Rezensions-Blog 95: Um Haaresbreite

Posted Januar 18th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

man unterstellt ja Krimis gern, sie seien auf die mikroskopische Perspektive ge­eicht und hätten deutlich mehr mit Mikromilieustudien zu tun als mit der großen Politik. Sie seien mithin – ähnlich, wie man das gern der Science Fiction unterstellt – Eskapismus in Reinkultur und darum (das sagt man als Kritiker dann weniger deutlich, aber es schwingt mit in den Diskussionen) von „minde­rer Qualität“ als die so genannte „Hochliteratur“.

Ich bin bekanntlich nicht dieser Ansicht, und ein schönes Beispiel für einen Ro­man, in dem historische Akkuratesse einerseits, politisches, waches Gespür an­dererseits und eine packende Handlung zudem noch eine raffinierte Symbiose eingehen, liegt in dem Werk vor, das ich euch heute als Leseempfehlung ans Herz legen möchte.

Gerade in Zeiten, in denen Staaten den Austritt aus Staatenbünden propagieren (schauen wir uns das Beispiel Schottland an oder auch das Beispiel Großbritan­nien), da erhält der im Buch geschilderte Separatismus Quebecs einiges an Plausibilität. Und der Rekurs auf uralte Verträge, um nationalstaatliche Allein­gänge zu sanktionieren, war immer schon ein probates Mittel… einmal, um Kriege anzuzetteln (wie es Slobodan Milosevic für Serbien im späten 20. Jahr­hundert getan hat) oder um die Autonomie zu erklären.

Unpolitisch ist das vorliegende Werk also gewiss nicht, sondern es regt sehr zum Nachdenken an. Außerdem ist es ein packender, geschickt geschriebener Thriller. Folgt mir zunächst ins Jahr 1914 und dann in die kontrafaktische Gegen­wart des Romanjahrs 1989:

Um Haaresbreite

(OT: Night Probe)

Von Clive Cussler

Goldmann 9555

April 1990 (ursprünglich 1981 erschienen)

400 Seiten, TB

ISBN 3-442-09555-7

Aus dem Amerikanischen von Helmut Kossodo

Geheimdiplomatie ist von Nachteil. Wer sich mit dem politischen Tagesgeschäft auskennt und überdies ein wenig mit der Historie, dem ist bekannt, dass Ge­heimdiplomatie immer schon ein heimtückisches Geschäft war und unendlich viel Leiden ausgelöst hat, wann immer sie letzten Endes tagesmächtig wirksam wurde. Man muss hier nicht auf das Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes verweisen, um das zu begreifen.

Dieses Buch hier legt ebenfalls Zeugnis davon ab.

Man schreibt den 28. Mai 1914, als die Weltgeschichte auf spektakuläre Weise entgleist, und fast würde dieses doppelte Desaster, der „Tag des Todes“ spurlos in den Annalen der Geschichte untergehen. Die Welt am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist eine Zeit voller verwitternder Imperien, verschuldeter Nationen und wilder, hochfliegender Pläne. Einer davon würde das Antlitz der Welt ver­ändern. Ausgehandelt wird er von dem Briten Harvey Shields und seinem politi­schen Gegenpart auf amerikanischer Seite, Richard Essex. Während Shields per Schiff unterwegs ist nach London, sitzt Essex bequem in dem Prachtzug Man­hattan Limited und ist auf dem Weg nach New York. Doch in dieser stürmischen Nacht kommt der Manhattan Limited nicht ans Ziel. Die Brücke über den Hud­son stürzt ein, und alle hundert Insassen fahren geradewegs in den Tod.

Zeitgleich wird das Schiff, das Harvey Shields sicher nach England transportieren sollte, während eines Verkehrsunfalls im dichten Nebel gerammt und geht un­ter. Der geheime Vertrag kommt niemals in London an. Präsident Woodrow Wil­son beschließt daraufhin, alle Ausarbeitungen, die dazu angefertigt wurden, vernichten zu lassen. Alle Spuren werden vertuscht.

Im Februar 1989, der Handlungszeit dieses Romans – also nach der Abfassung klar acht Jahre in der Zukunft spielend, erschüttern politische Unruhen Kanada. Charles Sarveux, der Premierminister Kanadas, hat Schwierigkeiten mit einer separatistischen Strömung, die den französisch sprechenden Teil Kanadas, die Provinz Quebec, abspalten und an Frankreich angliedern will. Es scheint nach zwei gescheiterten Referenden inzwischen soweit zu sein, dass man das nicht mehr verhindern kann. Auch sein Stellvertreter Henri Villon sympathisiert mit den Separatisten von der Free Quebec Society (FQS), die allgemein als Terroris­ten angesehen werden und denen jedes Mittel Recht zu sein scheint, um die Loslösung aus dem Commonwealth zu betreiben.

Zu dumm, dass auch Sarveux schöne Ehefrau Danielle mit diesen Zielen durch­aus sympathisiert. Und als dann auch noch die USA durch das kanadische Ener­gieversorgungsprojekt „James Bay“ gewissermaßen erpressbar gemacht wer­den, sieht die Lage höchst angespannt aus.

In dieser Situation wird durch einen angeheuerten Killer namens Foss Gly ein Mordanschlag auf den Premierminister verübt, den Sarveux aber ganz knapp überlebt. Die Dinge im Norden stehen also definitiv nicht gut. Aber das ist noch lange nicht alles.

Der neue Sicherheitsberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Alan Mercier, stolpert derweil über ein offensichtliches Geheimprojekt, das er als Geldvergeudung ansieht – das Projekt „Kriechwanze“, das mehrere hundert Mil­lionen Dollar verschlungen hat. Die Spuren führen zur National Underwater and Marine Agency, der NUMA, unter Admiral James Sandecker. Merciers Nachboh­ren führt dazu, dass hier der Zeitplan beschleunigt wird – doch das nützt nur wenig, weil das Experimental-U-Boot „Kriechwanze“ mit seinem Kommandan­ten Dirk Pitt beinahe versehentlich torpediert und versenkt wird… vor kanadi­schen Gewässern. Hier macht Pitt allerdings eine phantastische Entdeckung, die nur leider, leider auf dem Gebiet von Quebec liegt.

Ebenfalls parallel recherchiert Korvettenkapitän Heidi Milligan – aus dem Vor­läuferroman „Der Todesflug der Cargo 03“ als Nebenperson bekannt! – in Prin­ceton für ihre Doktorarbeit über die Marineangelegenheiten während der Präsi­dentschaftszeit von Woodrow Wilson. Hierbei stößt sie auf einen rätselhaften Begriff, den „Nordamerikanischen Vertrag“, von dem sie noch nie gehört hat. Aber in den amerikanischen Archiven kommt sie bei den Recherchen nach die­sem Begriff nicht weiter. So kontaktiert sie Bekannte in der britischen Botschaft, die dieses unverfängliche Thema dann nach London zu Recherchezwecken wei­terleiten… und völlig unerwartet in ein grässliches Hornissennest stechen.

Man merke: Geheimdiplomatie wird auch nach 75 Jahren nicht zu einen stump­fen Messer oder sonst wie irrelevant, sondern gleich einem hochpotenten Gift wirkt so etwas auch über Jahrzehnte oder manchmal fast über ein Jahrhundert oder zwei hinweg.

Der britische Geheimdienst sieht sich jedenfalls auf einmal genötigt, einen alten Agenten namens Brian Shaw zu reaktivieren und ihn kurzerhand auf Heidi Milli­gan anzusetzen. Ziel: Herauszufinden, was sie über den Nordamerikanischen Vertrag weiß. Der betagte Shaw, ein höchst talentierter und auch liebestech­nisch selbst im hohen Alter äußerst leidenschaftlicher Mann, erledigt den Job mit Bravour… allerdings muss er entdecken, dass Heidi zwischenzeitlich mit ei­ner weiteren Person Kontakt aufgenommen hat, nämlich mit Dirk Pitt von der NUMA.

In Kanada stirbt derweil der greise Leiter der FQS eines offenbar natürlichen To­des. Foss Gly als Attentäter und Killer wird hier immer deutlicher als ernsthafte Bedrohung sichtbar, ein Mann, der skrupellos über Leichen geht und ständig Aussehen und Mordmethoden ändert. Und als Dirk Pitt schließlich im präsidia­len Auftrag auf die Suche nach dem untergegangenen Manhattan Limited einer­seits und nach dem Wrack der „Empress of Ireland“ andererseits geschickt wird, stehen Foss Gly und Brian Shaw schon Gewehr bei Fuß, um zu verhindern, dass Pitt auch nur eines der beiden Exemplare bekommt.

Dass sie es schließlich aber auch noch mit einem leibhaftigen Geisterzug zu tun bekommen und einem spurlos verschwundenen Räuber aus dem Anfang des Jahrhunderts, das liegt nicht so ohne weiteres auf der Hand…

Mit „Um Haaresbreite“ liegt erneut ein Roman aus der Frühphase der Dirk Pitt-Abenteuer vor. Vieles, was aus späteren Büchern vertraut ist, fehlt hier noch und ist nicht einmal angelegt. Es seien nur genannt der Supercomputer „Max“ in der NUMA-Zentrale, der Historiker Julien Perlmutter, der später wichtige Parts der Recherche übernimmt, und auch hier werden munter die Frauen vor­nehmlich promiskuitiv beschrieben – hier Danielle Sarveux und Heidi Milligan. Man spürt als erfahrener Cussler-Leser, dass der Autor das passende „Rezept“ seiner Geschichten noch nicht gefunden hatte, und das wirkt bei der Zweitlek­türe – bei mir lag sie gut 25 Jahre nach der Erstlektüre – durchaus erfrischend, weil man nicht wirklich sagen kann, wie sich die Storyline entwickelt. Ich hatte vieles von der Handlungsstruktur gründlich vergessen und konnte in den drei Lesetagen auf spannende Weise meine Erinnerung auffrischen.

Das Fazit des Romans fällt darum positiv aus. Zum einen wird – mit Erfolg – ver­sucht, ein minimales historisches Kontinuum zwischen dem Roman „Der Todes­flug der Cargo 03“ und dem vorliegenden Roman herzustellen versucht (was übrigens anschließend in „Tiefsee“ meiner Erinnerung zufolge noch fortgesetzt wird). Zum zweiten fällt die Fülle von moralisch völlig indifferenten und darum schwer einzuschätzenden Personen auf – das Ehepaar Sarveux, Villon, Heidi Milligan und Shaw seien hier genannt, man kann auch den amerikanischen Prä­sidenten ins Boot holen. Das macht die Geschichte schwer kalkulierbar und er­höht den Reiz des genauen Lesens.

Vollends heimtückisch ist dann aber das Titelbild, das wunderbar zum Roman passt und doch so überhaupt gar nicht… wer diesen Widerspruch auflösen möchte, muss das Buch lesen, es ist sehr interessant. Und dann ist da natürlich dieser faszinierende britische Agent, der „heute“ Brian Shaw heißt und angeb­lich „in Westindien“ vor 25 Jahren gestorben sein soll, weil er damals zu be­kannt und berühmt für die Gegenseite war. Ich persönlich halte „Westindien“ für einen Übersetzungsfehler und nehme eher an, es waren „the Westindies“ gemeint, also die westindischen Inseln, d. h. die Karibik. Man vergleiche außer­dem mal die Buchstabenanzahl des Namens Brian Shaw mit einem Agentenna­men, den Dirk Pitt in diesem Buch erwähnt, nämlich „James Bond“. Da gibt es diesen köstlichen Dialog zwischen Pitt und Shaw, den ich noch kurz ansatzweise zitieren möchte:

James Bond wäre stolz auf Sie gewesen.“

Bond?“

Ja. Sie sollen ihm sehr nahe gestanden haben.“

Shaw seufzte müde. „Den gibt’s nur in Romanen.“

Tatsächlich?“

Wenn man dann noch weiß, dass sich Ian Fleming während eines Aufenthaltes in der Karibik (!) von einem Buch eines Ornithologen namens James Bond zur Namensgebung seines Agenten inspirieren ließ, und wenn man sich dann Shaws raffinierte Vorgehensweise und vor allen Dingen seinen Erfolg bei Frauen ansieht, seine Vorliebe für alte Automobile und dergleichen, dann muss man wirklich blind sein, um nicht zu begreifen, vor wem sich Clive Cussler hier ver­beugt hat… und die Hommage ist beeindruckend ausgefallen. Fleming wäre stolz auf ihn, nehme ich an.

Ja, das ist eindeutig einer der soliden, gut lesbaren Cussler-Romane, der auch nach der langen Zeit und als „Wiederholungstat“ einfach gute Laune verbreitet und sich lohnt.

Klare Leseempfehlung.

© by Uwe Lammers, 2015

Ja, ihr spürt, dass ich den Roman genossen habe, nicht wahr? Warum sollte ich das leugnen? Und da wir uns hier in einem Blog befinden, in dem das Prinzip gilt, dass immer auch ein Kontrastprogramm gebracht wird, schicke ich euch kom­mende Woche auf eine grässliche Achterbahnfahrt durch die russischen Wei­ten.

Was das genau bedeutet? Ach, lasst euch da einfach mal überraschen. Ich freue mich auf euren nächsten Besuch hier.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

es scheint allmählich eine schöne Gewohnheit zu werden, Lesungsberichte hier zu posten. Jüngst (Blogartikel 198) schrieb ich über meine September-Lesung auf dem „Großen Marktplatz“ des Vereins KreativRegion e.V. Braunschweig, und heute warte ich schon wieder mit einer Lesungs-Reminiszenz auf. Diesmal ver­schlug es mich (lach) in den „Kulturpunkt West“ in Braunschweig, wo ich im Rahmen der Lesungsreihe „Es muss nicht immer Goethe sein“ etwas ganz Exoti­sches vortragen durfte – waschechte Science Fiction-Geschichten um Aliens, fremde Galaxien und außer Kontrolle geratende Roboter…

Wie das bei dem Publikum ankam? Folgt meinen Worten, und ihr erfahrt es:

Aliens auf Erden und anderswo“

oder

Ein Lesenachmittag im Kulturpunkt West Braunschweig,

9. Oktober 2016

von Uwe Lammers

Der Braunschweiger E-Book-Autor Uwe Lammers entführt die Zuhörer in die ferne Zukunft und zwischen die Sterne einer grünen Galaxis namens Bytharg. In drei phantastischen Science Fiction-Geschichten wird die Zukunft greifbar: skur­ril, exotisch, unheimlich.“

So stand es im Programm des Kulturzentrums „Kulturpunkt West“ für Oktober 2016 bis Januar 2017 angekündigt. Der Termin, mit mir lange abgesprochen, war der 9. Oktober 2016. Beginn war 16.30 Uhr, Eintritt frei, aber „um einen Obolus für den Künstler wird gebeten“. Es handelte sich um meinen ersten, aber zweifelsohne nicht letzten Auftritt im Rahmen des Kulturprogramms „Es muss nicht immer Goethe sein. Lyrik und Prosa vom Feinsten von Autoren, die unter uns leben.“ Bereits einmal gegen Jahresanfang war ich im Kulturpunkt West zu­gegen gewesen, damals auf der Suche nach weiteren Leseorten. Dabei wurde ich gleich von John Wolfgang Dorsch, dem Organisator der Veranstaltungsreihe „Es muss nicht immer Goethe sein“ auf einen Termin im Oktober festgelegt, der sich im Laufe der kommenden Monate noch verschob und schließlich endgültig auf dem 9. Oktober zementiert wurde.

Längere Zeit nahm ich an, dies sei tatsächlich meine nächste Lesung – bis dann das „kreative Attentat“ des Vereins KreativRegion e.V. dazwischen kam und ich unvermittelt im September auch noch eine Lesung absolvieren konnte. Ich schrieb darüber jüngst schon. Wie aber verlief die heutige Lesung, auf die ich jetzt zurückblicken kann?

Der „Kulturpunkt West“ war mir schon vor meinem ersten Besuch dort durch­aus vertraut – und zwar, weil ich im gleichen Gebäude, nur einen Eingang wei­ter vorn, etliche Monate gearbeitet hatte, als ich für die Fachhochschule Braun­schweig-Wolfenbüttel (Ostfalia) einen Altaktenbestand aufzuarbeiten hatte. Das liegt jetzt etwa fünf Jahre zurück. Der Weg in die Braunschweiger Weststadt war mir also sehr vertraut.

Heute jedoch stand ich selbst dann im Brennpunkt der Aufmerksamkeit, und das erzeugte, wie normal bei mir, natürlich einiges an Lampenfieber. Völlig nor­mal bei solchen Veranstaltungen.

Wie üblich tauchte ich deutlich zeitiger auf und war – neben der Veranstal­tungsleiterin Andrea Götte – die erste Person vor Ort. Sehr gut gefielen mir die Plakate, die im A3-Format im Eingang und vor der Eingangstür auf die Lesung hinwiesen.1 Das Wetter war frisch, ja, aber der Regen vom Vormittag war ver­schwunden, und es hielt sich bis zum Abend und blieb trocken. Ideales Wetter normalerweise für einen Lesungsnachmittag… wenn da nur das seltsame The­ma nicht gewesen wäre.

Science Fiction.

Science Fiction und Aliens, wo es sonst um Gedichte, Historisches und Musik ging. Das war natürlich eine Hemmschwelle für Leser des Programms. Und um die ein wenig zu senken und die Leute neugierig zu machen, hatte ich wunsch­gemäß für das gedruckte Programm eine leichte Einstimmung verfasst und das Thema dahingehend präzisiert: „Superverbrecher aus dem Weltraum suchen die Erde heim. Eine beängstigende Schule ist Lehranstalt für durchweg geheim­nisvolle Schüler, die einem nicht minder unbegreiflichen Lernprogramm ausge­setzt werden… und dann ist da noch jener Wächter, der zum Gott mutiert… oder so ähnlich.“

Gedanklich war ich auf eine Lesung im üblichen Rahmen von etwa 45 Minuten eingestellt – dementsprechend sah dann auch mein Lesungspensum aus, das ich daheim schon mal probegesprochen hatte. Ich war bei einer Lesezeit von 45 Minuten auf rund 18 Seiten Textvolumen gekommen.

Wie weit kommt man bei einer solchen zeitlichen Eingrenzung? Nun, ihr könnt es euch vorstellen – bei einem Autor der „Langform“ leider nicht wirklich weit. Ich hatte darum zwei wirklich kurze Kurzgeschichten ausgesucht, die auch et­was Tiefgang aufwiesen, sowie eine dritte, von der ich ahnte, dass ich nur einen Teil anlesen können würde. Mehr war beim besten Willen nicht drin, und so kam es dann auch.

Interessant fand ich im Vorfeld im Gespräch mit Frau Götte dann allerdings – und diese Besprechung war erforderlich, weil das Programm darüber keine Aus­kunft gab – , dass der zeitliche Horizont deutlich weiter gesteckt war. Sehr deut­lich weiter: Es gehe um 16.30 Uhr los, erfuhr ich zu meiner Überraschung, dann gebe es zwischendrin eine Pause von vielleicht 15-20 Minuten, damit sich die Zuhörerinnen und Zuhörer mit Kaffee und Kuchen stärken (und das Gehörte sa­cken lassen)2 könnten, und dann ginge es in die zweite Runde, also maximal bis 18.30 Uhr.

Wow, dachte ich, das ist mal eine völlig andere Ansage als bei der KreativRegion ein paar Wochen zuvor! Aber dort war ich ja auf dem „Großen Marktplatz„ ge­wissermaßen nur ein Programmpunkt unter vielen in einem en­gen zeitlichen Korsett gewesen, hier bildete ich den alleinigen Mittelpunkt der Show. Man merkt: andere Formate, andere Rollen, doch ebenfalls andere Herausforderun­gen. Aber auch in dieser hier fand ich mich schnell zurecht. Wenn man also ein halbes Dutzend Lesungen absolviert hat, fällt einem die nächste umso leichter.

Es kann jedenfalls als sicher gelten, dass diese Anfangsabsprache bei mir eine Menge Zuversicht und Seelenruhe induzierte. Dass es dennoch zu Komplikatio­nen kam, sollte sich noch erweisen. „Perfekte“ Lesungen scheint es per defini­tionem nicht zu geben, und das hat jetzt nichts mit perfektionistischem An­spruch zu tun.

Als das Publikum sich eingefunden hatte, war die Technik eingestellt – Mikro an Verlängerungsstange, optimale kleine Leselampe über dem Tisch direkt vor dem (kalten) Kamin, Wasser stand bereit, und rings um die im Raum verstreut stehenden Tische waren die Stühle gruppiert, Flyer sprenkelten die Tische, die Küche nebst Personal stand gewissermaßen in Habachtstellung… und dann trat ich also an den Tisch, an dem ich zu lesen hatte und ließ mich kurz von John Wolfgang Dorsch einführen. Er redete zwar kaum über mich, sondern mehr über die Reihe selbst und über die alten Zukunftsromane und das „moderne“ Wort dafür, also „Science Fiction“ im Sinne eines modernen Märchens, aber das war mir schon ganz recht. Insgesamt gruppierte sich inzwischen ein Dutzend Zu­hörerinnen und Zuhörer, mehrheitlich Stammhörer, mehrheitlich in der Alters­gruppe 60 aufwärts vor mir und wartete neugierig auf die Reise zu den Sternen, die ich in der Ankündigung versprochen hatte.

Nach kurzer eigener Anmoderation ging es denn dann auch gleich zur Sache. Und ich nahm sie sofort mit zu den Sternen. In dieser Hinsicht habe ich aus den früheren Lesungen gut gelernt. Erwarten die Zuhörer Aliens und die Sterne, dann müssen sie auch da sein. Und voilà – da waren sie!

Unter dem Label „Die Superverbrecher“ sagte ich zunächst ein wenig zur land­läufigen Vorstellung der menschlichen Zeitgenossen bezüglich Aliens, dann er­teilte ich dem Erzähler meiner Geschichte das Wort – ein namentlich nicht ge­nannter Alien-Historiker, der über einen Vorfall vor mehr als fünfhundert Jahren sprach, den letzten Coup der halbstofflichen Hyperraumwesen aus der Spezies der Garranoiden, die als „Superverbrecher“ die galaktische Völkergemeinschaft in Angst und Schrecken versetzten. Das ging so lange und so schrecklich voran, bis es der galaktischen Polizei endlich gelang, sie an den Rand der Milchstraße zu drängen in ein Sonnensystem, in dem ein Volk auf einem Planeten namens Terra lebte… und damit waren wir dann bei den „Aliens auf Erden“, wie in der Ankündigung. Dass ein bornierter, rückständiger Kommisskopf von irdischem Politiker dann die wahnwitzige Siegessträhne der Garranoiden gegen die Wand laufen ließ und entwertete, war definitiv nicht zu ahnen.

Nach dieser ersten Geschichte, die sechseinhalb Seiten in meinem Manuskript füllte, leitete ich die Pause mit rund 15 Minuten Länge ein und stellte mich der ersten „Manöverkritik“, die eine Befürchtung bewahrheitete: ich war mal wie­der zu schnell. Langsamer lesen, wurde mir geraten, zumal es doch recht exoti­scher Stoff sei, den die mehrheitlich älteren Zuhörerinnen und Zuhörer erst mal verarbeiten müssten. Nun, ich gelobte Besserung und bat im weiteren Vortrag ausdrücklich um Handzeichen, falls ich wieder, im Überschwang des Vortragens, zu geschwind werden sollte. Außerdem genoss ich den schwarzen Tee, den ich zunächst pflichtschuldig bezahlte, bis Frau Götte anmerkte, für Referenten sei das doch obligatorische Verpflegung. So bekam ich den ausgelegten Euro an­schließend dann zurück.

Es ging in die zweite Geschichte, mit der ich die Leser in die Galaxis Bytharg ent­führte und in den Oki Stanwer Mythos (OSM). Hier tobe, beschrieb ich, der Kon­flikt zwischen zwei Raumfahrtvölkern, den Sargoy und den Berinnyern. Und der Protagonist der Story „Wächter wider Willen“ war nun wirklich weder ein Mensch noch hatte er mit ihnen irgendetwas gemein. Es handelte sich vielmehr um einen schwer beschädigten Kampfroboter der Sargoy, der auf dem Planeten Wentreya abgestürzt war. Hier wurde er von einheimischen Vogelwesen, den Ashiiri, entdeckt und mühselig über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte von sei­nem Aufschlagplatz fortgebracht und in einem neu errichteten Dorf auf dem Hauptplatz einzementiert und fortan als Fruchtbarkeitsgott XIILTIQ verehrt. Zu dumm, dass sich der Roboter bald selbst im Angesicht einer grässlichen plane­tenweiten Katastrophe für selbigen Gott hält und schließlich, um es vorsichtig zu sagen, richtig am Rad dreht…

Für diese Geschichte gab es dann reichlichen Applaus, was zweifellos auch mit der tiefen psychologisch-skurrilen Verwandlung des Roboters zu einem nicht all­mächtigen Pseudo-Gott und dem tragischen Ambiente zu tun hat. Dass wäh­rend des Vortrags am Verstärker herumgeschraubt wurde, damit ich noch bes­ser zu verstehen war, brachte mich gelegentlich etwas ins Schleudern. Aber es kam der Gesamtperformance eindeutig zugute.

Inzwischen ging es schon stramm auf 18 Uhr zu, und es war deutlich zu spüren, dass die Aufmerksamkeitskurve des Publikums nachließ. Interesse, auch noch ein Stück der letzten Geschichte zu hören, war aber unbedingt vorhanden.

So ging ich noch, nun mehr auf Seite 17 meines Skripts angelangt, dazu über, noch ein Stück von der Abschluss-Story zu lesen. „Die Schule“ spielt in der fer­nen Erdzukunft auf einem vollständig verwüsten Planeten Erde, wo das Leben nur noch in komplett überkuppelten Fabrikstädten möglich ist. Da diese Ge­schichte von 1987 stammt, waren mir natürlich die Arkologien in den Romanen eines Peter F. Hamilton völlig unbekannt… aber sie haben durchaus ähnliche Struktur. Alles in allem war es eine sehr fremdartige Geschichte, die an einem Fließband begann, wo der Arbeiter „Plato“, der sich selbst als Philosoph ver­steht, von seinem Arbeitsplatz fortgerufen und in „die Schule“ deportiert wird, einen bunkerartigen Gebäudekomplex draußen in der Sturmwüste, sorgsam isoliert von der Fabrikstadt. Hier soll er „resozialisiert“ werden.

Eine Zuhörerin verstand übrigens die Anspielung auf Seite 18 des Skripts sehr gut. Dort heißt es: „Ich hatte nie einen Arbeiter kennen gelernt, der aus einer Schule wiederkam. Die vakanten Plätze wurden stets mit neuen Arbeitskräften besetzt. Insgeheim hegte ich die Vermutung, dass auch nie wieder welche aus den Schulen herauskamen. Dass die Schulen in Wahrheit gewaltige Gefängnisse waren, in denen Tausende am Rande der Existenz dahinvegetierten. Oder viel­leicht standen die Dinge sogar noch schlimmer.“ Sie sagte mir zum Schluss, es sei doch eine sehr finstere Vorstellung, „Schulen als KZs darzustellen“. Das musste ich dann natürlich gleich wieder korrigieren, weil ich gegen Schulen grundsätzlich nichts habe, sondern die bizarre Anstalt in der Geschichte nur na­mentlich eine Schule im weiteren Sinne ist.

Dennoch – da sage mir noch einer, die Leute bei Lesungen hörten nicht genau zu! Ha! Davon kann wirklich keine Rede sein!

Ich bedauerte ernstlich, die Geschichte nicht weiter vorlesen zu haben, weil ein­fach weder Zeit noch Aufmerksamkeitsfenster da waren… das wäre inter­essant geworden, die Reaktion auf die komplette Geschichte zu erfahren, auf solche Namen wie Napoleon, den Sonnenkönig, Dwight Eisenhower, Spartakus… das hätte einige Leute sicherlich grinsen und kichern lassen.

Auch die wiederholten Fragen in den Diskussionen, ob die Geschichten schon im Print vorlägen – ich hätte da zweifellos die eine oder andere Printausgabe verkaufen können – zeigten mir deutlich, dass das Interesse an den Werken ab­solut vorhanden war, anfängliche Reserve und Skepsis zum Trotz.

Immerhin vier Seiten weit kam ich bei „Die Schule“ noch, musste dann aber um 18.10 Uhr auf Signal von Wolfgang Dorsch schließen. Damit war ich insgesamt auf Seite 21 meines 26seitigen Skripts angekommen – eine gute Angelegenheit. Dennoch sollte ich künftig maximal auf 18-20 Seiten verharren und eher weni­ger Text – und entsprechend gemächlicher und betonter – lesen, statt zu versu­chen, möglichst viel meiner Werke in einer Session an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Das geht naturgemäß schief.

Insgesamt waren die Zuhörerinnen und Zuhörer angetan von der Veranstaltung, wenngleich sie mit Kritik nicht hinter dem Berg hielten. „Viele Fremdworte“ wurden moniert, mein anfänglich zu rasches Lesetempo (das bekanntlich mei­ner Aufregung geschuldet war, sich aber im Laufe des Vortrags von Geschichte zu Geschichte besserte), die Macken der Technik kamen zur Sprache und gene­rell das Sujet der Science Fiction. Vereinzelt kamen aber die ironischen Spitzen in den Geschichten zum Tragen, das war beim Vortrag deutlich zu hören. Grundsätzlich hatte ich das Gefühl, gut angekommen und auch angenommen worden zu sein. Viele der Anwesenden werden vermutlich bei einer weiteren Lesung, die von mir im Rahmen dieses Programms angekündigt wird, wieder kommen.

Zu meiner nicht geringen Verlegenheit bekam ich im Anschluss an die Lesung dann eine edle Flasche Wein überreicht (mit der ich bekanntlich als Antialkoho­liker eher nichts anfangen kann). Ich werde mir überlegen müssen, wem ich da­mit in der nahen Zukunft eine Freude machen kann. Als Geste war das jeden­falls sehr lieb, und natürlich nahm ich sie an.

Außerdem wurde prophylaktisch für 2017 eine weitere Lesung von mir in Vor­schlag genommen. Diesmal habe ich dann vor, die Zuhörerinnen und Zuhörer mit Prosagedichten zu unterhalten. Und den Kontakt mit der Leiterin des Kul­turpunkts West (die sie leider bald nicht mehr sein wird, wie ich heute erfuhr – alle Dinge ändern sich halt, auch die schönen und sympathischen…) versuche ich auch weiterhin zu halten.

Gemessen an dem exotischen Thema und der Erkenntnis, dass ich als „Langform­autor“ doch einige Schwierigkeiten habe, komplette Kurzgeschichten im gegebenen zeitlichen Rahmen vorzutragen, kann ich konstatieren, mich gut und wacker geschlagen zu haben. Es hat Spaß gemacht, heute in dieser Runde neuen Lauschenden ein paar meiner Gedanken vermittelt zu haben. Und es ist doch schön, wenn man hört, dass man als Referent einen „absolut sympathi­schen Eindruck“ mache und im menschlichen Umgang sehr nett sei. Ich nehme das als das Kompliment, als das es gedacht ist und freue mich, beizeiten wieder einmal in diesem Rahmen lesen zu können. Das mag noch ein Dreivierteljahr hin sein, aber ich bin jetzt schon sehr gespannt. Unter was für einem Motto die Veranstaltung dann stehen wird… na, da lasst euch mal überraschen.

Soviel ist auf alle Fälle sicher – ein Lesungsbericht erwartet euch dann wieder.

© by Uwe Lammers

Na, und wer weiß… vielleicht hat der eine oder die eine oder andere unter euch ja aufgrund der Lesungsberichte auch das Gefühl bekommen, da müsstet ihr mal Mäuschen spielen?! Ich habe absolut nichts dagegen, sondern freue mich über jeden neuen (und alten) Zuhörer.

Soweit die bisherige Planung es zeigt, wird es in Bälde eine weitere Lesung ge­ben, nämlich im „Protohaus“ in Braunschweig. Aber dafür brauche ich Vorberei­tungszeit und eine etwas breitere Geschichtenauswahl. Ob das also im Januar noch was wird, kann ich nicht sagen. Ich werde versuchen, auf AuthorCentral diesmal zeitig eine Info zu posten, aber bei meinem aktuell chaotischen Wo­chenablauf kann das leicht wieder untergehen… schaut einfach immer wieder mal vorbei, Freunde!

In der kommenden Woche veröffentliche ich an dieser Stelle den Entree-Beitrag einer neuen Subartikelreihe des Blogs. Diesmal wird es in zahlreichen Beiträgen um „Legendäre Schauplätze“ gehen, und meiner Vorstellung nach will ich versu­chen, möglichst alphabetisch zu bleiben.

Das bedeutet im Klartext? Dass ich natürlich mit dem Buchstaben A beginne. Und das wird gleich ein absolut phantastisches Einfallstor für eure Neugierde darstellen. A steht im ersten Beitrag für die Galaxis ARC – die mythische Heimat der legendären Spezies der Baumeister, die ihr ja verschiedentlich schon (sehr moderat!) in Aktion erleben konntet. Zugleich wird dieser Beitrag ebenso wie der zweite derselben Reihe auf ein E-Book vorbereiten helfen, das hoffentlich irgendwann in diesem Jahr 2017 erscheinen wird, nämlich „Im Feuerglanz der Grünen Galaxis“, womit ihr den ersten Schritt in den chaotischen KONFLIKT 12 machen könnt.

Dazu mehr an gegebener Stelle. Für heute möchte ich schließen und hoffe, euch nächste Woche wieder zahlreich auf dieser Seite willkommen heißen zu können, wenn es in die phantastische Galaxis Arc geht…

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Ich konnte mir anschließend nach der Lesung ein Exemplar davon sichern und bin noch am Herumdenken, wo ich das wohl aufhängen kann. Der Raum in meiner Wohnung ist, vorsichtig gesagt, doch recht rar. Und das Plakat hat immerhin Format A 3.

2 Das erwies sich dann auch als erforderlich, und ich rechnete es mir eindeutig als Erfolg an, dass niemand vom Publikum Neigung zeigte, während der Pause zu entschwinden. Ei­nige waren zwar etwas unruhig geworden, aber die Verdunstungstendenz war erfreuli­cherweise gleich null.

Rezensions-Blog 94: Entscheidung in der Sechseck-Welt (3)

Posted Januar 11th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

willkommen ein weiteres Mal in der farbenprächtigen, üppigen Phantasie des Jack L. Chalker, der die bizarre Sechseck-Welt mit seinen Kreaturen bevölkert und sie dann in Konflikte gestürzt hat. Ich erwähnte bereits, dass mich diese Ro­man – den hier eingeschlossen – in den frühen 80er Jahren sehr angeregt ha­ben, mein kreatives Hauptwerk, den Oki Stanwer Mythos, niederzuschreiben. Infolgedessen konnte es kaum ausbleiben, dass ich auch nach der Neulektüre anno 2001 beim Niederschreiben dieser Rezension einen entsprechenden Ver­weis einfließen ließ.

Vor vier Wochen habe ich euch in das Abenteuer des Antor Trelig geschickt, der in die Sechseck-Welt verschlagen wurde. Wer den Roman „Exil Sechseck-Welt“ gelesen hat und am Schluss etwas unbefriedigt blieb, erfährt hier nun, warum das der Fall war – die Geschichte geht ja noch weiter.

Was das heißt? Lest lieber selbst:

Entscheidung in der Sechseck-Welt

(OT: Quest for the Well of Souls)

von Jack L. Chalker

Goldmann 23348

256 Seiten, TB

April 1980

Übersetzt von Tony Westermayr

Seit dem „Krieg auf der Sechseck-Welt“ sind 22 Jahre vergangen. Wie erinner­lich wurden zwei Gruppen Menschen auf diese Steuerwelt der Markovier ver­schlagen, auf der 1560 intelligente Rassen in eigens für sie genormten Hexagon-Refugien leben. Einmal handelte es sich um die Raumpilotin Mavra Chang und die beiden Schwammsüchtigen Nikki Zinder – Tochter des genialen Erfinders Gilgam Zinder – und den Aufseher Renard, der auf dem Asteroiden Neu-Pompe­ji des größenwahnsinnigen Antor Trelig gedient hatte. Die zweite Gruppe be­stand aus dem von Neu-Pompeji flüchtenden Antor Trelig, dem hypnotisierten Erfinder Gilgam Zinder und dem Wissenschaftler Ben Yulin, die, durch die Kraft des Computers Obie verwandelt, ebenso wie die Gruppe 1 auf der Sechseck­-Welt abstürzten.

Während Mavra Changs Raumschiff, zerplatzt in 9 autonome Kapseln, im „menschlichen“ Süden strandete und im Verlauf des Krieges um die Sechseck­-Welt schließlich in dem eisigen Hexagon Gedemondas vernichtet wurde, liegt das zweite Raumschiff – und damit die einzige Möglichkeit, jemals wieder den Asteroiden Neu-Pompeji zu erreichen, der nach wie vor voll funktionsfähig war – im nördlichen Hexagon Uchjin, wo es keinen Sauerstoff gibt und niemand her­an kann. Zudem ist es unmöglich, die Äquatorbarriere zu überwinden, so dass alle Parteien und alle Kämpfer, die noch überlebt haben, jeden Versuch aufge­ben, sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen, auch nur daran zu denken, Neu-Pompeji, den neuen Mond der Sechseckwelt, zu erreichen.

Sollte man meinen.

Aber man irrt sich.

Es ist richtig: die grauenhaft verwandelte Mavra Chang, deren menschlicher Körper durch halb durchgeführte magische Metakompilierung mit Maultierbei­nen versehen wurde und eigentlich lebensunfähig ist, denkt nicht mehr daran. Gilgam Zinder, untergetaucht im wörtlichsten Sinne des Wortes in einem High-Tech-Wasserhexagon, KANN nicht daran denken. Ben Yulin, inzwischen Herr über hundert Frauen und siebzehn Töchter, ist auch ganz zufrieden mit seinem Dasein.

Aber da gibt es noch Antor Trelig, zwar zwischenzeitlich in dem von froschähnli­chen Makiem bewohnten gleichnamigen Hexagon ebenfalls verheiratet und mit 20 Kindern gesegnet, hat nicht aufgegeben. Vor allen Dingen betrachtet er Mavra Chang als permanente Bedrohung und schickt nun endlich einen Trupp Killer los, die sie töten sollen.

Aber diese Nieten versagen, und Mavra und ihr Geliebter/„Sohn“ Joshi flüchten, ohne sich um die Überwachung durch ihre Kontrolleure, riesenbiberhafte Am­breza, zu kümmern. Auch der steinalte, an die Südpolarzone gefesselte „Herr“ der Sechseck-Welt, der reptiloide Serge Ortega, der Mavra stets mit Hypnobe­handlung davon überzeugt hat, dass ihr Dasein glücklich und zufrieden sei, er­fährt zu spät davon.

Zudem geraten die Dinge auch sonst in Bewegung: Zwei Wesen aus der Nordhe­misphäre, so genannte Yugash – einer davon ist allerdings ein Fanatiker! – schaf­fen es, in den Süden zu gelangen. Der Fanatiker schließt sich mit Antor Trelig zu­sammen, der zweite mit Ben Yulin und dem früheren Aufseher Renard. Erneut liefern sich die alten Kontrahenten ein Kopf-an-Kopf-Rennen in Richtung Nor­den, um an das gestrandete Raumschiff zu kommen. Zwischendurch gilt es aber, sicherheitshalber auch noch Mavra Chang zu finden, die auf dem Weg ihrer Flucht durch ahnungslose, wohlmeinende Geningenieure zusammen mit ihrem lieben Joshi in Schweine transformiert wurden, vollends unfähig zu sprechen und zudem auf der Flucht durch ein wüstenhaftes Hexagon, wo sie in die Ge­walt der Mucrol geraten, fleischfressende, hundeartige Wesen mit dampfbe­triebenen Wüstenpanzern…

Als die Protagonisten schließlich zeitgleich im Norden ankommen, beginnen ihre Schwierigkeiten aber erst. Zwar gelangen sie in der Tat unter großen Pro­blemen nach Neu-Pompeji, aber dann werden sie von einem ihrer Teilnehmer überlistet und ausgesperrt. Und dieser Verräter kann problemlos Obie kontrol­lieren, den – neben dem Schacht der Seelen von der Seckseck-Welt selbst – größten und mächtigsten Computer, den es jemals gab. Die einzige Chance scheint darin zu bestehen, ganz Neu-Pompeji in die Luft zu sprengen. Aber es fragt sich, ob dazu noch genügend Personen da sind. Denn ganz rasch werden aus den sieben Überlebenden fünf, dann vier, dann drei…

Was immer man von den Sechseck-Welt-Romanen sagen kann, kurzweilig sind sie allemal. Das gilt auch für diesen hier, der den formellen Abschluss der Sechs­eck-Welt-Trilogie darstellt, Band 2 des Unterzyklus „Krieg der Sechseck-Welt“. Ohne das Verständnis des letzten Romans ist dieser hier schlicht nicht zu verste­hen. Da es sich allerdings im groben und ganzen um eine Wiederholung des Wettlaufs aus dem zweiten Sechseck-Welt-Band handelt, gibt es doch schon Stellen, die ein wenig nerven.

Dass das für mich nicht ganz so zutraf, liegt auf der Hand. Mit den Yugash traf ich die nächsten Protagonisten-Vorbilder des Oki Stanwer Mythos wieder und habe mich sehr darüber gefreut. Das Schicksal von Mavra Chang war äußerst dramatisch und mir bis zum Schluss so nicht mehr in Erinnerung. Und der Kampf im Kontrollzentrum in Bozog kam auch, weil völlig vergessen, sehr gut. Im Beschreiben bizarrer, fremder Spezies des Nordens entwickelt Chalker eine gewisse Brillanz, die noch besser käme, wenn der Roman nicht so entsetzlich gekürzt worden wäre. Das erwähnte ich ja auch in der vergangenen Rezension bereits. So packt er, was für einen Roman mit 500-600 Seiten locker gereicht hätte, in einen nicht mal halb so dicken „Schmöker“, der sich darum weitge­hend wie eine Aneinanderreihung farbiger Details liest. Die Psychen der Perso­nen werden diesmal jedoch besser geschliffen und ausgearbeitet, und das Ende macht den Eindruck eines richtigen Dramas.

Dennoch… so GANZ das Ende ist es nicht. Es gibt noch zwei weitere Bände. Das Problem Antor Trelig löst sich in diesem Band wie auch die Schwierigkeit mit dem Schwamm-Syndikat. Aber was sonst noch passiert, das müsst ihr nachle­sen, wenn ihr den Band antiquarisch oder in der Bücherei mal zu fassen be­kommt…

© by Uwe Lammers, 2001

Ich werde nach wie vor das nagende Gefühl nicht los, dass die Westermayr-Übersetzung eine arge Kürzung des Gesamtromans ist. Und es wäre sicherlich für die Verleger der Jetztzeit mal eine schöne Möglichkeit, das zu prüfen und beizeiten eine vollständige Version vorzulegen, die sicherlich entschieden um­fangreicher wäre.

Auch könnte es zweckmäßig sein, diese Welt einmal wieder zu besuchen und Abenteuer darauf zu beschreiben. Ich meine, wenn so relativ eingeschränkte Welten wie die des Sherlock Holmes sich in hundertfachen Varianten ausdeh­nen, wäre die Sechseck-Welt sicherlich ein Dorado für phantastischste, farben­prächtige Abenteuer der unglaublichsten Art. Vielleicht erinnert sich mal je­mand Maßgebliches an diesen Vorschlag, wenn dieser Blogartikel eine gewisse Bekanntheit erreicht hat. Mich – und sicherlich nicht nur mich allein – würde das sehr freuen.

Auch im Blogartikel der kommenden Woche greifen wir auf einen „alten Be­kannten“ zurück, nämlich auf niemand Geringeren als Clive Cussler, von dem ich jüngst wieder einmal einen Roman (mit Coautor Graham Brown) gelesen habe, den ich auch in Bälde für meinen Blog rezensieren werde. Dass diese Rezi den Weg in den Blog vor 2018 findet, halte ich indes für unwahrscheinlich. Es gibt noch gar zu viele andere Cussler-Rezensionen, die vorher das Licht der digitalen Öffentlichkeit erblicken sollen.

So eben auch derjenige der kommenden Woche. Da geht es, verwirrenderwei­se, um einen verschwundenen Zug. Wer Genaueres wissen möchte, schaue nächste Woche wieder hier herein, er wird dann schlauer sein.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Blogartikel 201: Der OSM in Gedichtform (1)

Posted Januar 8th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wie jüngst versprochen möchte ich euch heute mal auf ein weiteres literari­sches kleines Abenteuer mitnehmen. Es heißt „Der OSM in Gedichtform“ und wird euch ein paar Texte nach und nach vor Augen führen, die ich in früheren Blogartikeln kursorisch mal erwähnt habe. Der Rahmen dieser Reihe ist relativ überschaubar, ich denke, es werden kaum viel mehr als zehn Teile vorhanden sein… vorausgesetzt, es entstehen in der nahen Zukunft nicht noch weitere OSM-Gedichte. Dann kann ich entsprechend „nachlegen“.

Was die Struktur angeht, so ist dies heute mal ein Experiment. Ich habe mir fol­gendes Vorgehen überlegt: Da meine Gedichte üblicherweise ungereimte Ge­dichte sind, die aber in Strophenform mehr oder minder stringent vorliegen, möchte ich nach jeder Strophe so etwas wie einen Interpretationsteil einfügen, damit ihr mit den auftauchenden Namen, Begriffen und Verbindungen ein we­nig klarer sehen könnt. Notwendig überschreiten die aus dem Vollen meiner Kenntnisse schöpfenden Gedichte, die durchaus als Schlüsseltexte des OSM konzipiert sind (mal mehr, mal weniger), euren aktuellen Lesehorizont. Daran kann ich nur wenig ändern.

Dennoch hoffe ich, dass ihr diese Artikelreihe als interessant wahrnehmt und sie vielleicht als inspirierend für die OSM-Gesamtlektüre einstuft. Heute fangen wir also mit Gedicht Nr. 12 der Gesamtreihe an, das ist das erste OSM-Gedicht überhaupt. Es stammt vom 24. Mai 1984 und trägt den Titel:

TOTAM

Gedicht von Uwe Lammers

Düster wälzen sich die Wolken.

Träge und unheilschwanger

liegen sie über der Welt.

Niemand vermag sie zu vertreiben,

sie sind der Odem des Bösen.

Erläuterung: Dieser erste Textblock braucht keine ausgiebige Kommentierung, es ist offensichtlich, dass der Planet TOTAM gemeint ist. Freilich in einer späte­ren KONFLIKT-Version, nicht zu vergleichen mit jenem Planeten TOTAM, den ihr aus dem E-Book „In der Hölle“ kennt. Ich orientierte mich beim Schreiben dieser Zeilen an KONFLIKT 15 „Oki Stanwer“ (1981-1984). Die Serie war gerade fertig gestellt worden. Dass TOTAM dort aber immer in düstere Wolken gehüllt wäre, ist eine theatralische Übertreibung.

Tausend Jahre waren für die Wesen,

die auf dieser Welt lebten,

wie ein Tag, doch auch Tage

können lang und einsam sein.

Qualvoll verstrichen sie.

Erläuterung: Auch hier ist die Theatralik unübersehbar. Man fragt sich vielleicht, gemessen an dem E-Book „In der Hölle“, wer hier wohl leben mag und ob man das Wort „Leben“ angemessen findet. Dazu weiter unten mehr.

Eins dieser Wesen ward nie erlöst.

Es war der Erzeuger allen Chaos,

der Herr des Todes

und ewiger Gefangener zugleich.

Und sein Bruder war verloren.

Erläuterung: Von einer „Erlösung“ im christlichen Sinn zu sprechen, würde mir heute bezüglich des Wesens TOTAM nicht mehr unbedingt einfallen. Aber man erinnere sich vielleicht daran, dass ich zum Zeitpunkt, als ich dieses Gedicht schrieb, gerade mal auf meinen achtzehnten Geburtstag zuging, relativ viel über Reinkarnation und Esoterik las und religiösen Themenfeldern nicht wirklich fern stand… zumal es in der Schule ja auch noch wöchentlich katholischen Un­terricht gab. Da lag also eine christliche Metaphorik schon sehr nah.

Man sieht hieran aber ebenfalls, dass ich noch einem archaischen Verständnis des OSM-Dualismus zwischen Licht und Finsternis anhing. Durchwachsen von einer bittersüßen Tragik, die so heute nur noch bedingt Bestand hat.

Zermalmt im Strudel der Zeiten.

Vergessen von den Göttern des Kosmos.

Geächtet von den Guten.

Verehrt von den Bösen –

Und selbst verzweifelt wie niemand sonst.

Erläuterung: Wieder Theatralik. Gemeint ist offensichtlich das Wesen TOTAM, das natürlich weder „zermalmt“ ist noch „vergessen von den Göttern des Kos­mos“. Die nächsten beiden Zeilen sind heute noch durchaus zutreffend, aber in­zwischen wesentlich mehr faktenbasiert als zur Schreibzeit. Und die letzte Zeile kann man in Zweifel ziehen, da ein Wesen wie das Wesen TOTAM in seiner men­talen Struktur so unmenschlich ist, dass Skepsis angebracht ist, ob „Verzweif­lung“ seine Seelenlage hinreichend darstellen kann. Ich glaube das aktuell nicht mehr.

ER ist der Kerker,

ER ist das Licht.

ER weiß, was Recht und Unrecht ist,

aber er kann es nicht beweisen,

niemand würde ihm glauben!

Erläuterung: Dies ist ein tiefer Lichtstrahl, der in das Dunkel des mythischen An­fangs des Oki Stanwer Mythos geworfen wird. Fünf Jahre später arbeitete ich die hierin nur vage angedeuteten Gedanken in der Story „Aktion TOTAMS Ende“ näher aus… allerdings noch immer völlig ungenügend, weswegen inzwi­schen ein komplexer Romantext seit Jahren in Arbeit ist, der diese Hintergründe umfassender ausleuchten soll. Aber das kann dauern, ehe dieses Werk für euch zugänglich wird…

ER schickte seine Schergen,

um den Bruder zu suchen,

in nachtschwarzer Düsternis,

die sich als Licht ausgibt;

alles ist verdreht.

Erläuterung: Auch dies ist eine verwirrende Andeutung, die auf die obigen An­fangsmysterien verweist und wieder einmal gründlich mit Theatralik durch­tränkt wurde. Ich kann sie aktuell für euch noch nicht aufhellen. Sorry.

Wem kannst du noch trauen?

Wer wird dir glauben?

Wer wird diesmal der Verräter sein?

Wird er diesmal Brutus heißen?

Oder Judas?

Erläuterung: Dies rekurriert direkt auf den Finalzyklus der Serie „Oki Stanwer“ und zugleich auf Andeutungen, die im parallel entstehenden KONFLIKT 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ (FdC, 1983-1988), in der entsprechende An­deutungen gemacht worden waren (heute partiell als informelle Matrixfehler eingestuft). Und auch hier ist natürlich unübersehbar a) der historische Bezug auf die Verrätergeschichte und b) der christlich-religiöse Bezug.

Unzählige Jahrtausende suchtest du nach der Lösung.

So oft warst du nahe daran,

doch Verräter vernichteten alles,

beizeiten,

denn dein Bruder darf nicht wissen, wer du bist.

Erläuterung: Aus den damals noch zahmen „Jahrtausenden“ sind heutzutage, da es ja um die Genese und das Vergehen ganzer Universen geht, Jahrmilliarden geworden. Den Rest der Andeutungen kann ich für euch leider noch nicht ent­schlüsseln, ohne euch völlig zu verwirren.

Tausend Masken trugst du,

tausend Rollen spieltest du,

genauso wie dein Bruder;

wie sind deine Namen,

du formloses Wesen?

Erläuterung: Wenn man diese Strophe ihres theatralischen Gehalts entkleidet, gelangt man zu einem formwandelnden Wesen, das etwa einem Berinnyer aus der Galaxis Bytharg gleichen könnte, aber ungleich machtvoller ist. Von der Existenz der Berinnyer hatte ich damals aber noch keinen blassen Schimmer.

Die wiederkehrende „Bruder“-Szene ist zweifellos auch unterbewusst eine Refle­xion der kurz vorher beendeten „Gedankenspiele“ mit meinem Bruder Achim, und im Rahmen dieser Spiele schlüpften wir ja unabweislich in „tausend Rollen“.

Die Namen der Gegner kennst du:

Es sind Namen wie Soffrol,

Klivies Kleines oder Thor Gordenbeyl,

es sind Namen wie BURTSON

oder Hiron Seglus.

Erläuterung: So, und jetzt geht es ans Eingemachte. Dividieren wir mal ausein­ander – Soffrol ist der so genannte „Rächer von Breeth-Fgahn“, ihr werdet Be­kanntschaft mit ihm machen in KONFLIKT 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Cha­os“(1987-1993), mit dessen E-Book-Publikation ich anno 2017 beginnen werde. Klivies Kleines und Thor Gordenbeyl sind zwei Helfer des Lichts. Kleines lernt ihr in der näheren Zukunft in KONFLIKT 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ kennen, aber ebenso in KONFLIKT 13 „Oki Stanwer Horror“ (1982-1985), das ich euch ebenfalls anno 2017 in Etappen zugänglich machen möchte, und zwar in Form der Reihe „DER CLOGGATH-KONFLIKT“. In der obigen Anspielung reflektierte ich aber auch weiterhin auf KONFLIKT 15.

Das merkt man auch an BURTSON, wobei dieser Name auf eine noch ältere Spielerinnerung aus den „Gedankenspielen“ rekurriert. BURTSON ist eine Schöp­fung der Baumeister, das geniale Computergehirn des ZYNEEGHARS 11 (wie ich anno 2011 bei der Neuschaffung des KONFLIKTS 9 „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ herausfand), des nachmaligen OKIPLANETEN und Herzens des okischen Imperiums in KONFLIKT 9.

Nun, und Hiron Seglus…? Das ist ein Kolonialterraner von Mira Ceti in KONFLIKT 15, der sich nach anfänglicher Feindschaft auf Oki Stanwers Seite schlägt und ihn unterstützt. Er wird hier plump unter die Lichtseite subsumiert, was man na­türlich machen kann, wenn man den KONFLIKT ideologisch versteht.

Was aber sind deine Namen?

Sind sie nicht immer gleich geblieben?

Ob du nun Dämonenschlächter, BUCH

Oder EXEKUTIV-TOTAM heißt,

deine Macht bleibt dieselbe.

Erläuterung: Dies ist jetzt die Gegenseite. Das Wesen TOTAM, der Dämonen­schlächter, das BUCH und EXEKUTIV-TOTAM sind, quasi jedenfalls, ein und das­selbe Wesen, mit dem verwirrenden Unterschied, dass sie jeweils ein intensives Eigenbewusstsein besitzen. Irritierend, könnte ich mir denken, wenn man das nicht gewöhnt ist. Ich hatte über 30 Jahre Realzeit, um mich an diese Dinge zu gewöhnen, so schnell schockt mich da jetzt nichts mehr. Aber ihr seht das viel­leicht etwas anders… freut euch, dass ihr mit den meisten dieser Wesen vorerst nichts zu tun bekommen werdet. Na ja, auf der anderen Seite… in KONFLIKT 12 sind diese Entitäten schon voll ausgebildet, und da werdet ihr relativ bald die (mörderische) Bekanntschaft mit dem Dämonenschlächter machen. Entgegen seines Namens ist er nicht nur für Dämonen tödlich, sondern für alle Lebensfor­men…

Und auch deine Hilflosigkeit bleibt dieselbe.

Genau wie deine Hoffnung.

Du hoffst auf das Ende.

Dann wirst du den Gegner auslöschen.

Und nie wieder wird dich jemand quälen.

ENDE

Erläuterung: Einmal mehr ziellose Theatralik. Und was die „Auslöschung“ des Gegners angeht… das ist so auch nicht mehr stimmig und war es eigentlich auch 1984 nicht. Aber so war ich damals drauf: schwarz-weiße Kontrastmuster, einfache Konfliktstrukturen, Rache und Vergeltung… also alles das, was ich heu­te zutiefst ablehne, weil es viel zu simpel und naiv gedacht ist.

© by Uwe Lammers

Gifhorn, den 24. Mai 1984

Gedicht Nr. 12

Als Fazit kann man festhalten, dass dieses Gedicht arg angestaubt ist und in we­sentlichen Aussagen, namentlich der Stimmung wegen, heute nicht mehr so funktionieren würde, wie ich das damals verfasst habe. Lasst euch einfach mal überraschen, was als nächstes in dieser Rubrik kommt.

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 93: August 1914

Posted Januar 4th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

vielleicht verdreht ihr die Augen und denkt „Oh Gott, schon wieder der Erste Weltkrieg?“ Möglich ist dies, und ich könnte euch vollkommen verstehen. Den­noch schlage ich vor, ihr verwendet ein wenig Zeit darauf, diesen Rezensions-Blog zu lesen. Das wird euer Nachteil nicht sein und vielleicht ein Interesse wecken, von dem ihr denkt, dass es gar nicht existiert.

Das Buch „August 1914“ zeigt euch einen tiefen Blick auf den Ausbruch des Ers­ten Weltkriegs, wie man ihn in den üblichen Lektionen des Geschichtsunter­richts nicht erhalten kann, und ich bin so verwegen, zu behaupten, dass die Kenntnis dieses Buches auch für die Gegenwart immer noch nützlich ist – weil die von Barbara Tuchman hier differenziert ausgeführten historischen Informa­tionen fundamentale Strukturen offenbaren, die auch in aktuellen Konflikten nach wie vor Geltung besitzen.

Ich sage weiter unten, dass der Erste Weltkrieg prototypisch für Konflikte im 20. Jahrhundert war, in ihrer lang gezogenen, verworrenen, der Logik oftmals wi­dersprechenden Realisierung. Das ist, und das muss man nicht eigens betonen, das bekommt man quasi tagtäglich in den Nachrichten mit, auch heute sympto­matisch für Bürgerkriege, ethnische Konflikte oder etwa den „Krieg gegen den Terrorismus“, den man vermutlich deshalb nicht gewinnen kann, weil hier der Gedanke des Auslöschens des Gegners vor dem Gedanken des Verstehens des Gegners steht. Wer aber schon die Strategie und die Natur des Gegners nicht begriffen hat, der versagt an der selbst gestellten Aufgabe, einen Konflikt zu be­enden.

Dies lässt sich exemplarisch leider auch aus dem „Plan 17“ des französischen Generalstabs und allem, was folgt, lernen. Insofern ist das unten wortreich re­zensierte Buch alles andere als allein historisch und „von gestern“. Es ist brand­aktuell, und so kann es auch gelesen werden.

Stürzt euch in dieses Furcht erregende Abenteuer, Freunde:

August 1914

(OT: The Guns of August)

von Barbara Tuchman

Heyne-Sachbuch 53

(gekürzte Übersetzung)

432 Seiten, 1966

Übersetzt von Grete und Karl-Eberhard Felten

Alles beginnt mit einem Begräbnis, gleichsam dem Abgesang einer ganzen Epo­che – nur weiß von letzterer Tatsache niemand, als im Mai des Jahres 1910 der König Eduard VII. von England zu Grabe getragen wird. Neun Majestäten geben dem Toten das letzte Geleit, gefolgt von fünf Thronerben, vierzig kaiserlichen oder königlichen Hoheiten, sieben Königinnen sowie eine Schar von hohen Würdenträgern aus siebzig Ländern.

König Eduard VII. steht für die Vergangenheit, doch was nun zu Beginn des 20. Jahrhunderts heraufdämmert, ist gleichsam die Götterdämmerung für das Ges­tern, die Geburt eines blutigen Zeitalters, das alle Werte des Einst in Frage stellt und viele von ihnen unwiderruflich zerstampfen wird, im August 1914.

Seit den Tagen des durch Bismarck geschmiedeten Deutschen Reiches preußi­scher Prägung, das seine Adelung im Spiegelsaal zu Versailles im Frühjahr 1871 erlebte, steuert dieses monarchische Europa auf einen Abgrund zu. Der macht­besessene deutsche Kaiser, Wilhelm II., der seinen „Platz an der Sonne“ sucht und seinem Reich Weltgeltung verschaffen will, ist ein schlechter Diplomat und Taktiker. Infolgedessen vollendet er das, was Bismarck zeit seines Lebens zu ver­hindern suchte: die Einkreisung Deutschlands. Dem Duo der im Herzen Europas gelegenen Monarchien Deutschland und Österreich-Ungarn gegenüber steht die Entente, die nichts so sehr fürchtet wie ein starkes, übermächtiges Deut­sches Reich.

Die Franzosen, im Krieg 1870/71 verheerend geschlagen, wissen nur zu gut, dass die Deutschen lediglich auf eine Gelegenheit warten, ihren Sieg zu erneu­ern. Im französischen Generalstab wird in Erwartung eines weiteren Krieges der „Generalplan 17“ entworfen, in dem alle Eventualitäten enthalten sein sollen. Es ist DER Plan für die Zertrümmerung deutscher Machtphantasien, und im Laufe von vielen Jahren, bald Jahrzehnten, wird dieser Plan zur übermächtigen, fixen Idee.

Auf der Gegenseite steht der greise deutsche General Alfred von Schlieffen, der den nach ihm benannten Plan entwickelt, um die französische Gefahr, der er sich sehr wohl bewusst ist – wollen doch die Franzosen das okkupierte El­sass-Lothringen zurückerobern, das gebietet ihnen der Nationalstolz – , ebenfalls endgültig auszuschalten. Der Schlieffen-Plan besitzt indes eine fundamentale Schwäche: er sieht zwingend die Verletzung des neutralen Belgien vor. Aber wenn er funktioniert, so prophezeit Schlieffen, wird nach 39 Kriegstagen Paris fallen. Und den Sieger, so behauptet ein späterer deutscher Politiker, der zum größten Verbrecher seines Jahrhunderts werden soll, frage niemand danach, wie er den Sieg errungen habe…

Beide Pläne werden auf unendlich tragische Weise scheitern, in einem Konflikt, wie ihn die Welt noch niemals gesehen hat.

In drei großen Abschnitten entwickelt die amerikanische Historikern Barbara Tuchman die Geschichte jenes verworrenen, schwierigen und blutigen Konflikts, oder wenigstens der Vorgeschichte und die Schilderung des ersten Kriegsmo­nats (das Buch reicht wirklich nur bis zum 5. September, also bis zum Vorabend der entscheidenden Schlacht an der Marne). Und dennoch reicht dieser Zeit­raum völlig aus, um dem Leser klarzumachen: in diesem Moment war der Krieg im Grunde genommen entschieden. Freilich war das den wenigsten Zeitgenos­sen so präsent. Und wenn sie es ahnten, wurden ihre Ahnungen ignoriert, weg­gefegt von Wunschdenken.

Im ersten Teil – „Pläne“ – werden die oben angedeuteten Pläne entwickelt, in den historischen Kontext und die jeweilige nationale Denksphäre eingebettet. Die Deutschen und Schlieffens Vorstellung eines finalen Sieges über Frankreich (Kapitel 2). Die Franzosen und ihr Plan 17 (Kapitel 3). Die Engländer und das Problem ihrer fehlenden Armee, die Frage, ob sie sich überhaupt einmischen sollen (Kapitel 4). Und dann ist da noch die legendäre „russische Dampfwalze“ (Kapitel 5), die als Kampfmittel der dritten Entente-Macht die ostpreußische Grenze bedrohen kann. Jene Armee, die letzten Endes trotz ihrer Niederlage entscheidende Bedeutung erhält.

Der „Kriegsausbruch“ füllt die nächsten neun Kapitel, Kapitel voller Illusionen und falscher Vorstellungen dessen, was vor ihnen liegt. Nach den tödlichen Schüssen auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sa­rajewo, die lediglich ein Vorwand für das sind, was nun folgt, beginnt eine ver­heerende Maschinerie von Automatismen und Missverständnissen zu rollen.

Österreich-Ungarn ist mit der – an und für sich völlig ausreichenden – Entschul­digung der serbischen Regierung nicht zufrieden und erklärt dem kleinen Land den Krieg. Serbien hat allerdings Entente-Schutzmächte, so, wie auch Öster­reich-Ungarn eine Schutzmacht besitzt: Deutschland.

Ehe sie alle verstehen, was passiert, werden die Kriegserklärungen zugestellt, und zur allgemeinen Überraschung des Lesers ist die Reaktion durchaus nicht allseitiges Entsetzen.

Vielmehr muss man das, was nun kommt, als eine gewisse Form von… ja, fast allseitiger Genugtuung und Zufriedenheit verstehen. Eine seltsame Vorstellung für uns heute Lebende, die wir schaudernd wissen, wohin das führte. Doch ver­gegenwärtigt man sich die damals allgemein vorherrschende Anschauung, ein Krieg „reinige die Luft“ und sei sozusagen alle paar Jahrzehnte einfach „nötig“, gleichsam eine evolutionäre Notwendigkeit, dann wird vieles verständlicher. Ohne dass es deshalb weniger monströs wäre.

Allgemein herrscht überdies die Ansicht, dass der kommende Konflikt eine Neu­auflage des Krieges von 1870/71 sein würde. Jeder könnte, bei genauer Prüfung der Tatsachen, schon vorher ahnen, dass das nicht der Fall ist. Schließlich hat sich die Technik dramatisch weiterentwickelt und die Armeen sind erheblich größer geworden. Aber hier kommt der erste Faktor ins Spiel, der noch blutige Konsequenzen haben wird: Selbstüberschätzung.

Alle Seiten halten sich für hinreichend gerüstet. Jede Seite ist sich sicher, dass ihre Pläne alle Eventualitäten abdecken. Sie sind sich gewiss, dass sie dem Geg­ner in jedem Fall überlegen sind. Das gilt für General Joseph Jacques-Césaire Joffre auf der französischen Seite ebenso wie General Helmuth von Moltke im deutschen Generalstab. Diese Selbstsicherheit überträgt sich auf die Soldaten, und so kommt es zu den sattsam bekannten, irrwitzigen Szenen von Militärkon­vois, deren Insassen lachend und fröhlich an die Front ziehen und fest über­zeugt sind, wieder zu Hause zu sein, „ehe das Laub fällt“. Für viele trifft das zu, allerdings kehren sie (mit Glück) in Särgen wieder heim. Eine Menge anderer Soldaten werden indes auf den Schlachtfeldern Frankreichs im Artilleriebeschuss buchstäblich zermahlen, und auch dies beginnt im August 1914.

Das deutsche Ultimatum an Brüssel ist eine der ersten Überraschungen für die Entente-Verantwortlichen, denn sie kennen den Schlieffen-Plan nicht. Die deut­sche Regierung wird gleich im Gegenzug ebenfalls überrumpelt, denn die Bel­gier denken nicht im Traum daran, den deutschen Armeen freien Durchgang zu gewähren. Sie übergeben auch, als es brenzlig wird, keine ihrer Festungen. Stattdessen leistet das kleine Land erbitterten Widerstand – so erbitterten Wi­derstand, dass bald das Wort vom „Franctireur“ die Runde macht, und die Inva­soren damit beginnen, reihenweise Zivilisten erst zu inhaftieren und dann an die Wand zu stellen. Dörfer und Städte sinken in Schutt und Asche, und Löwen und die berühmte Bibliothek sind nur ein kleiner Teil des grausigen Puzzles, das sich nun über Jahre entfalten und unendliches Leiden über die Menschheit bringen soll.

Schlimmer noch: der belgische König muss erschüttert erfahren, dass General Joffre, den er um Hilfe ersucht, die Anwesenheit deutscher Truppen in Belgien für ein Ablenkungsmanöver hält. Joffre denkt nicht daran, eigene Truppen abzu­stellen, um Belgien zu schützen. Der Grund liegt im Plan 17 des französischen Generalstabs: er zielt darauf, die deutsche Mitte zu durchdringen und tief nach Deutschland vorzustoßen, um dann gleichsam die Armeen des Feindes von hin­ten aufzurollen.

Joffre rechnet nicht mit einem Schlieffen-Plan, und er unterschätzt notorisch die Stärke des Gegners. Aber diese Fehler hält er nicht einmal für möglich: Plan 17 ist unfehlbar, und „was immer der Gegner tut, ist für uns ohne Belang und unwichtig“. Aufklärung ist unbedeutend.

Der Leser schüttelt in ohnmächtigem Entsetzen den Kopf.

Doch dies ist nur ein kleiner Teil des Alptraums August 1914.

Kämpfe“, so der dritte und längste Teil des Buches, führt den Leser unter ande­rem ins Mittelmeer zum Schlachtschiff Goeben und konfrontiert ihn zum ersten Mal intensiv mit den, vorsichtig ausgedrückt, wirren Kommunikationslinien. Im Seeverkehr mag man das ja noch begreifen, aber an Land setzt sich das fort. Im Anfang des Vormarsches der Deutschen und Franzosen, als die Korps noch Kontakt miteinander halten, ist es nicht so ausgeprägt. Aber recht bald geht die Übersicht über das, was an der viele hundert Kilometer langen Front vor sich geht, völlig verloren.

Die belgischen Festungen leisten Widerstand und werden eingekesselt. Sie bin­den deutsche Truppenteile. Und die Belgier vertrauen auf ihre Festungspanze­rungen – ein weiterer schrecklicher Fall von Selbstüberschätzung. Sie erleben eine tödliche Überraschung, als die Deutschen neue Geschütze in Stellung brin­gen…

Die Franzosen lauern derweil darauf, dass die mittleren Armeen stark genug ausgedünnt werden, um den Vorstoß zu wagen. Im Elsass kommt es zu den ers­ten Zusammenstößen von weit überlegenen deutschen Truppen und den un­vorbereiteten französischen Einheiten, deren Schulung nicht einmal das Aushe­ben von Schützengräben enthalten hat. Warum auch? Ihr Motto, das einzige, das General Joffre unterstützt, heißt Élan. Das Voranstürmen mit aufgepflanz­tem Bajonett gilt als heldenhaft und führt zu Tausenden von Opfern, die von deutschen Maschinengewehren sehr unheroisch niedergemäht werden.

Tote, die man Joffre und seiner Sturheit im wesentlichen zuzuschreiben hat.

Dann ist da die Frage des britischen Expeditionskorps.

Mit Sir John French wird ein zwar charismatischer, aber draufgängerischer Sol­dat zum Anführer ernannt. Auf dem Kontinent gelandet, erweist er sich indes plötzlich als das genaue Gegenteil, als jemand nämlich, der tunlichst seine Trup­pen aus dem Kampf generell heraushält, zumal nach dem ersten katastrophalen Zusammenstoß mit den feindlichen Armeen. Ob er damit seine Verbündeten im Stich lässt und in den Tod schickt, scheint unwesentlich zu sein.

Joffre kann French nicht so befehlen wie seinen eigenen Untergebenen, und bald traut selbst der britische Generalstab French nicht mehr – doch können sie ihn nicht abberufen, ohne die Moral der Truppe völlig zu untergraben (Sir John French bleibt bis 1915 Oberbefehlshaber des britischen Kontingents).

In den Feldern und Dörfern von Lothringen, den Ardennen, Charleroi und Mons bricht die französische Offensive auf grauenhafte Weise in sich zusammen, und aus den Trümmern dieser Schlachtfelder, von denen die verletzten Überleben­den geradezu panisch flüchten, desillusioniert und unter Schock stehend, er­hebt sich der Plan 17 nie wieder. Aber es gibt keine Alternativpläne. Von nun an muss improvisiert werden, um die unaufhaltsame Flut der deutschen Armeen irgendwie zurückzudrängen. Nein, nicht zurückzudrängen – aufzuhalten. Einfach nur aufzuhalten!

Die Armeen verlieren auf beiden Seiten den Kontakt miteinander, das gilt auch für die eigenen Armeen untereinander. Sie marschieren in unterschiedlichem Tempo vorwärts oder weichen zurück. Manche, etwa die Briten, pausieren nach tagelangem Rückwärtsmarsch schließlich und lassen sich nicht mehr in die fran­zösischen Pläne einfügen.

General Joffre und die französische Regierung hoffen auf ein Wunder, das sich im fernen Osten ereignen soll, denn dort hat inzwischen die russische Mobilma­chung begonnen und bedroht Ostpreußen.

In Ostpreußen geht der Schreckensruf „Die Kosaken kommen!“ schon längst um, aber Evakuierungspläne gibt es im Grunde genommen keine. Das Ziel des deutschen Generalstabes ist es, auf Zeit zu setzen: die Russen würden viele Wo­chen brauchen, um die Soldaten ihres Riesenreiches zu aktivieren (ein reales Problem), bis dahin sei man mit Frankreich fertig und genügend Armeen stün­den zur Verfügung.

Denkt man.

Bis dahin steht General Hartmann von François mit seinen Truppen zur Verfü­gung, um eventuelle Gegner abzufangen. Gegner, deren Position er nicht kennt, deren Stärke unbekannt ist und deren Pläne schleierhaft sind. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen. Zudem gibt es auch reichlich Reibereien persönli­cher Natur zwischen François und seinen direkten Vorgesetzten, was letzten En­des bei der Schlacht von Gumbinnen zur direkten Befehlsverweigerung führt (womit François allerdings die Schlacht gewinnt). Ähnliches kommt auch an der Westfront vor.

Am 29. August, als sich General Samsonow, der Oberkommandierende der rus­sischen Truppen, in einem Wald bei Tannenberg erschießt, weil er mit den Kon­sequenzen seiner Niederlage nicht mehr leben kann, hoffen die Franzosen nach wie vor darauf, dass die Russen ihnen zu Hilfe kommen. Zum Teil nimmt das ab­struse Formen an, etwa auch in England: hier gibt es ernsthaft Meldungen von Tausenden, ja, Zehntausenden von Kosaken, die heimlich bei Nacht und Nebel quer durch Schottland transportiert werden, um an der französischen Front eingesetzt zu werden: „Ein Einwohner von Aberdeen, Sir Stuart Coats, schrieb seinem Schwager in Amerika, 125.000 Kosaken seien in Pertshire über seinen Grund marschiert. Ein aktiver englischer Offizier versicherte Freunden, 70.000 Russen seien unter ‚strengster Geheimhaltung‘ über England an die Westfront gegangen. Nachdem man erst von 500.000, dann von 250.000, später von 125.000 gesprochen hatte, blieb es schließlich bei 70.000 bis 80.000, also einer dem eigenen Expeditionskorps genau entsprechenden Zahl. Die Geschichte verbreitete sich nur von Mund zu Mund, denn infolge der offiziellen Zensur kam nichts in die Zeitungen – außer in den Vereinigten Staaten…“

Phantomrussen, die es niemals gab.

Und schließlich, kaum vier Wochen nach Beginn der Kämpfe, ist General Joffre bereit, Paris aufzugeben und die Truppen an der Seine hinter Paris neu zu for­mieren. Er lässt General Joseph-Simon Gallieni, den neuen Oberkommandieren­den von Paris im Stich, die Einwohner der Hauptstadt flüchten in Scharen. Die Regierung wird nach Bordeaux evakuiert.

Und Gallieni gibt am 5. September 1914 desillusioniert einen Geheimbefehl an die Distriktkommandeure von Paris heraus: „…sie sollten alle Einrichtungen ih­res Bezirks melden, die zerstört werden müßten, ehe sie in die Hände des Fein­des fielen. Selbst Brücken im Herzen der Stadt wie der Pont Neuf und der Pont Alexandre sollten gesprengt werden. Zu General Hirschauer sagte er, wenn der Feind durchbrechen sollte, müsse er ‚einen leeren Raum‘ vor sich haben…“

Man stelle sich das vor: Paris als „leerer Raum“, eine brandgeschwärzte Schutt­wüste, vergleichbar dem Moskau, in das Napoleon 1812 einmarschieren wollte. Der Louvre ein Raub der Flammen inklusive allem, was er enthält, Notre Dame ein ausgebranntes Gerippe… man mag es sich nicht ausmalen.

Der Grat zwischen kontrafaktischer Spekulation und der realen Wirklichkeit ist in diesem Fall gefährlich schmal, und es ist bestürzend, sich auszumalen, was passiert wäre, wenn nicht zwei deutsche Armeekorps nach Tannenberg abge­stellt worden wären. Was geschehen wäre, wenn die Kommunikation besser funktioniert hätte. Wenn die Oberkommandierenden der einzelnen Armeeteile besser miteinander interagiert und die „Chemie gestimmt“ hätte, wie man gerne sagt.

Vieles von den Ereignissen, die in diesem Buch akribisch beschrieben werden, ist heute vergessen. Der Erste Weltkrieg und besonders sein Ausbruch, das ist etwas, das schon im Dämmer der Vergangenheit verblasst und bedeutungslos scheint. Doch in diesem Konflikt zerbrach nicht nur das militärische Ethos des 19. Jahrhunderts, die Vorstellung von prächtigen militärischen Siegen zu Pferd, von heldenhaft vorwärtsstürmenden, dem Tod trotzenden Soldaten. In diesem Konflikt zerbrach vor allen Dingen das Bild, ein Krieg sei eine kurze, schnell zu führende Auseinandersetzung, in der es besonders auf die klare Planerfüllung ankomme, der im Generalstabsquartier am „grünen Tisch“ entwickelt wird.

Die Kriege des 20. Jahrhunderts, und dieser war der erste, in dem man es bei­spielhaft sah, erwiesen sich letztlich als wirr, durchzogen von Undurchschaubar­keiten und Zufällen, in denen Selbstüberschätzung und mangelnde Aufklärung zum absoluten Desaster führten. Barbara Tuchmans große Stärke ist die knappe, pointierte Darstellung der wesentlichen Protagonisten dieses Kampfes, die mit­unter gnadenlose Einarbeitung zeitgenössischer Zitate und das Ausrollen eines grandiosen Panoramas von atmosphärisch dichten Schilderungen und Stim­mungen. Zusätzlich vernetzt sie alles miteinander und entwickelt so einen dia­chronen Blick auf die Ereignisse, bei denen insbesondere die Personen selbst und ihre Erwartungen ausschlaggebende Faktoren darstellen. So belebt sie auf ausgesprochen faszinierende Weise die Vergangenheit von neuem.

Der ungläubige Leser, der den Ersten Weltkrieg im wesentlichen nur aus arg re­duktionistischen Darstellungen in Geschichtsbüchern kennt, erlebt hier einen scheinbar bekannten Krieg aus völlig anderer Perspektive. Seine Erwartungen werden ständig in die Irre geführt, und durch die minutiöse Aufarbeitung der Geschehnisse, denen die Autorin nicht vorgreift, ist es beinahe, als lese man einen historischen Roman oder folge der Kamera eines Regisseurs bis in die vor­dersten Reihen des Kampfes. Es ist ein beängstigendes, beeindruckendes Erleb­nis. Das Buch ist zu Recht ein Klassiker der Geschichtswissenschaft, der aus gu­tem Grund noch heute zur Pflichtlektüre derjenigen gehört, die sich über den Ersten Weltkrieg informieren möchten.

Leider kann man das von heutigen Werken manchmal nicht mehr sagen. So muss ich bedauerlicherweise konstatieren, dass ich beim Nachschlagen man­cher Namen und Begriffe während meiner Tuchman-Lektüre doch ein wenig enttäuscht war von der „Enzyklopädie Erster Weltkrieg“.1

Weshalb?

Nun, die von mir festgestellten Lücken in Hinblick auf die Schlacht von Gumbin­nen und General von François sind vermutlich nur einige wenige von denen, die in diesem über tausendseitigen Werk zu finden sind. Wäre es, so meine kriti­sche Frage, denn zuviel gewesen, einen Anhang zu bringen mit den wichtigen Schlachten und den bedeutenden Generälen und Offizieren, damit hier nicht wieder nur „Tannenberg, Tannenberg, Hindenburg, Hindenburg, Ludendorff“ re­petiert wird? In Ostpreußen passierte noch mehr als nur das, und wer die Tuch­man liest, bekommt das gut mit.

Dasselbe widerfährt uns bei Sir John French und der sehr ambivalenten Rolle, die er besonders im August 1914 spielte. Davon beispielsweise, dass French sein schlussendliches Versagen, das Tausende von französischen Soldaten das Leben kostete, noch unmittelbar während des Krieges selbst als jene Hilfe um­deutete, ohne die Frankreich untergegangen wäre (was man nur als glatte Lüge interpretieren kann, die den Zeitgenossen auch durchaus bewusst war), ist in dem kurzen biografischen Eintrag in der Enzyklopädie keine Rede. Er liest sich ohnehin mehr wie eine Hagiografie. Es mag bei zahlreichen anderen Einträgen ebenso sein.

Es ist also bedauerlich, dass die Enzyklopädie in wesentlichen inhaltlichen Punkten hinter einen Stand zurückfällt, der vor 40 Jahren bereits öffentlich er­reicht war. Wiewohl die Enzyklopädie natürlich unmöglich alle Ereignisse, Per­sonen oder Details des monumentalen Ersten Weltkrieges bringen kann, dafür geschah einfach viel zuviel, erhält doch der Glanz dieser großen Fleißarbeit ein paar hässliche Schrammen, wenn man genauer nachrecherchiert.

Wer also die Enzyklopädie Erster Weltkrieg sein eigen nennen sollte, ist gut be­raten, nicht alles, was darin steht, für bare Münze zu nehmen und zudem, wenn er sehr packende und historisch zutreffende Beschreibungen des Konflikts wünscht, zusätzlich auf das alte, aber noch immer wunderbare und mit Gewinn zu lesende Buch von Barbara Tuchman zurückzugreifen.

Wie gesagt, es ist zu Recht ein Klassiker. Und wer immer den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und die Nazizeit verstehen möchte, sollte es unbedingt lesen.

© by Uwe Lammers, 2005

Puh, das waren viele Worte, zugegeben. Und harte Kost, auch das will ich gern eingestehen. In der nächsten Woche geleite ich euch zurück auf die phantasti­sche Sechseck-Welt, dann wird es etwas ruhiger und weniger umfänglich, ver­sprochen!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003.

Liebe Freunde des OSM,

ich habe eine ganze Weile darüber nachgegrübelt, was ich euch heute als Schmankerl anlässlich meines 200. Blogartikels präsentieren könnte, und ihr versteht sicher, dass ich mir vornahm, hier etwas ganz Besonderes zu bringen… meiner Ansicht nach ist das gelungen. Nachfolgend entdeckt ihr einen Text, des­sen inhaltliche Tiefen euch vermutlich erst in ein paar Jahren in voller Konse­quenz deutlich werden dürften, wenn ihr wesentlich mehr Wissensinput über meine „Kosmologie“-Beiträge bekommen habt. Der vorliegende Text geht sehr weit über das hinaus, was euch bislang schon bekannt ist, er enthält aber nahe­zu nur Dinge, die mir bereits längst präsent und lange vertraut sind.

Damit könnt ihr ein wenig besser ermessen, was euch im Rahmen des Oki Stan­wer Mythos noch für faszinierende und teilweise verstörende Entdeckungen er­warten, im Bereich der Kosmologie wie auch auf anderen Feldern. Natürlich bleibe ich, das ist einfach der Länge des Beitrags geschuldet, in vielen Bereichen sehr vage. Aber ihr werft hier Blicke über einen Zeitraum von über 140 Milliar­den Handlungsjahren, also quasi über die gesamte für mich derzeit sichtbare Dimension des OSM. Und ich bin mal sehr gespannt, was ihr dazu zu sagen habt.

Der Beitrag ist ursprünglich vor mehr als zehn Jahren in dem Fanzine FAN (Futu­rian Amateur News) erschienen, dort leider nur sehr mäßig kommentiert wor­den. Ich hoffe, dass ich hier und jetzt ein passenderes Auditorium für diese Ge­danken gefunden habe. Die FAN-Verweise sind für euch vermutlich kryptisch, weil dieses Fanzine nur in sehr geringer Auflage erscheint. Aber ich habe sie dennoch so belassen und nur marginale Änderungen herbeigeführt, die mir sinnvoll erschienen.

Stürzt euch also in das Abenteuer meiner Hypothese, wie der Oki Stanwer My­thos – vielleicht – das Rätsel der „dunklen Materie“ und „dunklen Energie“ lö­sen könnte… sofern sie denn existiert. Ich bin davon aktuell nach wie vor nicht überzeugt, sondern behandle diese Substanzen derzeit mit der Skepsis, mit der man etwa auch Einsteins legendäre „kosmologische Konstante“ behandeln soll­te – einen Faktor, der eingeführt wurde, um ein „steady state“-Universum zu bestätigen. Einstein erkannte nachher selbst, dass dieser Faktor keine rechte Grundlage hatte. Vielleicht wird es einst mit der „dunklen Materie“ und „dunklen Energie“ ganz genauso kommen… das können wir aktuell noch nicht absehen.

Aber vielleicht gibt es sie auch tatsächlich. Und dann solltet ihr euch an meine folgenden Worte entsinnen:

Was wäre, wenn der OSM das Rätsel der „dunklen Materie“ lösen hülfe?1

Manche Erkenntnisse überkommen mich bisweilen wie die Blitzschläge des Zeus, die einst die arglosen Sterblichen niederstreckten. Dann beginnt mein Kopf zu schmerzen, und ich bin vorübergehend keiner klaren Gedanken fähig. Eine fassungslose Atemlosigkeit überkommt mich, und ich bin froh, dass solche Momente mich stets nur dann ereilen, wenn ich alleine bin. Man könnte mei­nen, die Musen der Inspiration küssten lediglich dann, wenn man ungestört ist.

Gut so.

Heute überkam mich nach einem langen Arbeitstag, den ich unplanmäßig in Hornburg am Harz zubrachte – ich war zu einem Treffen der Wolfenbütteler Heimatpfleger eingeladen worden und dachte nun wahrhaftig mehr an mein Projekt zum Ersten Weltkrieg als an den OSM – , wieder eine solche Erkenntnis, Vision… wie immer man es nennen möchte.

Sie knüpfte auf atemberaubend plausible Weise an etwas an, was mir schon seit einigen Wochen durch den Kopf ging, den Weg aufs Papier jedoch noch nicht fand. Doch heute ist der Zeitpunkt günstig, die Gedanken zu kondensie­ren. Es geht um ein Problem der Kosmologie, das ich jüngst im Diskussionspart von HISTORIKERZEIT #1 ansprach (FAN 74) und das sich auf das Faszinierendste mit einem seit etwa dreiundzwanzig Realjahren ungeklärten Rätsel des Oki Stanwer Mythos (OSM) verbinden lässt. Die Konsequenzen sind Gänsehaut er­zeugend, wenigstens für mich. Vielleicht kann ich das ein wenig klarer machen:

Was wäre, wenn der OSM eine Lösung für das astrophysikalische Problem der dunklen Materie böte, und zwar eine überreichliche Kompensation?

1) Kosmologische Grundlagen:

Irgendetwas da draußen hält Schwärme von Galaxien zusammen und verhin­dert, dass einzelne Sterne ausreißen, aber die Wissenschaftler wissen noch nicht, worum es sich bei dieser Substanz handelt. Sie nennen dieses kosmische Gerüst dunkle Materie. Astronomen glauben, dass sich die Galaxien an den dichtesten Punkten dieser netzartigen Struktur gebildet haben und dass die dunkle Materie sie mit ihrer Schwerkraft festhält.

Einen Hinweis auf die Existenz der dunklen Materie liefert die Beobachtung von Sternen an den äußeren Rändern der Galaxien: sie bewegen sich mit Geschwin­digkeiten fort, die sie nie erreichen könnten, wenn nur sichtbare Masse… auf sie wirken würde. Astronomen haben die unsichtbare Substanz mit Hilfe eines Ef­fekts ausgemacht, der von Einstein vorausgesagt wurde:

Die dunkle Materie krümmt die Raumzeit und beugt so die Lichtstrahlen von Sternen und Galaxien. 90 Prozent der gesamten Materie des Universums gehö­ren angeblich zur nicht sichtbaren dunklen Materie.“2

So existiert seit den Tagen, da Albert Einstein vor rund 100 Jahren unser Ver­ständnis des Universums umstülpte und Isaac Newtons Ansichten revolutionier­te, ein Problem der heutigen Astrophysiker und Kosmologen. Der Kosmos be­sitzt, wenn man nur die sichtbare Materie in Sterneninseln und einzelnen Sys­temballungen einbezieht, offensichtlich viel zu geringe Masse, um die Beschleu­nigung der Galaxien zu bewirken und um alles zusammenzuhalten.

Es muss also, wenn diese Kosmologie stimmt, einen Faktor geben, der unsicht­bar ist und den man beispielsweise in Neutrinos gesucht hat. Hier spricht aller­dings die bislang festgestellte und hochgerechnete Zahl an Neutrinos mit ihrer geringen Materie noch dagegen, dass dies die einzig sinnvolle Lösung ist.

Es gibt noch eine exotische Möglichkeit, wie der Kosmos seine Stabilität erhal­ten kann, doch um dies zu verstehen, muss ich ein wenig ausholen und die Grundzüge des Oki Stanwer Mythos darlegen.

2) Der Anfang des OSM:

In grauer Vorzeit bestand die Welt des Oki Stanwer Mythos nur aus reiner Ener­gie. Diese diffuse Energie entwickelte aus ungeklärten Gründen heraus irgend­wann eine subtile Form von Eigenbewusstsein und begann schließlich, die Grundlagen für materielle Formen zu legen, anfangs für unbelebte, später für belebte Dinge.3

Viele hundert Millionen Jahre später, als sich sternenreisende Intelligenzen ent­wickelt hatten, formte sich das Volk der Baumeister, die es lernten, mit der energetischen Basis allen Seins, der so genannte Matrix, umzugehen. Aufgrund von Katastrophen, die heute ins Dunkel der Vergessenheit verbannt sind und an denen zu rühren die sofortige Vernichtung nach sich zieht, kam es dazu, dass die Baumeister gerade über etwa zehn Prozent der ursprünglichen universellen Energien verfügen konnten und diese in dreiunddreißig Raster pressten, mit de­ren Hilfe sie nach und nach jeweils ein Universum realisierten.

Doch es gab eine Bedrohung für ihre Pläne – einen monströsen Planeten na­mens TOTAM, der äußerlich aussah wie ein schwarzer Kristallklumpen. Aber er war etwas völlig anderes. Er war nicht einmal Materie, und er war alles andere als begreifbar.

Viele Millionen von Jahren lang war TOTAM völlig unverständlich, die Baumeis­ter konnten nicht einmal entscheiden, ob TOTAM lebendig oder tot war oder in einem irgendwie gearteten dritten Zustand verweilte. Als sie schließlich ver­standen, dass TOTAM durchaus lebendig war, wenn auch auf eine sehr unheim­liche Art und Weise, da war es längst zu spät für Gegenmaßnahmen.

TOTAM bildete einen allmählich erkaltenden, kristallisierenden Gegenpol zu den Regenten der Baumeister, den Sieben Lichtmächten. Sehr viel später ange­stellte Forschungen ergaben zur Bestürzung der Baumeister Fakten, die mit den Naturgesetzen in absolut keiner vernünftigen Relation standen:

TOTAM enthielt offensichtlich den fehlenden Energiegehalt von neunzig Pro­zent, der zur Urquantität von Primärenergie noch fehlte. Mithin enthielt TOTAM die Materie von wenigstens rund dreihundert Universen, und das komprimiert auf dem Punkt eines einzigen Planeten.

Der alleinige Zustand TOTAMS war von daher ein Rätsel. Wo blieb der giganti­sche Gravitationsdruck, der den Planeten zu einem Nichts komprimieren muss­te? Warum riss TOTAMS alleinige Existenz nicht ein derartiges Loch in den Kos­mos, dass alles auf der Stelle verschlungen wurde? Wie war es überhaupt denk­bar, dass TOTAM über so etwas wie Bewohner verfügte?

Bis die Baumeister realisierten, dass TOTAM eine Zusammenballung von dimen­sionalen Feldern war, von Mikroversen, die nach außen hin den Eindruck von Materie machten, und dass die Gravitationseffekte sowohl von der Abschottung TOTAMS von den universellen Matrixlinien der Fadenmatrix abgelenkt wurden wie auch von einer nichteuklidischen, nach innen gerichteten Geometrie, dau­erte es sehr viel länger.

Spätestens im KONFLIKT 44 wurde erkennbar, dass dieser Abschottungseffekt porös wurde. TOTAM schickte sich an, Teil des normalen Universums zu wer­den. Und damit kam das Grauen in die Welt.

3) Knochenstraßen und Totenköpfe:

Im 4. KONFLIKT erprobte TOTAM eine neue Form der Kampfführung gegen das Licht, inkarniert durch die Lichtmächte und die Baumeister sowie Oki Stanwer. Diese neuen Kämpfer waren so genannte Totenköpfe, Wesen in der Gestalt ske­lettierter Humanoider, die vollständig aus TOTAM-Kristall geschaffen waren und sich als nahezu unzerstörbar erwiesen.

Das Licht verlor den KONFLIKT 4 auf katastrophale, traumatische Weise, beina­he noch schlimmer als einst den KONFLIKT 2.5 In den nächsten Universen, die nacheinander realisiert wurden, verschlimmerte sich dieser Effekt noch: TO­TAMS Annäherung an den Kosmos verstärkte sich, und schließlich gingen von der „Welt des Bösen“, wie der schwarze Kristallplanet inzwischen genannt wur­de, immaterielle Pfade ab, die später Knochenstraßen genannt wurden.

Fußend auf Forschungen des toten Baumeisters Quin, der im KONFLIKT 2 der wahnhaft scheinenden Idee einer „Seele“ nachgegangen war, die inzwischen als längst erwiesen galt und jedem intelligenten Wesen innewohnte, gelang es TO­TAM mit Hilfe der Knochenstraßen, die Seelen Sterbender einzufangen und über die Knochenstraßen nach TOTAM zu saugen, wo sie durch schwarze Kris­talltore materialisierten und in Gestalt von Totenköpfen wieder erschienen – TOTAMS Standardkampftruppen, die nur scheinbar aus Gebein bestanden, in Wahrheit aber aus metamorphiertem TOTAM-Kristall.6

4) Gegenmaßnahmen und der MAGNET-EFFEKT:

Die Bediensteten des Lichts, inzwischen durch die sieben Helfer des Lichts um Oki Stanwer, die siebzehn Ritter vom Goldkristall und die Gruppe der Matrixko­ordinatoren sowie zahlreiche künstliche Hilfsvölker (wie die CROMOS, die Grau­häutigen, die Sternenfeen7 oder auch die All-Hüter) erweitert, suchten weiter­hin fieberhaft nach einer Möglichkeit, TOTAM beizukommen. Es ist nicht über­liefert, wann es erstmals gelang, ein Kommandounternehmen direkt nach TO­TAM zu schicken, zum neu entstandenen Kräftezentrum, dem TURM TOTAMS.

Hier befand sich jedenfalls etwas, das äußerlich nach einem altmodischen Foli­anten aus dem irdischen Mittelalter aussah – das so genannte BUCH, das später als Katalysator TOTAMS erkannt wurde. Interessanterweise war es sehr anfällig für hochenergetische Zerstörung, und als es vernichtet werden konnte, war der Effekt, der eintrat, höchst dramatisch und wirkungsvoll – der Planet TOTAM zer­barst in einer kataklysmischen Reaktion und sprengte sich ganz ohne Feuer ge­wissermaßen von selbst in die Luft. Es schien, als würde durch die Zerstörung des BUCHES eine Abstoßungsreaktion in Gang gesetzt werden, die die kristallinen Trümmer TOTAMS durch weite kosmische Regionen streute.

Die Erleichterung der Lichtmacht-Bediensteten war verständlicherweise groß. Und sie kam viel zu früh.

Die Freude hatte eine kurze Halbwertszeit: mit steigendem Entsetzen mussten die Baumeister schon bald darauf erkennen, dass sich die Trümmerstücke ver­langsamten… und schließlich sogar ihren Kurs um 180° änderten und zum Ur­sprung der Explosion zurückstrebten. Binnen weniger Wochen fügte sich TOTAM von neuem so zusammen, als habe sich die Explosion überhaupt nicht ereignet. Die heimkehrenden Trümmer konnten durch nichts von der Rückkehr abgehal­ten werden.

Der MAGNET-EFFEKT war entdeckt, der den Triumph des Lichts in einen Pyr­rhussieg verwandelte.8

5) Fortgang bis KONFLIKT 23 (in extremer Kürze):

Von da an wurde der KONFLIKT ein blutiges Gemetzel, ein unerbittliches Aufrüs­ten beider Seiten in dem fanatischen Drang, die Vorherrschaft zu erlangen und die Gegenseite auszulöschen. Erst im 23. Universum, als die Fronten aufweich­ten, die schwarze Matrix und die TASSYJAARE entdeckt wurden und die Ord­nung TOTAMS aufbrach, schien die Macht des MAGNET-EFFEKTES gebrochen.

Als TOTAM diesmal zerbarst, geschah es ohne äußeren Anlass9, und die teilwei­se kilometergroßen Trümmerstücke verteilten sich im gesamten Universum und bildeten nun die markanten Wegstücke eines neuen Netzes – der so genannten Neuen Knochenstraßen.10 Dass das der Anfang vom absoluten Ende war, wurde den meisten Beteiligten erst viel zu spät klar.

Inzwischen fehlte es an der regulierenden Hand der Baumeister, denn sie waren inzwischen ausgestorben – die Kämpfer des Lichts, die nun das Kommando übernahmen, besaßen nicht genügend Flexibilität, um die neue Lage vernünftig einzuschätzen, und die schrecklichen Krisen der folgenden Universen waren die Folge. Das soll aber hier nicht weiter thematisiert werden, da es auf einen älte­ren Aspekt ankommt.

6) TOTAM, MAGNET-EFFEKT und Gravitation:

Der Gedanke, der mir vorhin kam, hat mit diesem Komplex zu tun. Wenn man hypothetisch davon ausgeht, dass die „dunkle Materie“ unsichtbar zu sein scheint, kann es auch sein, dass sie lediglich an einem „unmöglichen Punkt“ des Kosmos geballt ist und daher keine wie auch immer geartete Gravitationslinse erzeugt, die ihre Existenz verrät.

Nehmen wir an, TOTAMS Eigenmaterie, die ja auf den Punkt eines einzelnen Planeten gebannt ist, wäre der Kern dieser „dunklen Materie“. Von der Masse würde sogar der fehlende Wert der kosmologischen Konstante überkompen­siert werden, und zwar in sehr beachtlicher Weise. Durch die dimensionale Ver­faltung TOTAMS und die gravitatorische Differenz, die durch den Widerspruch an Masse und Volumen sowie universeller Stabilität entsteht, wäre es denkbar, dass lediglich soviel Masse „fokussiert“ in unser Universum gerichtet bleibt, wie nötig ist, um ihm Stabilität zu verleihen.

Und wenn das denkbar erscheint – wie ist es dann mit dem Gedanken, die Kno­chenstraßen als „Gravitationsanker“ zu denken, die nicht nur die feinstofflichen Seelen der Fadenmatrix anziehen11, sondern eben auch andere Materieteil­chen? Bei der durch die Knochenstraßen subtil wirkenden Gravitationswirkung ist es plausibel, anzunehmen, sie könnten die Galaxiendrift ebenso bewirken wie TOTAMS Massekompensation die Stabilität der bestehenden baryonischen Materie bewirkte.

7) Konklusion:

Ich kann diese Worte natürlich nicht beweisen. Was ich geäußert habe, ist ledig­lich die jüngste, im Rahmen meines OSM-Weltmodells entstandene Spekulati­on, die sich aber beängstigend gut mit meinem bisherigen astrophysikalischen Wissen und dem, was ich über TOTAM weiß, in Deckung bringen lässt. Das heißt dennoch nicht, dass dies die absolute und vollständige Wahrheit ist. Ich bin ein fehlbares Wesen, und es ist natürlich sehr gut möglich, dass die Darstellung lo­gische Schwächen und Untiefen der Argumentation enthält, die mir nicht aufge­fallen sind. Eine Diskussion wäre hier für mich sehr hilfreich.

Doch gesetzt den Fall, dieses Modell besitzt eine gewisse Plausibilität: ich glau­be nicht, dass dies ein angenehmes Universum wäre, in dem wir lebten. Erin­nert euch, ich sagte jüngst12, ich hoffte, wir würden in einem vom KONFLIKT un­behelligten Universum leben. Sollten meine Hypothesen jedoch zutreffen, wä­ren wir mitten im KONFLIKT. Und es brauchte uns nicht zu wundern, wenn es ir­gendwann schwarze Kristallmonolithe vom Himmel regnete und die Toten aus ihren Gräbern auferstehen würden, um im Dienste TOTAMS gegen die Leben­den anzutreten.

Dagegen ist selbst die Apokalypse des Johannes eine freundliche Vision…

© by Uwe Lammers, 2005

Tja, meine Freunde, und das ist nur ein wenig ein Blick auf die Spitze des kos­mologischen Eisbergs, ein atemberaubender Blick auf die ferne Zukunft. Viele der oben genannten Wesen sind euch noch gar nicht bekannt. Dass ein macht­volles Volk wie die Baumeister aussterben kann, ist für euch noch eine schier unbegreifliche Bemerkung – von ihrem nebelhaften und problematischen Ent­stehungsprozess sei an dieser Stelle geschwiegen.

Und wenngleich ihr inzwischen Kenntnis von den Kristall-Totenköpfen und ihren Nachfolgern, den Totenköpfen, von TOTAMS Kriegerebenen und vielem mehr habt… sehr vieles muss aktuell noch nebelhaft sein.

Da ist es vielleicht ein bisschen erholsam, wenn ich in der kommenden Woche den Beginn einer sehr viel entspannteren neuen Rubrik meiner Blogartikel an­kündige. Sie ist in gewisser Weise die Nachfolge der Reihe „Der OSM im Bild“ und ähnlich überschaubar in ihrer Längendimension. Dort werde ich mich um den „OSM in Gedichtform“ kümmern – und notwendig ein paar kosmologische Details über euch noch unbekannte Universen einarbeiten.

Seid gespannt, Freunde, ich glaube, das wird eine interessante Veranstaltung.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Dieser Essay hat seinen ursprünglichen Platz im OSM-Newsletter #1 (FAN 75, Sommer 2006). Er ist im November 2005 ent­standen.

2 Vgl. National Geographic Mai 2005, S. 127.

3 Vgl. beizeiten dazu die Story „Aktion TOTAMS Ende“, 1989 (unpubliziert).

4 Vgl. dazu beizeiten die OSM-Ebene „Oki Stanwer – Der Insel-Regent“ (IR). Erste Vorinfor­mationen über das so genannte INSEL-Imperium können in den E-Books „In der Hölle“ (2013) und „Jaleenas zweites Leben“ (2016) gewonnen werden.

5 Vgl. dazu den Fortgang der OSM-Ebene „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI).

6 Vgl. hierzu sehr prägnant die Schilderung eines frischgebackenen Totenkopfs in der Story „Heimweh“, publiziert im EXTERRA des SFC UNIVERSUM (Ausgabe 30, Juli 2005, und Aus­gabe 31, November 2005), jüngst außerdem publiziert im E-Book „Als Tiyaani noch ein Kind war…“ (2016).

7 Vgl. zu den Sternenfeen das E-Book „Die schamlose Frau“ (2015).

8 Die erste überlieferte Aufzeichnung des MAGNET-EFFEKTS findet sich in Band 11 der ers­ten OSM-Serie „Oki Stanwer“ (1981-1984): TOTAMS ENDE, ca. 1982.

9 Vgl. dazu beizeiten OSM-Ebene „Oki Stanwer – Der Dämonenjäger“ (DDj), (1988-1994).

10 Vgl. dazu beizeiten die OSM-Ebene „Oki Stanwer – Der Neutralkrieger“ (NK), begonnen 1994.

11 Vgl. hierzu meinen Leserbrief in FAN 73.

12 Vgl. HISTORIKERZEIT #1, FAN 74

Silvesterblog 2016

Posted Dezember 31st, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wie schon im vergangenen Jahr möchte ich mich sehr herzlich bei all meinen Le­serinnen und Lesern für ihr Interesse bedanken, die sie meinen Werken im E-Book-Format bzw. in meinen beiden Blogformaten entgegengebracht haben. Selbst wenn ich aus Zeitgründen nicht dazu komme, auf die zahlreichen Kommen­tare zu antworten, die monatlich eingehen, heißt das absolut nicht, dass ich sie nicht zur Kenntnis nehme. Das geschieht sehr wohl, und ich freue mich auch weiterhin über jedes Feedback, das dort eingeht.

Generell habe ich das Gefühl, dass die Kenntnis meiner Webpräsenz und mei­ner Beiträge nach und nach weitere Kreise zieht. Die starke Besucherfrequenz, derer sich meine Homepage erfreut, spricht da meiner Ansicht nach Bände. Und diese Aufmerksamkeit hilft mir selbst sehr, auch in schwierigen Zeiten an mei­nen Plänen festzuhalten.

Schwierige Zeiten beschreiben recht genau meine Situation im zurückliegenden Jahr 2016. Ihr wisst aus meinen Äußerungen, dass ich auch im zur Neige gehen­den Jahr mit den Folgen des Ablebens meiner lieben Mutter zu kämpfen hatte. Die ganzen Verzögerungen im juristischen Ablauf der Erbschaftsregelung haben mich bisweilen sehr abgelenkt. Die schöne Chance, an der Universität intensiver an einem anspruchsvollen Projekt mitarbeiten zu können, hatte positive wie einschränkende Rückkopplungseffekte. Sicherere finanzielle Basis einerseits, weniger Gelegenheit und freie Zeit für das Schreiben… letzteres hat sich dann sehr retardierend auf das E-Book-Programm ausgewirkt.

Es liegt mir dennoch fern, mich darüber zu beklagen – mit solchen Umständen muss ich eben leben. Vielmehr finde ich mich aktuell in der Situation, in der sich die weitaus meisten deutschen Autoren befinden: das Schreiben allein er­nährt die allerwenigsten, sie sind üblicherweise auf einen Brotjob angewiesen, um ihr ökonomisches Überleben zu erwirtschaften.

Auch das Jahr 2016 brachte zahlreiche Eintrübungen: schwere Krankheiten von guten Freunden, um die ich mir z. T. aktuell immer noch ernste Sorgen zu ma­chen habe… einige traurige Todesfälle, die wohl an Zahl noch zunehmen wer­den, da ich eben eine Menge recht betagter Freundinnen und Freunde habe. Vielfältige Termine haben sich zerschlagen, auf der anderen Seite ergaben sich aber auch eine Reihe schöner Gelegenheiten.

Nennen möchte ich an dieser Stelle mehrere Lesungen, die ich realisieren konn­te. Dann gelang es im Oktober auch, zwei alte Träume Wahrheit werden lassen – einmal die legendäre Frankfurter Buchmesse zu besuchen und in diesem Zu­sammenhang dann erstmals auch den Buchmesse-Con in Dreieich… das war eine phantastische Erfahrung. Ich zweifle daran, dass das 2017 wieder gelingt, da werde ich zeitlich zu sehr eingeschränkt sein. Vielleicht 2018 erneut, es steht auf meiner Agenda.

Gerade in diesen Tagen, da ich an diesem Silvesterblog arbeite, freue ich mich außerdem auf ein ganz besonderes Jubiläum im kleinen Rahmen: Ich bin ja seit über zehn Jahren der Chefredakteur des monatlich erscheinenden Fanzines „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA) des Science Fiction-Clubs Baden-Würt­temberg (SFCBW). Und Anfang Januar 2017 wird der Band 400 unseres Maga­zins erscheinen – eine prachtvolle Ausgabe mit farbigem Rundumcover, 108 Sei­ten Umfang und einer tollen Bildergalerie darin. Wer neugierig geworden ist, kann sich das Cover in der Bildergalerie auf meinem Autorenprofil bei Amazon AuthorCentral ansehen. Bestellt werden kann das Heft bei unserer Kassenwar­tin Claudia Höfs (sfcbwkasse@online.de).

Ich möchte an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass sich diese Investition für alle Leser des Oki Stanwer Mythos lohnt – denn in BWA 400 beginnt der Er­stabdruck eines langen OSM-Romans, der den Titel „Die Totenköpfe 1: Die Alte Armee“ trägt. Er spielt zwar im KONFLIKT 21, den ich in der Serie „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL) seit 1988 verfolge und thematisiere und der für euch noch nicht veröffentlicht worden ist… aber der Roman, der erst in einer Reihe von Jahren als E-Book erscheinen dürfte, hat sehr viele Verbindungspfade zu Werken und Kontexten, die ihr schon kennt.

Es sei nur angedeutet, dass ihr dort Näheres zur INSEL (KONFLIKT 4) erfahren werdet, und in diesem Universum handelten ja die „Annalen“-Bände „In der Hölle“ und „Jaleenas zweites Leben“. Außerdem gibt es Verbindungen zu der Story „Heimweh“ und zu dem in Arbeit befindlichen 6. „Annalen“-Band, der hoffentlich im Frühjahr 2017 erscheinen wird.

Es ist ein spannender Roman voller faszinierender Crossover-Ideen, die in den kommenden Jahren noch deutlicher für euch hervortreten werden, wenn ihr mehr vom Oki Stanwer Mythos zu lesen bekommt. Ich kann euch die Lektüre also nur wärmstens ans Herz legen. Generell ist das BWA immer ein Experimen­tierfeld und eine Publikationsfläche für OSM-Geschichten vor ihrer überarbeite­ten Veröffentlichung im E-Book-Format.

Auch dieses Jahr will ich sehr herzlich an all die hilfreichen engen Freunde den­ken, die mir dabei Unterstützung zukommen ließen, die Veröffentlichung mei­ner Werke zu forcieren, allen voran natürlich Lars Vollbrecht, dessen Fähigkei­ten für die Titelbildgestaltung unverzichtbar sind. In jüngster Zeit sind wir wie­der gemeinsam dabei, Titelbilder zu generieren, und ich habe kürzlich dafür so­gar einen zehn Jahre alten Kontakt erfolgreich reaktiviert… dazu sage ich sicher­lich anno 2017 noch mehr.

Was genau ist also, um der Rückschau Genüge zu tun, im zurückliegenden Jahr alles für euch wieder zugänglich geworden? Nun, offenkundig ist, dass die Blog­artikelreihen – der sonntägliche Wochen-Blog wie auch der mittwochs erschei­nende Rezensions-Blog – regelmäßig mit neuen Beiträgen beschickt wurden. Der Wochen-Blog wird am 1. Januar 2017, also morgen, mit Beitrag 200 aufwar­ten, für den ich mir etwas ganz Besonderes ausgedacht habe. Da lasst euch mal überraschen (okay, es gab ja schon einen Spoiler in der ESPost und auf meinem Amazon AuthorCentral-Profil, aber wer da nicht gelinst hat, kann sich morgen schön überraschen lassen). Auch der Rezensions-Blog steuert zielstrebig auf Ausgabe 100 zu, und ich versichere, es gibt noch sehr viele vorstellungswürdige Romane. Zwar lese ich aktuell – mangels Zeit – so gut wie nichts Phantas­tisches… aber es wurde ja schon verschiedentlich erwähnt, dass der Vorrat an interessanten Rezensionen recht umfangreich ist. Das reicht noch für Jahre.

Was den Stand meiner E-Book-Veröffentlichungen angeht, so habe ich inzwi­schen 42 E-Books bei Amazon zum Kauf stehen, bei meinem Zweit-Distributor Beam-E-Books (heute Oolipo, zu Bastei gehörig), sind es insgesamt 50 (wegen der Trennung in MOBI- und EPUB-Formate), und 25 erschienen bei meinem dritten Distributor XinXii. Die Verkäufe sind zwar arg eingebrochen, dennoch bin ich guter Dinge für 2017. Leider ließ sich die monatliche Erscheinungsfrequenz nicht halten, und das wird wenigstens für die erste Jahreshälfte 2017 so blei­ben. Printausgaben der E-Books, die immer öfter nachgefragt werden, sind ak­tuell nach wie vor ein Desiderat… ich fand wirklich noch keine Gelegenheit, mich intensiver mit diesen Plänen zu beschäftigen, obwohl es 2016 diverse An­läufe dazu gegeben hat. Ich halte euch da weiter auf dem Laufenden, verspro­chen!

Was habe ich euch in dem publizistisch aus obigen Gründen recht einge­schränkten Programm zugänglich machen können? Nun, da war natürlich der in zwei Bände aufgespaltene fünfte „Annalen“-Band, „Jaleenas zweites Leben“, das euch ein wenig intensiver mit dem Problem der rätselhaften Matrixfehler in KONFLIKT 4, der INSEL, in Tuchfühlung brachte.

Weiterhin konntet ihr in der Storysammlung „Als Tiyaani noch ein Kind war…“ Bekanntschaft mit der Märchenwelt des Archipels machen und eine Reihe an­derer Geschichten kennenlernen. In der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimpe­rium“ (TI) kamen wir leider nur bedingt voran, nämlich fünf Bände (Episoden 24-28). Doch darin lerntet ihr einen phantastischen Ort kennen, den Sonnen­garten Quins, der in der Serienzukunft noch eine wichtige Rolle spielen wird. Auch habt ihr gemerkt, dass durch die Intervention der Spezies der Baumeister die Yantihni nun tiefer in den kosmischen Konflikt zwischen den Troohns und den Allis involviert werden.

Abschließend kehrte ich zum Schauplatz der RHONSHAAR-Expedition an die Be­bengrenze Twennars zurück – ich weiß, diesen Bereich der Serienhandlung habe ich lange vernachlässigt – , und eine erste Bekanntschaft mit dem Volk der rätselhaften Cestai wurde möglich. Im Frühjahr 2017 werdet ihr außerdem die Heimat dieser Wesen kennenlernen – das geheimnisumwitterte „Kriegernest“. Und dort trefft ihr ein paar interessante neue Personen sowie, ganz unvermeid­lich, ein paar haarsträubende neue Probleme.

Denn soviel darf ich schon an Planung für 2017 verraten: die drei Handlungs­stränge der Serie haben es jetzt verstärkt in sich und dramatisieren sich rasch – einmal die heimkehrende GHANTUURON-Crew und die grundlegende Neu­strukturierung der yantihnischen Zivilisation unter dem OKI-STANWER-GESETZ; dann die Überlebenden der RHONSHAAR-Expedition in ihrem neuen Umfeld… und dann wollen wir doch nicht eine einsame yantihnische Linguistin namens Vaniyaa vergessen, die mit ihrer „Entourage“ von schwarzen Shonta-Zwergen­wesen auf dem Weg durch Twennar ist. Wer denkt, er würde den MINEUR, in dem sie sich aufhalten, schon gut kennen, der lasse sich mal überraschen…

Wie jetzt, ihr meint, da gebe es doch noch einen weiteren Handlungsstrang? Nämlich den um den Forscher Noshtoy und seine Gefährtin Yasaari, die im Auf­trag der Zhoncor unterwegs sind, um die Urheimat der Zhonc ausfindig zu ma­chen? Auch sie sind natürlich nicht vergessen, keine Sorge. Aber wenn, wie ich aktuell befürchte, nur sechs oder vielleicht sieben Episoden der Serie im kom­menden Jahr das Licht der Öffentlichkeit erblicken, werden wir zu den nächsten Noshtoy-Abenteuern erst 2018 kommen.

Was aber fest in der Veröffentlichungsreihenfolge eingeplant ist, das ist Band 1 des KONFLIKTS 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC). Dreißig Jahre (!) nach der Niederschrift der ersten Episoden wird mit „Im Feuerglanz der Grü­nen Galaxis“ in den nächsten Monaten der erste Band der neuen Serie erschei­nen und euch, wie im letzten Silvesterblog versprochen, in die Galaxis Bytharg mitnehmen.

Das „Geheimprojekt CK 1“ wird hingegen noch ein Weilchen auf der Reserve­bank dahindämmern, wiewohl ich schon ein tolles Cover dafür habe montieren lassen. Ich muss einfach versuchen, ein wenig realistischer zu planen als im ver­gangenen Silvesterblog.

Wie sieht die Planung für die kommenden Monate konkret aus? Nun, folgen­dermaßen – und wer verblüfft über die Überschneidungen ist… ich sagte ja, es hat sich nicht alles realisieren lassen, und der Überhang ist eben Teil der Pla­nung für 2017. Diesmal habe ich allerdings auf konkrete Monatsnennungen ver­zichtet, da ich sie nicht garantieren kann:

Die Nomaden von Twennar (TI 29)

Das Kriegernest (TI 30)

Mein Freund, der Totenkopf (Teil 1) (Annalen 6)

Mein Freund, der Totenkopf (Teil 2/E) (Annalen 6)

Im Feuerglanz der Grünen Galaxis (BdC 1)

Zeitenwandel (TI 31)

Es wäre schön, wenn ich weiter käme, aber das hier ist jetzt die vorsichtige Pla­nung. Mit Band 31 kehren wir nach Rilecohr zurück, und dort wird dann das Umkrempeln der yantihnischen Kultur durch die Intervention der Baumeister und Allis beschrieben sowie ein neues Expeditionsabenteuer geplant.

Was die Besucherzahlen auf der Website www.oki-stanwer.de angeht, so habe ich bis zum 28. Dezember 2016 insgesamt 61.027 Zugriffe registriert. Die Ten­denz ist also weiterhin deutlich steigend. Alles in allem ein optimistisch stim­mendes Ergebnis.

Zum Schluss hin möchte ich noch zwei interessante Dinge erwähnen. Das erste mag ein wenig erklären, wohin meine viele Zeit entschwunden ist, die ich nicht in die Weiterarbeit an meinen kreativen Werken investieren konnte: das Jahr 2016 war kommunikativ gewissermaßen eine Art von Wirbelsturm, der mich kaum zu Atem kommen ließ. Seit ich regelmäßig gut über Mail erreichbar bin und in regem Projektmailverkehr stehe, ist die Nachrichtenflut geradezu explo­diert. Meinte ich im vergangenen Jahr schon, mit mehr als 2.000 Positionen auf meiner Briefschreibliste ungeheuerlich viel zu tun gehabt zu haben, so hat mich das aktuelle Jahr wieder überrascht.

Aktuell (28. Dezember) driftet die Briefliste auf Position 3.500 (!) zu, und die meisten dieser Briefe, Postkarten und Mails sind tatsächlich geschrieben bzw. beantwortet worden. Darin ist unglaublich viel Energie und Zeit gesteckt wor­den. Ich bin gern ein kommunikativer Mensch, aber das überschreitet allmäh­lich echt meine Möglichkeiten. Auch für mich hat der Tag schließlich nur 24 Stunden, und einen Gutteil davon brauche ich für den Erholungsschlaf. Darum hoffe ich ein wenig, dass 2017 etwas entspannter werden wird, was das Mail­pensum angeht… falls nicht, werde ich am Jahresende 2017 ähnlich groggy sein wie jetzt gerade…

Dann ergab sich aber auch noch eine tolle, lustige Angelegenheit, die für euch alsbald zur Lektüre vorzufinden sein wird (mutmaßlich in den Fanzines EXTERRA und PARADISE, das ist aber noch nicht spruchreif). Ich habe eine neue OSM-Kurzgeschichte quasi im Handumdrehen aus dem Boden gestampft, und das kam folgendermaßen:

Ich wurde verschiedentlich schon vor längerer Zeit darauf angesprochen, dass ich doch den Erzählstrom der Geschichte „Der Platz der Steine“ fortführen soll­te. Offenkundig hatten es meinen Lesern die kleine, quirlige Senyaali und ihre berinnyischen „Freunde“ angetan. Und ich hatte ja am Ende der Geschichte an­gedeutet, dass es da noch mehr zu erzählen geben würde. Doch statt tatsäch­lich die Story „Ungleiche Freunde“ weiterzuschreiben, tauchte eine neue Vi­gnette aus meinen Gedankentiefen auf. Und wieder stand ich vor der rätseln­den Frage: was tun? Warten, bis die Verbindungsstücke zwischen diesen Frag­mentteilen kondensieren (was Jahre dauern kann), oder sollte ich vielleicht was anderes tun?

Ich entschied mich dann anlässlich eines Kinobesuchs kurzerhand für letzteres und koppelte die Vignette aus dem Fragment aus und machte eine eigene Ge­schichte daraus. Sie heißt jetzt „Das Versteinerungs-Spiel“ und spielt vier Jahre nach „Der Platz der Steine“. Diesmal lernt ihr Senyaalis nervigen jüngeren Bru­der Jassid kennen. Und etwas mehr über Yaali selbst und über ihren berinnyi­schen Wächter Vrentanaarolid.

Erst mit etwas vergnüglicher Verspätung fiel mir dann auf, dass ich damit den OSM-Band 1799 geschrieben hatte. Das war eine echt ulkige Sache. Direkt vor­aus liegt nun also TRANSFER 1004 und der OSM-Jubiläumsband 1800. Ob ich ihn noch bis zum 1. Januar 2017 schaffe, ist fraglich, aber ziemlich gewiss im Ja­nuar.

Ihr merkt, wenn ich mal ein wenig gedanklich entspannt bin, regt sich mein kreatives Ventil gar mächtig. Das spüre ich auch gerade, wenn es um die Archi­pel-Novelle „Mariannes Kursänderung“ geht, die inzwischen über 70 Seiten Umfang hat und munter weiter wuchert. Da vergesse ich echt alles andere, und das ist wahre Leidenschaft.

Damit möchte ich für heute schließen und euch allen einen guten Rutsch ins Jahr 2017 wünschen – bleibt mir gewogen und stets neugierig auf das, was ich euch in E-Books, Kurzgeschichten, Fanzines und Blogartikeln so zugänglich ma­chen werde. Ich denke, wir werden ein phantastisches Jahr 2017 erleben!

Wir sehen uns an dieser Stelle am 1. Januar 2017 wieder, morgen also. Bleibt neugierig, Freunde!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Nachtrag und Entschuldigung: Ein wesentlicher Dank gebührt natürlich auch den Verantwortlichen von Thrillkult-Media, ohne die die Konvertierung meiner E-Books aktuell ein erhebliches Problem wäre. Ich hatte sie zwar in meinen obigen Dank inbegriffen, aber wohl so verklausuliert, dass es nicht erkennbar wurde – eine Geringschätzung meinerseits war damit definitiv nicht verbunden. Vielen Dank für die Erinnerung!

Rezensions-Blog 92: Das Tal

Posted Dezember 28th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ein Buch, das einen so unspektakulären Titel trägt, ist recht eigentlich eines, an dem man üblicherweise achtlos vorbeieilt, auf der Suche nach packenderen und reißerischeren Titelnennungen, die aus den Bücherregalen entgegenrufen: „Kauf mich! Kauf mich!“ Nicht selten geht’s dort dann um Mord und Totschlag, Intrigen und Geheimnisse… nun, das meiste davon kann man im vorliegenden Buch ebenfalls finden, und deshalb lohnt es sich für euch, kurz innezuhalten und meinen Zeilen zu folgen.

Mag es auch sein, dass ich ein wenig überschwänglich begeistert klinge – ihr werdet schnell verstehen, warum das der Fall ist und weshalb dieses Buch durchaus packenden Romanen das Wasser zu reichen vermag. Wenigstens für jene unter euch, deren Leidenschaft ähnlich strukturiert ist wie die meine. Die auch frühzeitig mit dem „infiziert“ wurden, was ich das Pharaonenfieber nen­nen möchte.

Wie äußert sich das bei Philipp Vandenberg und mir? Nun, wer das herausfin­den will, sollte jetzt einfach mal weiterlesen:

Das Tal

Auf den Spuren der Pharaonen

Von Philipp Vandenberg

Bertelsmann 1982

364 Seiten, geb.

Als ich dieses Buch vor wenigen Wochen gegen Anfang 2016 überraschend in einer Bücherzelle entdeckte, war ich mir nicht restlos sicher, ob ich es schon be­saß oder nicht – von dem Verfasser Vandenberg besitze ich schon recht viele Bücher, zahlreiche ungelesene. War dies dabei? Einerlei – ich nahm es sicher­heitshalber mit… und freute mich, denn es war noch nicht vorhanden. Und mehr noch: meine Leseneugierde auf das Buch war geweckt. Ich machte mich umgehend daran, es zu verschlingen und war in fünf Tagen durch.

Um zu verstehen, warum mir das so ging, muss ich ein wenig ausholen und eine Zeitreise über mehr als vierzig reale Jahre in meiner Biografie durchführen und euch dorthin mitnehmen – in das alte Hildesheim der 70er Jahre des 20. Jahr­hunderts. Dort erhielt ich bei den mehrmaligen jährlichen Besuchen meiner El­tern bei meinem Großvater auf einem interessanten Umweg meine stete Dosis Altägypten. Das Roemer-Pelizaeus-Museum (damals noch nicht der Neubau von heute, sondern eine sehr viel geheimnisvollere, Nostalgie ausstrahlende Schöp­fung, die ein klares Provisorium darstellte, was mir als Kind aber kaum auffiel) in der Hildesheimer Innenstadt besitzt seit jeher eine große ägyptische Dauer­ausstellung. Und ich war zu jener Zeit, nicht mal neun Lenze alt, unglaublich dem historischen Klassiker „Götter, Gräber und Gelehrte“ von Kurt Marek ver­fallen (unter seinem Autorenpseudonym C. W. Ceram verfasst und in zig Auf­lagen erschienen).

Für mich war Ägypten mental damals eine zweite Heimat. Hieroglyphen? Phan­tastisch. Mumien? Sarkophage? Steinerne Pylone und phantastische Bildwerke, sepiabraune Fotos von wüstenhaften Kulissen und zerbröckelnden Ruinen am Nil? Hinreißend!

Und all diese Namen, die ich auswendig wusste. Cheops, Chephren, Thutmosis, Tut-ench-amun, Hatschepsut, Nofretete, Echnaton… ganz zu schweigen von all den Göttern, von Amun, Re, Anubis, Bastet, Seth und wie sie nicht alle hießen. Ach ja, und die zahlreichen Orte… Gizeh, Luxor, Theben, Amarna, und, vielleicht am verheißungsvollsten, das rätselhafte Tal unter dem pyramidenförmigen Schatten eines mächtigen Bergmassivs – das Tal der Könige, über zahllose Jahr­hunderte hinweg der Begräbnisort von Prinzen und Pharaonen, hohen Hofbe­amten und Priestern.

Nun, und all diese Erinnerungen konnte ich mit der Lektüre des vorliegenden Buches wieder auflodern lassen – ja, ich möchte behaupten, ich schwelgte in so Altbekanntem und traf mich mit Freunden aus der Vorzeit, die ich namentlich alle kannte, an die die Erinnerungen freilich ein wenig… nun, angestaubt waren. Dichte Schleier von Staub, von neuem Wissen, von eigenen durchlebten Jahren hatten sich darüber gelegt, wie der Staub und Sand zahlloser Jahrtausende die Monumente und Grabstätten der Pharaonen im Niltal tiefer und immer tiefer begraben hatte. Aber ihr kennt das – wenn man einmal solche Dinge gern und begeistert durchlebt hat, dann fällt es leicht, sich wieder in diese Tiefen zu be­geben und diese lieb gewonnenen Räume von neuem zu durchschreiten. So er­ging es mir bei der Lektüre des vorliegenden Buches.

Vandenberg beginnt seine Reise durch das Niltal – denn es ist, ein wenig irre­führend, durchaus nicht nur vom Tal der Könige die Rede, sondern auch von sehr vielem anderen mehr, etwa dem Bau des Suezkanals, den pharaonischen Goldminen, dem rätselhaften Land Punt, der Modernisierung Ägyptens im 19. Jahrhundert, seinem mondänen Glanz, seinem Elend und seiner vergangen­heitstrunkenen Korruption (letzteres ist leider sehr vertraut, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass überall in geschichtsträchtigen Ländern – etwa im Irak oder Syrien aktuell – beim Zerfall staatlicher Strukturen gern vorrangig die Vergangenheit geplündert und verscherbelt wird) – , also, Vandenberg, wollte ich sagen, beginnt seine Reise durch das Niltal im Jahre 1852.

1852 ist der junge, wagemutige Franzose Auguste Mariette in Ägypten dabei, der rätselhaften Vergangenheit der Pharaonenzeit auf den Grund zu gehen – mit Sprengstoff, viel Elan und anfangs recht wenig Sachkenntnis. Er hat Erfolg mit seiner Methode, unbestreitbar. Und er findet den Serapis-Tempel, ein ge­waltiges unterirdisches Bauwerk eines alten Stierkultes.

Ein Jahr darauf stößt der Preuße Heinrich Brugsch zu ihm, ein sehr intelligenter, aber äußerst zurückhaltender Mann, der die Fähigkeit besitzt, die Mariette ab­geht – er kann die alten Inschriften entziffern. Und so werden die beiden vom Naturell so unterschiedlichen Männer recht bald Freunde. Brugsch, ein bettel­armer Mann, ist vom Tal der Könige fasziniert, und während er Skizzen von In­schriften und Gräbern anfertigt, wohnt er selbst in einem aufgelassenen Pha­raonengrab.

Und sein Schicksal verwebt sich im Laufe der kommenden Jahre immer dichter mit strahlenden neuen Figuren des historischen Pantheons – Mariette ist nur der erste einer Reihe wichtiger Protagonisten, die hier in stetem Strom ans Ufer des Nils gespült werden. Wir lernen als Leser auch Ferdinand de Lesseps ken­nen, der den uralten Traum eines Kanals zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer verfolgt und im Jahre 1869 auch realisieren kann. Wir lernen den hochmütigen Richard Lepsius aus Preußen kennen, einen Mann namens Georg Ebers, nach dem ein berühmter medizinischer Papyrus benannt wird, der „Co­dex Ebers“. Reiche Kupfermagnaten wie Theodore Davis finden sich ein, aben­teuerlustige Damen der britischen Gesellschaft, skurrile Archäologengestalten, etwa Flinders Petrie oder Howard Carter…

Auf der anderen Seite stehen vergnügungs- und verschwendungssüchtige ägyp­tische Herrscher, ruchlose Betrüger, Räuber und Halsabschneider, und immer wieder steht idealistische Vision gegen kruden Mammon und kurzfristigen Ge­winn. Die Brüder Brugsch müssen sogar ein Geheimnis der Vergangenheit ent­schlüsseln, um zu vereiteln, dass die Altertumswissenschaft Ägyptens ganz und gar untergeht…

Doch, es ist ein lebendiger, farbenprächtiger Baldachin, den Philipp Vandenberg hier zusammenwebt, aus zahllosen überlieferten Anekdoten, zweifellos vielen Übertreibungen und vermutlich einer Menge historischer Ungenauigkeiten. Gleichwohl – mit dem sicheren Gespür für elegante, flüssige Prosa, packende Details und die gut dosierte Zugabe von Amüsement und Überraschung gelingt es dem Verfasser auf schöne und sehr unterhaltsame Weise, eine Geschichte zu erzählen, die sich über einen Handlungsbogen von fast siebzig Jahren erstreckt und an jenem legendären Punkt endet, wo Howard Carter sich dazu entschließt, das Grab des „vergessenen Pharaos“ Tut-ench-amun zu suchen.

Das ist nicht Teil dieses Buches, das halb Roman ist, halb Sachbuch. Aber diese Vorgeschichte ist darum nicht minder spannend und unterhaltsam. Ich für mei­nen Teil habe auch diese Rezension dazu gern geschrieben, und wenn ihr’s mir glauben wollt – ich habe schon aus meinem Bücherregal den nächsten Band von Vandenberg hervorgekramt, morgen geht es an die Lektüre. „Auf den Spu­ren der Vergangenheit“ heißt er… und es würd’ mich nicht einen Moment lang wundern, wenn das nicht auch eine Rezension wert wäre…

© by Uwe Lammers, 2016

Genug geschwärmt, meint ihr? Ach, ich lächle vergnügt und schüttele da sanft den Kopf. Deshalb seid ihr doch hier – um herauszufinden, für was für eine Art von Literatur mein Herz schlägt, wo meine kreativen Wurzeln sich befinden. Eine sehr tief reichende ist exakt hier zu verorten, im Reich der alten Pharaonen und in jener Entdeckergeschichte, die sie wieder ans Tageslicht brachte.

Vandenberg kann man attestieren, dass er es versteht, die Vergangenheit ele­gant und eloquent wieder zum Leben zu erwecken. Ihr werdet in den kommen­den Monaten zweifellos noch so manches seiner Werke hier vorfinden, das ist unumgänglich.

In der kommenden Woche bleiben wir im historischen Genre, springen aber in die frühen Tage des 20. Jahrhunderts hinauf – und schauen uns ein Sachbuch an, das in den 60er Jahren den begehrten Pulitzer-Preis gewonnen hat.

Wenn ihr neugierig geworden seid, schaut kommende Woche wieder herein. Ich freue mich darauf.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des Oki Stanwer Mythos,

eine ganze Weile hat es gedauert, ehe es weitergehen konnte mit dem Abenteuer der TI-Serie und den Ereignissen im Xoor’con-System. Nachdem sich im Band 27 „Späherin der Cestai“ ein erster umfassender Eindruck von den Verwüstungen verschafft wurde, die die Yantihni hier erwarteten, vertieft der vorliegende Band diese Eindrücke und stellt weiteres Personal näher vor.

Zugleich naht Unheil – wie befürchtet ist die Rückkehr der so genannten „Planetenplünderer“ kein akademisches Theoriespielchen, sondern grässliche Realität. Aber als der entscheidende Moment kommt, weichen die Geschehnisse deutlich von denen im System „Sianlees Rast“ ab, mit denen die Mitglieder der GHANTUURON-Expedition konfrontiert wurden.

Außerdem gibt es Beobachter mit undurchsichtigen Intentionen. Das Schicksal der RHONSHAAR-Crew hängt unvermittelt an einem seidenen Faden, und die Person, die darauf – vielleicht – Einfluss ausüben kann, ist eine scheinbar wehrlose yantihnische Archäologin namens Visinor…

Mit den Arbeiten zur Errichtung einer „Sternenbaustelle“ geht der Schrecken in Twennar in eine weitere Steigerungsrunde. Einen ersten Eindruck vom kommenden Verhängnis gewinnt ihr in dem heute erschienenen Band 28 der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“, der unter dem Titel „Die Sternenbaustelle“ erscheint.

Das E-Book „Die Sternenbaustelle“ ist ab sofort im EPUB-Format auf Amazon-KDP zum üblichen Preis von 1,49 Euro erhältlich. Der einmalige Gratisdownload ist am 30. Dezember 2016 möglich. Als Bonusgeschichte ist die Story „Die Superverbrecher“ in diesem E-Book enthalten.

Ich wünsche euch angenehmes Lesevergnügen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Wochen-Blog 199: Work in Progress, Part 46

Posted Dezember 24th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

auch der Monat September 2016 stand ganz im Zeichen der anderweitigen Tä­tigkeit, so dass für kreatives Arbeiten nicht allzu viel Zeit erübrigt werden konn­te. Seid also nicht überrascht, wenn diese Aufstellung wie schon seit einiger Zeit etwas dürftig daherkommt. Es sieht aktuell nicht danach aus, als würde das bis Jahresende signifikant besser werden. Dass das dann auch Auswirkungen auf die Regelmäßigkeit meines E-Book-Programms hat, liegt auf der Hand.

Nachdem ich zudem für September eine Lesung realisiert habe (vgl. dazu den Blogartikel der vergangenen Woche), im Oktober ebenfalls eine habe (meinen Bericht dazu gibt es dann am 15. Januar zu lesen), schneite jetzt schon wieder eine Anfrage wegen einer Lesung herein… mal schauen, wie sich das entwickelt, hier habe ich noch keine Entscheidung getroffen.

Ihr seht – Ablenkungen vom reinen Schreiben gibt es auch jenseits der Brotar­beit reichlich. Das wird nicht ohne Auswirkungen bleiben. Im Monat September sahen meine Schreibresultate im Bereich Oki Stanwer Mythos und Archipel so aus:

Blogartikel 195: Work in Progress, Part 45

Blogartikel 185 (neu): OSM und „Liebster Award“ – Fragen und Antworten

Blogartikel 211: „Was ist eigentlich der OSM?“, Teil 42

(Kämpfer gegen den Tod – OSM-Roman (Abschrift))

(14Neu 35: Glusem – die Biowelt)

(18Neu 77: SOFFROL)

(18Neu 78: Erinnerungen an die Ewigkeit)

(14Neu 37: Zentrum des Bösen)

(14Neu 38: Das Gigant-Syndrom)

Blogartikel 196: OSM-Kosmologie, Lektion 10: Baumeister-EXILE (1)

Erläuterung: Dies ist ein weiterer, recht umfangreicher Abschnitt des OSM-Hin­tergrundwissens, den ich sukzessive weitergebe und in kleine Häppchen dosiere. Bekanntlich seid ihr den Baumeister-EXILEN noch nicht so richtig begegnet, und die erste „Stippvisite“ in Quins Sonnengarten, um die es hier geht, fiel relativ kursorisch aus. Wer sich nun vorstellt, dass alle Baumeister-EXILE so aussehen wie das des Baumeisters Quin, liegt ebenfalls verkehrt. Man kann sie viel eher mit den Wohnungen äußerst exzentrischer Wesen vergleichen, und jedes von ih­nen ist höchst heterogen gestaltet.

Da EXILE aber nur in relativ großen Abständen in den OSM-Serien auftauchen, mögt ihr es mir nachsehen, wenn ich hier die grundlegenden Details in mehre­ren Beiträgen thematisiere, die über einen größeren Zeitraum gestreut werden.

(Sarittas Hilflosigkeit – Archipel-Story)

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-Roman (Abschrift))

(12Neu 35: Geleitzug ins Nichts)

(12Neu 36: Das Reich hinter dem Universum)

(18Neu 79: Mitkors Feuerdomizil)

(18Neu 80: Der Seelenheiler)

(18Neu 81: Der Blaue Kristall)

Erläuterung: Ich habe inzwischen entdeckt, dass es arg anstrengend ist, neben einer E-Book-Serie auch zeitgleich noch die Abschrift von drei kompletten OSM-Serien (KONFLIKT 12, KONFLIKT 14 und KONFLIKT 18) zu realisieren. Dabei habe ich mich offenkundig übernommen. Schweigen wir von all den anderen Werken, die ich zurzeit digital zu erfassen suche… dass dabei neuere Geschichten auf der Strecke bleiben, ist unschön. Es ist aber auch nicht hilfreich, mittendrin irgend­wo zu pausieren.

Schätze, in den nächsten Monaten werde ich irgendetwas davon forcieren müs­sen, ohne jetzt schon eine konkrete Ahnung zu haben, was oder wie genau… die Lage sagt mir jedenfalls nicht wirklich zu. Augen zu und durch ist vielleicht die gescheiteste Methode, damit umzugehen. Ich halte euch da auf dem Laufenden.

Auf jeden Fall juckte es mich unglaublich in den Fingern, als ich an den obigen beiden Episodenabschriften der Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ arbeitete, hier einen Handlungsstrang autonom weiterzuverfolgen. Beizeiten, wenn ihr diese Geschichten in überarbeiteter Form zu lesen bekommt – was noch einige Jahre dauern dürfte – , wird das vielleicht transparenter wer­den. An dieser Stelle nur eine Bemerkung dazu:

Der geheimnisvolle „Seelenheiler“, um den es hier geht, ist ein magisches We­sen, das im russisch besetzten Norwegen lebt und für jede seiner Heilungen eine junge Frau mit in die Wildnis entführt, aus der sie nie zurückkehrt. Wie genau es dazu gekommen ist und welche Bedeutung diesen Personen zukommt, wurde damals in der Serie nie hinreichend geklärt.

Während der Abschrift begann ich Details zu sehen, die mir damals notwendig verborgen bleiben mussten… und beinahe wäre daraus eine Geschichte konden­siert. Beinahe… aber von dieser Verzettlung konnte ich mich selbst noch recht­zeitig abbringen. Ich werde allerdings eine Notiz dazu verfassen müssen, damit ich diese Gedanken nicht aus dem Blick verliere.

Es hat alles mit den unheimlichen TUURINGERN zu tun, die ich 1988 noch nicht einmal kannte, als ich die obigen Episoden schrieb. Beizeiten erfahrt ihr auch von diesen Wesen mehr, vermutlich im Rahmen der höheren Kosmologie-Arti­kel. Aber auch das wird noch ziemlich dauern.

Ihr merkt hieran aber durchaus: unter meiner ruhigen Oberfläche brodelt die kreative Energie, und sie tut es gar mächtig…

Blogartikel 198: Lesungsbericht „Ein kreatives Attentat“

Tja, und mit diesem Beitrag, der eigentlich ja die Nachverwertung eines Bei­trags war, den ich spontan im Anschluss an die Lesung des 17. September 2016 auf dem „Großen Marktplatz“ des Vereins KreativRegion e.V. niederschrieb, da endete dann auch schon alles OSM-Relevante.

Ihr seht, leider keinerlei Aktivitäten in Richtung E-Books, und auch nur ver­gleichsweise wenige Blogartikel… damit ist der September ein weiterer eher un­befriedigender Monat in meiner Kreativvita.

In der kommenden Woche entführe ich euch mit dem „Jubiläumsblog 200“ in die Weiten des Kosmos und leite euch zu einer kritischen Frage, die ich hier noch nicht vorwegnehmen will. Seid gespannt und schaut wieder rein. Ich freue mich drauf!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.