerkraft, leicht höhere Sauerstoffwerte, und eine unglaublich vitale Biosphäre, die sich in planetaren Dschungelwäldern äußert. Da der Planet über keine ausgepräg­te Achsneigung verfügt, besitzt er auch kaum Jahreszeiten. Die Tagestemperaturen liegen immer in einem Bereich zwischen 20 und 40 Grad plus, Regenfälle sind quasi an der Tagesordnung … die Erschließungsgesellschaft war sich also sicher: Das ist die ideale Kolonialwelt, wo man Millionen Menschen ansiedeln und so den Bevölkerungsdruck der Erde wirkungsvoll kanalisieren kann!

Das Aussiedlerschiff CONQUEROR wurde ausgerüstet und mit mehr als 1100 Kolonisten auf die Reise nach Saigon II geschickt. Am 15. Mai 2119 erreichte das Schiff das Heros-System und lan­dete auf dem Planeten.

Anfangs lief alles wunderbar. Die Mikrobiologen untersuchten die Flora und Fauna des Planeten, die Ökologen fahndeten im Ökosystem nach schädlichen Substanzen und problematischen Lebensformen … und sie fanden: nichts.

Saigon II war eine uralte Welt. Sie hatte schon lange keinen Vul­kanismus oder nennenswerte Plattentektonik mehr. Die Fauna hatte sich nie über niedere Kerbtiere und Insekten signifikant hinaus entwickelt, das Höchste, was es gab, waren armlange Riesenwürmer und handgroße Riesenschaben … aber sonst gab es nur eins: eine unfasslich vitale pflanzliche Biosphäre, der man geradezu beim Wachstum zuschauen konnte.

Während der größte Bau von der Siedlung Saigon II, das mehr­türmige Ministerium, in dem die Kolonieleitung unter Gouver­neur Frederick Ollway residierte, entstand und die ringförmige Siedlung mit den zwölf Radialstraßen realisiert wurde, fiel dar­um der erste mit Nachrichtensonden zur Erde gesandte Bericht ausgesprochen positiv aus (Hyperfunkverbindungen über weite Strecken gab es zu dieser Zeit noch nicht im Erotic Empire, und die Nachrichtensonden brauchten bis zur Erde 3 Monate … was anfangs niemand problematisch fand).

Saigon II schien tatsächlich ein geradezu phantastisches Idyll zu sein. Keine gefährlichen Mikroben, keine Krankheitskeime, keine Untiere im Urwald, auch nicht die Spur von untergegangenen Alien-Zivilisationen oder sonst irgendwelchen Problemen. Im Gegenteil: den Kolonisten ging es einfach phantastisch! Sie wur­den auf dieser neuen Welt in einer Art leistungsfähig, die schon ans Unheimliche grenzte – 16 Stunden durcharbeiten, ohne zu erschöpfen? Kein Problem! Und alle blieben dabei absolut kern­gesund!

Ein Paradies, ganz offenkundig – besonders auch deshalb, weil die sexuelle Empfindsamkeit der Siedler in einer Weise zunahm, die einfach atemberaubend war. Frauen, die früher nur selten oder nie zum Orgasmus gekommen waren, erlebten ihn nun quasi jedes einzelne Mal, wenn sie sich stimulierten. Die Männer entdeckten an sich eine Leistungsfähigkeit, die sie sonst nur von gedopten Pornodarstellern kannten … und es ging offenbar immer so weiter! Da zur Kolonistencrew über 800 Frauen gehör­ten, standen hier faszinierenden erotischen Abenteuern mit sehr bereitwilligen Gespielinnen Tür und Tor offen.

Der Mikrobiologe Dr. Hagen Ramirez misstraute dem ersten An­schein. Er argumentierte, dass sie hier in eine völlig fremde Bio­sphäre eingebrochen seien, und dass es womöglich nur eine Frage der Zeit sei, bis hier negative Folgen spürbar werden wür­den.

Er wurde ignoriert, weil ja auch wirklich alles gegen ihn sprach.

So war es, bis er diesen eigenartigen sporenförmigen Mikroorganismus entdeckte. Damit war er nicht der erste, auch Dr. Don Suma vom Klinikum von Saigon II hatte dieselbe Entdeckung ge­macht, und als sie sich trafen, stellte sich heraus, dass er dem Ding auch schon einen Namen gegeben hatte.

Der Beschleuniger.

Dass er damit die Nemesis der Kolonisten entdeckt hatte, war ihm indes nicht bewusst.

Der Beschleuniger stellte die Quelle des unglaublichen biosphä­rischen Wachstums dar. Nun, wo sie wussten, wonach sie zu su­chen hatten, entdeckten die Kolonisten-Wissenschaftler den Mi­kroorganismus wirklich überall: in der Luft, im Wasser, in der Erde und den Pflanzen. Und seine Wirkung war stets dieselbe – er kurbelte die biochemischen Prozesse der Lebensformen an, die er beeinflusste.

Besonders intensiv besiedelte er den menschlichen Körper. Mit der Folge, dass er auch die menschliche Leistungsfähigkeit opti­mierte. Und ihre Libido in nie gekannter Weise aktivierte.

War Saigon II also nun das Wunschparadies für Sextouristen der Zukunft? Fast schien es so zu sein. Die Männer und Frauen, die von der segensreichen, geil machenden Wirkung des Beschleu­nigers profitierten, sahen sich jedenfalls außerstande, hier ein Problem zu sehen. Sie fanden dieses Wirken ausschließlich posi­tiv, und danach sah es ja auch aus.

Aber Menschen neigen – wir kennen das aus der aktuellen De­batte um den Klimawandel – leider dazu, notorisch kurzsichtig zu sein und langfristige Entwicklungen nicht korrekt einschätzen zu können. So verhielt es sich auch hier. Selbst der skeptisch-vorsichtige Hagen Ramirez nahm naiv an, die Wirkung des Mi­kroorganismus werde sich irgendwann „normalisieren“. Dabei übersah er konsequent, dass der Beschleuniger bereits seit un­gezählten Millionen von Jahren Saigon II dominierte und die ganze Biosphäre durchseuchte.

Es sprach rein gar nichts dafür, dass er irgendwann mit seiner Wirkung nachlassen würde … ich meine, wann hat sich schon ein Mikroorganismus jemals darum gekümmert, was Menschen wollen und wünschen? Es ist im Angesicht der heutigen COVID-19-Pandemie durchaus verblüffend zu sehen, wie diese Idee aus dem Jahre 2007 (!) inzwischen immer noch und vielleicht mehr denn je aktuelle Brisanz transportiert.

Auf Saigon II witterte niemand Probleme, alles schien ja bes­tens. Selbst als im Mai 2120 die Erdregierung per Nachrichten­sonde eingestehen musste, dass Unlimited Space die Explorati­onsprotokolle krass geschönt hatte und das eigentlich geplante Nachfolgeschiff BLUE SKY nicht starten würde, klang das noch nicht übermäßig dramatisch. Es war für den Gouverneur Frede­rick Ollway natürlich ein schwerer Schock, keine Frage … aber er hielt diese Nachricht zurück und spielte weiter Normalität.

Von Normalität konnte allerdings sozial schon längst keine Rede mehr sein: Eine dreiste, verliebte Kolonistin namens Michelle Berger hatte in dem Bestreben, ihren Abteilungsleiter Neil Wa­terson zu verführen, sukzessive eine immer provokantere Mini­malbekleidung im Ministerium durchgesetzt. Letztlich erreichte sie ihr Ziel und versank im sexuellen Lustrausch mit Waterson … aber im Verein mit der exzessiven Triebsteigerung sowohl der Männer wie der Frauen wurde so eine Entwicklung angestoßen, die einfach desaströs war und atemberaubend schnell ablief.

Dr. Ramirez entdeckte auf seiner Außenseiterposition, dass der Beschleuniger auf beide menschlichen Geschlechter unter­schiedlich wirkte: Während Frauen alsbald nur noch an unent­wegten Sex denken konnten und darüber alles andere vernach­lässigten, begann ihre Intelligenz geradezu sichtbar zu erodie­ren. Es war absehbar, dass sie in wenigen Jahren kaum mehr als rein triebgesteuerte Tiere sein würden … wunderschön, leiden­schaftlich und sexuell so aufgeputscht, dass sie die sinnlichste Hure der Erdgeschichte in den Schatten stellten. Aber für mehr als für Sex würden sie sich dann nicht mehr interessieren.

Für die Männer konstatierte Dr. Ramirez und merkte es auch an sich selbst, eine steigende Neigung zu Dominanz und Aggressi­vität. Und indem die Kolonialgesetzgebung vermeintlich die „In­teressen der Frauen“ auf luftigere Bekleidung immer weiter vor­antrieb und schließlich sogar ein Ministeriumsbordell institutio­nalisierte und alle Frauen von der Kolonieleitung konsequent ausschloss, öffnete nun eine ziellose sexuelle Hölle ihre Tore.

Am Ende, das sah Dr. Ramirez schließlich bereits nach wenigen Monaten, würde der Untergang der Kolonie Saigon II stehen. Denn nichts, absolut gar nichts, was die irdische Medizin entwickelte, konnte diesen rasenden degenerativen Prozess stoppen.

So entgleiste der paradiesische Traum von Saigon II in den ab­soluten Alptraum, und dieser Kolonisierungsversuch ging als ei­ner der schrecklichsten Fehlschläge der menschlichen Stellarge­schichte in die Annalen ein …

Nein, soweit bin ich noch nicht vorgedrungen, jedenfalls nicht in der vollwertigen Ausarbeitung. Grob skizziert ist der Roman bis zum Schluss schon seit Jahren. Gegenwärtig habe ich den zwei­ten Teil von insgesamt 6 im Reinskript vollendet, und auf diesen 258 Seiten geht es lediglich bis zu dem Zeitpunkt, wo Michelle Berger ihr Ziel bei ihrem geliebten Neil Waterson erreicht. Die wirklich grässlichen Ereignisse, die den Zeitraum von Juni 2120 bis 2128 umfassen, müssen noch ausgearbeitet werden.

Es ist unklar, ob diese Geschichte wirklich konsequent so schnell vorankommen wird, wie es gegenwärtig scheint. Aber zurzeit bin ich toll im Flow und will diese Zeit natürlich nutzen. Und beizeiten wird es dann vielleicht auch weitere abgeschlos­sene Geschichten aus dem Erotic Empire geben. Bislang gibt es hier nur Fragmente.

Soviel also für heute über eine Abenteuerreise in eine Welt des Erotic Empire. Garantiert werdet ihr hierzu beizeiten noch mehr erfahren.

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Davon erzählt das Romanfragment „Saskia bei den Nomaden“, worüber ich heute nichts Näheres berichten werde.

Rezensions-Blog 371: Mutant 59: Der Plastikfresser

Posted September 27th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

manchmal überholt die Wirklichkeit die Phantastik, und mitunter geschieht das sogar dann, wenn man damit überhaupt nicht rechnet. Als ich im Jahre 2018 den unten rezensierten Roman das zweite Mal las und immer noch höchst beeindruckt und be­unruhigt von seiner Zeitlosigkeit war, konnte ich mir wirklich nicht vorstellen, wie schnell unsere Realität von einem sehr analogen Verhängnis heimgesucht werden sollte.

Was meine ich damit? Ich zitiere nur mal spaßeshalber einen Satz meiner damaligen Rezension, und ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass ihr sofort im Bilde seid. Damals formulier­te ich Folgendes: „Tatsache ist, dass dieser Roman nach wie vor zeigt, wie schrecklich anfällig unsere Gesellschaft für diese win­zigen Organismen aus der Urzeit ist.“

Gemeint sind Mikroorganismen.

Und dann denken wir mal realchronologisch anderthalb Jahre über den Abfassungszeitpunkt der Rezension hinaus und landen wo? Bei der Corona-Pandemie und COVID-19 … einem Mikroor­ganismus, der bis heute die Welt komplett auf den Kopf stellt.

Vielleicht sollte man sich heute mehr denn je den Anfang der 70er Jahre (!) geschriebenen Roman mal zu Gemüte führen und gruselnd begreifen, dass damals zwei echt weitblickende Visio­näre am Werk waren. Die beiden Autoren ersannen nicht ein­fach eine spinnerte, verrückte Story, die niemals Realität wer­den kann, sondern sie legten peinigend unangenehm den Dau­men auf ein ungelöstes Problem der modernen Gesellschaft, ex­trapolierten ein wenig und ließen die Geschichte dann entglei­sen.

Wie das aussah? Desaströs. Aber auch bestürzend unterhalts­am, wie es die meisten plausiblen Apokalypsen sind. Stürzt euch mal wie ich damals in dieses Abenteuer und ihr werdet eine extrem spannende und immer noch sehr wichtige Ge­schichte vorfinden, die auch heutzutage alles andere als abwe­gig ist:

Mutant 59: Der Plastikfresser

(OT: Mutant 59: The Plastic Eater)

Von Kit Pedler & Gerry Davis

Heyne-Bibliothek der SF-Literatur, Band 60

256 Seiten, TB (1971)

Aus dem Englischen von Rolf Palm

ISBN 3-453-31289-9

Eine der am meisten drängenden Fragen der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts ist eigentlich die Schattenseite einer grundsätzlich segensreichen Entwicklung. So, wie es mit vielen Erfindungen der Menschheit ging, die man sowohl zum Nutzen wie zum Schaden einsetzen kann, sah es hier zunächst sehr da­nach aus, als würde ausschließlich der Vorteil dominieren.

Die Erfindung von Kunststoffen auf der Basis von Erdöl ist eine Entwicklung, die das 20. Jahrhundert von Grund auf umgekrem­pelt hat. Das beschönigen zu wollen, ist müßig. Man kann wohl mit Fug und Recht annehmen, dass es heute in den hochzivilisa­torischen Zentren der Welt keinen Lebensbereich mehr gibt, in dem Kunststoffe keine prägende Rolle spielen.

Ob es sich dabei um den Bereich der Textilien handelt, der Ver­packungsmaterialien, der Alltagsgeräte, der Baustoffe oder des Transportwesens, Plastikmaterialien verschiedenster Arten sind ubiquitär einsetzbar und werden entsprechend eingesetzt. Sie haben zumeist Vorteile gegenüber klassischen Werkstoffen – sie sind leichter, in großer Stückzahl schnell herzustellen, sie lassen sich durch diverse Prozesse schnell recyceln, senken Transport­kosten, erhöhen in bestimmten Bereichen die Stabilität von Kon­struktionen … auch die Vorzüge dieser Materialien sind vielfältig wie sie selbst.

Die Nachteile gehen damit indes einher. Einer, der früher gern als Vorteil verkauft wurde, nämlich die unbestreitbare Langle­bigkeit der Materialien, ist inzwischen als massives Manko er­kannt worden. Langkettige Kunststoffmolekülketten kommen in der Natur nicht vor, folgerichtig gibt es auch kaum eine Möglich­keit, diese Stoffe durch den natürlichen Zerfall vor Ablauf eini­ger Jahrhunderte abzubauen. Schlimmer noch: durch erosive Prozesse werden Kunststoffmaterialien in immer kleinere Einhei­ten zerrieben, wodurch sie quasi unsichtbar werden … was aller­dings nicht dazu führt, dass sie dadurch rascher zerfallen oder ihr Problempotenzial geringer wird. Diese klein geraspelten Kunststoffteile (Mikroplastik) reichern sich vielmehr in natürli­chen Stoffkreisläufen an, bilden in den Ozeanen gigantische Teppiche aus nahezu unzersetzbarem Treibgut und bilden so zu­nehmend eine Belastung für die Ökosysteme.

Gewiss, bereits Anfang des 20. Jahrhunderts machten Mikrobio­logen die Entdeckung, dass es Bakterien in der Natur gibt, die sich auf den Abbau von Kohlenwasserstoffverbindungen spezia­lisiert haben. Diese so genannten hydrocarbonoklastischen (also „Kohlenstoff zerbrechenden“) Bakterien führen aber ein Randdasein, und sie werden verstärkt erst seit Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erforscht. Man kann darum sagen, dass diese Forschungen definitiv erst am Anfang stehen.

Wie so oft war die Science Fiction auch in diesem Bereich sehr viel früher und sehr viel innovativer, und damit nähern wir uns dem vorliegenden Roman.

Im Jahre 1971, als das amerikanische Apollo-Programm noch As­tronauten zum Mond schickte und Gedanken über erste Mars­sonden zur Entwicklung entsprechender Gefährte führten, ver­fassten die Autoren Kit Pedler und Gerry Davis einen visionären Roman dystopischen Zuschnitts, der 1986 in der Heyne-Reihe der „Bibliothek der Science Fiction Literatur“ neu aufgelegt wur­de. Ungeachtet der Tatsache, dass er mehrere fiktionale Voraus­setzungen schafft, legt er einen Finger auf eine Wunde, die heu­te mehr denn je geeignet ist, Furcht und Schrecken im Leser zu induzieren. Deshalb hat er an Bedeutung bis heute nichts einge­büßt.

Es geht um Kunststoffe.

Es geht um menschliche Hybris.

Es geht um Mikroorganismen.

Heraus kommt ein Alptraum. Und so sieht er aus:

In einem nicht genannten Jahr (der eingesetzten Technologie nach zu urteilen aber spätestens Mitte der 70er Jahre) entwi­ckelt Dr. Simon Ainslie in Kensington bei London in seiner Frei­zeit einen Mikroorganismus, weil er damit das eingangs skizzier­te Menschheitsproblem, die Mülllawine aus schier unzersetzba­ren Kunststoffen, lösen möchte. Er stellt sich vor, dass dieser Mikroorganismus segensreich für die Menschheit sein könnte. Lange Zeit ist er erfolglos, aber die Mutation 59 erweist sich als tauglich, sie löst tatsächlich Kunststoffe auf. Aber ehe Ainslie diese Entdeckung bekannt machen kann, stirbt er eines natürli­chen Todes, und seine Erfindung wird in den Abfluss hinabge­spült und verschwindet aus dem Blickfeld.

Bald darauf kommt es anderwärts zu zwei wichtigen innovati­ven Entwicklungen: ein Forscherkonsortium um Dr. Arnold Kra­mer entwickelt erst einen sehr kostengünstigen Kunststoff, der auf Aminosäurebasis erschaffen werden kann, das Aminostyren, das bald in Lizenz weltweit an allen möglichen Orten für die Fer­tigung eingesetzt wird. Es scheint sich um einen perfekten Kunststoff zu handeln.

Die zweite Entwicklung ist noch folgenreicher: Kramers Team er­schafft einen sich selbst zersetzenden, lichtempfindlichen Kunststoff. Er wird vorrangig in der Kunststoffflaschenbranche eingesetzt, wo der Formungsprozess nun unter Abschluss von Helligkeit erfolgt. Die Flaschen werden mit einem weiteren Kunststoff bedampft und dann befüllt. Wenn man die Flaschen indes später am Hals aufreißt – der Inhalt ist sofort in andere Behältnisse umzufüllen – , kann man geradewegs zusehen, wie die Flasche in harmloses Granulat zerfällt. Der Werkstoff wird Degron genannt und bald durch millionenfache Produktion in Flaschenform zerbröselt und schließlich von den Käufern in die Kanalisation gespült.

Ebenso wie Aminostyren ist Degron ein gewaltiger Verkaufs­schlager und wird rasch weltweit in Lizenz verkauft. Offensicht­lich ist insbesondere Degron ein gutes Mittel, den stetig wach­senden Müllberg zu verringern.

Eine Verkettung dummer Zufälle bringt allerdings Degron und den Mutanten 59 in der Londoner Kanalisation zusammen. Und das, was so segensreich begonnen hat und aus den hehrsten Absichten heraus entwickelt wurde, gerät nun zu einem Alp­traum.

Mutant 59 findet sich im Paradies wieder – Kunststoffe, wo im­mer er „hinschaut“, könnte man sagen. Der immer noch unbe­kannte Mikroorganismus beginnt mit explosiver Vermehrung und mutiert dabei immer weiter. Sehr rasch erstreckt sich sein Heißhunger auch auf andere Kunststoffe. Auf alle Kunststoffe, wie es ausschaut.

Und es gibt ja so viel davon: mit Kunststoff ummantelte Kabel. Kunstoffrohre, in denen Gasleitungen verlaufen. Schaltungen, die das Verkehrswesen kontrollieren. Flugzeuginnereien. Schal­ter in Raumkapseln. U-Bahnen. Automobile. Und da sich Mutant 59 mittels mikroskopischer Sporen vermehrt, den ahnungslose Zivilisten überall mit hinschleppen, fängt ein mikrobiologischer Krieg an, den die Menschheit offenbar nur verlieren KANN …

Es ist manchmal wirklich verblüffend, wie visionär und geradezu zeitlos phantastische Romane sind. Wenn man in diesem Buch einmal über die aus heutiger Sicht archaische Technik hinweg­sieht – es gibt eben weder Handys noch Internet, und selbst die Computertechnik funktioniert mehrheitlich via Magnetband – , so hat sich an dem hier plakativ behandelten Grundproblem nichts geändert.

Natürlich, viele neue Substanzen sind hinzugekommen, aber primär, würde ich sagen, ist die heutige Menschheit anfälliger denn je für den Mutant 59. Ich muss mich nur in meiner eigenen Wohnung umschauen: Teppiche mit Kunststofffasern? Allgemein verbreitet. Pflanzbehälter aus Kunststoff? Überall bei Pflanzen liebenden Heimbewohnern zu finden. Computergehäuse? Aus Kunststoff. Telefone? Aus Kunststoff. Wichtige Einrichtungsge­genstände in der Küche – nicht nur in Flugzeugen – aus Kunst­stoff. Kabelummantelungen? Nach wie vor primär aus Kunststoff …

Das Alptraumszenario einer sich buchstäblich auflösenden Kü­che, die einem Alptraum von Salvador Dalí entsprungen sein könnte und die Pedler und Davis sehr anschaulich darstellen – das würde sich heute, mehr als 45 Jahre nach der Abfassung des Romans, in vielen Haushalten bei Freisetzung eines solchen Mikroorganismus munter wiederholen. Und das wäre selbstver­ständlich erst der Anfang.

Ja, es gibt eine gewisse Form von „Happy End“, könnte man sa­gen, aber mit einem unangenehmen Wermutstropfen, den ich hier nicht vorwegnehmen möchte. Tatsache ist, dass dieser Ro­man nach wie vor zeigt, wie schrecklich anfällig unsere Gesell­schaft für diese winzigen Organismen aus der Urzeit ist. Das Szenario ist alles andere als gänzlich abwegig, heute wohl weni­ger denn je.

Vergnüglich fand ich übrigens eine Szene, in der Dr. Luke Ger­rard, eine der Hauptpersonen der Geschichte, in einem Kauf­haus einem „Amok laufenden“ Spielzeugroboter von Menschen­größe auszuweichen hatte. Warum war das so witzig? Weil Kit Pedler als Skriptautor der britischen Fernsehserie „Doctor Who“ zu dieser Zeit bereits die Cybermen entwickelt hatte, die bis heute in der Serie ihr Unwesen treiben. Sie stehen für diese Pas­sage eindeutig Vorbild. Wer also den Roman zum damaligen Zeitpunkt las, konnte sich diese Szene angesichts der filmischen Darstellung der Doctor Who-Serie lebhaft vorstellen.

Ich halte das Buch ungeachtet der Knappheit der Darstellung definitiv nach wie vor für einen der besten und tiefsinnigsten SF-Romane, den ich jemals gelesen habe. Er ist unbedingt eine Wiederentdeckung wert.

© 2018 by Uwe Lammers

Harter Stoff? Ja, unbedingt. Aber wer immer meint, Science Fic­tion als realitätsfremde Spinnerei abtun zu wollen, wird durch solche Romane eines Besseren belehrt. Ich finde nach wie vor, dass es eine eminent wichtige Bedeutung der SF ist, auf lang­fristige Probleme hinzuweisen und das entsprechende Bewusst­sein dafür zu schärfen – das schafft dieser Roman ganz eindeu­tig, und zwar seit mehr als 50 Jahren!

Kann es noch etwas Schlimmeres geben als das? Allerdings, ja, und darauf komme ich in der nächsten Woche zu sprechen. Diesmal verlagert sich das Geschehen allerdings in die allge­meine Phantastik und bekommt gewisse allegorische Züge.

Der Tod gehört zum Leben dazu, das ist gewissermaßen der „Preis“ für das Leben. Aber was, wenn sich das auf einmal fun­damental ändert? Wie sieht das aus?

Mehr dazu in der nächsten Woche.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

neues Jahr, neues Spiel und, so wollen wir hoffen, auch neue kreative Werke, faszinierende Spielfelder für Geschichten, sie es für solche, die ich seit langem vollenden möchte, für solche, an die ich zurückkehren möchte oder ganz neue Welten, die es zu entdecken gilt.

Leider tobt die Corona-Pandemie nach wie vor und erreicht gru­seligerweise immer neue Höhepunkte. Die Suche nach einer Brotarbeit hält ebenfalls an, aber ich nutze die so noch „freie“ Zeit intensiv dafür, mich kreativ auszutoben … mit weitem Ab­stand die nützlichste „Psychotherapie“, die mich erdet und das innere Gleichgewicht wiederherstellt.

Inzwischen hat das Schreiben sogar einen meiner Lieblings-Zeit­vertreibe verscheucht, zwei, wenn man ehrlich ist: Das Lesen und das Streamen von Filmen via Youtube oder auf anderen Plattformen des Internets. Und da ich auf insgesamt 971 Krea­tivseiten allein für den Monat Januar 2022 zurückblicke, könnt ihr euch vorstellen, dass da so einiges passiert ist – mit Fug und Recht. Schauen wir uns das mal konkret an:

Blogartikel 473: Work in Progress, Part 109

Blogartikel 442: Legendäre Schauplätze 24: Xoor‘con-Sys­tem

(Glossar der Serie „Oki Stanwer Horror“)

16Neu 7: Schergen der Union

16Neu 8: Der Lebensretter

16Neu 11: Treffen mit Soffrol

Der Schöpfer-Komplex (Abschrift)

Anmerkung: Das ist ein komischer Text aus dem Frühjahr 1984, der mir bei Aufräumarbeiten wieder in die Finger fiel und von dem ich dachte, es wäre vielleicht ganz interessant, ihn zu digi­talisieren und auch zu veröffentlichen. Er gibt eine kleinen Einblick in meine Lebenswelt zu einem Zeitpunkt, da ich noch Schüler in der Realschule war und gerade mal 17 Lenze zählte …1

Blogartikel 451: Legendäre Schauplätze 25: Yiopür

13Neu 18A: Der Knochenacker

16Neu 9: Treffpunkt Sternenwrack

16Neu 12: Ein Dämon von TOTAM

Blogartikel 462: Legendäre Schauplätze 26/E: Zentralwelt

Anmerkung: Ja, damit habe ich dann, wie ihr, wenn ihr den Blogartikeln regelmäßig folgt, vor 15 Wochen entdecken konn­tet, die Artikelreihe um die „Legendären Schauplätze“ vorerst abgeschlossen … es ist gut möglich, dass dereinst eine weitere Staffel folgt, aber vorerst ist daran noch nicht gedacht. Lasst euch mal überraschen, was da als nächstes als Artikelreihe fol­gen wird.

16Neu 10: Der Fluch der KÄMPFER

Blogartikel 466: „Was ist eigentlich der OSM?“, Teil 82

(13Neu 19: Das Erbe des Ghouls)

Anmerkung: Diese OSM-Episode stammt nicht von mir, sondern ist ein seltener Exot, eine gewissermaßen „externe“ OSM-Ge­schichte. Leider sehr missraten, sowohl inhaltlich wie gramma­tisch … ich habe die Episode noch nicht mal ganz abgeschrie­ben und bin schon auf mehr als 500 (!) Schreibfehlern, die ich akkurat verzeichne. Aber obwohl diese Episode nur 6 Textseiten umfasst (!), rechne ich mit wenigstens 200 weiteren Fehlern, weil es wirklich keinen Satz gibt, der nicht mindestens 2 oder 3 Schreibfehler enthält.

Ein Beispiel gefällig? Na schön, aber nur, weil ihr das seid.

Ich zog ihn aus der Grünlichen Schleinlache in der noch die Blutgefüllten Adern zuckten. Ich warf das Kreuz hinein und schmatzend platzten sie. Das Schwärzliche Blut vermiste sich mit den schlein der anfing rund herum um das Kreuz zu brodeln …“

Ja, ich höre schon auf. Aber ihr versteht sicher, warum ich diese Episode wirklich nur der Vollständigkeit halber abschreibe und sie weder eine OSM-Kennziffer erhalten wird (da sie schließlich nicht von mir stammt) noch jemals inhaltlich Eingang in die Ro­manausarbeitung „DER CLOGGATH-KONFLIKT“ fand oder finden wird. Das ist einfach gruselig.

(IR 27: Kettenreaktion)

Das Geheimnis von Church Island – OSM-Roman

Anmerkung: Das war dann das komplette Kontrastprogramm – ein Romanskript mit letztlich 170 Seiten Umfang, an dem ich seit 2018 geschrieben hatte und das jetzt endlich fertig war. Ich habe davon vor fünf Wochen detaillierter berichtet und kann mir hier deshalb weitere Bemerkungen sparen.

(16Neu 14: Angriff der Lontreks)

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“)

(16Neu 15: KLIVIES KLEINES)

(13Neu 20: Im Bann des Rauchdämons)

(OSM-Wiki)

Blogartikel 470: Close Up: Der OSM im Detail (35)

(Sarittas Hilflosigkeit – Archipel-Novelle)

Anmerkung: Das war nur eine sehr, sehr kurze und wirkungslo­se Stippvisite im Archipel. Dafür ist aktuell die Zeit nicht gekom­men.

(16Neu 16: Der Jahrmillionen-Kerker)

Anmerkung: Dagegen hierfür sehr viel mehr. Ihr seht das schon an der schieren Zahl … es macht einfach ein wahnsinniges Ver­gnügen, an diesem Seriendigitalisat weiterzuschreiben. Nicht nur, aber natürlich auch, weil dies diejenige OSM-Ebene ist, mit der ich alsbald die Close Up-Kurzrezensionen fortsetzen werde. Der Anfang ist eher schlicht, aber die 20er-Episoden, denen ich mich allmählich annähere, nehmen dann schon dramatisch Fahrt auf. Da halte ich euch beizeiten auf dem Laufenden.

(Die Kolonie Saigon II – Erotic Empire-Roman)

Anmerkung: So, und das ist die andere Großbaustelle, die mich direkt nach der Fertigstellung der unten stehenden Glossare vollständig absorbiert hatte und dies immer noch tut. Vielleicht erwähnte ich schon einmal, dass ich den ersten Entwicklungs­keim dieser Geschichte anno 2007 niederschrieb und dann anno 2008 skizzenhaft ausarbeitete. Es geht um das desaströse Raumkolonisierungsabenteuer des Raumschiffes CONQUEROR auf dem Planeten Saigon II im Jahre 2119 im von mir so ge­nannten „Erotic Empire“, um die Gründung der Kolonie Saigon II, ihren Aufstieg und letztlich jähen, alptraumhaften Untergang.

Während ich den ersten von insgesamt 6 Abschnitten bereits im vergangenen Jahr abschließen konnte, habe ich jetzt im Januar 2022 den zweiten, 135 Seiten umfassenden Teil vollendet, und vom dritten Teil stehen auch schon 40 Reinskriptseiten. Im Schnitt komme ich jeden Tag zwischen 5 und 10 Reinskriptsei­ten voran, habe insgesamt also schon rund 300 Textseiten fer­tig … von wenigstens 600. Das wird noch ein hartes Stück Ar­beit, aber gerade jetzt, wo die Bilder nur so strömen, ist es eine klare Verpflichtung, hier weiterzuarbeiten. Das wird unzweifel­haft BUCH-Charakter (nach meiner Kategorisierung, d.h. Werke jenseits von 300 Textseiten) bekommen. Ständig ploppen neue Szenen verlockend auf … ein Alptraum vom Inhalt her, aber zu­gleich auch ein unbestreitbar ziemlich heißer Inhalt, dessen töd­licher Ernst den Kolonisten solange nicht bewusst wird, bis es für fast alles zu spät ist … in der nächsten Woche erzähle ich euch mehr davon.

Glossar des Romans „Das Geheimnis von Church Island“

Blogartikel 472: Krisenherd Church Island

Glossar des E-Books „DER CLOGGATH-KONFLIKT 1: Vorbe­ben“

Anmerkung: „Äh, du weißt aber schon, dass dieses E-Book schon seit 2018 auf dem Markt ist? Wieso jetzt erst ein Glossar? Der Roman HAT doch ein Glossar!“ So oder ähnlich mag einer von euch, der das Werk gelesen hat, nun bei diesem Eintrag grübeln. Ich kann das gleich und flink aufklären.

Ja, das E-Book „CK 1: Vorbeben“ HAT ein Glossar, natürlich … und es handelt sich um eine Art von Basis-Glossar, also eine Auswahl der im Werk vorkommenden zentralen Namen und Be­griffe. Das, woran ich auch schon 2018 zu arbeiten begann und was ich erst jetzt abschloss (ich hatte diese Baustelle lange ver­gessen und fand sie eher zufällig wieder, als ich das Glossar für „Church Island“ befüllte), ist das detaillierte Glossar. Dafür scannte ich den E-Book-Text damals durch und ging Zeile für Zeile die verwendeten Termini durch.

Als ich das Glossar wieder gefunden habe, war es etwa zur Hälf­te mit Begriffserläuterungen gefüllt, der Rest offen. Aber es dauerte Tage, bis ich das alles dann auch einarbeiten konnte. Die Überführung der Begriffe und Erklärungen ins Hauptglossar und in die OSM-Wiki brauchen noch Zeit, Freunde. Wie ich eben erwähnte, bin ich zurzeit auf einer ganz anderen Welt unter­wegs …

(E-Book „DER CLOGGATH-KONFLIKT 2: Monstererwa­chen“)

Ich schrieb verschiedentlich, dass ich die „Church Island“-Ge­schichte beenden müsste, um hieran weiterzukommen. Das entsprach der Wahrheit. Zwar habe ich jetzt erst mal nur eine kurze Stippvisite hier vorgenommen, aber es ist klar, dass das beizeiten geändert werden wird. Dafür müssen mich nur andere Baustellen ein wenig locker lassen, dann …

(Glossar des Romans „Die Kolonie Saigon II“)

Blogartikel 478: Saigon II – Paradies oder Hölle?

(16Neu 13: Transmitter zur Todeswelt)

(13Neu 21: Mein Doppelgänger)

Anmerkung: Diese OSM-Episode ist deshalb so wichtig, weil hier ein andauernder, langer moralischer Bruch innerhalb der Serie vollzogen wird. Ohne dazu Näheres zu sagen … diese grässliche Folge im Verein mit dem 2. Teil (Band 22 der Serie) erzeugt ein Ereignis, das als „Stanwers Blutnacht“ in die Geschichte der Menschheit eingehen wird. Und danach ist nichts mehr wie zu­vor …

(Quisiins letzter Fall – OSM-Roman)

Anmerkung: Ja, dieses Fragment gibt es auch noch. Ein weitge­hend fertiger Roman, der sinnigerweise im KONFLIKT 16 spielt, also der Serie „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“ (im Di­galisat: 16Neu!). Ihr könnt euch vorstellen, wie das auf mich wirkt, wenn ich diese Serie gerade digitalisiere. Ich schätze, das hier ist eins der nächsten längeren OSM-Projekte, die ich dieses Jahr abschließen kann. Mal sehen, ob das klappt.

So weit, so gut. Damit möchte ich euch wieder für den Moment verlassen. Bis nächste Woche, Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Der Text wurde in dem Fanzine BWA 461 im Januar 2022 veröffentlicht.

Rezensions-Blog 370: Hardlove – verliebt (5/E)

Posted September 21st, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute kommen wir dann zum fünften Teil des Hard-Zyklus von Meredith Wild und damit zum Schlussakkord des Zyklus, wo es noch mal nach den dramatischen Vorgängerbänden darum geht, die Fäden der Gesamthandlung zusammenzufügen, die Problemfelder aufzuklären und den Boden für was zu bereiten? Für ein Happy End, natürlich. Denn ebenso wie etwa Audrey Carlan ist Meredith Wild schematisch der romantischen Struktur dieser Art von Roman verhaftet. Und das bedingt nun einmal, dass die Geschichte nicht in Chaos und Zerstörung enden darf, sondern allen Widrigkeiten zum Trotz die aufrichtige Liebe sie­gen muss.

Tja, man kann das für schematisch halten oder für realitäts­fremd … Tatsache bleibt, dass diese Art von Romanen wohl auch deshalb so omnipräsent im Buchhandel ist und zudem so beliebt bleibt, weil sie eine tiefe Leserinnensehnsucht befrie­digt. Das hat sie mit Komödien gemein, die man aus Kino und Fernsehen kennt und wo die Strickmuster recht ähnlich verlau­fen.

Das muss man einfach akzeptieren. Und da ich selbst nicht ver­leugnen kann, eine tief verwurzelte romantische Ader zu besit­zen – wenngleich mir klar ist, dass Happy Ends zutiefst unrealis­tisch sind und es so etwas wie dauerhafte, eintrübungsfreie Happy Ends so gut wie nie gibt – , komme ich nicht umhin zu gestehen, dass ich derlei Romane auch schätze.

Umgekehrt bedeutet dies dann aber nicht, dass ich betriebs­blind werde und nicht doch gelegentlich die Kritikerfeder wetze … und daran sparte ich auch anno 2018 nicht, als ich den Schlussakkord dieses Zyklus besprach.

Wie ich das meine? Schaut einfach mal weiter:

Hardlove – verliebt

Teil 5 des Hard-Zyklus

(OT: Hardlimit)

Von Meredith Wild

Lyx (keine Verlagsnummer!), 2017

320 Seiten, TB

ISBN 978-3-7363-0425-3

Aus dem Amerikanischen von Freya Gehrke

Dem Tod eben noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein, verändert traditionell die Wahrnehmung auf alles, was um eine Person vor sich geht, setzt neue Standards und lässt Dinge in einem anderen Licht erscheinen als bisher. Das geht auch Eri­ca Hathaway und ihrem Geliebten, dem Milliardär Blake Landon so.

Wir erinnern uns: Erica ist frisch gebackene, 21jährige Absol­ventin der Universität Harvard in Boston und startete mit ihrem eigenen Startup Clozpin durch. Auf der Suche nach einem Inves­tor, der ihre Firma mit Kapital ausstatten könnte, stieß sie auf Blake, der sich als ihre große Liebe entpuppte und nach zahlrei­chen Turbulenzen schließlich als Schutzschild über der kleinen, prosperierenden Firma agierte. Während Erica sich zahlreichen Anfechtungen, Anfeindungen, Intrigen und Verschwörungen der Geschäftswelt zu stellen hatte und Blakes Liebe genoss, forsch­te sie zugleich nach ihrer eigenen Vergangenheit. Denn ihre Mutter hatte sie allein aufgezogen, der Vater war unbekannt ge­blieben.

Ericas Hartnäckigkeit machte Daniel Fitzgerald schließlich aus­findig, der für den Gouverneursposten kandidierte, aber bedau-erlicherweise auch direkt verwandt war mit jenem Nachtmahr aus Ericas Vergangenheit, der sie vor Jahren brutal vergewaltigt hatte, um dann aus ihrem Leben zu verschwinden. Dieser ge­sichtslose Mann bekam nun einen Namen: Mark MacLeod – Da­niels Schwiegersohn. Und er traf Anstalten, sie von neuem ver­gewaltigen zu wollen. Indem er ihn kurzerhand ermorden ließ, schob Daniel einen finalen Riegel davor. Erica deckte ihn mit schlechtem Gewissen, aber die Behörden begannen nun hartnä­ckig zu ermitteln. Und sie ermittelten auch in Richtung auf Blake Landon.

Der Grund lag ebenfalls in Blakes Vergangenheit – in Jugendjah­ren, ehe er von dem superreichen Michael Pope protegiert wur­de, war er ein heißblütiger Hacker der Hackergruppe M89 gewe­sen, die gegen korrupte Banker vorging. Als diese Sache auf­flog, legte Blake ein umfassendes Geständnis ab und ging straffrei aus. Blakes Compagnon Brian Cooper beging indes Selbstmord. Und er hinterließ einen nicht minder versierten Hacker-Bruder namens Trevor, der es sich fortan auf die Fahnen schrieb, den Tod seines Bruders zu rächen und Blake zu scha­den. Als dieser mit Erica zusammenkam, schoss sich Trevor auch auf sie und ihre Firma ein.

Ein weiteres Gespenst aus der Vergangenheit von Blake trieb zudem die ganze Zeit sein Unwesen: die masochistische Sophie Devereaux (fast durchgängig Sophia geschrieben, als könne sich die Übersetzerin nicht zwischen den Vornamen entschei­den), die sich nach wie vor nach ihm verzehrte und Erica mit zu­nehmendem Hass und intriganter Fiesheit verfolgte – so lange, bis die Jungunternehmerin im vierten Roman schließlich ihre Fir­ma an sie und selbst ganz depressiv den Boden unter den Fü­ßen verlor.

Die Entdeckung, dass Daniel Fitzgerald ihr Vater war, hatte für Erica und ihn außerdem zur Folge, dass sich durch Indiskretio­nen herumsprach, sie sei seine uneheliche Tochter. Und da Da­niel schon einmal Blake bedroht und seinen eigenen Stiefsohn umgebracht hatte, befand sich Erica notwendig in Sorge, als er nun argwöhnte, ausgerechnet Blake stünde hinter diesen Ent­hüllungen. Als sie herausfand, dass es jemand anderes war, traf sie sich mit dem entsprechenden Journalisten, um ihn zur Rede zu stellen … und geriet in eine Schießerei, bei der der Journalist getötet und sie schwer angeschossen wurde.

Es folgte eine lange Zeit der Rekonvaleszenz, während die Ärzte dem Liebespaar offenbaren mussten, dass die Schussverletzun­gen möglicherweise die Chance auf Liebeserfüllung in Form ei­nes Kinderwunsches final durchkreuzen könne. Blakes Liebe ließ gleichwohl nicht nach, und er heiratete sie schließlich im Kreise seiner Familie.

Der vorliegende Roman beginnt dann mit den rauschhaften, traumartigen Flitterwochen, in denen Blake mit ihr eine Weltrei­se unternimmt. Und währenddessen machen sie ernsthafte An­strengungen, den Kinderwunsch doch zu erfüllen. Nichts er­sehnt sich Erica mehr – und tatsächlich stellt sich nach der Rückkehr in die Staaten heraus, dass sie in der Tat schwanger geworden ist. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte besteht aus zwei Teilen: Daniel Fitzgerald hat die Wahl zum Gouverneur gewonnen (etwas, was Blake, der den Mann hasst, zutiefst missbilligt). Und im Nachhinein stellt sich heraus, dass die Wahl manipuliert wurde und Phantomstimmen ihm den Sieg garantiert haben (was Blake prinzipiell mit Genugtu­ung erfüllt). Doch dann stellt sich heraus, dass die Software, mit der manipuliert wurde, von niemand anderem als Blake selbst stammt – wiewohl sie beide wissen, dass er keinerlei sonderli­ches Interesse mehr während seiner Flitterwochen an der Wahl gehabt hat. Ihnen wird rasch klar, wer der Verantwortliche sein muss: Trevor.

Doch das hilft nicht viel, weil das FBI Blake an der Haustür fest­nimmt und ihm unter anderem seine Hacker-Vergangenheit zum Vorwurf macht. Man hält nun ihn für denjenigen, der Daniels Wahl manipuliert habe, angeblich habe er hinreichend Gründe, und der Code stamme schließlich von ihm. Der Antrag auf Kauti­on wird abgelehnt, weil er durch seine Fähigkeit des genialen Hackens eine Gefahr für die Menschheit darstelle.

Und nun plötzlich ist die verunsicherte Erica auf sich gestellt und muss händeringend versuchen, das Phantom namens Tre­vor ausfindig zu machen, um zu verhindern, dass ihr Ehemann und Vater des gemeinsamen Kindes für immer ins Gefängnis wandert …

Ja, man merkt deutlich, dass der Zyklus sich dem Ende zuneigt, der Leser der Rezension sieht das ebenfalls deutlich. Die Hand­lung wird doch langsam sehr dünn, entsprechend ausufernd wird dargestellt. Die Geschichte bleibt definitiv unterhaltsam, die Personen sind nach wie vor liebevoll dargestellt, und man liest es gern, wie sie miteinander umgehen. Wenn man den Ro­man indes auf seine Basics reduziert, enthält er dann doch jen­seits der Flitterwochen, der Schwangerschaft und der Hacker-Geschichte um den Wahlkampf vergleichsweise wenig Substan­zielles.

Der Handlungsstrang um Sophie wird relativ glanzlos versenkt, wie ich fand, und tatsächlich taucht dann noch mal wie ein Springteufel aus der Versenkung die abgeschossene Risa Corvi auf, ganz wie vermutet. Man kann sogar sagen, dass in dem Ro­man ein kleiner Vorbote der gegenwärtigen „Me-too“-Debatte mitschwingt, da es an mehreren Stellen explizit um sexuellen Missbrauch und die öffentliche Beichte vor Polizeidienststellen geht. In dieser Hinsicht ist durchaus eine Verbeugung vor der Autorin angebracht. Wie wir heute wissen, sind ja leider sexuel­le Übergriffe auf Frauen in Firmen alles andere als ein Ausnah­mephänomen, und das gilt nicht nur für die USA.

Grundsätzlich betreibt der Roman darum abschließende Arron­dierung der Handlung, klärt Problemfelder auf, die bislang offen geblieben sind (einige habe ich oben mit Bedacht ausgelassen, da Rezensionen ja nicht alles enthüllen sollen). Am Schluss, und damit erweist sie dann deutlich, dass sie sich von E. L. James in­spirieren ließ, als sie den „Bonus“ schrieb, bekommen wir dann den Anfang des Romanerstlings „aus Blakes Sicht“ zu sehen – ein Vorgehen, das bekanntlich E. L. James am Schluss von „Fifty Shades of Grey“ ebenfalls brachte. Nett … aber ich glaube jetzt nicht, dass Meredith Wild daran geht, voll umfänglich in James´ Fußstapfen zu treten.

Warum denke ich das nicht? Weil sie das in diesem Roman so­wieso schon tut, wo sich Blake- und Erica-Kapitel abwechseln. Das lockert den Roman auf, bietet dem Leser eine neue Per­spektive und ist prinzipiell begrüßenswert. Auf der anderen Sei­te ist auch dies natürlich ein Symptom für Handlungsarmut. Wir sind hier ja nicht bei Anna Todd, die auf diese Weise einen 900seitigen Roman aus dem Boden gestampft hat, sondern in einem Zyklus, wo dieses Mittel erst im letzten Band angewen­det wird und das Buch dann dennoch das kürzeste des gesam­ten Zyklus ist.

Fazit? Zum Schluss hin hätte es schon durchaus etwas komple­xer werden können. Was beispielsweise vollständig ausgeblen­det bleibt, und zwar nicht nur bis zur Hochzeit, sondern darüber hinaus, das ist die mütterliche Familie Ericas, die ja damals nach Schwangerschaft ihrer Mutter mit ihr gebrochen hat. In Band 4 wird erwähnt, dass diese Familie quasi auf dem Seeufer gegen­über von Blakes Eltern lebt, aber glaube niemand, dass diese Leute irgendwann mal Namen oder Gesicht bekommen oder ir­gendeine Rolle in der Handlung spielen. Sie könnten genauso gut tot sein. Hier hat die Autorin also kategorisch viel Potenzial verschenkt, das den vierten und fünften Roman deutlich mit mehr Umfang hätte beleben können.

Man darf also wohl aus dieser Tatsache Folgendes schließen: Da sie Ericas Geschichte recht stark an die eigene Biografie ange­lehnt hat, hat sie schätzungsweise eine ähnliche Vergangenheit – ihre Mutter hat sie als uneheliches Kind bekommen und mit der eigenen Familie gebrochen, und das hat sich bis zur Gegen­wart nicht geändert. Weswegen Wild diesen Teil der Geschichte kategorisch ausgeblendet hat. Schade eigentlich. Wenn der Ro­man schon der biografischen Aufarbeitung in dieser Weise ge­dient hat, wäre doch eine – wenn auch real-fiktive – Wiederver­einigung ein schönes Mittel gewesen, um über das Medium des Romans der Wirklichkeit eine Brücke zu bauen. Aber das ist mei­nerseits natürlich nur eine Spekulation.

Insgesamt gesehen ist der Romanzyklus „Hard“ eine nette Le­seerfahrung gewesen, auch wenn der Zyklustitel doch ein wenig rätselhaft bleibt, dito die Coverillustrationen, und die Untertitel wie üblich manchmal etwas bemüht sind. Aber das ist Verlags­marketing, damit hat die Autorin ja nicht viel zu tun. Wer sich gern in eine leidenschaftliche, turbulente Liebesgeschichte stür­zen möchte und die Zeit vergessen will, ist hier durchaus rich­tig. Sehr viel Tiefgang sollte man indes nicht erwarten, und der reale Preis von mehr als 60 Euro für den gesamten Zyklus scheint mir doch etwas übertrieben. Glücklicherweise gibt es so etwas wie Antiquariate, um die Kosten zu senken …

© 2018 by Uwe Lammers

In der Folgewoche kehren wir ins Sujet der Science Fiction zu­rück und zu einem Problem, das wir in abgewandelter Form heu­te weltweit kennen – Plastik, speziell Plastikmüll. Was, wenn ge­länge, dafür eine grandiose Lösung zu finden … und sie dann nicht zu erkennen? Ich verrate nicht zu viel, aber das könnte buchstäblich das Ende der Welt bedeuten, wie wir sie kennen und wie es vor langer Zeit schon dieser Klassiker der SF-Litera­tur als bedrohlichen Schatten an die Wand malte.

Bis demnächst dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

vor neun Wochen waren wir zuletzt in dieser Rubrik zu Gast. Ich begann damals mit der Analyse derjenigen kreativen Aktivitä­ten, die ich im Rahmen der „Annalen“ für das erste Quartal des Jahres 2018 fertigstellen bzw. weiter bearbeiten konnte. Heute kümmern wir uns um die kreativ sehr reichen Monate April bis Juni 2018.

Woran merkt man das? Allein schon an den schieren „Marsch­zahlen“ dieser Monate: 34, 33, 28. Ohne Frage wurde das befeu­ert durch Aktivitäten, die außerhalb meiner originären Tätig­keitsfelder lagen.

Was mag diese Andeutung nun wieder suggerieren? Nun, ich er­wähnte jüngst in dieser Rubrik, dass ich mich aktiver einbrachte in den Verein KreativRegion e.V. in Braunschweig, ebenso, dass ich mich für den nächsten SF-Convention in der Löwenstadt en­gagierte … und dabei auch ein Crossover zwischen dem Verein KreativRegion e.V. und dem für den Con verantwortlichen För­derverein Phantastika Raum & Zeit e.V. herstellte. Es war dafür schon sehr hilfreich, in beiden Vereinen Mitglied zu sein.

Wir konnten natürlich alle nicht ahnen, dass es geschlagene 4 Jahre dauern sollte, ehe der nächste Con in Braunschweig Reali­tät werden würde. Niemand von uns konnte die Flüchtlingswel­len oder gar die Corona-Pandemie vorhersehen, die nahezu alle kulturellen Aktivitäten ab Ende 2019 zum jähen Stillstand brach­te.

Einerlei, dazu wird an gegebener Stelle mehr zu sagen sein, heute nicht. Kehren wir also zurück in den April des Jahres 2018, als die Zukunft noch licht und unkompliziert aussah.

Ich kümmerte mich in diesem Monat – neben den traditionellen Blogartikeln, Rezensionen, BWA-Redaktionen und Werken im Rahmen des Erotic Empire weiter um die Digitalisierung von KONFLIKT 18 des OSM, also der Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“, wo ich schon bis Band 110 (von ins­gesamt 114) vorstieß. Hinzu kam reichliche Glossararbeit und das Weiterschreiben an einigen „Annalen“-Fragmenten. Als da wären: „Geister“, „Im Bann der schönen Fremden“ und besonders dem inzwischen romanlangen „Episoden“-Werk „Töd­liche Entscheidung“ (NK 54, der später der OSM-Band 2000 werden sollte).

Ach ja, und ich arbeitete ein gutes Stück weiter an dem inzwi­schen längst erschienenen E-Book „BdC 1 – Im Feuerglanz der Grünen Galaxis“. Außerdem begann ich am 29. April 2018 mit der Lang-Artikelreihe „Close Up: Der OSM im Detail“, wo ich ab KONFLIKT 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ in Form von Kurzrezensionen den Handlungsfortschritt des OSM in einem zusammenhängenden Stück zu dokumentieren begann. In jedem dieser Artikel referierte ich über fünf Episoden.

Damit ab KONFLIKT 14 zu beginnen, was ein wenig willkürlich scheinen mag, bot sich aus zwei Gründen an: KONFLIKT 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ und KONFLIKT 13 „Oki Stanwer Horror“ werden zurzeit in E-Book-Form überarbeitet und liegen euch in näherer Zukunft nach und nach als Lektüre vor. Das gilt nicht für die darauf folgenden KONFLIKTE, die z.T. noch nicht di­gitalisiert sind (hier rekurriere ich auf den KONFLIKT 16, bei dem ich die diesbezüglichen Arbeiten derzeit ausführe).

Der zweite Grund ist das zusammenhängende Volumen. Die KONFLIKTE 14-18 sind zusammenhängend vollständig vorhan­den, meistenteils – ich deutete es eben an – auch schon digitali­siert, sodass ich darauf relativ mühelos zugreifen und etwa auch Zitate für die Artikel herausziehen kann. Der Gesamtum­fang dieses Kontinuums beträgt immerhin respektable 506 Epi­soden. Daran schließen sich gut 50 Episoden des KONFLIKTS 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ an. Ihr seht, dass wir hier zusam­menhängenden Stoff für wenigstens 110 Close Up-Beiträge ha­ben.

Wo stehen wir damit aktuell? Bei Artikel 36. Und damit habe ich KONFLIKT 14 ganz und KONFLIKT 15 „Oki Stanwer“ nahezu voll­ständig erfasst. Und da ich mit dem Digitalisierungshorizont von KONFLIKT 16 „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“ gegen­wärtig schon auf Band 30 bin, könnt ihr euch ausrechnen, dass da schon eine ganze Menge Vorlauf möglich ist, der vermutlich bald bis ins Jahr 2023 reicht.

Im Mai 2018 arbeitete ich neben der Digitalisierung von KON­FLIKT 18 – ich kam bis Band 114, aber ich konnte ihn noch nicht abschließen, sodass die Baustelle für diesen Monat Bestand hat­te – auch an den Digitalisaten von KONFLIKT 12 und KONFLIKT 14.

Auch an der E-Book-Front kam ich voran, indem ich am E-Book „Das Kriegernest“ feilte. Ebenfalls kümmerte ich mich um die weitere Digitalisierung des gigantischen Buch-Projekts „DER CLOGGATH-KONFLIKT“ (manch einer hätte bei den über 3000 analogen Textseiten vermutlich kapituliert, aber ich biss mich durch, und wie ihr wisst, ist das Digitalisat inzwischen ebenfalls komplett … das Werk an sich leider natürlich noch lange nicht).

Viel in diesem Monat entfiel auf Rezensionen und Blogartikel, sodass ich an weiteren autonomen OSM-Werken nicht voran kam.

Der Juni 2018 sah da schon besser aus. Am 5. Juni konnte ich mit Band 114 „Entscheidung in der Knochendimension“ den KONFLIKT 18 als Digitalisat abschließen (worüber ich im Blogartikel 290 berichtete).

Daraufhin steuerte ich den lange vernachlässigten KONFLIKT 28 „Oki Stanwer – Der Siegeljäger“ an, kam aber nicht so weit, wie ich gern gewollt hätte … das lag schlicht am thematischen Schwergewicht: Mit den Episoden 56 „Die Mauern der Offen­barung“ und 57 „Göttliche Erkenntnisse“ (der schließlich Band 2050 des OSM werden sollte) hatte ich inhaltsschwere Texte vorliegen, an denen ich schon seit Jahren feilte.

Gleichwohl ging auch die Arbeit an „Feuerglanz“ weiter, aber auch das blieb in diesem Monat Stückwerk.

Und dann kam das, was ich als „Sommerhitze-Loch“ bezeichnen möchte und mich in den kommenden drei Monate doch ziemlich in meiner Schreibaktivität hemmte.

Ihr wisst, dass ich bei höheren Temperaturen nicht so gut „funk­tioniere“, um es behutsam zu sagen. Meine Konzentration ist dann nicht allzu gut, und ich ziehe mich meist, wenn machbar, auf leichte oder repetitive Werke zurück, auf Digitalisate, Rezen­sionen, Blogartikel … das werdet ihr im nächsten Teil dieser Ru­brik deutlich spüren.

Soviel für heute. In der nächsten Woche erzähle ich euch im Rahmen der dauernden Artikelreihe „Work in Progress“, wie sich meine Schreibaktivitäten im Januar 2022 entwickelten.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 369: Was wäre geschehen, wenn?

Posted September 13th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wer meinem Rezensions-Blog schon geraume Zeit folgt (und na­türlich hoffe ich, dass das viele von euch sind und ihr schon jede Menge Anregungen für interessante Bücherneulektüren aus meinen zahlreichen Rezensionen aufgenommen habt), der weiß zur Genüge, dass ich sowohl Historiker wie Phantast bin. Ich bin gewissermaßen in beiden Welten zuhause, der realen wie der fiktiven. Und mein besonderes Augenmerk gilt jenen faszinierenden Schnittstellen dieser beiden Sphären, die sich entwickeln, wenn man entweder Zeitreisen verfolgt oder Alter­nativwelten aufsucht … und dann gibt es die mehr bodenständi­gere Variante davon, die mehr der realen Zeitgeschichte zuzu­rechnen ist, aber kaum weniger phantastisch ist.

Ich spreche von kontrafaktischer oder ungeschehener Geschich­te. Von jenen faszinierenden fremden Ufern, zu denen man ge­langt, wenn man historische Entscheidungen revidiert und zu prognostizieren beginnt, was wohl hätte geschehen können, wenn Schlachtenverläufe anders ausgegangen wären. Wenn Personen kürzer oder länger gelebt oder sich anders entschie­den hätten, als dies in unserer Welt der Fall war.

Wir wissen als Zeithistoriker und historisch Interessierte zur Ge­nüge, dass der Grat des Zufalls bisweilen sehr schmal ist. Dass der „Hinge-Faktor“, wie man das auch nennt, einen Umschlag von einer realen Geschichtssituation in ein Gefilde der unbe­grenzten Möglichkeiten herbeiführen kann. Dafür reichen takti­sche Fehlentscheidungen, persönliche Animositäten, Autounfäl­le, Zugverspätungen, Wetterunbilden, Krankheiten … es gibt der Faktoren schier unendlich viele.

Was sich dann ereignet, ist, mit Verlaub gesprochen, schiere Phantastik! Denn dann entgleist die Weltgeschichte, und genau davon handelt dieser voluminöse Band, den der arrivierte Militärhistoriker Robert Cowley als Herausgeber zu verantworten hatte. Auf über 500 Seiten wird ein unglaubliches Füllhorn an atemberaubenden historischen Alternativszenarien ausge­gossen, stets orientiert und niedergeschrieben von kenntnisrei­chen Historikern und Autoren, die sich in der jeweiligen Fallge­schichte und Epoche bestens auskennen und so selbst den Denk- und Informationshorizont eines vergleichsweise belese­nen Historikers wie mir noch deutlich auszuweiten verstanden haben.

Bereit für ein Abenteuer, das euren Blick auf die Historie grund­legend verändert? Bereit für das Denken in historischen Alterna­tiven? Dann brechen wir mal gemeinsam dahin auf. Wie ich schon andeutete – es wird spannend:

Was wäre geschehen, wenn?

(OT: What If? 2 Eminent Historians Imagine What Might Have Been)

von Robert Cowley (Hg.)

Droemer, München 2004

19.90 Euro, 548 Seiten, geb.

Übersetzung von Henning Thies

ISBN 3-426-27325-X

Theodore Roosevelts triumphale Wahlkampagne für eine dritte Amtszeit als Präsident im Jahre 1912 hat bei Historikern bisher nicht die gebührende Aufmerksamkeit gefunden. Sein Erd­rutsch-Sieg im November des Jahres verdrängte die komplizier­te Vorgeschichte seiner Nominierung beim Nationalen Konvent der Republikaner in Chicago vier Monate zuvor aus dem Be­wusstsein. Zumindest diese Frage hätten sich die Historiker ei­gentlich stellen müssen: Was wäre geschehen, wenn nicht Roo­sevelt, sondern Woodrow Wilson während des Ersten Weltkriegs in Europa amerikanischer Präsident gewesen wäre …?“1

Nun, das wenigstens brauchen sich die Historiker nicht zu fra­gen, denn bekanntlich WAR in unserer Welt Woodrow Wilson in Amerika Präsident, als der Erste Weltkrieg in die entscheidende Phase ging, und Wilsons Name bleibt auf immer und ewig mit dem Vertragswerk von Versailles verbunden, das 1919 dem Deutschen Reich aufgezwungen wurde.

John Lukacs ist nur einer von 23 Autoren, die in historisch-kon­trafaktischen Essays eine breite Palette phantastischer Welten skizzieren, in denen manchmal beängstigende, gelegentlich aber auch hoffnungsvolle Möglichkeiten bestehen oder hätten bestehen können, die Menschheitsgeschichte in andere Bahnen zu lenken.

Schon in seinem Vorgängerband „Was wäre gewesen, wenn?“2 versammelte der Militärhistoriker Robert Cowley eine Vielfalt von Visionen, in denen die Geschichte minimale (manchmal auch ausgesprochen gravierende) Abweichungen erfuhr. Diese im Grunde genommen unendlich große Palette von Möglichkei­ten wird hier entsprechend erweitert um Facetten, die den Jah­ren 424 vor Christus bis 1948 nach Christus reichen:

– In dem Aufsatz „Sokrates fällt bei Delion, 424 vor Christus“ malt der Althistoriker und Militärexperte Victor Davis Hanson3 ein Alptraumgemälde für Altphilologen und Philosophen. Was wäre geschehen, wenn Sokrates gestorben wäre, bevor er auf den späteren Philosophen Platon hätte treffen können? Die ge­samte abendländische Philosophie wäre so, wie wir sie kennen, niemals entstanden.

„Es lag nicht an der schönen Nase“, behauptet Josiah Ober und durchleuchtet genauer die Wahrscheinlichkeitschancen ei­nes Sieges des römischen Feldherrn Marcus Antonius´ und sei­ner Geliebten Kleopatra bei der Schlacht von Actium im Jahre 31 vor Christus.

– Fast schon an Häresie grenzt Carlos M. N. Eires Essay „Pontius Pilatus verschont Jesus“, was ihn unter Umständen in ein hoch­betagtes, gesegnetes Alter geführt hätte, unter dem ausdrückli­chen Schutz der römischen Behörden – weil Jesus nämlich die Gewaltlosigkeit gegenüber den römischen Besatzern predigte.

– Ebenfalls auf Messers Schneide stand die Weltgeschichte am 14. Oktober 1066, wie Cecelia Holland in ihrem Beitrag „Rück­schlag bei Hastings“ ausdrücklich darlegt. Ein wenig Beharrlich­keit und Klugheit mehr, und die Normannen hätten England nicht erobern können, mit unwahrscheinlichen Folgen für die fol­genden Jahrhunderte.

„Die Chinesen entdecken die Neue Welt“, prognostiziert Theo­dore F. Cook jr., der die gigantischen See-Expeditionen des Eu­nuchen Cheng Ho genauer unter die Lupe nimmt. Denn entge­gen den traditionell europäisch zentrierten Geschichtsbüchern war China im frühen 15. Jahrhundert die größte Seemacht der Weltgeschichte, und selbst solche Schiffe wie die des Christo­pher Kolumbus nahmen sich gegenüber den chinesischen Lang­strecken-Expeditionsschiffen wie Beiboote aus.4

„Oh Gott, ist Luther tot?“, riefen Gefährten des Reformators aus, als Luther im Anschluss an den Reichstag zu Worms im Jah­re 1521 spurlos verschwand. Damals wurde er nur zur Wartburg gebracht, doch was wäre passiert, wenn der Papst ihn als Häre­tiker auf dem Scheiterhaufen hätte verbrennen lassen? Es fehlte nur wenig, wie Geoffrey Parker zu berichten weiß, dann wäre es so gekommen.

– Dass gelegentlich wenige hundert Meter und ein paar Tage Weltgeschichte zu verändern vermögen, ist ein Allgemeinpos­ten. Aber es trifft besonders auf den August des Jahres 1641 zu und auf den König Karl I. von England. Damit zusammenhän­gend treten die Pest, Oliver Cromwell, der Dreißigjährige Krieg und eine legendäre Fürstenwitwe im Exil auf. Das Szenario Theodore K. Rabbs, das er in „Wenn Karl I. im August 1641 Whitehall nicht verlassen hätte“ ausrollt, lädt zum Gruseln ein.

– Vielleicht noch schlimmer aber ist Thomas Flemings Spekulati­on, die den prägnanten Titel „Napoleons Invasion in Nordameri­ka, 1802“ trägt und den Geschichtsverlauf ganzer Weltreiche umstülpt und ein französisch-amerikanisch aufgespaltenes Nordamerika zur Folge gehabt hätte. Wenigstens.

– Absolut köstlich, unter Anrufung von Geistern etwa, kommt Ali­stair Horne daher, der meint, dies sei ein sinnvolles Szenario ge­wesen: „Frankreich hält auch noch die andere Wange hin, Juli 1870“. Auf diese Weise läuft Fürst Bismarcks Provokation mit der Emser Depesche ins Leere. Mit weitreichenden Folgen …

– Robert L. O’Connell skizziert, mit ganz minimalen Einmischun­gen in die biografische Geschichtswissenschaft, wie die Deut­schen im Jahre 1915 ihre Kriegswirtschaft umstellen und „Die Torpedierung des Ersten Weltkriegs“ auf absolut beängstigende Weise betreiben.

– Lenin, der nachmalige Diktator Russlands, könnte „Zu spät am Finnischen Bahnhof in Petrograd, 1917“ erscheinen, und auf die­se Weise wäre es denkbar, dass die Russische Revolution nicht stattfindet oder sich viel unblutiger entwickelt. Das wenigstens hält George Feifer für sehr plausibel, und seine Vision hat viel für sich.

– Hätte Adolf Hitler in München 1938 nicht auf den Briten Cham­berlain gehört, sondern sich hitzig entschlossen, sofort nach der gesamten Tschechoslowakei zu greifen, dann hätte sich „Der Krieg des Jahres 1938“ entwickelt, davon ist Williamson Murray überzeugt. Und vieles wäre anders gekommen.

– Churchill als verbitterter Exilpolitiker in Kanada? England unter deutscher Vorherrschaft? Hitlerdeutschland als größter Macht­faktor Europas? Denkbare Schreckensfolgen der unscheinbar klingenden Vision „Premierminister Halifax“, der 1940 mit Deutschland Frieden schließt, wie Andrew Roberts ein düsteres und nicht unplausibles Geschichtsszenario kreiert.

– Was wäre passiert, wenn die Alliierten es im Zweiten Weltkrieg nicht geschafft hätten, die deutsche Enigma-Maschine zu kna­cken? Es hätte auf alle Fälle den Krieg wesentlich erschwert und verlängert. Und vielleicht wäre über den deutschen Machtha­bern wirklich eine völlig neue Art von Sonne aufgegangen …

– Robert Katz spekuliert, ob es geholfen hätte, wenn Papst Pius XII. gegen die Judenvernichtung protestiert hätte. Jeder, der im ersten Moment behauptet, dies könne keine Wirkung zeitigen, sollte besser genau nachdenken. Katz bringt zur Unterstützung seiner beiden kontrafaktischen Entwicklungslinien einige De­tails, die selbst mir als Historiker unbekannt waren …

– Caleb Carr, eigentlich eher bekannt durch historische Kriminal­romane aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, fragt sich, ob Dwight D. Eisenhower nicht aus einer Laune des Zau­derns heraus einen kapitalen und blutigen Fehler begangen hat, indem er zwei seiner profiliertesten Untergebenen, nämlich Ge­neral George S. Patton und Feldmarschall Montgomery, nicht vorauspreschen ließ. Carr legt plausibel dar, dass es dagegen eigentlich keine probaten Gründe gegeben hat, sondern im We­sentlichen politische Querelen dafür ausschlaggebend waren.

– Ein wenig monströs ist Roger Spillers Grundgedanke „Der Füh­rer auf der Anklagebank“, der, ausgehend von den Nürnberger Tribunalen, darüber nachsinnt, was wohl geschehen wäre, wenn die Russen Adolf Hitler lebendig in die Finger bekommen hätten. Parallelen mit dem Eichmann-Prozess 1961 in Israel sind aus­drücklich intendiert.

„Keine Atombombe, kein Kriegsende“, in dieser Spekulation führt Richard B. Frank das ultrakurze Szenario Robert Cowleys aus dem letzten Band weiter5 und malt das Gespenst eines blut­rünstigen, womöglich um fünf Jahre längeren erbitterten Krieges in Fernost an die Wand, gepaart mit schrecklichen Hungersnö­ten und einem hohlwangigen, völlig verarmten Japan in den nächsten Jahrzehnten.

– Friedfertiger geht es in „Drei Kongressabgeordnete, 1948“ zu. Lance Morrow sinniert darüber nach, wie das Nachkriegsameri­ka wohl ausgesehen hätte ohne die späteren Präsidenten Nixon, Johnson und Kennedy. Sehr beeindruckend.

– Am Schluss des Buches steht dann eine fast triviale, die Zeiten überschreitende und generalisierende Feststellung, die uns auf die Bedeutung eines späteren Grundnahrungsmittels hinweist, das wertvoller war als alles Gold und Silber: „Was wäre gesche­hen, wenn Pizarro in Peru keine Kartoffeln gefunden hätte?“ Ja, was wohl …?

Der Reiz all dieser kontrafaktischen Welten und ihrer möglichen Zukunftsverläufe, die für uns gleichwohl alle Vergangenheit wä­ren, ist ein zweifacher. Zum einen macht uns die ausführliche Darlegung der Grundlagen jener Szenarien mit vielen Detailfak­ten der jeweiligen Zeit und Handlung vertraut, die so nicht un­bedingt geschwind in Geschichtsbüchern nachlesbar sind. Inso­fern lernt selbst der Historiker noch einiges aus diesen Aufsät­zen. Zum zweiten aber führen uns die Autoren die Macht winzi­ger Korrekturen, gemeinhin auch Zufall genannt, deutlich vor Augen.

Manchmal ist es wirklich beklemmend zu entdecken, wie völlig UNWAHRSCHEINLICH historische Tatsachen in unseren Ge­schichtsbüchern sind. Wie realistischer es wäre, wenn – etwa im vorrevolutionären Russland – die Anhänger der bolschewisti­schen Parteigruppierungen eben NICHT auf den fanatischen, ge­radezu hasserfüllten und für die Verhältnisse in Russland völlig blinden Theoretiker Lenin gehört hätten. Oder wenn, um ein an­deres Beispiel dieses Bandes zu bemühen, Pontius Pilatus eben auf seine Frau und ihre Träume gehört und sich überdies die Zeit genommen hätte, mal ein wenig auf diesen seltsamen Je­sus von Nazareth zu hören und sich die Eigenheiten seiner Leh­re als Vorteile für Rom durch den Kopf hätte gehen lassen.

Viele der im Band geänderten Entscheidungen basieren auf indi­viduellen, ja, spontanen Entschlüssen. Auf Mundpropaganda. Unsicherheit. Gesundheitsrisiken. Auf Fehlkalkulationen oder Starrsinn. Auf sporadischen Anfällen (oder Mangel) von Helden­mut. Dies alles sind kleine Gewichte, die gleichwohl die Weltge­schichte bestimmen, und jeden Tag werden irgendwo in der Welt Entscheidungen getroffen, die minimal scheinen und doch eventuell epochale Auswirkungen haben.

Hier liegt, so sehe ich es, neben dem hohen Unterhaltungswert und dem Informationsgehalt die Bedeutung kontrafaktischer Geschichte. Sie ist zwar nicht realisiert, aber das heißt nicht, dass ihr von Anfang an weniger Wahrscheinlichkeit zugekom­men wäre. Man sehe sich nur in der Weltpolitik des 20. Jahrhun­derts um und entdecke mühelos viele Fälle von höchst unrealis­tischem Charakter. Der Fall der Berliner Mauer, der Zusammen­bruch des Warschauer Paktes oder auch die Tatsache, dass Ge­orge Bush 1991 zwar den Irak niederwarf, aber den Machthaber nicht gefangen nahm … all das sind nicht Dinge, die man unbe­dingt für plausibel hielt, und doch ist das unsere heutige Ge­schichte.

Cowleys sehr spannende und sehr wechselhafte Sammlung von inspirierenden Essays „Was wäre geschehen, wenn?“ hat fast natürlicherweise einen Schwerpunkt auf der Militärgeschichte, und – was ich ein wenig bedauerlich fand – einen ebenso star­ken Schwerpunkt auf Ereignissen des 20. Jahrhunderts (alleine 13 von 23 Essays stammen aus diesem Bereich). Viel zu dürftig kommen, auch zusammengenommen mit seinem Erstling, die Bereiche der Antike (z. B. die Zeit der Diadochenreiche nach Alexanders Tod oder die der an Ereignissen wahrlich reichen Zeit des Römischen Imperiums und des alten Orients) weg. Auch das Mittelalter wird sehr stiefmütterlich behandelt, und besonders auffallend ist das große Loch in dem ereignisge­schichtlich außerordentlich reichen Zeitraums des Dreißigjähri­gen Krieges und der französisch-napoleonischen Revolutions­zeit, wo manches zu Revisionen geradezu einlädt.

Gleichermaßen fällt die starke Europa- und Amerika-Zentriert­heit auf. Afrikanische Geschichte taucht im Grunde genommen nicht auf, das gleiche gilt für fernostasiatische Varianten. Dabei bin ich sehr sicher, dass man nur entsprechende Spezialisten ih­rer Fachgebiete fragen müsste, um hinreichend kontrafaktische Spekulationen etwa zur Mayazeit, den präinkaischen Kulturen, der Han-Dynastie in China oder vielleicht zum rätselhaften Gold­land Punt und den pharaonischen Reichen zu erhalten. Sehr reizvoll wäre beispielsweise die Vorstellung, was geschehen wäre, wenn Ramses II. in hethitische Gefangenschaft geraten wäre und die kleinasiatischen Hethiter das ägyptische Großreich (wenigstens temporär) unterworfen hätten.

Doch das unabweisbar Schöne an solchen kontrafaktischen Visionen ist ja das Folgende: Niemand kann wissen, was für ge-heimnisvolle, „unwahrscheinliche“ oder wahrscheinliche Welten noch im Schoße der Geschichte schlummern mögen, und darum ist es nicht ausgeschlossen, dass das, was ich eben andeutete, irgendwann noch einmal auf die Tagesordnung kommt.

Wer gerne etwas über Wendepunkte der Weltgeschichte, über Zeiten, Menschen, Kulturen und Mentalitäten erfahren möchte, über begnadete (oder eben nicht begnadete) Personen, die ge­schickt oder ungeschickt über das Schicksal von Hunderttau­senden oder Millionen von Menschen entschieden haben – und dazu noch die prickelnde Würze des „Was wäre gewesen, wenn?“ hinzugefügt wissen möchte, der sollte sich dieses Buch besorgen. Es ist eben nicht nur, wie Der Spiegel sagt, „ein Band, der von verblüffenden Einfällen überquillt“, sondern es ist selbst für „Geschichtsmuffel“ ein Fenster in die Vergangenheit, das womöglich zu rascher Begeisterung führen kann.

Ich wünsche diesem Buch viele Leser.

© 2004 by Uwe Lammers

Sagt da wer „Wow!“? Das könnte ich gut verstehen, denn das habe ich damals bei der Lektüre und verschiedentlich während der Abfassung der Rezension vor 18 Jahren auch immer wieder gesagt. Es ist unglaublich, wie dieser Band die Phantasie ent­zündet und sie auf abenteuerliche Abwege führt … und ich bin nach wie vor der Ansicht, dass jeder Phantast, der sich gerade in einer kreativen Blockadephase befindet, hier Inspirationen genug entdecken kann, um sofort wieder Geschichten zu schrei­ben. Da juckt es ja sogar mich in den Fingern, nicht ohne Grund!

Nächste Woche schließen wir den Romanzyklus um die Startup-Gründerin Erica Hathaway ab, da wird es also wieder sehr bo­denständig. Die aufregende Berg- und Talfahrt, die der Rezensi­ons-Blog inhaltlich verfolgt, geht also munter weiter.

Bis dann, Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Vgl. den Beitrag von John Lukacs in diesem Band: „Die erneute Wahl Theodore Roose­velts zum amerikanischen Präsidenten, 1912“, S. 252ff.

2 Vgl. Robert Cowley (Hg.): „Was wäre gewesen, wenn?“, Knaur 77609, 2002.

3 Vgl. Victor Davis Hanson: „Die Kriege der griechischen Antike“, Brandenburgisches Verlagshaus, 2001. Hier deutet Hanson das, was er in dem obigen Aufsatz ausdefi­niert, schon ganz marginal an.

4 Näheres über die authentischen riesenhaften Handels- und Schlachtschiffe der chine­sischen Cheng-Ho-Expeditionen kann man auch nachlesen im GEO EPOCHE 8: „Das Alte China“, 2002.

5 Vgl. Robert Cowley: „Die sowjetische Invasion Japans“, in Ders. „Was wäre gewesen, wenn?“, a. a. O., S. 341f.

Blogartikel 475: Close Up: Der OSM im Detail – Teil 36

Posted September 11th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

die Geschehnisse dramatisieren sich in der Serie, je näher das Ende des Jahres 7476 kommt. Oki Stanwer ist kürzlich in ein Paralleluniversum der nahen Zukunft gesogen worden, im Halo der Milchstraße sammeln sich die Truppen TOTAMS, während von den Oki-Streitkräften weit und breit nichts zu entdecken ist. Die Dinge stehen also schlecht für den prognostizierten ent­scheidenden Waffengang im Nebelsektor im kommenden Jahr …

Episode 71: Heerführer des Todes

(1983, digitalisiert 2004)

Blende in den Halo der Galaxis Milchstraße: Während sich hier die Truppen TOTAMS sammeln, verfolgen zwei geheimnisvolle Wesen ihre eigene Agenda – das erste ist ein monströser, vier Meter großer und sechsarmiger Fremder, der zwar zu diesem Zeitpunkt realchronologisch (1983) noch nicht berühmt-berüch­tigt ist, dies aber wird, als ich in den Folgejahren die KONFLIKTE 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“, 13 „Oki Stanwer Hor­ror“ und 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ schreibe, die dieser Ebene des OSM temporal vorgelagert sind.

Die Rede ist von Soffrol, dem unheimlichen Rächer von Breeth-Fgahn, der mit TOTAMS KRIEGSFLOTTE scheinbar aus dem Nichts erscheint. Als er den Dämon Beseler entdeckt, gegen den er einen Groll hegt, verfolgt und vernichtet er ihn … aber bei dieser Tat übersteuert sein Anzug und saugt ihn geradewegs aus der Handlung in eine fremde Dimension.

Das zweite Wesen ist hartnäckiger und geschickter: Der Dämo­nenschlächter, der von TOTAM den Auftrag bekommen hat, alle glücklosen Dämonen zu liquidieren, bis nur noch 13 von den ur­sprünglich 32 da sind, um als künftige Heerführer im Nebelsek­tor zu kämpfen.

Während diese Bereinigung abgeschlossen wird, rüstet Thor Gordenbeyl, auf Korsop zurückgeblieben, mit dem Vermögen Eon Seggars Schiffe aus und rekrutiert Kolonistenraumfahrer, um Oki Stanwer im Halo beizustehen. Da sie miteinander aller­dings keinen Kontakt haben, kann er nicht wissen, wie die Dinge stehen.

Episode 72: Der Herrscher

(1983, digitalisiert 2005)

Blende zur Zentralwelt: Die vormals von Milliarden Kleinis bevöl­kerte Welt, deren Historie als Hightech-Welt bis in die Zeit des okischen Imperiums zurückreicht, also über zehntausend Jahre, wurde bekanntlich von den All-Hütern entdeckt und auf brutale Weise entvölkert. Die Helfer des früheren Kaisers der Okis, wur­den von ihren Körpern getrennt, konnten aber die sich nun um die Zentralwelt schließende instabile Raumzone nicht mehr ver­lassen. So entstand aus den skelettierten Toten und den Körper suchenden Seelen die Seelen-Armee, die der WÄCHTER anfangs für Sklaven TOTAMS hielt (vgl. Bd. 35).

Später schritt die Seelen-Armee auf Beteigeuze IV ein und rette­te Klivies Kleines und Thor Gordenbeyl das Leben. Kleines ent­schied damals, als Oki Stanwer Thor rettete (vgl. Bd. 47), zur Zentralwelt zu gehen.

Hier geht die Handlung nun weiter – Kleines erreicht die Zentral­welt, aber sie ist vollständig verwandelt. Anstatt von giganti­schen Ruinenstädten, Leichenmetropolen, übersät und wüsten­haft zu sein, handelt es sich um blühende Landschaften … be­völkert von lebenden Skeletten.

Zu seiner nicht geringen Überraschung wollen sie, dass er sein altes Amt, das eines Klivies über die Helfer-Nation, wieder antritt.

An anderer Stelle der Zentralwelt tauchen derweil andere Prot­agonisten auf, die heterogener kaum sein können – einmal fin­det sich der desorientierte Yorrok hier an, der Ritter vom Gold­kristall, entkräftet und mutlos. Dann sind da der untote Kleini Germos und seine Seelen-Armee, die während des Transfers von Kleines getrennt wurden. Als sie Rauch sichten und dem nach­gehen, treffen sie auf ein weiteres rätselhaftes Wesen – einen leibhaftigen Totenkopf mit energischer Persönlichkeit, das so ge­nannte „Orakel von TOTAM“!

Und schließlich, als wenn das noch nicht reichen würde, spülen die Dimensionsverfaltungen noch ein Wesen auf diese Welt, das im vergangenen Band gerade verloren ging – den unheimlichen Hünen Soffrol! Er trifft hier auf eine nebelhafte Armee von Kopi­en seiner selbst und wird von ihnen als Oberbefehlshaber aner­kannt. Da er gern Herr seines eigenen Schicksals ist, nicht Spiel­ball, entschließt er sich dazu, diese Welt zu erobern …

Episode 73: Zomars Planet

(1983, digitalisiert 2005)

Blende zum Verräter-Dämon Zomar: Bekanntlich hat sich Zomar mit Oki Stanwer verbündet, als sie im System des Planeten Ga­ros im Halo der Milchstraße zusammentrafen (vgl. Bd. 45). Als die Lage dort zu brenzlig wurde, verschwand er allerdings (vgl. Bd. 46). Und er tauchte im System Torom auf, um den Dämon Garas dort zu berauben (vgl. dazu die Bde. 56/57). Auf diese Weise erwarb er mit den Clu‘un‘raa ein molluskengestaltiges neues Dienervolk und erbeutete unerwartet das BUCH, das le­gendäre Dämonengesetz, das er sogar – wiewohl er formal ein Verräter an TOTAM war – gegen Garas anwenden konnte.

Ehe er jedoch nun seine Basis Z-Planet erreichen kann, reißt ihn ein rätselhaftes Phänomen mitsamt seinen Begleitschiffen in ein künstliches Mikro-Universum … nach dem ersten Schreck entde­cken Zomar, die Totenköpfe an seiner Seite und die Abgesand­ten der Clu‘un‘raa, dass auch die Basis Z-Planet hier hineinge­sogen worden ist … und weitere Clu‘un‘raa-Schiffe, die durch schieren Zufall Zomars Basis entdeckt haben. Nachdem der Ers­te Vorsteher der Clu‘un‘raa, Krell, der mit Zomar gekommen war, die potenziell krisenhafte Situation entschärft hat, stabili­siert sich die Lage.

Zomar ahnt es noch nicht, aber die Schaffung des Mikro-Univer­sum, das sie nach außen vor Scanversuchen abschirmt, wurde vom BUCH ermöglicht. Zomars aufflammende Besorgnis, er könne als Deserteur zu den 15 Dämonen zählen, die dem Dä­monenschlächter zum Opfer fallen sollen, scheint sich dagegen nicht zu bewahrheiten.

So legt er alsbald nach einer Erholungsphase aus zum nächsten Schlag: Diesmal will er nicht nur die Raumflotte der Clu‘un‘raa beherrschen, sondern ihr gesamtes Reich …!

Episode 74: Reich der zehn Sonnen

(1983, digitalisiert 2005)

Fortsetzung der Zomar-Handlungsschiene: Zomars rätselhafter Ratgeber, die „Flamme der Wahrheit“ ist imstande, Teile der Zu­kunft zu erahnen, und sie sieht einen dunklen Schatten über Zomars Unternehmen, sich das „Reich der zehn Sonnen“ der Clu‘un‘raa zu erobern. Er will sie mit Hilfe des von Garos und To­rom geraubten TOTAM-Kristalls suggestiv beeinflussen. Dies ge­lingt auch tatsächlich.

Die schon länger unter seiner Kontrolle stehenden Mollusken dieses Volkes, der Erste Vorsteher Krell und der Flottenkomman­dant Farg, begreifen inzwischen zwar, dass Zomar um keinen Deut besser ist als der vorherige Herrscher, der Dämon Garas, den dieser liquidieren konnte … aber das hilft ihnen nicht. Zo­mars Masterplan ist zu gut durchdacht, und der Handstreich ge­lingt.

Gleichzeitig aber wird der „Schatten“ Realität, den die „Flam­me“ gesehen hat – allerdings kommt er aus einer ganz anderen Richtung: Das Wesen TOTAM setzt sich mit dem BUCH in Verbin­dung und ordnet Zomars Tötung an: „Er will uns nicht dienen. Also vernichte seine Macht!“

Das BUCH entfesselt seine Kräfte auf Z-Planet und löscht Zo­mars hiesige Untergebene aus … und wartet dann darauf, dass der Verräter-Dämon zurückkehrt in Erwartung, ihn ebenfalls um­gehend liquidieren zu können.

Keine schönen Perspektiven für einen Verräter-Dämon? Well, das ist nicht zu leugnen. Aber ihr werdet sehen, das ist noch nicht das Ende vom Lied …

Episode 75: Warnung aus der Zukunft

(1983, digitalisiert 2005)

Blende zu Oki Stanwer, der mit der KÄMPFER und der EHRE, den beiden Oki-Schlachtkreuzern der vormaligen Oki-Stanwer-Briga­de, im Paralleluniversum gestrandet ist. Es handelt sich dabei um ein energetisch und temporal übergeordnetes Kontinuum, d.h. einen Wahrscheinlichkeitsraum der nahen Zukunft, in der entropische Phänomene die menschlichen Kolonisationsräume vollkommen verzehrt haben und der schiffbrüchige Raumfahrer John Halloon der letzte Mensch ist.

Bei ihm befindet sich der ebenfalls hier gestrandete WÄCHTER. Als die beiden Oki-Kreuzer das Entropie-Schillertor passieren und hierher gelangen (vgl. Bd. 69), kollidieren die Schiffe, Hal­loon kommt um, während der robuste WÄCHTER an Bord der KÄMPFER und zu Oki Stanwer gelangt.

Hier wird er – was handlungsdramaturgisch Sinn macht, aber von den OSM-Grundlagen her völlig unplausibel daherkommt und daher nicht in die Ausarbeitungsfassung übernommen wer­den kann – zu einer Art Orakel wider Willen und fordert Oki Stanwer auf, die Entscheidungsschlacht im Nebelsektor wenigs­tens ein Jahr hinauszuzögern.

Oki Stanwer bietet Paroli: „Das können wir nicht. TOTAM wird uns jagen. Wir haben doch keine Chance, wenn die Dämonen den Kampf erzwingen. In einem Jahr gibt es, wenn wir nichts tun, kein lebendes Wesen mehr!“

Dummerweise ist diese Bemerkung sehr fundiert angesichts dessen, was sich gerade in und um die Milchstraße abspielt. In der Tat zielt alles sehr konsequent auf den kämpferischen Entla­dungszeitpunkt Anfang des Jahres 7477 hin.

Da sich nun glücklicherweise ein Weg abzeichnet, den inferna­len Parallelkosmos, wo man das Jahr 7479 schrieb und die Schlacht im Nebelsektor schon verloren war, wieder zu verlas­sen, beeilen sich Oki und seine Gefährten, ergänzt um den WÄCHTER, dies schnellstmöglich umzusetzen.

Ihr merkt – die Lage ist nicht wirklich einfacher geworden, son­dern das Störfeuer von der Gegenseite verstärkt sich immer mehr. Gibt es dennoch Lichtblicke, so kurz vor Ende des Jahres 7476? Mehr dazu erfahrt ihr in fünf Wochen an dieser Stelle.

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 368: …und morgen die Sterne

Posted September 7th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

in den Beständen meiner vor langer Zeit rezensierten Bücher finden sich nach wie vor immer wieder SF-Romane, die manch einer von euch vielleicht als angestaubt empfinden mag. Sei es, weil man sie nur noch antiquarisch bekommen kann, sei es, dass die ganzen Buchreihen eingestellt wurden, in denen sie einst erschienen oder weil die Autoren, die sie schrieben, heute quasi unbekannt sind.

Ich bin dennoch der Ansicht, dass zu einer guten qualitativ durchwachsenen Rezensionsbasis in diesem Blog auch durch­schnittliche oder seltsame alte Romane zählen. Diese Rezensi­on, die ich vor über 20 Jahren schrieb (und der Roman hatte da­mals schon mehr als 20 Jahre auf dem Buckel, sodass einige Le­ser meines Blogs von heute damals noch nicht mal geboren wa­ren!). Leider ist die Rezension damit schon wieder so alt – wir hatten das Problem beim „Zeitriss“ jüngst schon einmal – , dass ich damals die bibliografischen Daten wie die ISBN nicht mit re­gistrierte. Das Buch ist nicht mehr in meinem Besitz, darum kann ich das nicht eben schnell nachtragen.

Gleichwohl lasse ich diese Rezension einfach mal auf euch los. Sie handelt von dem Versuch der Menschheit, zu den Sternen vorzustoßen, um so das Überbevölkerungsproblem zu lösen (manche Dinge ändern sich interessanterweise auch in 40 Real­jahren nicht, wenngleich die hier skizzierte Lösung doch einiger­maßen simplifizierend wirkt). Und davon, wie die etablierten Ali­enmächte im erdnahen Weltraum genau dieses zu verhindern suchen.

Neugierig geworden? Dann schaut mal weiter:

…und morgen die Sterne

(OT: The World I left behind me)

von William Walling

Bastei 22030, 1981

240 Seiten, TB

Übersetzt von Harro Christensen

Es ist doch eine sowohl faszinierende wie abenteuerliche Unter­nehmung, der überbevölkerten Erde zu einer Möglichkeit zu ver­helfen, andere Sterne zu erreichen. Das ist nichts Geringeres als das Ziel des ehrgeizigen Projekts Demeter, das auf einer erdfer­nen Station auf dem Asteroiden Ceres betrieben wird. Unter größter Geheimhaltung, versteht sich, denn die Bevölkerungssi­tuation der Erde ist zum Zerreißen gespannt, die Drittweltstaa­ten stehen davor, den Industrienationen offen den Kampf anzu­sagen. Ein Projekt wie Demeter, dem die meisten keine Erfolgs­chancen voraussagen, wäre genau der Zündfunke, der dem schwelenden Konflikt von der Latenz zum Ausbruch verhälfe.

Geleitet von Dr. Alexis Lemmon, Tochter eines Nobelpreisträgers und Erbin eines respektablen Vermögens, gerät das Unterneh­men unversehens durch einen sehr seltsamen Zufall ans Licht des Tages. Doch dafür sind keine irdischen Geheimagenten ver­antwortlich, sondern Aliens.

Auf der Erde-Luna-Station und in dem benachbarten Astrono­miesatelliten Hubble bekommen nacheinander mehrere mitein­ander befreundete Wissenschaftler, darunter auch der Ich-Er­zähler der Geschichte, Roger Shore, Besuch von einem unheim­lichen Kerl, der sich „Smith“ nennt und sie auf eine unwider­stehliche Weise ausfragt. Zuletzt eben auch nach Plänen für ein überlichtschnelles Raumschiff. Shore weiß davon gar nichts, doch das ist bei seinem Vorgesetzten Paul Nobotts ganz anders.

Als sie zudem entdecken, dass niemand diesen Mr. „Smith“ fin­den und man nicht mal seine Stimme auf Tonbandaufzeichnun­gen hören kann, wird klar, dass sie offenbar einen extraterrestri­schen Kontakt gehabt haben. So kommt es dazu, dass Shore und sein Kollege Jeff, „der Maharadscha“ Mitglieder von Projekt Demeter werden und sich schließlich auf Ceres wiederfinden.

Damit beginnen die Schwierigkeiten aber erst richtig.

Während nämlich „Smith“ ein eher umgänglicher Genosse zu sein scheint, der sie in gewisser Hinsicht in ihren Bestrebungen unterstützt, taucht ein anderer Außerirdischer auf, der mit ähnli­chen Mitteln agiert, aber weitaus rabiater ist. Seine erste Aktion führt zum Zusammenbruch von Demeter, weil die Teilnehmer von offenkundigem Wahnsinn geplagt werden. Ceres muss in al­ler Hast geräumt werden, die Wissenschaftler wandern monate­lang in eine psychiatrische Anstalt, wo sie nur ein aberwitziger Zufall davor bewahrt, den Rest ihres Verstandes einzubüßen.

Aber sie haben nicht aufgegeben. Jetzt sind die kleinen Mensch­linge mehr denn je daran interessiert, es „Stinky“, wie sie den Bösling von den Sternen wegen seines Gewürzgeruches nen­nen, zu zeigen. Allerdings hat dieser eben sowenig aufgegeben, und seine Hartnäckigkeit stellt das ganze inzwischen abenteuer­liche Projekt und dessen Durchführbarkeit infrage und bringt alle Beteiligten an den Rand der Vernichtung …

…und morgen die Sterne“ ist ein sehr lesbares, geschickt ge­schriebenes Buch, das, wenn man es auf den Kern reduziert, ei­gentlich nicht viel Neues erbringt, aber dabei recht unterhalts­am vorgeht. Der Vorstoß der Menschheit zu den Sternen und der Versuch der etablierten, intelligenten Alien-Rassen, eben­dies zu verhindern, ist uralt. Die onkelgleiche Gönnerhaftigkeit der Aliens ist auch nicht neu, und der aufgestachelte Wider­standsgeist der Wissenschaftler ist sehr vorausberechenbar. Ebenso sieht es mit den Hindernissen aus, die ihnen menschli­cherseits in den Weg geworfen werden.

Was mich an dem Roman dennoch schmunzeln ließ, waren die zum Teil wirklich angenehm gezeichneten Gestalten (wobei Dr. Lemmon manchmal etwas arg klischeehaft reagiert). Die realis­tische Hartnäckigkeit der telepathisch begabten Aliens wirkte ausgesprochen menschlich, ihre moralisch bedingten „Vorwar­nungen“ begannen mich nach einer Weile jedoch zu nerven (hätte Walling das aber nicht getan, wäre der Roman auf Seite 84 zu Ende gewesen, und das war definitiv zu früh). Auch die meist sehr behutsame Lovestory half beim Lesen, keine Frage, ein wichtiges Handlungsmoment, das durchaus etwas akzentu­ierter hätte ausgeführt werden können.

Ich habe allerdings an dieser Geschichte, besonders im vorde­ren Drittel, deutlich gemerkt, dass der Autor, wenn er schon selbst vielleicht kein Astrophysiker ist, doch seine Hausaufga­ben ausgezeichnet gemacht hat. Vieles, was er dort über Astro­physik, Quantentheorie und dergleichen bringt, hat in jeder Hin­sicht Hand und Fuß. Man nimmt dem Ich-Erzähler Shore seinen Status ab, was in vielen Geschichten sonst eher nicht der Fall ist. Das ist wichtig für die Plausibilität des Romans.

Allerdings hört der Roman meiner Ansicht nach entschieden zu früh auf, und der englische Titel ist ebenso verquer wie der deutsche. „Projekt Demeter“ wäre zweifellos in beiderlei Hin­sicht der passendere gewesen. Insgesamt würde ich konstatie­ren, lässt sich der Roman auch nach über 20 Jahren immer noch recht angenehm als kurzweilige Unterhaltungslektüre lesen, wer aber wirklich was über Erstkontakte und Reisen zu anderen Sternen lesen möchte, sollte zu anderen Büchern greifen.

© 2002 by Uwe Lammers

In der nächsten Woche nähern wir uns der Gegenwart wieder deutlich an … und dem Thema der kontrafaktischen Geschichte. Versprochen: das wird wirklich spannend!

Bis dann mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

heute geht es also einen weiteren Schritt vorwärts in der suk­zessiven Darstellung meiner kreativen Entwicklung bezüglich des Oki Stanwer Mythos und all dessen, was bis zur Gegenwart sonst so an kreativen Eigenleistungen auf weiteren Gebieten zu vermelden ist. Als da eben wären: Werke aus dem Archipel, aus dem Erotic Empire, gelegentliche Digitalisierungsprojekte wie „Horrorwelt“, „Erotische Abenteuer“ usw.

Thema sind die Monate Juli, August und September 2021, worin das Ende meiner Beschäftigung an der TU Braunschweig und der erneute Beginn meiner Beschäftigungslosigkeit unter Bezug von ALG I fallen.

Wie ich letztens – also vor acht Wochen – schon erklärte, war ich in einem Zustand der fast vollständigen Erschöpfung angelangt. Ausgelaugt von anderthalb Jahren Corona-Stress, isoliert im pri­vaten wie auch im beruflichen Umfeld (die Universität war bis zu meinem Dienstschluss quasi Sperrgebiet für Studierende, was die physische Präsenz anging), weitgehend abgeschnitten von meinen regelmäßigen kreativen Taktgebern (z.B. den Blog­artikeln und den E-Books), machte sich einfach vollständige Le­thargie zunehmend in mir breit. Ohne undankbar erscheinen zu wollen – ich war doch sehr erleichtert, am 23. August meinen letzten Arbeitstag zu haben und dann endlich relaxen zu kön­nen.

Doch ich sollte weiter vorne beginnen.

Der Monat Juli konnte von mir mit 22 vollendeten Werken abge­schlossen werden. Darunter befanden sich vier Blogartikel, drei Rezensionen und ansonsten im Grunde nur kommentierte Digi­talisate aus den Serien „Erotische Abenteuer“, „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC) und „Oki Stanwer Horror“. Erfreuli­cherweise gelang es mir schon, in KONFLIKT 12 (BdC) zumindest in Ansätzen bereits Band 128, also das Serienende vorzuberei­ten. Das erfüllte mich mit nicht geringer Hoffnung, vielleicht im Monat August endlich das Ende dieses seit Februar 2007 (kein Witz!) laufenden Digitalisierungsprojekts zu erreichen. Darauf­hin, so der Plan, wollte ich mich verstärkt um KONFLIKT 13 und E-Books kümmern

Mir kam etwas in die Quere, was sich „Göttliche Erkenntnis­se“ nannte – ich tauchte nämlich, während ich mehrheitlich er­mattet Abschreibarbeit leistete, in den rätselhaften KONFLIKT 28 wieder ein, also die Serie „Oki Stanwer – Der Siegeljäger“ (DSj), die mich am äußersten temporalen Rand des OSM schon seit Jahren mir zunehmendem Unbehagen erfüllt. Und der genannte Band, der Schlussband der Trilogie um Oki Stanwer im Innern der Leiche TOTAMS, versprach heftige Enthüllungen. Aber ehe ich dafür bereit war, das wusste ich, musste ich erst mal wieder in den Gedankenkosmos eintauchen … in gewisser Weise war das eine sehr beruhigende Lese-Therapie.

Ein wenig lenkte ich mich ab mit der Erotic Empire-Story „Un­ter falscher Flagge“, aber dabei handelte es sich um eine sehr kurzzeitige Abirrung. Ebenso kurzzeitig war meine Ablen­kung in der Erotic Empire-Novelle „Gold“, im Roman „Die Ko­lonie Saigon II“ und im E-Book „BdC 2: Gestrandet in Bytharg“. In meiner von Erschöpfung befeuerten Orientie­rungslosigkeit irrte ich sogar hinüber zum Archipel und machte allen Ernstes Anstalten, am Roman „Rhondas Aufstieg“ und der Story „Roxanne“ weiterzuschreiben … witzlose Versuche.

Ehrlich, ich war froh, als der Monat um war. Ich war der Auffas­sung, dass es eigentlich nur besser werden könnte … wenn­gleich auch wohl eher in der zweiten Monatshälfte des August.

August 2021 schloss dann mit beeindruckenden 30 beendeten Werken, allerdings entfielen wieder mal neun davon auf Blogar­tikel … ja, ich weiß, die Blogartikel waren in ihrer Veröffentli­chung immer noch suspendiert zu diesem Zeitpunkt, aber das spielte keine Rolle. Rezensions-Blogs im Voraus zu schreiben, meist zwei am Tag, stellte eben kein Problem dar, da die Rezen­sionen alle schon vorlagen. Und die anderen Blogartikel? Es mag genügen, wenn ich andeute, dass sie in groben Zügen schon bis Folge 500 vorausgeplant sind. Danach ist alles noch nebelhaft und undeutlich, aber wir reden dann effektiv schon vom Jahr 2023 … das lassen wir mal entspannt herankommen.

Zu meiner großen Freude konnte ich am 24. August den Schlussstrich unter die Digitalisierung von KONFLIKT 12 ziehen, wie schon im Vormonat erhofft. Dafür begann ich was? Eine neue Baustelle bearbeiten.

In den „Work in Progress“-Blogs habe ich davon schon ausführli­cher erzählt, ich kann mich hier also kurz halten. Es handelte sich um die zwischen 1983 und 1990 in 14 Episoden entwickelte Proto-OSM-9-Ebene „Der Kaiser der Okis“, die ich in rascher Fol­ge zu digitalisieren trachtete. Und tatsächlich schaffte ich aus dem Stand in diesem Monat Abschrift und Kommentierung der ersten drei Folgen.

Außerdem wurden die letzten beiden Teile des OSM-Romans „Kämpfer gegen den Tod“ für BWA aufbereitet (inzwischen lange veröffentlicht) … und dann brach sich mit aller Macht der KONFLIKT 28 „Oki Stanwer – Der Siegeljäger“ Bahn. Ich wurde gegen Ende meiner Dienstzeit so von inneren Bildblenden über­rollt, dass ich wie im Rausch an dieser Episode „Göttliche Er­kenntnisse“ schrieb.

Gott, erstens einmal war es Band 2050 des OSM, sehr angemes­sen, wie ich fand, zum zweiten kam unglaublich viel Licht in die bisherigen Geschehnisse … auch wenn das für Oki Stanwer ein furchtbar traumatischer Erkenntnisprozess war und die Proble­me damit zwar – im Wesentlichen – angesprochen sind, aber noch lange nicht gelöst.

Sehr erleichternd fand ich hier jetzt aber, dass ich auf bisher un­fassliche Weise Klartext reden konnte. Und dass ein paar Grund­festen des OSM massiv erschüttert wurden, was bislang nur in den unter Verschluss stehenden Hintergrundtexten zum OSM möglich war (man möge mir die Geheimniskrämerei verzeihen – aktuell ist zu wenig vom OSM veröffentlicht, um diese Details offenzulegen, dafür muss erst mehr Grundlagenarbeit geleistet werden … ich gebe mir Mühe, dem mit weiteren Publikationen so rasch als möglich zu entsprechen).

Nach kurzen Stippvisiten in KONFLIKT 21 „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ und das Erotic Empire („Die Eigentums-Lö­sung“) sowie den Archipel („Brigitta“) war auch dieser Monat schon wieder Vergangenheit.

Nun befand ich mich zwar formal im Urlaub bis Monatsende und ab dann im ALG I-Bezug … aber ich war immer noch so neben der Spur, dass ich die zeitige Arbeitslosenmeldung verpeilte und mir dadurch eine einwöchige Sperrzeit Anfang September ein­handelte.

Da seht ihr mal, dass das ganze Gerede von Ermattung nicht einfach nur Larifari war, das hatte durchaus auch ökonomische Auswirkungen auf mich.

Der Monat September 2021 stand dann mehrheitlich im Zeichen meiner Erholung. Die Blogartikel wurden nun – endlich – wieder reaktiviert, und ich vertrieb mir erst mal die Zeit mit Glossarar­beiten, die bislang meist zu kurz gekommen waren. Sowohl die Glossare von KONFLIKT 12 wie von KONFLIKT 28 waren völlig veraltet. Ich schrieb, speziell zum KONFLIKT 28 reihenweise Le­xikonseiten und konnte die so erklärten Begriffe in das entspre­chende Glossar überführen.

Zu den insgesamt 31 fertigen Werken dieses Monats zählten – wie erwartet – 17 (!) Blogartikel, einige Abschriften von Non-OSM-Werken, einige Rezensionen und kommentierte Abschriften der Serien „Erotische Abenteuer“ und „Der Kaiser der Okis“. Ich schrieb – ein wenig versuchsweise – an der OSM-Story „Im Bann der schönen Fremden“ weiter, kam aber nicht allzu weit.

Ein weiterer Plan, den ich im Grunde genommen schon seit Ende 2018 hegte, war die Weiterarbeit an der Geschichte – zwi­schenzeitlich zur „Novelle“ geadelt, weil sie so umfangreich wurde – „Das Geheimnis von Church Island“. Aber dafür war es erkennbar noch zu zeitig, ich kam hier nicht sehr weit. Dasselbe galt auch für den OSM-Roman „Quisiins letzter Fall“ und die Story „Mutproben“.

Dafür kam ich – und ausschlaggebend war bestimmt die Tatsa­che, dass ich mit Blogartikel 449 die sechsteilige Darstellung der „Horrorwelt“-Serie beendet hatte – überraschend in dieser Serie voran. Mit den Bänden 175, 176 und 177 kam ich uner­wartet geschwind vom Fleck, der 178er – Abschlussband einer Trilogie – konnte erst mal nur entworfen werden.

Doch, ich muss sagen, mit dem kreativen Volumen dieses Mo­nats konnte ich mich schon sehr anfreunden. Was mich gegen Ende des Jahres noch erwartete, ahnte ich natürlich noch nicht. In dem nächsten und vorläufig abschließenden Teil dieser Arti­kelserie geht es dann um das Schlussquartal des Jahres 2021.

Ich denke, es ist erst wieder sinnvoll, diese Reihe fortzuführen, wenn weitere ein oder zwei Jahre verstrichen sind. In fünf Wo­chen folgt also dieser Schlussakkord.

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 367: Awakenings – Zeit des Erwachens

Posted August 30th, 2022 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist eine Binsenweisheit der Literatur: dass das Leben die bes­ten Geschichten schreibt, im positiven wie im negativen Sinne. Und manche davon sind so unfasslich, dass man sich an den Kopf greift und fragt, ob man womöglich gerade träumt oder – im aktuell vorliegenden Fall – der Verfasser auf irgendeinem wil­den Drogentrip gewesen ist, als er sein Werk schrieb.

Für das aktuelle Buch, das ich euch heute vorstellen und dessen Lektüre ich wärmstens all jenen ans Herz legen möchte, die es noch nicht kennen sollten (lasst euch nicht von der Verfilmung täuschen, sie konnte notwendig nur einen winzigen Teil dessen darstellen, was das Buch tatsächlich enthält!), für dieses Buch gilt das ausdrücklich nicht. Alles, was hierin dargestellt ist, ent­spricht tatsächlich der Realität. Oliver Sacks, dessen Leben sich durch die dramatischen Ereignisse in „Mount Carmel“ für immer veränderte, geht vielmehr sehr transparent mit allen positiven wie negativen Folgewirkungen seines hilfreich gedachten medi­zinischen Experiments um.

Und ja, er beschreibt erschütternd detailliert, wie er selbst von den Folgen dessen grundlegend überrumpelt wurde … wie er anschließend in der Medizinerzunft angefeindet wurde, weil er fundamentale, man könnte auch sagen „ideologische“ Überzeu­gungen mit gutem Grund infrage stellte. Es liegt ihm fern, von einem Allheilmittel zu reden, ebenso, sich selbst auf ein Podest zu heben, sei es als Heiler oder Märtyrer. Was er abbildet, ist vielmehr das wirre Durcheinander eines realen Forscherlebens, das durch die „trial-and-error“-Methode auf harte Weise lernen musste, dass die bisher bekannten medizinischen Theorien auf tönernen Füßen standen.

Und alles das fing 1969 in einem amerikanischen Krankenhaus an mit einer Versuchsreihe, die sich anfangs wie ein Märchen ausnahm und alsbald in einen unbegreiflichen Alptraum ent­gleiste und ungeahnte Konsequenzen zeitigte.

Wer neugierig geworden sein sollte, der lese weiter und achte nicht auf die Länge der Rezension – vertraut mir, die Seiten sind wirklich erforderlich, ihr werdet sehen, weshalb:

Awakenings – Zeit des Erwachens

(OT: Awakenings)

von Oliver Sacks

rororo-Sachbuch 8878

464 Seiten, TB

Reinbek bei Hamburg, Februar 1991

damals: 14.80 DM

Übersetzt von St. Schappo, W. Gutjahr, M. Lehmann, U. Hausmann, N. Rose, K.-H. Plottek sowie Martina Tichy und Klaus Henning

ISBN 3-499-18878-3

Dies ist eine wahre Geschichte.

Wer dies für einen unpassenden Anfang für eine Rezension über ein Sachbuch hält, wird möglicherweise am Ende anderer Auf­fassung sein, weil er an seinem Verstand ebenso zweifelt wie ich zeitweise, als ich dieses Werk las. Denn dies ist die Ge­schichte einer Gesellschaft von „Dornröschen“, die jahrzehnte­lang von der Welt verkannt wurden und selbst dann, als sie fä­hig waren, sich zu artikulieren, dies in einer Weise taten, die die wissenschaftliche Gesellschaft zutiefst erschütterte – und deren Realität man dann zu verdrängen versuchte, weil sie unbequem war. Dies ist zugleich die Geschichte jenes Mannes, der sich zum Sprecher dieser Verdammten machte, der um Verständnis bemüht war, wiewohl selbst von Angst und Verstörung ergriffen, von Zweifeln und Hilflosigkeit.

Wo also anfangen?

Gehen wir zurück in den Winter des Jahres 1916/17.

In diesen Wochen und Monaten trat auf einmal auf dem europäischen Kontinent, vornehmlich in Österreich-Ungarn, eine Krankheit in Erscheinung, die so mannigfache Auswirkungen und Erscheinungsformen besaß, dass man sie in viele verschie­dene Schubladen zu stopfen versuchte. Die Diagnosen lauteten auf „epidemisches Delirium, epidemische Schizophrenie, ende­mischer Parkinsonismus, epidemische und multiple Sklerose, atypische Tollwut, atypische Poliomyelitis“ (meist Polio abge­kürzt, also Kinderlähmung) und so weiter. Signifikanteste und erschreckendste Ausprägung stellte eine Veränderung des Schlafrhythmus dar: Entweder fielen die Betroffenen in einen so komatösen Schlaf, dass sie bisweilen wochen- und monatelang nicht mehr zu aufzuwecken waren – oder sie litten unter Zustän­den ausgeprägter Schlaflosigkeit, die man medizinisch nicht zu behandeln verstand. Patienten mit letztgenannten Symptomen starben binnen 10-14 Tagen an den Folgen dieser Krankheit, die häufig mit einem heftigen Bewegungsdrang, pausenloser Hy­peraktivität und Erregung zusammen auftrat.

Schlimmer noch: diese Krankheit trat zeitgleich auf mit der da­mals grassierenden sogenannten „Spanischen Grippe“, der weltweit mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen.1 Doch während diese Grippe sich bis heute tief ins Gedächtnis der Menschheit eingegraben hat, wurde diese andere bizarre, selt­same Krankheit, an der letzten Endes kurz- oder langfristig über fünf Millionen Menschen litten, wieder vergessen.

Die Krankheit, die zum Teil bis zu fünfhundert (!) verschiedene Ausprägungen erreichte und von dem berühmten Arzt Constan­tin von Economo damals untersucht wurde, verschwand etwa um das Jahr 1926/27 offenkundig spurlos, so gespenstisch, wie sie aufgetreten war. Aber der Alptraum war lange nicht zu Ende.

Economo identifizierte dieses Phänomen schließlich als „enze­phalitis lethargica“, die sogenannte europäische Schlafkrank­heit, die über Jahrhunderte – vielleicht Jahrtausende – hinweg in den Schriften europäischer Ärzte und Philosophen nachweisbar ist. Allerdings war eine Epidemie in diesem Ausmaße völlig un­bekannt. Genau wie ihr jähes Auftreten blieb das Verschwinden rätselhaft.

Im Jahre 1966 wurde der damals 33jährige Arzt Oliver Sacks an ein Hospital im Staate New York versetzt, das er im Buch „Mount Carmel“ nennt und das in Wahrheit einen anderen Na­men trägt. Mount Carmel war im Wesentlichen eine Verwahran­stalt für Menschen, die von der Medizinwissenschaft als unheil­bare Fälle aufgegeben worden waren – Personen etwa, die unter fortgeschrittenem Parkinsonismus litten, steif wie ein altes Stück Holz geworden waren und stunden- , ja, tagelang in einer zum Teil völlig unnatürlich verkrümmten Haltung vor sich hin­dämmerten, nicht oder nur sehr gering ansprechbar. Personen, die kaum reagierten, beklagenswerte, bedauerliche Gestalten. Strandgut der menschlichen Gesellschaft, die der eigene Körper vorzeitig in eine nahezu vegetative Form gezwungen hatte. Eine unheilbare Form. Wenigstens nahm das damals jeder behan­delnde Arzt an.

Oliver Sacks fand hier in Mount Carmel eine „Gemeinde“ von etwa achtzig Patienten vor, die auf geradezu grauenerregende Weise die unterste Stufe der Existenz erreicht hatten. Die meis­ten von ihnen dämmerten seit Jahren, manche bereits seit Jahr­zehnten (!) vor sich hin und waren dauerhafte Pflegefälle. Si­cher, man kannte ihre Namen, aber keiner der Pfleger und Ärzte rechnete ernsthaft damit, dass diese bedauernswerten Kreatu­ren sich ihrer Umgebung bewusst waren, noch, dass sie jemals wieder ihre Umwelt vernünftig wahrnehmen würden. Man würde sie eben pflegen müssen, bis sie starben. Und das konnte noch Jahrzehnte dauern.

Der junge, neu angekommene Arzt – also der spätere Autor Oli­ver Sacks – hatte bereits Parkinson-Kranke betreut, er wusste halbwegs, wie er mit ihnen umzugehen hatte, und doch war er betroffen von diesen schrecklich geschlagenen Menschen. Und tief in seinem Herzen dachte er, es müsse doch eine Möglichkeit geben, diesen Personen zu helfen, ihr Leiden zu lindern. Irgend­wie.

Als sich kurze Zeit nach Oliver Sacks´ Ankunft in Mount Carmel ein Medikament namens L-DOPA herumzusprechen begann, ein Stoff, der imstande war, Depressionen zu beheben und bei Par­kinson-Kranken eine Linderung ihrer Beschwerden herbeizufüh­ren, da wagte er es – mit starken Bedenken – , den seit vielen Jahrzehnten dahindämmernden Patienten in Mount Carmel die­ses Medikament zu verabreichen.

L-DOPA behebt, muss man dazu wissen, einen Mangel des neu­ronalen Botenstoffs Dopamin, der im menschlichen Gehirn unter anderem für Rauschzustände verantwortlich ist, Freude und Eu­phorie hervorzurufen versteht und auch sonst eine Reihe – da­mals noch unbekannter – Wechselwirkungen steuert.

Man wusste, dass der Dopaminspiegel von Parkinson-Kranken erschreckend niedrig war und nur etwa 20 % des Wertes eines gesunden Menschen erreichte. Bei den Patienten, die Sacks nun betreute und zu therapieren versuchte, lag der Dopaminspiegel teilweise allerdings nur auf 0,1 % des üblichen Wertes. Er war sich infolgedessen überhaupt nicht sicher, was die Medikamen­tengabe ausrichten würde. Oder ob sie überhaupt Wirkung zeiti­gen konnte.

Auf das, was er erlebte, waren weder noch seine Mitpfleger ein­gestellt.

Am besten ist ein Beispiel, um die Dramatik der Situation zu de­monstrieren.2 Nehmen wir die Patientin, die Oliver Sacks mit dem Aliasnamen „Rose R.“ bezeichnet hat:

Rose wird 1905 in New York als Tochter einer wohlhabenden Fa­milie geboren und wächst ohne ernsthafte Erkrankungen als fröhliches, intelligentes Mädchen auf, das zahlreiche Hobbys hat, begeistert sich für das Fliegen, Architektur und ein partyrei­ches Gesellschaftsleben in den frühen 20er Jahren.

Im Jahre 1926 kündigt sich durch eine Reihe Furcht erregender Träume eine Veränderung in ihrem Leben an: Rose sieht sich darin in einer Burg gefangen, die von der Gestalt her ihrem ei­genen Körper gleicht, sie sieht die Welt um sich herum erstarren und sich selbst in einen Traum fallen, aus dem sie niemand mehr erwecken kann. „Ferner träumte sie von einem Tode, der sich vom Tod unterschied“, schreibt Sacks mit beklemmender Verve.

Am nächsten Tag ist Rose kaum mehr wach zu bekommen, und als sie endlich halbwegs bei Sinnen ist und in den Spiegel schauen kann, sieht sie ihren Alptraum Realität gewinnen. Sie wird von den letzten Ausläufern der enzephalitis lethargica er­fasst und gleichsam niedergestreckt. Der hinzu gerufene Arzt konstatiert sehr vorschnell einen katatonischen Zustand, den er als Ausfluss einer unglücklichen Liebesgeschichte interpretiert. „Was erwarten Sie bei dem Leben, das sie führte? Einer dieser Taugenichtse hat ihr das Herz gebrochen. Halten Sie sie ruhig und geben Sie ihr zu essen – in einer Woche wird sie wieder obenauf sein.“

Ein klassisches ärztliches Fehlurteil: Rose R. erholt sich weder in einer Woche noch in einem Jahr, geschweige denn in den dar­auf folgenden 43 Jahren. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer.

Rose scheint zwar alles um sich herum wahrzunehmen, ist aber völlig außerstande, am Leben teilzunehmen. Es wirkt etwa so, so formuliert es der Autor, als befinde sie sich „in einem für an­dere nicht einfühlbaren Zustand, der sie absorbiere und mit dem sie sich vorrangig beschäftige“. Ein Zustand indes, den nie­mand außer ihr begreift und den sie selbst nicht mehr mitteilen kann. Während diese krankhafte Situation andauerte, wurde Rose immer starrer und entwickelte zeitweise Krisenzustände mit krankhaftem Augenkreisen (okulogyrische Krisen), ticartigen Zuckungen, Verkrampfungen und beängstigender Atemnot.

1935 waren die Angehörigen mit Roses Pflege eindeutig über­fordert und veranlassten die Einweisung in Mount Carmel, wo sie von da ab lebte. Es gab allerdings etwas Unheimliches an ihr: sie alterte nicht mehr. Eine alte Stationsschwester, die Rose R. seit ihrer Einlieferung kannte, sagte später zu Oliver Sacks: „Es ist unheimlich, aber diese Frau ist während der dreißig Jah­re, die ich sie kenne, nicht um einen Tag älter geworden. Wir alle werden älter – nur Rose ist geblieben, wie sie war.“ In der Tat sieht Rose R. mit 61 Jahren dreißig Jahre jünger aus: mit ra­benschwarzem Haar und einem faltenlosen Gesicht, in der Tat ein auf gespenstische Weise eingefrorener Mensch, der gewis­sermaßen jenseits der Zeit lebt. Und dann waren und blieben da ihre hellwachen, aber gleichsam nach innen gerichteten Augen …

Sacks begann am 18. Juni 1969 mit der L-DOPA-Behandlung und stellte schon nach wenigen Tagen Veränderungen fest: Die oku­logyrischen Krisen ließen nach, die Starresymptome ihrer Glied­maßen schwanden rasch dahin, und die Augen waren deutlich aufmerksamer geworden. Wenig später war Rose auch imstan­de, statt des sonst üblichen, sehr mühsamen Flüsterns nach Jahrzehnten endlich wieder normal zu sprechen und selbständig zu gehen. Sie nahm die Umwelt vollkommen wahr, wurde leb­haft und sprach mit anderen Menschen. Alles Dinge, die früher undenkbar erschienen wären. Und ihrem Arzt erklärte sie, war­um sie all die ganzen Jahrzehnte zuvor so sehr konzentriert ge­wirkt hatte. Ein typischer Dialog aus einer Fußnote ist es wert, auszugsweise zitiert zu werden:

Woran denken Sie, Rosie?“

An nichts, einfach an nichts.“

Aber wie ist es denn möglich, dass Sie an nichts denken?“

Es ist schrecklich einfach, wenn man einmal weiß, wie.“

Und wie denken Sie einfach an nichts?“

Eine Möglichkeit besteht darin, immer wieder und wieder an dieselbe Sache zu denken. Zum Beispiel 2 = 2 = 2 = 2 oder: Ich bin, was ich bin, was ich bin … Es ist genau dasselbe mit mei­nem Zustand. Er führt immer wieder zu sich selbst zurück. Egal, was ich mache oder denke, es führt tiefer und tiefer in sich selbst zurück … Und dann sind da die Pläne.“

Was meinen Sie mit ‚Pläne’?“

Pläne, Abbildungen … Alles, was ich tue, ist ein Plan von sich selbst, alles, was ich tue, ist ein Teil von sich selbst. Jeder Teil führt wieder zu sich selbst, stellt wieder sich selbst dar … Ich hole eine Vorstellung vor mein Bewusstsein, und plötzlich be­merke ich in dieser Vorstellung etwas wie einen Punkt am Hori­zont. Das Etwas kommt immer näher, und plötzlich sehe ich, was es ist – es ist dieselbe Vorstellung von eben. Und ich sehe wieder einen Punkt, und noch einen, und so weiter … Oder ich denke an einen Plan, dann an einen Plan von diesem Plan, dann an einen Plan von einem Plan dieses Planes. Und jeder dieser Pläne enthält alles, obwohl sie kleiner und kleiner werden. .. Welten innerhalb von Welten innerhalb von Welten innerhalb von Welten …3 Wenn das erst einmal anfängt, kann ich damit nicht mehr aufhören …“

Und gibt es noch andere Arten, an nichts zu denken, Rose?“

Aber ja doch! Pläne und Punkte sind doch nur die eine Seite, das positive Nichts; aber ich denke auch an das negative Nichts.“

Und wie muss man sich das vorstellen?“

Das soll hier nicht verraten werden, das kann der Neugierige nachlesen. Aber man erkennt: Diese äußerlich vollkommen hilf­losen, bemitleidenswerten Menschen sind nach innen auf eine entsetzliche, aber gleichsam phantastische Weise hellwach, sie sind nur nach außen stumpf gleich einer Druse, die im Innern ei­nen Wald von gewachsenen Juwelen enthält. Und Oliver Sacks´ L-DOPA war der Hammer, der die glanzlose Schale aufsprengte und die Kostbarkeiten des Innen freilegte.

Einige Wochen lang erfreute sich Rose R. einer erstaunlichen Verbesserung ihrer physischen Lage, dann aber veränderte sich ihre Reaktion auf das Medikament schlagartig: Stimmungs­schwankungen traten auf, Starrkrämpfe beeinträchtigten ihre Beweglichkeit und beeinflussten die Laune negativ. Schließlich führte die fortgesetzte Verabreichung von L-DOPA zu zwanghaf­ten Wortwiederholungen, die Rose nicht stoppen konnte. Auch die alten Schwierigkeiten traten in einer massiven Form neu in Erscheinung, dass Rose in nie vorher gekannter Art darunter zu leiden begann. Die Tics beispielsweise ihrer rechten Hand wur­den so schnell, dass sich mit einem Zeitlupenfilm nicht weniger als 300 Anschläge pro Minute nachweisen ließen.

Schließlich wurde die Verabreichung von L-DOPA wegen der „Nebenwirkungen“4 abgebrochen, die zu einer unannehmbaren Beeinträchtigung der Lebensqualität führten. Oliver Sacks kon­statiert am Schluss seines biografischen Kapitels über Rose R. ein wenig niedergeschlagen: „Immer noch sieht sie wesentlich jünger aus, als sie ist; und im Grunde genommen ist sie wesent­lich jünger. Aber sie ist wie ein schlafendes ‚Dornröschen’, für das das ‚Erwachen’ unerträglich war und das deshalb nie wie­der aufzuwecken sein wird.“ Für Rose R. herrscht im Kopf nach wie vor das Jahr 1926, obgleich sie durchaus weiß, dass man das Jahr 1969 schreibt. Es ist für sie mehr wie eine Art seltsa­mer Traum.

Aber so erschreckend auch diese Auswirkung war, so sehr hätte man damit womöglich noch umgehen können. Oliver Sacks musste jedoch noch eine ganz andere Erfahrung machen, die buchstäblich sein Weltbild zertrümmerte. Es gab viele Postenze­phalitiker in Mount Carmel, und er behandelte sehr viele von ih­nen mit L-DOPA, streng nach Plan und alle mit derselben vor­sichtigen Anfangsdosis.

Und jeder reagierte anders.

Jeder reagierte auf jede einzelne Dosierung anders.

Damit nicht genug. Der Prozess des „Erwachens“ aus der Starre war bei jedem der Postenzephalitiker mehr oder weniger plötz­lich oder explosiv, sie konnten auf einmal Dinge tun, die keiner der Pfleger jemals für möglich gehalten hatte. Sie bewegten sich, liefen die Korridore entlang, sprachen aufgeregt miteinan­der, nahmen die Umwelt wahr und berichteten über ihr Leben. Manche begannen mit handwerklichen Fertigkeiten (für Men­schen, die dreißig bis vierzig Jahre lang bewegungslos dahinve­getiert hatten, nahezu unvorstellbar), lasen mitunter in zwang­haftem Tempo Bücher oder redeten dermaßen schnell, dass kein Nachrichtensprecher dies hinbekommen hätte.

Und dann kam, für den einen früher, für den anderen später, wieder der Absturz ins Pathologische. Die Wirkung des Medika­ments schlug gleich einer unberechenbaren Keule zurück auf den Leib, auf die Seele, auf die Fähigkeiten der Patienten.

Und wieder reagierte jeder Patient anders.

Oliver Sacks und sein Team reduzierten die Medikamentendosis. Setzten sie ab. Die einen Patienten fielen sofort in komatöse Starre zurück. Andere „nur“ in ihren normalen Zustand. Wieder andere reagierten mit Tobsuchtsanfällen und sprachen dann nicht einmal mehr auf Beruhigungsmittel an.

Sacks musste begreifen, dass das, was er hier ausgelöst hatte, im Grunde genommen unkontrollierbar war, sich in kein Schema einpassen ließ. L-DOPA wirkte direkt auf das Gehirn der Men­schen ein, aber die bisherige Vorstellung der Wirkungsweise war offenkundig nicht zutreffend. Und ein Medikament, dessen Wir­kung ständig unkontrollierbar war, schien definitiv ungeeignet zu sein, als Allheilmittel angepriesen zu werden.

Während er noch die eskalierenden Zustände in Mount Carmel unter Kontrolle zu bekommen versuchte, schrieb er Artikel über seine Erlebnisse mit L-DOPA und erlebte nun eine Krise ganz an­derer Art: Manche medizinischen Journale weigerten sich kate­gorisch, seine Aufsätze zu nehmen, nachdem die ersten unter der Ärzteschaft einen furchtbaren Aufruhr hervorgerufen hatten. Arztkollegen warfen Sacks vor, er sei ein „Feind“ der L-DOPA-Therapie. Was natürlich gar nicht stimmte. Ihm wurde die fachli­che Kompetenz abgesprochen. Solche Reaktionen, wie Sacks sie beobachtet hatte, „träten einfach nicht auf“, sie seien „unmög­lich“.

Oliver Sacks war zunehmend verstört über dieses Feedback sei­ner Fachkollegen, insbesondere auch älterer Koryphäen der Psy­chologie und Neurologie. Er lud sie dazu ein, nach Mount Car­mel zu kommen, um sich die Wirkung selbst anzusehen. Doch keiner der Eingeladenen kam. Oliver Sacks wurde gewisserma­ßen zu einem Paria, zu einem Außenseiter, mit dem kaum mehr jemand etwas zu tun haben wollte.

Er hatte etwas entdeckt, was niemand wahrhaben wollte.

Erst viel später begann Sacks zu verstehen, was eigentlich pas­siert war: er hatte eine „Wunderdroge“ in Frage gestellt, DAS Medikament gegen den Parkinsonismus (denn, wie Sacks in Mount Carmel entdeckt hatte, half L-DOPA auch nicht flächende­ckend bei Parkinson-Patienten, sondern auch sie litten unter Ne­gativwirkungen des Medikaments. Diese wurden freilich bei an­deren Versuchen verschwiegen).

Wunderdrogen“ hatten in der Medizingeschichte eine lange Tra­dition: Sigmund Freud schwor auf Kokain (!), William James hielt Lachgas für ein Allheilmittel und Havelock Ellis setzte Anfang des 20. Jahrhunderts auf Meskalin. Der neueste „Schrei“ war ge­wissermaßen L-DOPA, und Kritik über die realen Auswirkungen war ausdrücklich unerwünscht.

Allerdings machten bald auch andere Mediziner dieselben Erfah­rungen wie Oliver Sacks, und von da ab bröckelte der Absolut­heitsanspruch von L-DOPA ebenso zusammen wie bei früheren „Wunderdrogen“.

Diese Desillusionierung stellte jedoch nur einen Effekt dieser Medikamentengabe dar. Der andere war bei Oliver Sacks selbst ein kompletter Wandel des Heilungsansatzes. Sacks musste auf­grund der Wirkungen, die sich einstellten, verstehen, dass jeder Patient ein Individuum war und auch individuell reagierte, und indem die Patienten während der vermeintlich kontrollierten Therapie in eine unkontrollierbare, ja, unvorhersehbare Krise gerieten, brach zugleich Sacks´ eigenes Denkbild zusammen. Er war allerdings jung und flexibel genug, um nicht die Augen vor der Realität zu verschließen, sondern kritische Nachfragen zu stellen, nach Gründen zu suchen, warum sich diese Menschen so verhielten, wie sie sich verhielten.

Er befragte die Patienten selbst und destillierte aus ihren inners­ten Befindlichkeiten und den Gehirnstrommessungen, später im Zusammenhang mit der aufkommenden technischen Revolution (Computertomographen) und der Chaostheorie sowie fraktalen Geometrien ein neues Bild des Gehirns, das in vielerlei Hinsicht revolutionär war.

Schlussendlich wurde dieses 1973 erstmals veröffentlichte Buch auch Gegenstand öffentlicher Darstellungen anderer Art. Wie Oliver Sacks es selbst treffend ausdrückt: „Das Zentralthema von Awakenings in Schlaf verfallen, versteinert werden, Jahr­zehnte später in einer Welt erwachen, die nicht mehr die eigene ist – spricht unmittelbar und mächtig die Phantasie jedes einzel­nen Menschen an. Aus diesem Stoff sind Träume, Alpträume und Märchen gemacht – und dennoch ist es tatsächlich gesche­hen.“

Diese Erlebnisse in Mount Carmel inspirierten Kurzgeschichten, Gedichte und Romane, es entstanden Theaterstücke, und schließlich wurde es unter dem Titel „Zeit des Erwachens“ in ei­ner sehr reduzierten Form verfilmt, in den Hauptrollen Robert de Niro und Robin Williams (letzterer verkörpert Oliver Sacks). Über all das ist in diesem Buch vieles zu erfahren, was man sonst nicht entdecken würde.

Neben zwanzig postenzephalitischen Fallgeschichten (die etwa 190 Seiten des Buches ausmachen und von denen man wirklich nur ein oder zwei am Tag verkraften kann) erfährt der Leser viel über die Parkinsonsche Krankheit und den Parkinsonismus (an dem etwa auch der einstige amerikanische Präsident Ronald Reagan und der Boxer Muhammed Ali litten). Man lernt die Bio­grafie von Oliver Sacks und sein neuroanthropologisches Welt­bild kennen, bekommt vieles über die Schlafkrankheit und ihre Folgen zu hören und schließlich, in einem Anhang, noch aller­hand über „Wunderdrogen“, bioelektrische Grundlagen des „Er­wachens“ und die Wahrnehmung von Raum und Zeit durch Par­kinson-Kranke sowie – unverzichtbar – vieles über die Adaption des Buchstoffes in den Medien bis zum Jahre 1990.

Dieses Buch ist natürlich harter Stoff, es ist eine Zumutung für zartbesaitete Leser. Es ist packend, ergreifend, zu Tränen rüh­rend. Erschütternd und fassungslos machend. Es nicht zu emp­fehlen, wäre eine Todsünde, meine ich. Doch wer immer sich auf dieses Abenteuer einlässt, die Leben und die Leiden der weni­gen Überlebenden der enzephalitis lethargica zu erkunden und kennenzulernen, wird aus dem Staunen und Erschrecken, aus ungläubigen Kichern und entsetzten Atemholen nicht mehr her­auskommen.

Dies ist ein Buch, das jeden unmittelbar berührt, der das Leben kennenlernen möchte. Und ich sagte ja eingangs: Dies ist eine wahre Geschichte.

Manch einer mag daran zweifeln, wenn er das Buch schließt.

© 2004/2005 by Uwe Lammers

Braunschweig, den 19.-31. März 2004/9. Februar 2005

Harter Stoff? Hatte ich euch prophezeit. Aber bleibt gelassen, Freunde, in der kommenden Woche wird es sehr viel weniger wortreich und viel ruhiger, versprochen. Dann reisen wir zu den Sternen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Eine beklemmende schriftstellerische Umsetzung dieser Epidemie ist die Story „Wenn ich sterbe, bevor ich aufwache“ von David Morrell, in: Douglas E. Winter: Offenbarun­gen, Bastei 14193, März 1999. Sehr lesenswert.

2 Und das Beispiel ist in diesem Fall ausdrücklich nicht repräsentativ – aus Gründen, die gleich offenbar werden.

3 Wer sich mit mathematischen Modellen auskennt, wird hier sogleich eine Parallelität zu fraktalen Geometrien sehen, die mit dem Namen von Benoit Mandelbrot verbunden sind. Aber ich erinnere daran, dass Rose R. diese Strukturen dachte und durchlebte, bevor der Begriff der fraktalen Geometrie auch nur ersonnen war. Oliver Sacks stellt viele Jahre nach diesen Ereignissen fest, wie hilfreich fraktale Strukturen zur Erklärung der postenzephalitischen Bewusstseinszustände sind.

4 Sacks spricht nur höchst widerwillig von „Nebenwirkungen“, denn eigentlich ist es et­was anderes. Aber das lässt sich in der gebotenen Kürze nicht vernünftig darstellen. Es hat etwas mit einer Gratwanderung des Bewusstseins zu tun. Auch hier sei Nachle­sen ausdrücklich empfohlen.