Rezensions-Blot 451: Projekt Nighthawk

Posted April 10th, 2024 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

immer mehr komme ich zu der Überzeugung, dass Graham Brown ein äußerst fähiger Coautor für Romanideen des inzwi­schen verstorbenen Clive Cussler ist – und es ist anzunehmen, dass er noch eine ganze Reihe von NUMA-Abenteuern um Kurt Austin und seinen Kollegen Joe Zavala schreiben wird.

Ich weiß, es ist geraume Zeit her, dass ich einen Cussler-Roman rezensierte. Es lag weniger daran, dass es kein Material dafür mehr gegeben hätte, selbst jetzt weiß ich von rund einem Dut­zend Werken, die in Planung und Übersetzung sind, und das werden gewiss nicht alle bleiben. Ich fand viel eher, es sei jetzt mal für eine Weile Pause geboten, und so habe ich etwa das Feld eröffnet für James Rollins – der jetzt auf der anderen Seite wieder pausieren wird.

Mit dem Bergungsunternehmen des „Nighthawk“ haben wir je­denfalls ein höchst turbulentes, von der Handlungslogik schön verzwicktes Abenteuer vor uns, in dem es vor Überraschungen nur so wimmelt, und am Ende landen wir echt in reinrassiger Science Fiction … ihr werdet es erleben.

Einfach mal weiterschmökern:

Projekt Nighthawk

(OT: Nighthawk)

Von Clive Cussler & Graham Brown

Blanvalet 0641

April 2019, 9.99 Euro

544 Seiten, TB

Übersetzt von Michael Kubiak

ISBN 978-3-7341-0641-5

Im Januar des Jahres 1525 sind spanische Konquistadoren in Südamerika unterwegs auf der Suche nach legendären Gold­schätzen. Doch die Männer um Diego Alvarado stoßen auf hefti­gen Widerstand der Eingeborenen. Diese wähnen sich siegreich, sind aber in Wahrheit schon todgeweiht, denn die Eindringlinge haben europäische Krankheitserreger eingeschleppt, die den ganzen Kontinent durchseuchen und Millionen Einheimische um­bringen werden …

Jahrhunderte später und Tausende von Kilometern nördlich geht ein dreijähriges Experiment seinem Ende zu, das von der Van­denberg Air Force Base in Kalifornien gelenkt wird: Ein Experi­mentalflugzeug, das recht eigentlich eher eine Art von Space Shuttle ist, der „Nighthawk“, soll nach dreijährigem Aufenthalt über den Polregionen des Planeten Erde, wieder landen. Zum Schrecken der Controller geht der Kontakt mit dem „Nighthawk“ aber über dem Pazifik verloren. Offensichtlich ist er ins Meer ge­stürzt – und hektische Aktivität setzt nun ein, das verlorene Flugzeug wieder zu finden.

Kurt Austin von der National Underwater and Marine Agency (NUMA), der sich gerade auf Hawaii aufhält, wird von seiner Zentrale kurzerhand darüber informiert, dass jedes NUMA-Schiff im pazifischen Raum sich mit der Suche nach dem „Nighthawk“ befassen soll, und offensichtlich ist extreme Eile geboten. Als ihm von der NSA die Wissenschaftlerin Emma Townsend zuge­teilt wird, die ihm – ebenso wie die anderen NSA-Verantwortli­chen – nur das absolut Nötigste erzählt, wird ihm und seinem Kollegen Joe Zavala zunehmend klar, dass hier wichtige Dinge verschwiegen werden.

Das ist noch sehr zahm ausgedrückt – in Ecuador geraten sie auf fast tödliche Weise mit chinesischen Killerkommandos an­einander, und die NUMA-Schiffe vor der Küste bekommen es mit russischen Bergungskommandos zu tun, die offensichtlich schon in Marsch gesetzt wurden, ehe der „Nighthawk“ überhaupt in die Erdatmosphäre eintrat … in der Tat, hier stimmt so einiges nicht.

Es gelingt Austin und Emma Townsend tatsächlich wider Erwar­ten, über Sonardaten den Absturzort des Flugzeugs ausfindig zu machen … doch als sie tauchen, ist da zwar ein Wrack, aber es nicht der „Nighthawk“. Und, schlimmer noch: da ist ein umge­bautes russisches U-Boot, das die Flugzeugtrümmer in verdäch­tiger Eile verschwinden lässt. Sie scheinen nicht nur genau zu wissen, um was für ein Flugzeug es sich handelt, sondern wuss­ten auch vorher, wo sie es suchen mussten.

Fürwahr, hier stimmt einiges überhaupt nicht! Und zu Kurts Frustration ist Emma immer noch nicht bereit, ihm und seinen Gefährten, die den Kopf für die NSA hinhalten, reinen Wein ein­zuschenken. Das nervt, um es vorsichtig auszudrücken.

Es wird deutlich, dass ein Doppelagent, der nur als „Falconer“ bekannt ist, offensichtlich das Flugzeug digital gekapert und entführt hat. Die Fährte führt in die Anden und zu Ruinenstätten des untergegangenen Volkes der Chachapoya (womit ein kleiner Verbindungspfad zur Einleitung des Romans hergestellt wird). Und auch hier liefern sich die NUMA, die Chinesen und die Rus­sen einen Wettlauf um den „Nighthawk“ – genauer gesagt: um dessen geheime Fracht. Eine Fracht, die so tödlich ist, dass ihre Freisetzung leicht den Untergang der gesamten menschlichen Zivilisation zur Folge haben kann. Und leider hat ihr infamer Gegner schon viele Züge voraus geplant und offenbar alle mög­lichen Gegenmaßnahmen einkalkuliert …

Ich war von Anfang an skeptisch, dass das alles sein konnte, als Kurt Austin schon um Seite 160 herum auf das Flugzeugwrack stößt. Und natürlich fing die haarsträubende Geschichte kurz darauf ja erst richtig an, ohne dass abzusehen wäre, wie das ganze Gewirr sich konkret darstellen würde, das am Schluss lei­der beklemmend realistisch wurde.

Graham Brown hat schon in seinem Romanerstling für die NU­MA-Reihe um Kurt Austin und Joe Zavala („Teufelstor“) mit phy­sikalischem Detailwissen die Geschichte bereichert, und in die­sem Fall merkt man ihm sehr deutlich den Piloten an, der er ist. Er hat wirklich Ahnung von der Materie und schafft es, bis zum Schluss die atemlose Spannung aufrechtzuerhalten, die klar in Richtung auf völlige Vernichtung zielt.

Dass das Ende der Welt dann doch nicht kommt, ist wirklich eine Entscheidung um Haaresbreite, und nur Minuten fehlen zum völligen Desaster. Inwiefern dann ein verschobener Tisch in einem Internet-Café in Cajamarca den entscheidenden Hinweis auf die Lösung liefert, möchte ich hier nicht vorwegnehmen. Das kommt so unerwartet wie vieles in diesem packenden Ro­man, in dem die Grenzen zwischen Physik, Actionroman und Science Fiction manchmal fließend sind.

Solide Unterhaltung – definitiv empfehlenswert (und wer die Protagonisten noch nicht kennen sollte, kann sich ja die drei­zehn vorangegangenen Abenteuer immer noch besorgen. Das lohnt sich. Ich habe sie alle verschlungen).

© 2021 by Uwe Lammers

Wohin verschlägt es uns in der nächsten Woche? Nun, eindeutig nicht nach Ecuador, soviel sei versprochen. Vielmehr schauen wir uns dann mal einen Roman an, der einen reichlich abwegi­gen Titel trägt.

Wer neugierig geworden ist, der schaue einfach nächste Woche wieder hier herein.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Blogartikel 557: Das Autoren-Nachlassarchiv-Projekt, Teil 8

Posted April 7th, 2024 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ja, ich weiß schon, es ist bereits wieder über 10 Wochen her, dass ich dazu kam, euch weiter von dem Projekt zu berichten, und ja, ich wurde durch aktuelle Anlässe etwas aus dem Erzähl­strom herausgedrängt. Das ist nun einmal das, was man Leben nennt. Außerdem möchte ich euch ja nicht durch penetrante, ständige Wiederholungen auf die Nerven gehen.

Wir erleben das zurzeit – leider – mit der Berichterstattung des seit über 2 Jahren anhaltenden Krieges, den das imperialistische Russland gegen die Ukraine führt: Durch allerorten aufflammen­de Konflikte anderwärts (schauen wir nach Israel-Palästina, schauen wir in den Jemen, beispielhaft) oder diverse Wahl­kampfquerelen, Politskandale, Bürgerproteste, etwa gegen die Abschaffung von Subventionen, durch das Erstarken populisti­scher bis rechtsextremer Bewegungen gerät ein brennendes Thema immer weiter in den Hintergrund. Und was nicht mehr in den medialen Schlagzeilen ist, was die Zuhörer oder Zuschauer durch „Dauer-Krisen-Berieselung“ erschöpft hat, das verliert den Aufmerksamkeitsfokus, der sich dann auf „die nächste Krise“ verschiebt.

Insofern halte ich es für zweckmäßig, nur alle paar Wochen auf den Gedanken des Autoren-Nachlassarchiv-Projekts hinzulen­ken. Optimistisch gedacht erhalte ich so die Neugierde und die Wachheit für das Grundproblem länger am Leben. So denke ich jedenfalls optimistisch. Und es ist ja, abgesehen davon, auch nicht so, dass es auf meinem Wochen-Blog sonst nichts zu ent­decken gäbe. Die stabilen Zugriffszahlen, die täglich über 500 Klicks liegen, sprechen da meiner Überzeugung nach Bände.

Im Blogartikel 546, also dem letzten Eintrag in dieser Artikelrei­he, sprach ich am Schluss davon, dass ich mich heute um eine der zahlreichen Fragen kümmern möchte, die mir von Anfang an auf der Seele lag. Und ich sage vorweg: Es gibt dafür noch keine praktikable Lösung. Aber jeder, der oder die sich berufen fühlt, dafür einen Vorschlag zu liefern, ist mir herzlich willkommen.

Und ja, es gibt schon Ideen dazu. Zwei davon stelle ich heute vor. Aber zunächst einmal ist es natürlich wichtig, die Frage selbst zu stellen. Sie ist so simpel und nahe liegend, dass man sie vermutlich gern völlig übersieht.

Wie soll die zu gründende Institution heißen?

Wie jetzt, was ist das denn für eine Frage? Die ist absolut ernst gemeint, Freunde.

Ich dachte, die Institution heißt ‚Autoren-Nachlassarchiv‘? Ist das nicht so?“, mag der eine oder andere von euch jetzt ver­wirrt nachhaken.

Nun, sagen wir es so: Es ist ein Arbeitstitel. Aber wenn man in­tensiver darüber nachdenkt, kommt man rasch darauf, dass er ein wenig sperrig ist. Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund, warum dies meiner bescheidenen Ansicht nach nicht das letzte Wort sein kann. Ich kann dafür ein Argument anbringen, das eine befreundete Professorin mir gegenüber machte, als es um die digitale Veröffentlichung meiner Magisterarbeit von 2002 ging.

Diese Arbeit, in der ich den Personalbestand der Technischen Hochschule Braunschweig in der Weimarer Republik und der NS-Zeit an einer Reihe von Auswahlbiografien untersuchte, trug im Ursprung den Titel Dunkle Vergangenheit“. Für die Einreichung dieser Arbeit war das 2002 hinreichend doppeldeutig formuliert und auch gar nicht mal uninteressant.

Aber inzwischen leben wir vollkommen im digitalen Zeitalter. Das bedeutet, wenn man diesen Titel im Internet in eine Such­maschine eingibt, bekommt man dazu vermutlich ein paar tau­send Treffer.

Folgerichtig musste der Titel für die digitale Veröffentlichung an­gepasst werden. Während mein – naiver – Gedanke auf einen kurzen, knackigen Titel wie „Sieben Leben“ hinauslief, wurde mir klargemacht, dass das nicht genügen würde. Der Titel sei für Suchmaschinen ebenfalls so beliebig, dass er schlicht in der Flut der Publikationen untergehen würde.

Also erhielt die Publikation 2015 folgenden neuen Titel, mit dem ich freilich immer noch etwas fremdele: „Sieben Leben: Wissen­schaftlerbiografien an der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule Braunschweig im Nationalsozialis­mus“.

Ein ellenbogenlanger Bandwurmtitel? Exakt. Und genau das war auch mein skeptischer Gedanke. Sehen wir mal davon ab, dass ich einen noch längeren Titel, der noch ein paar Personennamen beinhaltet hätte, mühsam abbiegen konnte. Sehen wir auch mal davon ab, dass die Begrenzung auf die NS-Zeit falsch ist (man­che Biografie fängt im Kaiserreich an und reicht bis in die Nach­kriegszeit hinein). Ich mag solche Bandwurmtitel eigentlich nicht.

Ich musste dennoch klein beigeben. Warum? Weil das Zauber­wort in diesem Kontext nicht „Der Titel muss schön kurz und griffig sein“ lautete, sondern: „Suchmaschinenoptimierung“ (neudeutsch mit SEO abgekürzt für Search Engine Optimation). Und ja, an Schlagworten ist der Titel definitiv reich. Ob man nach „Wissenschaftlerbiografien“ sucht oder nach „Technische Hochschule Braunschweig“ oder „kulturwissenschaftliche Abtei­lung“ oder „Nationalsozialismus“, da ist gewissermaßen für je­den Geschmack was dabei. Was, da gibt mir jeder digital native sicherlich Recht, das Ranking in den Suchmaschinenergebnis­sen fraglos erhöht.

Lieben muss man das nicht, aber in unserer heutigen Zeit der digitalen Reizüberflutung gewinnt – leider – meist der Titel mit der besten Griffigkeit und den prägnantesten Schlagworten.

So, und jetzt wendet das mal an auf den Namen des „Autoren-Nachlassarchives“. Bei „Autoren“, „Nachlässen“ und „Archiven“ wird man zugetextet mit Treffern bei Suchmaschinen. Völlig un­spezifisch. Das ist also erkennbar reichlich witzlos. Deshalb sag­te ich eingangs, dies ist ein provisorischer Arbeitstitel, ein erster Vorschlag gewissermaßen. Er bedarf der Schärfung und Präzi­sierung, um, wenn wir da mal beim denglischen Werbe-Neu­deutsch bleiben wollen, einen USP zu erhalten.

Was ist ein USP? „Unique selling proposition“, auf klassisch deut­schem Boden stehend: Ein Alleinstellungsmerkmal. Etwas, was diesen Internet-Suchmaschinentreffer aus dem Beliebigkeitsbrei der Myriaden möglicher Treffer heraushebt.

Ihr merkt, das ist nicht wirklich trivial und hat ein paar interes­sante Folgerungen. Vor allen Dingen gibt es dazu noch keine Pa­tentlösung. Was nicht bedeutet, dass es keine Vorschläge gibt. Die sind schon vorhanden.

Zwei der fürs Projekt inspirierten Autorinnen und Autoren haben mir im vergangenen Jahr dazu schon Gedanken offeriert. Auch dies sind Vorschläge. Der erste Autor meinte, wir sollten vor al­len Dingen unseren Blick auf die internationale Sphäre weiten und deshalb vielleicht einen englischen Titel wählen. Zunächst widmete er sich der Frage einer möglichen Abkürzung und schlug dies vor:

Nachlass-Archiv Literaturschaffender der deutschsprachigen Phantastik (NALDP)“

Ins Internationale gewendet hieße das:

Archive of literary estates of German-language fantastics“ (ALEGLF)

Überrascht es euch, dass ich da nicht vor Begeisterung im Kar­ree sprang? Zum einen: Beide Titel sind in meinen Augen noch länger und sperriger als mein bisheriger Planungstitel. Das stellt eher keine Verbesserung dar, finde zumindest ich. Fraglos kann man hier eine Parallele zur Titel-Optimierung für Suchmaschi­nen im Falle meiner Magisterarbeit sehen. Aber speziell bei den Abkürzungen runzelt doch wohl so jeder die Stirn und fragt sich – insbesondere beim ersten – , ob das wohl eine neu gegründe­te politische Partei ist … also nein, ich schäumte nicht vor Be­geisterung.

Aber, wie gesagt, das ist ein erster Vorschlag. Schicken wir ihn also ins Rennen.

Monate später kam ein weiterer Gedanke von einer Autorin, den ich euch auch nicht vorenthalten möchte. Sie blieb im deut­schen Sprachraum und war – spürbar wie ich – dem Gedanken an einen kurzen, griffigen Titel der Institution verhaftet. Sie meinte, ebenfalls als einen ersten Vorschlag, vielleicht wäre das geeignet:

Die Ideen-Arche“ oder „Arche der Ideen“.

Zumindest ein interessanter Denkansatz, der einen Kerngedan­ken des Projekts aufgreift: Die Vorstellung nämlich, dass die hier aufzubewahrenden Texte eine Art Gedankensteinbruch für Auto­ren der Zukunft sein sollen, eine Art von sicherer Bank voller Überraschungen. Denn die Texte und Projektideen, die gesichert werden sollen, sind ja nicht als passives Substrat zu betrachten, sondern sie sind zugleich Baustoffe für künftige Veröffentlichun­gen. Aufbereitet, nachbearbeitet, ausgeführt sollen sie im Ideal­fall später ja auch jenseits der Räume des Archivs (seien sie nun virtuell oder physisch) an die Öffentlichkeit gelangen.

So gesehen eine schöne Idee.

Allerdings muss man schon ihren Untertitel mit aufnehmen, um zu begreifen, worum es tatsächlich geht: „Wir bewahren/ver­wirklichen Ihre/deine Romanideen über den Tod hinaus.“

Und damit sind wir leider schon beim wichtigsten Kritikpunkt dieser schönen Idee: Im Internet, zumal bei Suchmaschinen, geht es um Kürze, um Griffigkeit und Prägnanz. Alles, was die­ses Kriterium nicht erfüllt, funktioniert nicht.

Ein Beispiel dafür: Natürlich kann man in eine Suchmaschine eingeben „Ich suche Informationen über einen deutschen Politi­ker in einem hohen Amt, irgendwas mit Scholz“. Wo mag so eine Anfrage wohl landen? Im Nirwana, denke ich.

Was gibt man stattdessen sinnvollerweise ein? Vielleicht dies: „Suche deutschen Politiker, Scholz“. Und erhält dann zahlreiche Treffer, die auf den Bundeskanzler Olaf Scholz hindeuten. Bei der ersten Anfrage erhält man irgendwas, aus dem man dann vielleicht irgendwo ermitteln kann, dass der Mann Olaf mit Vor­namen heißt und welche Position er in der politischen Hierarchie bekleidet.

Ich wage mir nicht auszumalen, was halbinformierte User finden werden, wenn sie nach den obigen Vorschlägen suchen … ob darunter unsere Institution vorrangig auftaucht? Ich melde da doch gewisse Zweifel an.

Speziell der zweite Suchbegriff „Ideen-Arche“, so schön er auch sein mag, führt vermutlich eher zur Arche Noah und irgendwel­chen spinnerten Bibelseiten statt zum Nachlass-Archiv.

Nimmt man sich irgendwelche noch nicht verwendeten (!) Ab­kürzungen, wird die Geschichte vermutlich noch haarsträuben­der.

Ihr merkt, wenn man darüber genauer nachgrübelt, erkennt man recht fix, dass das Thema alles andere als trivial ist.

Lösungen habe ich zurzeit noch keine zur Hand. Aber die Suche danach geht natürlich weiter. Für den Moment, das ist nun viel­leicht transparenter als zu Beginn, ziehe ich es vor, auch bei Diskussionen und in Beiträgen von „Autoren-Nachlassarchiv“ zu sprechen.

Die Suche geht weiter.

Soviel für heute von meiner Seite. In der nächsten Woche erzäh­le ich in der Rubrik „Logbuch des Autors“ von einem lange ge­hegten Traum, der in Erfüllung ging.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 450: Perfect Passion 4 – Feurig

Posted April 3rd, 2024 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist so ein Kreuz mit den Royals … manche halten sie auch in der heutigen Zeit für unglaublich wichtig, insbesondere wenn es kleinste Details ihres Privatlebens in die Klatschpresse schaffen. Aus für mich nicht recht nachvollziehbaren Gründen scheinen sich Artikel, Filme und Romane über Royals, seien es die realer Königshäuser oder fiktiver Dynastien und Staaten, einfach un­glaublicher Beliebtheit zu erfreuen.

Nun, ich fremdele mit derlei Sujets durchaus (ihr werdet das beizeiten erleben, wenn ich den „Royal“-Zyklus von Geneva Lee vorstelle, den ich vor einiger Zeit gelesen habe … und der defi­nitiv SEHR viel erotischer ist als der vorliegende). Darum zog ich auch ein wenig eine lange Miene, als ich den Klappentext dieses Romans schmökerte. Er ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Griffin Verdi IST ein Royal, da beißt die Maus keinen Faden ab. Und da wir uns in einem Romanzyklus befinden, in dem sich die Autorin stark an Disney-Settings anlehnt, haben wir es natürlich mit einem Royal zu tun, der sich letzten Endes in eine „Bürgerli­che“ verguckt.

Das ist immer noch nett und humorvoll zu lesen, weil Autorin und Übersetzerin konstant blieben. Aber sonst …?

Nun, seht es euch am besten selbst an:

Perfect Passion 4 – Feurig

(OT: Once Upon a Billionaire)

von Jessica Clare

Bastei 17325

336 Seiten, TB (2015)

Aus dem Amerikanischen von Kerstin Fricke

ISBN 978-3-404-17325-9

Griffin Verdi hat es nicht leicht – ja, er ist Milliardär. Ja, er hat sein nettes, mit Büchern vollgestopftes Haus am Rande des Central Parks, und er kann sich auf seinen Diener Kip voll und ganz verlassen. Das ist absolut nicht das Problem. Seine Schwierigkeiten sind familiärer Natur, und sie werden akut, als seine Cousine Alexandra heiratet.

Niemand in seinem direkten Umfeld macht sich eine Vorstellung davon, inwiefern das für ihn problematisch sein könnte. Griffin gilt als Denker, Grübler und Forscher, finanziert mäzenatisch ar­chäologische Ausgrabungen (aktuell etwa in Cadiz in Spanien), und über sein Privatleben breitet er üblicherweise den Mantel des Schweigens. Seinen Freunden vom Geheimclub der Milliar­däre ist nur soviel klar, dass er wahnsinnig etikettenbewusst ist und als absoluter, humorloser Snob gilt.

Die wahren Probleme liegen indes deutlich tiefer. Griffin ist ade­liger Abkunft und direkt verwandt mit dem Königshaus des süd­osteuropäischen (fiktiven) Kleinstaates Bellissime, der struktu­rell an Monaco angelehnt worden ist. Seine Mutter ist die Re­gentin Sibylla-Louise, die enorm viel Wert auf Etikette legt und Griffin allein schon deshalb in der Erbfolge auf Rang 9 zurückge­stuft hat, weil er es gewagt hat, in Amerika zu studieren, nach­dem er bereits in England auf dem Internat war. Und erst recht hat seine Mutter es ihm nicht verziehen, dass Griffin, eigentlich amtlich Viscount Montagne Griffin Verdi, sich in den USA bei den „unkultivierten“ Amerikanern niederließ und dann auch noch die Dreistigkeit hatte, ein Vermögen zu machen. Ein Vermögen, durch dessen Zuschüsse zum Staatshaushalt von Bellissime es möglich wird, dass Griffins dortige Adelsfamilie ihre Paläste und den Schwarm von Dienstboten finanzieren kann. Dennoch kann Griffin Dankbarkeit von dieser Seite dafür nicht erwarten. Das geziemt sich einfach nicht.

Griffin empfindet Bellissime folgerichtig auch als einengend und nachgerade klaustrophobisch, die Kleidungsvorschriften und Eti­kette als altbacken … aber er weiß halt auch, was sich gehört, erst recht jetzt zur Heirat seiner Cousine, der Kronprinzessin Alexandra Olivia III., Herzogin von Beaulac und rechtmäßigen Erbin des Thrones. Und glücklicherweise weiß sein Diener Kip das ebenfalls, der ihn begleiten soll.

Dann geschieht die Katastrophe: Kip wird unvermittelt krank und fällt aus, die Reise kann aber nicht mehr verschoben wer­den. Einigermaßen verstört sucht Griffin Verdi nach Ersatz und ist so leichtfertig, sich dabei auf den Ratschlag von Gretchen Petty, der neuen Lebensgefährtin seines Milliardärskollegen Hunter Buchanan zu verlassen (vgl. Bd. 2 der Reihe „Perfect Passion“1). Sie empfiehlt ihm Hunters momentan abkömmliche Sekretärin Maylee. Hunter hat die Grippe und könne sowieso nicht arbeiten. Griffin nimmt an, ohne Maylee jemals gesehen zu haben.

Als Maylee Meriweather, die ebenfalls im zweiten Band der Rei­he einen kurzen und überaus chaotischen Auftritt hatte, bei Griffins Privatjet ankommt und die Reise beginnt, geht von An­fang an alles schief. Maylee ist ein liebes, nettes Mädchen mit einem sonnigen Gemüt und unglaublich freundlich. Aber sie ist eben auch bitterarm, haust in einem heruntergekommenen Bil­ligzimmer in New York und schickt quasi jeden Cent, den sie verdient, an ihre Familie in den Südstaaten der USA. Was bedeu­tet: für angemessene Kleidung hat sie kein Geld und keinen Blick. Und von Etiketten, zumal in einer Adelsgesellschaft, hat sie schon gar keinen blassen Schimmer. Dann begeht sie zudem noch aus Nervosität und Flugangst den Fehler, sowohl die ange­botenen Cocktails der Stewardess zu trinken UND ihre Medizin gegen Flugangst zu nehmen – etwas, was man grundsätzlich nicht tun sollte.

Daraufhin wird sie völlig unberechenbar, verliert die Kontrolle über ihre Contenance und fällt vollständig aus der Rolle, bis sie schließlich schluchzend auf dem Schoß des völlig fassungslosen Griffin sitzt, der Gretchen zu hassen beginnt und Maylee am besten in London beim Zwischenhalt herauswerfen möchte. Nicht nur, dass Maylee ihn auch mit klarem Verstand immer falsch als „Mr. Griffin“ anredet (im umnebelten Zustand phanta­siert sie, sein Name sei Gryffindor, und das Internat, auf dem er in England gewesen sei, müsse natürlich Hogwarts gewesen sein – und es gibt eine Menge mehr solche abenteuerlichen Stellen, bei denen man als Leser hemmungslos kichern muss).

Sie ist auch sonst eine vollständige Katastrophe. Sowohl was die Kleidung angeht, ihren Akzent, ihre Haare, ihre chaotische Form der Organisation … einfach gar nichts stimmt. Und in Bellissime wird es nur noch schlimmer, weil es von Paparazzi nur so wim­melt und Griffin sich diesen scheußlichen Etiketten unterwerfen muss … und Schadensbegrenzung zu betreiben hat, weil Maylee so überhaupt nicht in die Gesellschaft passt.

Anfangs jedenfalls.

Dann fallen ihm seltsame Dinge auf.

Zum einen kann Maylee perfekte Krawatten binden. Außerdem sind die Angestellten des Hotels, in dem er absteigt, alsbald ei­genartig höflich zu ihm und gar nicht so belästigend wie sonst. Er kann sich das nicht recht erklären, und es dauert eine ganze Weile, bis er zu verstehen beginnt, dass Maylee mit den Ange­stellten redet, ihnen von ihrem wenigen Geld (!) Trinkgelder spendiert und zudem mit ihnen Strategien abspricht, durch die Griffin mehr Privatsphäre bekommt. Das ist alles seltsam … schön.

Und dann ist da noch die Sache mit Maylees spiritueller Hei­lungsgabe, die ihren positiven Ruf noch weiter festigt. Eine Gabe, die Griffin nicht recht glauben kann, die aber tatsächlich existiert.

Im Laufe der nächsten Zeit – während er sich sehnlichst nach Cadiz zur Ausgrabung sehnt, aber, der Etikette wegen, natürlich nicht aus Bellissime fort kann – gewöhnt er sich immer mehr an diese seltsame Frau, in deren Nähe es ihm irgendwie … ja … gut geht. Und langsam aber sicher beginnt sie ihn sogar zu erregen. Mit ihrem seltsamen, aus militärischem Tarnstoff handgeschnei­derten Sackkleid. Mit diesen unmöglichen Kräusellocken. Mit diesen strahlenden Augen und dem staunenden Gesicht. Er be­ginnt schließlich sogar erotisch von ihr zu fantasieren, was sich nun wirklich gar nicht gehört. Doch nicht mit einer Bürgerlichen … seiner Assistentin auf Zeit … also nein! Aber Griffin kann wirklich nicht gut mit Menschen umgehen, und ständig scheint er Dinge zu tun und zu sagen, die dieses herzensgute Mädchen vor den Kopf stoßen, auch wenn er das gar nicht böse meint.

Und schließlich, als sie beide sich schon sehr, sehr nah gekom­men sind, geschieht jenes Missgeschick, das zur sofortigen Flucht der sonst so wackeren, nun aber tränenüberströmten Maylee führt …

Ich gebe zu, ich habe es nicht so mit Royal-Geschichten. Ich fin­de die feuilletonistische Besessenheit der Boulevard-Medien von europäischen Königshäusern wenigstens peinlich, eher noch be­denklich. Wir sollten doch, meine ich zumindest, in einer Zeit le­ben, in der wir uns nicht mehr nach gekrönten Häuptern und dy­nastischen Familienstammbäumen zurücksehnen. Aus der Zeit sind wir seit über hundert Jahren gründlich heraus. Aber diese Sehnsucht scheint auch im modernen Buchmarkt immer noch sehr weit verbreitet zu sein, und Jessica Clare verirrt sich im vorliegenden Roman auf dieses Terrain.

Wie gewohnt ist das nicht ohne Charme und Witz, und Maylee ist wirklich eine süße, frohgemute Person. Aber Griffin Verdi wie­derholt als „Mann mit Stock im Arsch“ zu beschreiben, trifft sei­nen Charakter leider auch sehr gut, und er steht ihm etwa auf 80 % der vorliegenden Seiten vollständig im Weg und damit auch einer gemeinsamen erfolgreichen erotischen Beziehung mit Maylee, die das Endziel der Geschichte ist.

So interessant ich es auch fand, dass so spät noch ein fiktives europäisches Fürstentum erschaffen wird – ich dachte, so etwas ist bald nach der Abfassung der Doc Savage-Romane nahezu vollständig ausgestorben – , so wenig wirklich erotisch ist der vorliegende Roman dann geraten. Bis die beiden nach endlosen Adaptionsschwierigkeiten endlich mal intimer miteinander wer­den, vergehen Hunderte von Seiten, ohne Witz.

Wer also lesen möchte, wie ein anfänglich unglaublich steifer Aristokratenspross allmählich etwas auftaut und sich ein Herz fasst, endlich mal seine Gefühle auszuleben, der mag den Ro­man total begeistert verschlingen. Wer denkt, er käme hier ero­tisch so auf seine Kosten wie in den ersten beiden Romanen der Serie, der ist vollständig auf dem Holzweg und wird wohl mehr­heitlich ein langes Gesicht ziehen.

Mir kam es daher ein bisschen so vor, als sei der Autorin etwas der Themenfokus verrutscht. Sie ist, wie erwähnt, noch witzig und durchaus lesenswert, ja, aber wer für Royals und absurde Etiketten-Rituale nicht viel übrig hat, wird hiervon vermutlich eher angeödet sein. Allein die nette Maylee und ihre menschli­che Direktheit (die leider oft mit Füßen getreten wird) hellen diesen sonst doch recht trübsinnigen Roman etwas auf. Abgese­hen von dem auch hier vorhandenen Humor entwickelt sich doch in diesem Roman nur herzlich wenig, und das auch nur äu­ßerst zäh – was vielleicht realistisch sein mag, aber nicht richtig lesenswert.

Sorry, Jessica, ich kann hier nur eine eingeschränkte Leseemp­fehlung für Leser wie mich geben. Mit Abstand der bisher schwächste Roman der Reihe.

© 2019 by Uwe Lammers

Im Nachhinein fragte ich mich, ob wohl die Autorin sich bei dem Namen Maylee an den Bond-Film „Goldfinger“ erinnert hat. Das will mir nicht völlig undenkbar erscheinen. Auch dort erscheint eine asiatisch-stämmige Bordbedienung namens Maylee. Sonst ist mir der Name eher nicht geläufig.

In der kommenden Woche wechseln wir, da ich ja jetzt bei der Sigma Force von James Rollins eine Weile pausiere, wieder zu ei­nem Altmeister der Action-Romane, um den ich mich im Rezen­sions-Blog 312 das letzte Mal gekümmert habe.

Wann das war? Oh, das kann ich euch ganz genau sagen, das war am 17. März 2021, also vor fast 3 Jahren. Die Rede ist von Clive Cussler. Und um welchen Roman von ihm es sich in der kommenden Woche handelt, da lasst euch mal überraschen …

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

1 Vgl. dazu den Rezensions-Blog 442 vom 7. Januar 2024.

Liebe Freunde des OSM,

dieser gerade beendete Monat war für das Jahr 2023 schon et­was strange. Das betrifft zum einen das ansonsten für mich un­interessante Wetter – es war glücklicherweise nicht so brennend heiß wie die vergangenen Jahre um diese Zeit. Naive Gemüter, von denen ich ein paar kenne, würden vermutlich nun grinsend meinen: „Seht ihr! Klimawandel ist Nonsens, Panikmache! Das ist ein ganz normaler Sommer wie jeder andere auch gewesen …!“

Tja, solche Leute fallen natürlich auf die Bauernfängertricks der Verschwörungstheoretiker munter herein – man präsentiere je­mandem 90 Belege für den Klimawandel und einen dagegen, und Menschen diesen Schlages werden die 90 Belege geflis­sentlich ignorieren, den einzelnen hervorheben und sagen: „Seht ihr, ich habe es doch immer schon gewusst, und die Wis­senschaft sagt das auch …“

Wenn man aber ein wenig weiter über den Tellerrand blickt und weiß, dass etwa vor Florida Rekordwassertemperaturen gemes­sen werden, dass Korallenbleiche grassiert, dass selbst das Mit­telmeer Badewannen-Wassertemperatur erreicht und die Tage dort mit 40 Grad an Land aufgeheizt werden, der kann über sol­che naiven Gemüter nur den Kopf schütteln …

Nun, das nur so als kleiner Exkurs zu einem aktuellen Thema. Der Klimawandel geht uns alle an, und selbstverständlich sind die Beweise, dass der Mensch seit über 200 Jahren dramatisch an der Klimaschraube dreht und jetzt die „Ernte“ dieses sehr trägen globalen Klimasystems einfährt, überwältigend und nicht mehr wegzudiskutieren.

Ausnahmewetter in manchen Regionen ist darum kein Beleg, dass es den Klimawandel nicht gibt. In gewisser Weise erfreulich für mich, und damit komme ich zum eigentlichen heutigen The­ma, hatte dieses moderate Klima in Braunschweig für mich zur Folge, dass ich kreativ ziemlich gut auf Kurs blieb … und ich gebe zu, es gab einige Großprojekte, die das wunderbar ermög­lichten. Schauen wir uns das mal im Detail näher an:

Blogartikel 551: Work in Progress, Part 127

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“)

OSM-Hauptglossar, Version 3

Anmerkung: Das war, wiewohl hier schon genannt, eigentlich die zweite Hauptarbeit dieses Monats. Hierzu ist natürlich etwas zu erzählen – die zweite Version des OSM-Hauptglossars, in der ich etwa 35 Geschichten erfasst hatte, datiert zurück auf das Jahr 2011 (!), kein Witz. Und es umfasste lediglich 290 Seiten. Inzwischen ist diese Fassung durch die obige komplett abgelöst und buchstäblich kompostiert worden.

Das neue aktuelle Hauptglossar umfasst insgesamt 937 Textsei­ten, und es kostete mich eine Druckerpatrone und mehrere Tage Ausdruckzeit, es für den Ausdruck aufzubereiten … im Nachgang entdeckte ich zahlreiche Detailfehler, nachdem ich im Anschluss an die Übertragung vom stationären PC auf den Laptop, von dem aus ich den Ausdruck vornahm, schon jede Menge Kleinigkeiten ausgebügelt hatte. Als ich, fußend auf die­sem Ausdruck dann das neue Begriffsregister erstellte, tauch­ten noch weitere „Schmarren“ auf … nicht dramatisch. Die wur­den handschriftlich markiert, und sobald ich mich an die 4. Fas­sung des Hauptglossars mache, werden all diese Korrekturen umgehend eingearbeitet.

Tatsache ist auch, dass ich das Hauptglossar während dieser Ar­beiten in zwei Teile aufspalten musste, um sie von der Daten­menge noch händeln zu können. Das wird zweifellos nicht das letzte Wort sein, denn es gibt noch zahlreiche Serienglossare, die vervollständigt und dann eingepflegt werden wollen. Unten schreibe ich dazu noch etwas.

Jedenfalls könnt ihr euch vorstellen, dass diese Tätigkeit eine Menge Zeit band. Und die konnte ich dann eben nicht für ande­re Werke im Rahmen der Episodendigitalisierung aufwenden.

(Lexikon der Serie „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“)

(16Neu 69: Die Flotte der CROMOS)

(20Neu 2: Auf der Flucht)

(16Neu 67: Das Energienetz)

Glossar der Serie „Oki Stanwer Horror“

Anmerkung: Aufmerksame Leser der vergangenen Monate und Jahre könnten hier eine Frage stellen, etwa diese: „Warum ist dieser Eintrag nicht mehr in Klammern geschrieben? Der war doch bisher IMMER in Klammern geschrieben!“ Ja, das ist rich­tig, aber es handelt sich nicht um einen Schreibfehler.

Die Fettmarkierung könnte das, was ich tatsächlich in diesem Monat realisierte, offenkundig machen: Ich habe hiermit das erste Serienglossar des OSM abgeschlossen. Dieses Glossar umfasst ernstlich 307 Textseiten. Und wie ich euch in 2 Wochen im Detail erläutern werde, war dies natürlich nur Schritt 1 eines ergebnisorientierten Prozesses. Nun stand der nächste Schritt an – die Überführung dieser Datenmenge in das OSM-Haupt­glossar, Version 2, um daraus die oben erwähnte Version 3 zu machen.

Dies hier war also am 11. Juli 2023 die erste Großbaustelle, die ich erfolgreich in diesem Monat bewirtschaftet habe. Das Ein­pflegen der Daten in das Hauptglossar dauerte dann bis zum 19. Juli, dann konnte ich auch dieses fertig abschließen, das auf mehr als 900 Seiten angewachsen war.

Tja, und dann folgte natürlich aus diesen beiden Schritten der dritte Schritt, zu dem ich weiter unten etwas sagen werde.

Blogartikel 555: Close Up: Der OSM im Detail (52)

(16Neu 71: Geheimcode Lichtbasis)

(OSM-Wiki)

(16Neu 68: Calor-Ests Erbe)

(16Neu 72: TOTAMS Emissär)

(Die Rollenspielerin – Archipel-Story)

Anmerkung: Das war so eine kleine, wirkungslose Abirrung in den Archipel. Ich konnte mich beim besten Willen nicht darauf konzentrieren, sondern meine Gedanken waren ständig ander­wärts unterwegs.

Wohin? Nun, zum einen natürlich in die oben erwähnten Glossa­re, aber es drängte mich auch mit Macht in eine ganz andere Ecke des OSM.

Blogartikel 558: Logbuch des Autors 31 – Ein lange geheg­ter Traum

(Lexikon der Serie „Oki Stanwer“)

Anmerkung: Diejenigen unter euch mit einem sehr langen Ge­dächtnis mögen sich entsinnen, dass ich im Jahre 2002 damit begonnen habe, die allererste OSM-Serie „Oki Stanwer“ (1982-1984 verfasst) zu digitalisieren. Das Serienglossar ent­stand dann quasi parallel dazu … aber obgleich ich das Serien­digitalisat schon anno 2005 abschloss, blieb dieses Glossar Stü­ckwerk. Mit der Konsequenz, dass die dort erfassten Begriffe bis heute nicht Teil des Hauptglossars gewesen sind.

Die obigen Arbeiten, die ja vollständig erfolgreich waren, brach­ten mich zu der Überzeugung, dass ich die Arbeitsschritte, die ich beim OSH-Glossar perfektioniert hatte, auch hier zur Anwen­dung bringen könnte. Deshalb gehe ich zurzeit davon aus, dass dies das nächste Serienglossar ist, das ich vervollständigen und dann übertragen werde.

Erst einmal beanspruchte aber ein anderes Universum meine volle Aufmerksamkeit …

NK 59: Ziel: Splitterhort

Anmerkung: In den Jahren 2020 und 2021 hatte ich den vor­dersten Schreibrand dieser Serie, des KONFLIKTS 24 des OSM, also die Serie „Oki Stanwer – Der Neutralkrieger“ bis An­fang von Band 59 vorangetrieben. Die Planungstitel sind schon viele Jahre alt, und erst, als ich mich wieder gründlich einlas – etwas, was auch im Juli 2023 geschah – , da flammte meine kreative Energie von neuem auf … und ruckzuck war die Episode 59 fertig und ich selbst voll im Erzählstrom.

Während vier Alli-Matrixfehler auf einer seltsamen Dschungel­welt gestrandet sind, die von einem Halo schimmernder, wo­gender Kristallsplitter umgeben ist und hinter denen keinerlei Universum mehr zu entdecken ist, kam ich in dieser Folge von der Gegenseite. Nun brach eine gemischte Expedition von Grauhäutigen der AUREUS-Allianz und der gestaltwandelnden Tassiner in ein verwaistes Baumeister-EXIL auf, den so genann­ten „Splitterhort“, wo vor Urzeiten jemand versucht haben soll­te, eines der SIEBEN SIEGEL VON TOTAM zu restaurieren … ein Versuch, der fehlgeschlagen war. Und bei der alleinigen Erkun­dung gerieten die Forscher in akute Lebensgefahr.

(16Neu 73: Die Doppelköpfigen)

(VvD 19: Rebellin der Sternenfeen)

(VvD 17: Die Stimme der Hoffnung)

Anmerkung: Auch hier versuchte ich, an die bisherigen stürmi­schen Schreiberfahrungen der Monate April und Mai d. J. anzu­schließen … aber ich stellte sehr schnell fest, dass ich gedank­lich zu sehr im KONFLIKT 24 schwebte, als dass das irgendeine Aussicht auf Erfolg geboten hätte. Also verließ ich brav, wie es sich gehört, diese Serie wieder und konzentrierte mich auf den turbulenten Bilderstrom, der mich sofort zurückspülte in die Ga­laxis Tushwintau.

NK 60: Im Sturm von Tushwintau

Anmerkung: Fortsetzung von Band 59, wieder mit zwei Hand­lungsebenen. Einmal außerhalb des „Splitterhortes“ bei den Grauhäutigen und Tassinern, dann drinnen bei den Alli-Matrix­fehlern, die allmählich herausfinden, was mit der untergegange­nen Zivilisation auf dem Planeten geschehen ist, auf dem sie gestrandet sind.

Und dann landet die Grauhäutigen-Tassiner-Mission. Und alles, wirklich alles, geht auf dramatische Weise schief.

NK 61: SIEGEL-Stimmen

Anmerkung: Und das war dann der Schlussakkord dieses Vier­teilers, in dem ich auf beeindruckende Weise Handlungsfäden zusammenfügen konnte, die seit Band 18 (!) der Serie offen sind. Das bedeutet also: seit den späten 90er Jahren. Auch fiel in Band 25 damals schon der Begriff des „Großen Plans“, und erst nachdem ich jetzt Band 61 abgeschlossen hatte, konnte ich auf der dortigen Lexikonseite diesen Eintrag endlich erklären.

Das nun ein Aha-Erlebnis zu nennen, ist noch weit untertrieben … es ist einfach atemberaubend! Hier begriff ich während des Schreibens, was die sieben Gestaltwandler-Splittervölker im Universum 24 des OSM tatsächlich TUN sollen, wer dafür ver­antwortlich zeichnete und was als nächstes geschehen würde. Das kann ich hier kaum in Worte fassen, und es würde euch auch recht wenig bringen, wenn ich es täte – dafür fehlt euch einfach noch das passende Vorwissen. Aber vertraut meinen Worten: Das, was ich hier jetzt in dieser Episode Ende Juli 2023 entdeckt habe, wird das Gesicht von KONFLIKT 24 vollständig verändern, und es juckt mich jetzt schon VERDAMMT in den Fin­gern, hier weitere Planungstitel zu entwerfen und weiter zu schreiben … in gewisser Weise ist es von Glück zu sagen, dass ich gegenwärtig ziemlich viel mit Jobcenter und Finanzamt zu tun habe. Das erdet mich auf sehr willkommene Weise.

Es kann als sicher gelten, dass ich hier sehr bald weiterschrei­ben werde. Mit neuen Planungstiteln, ganz klar!

(Lexikon der Serie „Oki Stanwer – Der Neutralkrieger“)

(NK 62: Fürsorgliche Entführung)

Anmerkung: Tja, was mag man sich wohl unter DEM Titel vor­stellen? Das klingt so ein wenig paradox wie „freundlicher Bank­überfall“ oder „netter Raubzug“ … auch dieser Titel ist schon sehr alt und konfiguriert eigentlich als Teil 1 eines Zweiteilers. Inzwischen denke ich, dass ich da noch einen Band anschließen muss. Da taucht ein alter Bekannter des OSM auf – ein monströ­ses Wesen namens Soffrol. Und ich freue mich schon unglaub­lich darauf, das kann ich euch sagen …

OSM-Begriffsregister, Version 3

Anmerkung: Dies war dann das dritte Großbaustellenprojekt, das ich am 30. Juli gerade soeben vor Monatsschluss noch be­enden konnte. Es ist mit 92 Seiten Umfang vergleichsweise schmal … aber überlegt bitte, dass jede einzelne Zeile dieser Aufstellung ein Begriff des OSM ist. Zusammen reden wir hier also über rund 5.400 Begriffe, Namen, Völker, Planeten und der­gleichen … und ich sagte ja, dass erst eins von langfristig 33 Serienglossaren ins aktuelle Hauptglossar eingepflegt ist. Also könnt ihr euch leicht denken, dass auch dieses Begriffsregister stete Updates erhalten wird. Das alte Begriffsregister stammte auch von 2011 und hatte gerade mal 35 Seiten Länge … das ist alles erst der bescheidene Anfang von etwas sehr viel Größe­rem.

(20Neu 4: Landeanflug auf Sotir-Eins)

Ja, das sind nur 8 Werke, wohl wahr (konkret waren es insge­samt 14, aber die anderen fallen in Rubriken, die hier nicht ge­listet werden). Doch wenn ihr euch an die drei beendeten (!) Großbaustellen erinnert und an die Aberhunderte von Seiten, die ich dort einpflegte, die Hunderte von Begriffen, die ich aus dem KONFLIKT 13 erläuterte und schließlich ins Hauptglossar überführte, so kann man wohl nicht behaupten, dass diese nu­merisch geringe Ausbeute des Monats auf schwächelnde Kreati­vität hinweist.

Tatsache ist vielmehr dies: Die analytische Erschließung von Episoden, das Verzeichnen neuer Begriffe, das Erläutern von Personen, Orten, Völkern und entsprechenden vernetzten Kon­texten ist eine Arbeit, die enorme Konzentration und dement­sprechend viel Zeit erfordert.

Manch einem von euch mögen beispielsweise Fußnoten nervig und überflüssig erscheinen, erst recht Glossare, Begriffsregister und Lexikonseiten. Aber Fakt bleibt, und ich weiß das seit über 30 Jahren, dass ein groß dimensioniertes Projekt wie der Oki Stanwer Mythos ohne solche analytischen Hilfsmittel gar nicht mehr überschaubar ist. Ich hätte mich längst unheilbar in Wi­dersprüchen verheddert (was teilweise durchaus passierte, aber das sind eben die Episodenversionen, da können in der Ausar­beitung derartige Schrammen an der Logik ausgebessert wer­den), wenn ich solche Werkzeuge nicht entwickelt hätte.

Wenn ihr euch die schon recht voluminöse OSM-Wiki anschaut, seht ihr, was ich meine. Das ist gewissermaßen der kleine Bru­der der obigen Glossare, Lexika und Begriffsregister. Und bis die Wiki diese Dimensionen erreicht, wird noch viel Zeit vergehen.

Damit möchte ich den Überblick über den Monat Juli 2023 ab­schließen. In der kommenden Woche erläutere ich weiter den Plan zur Gründung eines Autoren-Nachlassarchivs.

Bis dann, meine Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 449: Die Betoninsel

Posted März 26th, 2024 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute machen wir mal einen Ausflug auf ein bizarres Eiland der Zivilisation, gewissermaßen auf einen geheimen Hinterhof, wo die Zeit stillsteht und die Regeln der Normalität außer Kraft ge­setzt sind.

Wir befinden uns in den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhun­derts, und in England pulsiert noch immer eine neue Denkrich­tung der Phantastik, die man „new wave“ nennt. Es ist eine weitgehende Abkehr von den Weltraumimperien des frühen Jahrhunderts und der Pulp-Ära, es geht mehr um Innenraumer­kundung, um bizarre, meist dystopische Landschaften, in denen sich die zerbrochene Psyche der Protagonisten spiegelt.

Dies ist der Background, vor dem man den Roman sehen muss, den ich heute mal aus dem Abgrund der Vergessenheit ans Ta­geslicht zurückbefördern möchte. Wie ich in der Rezension vor fünfzehn Jahren schon so treffend schrieb: Es ist nicht wirklich Science Fiction, sondern eine seltsam gebrochene Form von es­kapistischer Literatur, die im Grunde auf eine jahrhundertelange Traditionslinie zurückblickt. Und doch schafft es James Graham Ballard, diese insulare Welt ganz ins Hier und Jetzt der pochen­den Hightech-Zivilisation zurückzuholen.

Willkommen auf der Betoninsel und in einem Alptraum ganz be­sonderer Prägung …

Die Betoninsel

(OT: Concrete Island)

von James Graham Ballard

Heyne 3803, 1981, 192 Seiten

Aus dem Englischen von Walter Brumm

ISBN 3-453-30744-5

Robert Maitlands normales Leben endet am 22. April 1983. An diesem Tag fährt der 35jährige Londoner Architekt mit überhöh­ter Geschwindigkeit und hat an einem besonders unübersichtli­chen Streckenabschnitt des Londoner Verkehrsnetzes einen Au­tounfall: er durchbricht die Leitplanke, schlittert eine mehrere Meter hohe, steile Böschung hinab und ist auf einmal auf einer Insel gestrandet, die von Hochgeschwindigkeitstrassen, Zäunen und steilen Böschungen umrandet wird.

Sein Wagen hat einen Totalschaden erlitten, er selbst ist aller­dings erstaunlich gering verletzt. Ganz gefangen in dem Be­wusstsein, schnellstmöglich in sein normales Dasein zurückkeh­ren zu müssen, bemüht sich Maitland die Böschung hinauf und versucht, einen Wagen anzuhalten. Bei diesem Versuch kommt er beinahe ums Leben – schwer verletzt stürzt er erneut die Bö­schung hinab und findet sich nun in einer höchst prekären Lage wieder: er ist ein Gefangener dieses seltsamen „Betoneilands“, ohne Kontakt zur Außenwelt. Schnell stellt er fest, dass seine Chancen immer weiter sinken, dieses unglaubliche Gefängnis mitten in der Zivilisation zu verlassen, je länger er hier verweilt. Denn es gibt keine nennenswerte Nahrung, außerdem setzen ihm seine Verletzungen zu und Wundfieber schwächt Maitland weiter.

Doch die Umweltbedingungen stehen weiterhin gegen ihn, und immer mehr muss er begreifen, dass er sich auf diesem ver­wahrlosten Grundstück auf längere Zeit einzurichten hat, dass die Rückkehr so rasch wie erhofft nicht gelingen wird. Also macht sich Robert Maitland daran, sein neues Reich zu erfor­schen und findet entgegen seiner Erwartung (und damit führen sowohl der englische wie der deutsche Titel in die Irre) bis fast auf die Grundmauern geschleifte Gebäude, deren Keller aber teilweise intakt sind, er entdeckt die Reste eines Kinos, Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, einen Teil eines Friedhofs … und dann macht er auch noch die schockierende Entdeckung, dass er nicht der einzige Bewohner dieser seltsamen Insel ist, was naturgemäß ganz besondere Probleme erzeugt …

Genau genommen ist dies kein Science Fiction-Roman. Zwar hat Ballard ihn im Jahre 1973 geschrieben und zehn Jahre in die Zu­kunft projiziert, aber er entbehrt aller phantastischen Zutaten, die man für einen typischen SF-Roman erwarten würde. Wie vie­le seiner Romane ist auch diese Geschichte mehr eine Art von sozialem Experiment und damit ein klassisches Stück der New Wave, die ja weniger auf utopischen „Außenabenteuern“ basier­te, sondern mehr auf dem „inner space“ des Menschen. Damit sind Ballards Werke, und besonders dieser hier, den sozialkriti­schen Werken eines Philip K. Dick vergleichbar. Hier ist diese Geschichte aber beinahe allen verfremdenden Beiwerks ent­blößt, was, wie man rasch erkennt, Methode ist.

Die drastische Form, in der Ballard hier einen modernen Men­schen in der Erfolgsgesellschaft brüsk auf einem Abstellgleis des Daseins zum Stillstand bringt und ihn dann in einer Zwangs­ruhepause dazu nötigt, sich mit seinen eigenen inneren Dämo­nen auseinanderzusetzen (was Maitland eher schlecht gelingt), ist indes ein Topos, der sich schon seit Jahrhunderten großer Be­liebtheit erfreut. Ein vielleicht bekanntes Beispiel hierfür ist Da­niel Defoes „Robinson Crusoe“, mit dem diese Geschichte einige Ähnlichkeiten aufweist. Und das vielleicht Beunruhigendste an diesem Werk ist wohl, dass es auf ähnliche Weise immer noch geschehen könnte.

Natürlich: der Lokalkolorit ist buchstäblich veraltet, und Bunker des Zweiten Weltkriegs wären nach 60 bzw. 70 Jahren sicherlich in Verkehrsplänen längst planiert, auch sind Che-Guevara-Plaka­te und Potrauchen, wie in diesem Roman, durchaus nicht mehr „en vogue“. Aber wie tief verwurzelt die Vorstellungen von „Aussteigen“ aus der hektischen Berufswelt, den Ellenbogen­kämpfen des Aufstiegs und der rigorosen Rivalität sind, belegen zahllose Ratgeber, Meditationsseminare oder auch Filme wie „Cast Away“, wo vor einigen Jahren Tom Hanks etwas ganz Ähnli­ches widerfuhr wie Robert Maitland, nur eben im „passenderen“ Setting einer tropischen Insel.

Vermutlich die bestürzendste Entdeckung des Lesers besteht in Maitlands wahnhafter Veränderung gegen Schluss, über die ich lieber nichts Genaueres schreibe. Aber wenn man das Buch aus­gelesen hat, ist man durchaus am Zweifeln, ob man, selbst ge­nau in Maitlands Situation steckend, viel klüger handeln würde als er. Ja, daran kann man ohne weiteres zweifeln …

Auch wenn dieser Roman also streng genommen keine SF ist, sollte man sich seiner wieder erinnern (und falls es mal eine Neuübersetzung etwa von Joachim Körber geben sollte, wäre sie dieser Version sehr vorzuziehen, da sich der Übersetzer Walter Brumm Ballards Wortreichtum nicht gewachsen sieht) …

 

© 2009 by Uwe Lammers

Ihr kennt das von meinem abwechslungsreichen Rezensions-Blog: Schwere oder bizarre Kost wechselt sich mit leichterer Lektüre durchweg ab. Und so kommen wir in der nächsten Wo­che weg von dem bizarren, verkehrsumbrausten Betoneiland und landen wieder in der amüsanten Welt von Jessica Clares „Perfect Passion“. Wieder erwischt es einen Milliardär … doch wen nur?

Mehr dazu in der kommenden Woche.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Blogartikel 555: Close Up: Der OSM im Detail – Teil 52

Posted März 23rd, 2024 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wenn man mit mangelhaften Informationen nassforsch ver­sucht, Aktionen zu erzwingen und Kenntnisse zu mehren, dann kann das katastrophale Folgen zeitigen. Oki Stanwer lernt das in KONFLIKT 16, der Serie „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“ gerade auf dramatische Weise. Schauen wir noch mal kurz zurück.

Rückblick: Nach einer Zeitstasis, die sie 40 Jahre lang in der Ga­laxis Kirrongar festhielt, kehren Oki Stanwer und die arg ge­schrumpfte Gruppe seiner überlebenden Gefährten heim und finden, wie befürchtet, eine Trümmerwüste vor, in der nichts mehr so ist wie zuvor. Die Dämonenwaffe GOLEM hat nahezu die ganze Galaxis in Schutt und Asche gelegt.

Zwar gelingt es Oki, die letzten Angehörigen des Alienvolks der „Schmelzenden“ zu retten und den Baumeister-Planeten MONO­LITH mit seiner überlegenen Supertechnik auf seine Seite zu ziehen. Doch als er sich dann in den Randkrieg einmischt, GO­LEM den Krieg erklärt und das Reich der Zyw-Grynoth aufsucht, gerät er in eine existenzielle Notlage.

Im Reich der Zyw-Grynoth haben sich entartete CROMOS mit überlegener Supertechnik eingenistet, und vierzehn ihrer Kampfschiffe jagen daraufhin Okis ERKUNDER 1 gnadenlos durch die Galaxis. Ausweg bietet scheinbar nur ein lebensge­fährlicher Ort – das so genannte GRALSREICH.

Die sie insgeheim schon verfolgenden Späher der Galaxisrebel­len sind schockstarr, als die ERKUNDER 1 tatsächlich in diesen tödlichen Bereich einfliegt, um die CROMO-Verfolger loszuwer­den …

Episode 61: Die Rebellen der Milchstraße

(1995, digitalisiert 2023)

Blende zu den Galaxisrebellen in der Einleitung:

Ohne dass Oki Stanwer das bislang weiß, haben die Rebellen die Baumeisterwelt RANTALON vor Jahren schon gefunden, eine phantastische künstliche Ringwelt um die Sonne „Schicksal“. Und vom WÄCHTER ist bekannt, dass RANTALON der Kampfplatz der Lichtmächte ist, wo der finale KONFLIKT 16 ausgetragen werden soll.

Aber RANTALON ist nicht erreichbar – eine unsichtbare Barriere aus „Zeitgezeiten“ schirmt sie hermetisch nach außen ab, und nahezu jeder, der sie durchdringen will, stirbt eines grauenvol­len, unausweichlichen Todes …

Blende zu Oki Stanwer:

Der Wahnsinnsplan gelingt tatsächlich – sowohl die ERKUNDER 1 als auch die verfolgenden CROMOS dringen ins rätselhafte GRALSREICH ein … für einige Sekunden. Dann nämlich werden alle CROMO-Einheiten rigoros ausgelöscht, die ERKUNDER nicht, die aber sofort in Sicherheit transistiert. Was im GRALSREICH aufgenommen worden ist, erweist sich als ein bizarres, mehr als 140.000 Kilometer großes künstliches Gebilde, das weder ein Raumschiff noch ein Planet sein kann …

Und dann nehmen die schwer erleichterten Späher der Galaxis­rebellen mit Oki Stanwer Kontakt auf, der sich immer noch si­cherheitshalber als „Beauftragter der Lichtmächte“ ausgibt und keinen Sichtsprechkontakt zulässt.

Auf tagelangen Umwegen geleiten die Späher sie schließlich in ein Sonnensystem, wo der Planet SIDEWALK existiert, das neue Hauptquartier der Rebellen. Und hier lüftet Oki sein Inkognito und ruft einige Unruhe auf dem Planeten hervor – nicht zuletzt bei einem alten Bekannten, dem WÄCHTER, der hier in einer Art Büßergewand auftritt. Aber das ist erst der Anfang der Überra­schungen …

Episode 62: MARCONIUS STANWER

(1995, digitalisiert 2023)

Fortsetzung von Oki Stanwers Handlungsspur:

Als die Raumüberwachung der Rebellen Oki Stanwer unmögli­che Handlungsanordnungen übermittelt, entschließt er sich dazu, einfach auf dem Planeten zu landen … und wird während des Landemanövers beschossen, was ihn kurzzeitig erschreckt. Diese Schreck teilt sich dem WÄCHTER, dem Anführer der Re­bellen und seiner Mutter als physischer Schock mit – aufgrund der Helfer-Kopplung.

So ist der Rebellenanführer Marc im Bilde, als die ERKUNDER 1 auf dem Raumhafen von SIDEWALK landet und sofort zur Stelle. Hier kommt es alsbald zu einem bemerkenswerten Treffen – Oki steht dem WÄCHTER gegenüber und jenem so vertraut wirken­den Fremden, der sich nun als sein leiblicher Sohn Marconius Stanwer zu erkennen gibt. Jenes Kind, das im Leib der Raumkor­sarin Death-Zhonya nach ihrer Trennung vor vierzig Jahren her­anreifte und von dem er nie etwas erfuhr.

Sonja, wie sie sich inzwischen bürgerlich wieder nennt, befindet sich zu seiner Freude ebenfalls auf SIDEWALK, und Marconius bringt ihn umgehend zu ihr. Doch das Wiedersehen ist ein grässlicher Schock – die Helferin des Lichts ist eine nahezu un­kenntliche, völlig vergreiste Person, die mit letzter Kraft am Le­ben hängt und nun, kaum dass sie einander wiedergesehen ha­ben, vor seinen Augen stirbt.

Oki Stanwer muss annehmen, dass sein Erzfeind GOLEM für Sonjas grauenhafte Veränderung verantwortlich ist. Er ahnt nicht, dass die Dinge sehr viel schlimmer stehen …

Episode 63: Blick auf RANTALON

(1995, digitalisiert 2023)

Fortsetzung der Oki Stanwer-Handlungsschiene:

Im Anschluss an Sonjas Begräbnis sucht Oki das Gespräch mit seinem Sohn, und Marconius berichtet – analog zu dem Zyw-Grynoth Delwoor (vgl. Bd. 59) aus Sicht der Galaxisrebellen von der Vergangenheit. Nun kommt in viele Details Licht, und die verheerende Situation in der Galaxis wird zunehmend transpa­renter.

Marconius erzählt davon, dass der WÄCHTER unmittelbar vor dem Waffengang beim Funkfeuer Süderstern (vgl. Bd. 50) de­sertierte und seinen Helfer-Kollegen Harg Segor im Stich ließ. Der Grund wird schnell offenbar: Der WÄCHTER hat all diese Er­eignisse bereits einmal durchlebt, da er erst in der nahen Zu­kunft eine Zeitreise durchmachen wird, die ihn schließlich zur Kristallpyramide von Hellside führt, wo er für Millionen Jahre ein­gekerkert wird … und dass er nichts von all den Geschehnissen berichtete, werfen ihm die Galaxisrebellen vor.

Er wusste vom Inferno bei Süderstern.

Er wusste von Harg Segors bevorstehendem Tod.

Er wusste von den Attacken auf Terra und die anderen Welten der Galaktiker … und er hätte durch seine Warnungen mögli­cherweise Milliarden Leben retten können.

Aber dadurch hätte er auch auf unkalkulierbare Weise die Zeit verändert und vielleicht seine eigene Existenz eingebüßt. Das ist zwar keine Entschuldigung, aber es erklärt nun hinreichend, warum er ein geduldeter Geächteter auf SIDEWALK ist.

Auch Ekkon, der Ritter vom Goldkristall, und sein Vorgesetzter, der amtierende Matrixkoordinator, der LEUCHTENDE, leben auf SIDEWALK, wie Oki Stanwer erfährt. Und auch sie sind Verbann­te!

Das klingt einigermaßen verrückt, aber Marconius macht deut­lich, warum das so ist: Als die Galaxisrebellen vor neun Jahren RANTALON entdeckten, wollte seine Mutter Sonja die erste sein, die die Ringwelt betrat … und stattdessen geriet sie als erste in die Zeitgezeiten. Nur aufgrund ihrer Langlebigkeit und Primärenergieaufladung überlebte sie diesen verheerenden Kontakt, vergreiste aber vollständig, sodass Marc die Kontrolle über die Galaxisrebellen übernehmen musste.

Und die Verantwortlichen für die Zeitgezeiten sollen die Diener der Sieben Lichtmächte sein – dass Ekkon beteuerte, davon nichts zu wissen, wurde ihm nicht geglaubt. Sonja ordnete um­gehend seine und des LEUCHTENDEN Verbannung in die Wildnis von SIDEWALK an … woraufhin der LEUCHTENDE die Galaxisre­bellen als Saboteure und potenzielle Unterstützer TOTAMS an­klagte.

Oki beginnt zu verstehen, dass der Haussegen hier in jeder er­denklichen Weise schief hängt.

Er wird nun auch darüber aufgeklärt, warum die SRU und die Artaner, die sich ja im Vorfeld der Kirrongar-Expedition verbün­det hatten, GOLEMS Ansturm nicht mehr Gegenwehr entgegen­brachten – aus irgendeinem Grund sind im Vorfeld der Invasion die Okis, die ja dort die Führungspositionen bekleideten, ausge­fallen. Thor könnte von ELDORADO einiges dazu sagen, aber zu ihm besteht aktuell kein Kontakt (vgl. Bd. 57).

Und um das Drama vollständig zu machen, gibt es mit Soffrol und der Neuen LIGA einen weiteren mächtigen Machtpol in der Galaxis, außerdem treiben sich GOLEMS Schergen in der Milch­straße herum. Und ihnen folgten aus einer fernen Galaxis die Si­chelschiffe der DIGANTEN, die GOLEMS Truppen gnadenlos be­kämpfen, wo immer sie sich zeigen.

Die Galaxis ist ein einziges Pulverfass … und Oki Stanwers Auf­tauchen hat augenscheinlich den Zündfunken aktiviert, wie das Chaos im Reich der Zyw-Grynoth zeigt. Da ist jetzt guter Rat echt teuer!

Episode 64: DIE GRALSJÄGER

(1995, digitalisiert 2023)

Fortsetzung der Oki Stanwer-Handlungsschiene:

Oki sieht, solcherart über die chaotische Lage der Gegenwart aufgeklärt, mehrere wichtige Vorhaben, die angegangen werden müssen. Es muss eine Lösung für das CROMO-Problem geben, außerdem ist es essenziell, die Zeitgezeiten zu überwinden und RANTALON zu erreichen. Mutmaßlich werden sie nur dort vor GOLEM in Sicherheit sein.

Aber obwohl ein Versuch unternommen wird, mit den Mitteln MONOLITHS die Zeitgezeiten zu untersuchen, stellen Oki und seine Gefährten schnell fest, dass das aussichtslos ist. Die Tech­nik von MONOLITH kann hier mindestens kurzfristig nicht helfen.

Also verfällt Oki Stanwer auf einen anderen Plan: Er will noch einmal ins GRALSREICH reisen, um diese Wesen zu kontaktie­ren. Es ist offenkundig, dass sie beim ersten Einflug einen kla­ren Unterschied zwischen dem ERKUNDER und den CROMOS machten – und dass sie die CROMOS mit ihrer unbegreiflichen Supertechnik quasi im Handstreich erledigen können, haben sie schlagend bewiesen.

Gegen massive Einwände – die Galaxisrebellen halten Okis Idee für selbstmörderisch – kann er diesen Einsatz tatsächlich durch­setzen. Einige seiner Gefährten bleiben allerdings aus begreifli­cher Furcht auf SIDEWALK … doch der Ritter vom Goldkristall, Ekkon, schließt sich ihnen an.

Mit dem ERKUNDER 1 dringen sie nun tatsächlich ein zweites Mal ins GRALSREICH ein … und werden quasi sofort überwältigt und von einem fremdartigen Hohlkörper aus lebendem Metall eingeschlossen, der sie immer tiefer ins GRALSREICH hinein­zieht, einen Bereich von unfasslicher Fremdartigkeit. Und das Kommandogehirn des ERKUNDERS schlägt vor, sie sollten sich möglichst schnell etwas einfallen lassen, denn in Bälde befän­den sie sich in jenem in Band 61 gesichteten Gebilde, aus dem sie sicherlich nicht mehr entkommen würden.

Oki Stanwer versucht daraufhin, paramentalen Kontakt mit den GRALSJÄGERN aufzunehmen …

In einer Parallelschiene dieser Episode wird zudem deutlich, wo­her die GRALSJÄGER tatsächlich stammen: Sie kommen als Zeit­reisende aus einem fernen Universum und haben den KONFLIKT 16 angesteuert, um ein Objekt zu bergen, das sie als GRAL be­zeichnen … was verheerende Kollateralschäden erzeugte. Von diesen Dingen haben Oki Stanwer und seine Gefährten nicht den blassesten Schimmer …

Episode 65: Imperiumsherz in Fesseln

(1995, digitalisiert 2023)

Fortsetzung der Oki Stanwer-Handlungsschiene:

Oki Stanwers Mentalkontakt mit den GRALSJÄGERN schlägt fehl – doch dafür bekommt er menschliche Lebenszeichen zu spüren und kann sich nach einer Weile in die optischen Sinne einer Per­son einklinken: Er landet geradewegs in einem furchtbaren Alp­traum!

Oki wird Zeuge, wie eine monströse Prozession von übel ver­stümmelten Menschen, die mit Cyborgteilen aufgerüstet worden sind, Leichenteile zu einer Gruppe von Artanern bringen, augen­scheinlich Shekarern, von denen er aus Marcs Erzählungen er­fahren hat. Und diese „bauen“ den Toten mit technischen Teilen zu einem neuen Cyborgsoldaten zusammen. Dabei geht ihnen jede Gnade, jedes Feingefühl und jedes ethische Bewusstsein ab. Und, noch schlimmer, sie denken offenbar nicht!

Als Oki Stanwer sich grauengeschüttelt wieder mental aus der Verbindung ausklinkt und Ekkon zur Rede stellt, wird deutlich, was hier wirklich passiert ist: Der Ritter vom Goldkristall hat schon seit Jahren versucht, Missionen ins GRALSREICH zu orga­nisieren. Dabei sind Dutzende von Menschen umgekommen … oder beinahe umgekommen, sie wurden von den Shekarern zu Cyborgkriegern umgebaut, nachdem sie schwerst verwundet waren. Augenscheinlich führen die Shekarer Krieg gegen die GRALSJÄGER, und sie sind nicht allzu erfolgreich.

Die Shekarer, erläutert Ekkon nun kleinlaut, sind eigentlich auch keine Artaner – es handelt sich bei ihnen vielmehr um so ge­nannte „Plus-Okis“. Ein Begriff, der bei Oki und Kleines Grauen auslöst. Die sich selbst so nennenden Plus-Okis sind eine uralte Gefahr, die schon in KONFLIKT 9 das okische Imperium an den Rand der Selbstzerstörung brachte, weil diese Roboter, bau­gleich mit den Okis und ebenfalls vom in dieser Hinsicht schizo­phrenen BURTSON produziert, die Oki-Roboter und Oki Stanwer mit mörderischem Todeshass verfolgen.

Damit werden noch mehr Dinge deutlich, und die Lage ver­schlimmert sich immer mehr: Das Objekt im GRALSREICH ist au­genscheinlich nichts Geringeres als der ZYNEEGHAR 11, dessen Zentralgehirn BURTSON ist. Der Okiplanet also. Und als die GRALSJÄGER vor vierzig Jahren den Planeten von allen Außen­verbindungen abkapselten, brach die Oki-Unterwanderung der SRU und der artanischen Nationen in sich zusammen. So wurde der Widerstand gegen GOLEMS Invasion im Vorfeld paralysiert.

Was haben die GRALSJÄGER nun vor? So verrückt es auch klin­gen mag – offensichtlich wollen sie den Okiplaneten entführen! Was Oki Stanwer und die anderen allerdings nicht wissen – die­ser jahrzehntelang vorbereitete Transit steht unmittelbar bevor und ist nur noch Stunden entfernt.

Was Oki und seine Freunde ebenfalls nicht wissen – die GRALS­JÄGER frohlocken derweil über die Immobilisierung des ERKUN­DERS, denn in ihm wissen sie drei weitere GRALE, die sie nun ebenfalls mit transferieren wollen: Oki Stanwer, Klivies Kleines und den allischen Helfer des Lichts Sketahr.

Und es gibt offenkundig absolut nichts, was das verhindern kann. Wieder einmal heißt es: Jetzt ist guter Rat echt teuer!

Fortsetzung folgt dann im kommenden Teil dieser Rubrik. Ihr merkt, es bleibt spannend …

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 448: Doppeltes Spiel

Posted März 19th, 2024 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

schon anno 2018, als ich den heute vorzustellenden Roman las, als auch heute bin ich der Auffassung, dass die Zwillings-The­matik für Autoren ein Bereich ist, in dem sich sehr interessante und vor allen Dingen vergnügliche Geschichten schreiben las­sen. Man hat das ja nicht zuletzt auch in Filmkomödien zur Ge­nüge, wo man freilich durch die schiere Genetik eingeschränkt wird. Wo gibt es schon genügend fotogene Zwillinge, die auch noch schauspielerisches Talent aufweisen?

In Romanen haben die Verfasser dagegen mehr Freiheiten. Und wenn eine Autorin sich mit männlichen Zwillingen beschäftigt, die zudem auch noch ein angespanntes Rivalitätsverhältnis zu­einander aufweisen, dann kann man sicher sein, dass es wirk­lich sehr, sehr amüsant und emotional turbulent wird.

In so einem Setting landen wir dieses Mal, und ich gestehe, auch sechs Jahre nach der Lektüre finde ich die Geschichte im­mer noch lesenswert.

Was genau ich damit meine? Lest einfach weiter:

Doppeltes Spiel

(OT: Twin Fantasies)

Von Opal Carew

rororo 25453

320 Seiten, TB (2010)

Aus dem Amerikanischen von Mink Weinmann

ISBN 978-3-499-25453-6

Die Kanadierin Jenna Kerry ist eigentlich sehr glücklich mit ihrem Dasein als selbständige Beraterin auf dem Feld für Soft­wareschulungen in Unternehmen. Mit ihrem Freund Ryan Leigh, der eine eigene Firma zu leiten hat, ist sie ein Jahr lang bereits zusammen, und sie planen nun in Bälde ihre Hochzeit. Alles sieht also rosig aus, und sie harmonieren wirklich gut miteinan­der. Es gibt nur einen Wermutstropfen, der jedoch immer schwerer wiegt, wenigstens in Jennas Seele – Ryan ist die Firma erkennbar wichtiger als sie selbst. Und wiewohl sie ihn liebt, macht es ihr doch immer mehr zu schaffen, dass er sie wochen­lang vernachlässigt, auf geschäftlichen Auslandsreisen unter­wegs ist … und es sieht nicht danach aus, als solle sich das bald ändern.

Als Ryan und sie zusammen zur Hochzeit einer guten Freundin von Jenna eingeladen werden und er erneut stattdessen arbei­ten muss, ist Jenna tieftraurig und unglücklich. Es sieht wohl so aus, dass es mit ihnen doch nichts wird. Sie ist also, einsam auf dem Fest weilend, halb und halb entschlossen, Ryan zu verlas­sen.

Und dann steht er auf einmal in der Tür, stellt sich als „Jake“ vor und tanzt mit ihr aufregend. Jenna erinnert sich daran, wie sie ihm jüngst von ihren aufreizenden erotischen Phantasien erzählt hat, unter anderem davon, ihr würde es gefallen, mal von ei­nem ganz Fremden verführt zu werden.

Eigentlich kam es ihr so vor, als würde ihm das nicht gefallen … Gott, doch man sehe sich an, was er jetzt tut!

Jenna ist hin und weg und wird regelrecht hemmungslos, als er sie kurzerhand vom Fest entführt und auf einem Hotelzimmer nach Strich und Faden zu köstlichen Höhepunkten der Lust bringt. Natürlich hat sie, um die Sache interessanter zu machen, sich ebenfalls einen Phantasienamen gegeben: Aurora. Wenn schon Sex mit Fremden, dann auch mit vollem Einsatz. Und da sie ja weiß, dass es sich in Wahrheit um ihren Verlobten handelt, braucht sie sich beim Sex auch nicht zu schützen, schließlich will sie ihn in zwei Monaten ja heiraten, nicht wahr? Am nächs­ten Morgen lässt sie gar keine Vertraulichkeiten aufkommen, weil das ihre Phantasie zerstören würde, sondern verlässt ihren Ryan mit einem koketten Lächeln, ohne ihm nähere Informatio­nen über sich zu geben.

Ach, was sie diesen Mann doch liebt! Wie konnte sie nur an ihm zweifeln?

Es gibt nur ein Problem bei der Sache – der Mann ist tatsächlich ein Fremder, nämlich Ryans Zwillingsbruder Jake Leigh, dessen Existenz Ryan ihr konsequent verschwiegen hat. Der Grund liegt darin, dass zwischen den Brüdern eine tief sitzende Rivalität schwelt. Jake hat ihm immer seine Freundinnen weggeschnappt, und beruflich erfolgreicher ist er überdies. Ryan sah also die reale Gefahr voraus, dass Jake ihm auch seine Verlobte würde ausspannen können.

Das Schicksal will es nun, dass Jake sich nach dieser einen stür­mischen Nacht mit der faszinierenden „Aurora“ total in sie ver­schossen ist und ihr nachzuspionieren beginnt. Doch als ihm die Detektivergebnisse vorliegen, wagt er es nicht, den Umschlag zu öffnen. Stattdessen möchte er das erst am Tag nach der Hochzeit seines Bruders tun, zu der er natürlich ebenfalls einge­laden ist.

Dumm gelaufen – denn Ryan ist während der Hochzeitsvorberei­tungen auf Auslandsreise in Paris, weswegen Jenna, inzwischen schwanger, das alles einigermaßen frustriert mal wieder allein schultern muss. Und im Hotel, wo die Hochzeitsfeier stattfinden soll, laufen sich dann Jenna und Jake jählings von neuem über die Füße.

Sie denkt erregt und fasziniert an eine Neuauflage des Rollen­spiels und vernascht ihn kurzerhand hemmungslos und mit un­fasslichem Genuss. Nur, um am Tag darauf den Schock ihres Le­bens zu erleiden, als sie dann in Gegenwart ihrer und seiner El­tern Jake küsst und Ryan in den Saal tritt.

Da ist das Ende ihrer Nerven erreicht, und es haut sie buchstäb­lich um, als ihr unmissverständlich klar wird, was für ein Desas­ter sich ereignet hat … aber das ist erst der Anfang der Proble­me. Denn abgesehen davon, dass Jake sie liebt und Ryan nun stocksauer auf sie und seinen Bruder ist, hadert Jenna mit ihrem Herzen. Sie liebt beide Männer und weiß nicht, wem von beidem sie den Vorzug geben soll – Ryan, den sie heiraten möchte, oder Jake, der der Vater des in ihr heranwachsenden Kindes ist …

Es ist immer wieder reizvoll, Dreiecksgeschichten zu lesen, in denen Zwillinge eine zentrale Rolle spielen. Das eröffnet süße Möglichkeiten von Verwirrspielen, und wenn es dann so ge­schieht, wie es hier der Fall ist, dann ist das Lesevergnügen ge­wissermaßen programmiert. In der Tat gibt es nur wenige plau­sible Möglichkeiten, ohne Zerwürfnisse und Hass aus dieser Lage herauszukommen. Das sieht man ja auch bei Lucy Sterns „Twin Love“-Zyklus, der strukturell sehr ähnlich angelegt ist.1 Opal Carew bringt das Thema indes sehr viel schneller und ge­radliniger zum Ziel – ohne Frage eingeschränkt von der schieren zur Verfügung stehenden Seitenzahl.

Ich gebe zu, die Wirrnisse habe ich lesend sehr genossen, und die arme Jenna tat mir von Herzen leid, insbesondere in der zweiten Hälfte des Buches, wo sich die beiden Kerle manchmal kindisch wie die Gockel anstellen, die einander die Henne nicht gönnen. Königlich etwa die Szene, als sie eingekeilt zwischen beiden Männern vor dem Fernseher sitzt und keiner von ihnen dreien zuerst schlafen gehen möchte, weil sie beide hoffen, dass Jenna einen dem anderen vorziehen möchte – als sie end­lich todmüde ist, zieht sie sich selbst frustriert zurück und be­kommt in der Nacht kaum ein Auge zu vor sexueller Frustration.

Eine wenig beneidenswerte Situation, soviel ist sicher. Und ich war von Anfang an der Auffassung, dass Ryan die zentrale Schuld an den Verhältnissen trug, zum einen wegen seiner Ver­nachlässigung seiner Verlobten, dann aber auch, weil er ihr Jakes Existenz aus Furcht verschwieg. So führte er quasi zwangsläufig die Krisensituation herbei. Das trägt natürlich nicht zur Normalisierung der Lage bei.

Wie sich Jenna aus dieser Situation befreit, ist dann allerdings sehr lesenswert – und vergnüglich ist die Geschichte obendrein. Fazit: Empfehlenswert.

© 2018 by Uwe Lammers

Tja, diese emotionale Zwickmühle aufzulösen, ist knifflig, und um das zu schaffen, werdet ihr wohl den Roman lesen müssen (schätzungsweise ist er nur noch antiquarisch erhältlich, aber das sollte in Zeiten der Internetbestellungen kaum ein Hinde­rungsgrund sein, sich ihn nicht zu besorgen. Lesevergnügen ist jedenfalls garantiert).

In der kommenden Woche stelle ich mal wieder einen recht an­gegrauten SF-Roman eines Altmeisters der Phantastik vor, der leider auch schon lange nicht mehr unter uns weilt … wobei an­zumerken ist, dass „SF“ für diese Geschichte vielleicht nicht der ganz treffende Begriff ist. Die britische New Wave brachte eini­ge eigenartige Geschichten hervor, und dies hier ist eine davon.

Neugierig, wovon ich spreche? Dann schaut nächste Woche wie­der herein!

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Die Romanrezensionen sind für den Rezensions-Blog in Vorbereitung.

Liebe Freunde des OSM,

wie ich vor sechs Wochen schon andeutete, hoffte ich für den Anfang des Jahres 2021, von dem ich heute berichten will, dar­auf, dass es sich besser entwickeln würde als die letzten beiden Quartale des Vorjahres. Dort hatten mich erst die drückende Hit­ze im Sommer und dann die langfristigen Isolationsfolgen der anhaltenden Corona-Pandemie im Verein mit beruflichen Aufga­ben zunehmend kreativ ermattet. Wenig Zeit, noch weniger Kontakt mit Freunden oder kulturellen Events … Home Office und vieles weitere trug zu einer fortwährenden Auslaugung bei, auch wenn ich dem Virus selbst bis heute (25. Juni 2023) entge­hen konnte.

Wenn wir uns dann die Fertigstellungszahlen der ersten drei Mo­nate des Jahres 2021 anschauen, könnte man meinen, ich sei auf wundersame Weise genesen und zu kreativer Höchstform aufgelaufen … habe ich doch in diesen Monaten 28, 28 und 32 Werke fertig gestellt!

Ah, ihr ahnt fraglos schon den Pferdefuß. Ich habe ihn ja im ver­gangenen Beitrag gegen Schluss schon erwähnt: Dort begann ich mit dem Digitalisat einer weiteren alten Non-OSM-Serie, nämlich „Erotische Abenteuer“, wo ich aus dem Stand bis Band 8 kam. Das ging hier natürlich ungebremst weiter. Bis Ende März erreichte ich hier den Band 29 der Serie.

Außerdem entstanden im genannten Dreimonats-Zeitraum nicht weniger als 21 Blogartikel. Damit sind von den obigen 88 Wer­ken schon nicht weniger als 42 angesprochen, also rund die Hälfte, die man vom Gesamtvolumen dividieren muss.

Ebenfalls sind 7 Rezensionen zu berücksichtigen und nicht weni­ger als 9 Horrorwelt-Episoden. Macht weitere 16 Ausschlusskri­terien. Damit bleiben für die drei Monate gerade mal noch 30 Werke übrig, die zu berücksichtigen wären (worin aber Fanzine-Endredaktionen und Digitalisate von Non-OSM-Werken auch noch enthalten sind). Damit löst sich der zauberische Schreib-Flow ein wenig in Luft auf und erhält doch wieder etwas Boden­haftung.

Doch was bedeutet das jetzt im Detail für die Monate Januar, Fe­bruar und März 2021?

Im Januar 2021 reiste ich auf schöne Weise zurück in den KON­FLIKT 7 „Oki Stanwer – Held der Hohlwelt“ (HdH). Irgendwie fol­gerichtig arbeitete ich dann auch an der ebenfalls in diesem KONFLIKT spielenden Annalen-Geschichte „Bewusstwerdung“ weiter … ärgerlicherweise erlosch der Bilderstrom zu rasch.

Dann vertiefte ich mich in das Digitalisat von KONFLIKT 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC) und schwenkte dann, für mich selbst etwas überraschend, in die Novelle „Rilaans Ge­schichte“ um, die bekanntlich im KONFLIKT 4 spielt, also 40 Milliarden Handlungsjahre früher in der Serie „Oki Stanwer – Der Insel-Regent“ (IR).

Mir vorzuhalten, ich sei sprunghaft, ist zweifellos berechtigt. Aber so „tickt“ meine Kreativität eben nun einmal. Ich habe längst aufgegeben, dagegen anzukämpfen, das funktioniert so­wieso nicht.

Wohin ging die Reise dann? Nun, ich verweilte noch in diesem KONFLIKT und feilte etwas an der IR-Episode 26 „Odyssee in Uuridan“ weiter. Und dann war der Monat um.

Der Monat Februar schwemmte mich mehrheitlich in die Serie Horrorwelt, dann steppte ich kurz in die HdH-Serie, kam aber nicht recht vom Fleck … und den Rest des Monats oszillierte ich zwischen den Digitalisaten von KONFLIKT 12, KONFLIKT 13 und Horrorwelt. Sonst keine berichtenswerten Besonderheiten.

Im März versuchte ich, durch ein paar Besuche im Archipel die Lethargie – was das Schreiben neuer Werke anging – ein wenig zu kanalisieren, aber obwohl ich ein wenig an der Story „Auf und nieder“ und dem Roman „Rhondas Aufstieg“ minimal vorankam, war dieser Denkansatz zum Scheitern verurteilt. Also kehrte ich in die bisherigen Pfade zurück.

Das hieß: KONFLIKT 12, Erotische Abenteuer, Horrorwelt.

Nach dem 17. März folgte der zweite Ausbruchsversuch. Wieder Archipel, aber auch die Novelle „Die Rollenspielerin“ wollte nicht recht wachsen. Dasselbe galt wenig später für die Erotic Empire-Story „Schnelle Zähmung“. In der Folge entstand dann sogar ein Gedicht mit dem prägnanten Titel „Corona-Blues“ und ein Fanzine, dem ich den Titel „CORONA-Infosplitter“ gab … ein klares Indiz dafür, was mich zu dieser Zeit tatsächlich arg beschäftigte.

Während alle Welt schon nichts mehr von der Corona-Pandemie hören wollte und einem Heilmittel entgegenfieberte, von dem sich viele Arglose eine „Rückkehr zur Normalität vor Corona“ er­sehnten (wie wir heute wissen und mir damals schon klar war, handelte es sich dabei um eine überoptimistische Chimäre, da diese „Zeit der Normalität vor Corona“ nun mal nicht zurückkehren wird), hatte ich zunehmend das Gefühl, in einer Art von Parallelwelt zu leben. Ohne übertreiben zu wollen … angesichts der völlig überzogenen Wunscherwartungen meines sozialen Umfeldes fühlte ich mich als pragmatischer Realist ziemlich isoliert.

Heutzutage wissen wir, dass mein Realismus und meine Skepsis durchaus sehr angebracht waren, aber damals wollte das kaum jemand ernstlich hören.

Die Konsequenz für meinen kreativen Schaffensprozess sah so aus, dass ich zwar schrieb, ja, aber es handelte sich mehrheit­lich nicht um innovativ-neue Geschichten, sondern eben, wie er­wähnt, um Digitalisate alter Werke. Oder um das moderate Wei-erbearbeiten bestehender Fragmente.

Zu denen addierte ich gegen Ende März 2021 auch noch die Ar­chipel-Story „Freundschaftsbande“ und die Erotic Empire-Ge­schichte „Unter falscher Flagge“. Und ich erreichte mit Hor­rorwelt-Band 160 „FEENDÄMMERUNG“ einen Punkt der Ge­schichte, der ein Ende der Serie absehbar machte. Bekanntlich hatte ich 1998 mit Band 172 die Serie für Jahrzehnte pausieren lassen.

Und das Verrückte daran war nun: Jetzt, wo ich mich wieder um die Feenkönigin Firona und ihre Feen-Freundin Berielle kümmern konnte – Band 160 handelte genau von ihnen – , da spürte ich zunehmend eine Art Zwicken meines kreativen Verstandes, das ich noch nicht so recht glauben wollte.

Wie jetzt?“, murmelte ich im Selbstgespräch. „Du willst echt HORRORWELT fortsetzen? Bist du jetzt total bescheuert? Nach der langen Zeit? Das ist schon irgendwie crazy, oder? Die Ge­schichte ist doch vollkommen festgefahren …“

Ja, war sie schon, natürlich. Und ich war damals halb abgedrif­tet, halb geflüchtet in den Archipel, der nun wirklich nichts von Untotenlegionen und Weltuntergangsvisionen wusste. Aber es ließ sich nicht leugnen, dass in mir zunehmend Bilder aufstie­gen, die eindeutig mit einer Fortschreibung der Serie Horrorwelt zu tun hatten … und so kam es dann auch im kommenden Mo­nat April.

Davon und von anderen Dingen erzähle ich im nächsten Teil die­ser Artikelserie, in der ich das zweite Quartal des Jahres 2021 behandle.

Nächste Woche reisen wir in den dramatischen KONFLIKT 16 und in das Chaos der verwüsteten Galaxis Milchstraße nach GO­LEMS Invasion zurück.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 447: Projekt Chimera (Sigma Force 10)

Posted März 13th, 2024 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wenn man als Romanautor, der sich ein serielles Sujet – im Falle von James Rollins die sinistre „Gilde“ – gesucht und dieses bis zum Zentrum abgearbeitet hat, tritt üblicherweise ein Phäno­men auf, das allgemein vertraut ist: Man steht als Autor unter einem gewissen Erfolgsdruck, ein Thema im nächsten Buch zu bringen, das mindestens diesen erreichten Standard hält, denn daran wird man nun mal von Verleger- wie Leserseite gemes­sen.

Traditionell gelingt das eher nicht, und so fällt denn auch dieser 10. Sigma Force-Roman ein wenig inhaltlich gegen die bisheri­gen neun vorherigen Bände ab. Dass ich hier mit der Berichter­stattung der Serie – von denen nach meiner Kenntnis inzwi­schen 16 Bände vorliegen – erst mal pausieren möchte, hat aber weniger mit Lesemüdigkeit zu tun als vielmehr damit, dass mir die Folgebände noch nicht alle vorliegen und hier der aktu­elle Lesehorizont erreicht ist. Beizeiten werde ich auch auf die kommenden Romane zu sprechen kommen.

Vor uns liegt ein durchweg wieder spannend komponierter Ro­man, der Historie und Gegenwart, technisch-biochemische Zu­kunft, Thriller, Wissenschaft und damit durchaus reale histori­sche und wissenschaftliche Details mit fiktionalen Elementen und extremen Hochrechnungen verknüpft.

Wir bewegen uns von amerikanischen Schutzgebieten bis in die Tiefen der Antarktis, medizinische Notfälle, Seuchen und Terror­anschläge werden zu einer packenden Melange fusioniert, die dann indes ein paar Schwächen aufweist, was die letztendliche Umsetzung angeht. Das hat mir ein kleines bisschen das Lese­vergnügen geschmälert … aber ihr kennt das ja von mir: Viel­leicht bin ich da zu kritisch. Wer den Roman einfach unter dem Aspekt des spannenden Abenteuerromans liest und gewisse Plausibilitäten gering schätzt, wird hier hervorragend unterhal­ten.

Schauen wir uns die Geschichte mal genauer an:

Projekt Chimera

(OT: The 6th Extinction)

Von James Rollins

Blanvalet 0511

576 Seiten, TB, 2018

Übersetzt von Norbert Stöbe

ISBN 978-3-7341-0511-1

Moderne Genetik fasziniert viele Menschen aus sehr begreifli­chen und nahe liegenden Gründen – ob es sich um Gentechnik oder Gentherapie handelt, um Manipulation von Pflanzen zur Wachstumssteigerung, der Behandlung von Tieren und Men­schen mit dem letztendlichen Ziel, Krankheiten an der Basis ihres Entstehens zu fassen zu bekommen und final zu besiegen … moderne Genetik spielt in der Gegenwart eigentlich in nahe­zu alle Lebensfelder mit hinein. Das gilt dann ebenfalls für ihre dunkle Seite: Bioterrorismus und die Gefahr von verheerenden Seuchen, die von Menschen maßgeschneidert werden könnten aufgrund der modernen technischen Möglichkeiten. Die es ge­wissermaßen möglich machen, dass biochemische Massenver­nichtungswaffen in Garagen und Hinterhoflaboren zusammen­gebraut werden und verheerende Auswirkungen erlangen.

Zum zweiten thematisiert der vorliegende Roman, wie der Titel schon aussagt, das Thema von globalen Umweltkatastrophen und Artensterben. Die Auslöschung der Dinosaurier vor rund 65 Millionen Jahren wird als 5. Auslöschungsereignis bezeichnet, und das gegenwärtige globale Massensterben, das ganz we­sentlich – wenn nicht sogar ausschließlich, aber das ist umstrit­ten – auf den Menschen und seine wuchernde Ausbreitung auf dem Globus zurückzuführen ist, das dem auf schreckliche Weise nicht nachsteht, wird als das 6. Auslöschungsereignis bezeich­net. Wogegen – mit vollkommenem Recht – zahllose Umwelt­schützer weltweit angehen.

James Rollins´ neuer Roman verbindet diese beiden Gedanken­gänge zu einer dramatischen Thrillerhandlung, und dies kommt dabei heraus:

Der Prolog bringt uns rätselhafterweise nach Feuerland und ins Jahr 1832 an Bord der HMS Beagle: Charles Darwin gibt seiner Forscherneugierde leichtsinnig nach und macht zusammen mit der Schiffsbesatzung eine erschreckende Entdeckung, die sie alle aber tunlichst niemals mehr weiter verfolgen wollen. Dar­win hebt allerdings eine Karte in seinen Unterlagen auf, die spä­ter in seinem Nachlass wieder zutage tritt.

In der Gegenwart wird umgeblendet nach Kalifornien zum Mono Lake, einem natürlichen See ohne Abfluss, in dem sich besonde­re Mikrolebensformen entwickelt haben, deren Stoffwechsel auf Eisen und Arsen basiert. Hier in einem Naturschutzgebiet arbei­tet die Rangerin Jenna Beck mitsamt ihrem Hund Nikko, und al­les scheint in bester Ordnung zu sein – bis sie einen alarmieren­den Anruf bekommt und von einem Notruf erfährt, der von einer militärischen Geheimeinrichtung in den nahen Bergen gekom­men ist. Am Ende des Notrufes hieß es auf erschreckende Wei­se: „Tötet uns … tötet uns alle …!“

Jenna solle dort einmal schnell nach dem Rechten sehen, wird ihr befohlen. Das tut sie – und kommt beinahe ums Leben.

Denn die Einrichtung, deren Eingangstor offen steht, wird gera­dewegs vor ihren Augen gesprengt … und dann breitet sich auf erschreckende Weise eine mörderische Giftgaswolke aus, vor der sie verzweifelt in eine auf einem Hügel liegende Geister­stadt flüchten kann. Sie wird allerdings verfolgt von einem Hub­schrauber, der von der Einrichtung direkt nach der Explosion aufgestiegen ist, und dessen Insassen setzen nun alles daran, die Rangerin als Zeugin zu töten.

Ebenfalls in Kalifornien ist Direktor Painter Crowe von der Sigma Force kurz davor, seine Verlobte Lisa Cummings zu heiraten, als er von dem Zwischenfall erfährt. Notgedrungen muss er die Fei­erlichkeit verschieben und sich um diese Angelegenheit küm­mern. Doch während er noch versucht, Licht ins Dunkel zu brin­gen, woran in dieser Einrichtung genau geforscht wurde und was für einen Grund es haben kann, dass Dr. Kendall Hess´ Ein­richtung zerstört wurde, wird die Sigma Force-Zentrale in Wa­shington, D.C., angegriffen – von einem hochprofessionellen Söldnertrupp, der ganz offenkundig mit dem Zwischenfall in Ka­lifornien in Verbindung steht und alle Möglichkeiten ausschalten soll, dass man diesen durchleuchten kann.

Es gelingt dem Agenten Grayson Pierce glücklicherweise, den Anschlag teilweise zurückzuschlagen und die Angreifer zu dezi­mieren, die später als Söldner identifiziert werden können, die früher zu einer britischen Antiterroreinheit gehörten. Irgendwer hat sie offensichtlich angeheuert, um Verbrechen zu vertuschen – beispielsweise auch die Entführung von Dr. Hess in Kalifornien.

Was immer passiert ist, es ist noch nicht vorbei!

Während Jenna Beck um Haaresbreite gerettet werden kann, stellt sich heraus, dass in Kalifornien keine Entwarnung gegeben werden kann: Dr. Hess hat offenkundig an einem künstlich opti­mierten Mikroorganismus gearbeitet, der dem Labor entkom­men ist (warum klingt das nur in Corona-Zeiten so vertraut? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt … der Roman wurde 2014 ge­schrieben, also lange vor der gegenwärtigen Pandemie). Die Giftgaswolke, die zahllose Quadratkilometer Leben um die zer­störte Station abtötet, sollte den Mikroorganismus eindämmen und vernichten.

Die Mitglieder der Sigma Force müssen beklommen entdecken, dass das nicht funktioniert hat. Die Todeszone, die bis zu einem halben Meter Erdreich alles sterilisiert und in Rekordgeschwin­digkeit vernichtet, breitet sich immer weiter aus. Nicht einmal Feuer scheint in der Lage, das monströse Mikroleben zu vernich­ten. Und es drohen Gewitter mit Starkregen und heftigen Win­den, die den rätselhaften Erreger immer weiter verbreiten. Da nicht zuletzt auch der Rangerhund Nikko und Lisa Cummings´ Bruder Josh von dem feindlichen Mikroerreger betroffen sind und um ihr Leben kämpfen, tickt die Zeit erbarmungslos. Außer­dem ist ein hartleibiger Militär der Ansicht, er könne der Gefahr mit dem Einsatz einer Nuklearbombe beikommen. Das gilt es natürlich auch zu verhindern.

Grayson Pierce folgt alsbald einer Fährte, die ihn buchstäblich ans andere Ende der Welt führt – in die Antarktis, wo ein For­scher, der mit Hess zusammenarbeitete, weilt und hier unter dem Eis eine unglaubliche Entdeckung gemacht hat, die unmit­telbar zur gegenwärtigen Bedrohungslage führte. Doch Profes­sor Alex Harrington, der erwähnte Forscher, hat ganz offensicht­lich mächtige Feinde, die ihm sehr dicht auf den Fersen sind. Ehe Pierce mit seinem Kollegen Kowalski, der ihn begleitet, recht versteht, was los ist, muss er sich mit denselben briti­schen Elite-Söldnern herumschlagen, denen er auch bereits in Washington begegnet ist und die gnadenlos über Leichen ge­hen.

Als er schließlich endlich Professor Harrington begegnet, findet er sich in einer phantastischen, monströsen Unterwelt wieder, die von so genanntem „Schattenleben“ nur so wimmelt und die seit Millionen von Jahren von der Umwelt abgeschlossen war. Hier entbrennt alsbald ein erbarmungsloser Kampf auf Leben und Tod – zwischen Pierce, Harrington und den anderen Einge­schlossenen, den Männern von der X-Schwadron andererseits, und dann ist da auch noch das unheimliche, tödliche Schatten­leben ringsherum. Zeitweise kommt man sich tatsächlich vor wie in einer schattenhaften Form von Jurassic Park, und das ist sicherlich kein Zufall.

Die Fährte des entführten Wissenschaftlers führt derweil nach Südamerika, wo Dr. Hess endlich den Drahtzieher hinter dem ganzen Chaos zu sehen bekommt – und von der „dunklen Gene­sis“ erfährt, die das Ende der Menschheit einläuten soll, wie wir es kennen. Und er wird erpresst, zu kooperieren. Entweder er­fährt er, wie die sich wild ausbreitende mikrobielle Verwüstung in Kalifornien zu stoppen ist oder die Welt, wie er sie kennt, hört auf zu existieren. Dummerweise soll sie auch dann enden, wenn er kooperiert, dann aber auf viel schrecklichere Weise.

Da ist jetzt guter Rat teuer, und Direktor Painter Crowe, der als einziger noch handlungsfähig wäre, kommt beinahe zu spät für alles …

Zugegeben, der Roman liest sich – in meinem Fall – locker in zwei Tagen, und es ist auch nicht zu bezweifeln, dass er außer­ordentlich spannend und hochdramatisch ist. Vieles, was James Rollins speziell zum biologischen Hintergrund der Geschichte am Ende aufdröselt, ist dann tatsächlich geeignet, den Leser grausen zu lassen. Denn zahlreiche Fakten, die er in seinem Ro­man ins Extrem fortspinnt, sind alles andere als freie Fiktion.

Ja, es gibt gentechnisch veränderte Organismen. Es existiert so­gar die nicht auf DNS oder RNS, sondern auf exotischer XNS ba­sierende Form von Leben. Die Fortschritte der Biotechnologie und die leichte Verfügbarkeit von Maschinen zur Manipulation des genetischen Codes sind leider durchaus Realität. Ähnliches gilt auch für zahlreiche der historischen Fakten, die er in die Ge­schichte einwebt. Die Polarexpedition von Robert Byrd hat es tatsächlich gegeben. Die Existenz versteinerter Vegetation am Pol ist verifiziert. Die abgebildeten Karten im Roman sind auch keine Fiktion, desselben die Fraktionierung von Umweltschutz­gruppen, von denen die meisten höchst ehrenwerte Ziele verfol­gen … manche aber auch zu den Extremisten zählen.

Herausgekommen ist also ein definitiv packender, mahnender Roman über die Gefahren menschlicher Hybris und über fehlge­leiteten Idealismus, der buchstäblich über Leichen geht. Was ich an manchen Stellen allerdings vermisste, waren ein paar logi­sche Hintergründe. Wie kommt der Drahtzieher etwa an das vie­le Geld, das er unübersehbar für seine Ziele einsetzt? Wie moti­viert er seine „Selbstmordtruppen“, die sich lieber selbst um­bringen statt in Gefangenschaft zu geraten? Und fügt er seine Familie nur in die Geschichte ein, um einen eher dürftigen Be­zug zum „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling zu bringen? An diesen Stellen, fand ich, wurde die Geschichte dann doch ein wenig schludrig (vielleicht auch nur nachlässig übersetzt, das ist schwer zu entscheiden). Ebenfalls ist es definitiv von Nach­teil, dass das gesamte Handlungsgeschehen in nicht weniger als 3 Tage gepresst wird. Der daraus entstehende Druck ist doch so enorm, dass er mitunter die Plausibilität vermissen lässt. Ich hätte mir hier gelegentlich ein etwas entspannteres Erzählen gewünscht.

Man merkt jedenfalls durchaus, dass Rollins nach dem finalen Ausschalten der „Gilde“ im 8. Sigma Force-Roman noch nicht recht zu einer neuen Erzählstruktur gefunden hat. Das ist ein bisschen so wie bei James Bond, nachdem im Anschluss an „Diamantenfieber“ (lange) nicht mehr von SPECTRE zu spre­chen war.

Doch dessen ungeachtet ist Rollins mit dieser Geschichte immer noch ein interessanter, spannender und nachdenklich stimmen­der Roman gelungen, der sogar gewisser phantastischer Ele­mente nicht entbehrt, selbst wenn man die Vorbilder z. T. recht klar erkennen kann und sie mitunter selbst benannt werden („Die vergessene Welt“ von Arthur Conan Doyle etwa oder das „Dschungelbuch“). Also gebe ich mit den obigen Einschränkun­gen definitiv eine Leseempfehlung.

© 2022 by Uwe Lammers

Wie gesagt, für den Moment lasse ich es bei der Sigma Force bei den ersten zehn Bänden bewenden. Alsbald, denke ich, wer­de ich die Serie weiterlesen, und dann entstehen unzweifelhaft weitere Rezensionen, das kann ich schon sicher versprechen.

Stattdessen werde ich mich nächstens mal wieder einem alten Bekannten zuwenden, von dem auch zahlreiche rezensierte Ro­mane noch vorliegen, die ich hier noch nicht thematisieren konnte. Die Rede ist von Clive Cussler und seinen Epigonen. Wenn ich es recht gezählt habe, liegen mir hier noch dreizehn ungelesene Werke vor … also, da erwartet euch alsbald noch ei­niges mehr.

In der kommenden Woche kühlen wir uns aber erst mal mit ei­nem erotischen Einzelroman wieder herunter, den ich vor Jahren las. Schaut einfach mal, ob euch diese Lektüre ebenso zusagt wie der obige rasante Thriller.

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

heute machen wir mal eine wirklich ordentliche Zeitreise in mehreren Etappen. Fangen wir die Geschichte mal langsam an. Ich bleibe mal in der Realzeit.

Wir schreiben den August des Jahres 1984, als in meinem Ver­stand eine neue OSM-Serie aufblüht und bald sehr kuriose Blü­ten zu treiben beginnt. Die Rede ist von KONFLIKT 18 „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (KGTDUS). Sie ist – wie schon die strukturelle Vorgängerserie KONFLIKT 13 „Oki Stan­wer Horror“ (OSH) eine Serie, die auf einem vertrauten planeta­ren Schauplatz ausgetragen wird, nämlich auf der Erde des Jah­res 2034. Wie in der OSH-Serie hat sich die Menschheit mehr­heitlich vom Weltraum abgewandt, um die irdischen Probleme verstärkt anzugehen. Die sozialistischen Staaten haben das 20. Jahrhundert überlebt und existieren weiter, die Polarisierung der Welt hat zugenommen.

Soweit klingt das alles vertraut. Dann wird es seltsam, und zwar sehr schnell: Oki Stanwer, der designierte Vorkämpfer für die Sieben Lichtmächte, lebt ahnungslos in London und erhält im Sommer 2034 ein rätselhaftes Päckchen aus Alaska. Und direkt darauf wird er Ziel einer dämonischen Attacke von bizarren Eis­wesen.

Als er in die Enge getrieben wird, kommt ihm überraschend ein junger, dynamischer Mann mit einem eigentümlichen Stab zu Hilfe, der diese dämonischen Wesen, so genannte „Eismörder“ des Dämons Maaraan, kurzerhand zerschmilzt.

Auftritt Gerd Kartland.

Das magische Artefakt, das er zum Einsatz bringt, ist ein mehre­re tausend Jahre altes Gebilde, das man den „Babylonischen Stab“ nennt und der sich im Laufe der Serie als atemberaubend machtvolles magisches Instrument erweist, dessen Kern direkt vom Dämonenplaneten TOTAM stammt.

Als die Serie im Frühjahr 1989 abgeschlossen wird, bleibt in mir der Gedanke des Babylonischen Stabes weiterhin haften. Ich wusste aus der Serienhandlung, wann und von wem er erschaf­fen wurde … aber wie um alles in der Welt war er in Gerd Kart­lands Hände geraten?

No Idea.

Dennoch dauerte es bis August des Jahres 2012, bis in meinem Verstand – während der Digitalisierung des KONFLIKTS 18 – Bil­der entstanden, die mir Indizien aufzeigten, wie dieser Stab in Kartlands Hände gefallen war … und ich muss zugeben, die Bil­der gefielen mir wirklich gar nicht.

Gleichwohl waren sie unaufhaltsam.

Also begann ich im August 2012 damit, diese Geschichte zu ent­wickeln. Und sie führte weit zurück. Genau genommen beginnt sie im antiken Babylon im 16. Jahrhundert vor Christus … als der unheimliche Dämonenschmied von Babylon den Babyloni­schen Stab schmiedet.

Dann verschwindet er für Jahrtausende im Dämmer der Ge­schichte und wird in einem Grab nahe Babylon verborgen. Im Jahre 2022 sind hier zwei Grabräuber zugange, die just jene Gruft ausfindig machen und sie öffnen, um Schätze auszugra­ben und später auf dem Antikenschwarzmarkt zu verhökern.

Dabei treffen der junge Razul und sein älterer, erfahrener Onkel Ali, auf das Schicksal selbst, könnte man sagen. Und für sie en­det die Geschichte folgendermaßen:

Razul meinte, irgendein Wispern gehört zu haben, und verwirrt schüttelte er den Kopf. Es klang auch zu absurd. Hier war niemand außer ihnen, und Geister gab es nicht. Vielleicht war er mit dem Fuß an irgendetwas geraten und hatte selbst ein Geräusch erzeugt, das wie ein Wispern klang.

Dennoch … irgendetwas zog ihn geradezu magisch zur linken Seite.

Er hockte sich hin und schob Krüge beiseite, die direkt an der Wand der Grabkammer standen. Seltsam eigentlich, denn dort gab es doch überhaupt nichts … nichts … Interessantes …

Sein Onkel merkte nichts von alledem, er war noch mit dem Ernten des Goldschmucks beschäftigt und hatte gerade den knöchernen Hals der toten Edeldame um ein etwas verstaubtes, aber immer noch funkelndes Amulett aus Gold, Türkis und Amethyst erleichtert, das ihm nun zwischen den Fingern zerfiel. Die Schnüre, die die einzelnen Teile zusammengehalten hatten, waren natürlich porös geworden und zerbröselten unter seinem Zugriff.

Er fluchte halblaut und rückte die Lampe zurecht, um zwischen den Knochen der Toten nun die Einzelteile des Amuletts wieder zu finden. So ein verdammter Mist aber auch …

Razul bekam davon nichts mit.

Seine Finger machten sich einfach selbständig, als würden sie ferngelenkt.

Hinter den Krügen gab es eine Fuge der Wandverkleidung der Grabkammer, die seltsam aussah und die man leicht übersehen konnte. Der junge Beduine zückte sein Messer und schob es in die Fuge, hebelte mit einer ungewöhnlich konzentrierten, kräftigen Bewegung einen der Steine aus der Wand und tastete dann mit der Hand vorsichtig in den dunklen Spalt hinein. Jeder andere Gedanke entschwand aus seinem Verstand.

Seine Finger glitten über etwas Kantiges.

Offensichtlich gab es hier eine Art geheimes Fach, in dem sich ein Kasten oder dergleichen befand. Und von einem Moment zum nächsten ging Razul aller Bedenken und jedweder Furcht verlustig. Er packte, das Messer weglegend, den nächsten Stein an und zerrte ihn keuchend aus seiner Fassung.

Dann versuchte er, mit schon schweißbedecktem Gesicht, den Kasten, den er nun deutlich ertasten konnte – mehr als armlang – , herauszuholen. Aber er erwies sich als zu hoch. Er polterte nur dumpf gegen die Umfassung seines Verstecks. Der Kasten war ganz klar noch vollkommen massiv, kein bisschen brüchig. Der junge Beduine begriff, dass er erst noch die unteren beiden Steine lösen musste, um die Öffnung groß genug zu machen. Der Kasten musste zur Gänze herausgeholt werden.

Stumm und verbissen nahm Razul sein Messer wieder auf und kratzte den trockenen, porösen Mörtel aus den Fugen der umliegenden Wandsteine. Schließlich trat er dann gegen die Steine und lockerte sie damit endgültig. Gleich … gleich würde die Öffnung groß genug sein, um den Kasten hervorzuziehen …

„Was machst du denn da?“, fragte sein Onkel, nun registrierend, dass hier etwas geschah, was ungewöhnlich war.

Razul antwortete nicht. Er warf den dritten Stein beiseite, dann den vierten, und er achtete nicht darauf, dass er dabei ein Salbengefäß zertrümmerte. Er hatte nur noch Blicke für den Kasten, den er in der dunklen Nische mehr ertasten denn sehen konnte.

Er war in der Tat gut armlang und besaß einen leicht gewölbten Deckel. Er bestand scheinbar aus stabilem Eibenholz, fast schwarz angelaufen vor Alter, die Beschläge schienen aus Kupfer zu sein und waren völlig grün korrodiert. Der Kasten wog sicherlich zehn Kilogramm, eher deutlich mehr, aber Razul spürte das Gewicht nicht. Es war ihm auch vollkommen gleichgültig. Er zerrte ihn aus seinem Versteck, in dem er seit ewigen Zeiten geruht hatte.

„Ha, das ist wohl der Hauptgewinn“, schätzte sein Onkel Ali, der sich nun triumphierend neben ihn hockte. Das sah doch wirklich nach einem tollen Fund aus! Extra versteckte Schätze in Grabkammern waren stets besonders wertvoll. „Gut gemacht, Razul. Nun lass mich doch mal schauen, was da drin …“

Der rüde Ellenbogenstoß seines Neffen kam so schnell und unerwartet, dass Ali überrumpelt zurückgeworfen wurde und über einen der Ziegel stolperte. Nur mit Mühe konnte der alte Beduine und Grabräuber verhindern, dass er beim Sturz mit dem Kopf gegen eine der steinernen Bettlager prallte und sich schwer verletzte. Aber auch so brauchte er Sekunden, bis er sich wieder aufrappeln konnte.

„Was fällt dir ein, du dummer Bengel?“, fluchte er zornig. Das war ja wohl eine verdammte Unverschämtheit! „Bist du eigentlich verrückt geworden? Ich bin dein Onkel! Ich habe diese verfluchte Grabkammer gefunden … was bildest du dir eigentlich …?“

Er sprach nicht zu Ende.

Razul hatte den Kasten geöffnet und hob nun das, was darin lag, ins Licht der Lampe.

Ali verschlug es die Sprache.

Der junge Beduine hielt einen unterarmlangen Stab ins Licht. Der Stab selbst bestand wohl aus Bronze, war aber in keiner Weise oxidiert, sondern glühte in einem mattgoldenen Schimmer. Gekrönt wurde der Stab von einer offensichtlich fest daran verankerten Kugel, die aus reinem Gold zu bestehen schien. Und nun, im Licht der Lampe, sah es beinahe so aus, als sprühe diese Kugel goldene und rötliche Funken. In dieser Beleuchtung war deutlich zu sehen, dass die Kugel graviert war und feine Ziselierungen besaß.

Sie sah unglaublich kostbar aus.

Der gesamte Stab war ein phantastischer, einmaliger Kunstgegenstand und übertraf an Schönheit alles, was Ali jemals aus Gräbern geraubt hatte – auf dem schwarzen Antiquitätenmarkt bekam er für dieses Ding ein Vermögen!

„Razul! Das ist phantastisch …“, sagte er heiser. Sein Zorn von eben hatte sich verflüchtigt. „Hast du eine Vorstellung davon, was wir für so ein Stück verlangen können? Das bringt uns ein Vermögen ein …“

Sein Neffe drehte sich zu ihm um, den Stab in der Hand. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos, jedenfalls für einen Augenblick, geradezu Furcht einflößend emotionslos. Razuls Augen waren schwarz wie die Nacht.

Dann verzog sich sein Mund zu einem Lächeln, einem für diesen jungen Mann völlig unbegreiflichen, unüblichen Lächeln, das geradezu grausam und triumphierend wirkte. Razuls Augen schienen noch finsterer als bisher zu sein. Düster wie der Tod selbst, und ebenso gnadenlos.

Ali merkte jäh, wie sich eisige Furcht seiner bemächtigte.

„Razul … was ist los? Was soll das?“

Der junge Beduine stand ruhig und schweigend auf, soweit die Höhe der Grabkammer das zuließ, immer noch grausam grinsend. Er hob den schweren bronzenen Stab mit einer klaren, mörderischen Absicht.

„Nein!“, schrie Ali ungläubig auf. Er hob voller Entsetzen abwehrend seine Arme. „Nein, Razul, nein …!“

Es war nutzlos.

Razul schlug gnadenlos zu, zehnmal, zwanzigmal, und kein Schrei, kein Wimmern, keine abwehrende Bewegung konnte ihn aufhalten. Er hörte erst auf, als die Wände der Grabkammer mit Blutflecken gesprenkelt waren und sein Onkel leblos zwischen den verwitterten Gerippen dalag. Er wischte den blutigen Schatz an dem Burnus seines Opfers sauber, ohne jedes Gefühl. Seine Miene war wie Stein, völlig unmenschlich.

Dann nahm der junge Mann den Beutel mit den Schmuckstücken und die Lampe, und er verließ die Grabkammer ohne jedes Gefühl der Reue oder des Bedauerns. Auf dem Gang hielt er noch einmal kurz inne und drehte sich um. Nach einem Moment, in dem ihn seltsame Gedanken zu erfüllen schienen, tippte der junge Beduine mit dem fremdartigen Stab gegen die eigentlich sehr solide Lehmziegelmauer.

Die Berührung reichte – die gesamte Grabkammer stürzte donnernd wie ein Kartenhaus in sich zusammen und zermalmte den Leichnam seines Onkels.

Razul aber stieg seelenruhig und ohne noch einen Gedanken an den eben ermordeten Verwandten zu verschwenden, hinaus aus der Grabanlage. Als er ans Licht des dämmernden Morgens kletterte, streichelte er den fremdartigen, uralten Stab wie eine sanftmütige Geliebte. Und der Stab, getroffen vom Licht der verblassenden Sterne, sang lautlos in seinem Geist von vergangener Größe und erzählte uralte Geschichten, als sei er ein lebendiges Wesen.

Zugleich ging Razul ein Gedanke durch den Kopf, der nicht der seine war: ‚Nun ist es an der Zeit. Jetzt beginnt alles.’

Dass er nur ein Werkzeug war, ahnte der junge Razul nicht …

Damit betritt der Babylonische Stab die Bildfläche. Und er bringt ausschließlich Unheil, wie sich rasch herausstellt. Denn wer auch immer ihn benutzt, dem folgt eine Schleppe von Mord, Tot­schlag, Verrat und Zerstörung.

Im unruhigen, von Bürgerkriegen zerrissenen Irak – der Nahe Osten ist im Zuge der Dekolonisierungsbewegungen schon sehr viel früher als in unserer Welt politisch instabil geworden, was auch beispielsweise Ägypten betrifft – verschwindet der Stab er­neut.

Im April des Jahres 2034 versucht der junge Wissenschaftler Gerd Kartland, der der Organisation WEOP angehört (Weltge­meinschaft zur Erforschung Okkulter Phänomene), deren Sitz in Rom ist, das nach außen weitgehend politisch abgeschottete Ägypten zu bereisen. Sein Ziel ist ein legendärer britischer For­scher, Dr. Henry Cavendish, den er nach okkulten Relikten be­fragen möchte.

Doch Kartlands Reise steht unter einem Unstern. Als er Dendera House erreicht, ist der Manager des Hotels völlig aufgelöst und fassungslos. In der Erwartung, Kartland (der Deutsche wird von ihm für einen Briten gehalten) könne ihm helfen, bringt er ihn zu Cavendishs Suite. Und hier wird dem Deutschen klar, dass Cavendish keine Fragen mehr beantworten wird:

Es war ihm geschickter erschienen, als Mitarbeiter des Britischen Museums in London aufzutreten und den Kontakt zu Cavendish zu suchen …

… und nun war das alles vergebens.

„Grundgütiger Gott!“, flüsterte er nun wie betäubt, als er im Arbeitszimmer des Archäologen stand und endlich sah, was den Hotelmanager Rasheed so in seiner Fassung aufgelöst hatte.

Auf einmal verstand er, dass die Probleme gerade erst begonnen hatten.

Richtige Probleme!

Cavendish würde keinerlei Fragen mehr beantworten.

Er saß zusammengesunken an seinem Schreibtisch, eine Hand zu dem aufgeschlagenen Notizbuch ausgestreckt, über dem ein Block lag. Darauf stand Kartlands Name und die Terminnotierung für heute früh, zusammen mit seiner Telefonnummer im Hotel, in dem er abgestiegen war.

„Deshalb, Sir … deshalb habe ich zuerst Sie angerufen … ich meine … das war doch sicher richtig, oder? Bitte, Sir, sagen Sie mir, dass das richtig war …!“

Das war die nervöse, dünne Stimme des ganz aufgelösten Managers hinter ihm. Sie klang fast wie ein ängstlicher Ruf aus einer anderen Welt – denn Gerd Kartland hatte das betäubende Gefühl, auf einmal in jene Sphäre der Märchen und Legenden entrückt worden zu sein, an deren Allgegenwart viele spirituell überzeugte Ägypter immer noch glaubten.

Kartland starrte den Toten in seinem Rattansessel weiterhin wie betäubt an – er konnte den Anblick noch nicht restlos verarbeiten, verstehen sowieso nicht – und antwortete darum eher automatisch: „Ja, natürlich … ja, Mr. Rasheed, das war ganz richtig so. Das haben Sie gut gemacht.“

„Und was … was TUN wir jetzt? Bitte … ich habe so etwas noch nie erlebt! Bitte sagen Sie mir, was wir denn nur tun können … sind meine Frau, meine Kinder oder ich … sind wir jetzt auch in Gefahr?“, wimmerte der mollige Ägypter weiter, dessen Fassung unaufhörlich weiter erodierte. Er war schon den Tränen nah.

Kartland riss sich mühsam zusammen und drehte sich zu ihm um. Panik war das Allerletzte, was er jetzt zulassen durfte, auch wenn er selbst ebenfalls dicht davor stand, hysterisch zu werden. Er wandte sich um, fasste den schlotternden Manager an den Schultern und sagte, so fest es ihm möglich war: „Mr. Rasheed! Reißen Sie sich bitte etwas zusammen! Und tun Sie sich und uns allen bitte einen Gefallen – verlieren Sie nicht die Nerven! Es war GUT, dass Sie mich angerufen haben, und das sollte vorerst auch Ihr einziger Anruf sein, haben Sie mich verstanden?“

„Ich … ich … ja!“, brachte Rasheed mühsam hervor.

Seinem deutlich blasser werdenden Gesicht war anzusehen, dass er durchaus nicht verstand. Aber er richtete sich nur zu gerne nach Kartlands Order, weil er jetzt irgendetwas brauchte, irgendjemand, der ihm Orientierung gab. Zweifellos war Mr. Rasheed in seiner Militärdienstzeit nicht sehr hoch aufgestiegen. Er gehörte zu den subalternen Personen, die bei unerwarteten, zumal grässlichen Ereignissen sofort einknickten und ängstlich Zuflucht bei Autoritäten suchten. Gerd war für diese Entdeckung sehr dankbar und nutzte den Umstand sofort aus. Das mochte die einzige Chance sein, aus diesem verdammten Mist mit heiler Haut zu entkommen.

Denn dass er augenblicklich in Lebensgefahr schwebte, konnte als sicher gelten. Er musste jetzt schnell, beherzt und konzentriert handeln.

„Kommen Sie bitte mit!“ Kartland führte den Ägypter zur Tür der Suite und redete leise auf ihn ein: „Weiß sonst noch jemand von diesem Vorfall …? Nein? Gut so! Dann belassen Sie es bitte auch dabei. Tun Sie nach außen hin bitte so, als wäre nichts Dramatisches vorgefallen … ja, ich weiß, Dr. Cavendish verhält sich gerade etwas … seltsam. Nun, dann sagen Sie einfach, er fühle sich derzeit nicht wohl und habe Sie benachrichtigt, dass er heute viel Ruhe bräuchte und von den üblichen Plänen für den Tag abgehe. Er möchte erst einmal nicht gestört werden … sehen Sie, seine Frau …“

Rasheeds Augen weiteten sich. Er nickte hastig und begann zu verstehen. Sein bislang panischer Verstand lief wieder an. „Ja … ja … sicher … seine Frau … große Trauer … ich verstehe … natürlich … er wird ganz ungestört bleiben, wirklich, ganz bestimmt …“

„Gut so, mein Freund. Und ich werde mir das jetzt etwas genauer ansehen und Sie informieren, was wir anschließend machen. Beizeiten werden natürlich die Behörden informiert werden müssen, aber das schieben wir jetzt noch etwas hinaus. Die Angelegenheit ist … etwas heikel.“

„Ja! Ja! Natürlich!“ Der Manager des Hotels zeigte sich unendlich erleichtert darüber, dass ihm jemand wie Kartland das Denken abnahm, dass er ihm klare WEISUNGEN gab, damit er wusste, wie er sich verhalten sollte. Es kam ihm in seiner desolaten Gefühlslage nicht in den Sinn, gescheite Rückfragen zu stellen. Subalterne Militärsoldaten – Rasheed war definitiv nicht sehr weit in der Rangfolge des Militärs aufgestiegen, als er gedient hatte.

Gerd Kartland tat es zwar in der Seele weh, den armen, braven Kerl so in die Irre führen zu müssen, aber es ging einfach nicht anders. Als Abdul Rasheed wenige Minuten später nach unten verschwand, um die Tarnung aufzurichten, dass der hoch verehrte Dr. Cavendish sich derzeit nicht wohl fühle und von einem akuten Schub äußerst verständlicher Melancholie befallen worden sei, ausgelöst durch die Erinnerung an seine jüngst verstorbene Frau, da schloss Gerd Kartland die Tür fest, verriegelte sie von innen und lehnte sich dann dagegen.

„Puh!“, schnaufte er und wischte sich die schweißnasse Stirn ab. „Das war verdammt knapp!“

Als sich seine Fassung wieder hinreichend stabilisiert hatte, ging er langsam wieder zum Schreibtisch zurück und sah auf Dr. Cavendishs Leiche hinab. Denn eine Leiche war er, unzweifelhaft. Er würde den Gesprächstermin gewiss nicht mehr einhalten.

„Das hier würde mir niemand glauben“, murmelte er und zog seine kleine Automatikkamera, die er immer mit dabei hatte, um eine Serie von Fotos zu schießen.

Dr. Cavendish, von Natur aus ein Hüne von Gestalt, war wettergegerbt und besaß schulterkurzes, schlohweißes Haar. Aber man konnte vollkommen sicher sein, dass er vor heute früh noch keine MUMIE gewesen war.

Nun aber hing er in seinem Sessel, nur noch aus Haut und Knochen bestehend, das Gesicht zu einer irrwitzigen Karikatur einer Pharaonenmumie verzerrt, die Zähne bleckend, wobei ein paar Goldkronen scheußlich im Morgenlicht funkelten. Allein die mürben Leinenbinden fehlten, um den Eindruck zu vervollständigen, dass sich der britische Gelehrte über Nacht auf entsetzliche Weise den alten Pharaonenherrschern angeglichen hatte, die zu erforschen seine Profession gewesen war. Genau so sah er nämlich leider aus.

Irgendetwas oder irgendjemand hatte Cavendish in der Nacht oder den frühen Morgenstunden ermordet … vermutlich bald nach Mitternacht. Und die Intention war offenbar gewesen, sein Zusammentreffen mit Kartland zu vereiteln, aus welchem Grund auch immer.

Von der Art dieses tödlichen Anschlags konnte sich Kartland allerdings keine Vorstellung machen. Wenn er über Cavendishs Aussehen nachdachte, konnte er selbst fast anfangen, an Dämonenzauber zu glauben. Aber wie der Forscher auch immer ums Leben gekommen sein mochte – die Tat wirkte in diesem Land zweifellos ausgezeichnet auf die armen, abergläubischen Teufel. Er wollte sich lieber nicht vorstellen, was Cavendishs rätselhafter Tod mit den internationalen Beziehungen Ägyptens anstellte …

Der WEOP-Mann tat also, was er tun musste – in Windeseile durchsuchte er den Schreibtisch und die Schränke des verstorbenen Ägyptologen, wobei er zahlreiche weitere Dokumente ablichtete. Den interessantesten Fund machte Gerd Kartland allerdings in dem Notizbuch unter Cavendishs Händen. Es enthielt seitenweise Namen und Telefonnummern, und ein kleiner Zettel war herausgeflattert und am Boden gelandet.

Vorsichtig hob er ihn auf.

Er zeigte eine faszinierende Skizze eines Kunstgegenstands: offensichtlich eine Art von Zeremonialzepter mit runder Grundfläche, möglicherweise unterarmlang oder etwas größer. Es gab leider keinen Anhaltspunkt für die Größenschätzung. An der oberen Seite des Objekts befand sich ein kugelförmiger Aufsatz mit angedeuteten Gravuren.

Gerd Kartland erschauerte, als er das Objekt sah. Die Skizze war leider nur recht flüchtig. Dennoch … ein ganz seltsamer Eindruck wurde durch dieses Objekt erzeugt. Und als er den kleinen Zettel umdrehte und die Kurzschriftzeichen Cavendishs darauf erkannte, war ihm klar, dass es sich dabei um ein Artefakt handeln musste, von dem er noch nicht sehr lange Kenntnis hatte.

Der WEOP-Mann hätte dieses Blatt wie alle anderen hier lassen und es einfach ablichten können, aber spontan entschied er sich dafür, es einzustecken. Die Kurzschriftzeichen waren nur mit Bleistift angebracht – genau mit jenem Bleistift, der neben Cavendishs verdorrten Fingern lag! – , und es würde vermutlich eine ganze Weile an Zeit kosten, diese Notizen zu entziffern.

Zeit, die er nun nicht mehr hatte. Nicht vor Ort jedenfalls.

Cavendish war ein berühmter, in Ägypten sehr angesehener Mann … und Kartland erinnerte sich bestens der mahnenden Worte von Mohamed Singh, was den Aberglauben anging. Wenn Abdul Rasheed irgendwelche Zweifel an seiner Identität bekam, war es von dort bis zu der Befürchtung, Gerd Kartland sei verantwortlich für Cavendishs Tod, nur noch ein Katzensprung. Und sobald herauskam, dass Kartland unter falschem Namen in Ägypten arbeitete und in Wahrheit gar kein Engländer war …

Nun, Gerd Kartland muss Ägypten hastig verlassen. Aber zuvor gelingt es ihm noch, die Notizen zu entschlüsseln, die darauf hinweisen, dass das Artefakt auf der Skizze – der Babylonische Stab – im Irak gefunden worden sein muss und sich wohl noch dort befindet.

So begibt er sich, weitgehend ohne Rückendeckung, inkognito in das chaotische Bürgerkriegsland und versucht dieses Relikt aus­findig zu machen.

Die Details dieser Passagen habe ich noch nicht gesehen und konnte sie folgerichtig nicht niederschreiben. Aber allein das, was schon an weitgehend ausgearbeiteten Szenenblenden und Skizzen existiert, umfasst inzwischen 34 Textseiten. Es ist also durchaus davon auszugehen, dass diese Geschichte wenigstens eine Novelle wird, vielleicht sogar ein Roman vom Format des Romans „Das Geheimnis von Church Island“.

In gewisser Weise gibt es hierzu noch eine strukturelle Ähnlich­keit – denn wie dieser Roman ein Scharnier darstellt zwischen den E-Books „DER CLOGGATH-KONFLIKT 1: Vorbeben“ und „DER CLOGGATH-KONFLIKT 2: Monstererwachen“ verhält es sich mit obigem Werk „Spurensuche in Babylon“. Es ist gewisser ein Prequel zur KGTDUS-Serie. Denn wie oben darge­legt, ist Gerd Kartland ja am Anfang der Serie im Besitz des Ba­bylonischen Stabes.

Es kann noch geraume Zeit dauern, bis ich die restlichen noch fehlenden Puzzleteile dieser Geschichte ausfindig gemacht und in passende Reihenfolge gebracht habe. Aber was ich bis jetzt schon sehen kann, ergibt eine phantastische und farbenprächti­ge Story.

Wichtig ist, dass hier ein konsistentes World-Building greift. Das ist bei der seltsamen KGTDUS-Welt gar nicht so einfach. Ich habe allerdings einen ganz entscheidenden Vorteil, vielleicht so­gar mehrere: Da der KONFLIKT 18 noch in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde, ist er (negativ gewendet) höchst rudimentär. Personencharakterisierungen existieren selbst für Hauptprotagonisten nur recht schlicht und holzschnitt­artig. Da dort so vieles noch gar nicht ausdefiniert wurde, ist das ein klarer Vorteil für mich. Wenn ich für die Babylon-Ge­schichte einen World-Building-Background entwickle, kann ich ihn nachher auch für die gesamte Welt anwenden, sobald ich daran denke, KONFLIKT 18 zu überarbeiten.

Der zweite Vorteil, den es gibt ist dieser: Das Digitalisat „18Neu“ dieses KONFLIKTS wurde im Juni 2018 abgeschlossen. Ich kann also einen raschen Zugriff auf die Fakten der Serie si­cherstellen – etwas, was vor zwanzig Jahren beispielsweise kaum möglich war. Noch schöner wäre es natürlich, wenn auch schon das Glossar und das Begriffsregister zu KONFLIKT 18 fer­tig wäre. Doch sind das leider noch Baustellen.

Aber wie bei allen Langzeitprojekten kennt ihr das von mir – es sind aus genau solchen Gründen Langzeitprojekte, und es dau­ert, bis sie fertig sind. Doch da sich in diesem Projekt Archäolo­gie und OSM-Grundwissen treffen, bin ich relativ zuversichtlich, dass „Spurensuche in Babylon“ 2024 weitergeschrieben werden wird. Aber wann sie fertig ist, wage ich nicht zu pro­gnostizieren …

In der nächsten Woche kehren wir in die Artikelreihe „Aus den Annalen der Ewigkeit“ zurück und machen dort ebenfalls eine kleine Zeitreise in die jüngere Vergangenheit.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.