Blogartikel 229: Zu Gast in einer amorphen Zivilisation

Posted Juli 23rd, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

etwas Amorphes ist, das möchte ich heute voranschicken, ehe ich wirklich in unser Thema einsteige, im Grunde etwas Formloses oder Gestaltloses. Dies, wie es der Titel suggeriert, von einer Zivilisation zu behaupten, ist grundsätzlich eine Art der Beleidigung. Da wir uns heute aber wieder in der beliebten Rubrik der „Fehlerlese im OSM“ aufhalten, legt dieser Titel ebenso wie die Wortver­wendung nur eins offen: nämlich meine eigenen schriftstellerischen Schwä­chen, die ich vor sehr vielen Jahren in der Schilderung einer solchen Welt offen­barte.

Ich bin, wie ihr wisst, seit langem dabei, alte OSM-Episoden abzuschreiben und dabei schon oft auf diverse Kuriosa gestoßen. Diesmal war es wieder soweit, und es traf mich an einer Stelle, wo es etwas unerwartet war – im KONFLIKT 12 des Oki Stanwer Mythos, also der Serie „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC). Wer hier alarmiert aufhorcht, tut dies mit Recht. Wer es nicht tut, dem erkläre ich sogleich, in was für ein Minenfeld wir uns heute begeben, und wer danach gern vorzeitig die Lektüre beenden möchte, dem sehe ich das absolut nach.

Als ich mich vor ein paar Jahren intensiver mit der modernen Doctor Who-Serie befasste, lernte ich einen neckischen Begriff aus dem Mund von Professorin Dr. River Song kennen, nämlich „Spoiler“. Sie machte sich ein neckisches Vergnügen daraus (vermutlich auch eine Form von Notwendigkeit), dem Doctor gezielt Wissen vorzuenthalten. Sie tat das, weil ihre Zeitlinien entgegengesetzt verlau­fen. Die für den Doctor erste Begegnung mit ihr endet mit River Songs Tod, und für sie ist es das Ende ihrer Beziehung.

Wenn ich jetzt also betone, dass das Folgende unter Spoileralarm fällt, tue ich das absolut mit Recht. Ich zitiere aus einer Rohepisode der BdC-Serie, die ich 1989 verfasst habe. Das wäre für die meisten Geschichten unproblematisch, da sie in der Regel noch lange nicht in E-Book-Form eingeplant sind… aber die BdC-Serie ist gegenwärtig in Bearbeitung für die Publikation im E-Book-Format, und voraussichtlich erscheinen die ersten beiden Bände noch 2017 (so wenigstens meine Planung). Damit ist das, was ich weiter ausführen werde, ein Vorgriff auf E-Books, die in den nächsten Jahren planmäßig entstehen und veröffentlicht werden. Wer darum, ich wiederhole es, hier aufhören möchte, zu lesen, kann dies ausdrücklich tun.

Wer mehr wissen möchte, der lese hier weiter:

Im KONFLIKT 12 des Oki Stanwer Mythos, der Serie „Bezwinger des Chaos“, er­folgen zahlreiche Odysseen, und manche führen an Orte, wo das Vorstellungs­vermögen auf harte Proben gestellt wird. Eine solche Reise verschlägt eine Gruppe von Tasvanern an der Seite eines Helfers des Lichts Oki Stanwers in ein „Reich hinter dem Universum“. Und da sind mir, muss ich leider eingestehen, mordsmäßige Baufehler unterlaufen. Ich möchte aus Raumgründen nur ein paar davon vorführen.

Das Sonnensystem, in dem die Tasvaner landen, ist bewohnt von einer Rasse höchst fremdartiger Raupenwesen, den Llarrors. Sie sind, beunruhigend genug, selbst Sklaven geworden, und zwar hat ein wahnsinniges Computerhirn ihre Zi­vilisation seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden unterjocht und sie auf der einstigen Werftwelt, dem Planeten 11 des Systems, in den Untergrund ge­trieben. Die Ursprungswelt der Llarrors, der Planet 9, gilt inzwischen als uner­reichbares Paradies. Nur der Computer selbst vermag eine Transmitterverbin­dung dorthin herzustellen.

So weit, so gut.

Die Llarrors im Untergrund von Planet 11 befreien also einen der gefangenen Tasvaner, und dann fangen die Ungereimtheiten wirklich an. Zitat 1:

Osthey setzte sich seufzend auf den Boden und kratzte sich am Hinterkopf. Er befand sich in einem geräumigen Höhlenraum, mehr als vierzig Stockwerke un­ter dem Computerzentrum, in dem seine Freunde zusammengehalten wurden. Hier um ihn herum tagte die Versammlung der Llarrors.

„Und er ist wahnsinnig, ja?“, fragte er.

„Leider ja“, schnarrte Derron kalt. Er konnte seine Gefühle über den primiti­ven Translator nicht herüberbringen. Sie hatten mehr als zehn Stunden darauf verwenden müssen, um endlich das Grundvokabular für eine Unterhaltung zu­sammenzubekommen, bis der Translator allmählich begriff, was man von ihm wollte.

Da hatte Osthey begonnen, die Geschichte der Llarrors zu verstehen, die mit ihren Anfängen im Dunkel der Geschichte lag…

Vielleicht seht ihr das Problem nicht auf den ersten Blick. Ich erinnere hier aber gern an Band 10 der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI), wo die yantihnische Linguistin Vaniyaa, die nun wirklich ein echter Crack war, mit mo­natelangem Vorlauf immer noch sehr lange brauchte, um sich mit der zwergen­haften Spezies der Shonta zu unterhalten.

Unser Protagonist Osthey oben hingegen hat keinerlei gemeinsame Kommuni­kationsbasis, nicht mal eine in puncto Mimik und Gestik, und er will nur 10 Stunden brauchen, bis man sich gescheit mit den Llarrors unterhalten kann? Völliges Wunschdenken. Also, das kann man komplett vergessen. So wird das in der Überarbeitung natürlich nicht ablaufen.

Sehen wir uns ein weiteres Beispiel an, worin es dann um die angewandte Tech­nik geht, das ist vermutlich noch deutlich verheerender. Als Background folgen­de Info: Osthey und die Llarrors kommen überein, dass es am sinnvollsten sein würde, den wahnsinnigen Computer abzuschalten.

Auf die Idee hätte man schon vor Jahrhunderten kommen können? Je nun… das ist nicht falsch, aber nicht der entscheidende Punkt. Warum die Llarrors von solch einem Plan Abstand nahmen, ist in der Tatsache begründet, dass der Computer die Lebenserhaltungssysteme in den Höhlenlabyrinthen auf­rechterhält, in denen sie leben. Sich selbst den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen, kommt den Llarrors nicht sinnvoll vor, und das kann man durchaus ver­stehen.

Dann jedoch kommt Osthey, ein Wesen einer völlig fremden Spezies, und er meint, das sei bestimmt ohne größere Probleme möglich… warum denkt er das? Weil er typisch tasvanisch denkt: in seiner Kultur gibt es halt Backup-Syste­me, die einspringen, wenn das Hauptsystem versagt. In diesem Fall, denkt er sich, ein Zweitcomputer, der bislang nicht in Betrieb ist und deshalb vielleicht nicht so verrückt wie der Hauptrechner. Wenn man also den Hauptrechner grillt, springt die Zweitversion an und hält das System am Laufen, aber der Ver­rückte ist weg.

So denkt er und kann tatsächlich in Rekordzeit die zweifelnden Llarrors überzeu­gen (nicht sonderlich plausibel, aber das ist nicht das Schlimmste). Der Ort, an dem Sabotage verübt werden soll, ist ein Hauptkabelschacht, der senkrecht nach oben verläuft. Llarrors, die sich in der Horizontalen bewegen, kommen da nicht hin. Wer legt also die Sprengladungen? Osthey natürlich. Und das liest sich dann folgendermaßen:

Zitat 2:

Osthey sah an dem dunklen Gebilde herauf, das sich etliche Meter hinauf er­streckte. Es war ein Kabelschacht, und er befand sich im Innern… Osthey hatte sich aus einem Kabel, das er in einem Depot gefunden hatte, eine Schlinge gemacht und warf diese nun hinauf, damit sie sich irgendwo festhakte.

Tatsächlich verhakte sie sich an einem Eisenträger und wickelte sich darum. Es war ein sehr massiver Träger, und so fiel es dem Tasvaner nicht schwer, hin­aufzuklettern…

Osthey ließ sich auf dem Sims nieder, das direkt unter dem Eisenträger war. Hier stand er direkt neben dem Kabelende, das hier aus einem anderen Tunnel in der Wand kam und in einem Bogen nach oben wuchs. Es hatte einen Durch­messer, der dem von mehreren Tasvanern gleichkam.

Schimmernd und warm lag es da, gleich einem mystischen Ungeheuer, das je­derzeit aufwachen und seine Pranken ausstrecken konnte. Diese unlogische As­soziation machte dem Biologen zu schaffen. Aber dann löste er die an seinem Gürtel befestigten Sachen und betrachtete unsicher die runden Gebilde, die einen Durchmesser von zehn Zentimetern hatten, aber nur drei Zentimeter dick waren. Scheiben, die einen elektronischen Sprengstoff enthielten und laut den Llarrors dazu verwendet wurden, um defekte Schaltkreise aus Aggregatblöcken zu lösen.

Vorsichtig brachte er die überall haftenden Gebilde in regelmäßigen Abstän­den um den Kabelstrang an, denn es durfte nicht vorkommen, dass eine oder zwei Leitungen überlebten…

Osthey hatte sich gewundert, dass der Kabelschacht nicht bewacht war, aber es hatte eine logische Erklärung dafür gegeben, die schon bei den Llarrors durchgeschimmert hatte…

„Ich komme wieder herunter!“, rief der Tasvaner. „Geht in Deckung, gleich gehen die Ladungen hoch!“

Er rutschte rasch an dem Kabel herab, das ihm fast die Hände aufscheuerte, da es spiralig gewunden war und keine glatte Oberfläche besaß…

Man merkt hieran natürlich sofort, wie ausgesprochen detailliert der Kabel­schacht beschrieben wird (quasi gar nicht) und wie die Sprengladungen missver­ständlich dargestellt sind (ist das jetzt klebriges Zeug, das der Sprengmeister selbst nicht mehr von seinen Fingern abbekommt, oder wollte ich vor mehr als 25 Jahren nur ausdrücken, dass die Ladungen, einmal an Untergrund gepresst, überall haften können? Ich nehme Letzteres an…).

Schweigen wir davon, dass die fremde Alientechnik doch sehr verblüffend an ir­dische Installationen erinnert und man wohl kaum davon ausgehen darf, dass diese Materialien in einem irdischen Baumarkt gekauft wurden… allein, die Phantasie des Autors versagte damals angesichts dieser Herausforderung voll­kommen, und was erhält man dann? Einen Kabelschacht. Na toll. Geht echt gar nicht!

Und so weiter und so fort, wirklich, in fast jedem Absatz der Episode findet man solche haarsträubenden Auslassungen. Wie sehen die einzelnen Llarrors aus? Wie sehen die Untergrundgänge aus? Wie viele Exilanten leben dort? Gibt es eine Hierarchie? Existieren unterschiedliche Interessengruppierungen? Anzu­nehmen wäre beispielsweise eine Art von technischem Orden, der das Wissen über die Jahrhunderte tradiert. Kein Wort davon. Haben die Llarrors eine Schrift? Wie sieht die Geschichte dieses Volkes wirklich aus?

Tja, da ist wirklich gar nichts. Hektischer Aktionismus, nicht sonderlich viel Durchdachtes – ein klares Indiz dafür, dass ich damals nicht „in“ der Story steck­te, sondern einfach darüber hinflog, mich auf Floskeln und das, was ein guter Brieffreund mal „Standardhandlungen“ nannte, ich würde es als Schematismus-Bausteine bezeichnen (was auch nicht freundlicher ist), beschränkte. Und zwar in dem naiven Glauben, damit würde ich doch schon eine interessante Story er­zählen…

Nun, ihr ahnt, dass das heute nicht mehr meine Ansicht ist. Deshalb werdet ihr die obigen Zitate auch so in der späteren Überarbeitung nicht mehr vorfinden. Da wird quasi jedes Wort ausgetauscht werden müssen.

Es tut mir zwar leid, so barsch mit meinen eigenen Texten umspringen zu müs­sen, aber was einfach schlecht geschrieben ist, ist eben schlecht geschrieben, das zu bagatellisieren, wäre kaum zielführend.

Ich glaube, ich erspare es euch, noch weitere Beispiele zu bringen. Es gäbe sie reichlich. Etwa die angeblich im „Handumdrehen“ erfolgende Hochschaltung des Ersatzgehirns des Planeten, das natürlich – welche Überraschung – nicht gestört ist. Auch dass die Llarrors, die so lange von jedweder technischen Ent­wicklung abgeschnitten waren, sich mühelos mit Gleitfahrzeugen an der Ober­fläche auskennen, glaubt ihnen niemand. Und die Mühelosigkeit, mit der sie schließlich auf der gesamten Planetenoberfläche (!) zielsicher das Raumschiff ausfindig machen, mit denen die Tasvaner gekommen sind (wobei ich eine Rei­he anderer, die es dort ebenfalls gab, völlig vergaß, ist auch absolut nicht realis­tisch.

Nein, die Llarror-Zivilisation bekommt man wirklich nur in schematischen Wort­hülsen und Redewendungen zu sehen, was sie tatsächlich ausmacht, bleibt im Dunkeln. Das haben diese faszinierenden Wesen nun wirklich nicht verdient. Der Erstkontakt hier muss sehr viel intensiver geschildert werden, und ich ver­spreche euch, genau das tue ich auch. Momentan ist diese Zivilisation völlig amorph und ungegenständlich… das wird geändert werden.

Und was unseren Protagonisten Osthey angeht… den werdet ihr in der nahen Zukunft auch kennenlernen, besser charakterisiert als bislang, versteht sich. Darauf könnt ihr euch schon freuen.

Damit schließe ich für heute das Fehlersuchkapitel des Oki Stanwer Mythos. In der nächsten Woche findet ihr an diesem Ort den „Work in Progress“-Report für den Monat April 2017.

Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 121: Und immer wieder die Zeit

Posted Juli 19th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

im Jahre 1997, vor rund zwanzig Jahren also, da sahen viele meiner Rezensio­nen noch eher wortkarg aus, sie stellten wenig mehr dar als mal mehr oder we­niger gut geschliffene Wortspiele, die über den Inhalt des Buches, um das es ei­gentlich gehen sollte, informierten. Mehr kam es mir dann darauf an, eigene Refle­xionen ins Zentrum der „Rezensionen“ zu stellen… und ja, obgleich ich zu die­sem Zeitpunkt nun wirklich schon seit mehr als zehn Jahren regelmäßig rezen­sierte, kamen dann schöne Bücher mit unangemessen knappen Besprechungen aus.

Ein solches Buch war „Und immer wieder die Zeit“ von Alan Lightman, ein klei­nes, handliches Büchlein mit niedlichen Seiten und wenig Text auf ihnen, das dazu einlud, es gemächlich durchzuschmökern. Zweifellos kam mir damals auch zugute, dass ich Philosophie im zweiten Nebenfach an der TU Braunschweig studierte und Platon in der deutschen Übersetzung nebenher las. Da war ich für derlei Themen sehr empfänglich.

Das vorliegende Werk ist sowohl etwas für die Liebhaber raffinierter Wortspiele als auch für jene spekulativen Geister, die der Auffassung sind, dass sich in der harten Schale der Naturwissenschaften auch ein sinnlicher, faszinierend fun­kelnder, weicher Kern versteckt. So, wie Historiker von den Welten des „Was wäre wenn…?“ träumen mögen, ohne sich das gern einzugestehen, ganz so ist es bei manchem Physiker.

Und ja, vielleicht galoppieren die Traumpferde der unausgegorenen Gedanken nächtens in jene Gefilde, in denen nicht mehr unsere gängigen Naturgesetze gelten, sondern die potentiellen, möglichen, rekursiven, paradoxen Abläufe die Oberhand gewinnen.

Alan Lightman kleidete diese spekulativen Phantasien in Worte und legte sie ei­ner berühmten Seele sinngemäß in den Schlummergeist. Folgt mir also in das Patentamt von Bern ins Jahr 1905 zu einem kleinen Angestellten, der bald ein berühmter Physiker sein wird:

Und immer wieder die Zeit

(OT: Einstein’s Dreams)

von Alan Lightman

Übersetzt von Friedrich Griese

Hoffmann und Campe

Gebundene Ausgabe

1994, 210 Seiten

Wir schreiben das Jahr 1905 und befinden uns im Patentamt zu Bern. Ein junger Patentamtsangestellter ist zu nachtschlafender Zeit noch immer an der Arbeit und hat soeben das menschenleere Büro betreten, in der Hand sein zwanzigsei­tiges Manuskript über eine neue Theorie der Zeit. Während er bald darauf an seinem Schreibtisch gegen die Müdigkeit ankämpft, erinnert er sich an all die seltsamen Träume rings um die Zeit, die er in den letzten Wochen gehabt hat, Träume von surrealer, suggestiver Eindruckskraft. Der Mann heißt Albert Ein­stein, und er hat noch keine Ahnung davon, dass er eines nicht allzu fernen Ta­ges berühmt sein wird.

Angenommen, die Zeit ist ein Kreis, in sich gekrümmt. Die Welt wiederholt sich, exakt, endlos.

Die meisten Leute wissen nicht, dass sie ihr Leben nochmals leben werden. Händler wissen nicht, dass sie dasselbe Geschäft wieder und wieder abschließen werden, Politiker, dass sie vom selben Pult aus im Kreislauf der Zeit endlose Male reden werden. Eltern bewahren das Andenken an das erste Lachen ihres Kindes, als würden sie es nie wieder hören…“

So beginnt der erste Traum, der erste von insgesamt dreißig, unterbrochen von Zwischenspielen und Illustrationen. In jeder Welt wird die Zeit anders abgehan­delt, verhält sich anders. Exemplarisch wird häufig ein Vorfall geschildert oder Anomalien, um zu dokumentieren, was anders ist.

Der Leser lernt in diesen Kapiteln jene seltsame Welt kennen, in der die Täler und Ebenen unbewohnt sind, weil die Menschen nur auf hohen Stelzenhäusern auf den Gipfeln der Berge leben. Dann gibt es jene seltsamen Menschen, die durch die Zeit gefallen sind und sich krampfhaft bemühen, ja nichts zu be­rühren, um die Vergangenheit ihrer Welt nicht zu verändern. Oder da ist die Welt, in der die Zeit drei Dimensionen besitzt. Jene, in der es Körperzeit und mechanische Zeit gibt. Es existiert eine Welt mit absoluter Zeit, eine mit zähflüs­siger Zeit und eine mit rückwärtslaufender. Dann findet man aber auch eine akausale Welt und jene Erde mit dem Mittelpunkt der Zeit…

Oder wie ist es mit jener Welt, die am 26. September 1907 untergehen wird?

Die Welt wird am 26. September 1907 untergehen. Das weiß jeder.

In Bern ist es wie in allen großen und kleinen Städten. Ein Jahr vor dem Ende schließen die Schulen ihre Tore. Warum noch für die Zukunft lernen, bei einer so kurzen Zukunft? Die Kinder, entzückt, dass sie für immer frei haben, spielen un­ter den Arkaden der Kramgasse Verstecken, laufen die Aarstraße entlang und lassen Steine über das Wasser hüpfen, verplempern ihr Geld für Pfefferminz und Lakritz. Ihre Eltern lassen sie machen, was sie wollen.

Einen Monat vor dem Weltende schließen die Geschäfte. Das Bundeshaus stellt seine Beratungen ein. Im Bundestelegraphengebäude kehrt Stille ein…“

Jede der Betrachtungen, jeder der Träume hat eine eigene Welt zum Inhalt, manchmal ist das jeweilige Kapitel ungeheuerlich oder subtil, manchmal wun­derlich und absurd. Und doch ist die fundamentale Wahrheit die der Zeit, der nichts und niemand entgehen kann. Sie ist allgegenwärtig…

Alan Lightman, Professor für Astrophysik am MIT, ist bislang nur mit Sachbü­chern und Aufsätzen bekannt geworden. Doch sein erstes belletristisches Buch „Und immer wieder die Zeit“ ist unbedingt lesenswert, insbesondere, weil es wegen seines stark spekulativen Charakters und der schrulligen Eigenwilligkeit nicht nur etwas für experimentierfreudige Physiker ist (die wahrscheinlich nicht mal das Zielpublikum darstellen), sondern insbesondere für Fans der Phantas­tik.

Mir hatte es insbesondere das Kapitel auf Seite 177 angetan: was, wenn Zeit ein lokales Phänomen ist? Spannende Frage! Auflösung: in diesem Buch.

© 1997 by Uwe Lammers

Ja, zwanzig Jahre mögen eine lange Zeit sein (ein kleines, kesses Wortspiel an­gesichts der oben dargestellten Materie, ich bin mir dessen bewusst!)… aber auf der anderen Seite dann doch wieder nicht. Ich denke, es ist stets an der Zeit, dieses Buch mal wieder aus dem Regal hervorzuziehen und sich von den kurzen Vignetten verzaubern zu lassen. Wer weiß, welche faszinierenden Ge­schichtenkeime aus diesem Werk aufblühen werden, wenn man es erstmals oder wiederholt durchstöbert?

Ihr werdet es sicherlich nicht bereuen, es zu suchen und zu goutieren, davon bin ich fest überzeugt.

Wohin reisen wir in der kommenden Woche? Nun, in gewisser Weise bleiben wir im Metier der Geschichtswissenschaft. Diesmal werden wir einen weiteren „grand old man“ der Geschichtswissenschaft besuchen, der leider auch schon nicht mehr unter uns weilt. Er macht uns bekannt mit „Ungewöhnlichen Men­schen“.

Was das bedeutet? Das findet ihr in sieben Tagen heraus, versprochen. Und es lohnt sich!

Ich freue mich auf euer zahlreiches Erscheinen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Blogartikel 228: Legendäre Schauplätze 4 – Dawson

Posted Juli 16th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

als die ersten Kosmonauten der russischen Mission „Kosma Venaja“ im Jahre 2041 den glutheißen Planeten Venus des solaren Systems erreichte, konnte nie­mand erahnen, was sie entdecken würden. Noch weniger wurde für lange Zeit deutlich, warum diese Expedition überhaupt unternommen worden war – galt doch die Venus als absolut lebensfeindlicher Ort und für die Kolonisation noch denkbar ungeeigneter als etwa der frostkalte Mars mit seiner dünnen Atmosphä­re.

Und doch barg die Venus den Weg zu den Sternen: rätselhafte Aliens hatten hier eine unterirdische Station zurückgelassen mit einem schwarzen Kristallmono­lithen, den die Teilnehmer der nächsten Venus-Mission, der chinesischen MING-2-Expedition, das „Tor der Ewigen Seligkeit“ nannten. Nach und nach ver­schwanden alle Teilnehmer durch dieses rätselhafte Portal auf die andere Seite und kehrten nie wieder zurück.1

Jenseits dieses Portals lag eine geheimnisvolle Welt, und als ich im Jahre 1991 damit begann, an dem 19. KONFLIKT des Oki Stanwer Mythos zu arbeiten, be­gleitete ich terrestrische Auswanderer und Leute, die vor dem Gesetz auf der Flucht waren, auf die andere Seite.

Ich landete auf einem Planeten namens Dawson, und zu meiner nicht geringen Verblüffung waren weder ich noch die anderen Terraner die ersten hier. Und Dawson war auch nur einer von zahlreichen Namen dieser Welt, die auf den er­sten Blick so unscheinbar, ungezähmt und unkompliziert aussah.

In Wahrheit erwies sich Dawson in den kommenden 25 Jahren, in denen ich mit diesem Planeten zu tun hatte, als ein durch und durch todbringender Ort, an dem nahezu nichts so war, wie der erste Anschein Glauben machte.

Dawson, ein annähernd erdgroßer Planet, ist klimatisch etwa mit dem gemäßig­ten Norden der Erde zu vergleichen, eine Welt, überzogen von Tundren und Sumpfgebieten – was dann der Grund ist, warum einzelne Auswanderer wie der junge Ire Ian Perry ihn für sich auch „Swamp“ nennen. Das Tal des windungsreichen Blackriver – so ziemlich der einzige Bereich der Welt, der bislang erforscht ist – ist jener Ort, wo das Gegenportal des Venustransmitters steht, den die Hightech-Spezies der Baumeister geschaffen und dort zurückgelassen hat. Die ursprüngliche Vermutung der frühen Kolonisten, sie würden gewissermaßen in einer Hightech-Umwelt wieder erscheinen, war vollkommen abwegig. Sie landeten vielmehr in einer unerschlossenen Wildnis, die am ehesten mit Kanada, dem nichtpolaren Alaska, Skandinavien oder Russland nahe dem Ural vergleichbar wäre.

Elektronische Signale, Satelliten, Luftfahrt – völlige Fehlanzeige. Der Planet Dawson schien buchstäblich völlig untechnisch zu sein. Nichts und niemand weit und breit zu sehen, und wie weiland die frühen Kolonisten des amerikani­schen Mittelwestens waren die Besucher auf sich gestellt, mit nichts anderem als dem, was sie zum Überleben mitgebracht hatten.

Aber Dawson sträubte sich.

Der Planet bewies recht bald, dass er ein paar üble Tricks auf Lager hatte – so wurde der Kolonist Ian Perry etwa von einer scheinbar einheimischen Lebens­form vergiftet und fast umgebracht. Sein Glück war allerdings, dass er im Flusstal südwärts gewandert war und hier auf andere Lebewesen stieß, von de­nen sich eine verblüffend humanoide Frau namens Sinaa in ihn verliebte, ihn ge­sundpflegte und schwanger von ihm wurde.2

So entdeckte er, dass das humanoide Volk der Kleinis von der Zentralwelt auch diesen Planeten schon entdeckt hatte, aber auf eine… höchst merkwürdige Weise hierher gefunden hatte. Sie waren mitsamt ihrer Stadt Koloron irgendwie aus dem Nichts erschienen und unverzüglich in die Wildnis geflüchtet. Was genau in Koloron geschehen ist oder was es mit diesem Auftauchen auf sich hat, könnte ich an dieser Stelle zwar verraten, aber das wäre wirklich viel zu viel des Spoi­leralarms, also möchte ich das besser noch nicht tun.

Die Kleinis nannten diese Welt Shoneei, und interessanterweise gab es ein paar Jahrzehnte VOR der Ankunft von Koloron noch eine Gruppe von Kleinis, die auf dieser Welt strandete – angeführt von einem Revoluzzer namens Klivies Kleines, einem Helfer des Lichts, der per Raumschiff aus seinem Heimatimperi­um flüchtete.3

Er wurde direkt nach seiner Bruchlandung dummerweise Zeuge, dass ihn hier lebende Existenzformen bereits erwarteten… Gestaltwandler aus dem Volk der Berinnyer, die ihn als „Volksbefreier“ begrüßten. Das machte Kleines sofort klar, worum es sich bei diesen Berinnyern handelte: um Matrixfehler.

Denn es stimmte schon, er hatte einstmals eine mythische Person verkörpert, die man den „Volksbefreier“ nannte – das war allerdings im KONFLIKT 12 gewe­sen, der inzwischen rund 35 Milliarden Jahre zurücklag.4 Die Berinnyer glaub­ten, nach wie vor in diesem Universum zu leben, in dem der KONFLIKT 12 tobte. Kleines war klar, dass sie nichts anderes als Matrixfehler sein konnten.

Dawson bildete nicht nur die Heimstatt für Menschen und Kleinis sowie Berinnyer, sondern auch für interessante Mischwesen wie etwa die Tochter von Ian Perry und Sinaa, die durch einen berinnyischen Spaltling namens Shaslacanyoorid aufregende Fähigkeiten vermittelt bekommen hatte.5

Aber auch das war noch nicht die ganze Wahrheit.

Während im Laufe der folgenden Jahrzehnte bis etwa 2081 irdischer Zeitrech­nung auf Dawson im Blackriver-Tal eine mühsame kleine Menschenpopulation entstand, die sich in wenigen kulturellen Zentren wie insbesondere „First Valley“ ballte, mehrten sich die Anzeichen, dass der Planet, so unscheinbar er auch sein mochte, Brennpunkt kosmischer Auseinandersetzungen werden wür­de.6

Es begann damit, dass ein Trupp Flüchtlinge am 7. August 2064 von der Venus im Transmittergegenportal nahe First Valley auftauchte – angeführt von einem Mann namens Oki Stanwer, der auf der Erde aus dem Nichts aufgetaucht war und sofort von den Behörden verfolgt wurde. Er suchte Zuflucht auf Dawson und schuf in der Wildnis seinen eigenen Unterschlupf, das LAGER, das der Ge­genpol zu der Diktatur des Obmanns Alex Tschernowsky von First Valley wur­de.7

Es ging weiter, als offenbar wurde, dass hinter den rätselhaften Erscheinungen der so genannten „Veils“ und der „Ghaylies“ in den Wäldern Dawsons zwei weitere Alienvölker stecken mussten, von denen wenigstens eines auf dem Pla­neten beheimatet war… das andere schien eine Spezies von Dimensionswande­rern zu sein, die Dawson dann und wann einen Besuch abstatteten.

Besonders kompliziert wurde es, als eine höchst fragile Mensch-Berinnyer-Alli­anz das unterirdische Reich der Mörder ausfindig machte, in dem Klivies Klei­nes in einem Stasis-Gefängnis eingekerkert worden war. Zwar gelang Kleines´ Befreiung, aber das war erst der Beginn viel schrecklicherer Ereignisse. Denn kosmische Mächte wachten schon die gesamte Zeit über diese unscheinbare Welt, die rund 100 Lichtjahre von der Erde entfernt lag. Sie befand sich ebenso wie die Erde im so genannten „Innersten Quadranten“ der Milchstraße – zwar ebenso wie das solare System formell an der Peripherie der Galaxis gelegen, aber von unglaublichen Sicherheitssystemen abgeschirmt und angeblich uner­reichbar.

Nun, das war alles eine grässliche Täuschung.

Dawson war schon seit Jahrhunderten infiltriert von Mächten, die sehr viel machtvoller waren als alles, was die Baumeister und die Entropie-Ingenieure, die die spezialstrukturierte Galaxis Milchstraße als Kampfschauplatz dieses KONFLIKTS 19 formatiert hatten.

Mächte aus der Zukunft, die um den größten Teil der Historie und auch um viele der Dinge wussten, die noch kommen würden. Sie begannen damit, Schicksal zu spielen, mit den Bewohnern von Dawson, mit den Bewohnern der Erde, mit den Helfern des Lichts, den Berinnyern, den Kleinis und besonders mit Oki Stanwer. Die eine Seite wünschte die Instrumentalisierung, die andere schien eher be­schützend zu wirken. Was nicht bedeutete, dass sie tatsächlich beschützten. Und die Art und Weise ihres Schutzes war mitunter mörderisch.

Als ein ortungstechnischer Schutzwall um das unscheinbare Dawson fiel, wurde das, was die Mächte aus der Zukunft immer schon gespürt hatten, dass Dawson nämlich ein so genanntes „blindes Datenfenster“ war, eine unwägbare Variable im kosmischen Handlungsstrom, allgemein als Risiko erkannt.

Interventionskräfte wurden dorthin entsandt – sture, betonhäutige Soldaten, die Grauhäutigen. Dann ein Ritter vom Goldkristall, der fürchtete, dass sich Klivies Kleines mit dem schlimmsten Feind von allen verbündet haben könnte – mit TOTAM, der Macht des Bösen.

Und dann erschienen weitere Emissäre auf der Bühne des Schicksals – negative GRALSJÄGER, die bereit waren, ganze Städte in Schutt und Asche zu legen, nur um vermeintlich „Ordnung“ wiederherzustellen. Doch auch sie waren ledig­lich Marionetten an langen Schicksalsschnüren und Erfüllungsgehilfen monströ­ser Pläne.

Mächte kontrollierten diese unscheinbare Welt Dawson in einer Weise, die für die Kämpfer des Lichts, die im SCANNER-System, dem Steuerungsherzen der spezialstrukturierten Galaxis Milchstraße, agierten, einfach unbegreiflich blei­ben mussten. Eine unscheinbare Asiatin namens Ghani, die seit Jahren in Oki Stanwers LAGER wirkte und als „Hexe“ berüchtigt war, hätte ihnen soviel mehr erzählen können. Aber Ghani dachte nicht im Traum daran.

Offenbarungen, wusste sie, waren einfach nur geeignet, jedwedes Vertrauen auf Dawson zu zerstören. Schlimmer noch: Offenbarungen der Art, wie sie sie hätte machen müssen, hätten jedes Leben auf dieser Welt vernichtet, vielleicht sogar den KONFLIKT selbst entgleisen lassen.

So schaukelten sich also die Wellen des Chaos immer weiter hoch, und aktuell, nach einer Arbeitszeit von über 25 realen Jahren, stehe ich an dem Punkt, end­lich die konfusen Fäden des chaotischen Handlungsstromes zusammenzuführen und an jenem Punkt kulminieren zu lassen, wohin sie immer sollten: in einer strahlenden Metropole der Kleinis tief im Süden des Blackriver-Tales: in Kolo­ron.8

Gleichwohl gibt es noch sehr viel über Dawson zu berichten. In der näheren Zukunft werdet ihr mit der Story „Das Versteinerungs-Spiel“ eine weitere Vi­gnette von Dawson zu lesen bekommen, zweifellos dann auch noch ergänzende Stories.

Dawson ist ein Schauplatz von unglaublich komplexem Zuschnitt und bei aller Unscheinbarkeit wohl der zentralste Ort dieses KONFLIKTS, wenn man viel­leicht mal von der Erde und TOTAM sowie der NISCHE absieht. Und deshalb reihe ich Dawson mit vollem Recht unter die legendären Schauplätze des OSM ein, die mich über die Jahrzehnte wieder und immer wieder beschäftigen – selbst wenn es aktuell so aussieht, als würde dieser Planet nur in diesem Universum eine bedeutsame Rolle spielen. Da ihr ihn schon in einer Stippvisite kennen lernen konntet, kam es mir wichtig vor, euch hier einen kleinen, gruseligen Vorgeschmack darauf zu geben, was ich von Dawsons Zukunft und Vergangenheit alles schon entdeckt und beschrieben habe… beizeiten werdet ihr diese Details in aller schrecklicher Farbenpracht selbst erleben können. Da es hier aber nicht nur grässliche, sondern auch sehr amüsante Passagen gibt, dürfte das letztlich für euch ein echtes Erlebnis werden.

Soviel möchte ich für heute über den legendären Schauplatz Dawson erzählen. In der kommenden Woche wechseln wir dann brüsk das Universum, und ich be­richte über eine meiner jüngsten Wiederentdeckungen während meiner Abschrift des KONFLIKTS 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“.

Worum es da genau geht? Na, da lasst euch mal überraschen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. dazu beizeiten den KONFLIKT 19 des Oki Stanwer Mythos (OSM), „Oki Stanwer – Der Missionar“ (DM), Episode 1: „Das Tor der Ewigen Seligkeit“ (1991). Kursorisch werden diese historischen Informatio­nen in dem Roman „Ian und der Stein der Götter“ (E-Book Aus den Annalen der Ewigkeit 2, 2014) re­feriert.

2 Vgl. dazu „Ian und der Stein der Götter“, 2014.

3 Vgl. dazu beizeiten den KONFLIKT 19.

4 Vgl. dazu beizeiten den KONFLIKT 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC, 1987-1993; E-Book-Erscheinung ab 2017 geplant).

Vgl. dazu die Story „Der Platz der Steine“, 2015.

6 Vgl. dazu beizeiten das Romanfragment „Eine scharf geschliffene Waffe“.

7 Vgl. dazu beizeiten den KONFLIKT 19.

8 Dies wird beizeiten der Inhalt der Geschichte „Ein Alptraum namens Koloron“ sein, aktuell noch ein Frag­ment. Sie folgt unmittelbar dem Handlungsszenario des Romans „Eine scharf geschliffene Waffe“ und spielt bald nach Band 53 des KONFLIKTS 19, Eigentitel „Fluchtziel Koloron“, 2014.

Rezensions-Blog 120: Der Lovecraft-Zirkel

Posted Juli 12th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

als Howard Phillips Lovecraft im Jahre 1937 im noch recht jungen Alter von ge­rade einmal 47 Jahren von dieser Welt dahinschwand, blieb sein Oeuvre von Geschichten mehrheitlich verstreut in diversen Pulp-Magazinen der angelsäch­sischen Welt, und wahrscheinlich wären er wie seine Werke heutzutage längst vergessen, wenn nicht… ja, wenn es da nicht jene enthusiastische Gruppe von Brieffreunden und Bewunderern gegeben hätte, die dem „Einsiedler aus Provi­dence, Rhode Island“ gedachten. Einer von ihnen, August Derleth, brachte es sogar zu einem eigenen Verlag und publizierte hier nicht zuletzt auch Lovecrafts Schöpfungen und bewahrte so sein Andenken über den Tod hinaus.

Lovecrafts Faszination strahlte schließlich auch über den Großen Teich nach Eu­ropa, erreichte Verlage wie Suhrkamp und die Fankultur. Heftromanautoren nahmen sich hier der „Großen Alten“ an, Fanclubs wie LOVECRAFTS ERBEN wuchsen heran, Magazine wie „The Miscatonic Mirror“ entstanden, und schließlich spross auch ein eigener Verlag, der sich der Tradition Lovecrafts ver­pflichtet fühlte, aus diesen Wurzeln.

Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis eine Kurzgeschichtensammlung wie die vorliegende daraus erwuchs – eine interessante Kollektion von Lovecraftia­na, die bislang noch nicht auf Deutsch veröffentlicht waren (sehen wir von ver­einzelten Geschichten ab, die in verstreuten Anthologien doch schon zugänglich geworden waren).

Als ich diese Sammlung mir zu Gemüte führte und umgehend rezensierte, war ich schon relativ weit von Lovecraft abgedriftet. Dennoch halte ich sie nach wie vor für empfehlenswert und für einen Gewinn, den jeder, der schon alle Love­craft-Werke zu kennen meint, mitnehmen sollte. Werfen wir einen näheren Blick hinein:

Der Lovecraft-Zirkel

Herausgegeben von Frank Festa

Blitz-Verlag Nr. 2603

Paperback, 176 Seiten

1. Auflage (2000)

Unbestritten ist Howard Phillips Lovecraft einer der Großmeister der amerikani­schen Phantastik und Weird Fiction des 20. Jahrhunderts. Wie nur wenige ande­re Schriftsteller prägte er in der Pulp-Ära die Entwicklung der Horrorgeschichte, eine Prägung, die bis zum heutigen Tag andauert.

Mit dieser Storysammlung, in der neben einem Nachruf auf H. P. Lovecraft acht Geschichten von Lovecraft-Freunden untergebracht sind, setzt der Blitz-Verlag die Publikation von Geschichten aus seinem Dunstkreis fort, die mit Die Saat des Cthulhu (Blitz-Verlag Nr. 2602) begonnen wurde. Und wieder sind einige faszinierende Kleinode versammelt worden, die man sonst nicht oder nur in ob­skuren Anthologien finden könnte, die lange vergriffen sind.

Frank Belknap Long macht den Anfang mit einem Gedicht auf Lovecraft, unmit­telbar gefolgt von einer berühmten Geschichte, die ich indes nie las, weil die 1935 im Fantasy Magazine erscheinende Story „Die Bedrohung aus dem Welt­raum“, die Lovecraft zusammen mit Catherine Lucille Moore, Abraham Merritt, Robert E. Howard und Frank Belknap Long verfasste, nie übersetzt wurde. Wer sie liest, wird deutliche Anklänge an Ship of Ishtar von Merritt (im Merritt-Teil) und an The Shadow Out Of Time von Lovecraft (im Lovecraft-Teil) entdecken. Dennoch entbehrt dieses Werk nicht einer gewissen faszinierenden Ausstrah­lung.

Clark Ashton Smith bietet mit „Die Epiphanie des Todes“ in gewohnter Weise schwelgende stilistische Pracht, die man beinahe byzantinisch zu nennen bereit wäre. Theolus macht die Bekanntschaft des dem Vergangenen und Okkulten zu­getanen Tomeron und entdeckt während eines Besuches in den finsteren Tiefen zerfallener Familiengrüfte das wahre Geheimnis seines Freundes. Jenseits der stilistischen Brillanz ist die Geschichte eher schlicht.

Duane Rimel schlägt mit „Das kleine, schwarze Ding“ einen Pfad ein, der beina­he an eine frühe Detektivgeschichte erinnert – zwei Menschen kommen zu Tode, und sie sind auf beunruhigende, undurchsichtige Weise miteinander ver­bunden. Aufzeichnungen geben bestürzende Einblicke in die Natur dieser Ver­bindung.

Robert H. Barlow und H. P. Lovecraft besuchen in der Folgestory „Das Nacht­meer“. Die Geschichte kannte ich bereits, aber ich las sie nach fünfzehn Jahren unter anderem Blickwinkel wieder und muss anerkennen, dass ihre stilistische „Wucht“ der von Smith nahekommt. Streng genommen geschieht hier relativ wenig: ein erschöpfter Maler zieht sich für Monate in die Abgeschiedenheit ei­nes Strandhauses zurück und wird auf beeindruckend beschriebene Weise stim­mungsmäßig Gefangener der Atmosphäre jenes unendlich scheinenden und zu­gleich subtil uralt-bösen Ozeans.

Robert E. Howard entführt den Leser in den „Wald von Villefére“, die ähnlich wie die Story von Smith sehr transparent ist. Zudem weist sie – in meinen Au­gen – den Nachteil auf, dass sie viel zu kurz ist. Man bekommt nicht mit, wann die Geschichte spielt. Allein die Degen sind ein Hinweis auf vergangene Jahr­hunderte (vielleicht Frankreich im 17. Jahrhundert). Es ist ein Frühwerk von Ho­ward, das schon die Keime der Entwicklung späterer Geschichten in sich trägt, aber noch mehr wie ein ungeschliffener Diamant daherkommt.

Richard F. Searight erzählt in seinem Werk „Die versiegelte Urne“ ebenfalls eine relativ biedere Geschichte eines gierigen Mannes, der nach dem Tod seines Wi­dersachers Opfer von dessen Rache wird.

Ganz anders hingegen ist die vom selben Autor stammende (und ältere), direkt dahinter folgende Story „Das Hirn“, die in jeder Beziehung raffinierter ausge­führt ist. Allein der historische Kontext ist es wert, hervorgehoben zu werden: Am Ende des Ersten Weltkriegs befindet sich ein alliierter Spion in einem deut­schen Krankenhaus, in dem Experimente angestellt werden. Stets in Gefahr, enttarnt zu werden, entdeckt er schließlich ein Geheimlabor und darin ein in ei­ner Nährflüssigkeit lebendes Gehirn, das allmählich übersinnliche Fähigkeiten zu entwickeln beginnt. Sehr beeindruckend geschildert.

Die Krönung des Bandes ist aber, sowohl vom Umfang her als auch von der Tie­fe der Geschichte ohne Zweifel „Hort des Bösen“ von Henry S. Whitehead. Der Geistliche aus Florida, der in seinen letzten Lebensjahren auch einmal von Love­craft besucht wurde, arbeitet hier seine immensen Kenntnisse über die Karibik, die Maya-Zivilisation ein, vermischt sie mit okkultem Wissen und seinen religi­ösen Informationen und schafft eine Story, die schwer beeindruckt und mindes­tens zu Beginn den Leser regelrecht in die Geschichte einsaugt. Drei Freunde, Canevin (der Erzähler), Dr. Pelletier und Wilkes (ein Pilot) machen einen Ausflug über dem Dschungel der Halbinsel Yucatan und landen schließlich, als sie mit ihrem Flugzeug eine kreisrunde Lichtung vorfinden, in deren Zentrum sich ein unglaublich großer Baum befindet. Ihnen entgeht vollkommen – bis Pelletier sie schließlich darauf hinweist – , dass es keinerlei tierisches Leben gibt, nicht mal Insekten. Sie picknicken ausgiebig, werden jedoch durch eine jähe Böe aus dem Nichts darin grundlegend gestört. Sie verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist, aber Wilkes´ Jacke ist in die Krone des Baumes hochgeweht worden. Der erboste Pilot klettert hinauf, um sie zurückzuholen… und verschwindet spurlos. Der Leser hängt am Haken: denn er weiß genau, keiner der anderen kann das Flugzeug fliegen. Zu Fuß können sie nicht zurückkehren, dafür sind sie nicht ausgerüstet. Also klettert Canevin hinterher. Und was er findet… nein, das muss der Leser selbst lesen, das kann man fast nicht beschreiben. Höchst beeindruckend. Und ganz unvorhersehbar.

Muriel E. Eddy erinnert sich in „Howard Phillips Lovecraft“ auf warmherzige Weise an einen Lovecraft, der so gar nicht an den mürrischen Eigenbrötler und „Einsiedler von Providence“ (Rottensteiner) erinnert.

Alles in allem eine sehr gelungene Kurzgeschichtensammlung, die mit einfühlsa­men und informativen Einleitungstexten zu den jeweiligen Autoren und Ge­schichten versehen worden ist (ich mutmaße, sie stammen von S. T. Joshi, leider wird nirgendwo gesagt, von woher sie übersetzt wurden. Das wird nämlich durchaus erwähnt). Es gibt natürlich kleinere Schwächen, die aber durchaus nicht gravierend sind – peinlich ist beispielsweise, dass auf dem Umschlag Frank Belknap Long unvermittelt zu „Frank Belkamp Long“ mutiert. Ärgerlich ist auch, dass die zweite Hälfte von Whiteheads Geschichte, die so schön beginnt, eine ganze Reihe von Logikfehlern beinhaltet. Ich möchte nur einen nennen: die Protagonisten übernachten, werden von einem nächtlichen Schauer völlig durchnässt, und am kommenden Morgen zünden sie sich Zigaretten an… nun ja.

Ansonsten gibt die von der Qualität sehr abwechslungsreiche Anthologie dem Leser einen faszinierenden ergänzenden Einblick in das Literaturleben der Phantastik, das sich im unmittelbaren Umkreis Lovecrafts entwickelte und das er ebenso prägte wie es ihn prägte. Wer immer sich für die 20er und 30er Jahre, Lovecraft und die amerikanischen Pulps interessiert, sollte an diesem Band nicht achtlos vorbeigehen.

© 2003 by Uwe Lammers

Doch, das ist ein kleines Schmankerl für den Phantasten, der die dunklen Seiten der phantastischen Literatur schätzt, und es sei meinem alten Brieffreund und heutigen Verleger Frank Festa gedankt, dass er diese Geschichten hier zu­sammengeführt hat.

In der kommenden Woche möchte ich euch ein Werk vom anderen Ufer vor­stellen: von der Warte der harten wissenschaftlichen Fakten kommend be­trachten wir dann ein interessantes, ewig spannendes Thema – die Zeit.

Näheres in sieben Tagen an dieser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des Oki Stanwer Mythos,

nach langer Publikationspause möchte ich euch nun nicht länger darben lassen, sondern gern wieder mit neuem Lesestoff versorgen. Während die TI-Serie noch ein paar Monate pausieren muss, mache ich außer der Reihe schon den ersten Teil des neuen „Annalen“-Romans zugänglich: „Mein Freund, der Toten­kopf“.

In der Galaxis Beltracor lebt auf dem Hinterwäldlerplaneten Hamilton der junge Farmerssohn William Taylor jr., ein Junge, der nicht auf den Kopf gefallen ist, wenngleich er auch ein recht unsortiertes Mundwerk und einen etwas chao­tischen Verstand hat. Er ist sicher, zu wissen, was Probleme sind. Doch die wah­ren Probleme bekommt er erst zu sehen, als er auf die legendären Wanderar­beiter trifft, verrufene Gestalten.

Sie sind nicht nur heruntergekommene Individuen der menschlichen Gesell­schaft, sondern ganz und gar unmenschliche Kreaturen – lebende Tote, so ge­nannte Totenköpfe. Und einer von ihnen ist Shush, der Williams Horizont auf eine Weise weitet, wie er es für unmöglich gehalten hätte. Aber zusammen mit „seinem Freund Shush“ kommt das Grauen in Williams Heimat, die kleine Land­gemeinde Albert Hook, und schreckliche Dinge nehmen ihren Lauf…

Ab sofort könnt ihr Williams Geschichte folgen und einen weiteren wichtigen Mosaikstein des Oki Stanwer Mythos (OSM) kennenlernen und zugleich haut­nah eines der unheimlichsten Völker des OSM, die Angehörigen von TOTAMS ewiger Armee, der LEGION.

Das E-Book „Mein Freund, der Totenkopf“ ist als Teil 1 des zweiteiligen Romans „Aus den Annalen der Ewigkeit 6“ ab sofort im EPUB-Format auf Amazon-KDP zum üblichen Preis von 2,99 Euro erhältlich. Der einmalige Gratisdownload ist am 21. und 22. Juli 2017 möglich.

Ich wünsche euch angenehmes Lesevergnügen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

nahtlos fahren wir fort mit der Detailschilderung meiner kreativen Arbeiten im Rahmen der „Annalen der Ewigkeit“, mit denen ich im Wochen-Blog 218 aufge­hört habe. Ich kam damals bis zum Ende des Monats März 2007.

Im April arbeitete ich an dem damaligen Plan weiter, die OSM-Serie „Oki Stan­wer – Bezwinger des Chaos“ (BdC) in gründlich neubearbeiteter Form herauszu­bringen. Daraus wurde dann schließlich nichts, aber wie ihr inzwischen wisst, kommen mir heutzutage diese Vorarbeiten zugute. Die Episoden der Serie, die ich im April und Mai 2007 neu gestaltete, werden nun in erneut überarbeiteter Version alsbald in dem E-Book „Im Feuerglanz der Grünen Galaxis“ und damit dem ersten Band der neuen BdC-E-Book-Serie vorliegen.

Ebenfalls in diesem Monat April 2007 werkelte ich mehr schlecht als recht an dem Projekt weiter, das ich „OSM-Taschenbuch 2“ nannte und in dem mir ei­gentlich eine Art Universen überschreitendes Story-Crossover vorschwebte… wie ich schon erwähnte, war das eher eine Art von Schnapsidee, weil viele der Werke, die ich dafür eigens schreiben bzw. fertigstellen wollte, sich meinem kreativen Bilderfluss strikt widersetzten. Sie sind bis heute alle fragmentarisch geblieben. So ist das halt, wenn man vor lauter Idealismus Pläne forcieren möchte, die sich nicht forcieren lassen.

Ich sollte aus solchen Fehlern echt mal lernen… aber vielleicht bin ich dafür zu idealistisch oder zu naiv veranlagt, sucht es euch aus.

Was ebenfalls in diesem Monat begann, und das hat vermutlich dann wirkungs­voll meine kreative Energie anders fokussiert, das war ein autobiografischer Ar­tikel, den ich aus gegebenem Anlass für das Fanzine „Baden-Württemberg Ak­tuell“ (BWA) zu schreiben begann. Unter dem Titel „25 Jahre im Dienst der Kreativität“ startete ich ein mehrteilige Kreativautobiografie, die den Zeitrah­men von 1982 bis 2007 umspannte und meine kreative Entwicklung dokumen­tierte. Das sollte mich noch sehr lange beschäftigen (bis Juni 2008, um genau zu sein). Am Ende umfasste der Artikelbogen 12 Teile, die sukzessive alle in BWA erschienen.

Auch im Mai hielt mich die OSM-Serie noch fest im Griff, ich kam da z. T. bis Band 7, aber der Bilderfluss wurde schon schwächer, und es gab zunehmend verlegerische Komplikationen, die meinen Elan dann entsprechend bremsten. Gegen Ende des Monats kehrte ich ins Universum des KONFLIKTS 2 „Oki Stan­wer und das Terrorimperium“ (TI) zurück und kam dort in den 40er-Bänden wie­der voran.

Dazu passt übrigens auch meine Weiterarbeit an der OSM-Story „Die Wand­lung“, mit der ich schon 2005 begonnen hatte. Wenn ich sie dann mal endlich weiterschreibe und fertig stelle (davon bin ich wirklich noch sehr weit entfernt), wird klarer werden, was aus den in Band 10 der TI-Serie („Das Maschinenvolk“) entführten Yantihni um den Piloten Yuuricor geworden ist.

Nein, wie ihr seht, habe ich diesen Handlungsfaden nicht aus dem Blick verlo­ren… aber es dauert mitunter Jahre, bis ich solche Geschichten abschließen kann. Dass ich hier weiterschreibe, wird kaum vor 2018 der Fall sein. Da muss ich euch also noch ordentlich vertrösten.

Im Juni 2007 driftete ich dann völlig disparat vom Kurs ab. Rezensionen auf der einen Seite, ein historischer Vortrag, den ich in Wolfenbüttel zu halten hatte und der natürlich geschrieben werden wollte, dazu ein paar TI-Episoden, abeb­bende Weiterarbeit an der OSM-Serie plus Artikelserie für BWA – das laugte mich irgendwie ziemlich aus, ich kam nicht wirklich vom Fleck.

Den Monat darauf konnte ich endlich den OSM-Roman „Verderben auf Tuwih­ry“ abschließen, an dem ich schon lange gewerkelt hatte. Er spielt ebenfalls im KONFLIKT 2 und wird, ähnlich wie schon „Heiligtum der Shonta“, beizeiten flan­kierend in der Reihe der „Annalen“ erscheinen. Aber selbst bei wieder normali­sierender Erscheinungsweise ist das vermutlich frühestens Ende 2018 der Fall.

Warum, mögt ihr klagen, ist das so? Nun, das kann ich ganz leicht erklären: So, wie der „Annalen“-Roman „Räuber“ nach TI-Band 35 positioniert werden wird, so wird „Tuwihry“ zwischen TI 39 und 40 platziert werden müssen. Vertraut mir, es geht nicht anders. Wenn ihr die drei Bände lest, versteht ihr das deutlich bes­ser.

Außerdem werkelte ich in jenem Monat Juli 2007 noch an diversen längeren Werken, dabei an einer „Story“, die „Mein Freund, der Totenkopf“ heißen soll­te… nun, wenn sich die Dinge dieses Jahr gut entwickelt haben, solltet ihr den Roman im E-Book entweder schon kennen oder zumindest in Kürze vorliegen haben. Fertig überarbeitet sind Teil 1 und 2 als „Annalen 6“ jedenfalls schon.

Na ja, und wie es der Teufel so wollte, brach natürlich, weil ich bei den Langzeit­projekten wirklich auf keinen grünen Zweig kam, das wieder durch, was so oft bei mir durchbricht: Anfang August entstand erst ein Hintergrundtext zu KON­FLIKT 2, nämlich „Arcons Plan“, über den ich aus Gründen des Spoileralarms nichts Näheres sagen darf. Und direkt danach tauchte eine neue OSM-Idee auf, die unausweichlich war.

Unter dem Titel „Die Reisenden von Beltracor“ entstand etwas, was man wohl am ehesten als eine Art von Serien-Treatment bezeichnen könnte. Eine Auftakt­skizze für eine abenteuerliche OSM-Serie in der Galaxis Beltracor, wo zwei Ju­gendliche, ein Amulett mit ungeheuerlichen Kräften und Lebensformen jenseits der Vorstellung zentrale Rollen spielen. Ob es sich dabei um einen Romanmehr­teiler handeln wird oder eine Serie oder gar den Grundstein für eine neue OSM-Ebene… aktuell bin ich hier so schlau wie ihr selbst auch. Auch hierzu vermag ich wirklich noch nichts Näheres zu sagen. Allerdings war ich einigermaßen frus­triert, NOCH EIN neues Fragment vorliegen zu haben. Es gibt doch schon so vie­le davon…

Ebenfalls laufende Arbeiten versuchte ich im September 2007 fertig zu stellen. Es gelang mir nahezu gar nicht. Ich oszillierte hier zwischen KONFLIKT 7 „Oki Stanwer – Held der Hohlwelt“ (HdH) und KONFLIKT 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ (DM) hin und her und kam weder hier noch dort auf einen grünen Zweig.

Stattdessen blühte ein weiterer Hintergrundartikel des OSM auf und reifte bin­nen kürzester Zeit zur Vollendung heran: „Gedanken über die Totenköpfe“, was offenkundig nahe lag, weil ich mich ja kurz zuvor mit solchen Geschichten wie „Mein Freund, der Totenkopf“ und „In der Hölle“ befasst hatte. Das brachte meine Gedanken offensichtlich auf Kurs. Aber ob die Schlussfolgerungen in die­sem Hintergrundartikel tragen, kann ich bis heute nicht recht sagen. Da ist mög­licherweise einiges Revisionspotenzial gegeben…

Kommen wir noch zum Monat Oktober. Er stand ebenfalls im Zeichen von be­gonnenen Fragmentwerken, von denen heute viele fertig sind (mehrheitlich Episoden), aber manches ist bis zur Gegenwart unvollendet. Womit ich hier weitermachte, war, ganz auf der Totenkopf-Welle schwimmend, der Roman „Die Totenköpfe 1: Die Alte Armee“, der gegenwärtig in Etappen im Fanzine BWA seit Band 400 erscheint, also seit Januar 2017. Damals, im Oktober 2007, hatte ich noch keinen blassen Schimmer, wohin mich dieses Werk noch treiben würde.

Dasselbe galt natürlich auch für das Werk „Jaleenas zweites Leben“, an dem ich hier weiterschrieb und das in meinen Augen immer noch als „Story“ konfiguriert war. Ihr kennt dieses Symptom von mir. Ich neige grundsätzlich dazu, die Länge meiner Geschichten zu unterschätzen…

Verschiedene Stippvisitenversuche im Archipel schlossen sich hier außerdem ebenfalls an, in den vorigen Monaten gab es da schon ähnliche Vorstöße, die aber samt und sonders nicht sehr weit führten.

Wieso war ich so unkonzentriert und abgelenkt? Was genau störte mich? Nun, wie ich schon im Blogartikel 223 andeutete, kam ich hier in Konflikt mit meiner Sphäre der Erwerbsarbeit: Seit Juni 2007 hatte ich einen Kontrakt mit dem Stadtarchiv Salzgitter, das verkehrstechnisch schwierig zu erreichen war und mir einen erheblichen Teil meiner Tageszeit raubte. Wenn ich dann abends heim­kehrte, war ich üblicherweise so ausgepowert, dass für großartige Denkleistun­gen kaum mehr Energie da war… eine sehr ähnliche Situation wie heutzutage. Indes gibt es Unterschiede – in Salzgitter war die Arbeitszeit klarer planbar als heutzutage in Braunschweig, und auf den langen Wegen hin und zurück konnte ich deutlich mehr lesen als gegenwärtig.

Für meine Kreativität war diese Arbeitszeit, die mich vollkommen absorbierte, jedoch pures Gift, insbesondere für längere Projekte. Es kann daher nicht wirk­lich überraschen, dass zwar eine Schwemme von Rezensionen entstand, na­mentlich Comic-Rezensionen, die ich früher nie verfasst hatte, aber sonst kaum viele eigenständige Werke. Das sollte noch geraume Zeit dauern, bis es sich än­derte.

Warum dies?

Nun, dieses Aktenerschließungsprojekt der IG Metall-Verwaltung Salzgitter, das ich dort übernommen hatte, war für sich genommen ein spannendes Unterfan­gen, und ich legte mich sehr ins Zeug, als klar wurde, dass das Arbeitsvolumen innerhalb eines halben Jahres wirklich nicht schaffbar war. So kam es dann auch zu einer Verlängerung bis Mitte 2008.

Dies wiederum hatte zur Folge, dass sich meine prekäre Zeitverschiebung zu Ungunsten des Schreibens daheim verschob. Wie sich das dann weiter auf mei­ne Kreativität auswirkte, erzähle ich euch im kommenden Abschnitt dieser Se­rie, der sich dann mit dem November 2007 befassen wird.

In der nächsten Woche wage ich mich dann mit euch mal wieder auf einen der legendären Schauplätze des OSM, den ihr – wenn ihr die „Annalen“-Romane gelesen habt, auch schon ein kleines bisschen kennen lernen konntet: eine Welt namens Dawson, zu der von der irdischen Venus in KONFLIKT 19 ein Baumeis­ter-Portal ihres Transmitternetzes führt. Das hat unter anderem einen jungen irischen Auswanderer namens Ian Perry dorthin verschlagen, der wiederum mit einem Kleini-Mädchen namens Sinaa zusammentraf und ein quirliges Kind zeugte, das auf den Namen Senyaali hört.

Aber das ist natürlich noch lange nicht alles, was es über Dawson zu erzählen gibt. Wer mehr erfahren möchte, sollte nächste Woche wieder reinschauen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 119: Höllenflut

Posted Juli 5th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist bisweilen interessant, wie aktuell doch Romane mit vager politisch rele­vanter Ausrichtung sein können, selbst wenn sie schon rund 20 Jahre auf dem Buckel haben. Hier liegt wieder einer dieser Art vor. In dem Buch geht es – un­ter anderem – um Menschenschmuggel. Und das ist ja nun, seit die „Flücht­lingskrise“ in aller Munde ist und Tausende von armen Asylsuchenden elendig im Mittelmeer ertrinken, eine Branche, die einen traurigen Boom erlebt, man kann es nicht anders sagen. Die meisten politischen Amtsträger hingegen glän­zen durch Hilflosigkeit, Desinteresse oder ruppig-völkischen Nationalismus.

Es ist hinlänglich bekannt, dass nichts davon das Problem wirklich in den Griff bekommen kann – hier hilft nur beherztes Einschreiten an der Quelle der Schwierigkeiten selbst, und in dieser Hinsicht demonstriert der vorliegende Cli­ve Cussler-Roman das Prinzip auf gewohnt rabiate Weise, die nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen wird.

Doch es geht ja durchaus nicht nur hierum. Wir machen auch mal wieder Be­kanntschaft mit politischer Korruption in den Vereinigten Staaten, haben einmal mehr ein bemerkenswertes historisches Rätsel aufzuklären… und den Rest der Zeit schauen wir einfach Dirk Pitt und seinem Sidekick Albert Giordino dabei zu, wie sie wieder einem Schurken das Handwerk legen.

Wem genau, und wie kommt es dazu? Nun, seht selbst:

Höllenflut

(OT: Flood Tide)

von Clive Cussler

Blanvalet 35297

Aus dem Amerikanischen von Oswald Olms

608 Seiten, TB

ISBN 3-442-35297-5

Man schreibt das Jahr 1948, als der Machtkampf zwischen Mao-tse-tung und General Tschiang Kai-schek (es gibt diverse Schreibformen seines Namens, wie bei den meisten asiatischen Namen, diese wird im Buch verwendet) zugunsten der Kommunisten entschieden ist. Der General muss sich mit seinen verbliebe­nen Truppen nach Taiwan zurückziehen und ruft hier ein Nationalchina aus, das bis zur Gegenwart in unversöhnlichem Gegensatz zu dem kommunistischen Chi­na steht und diplomatisch von den USA unterstützt wird. Damit endet 1948 der Bürgerkrieg, und das sozialistische Experiment des Großen Vorsitzenden Mao beginnt… aber damit ist noch längst nicht alles verloren.

Kurz vor dem Machtverlust lässt Tschiang Kai-schek die Kulturschätze Chinas plündern und mit größter Heimlichkeit an Bord eines Schiffes bringen, der Prin­cess Dou Wan, die mit unbekanntem Ziel aufbricht. Die Funkgeräte sind un­brauchbar gemacht worden, damit niemand Verrat üben kann – doch das wird ihr zum Verhängnis, als das Schiff in einen verheerenden Sturm gerät und kurz vor ihrem Ziel in unbekannten Gewässern für immer in den Fluten der See ver­sinkt. Die Schätze Chinas scheinen für alle Zeiten verloren.

Blende in die Gegenwart des April 2000:

Der Direktor für Spezialprojekte der National Underwater and Marine Agency (NUMA), Dirk Pitt, ist gerade schwer angeschlagen aus einem vorherigen Abenteuer zurück in die Heimat gekommen, physisch fast am Ende und auch mental völlig ausgepowert.1 Er nimmt sich deshalb Urlaub und will ihn nur mit Angeln am Orion Lake, 90 Meilen vor Seattle, verbringen. Er hat nicht einmal seinem Chef, Admiral James Sandecker, Bescheid gegeben, wo man ihn finden kann. Er ist einfach seelisch schwer mitgenommen.

Doch der Orion Lake ist ein seltsames Gewässer. Abgesehen von der Hütte, die Pitt gemietet hat, ist der gesamte Rest des Sees in Privathand und schwer ge­sichert, obwohl es dafür keinen ersichtlichen Grund gibt. Eine ehemalige Fisch­fabrik hat der chinesische Reederei-Mogul Qin Shang zu einem bombastischen Urlaubssitz ausgebaut, der aber die meiste Zeit völlig ausgestorben daliegt. Als Pitt zudem entdeckt, dass man seine Hütte durchsucht und mit Mikrofonen und Kameras gespickt hat, erwacht sein Misstrauen, und er beschließt, dem seltsa­men Nachbarn in den Vorgarten zu spähen. Das tut er, indem er – ganz Meeres­forscher, der er ist – bei der NUMA kurzerhand einen kleinen Tauchroboter be­stellt und ihn auf den Seegrund nahe dem Anwesen schickt.

Auf das, was er entdeckt, ist er allerdings nicht vorbereitet: der Seegrund des Orion Lake ist bedeckt von menschlichen Leichen. Asiatische illegale Einwande­rer, gefesselt und beschwert und vom kalten Wasser des Sees perfekt konser­viert. Eindeutig Mordopfer, darunter Frauen und Kinder.

Wenig später kommt Pitt gerade noch zeitig, um eine weitere Mordaktion zu verhindern und eine Gruppe von Immigranten vor dem sicheren Tod zu retten. Unter ihnen befindet sich auch Julia Marie Lee, eine schöne Halbchinesin, die Undercover-Agentin der US-Einwanderungsbehörde ist. Damit beginnt etwas, was man einen persönlichen Rachefeldzug nennen kann. Pitt, den es ergrimmt, dass ein offensichtlicher Krimineller und Massenmörder, der freilich Multimillio­när ist und im offiziellen Auftrag der Volksrepublik China daran arbeitet, Ameri­ka mit Armeen von chinesischen Sklavenarbeitern zu überschwemmen, Behör­den unterwandert und bis zum Weißen Haus hinauf Politiker in großem Stil be­sticht und schmiert, so völlig unangreifbar zu sein scheint, nimmt sich vor, dem offensichtlichen Mistkerl das Handwerk zu legen.

Qin Shang seinerseits nimmt seinen Widersacher und die NUMA nicht ernst, auch wenn er einigermaßen erzürnt darüber ist, dass Pitt eine seiner schönen Yachten abgefackelt und ihm einige empfindliche Geschäftseinbußen beschert hat. Gleichwohl ist ihm das ziemlich egal – denn die Einwanderungsgeschichte ist eigentlich nicht die Hauptsache für ihn. Sein Hauptanliegen konzentriert sich auf einen pompösen, mit goldenen Pyramiden geschmückten Hafenterminal namens Sungari, den er mitten in das Delta des Mississippi gesetzt hat – aller­dings ohne jedwede Schienen- oder Straßenanbindung. Offensichtlich eine völ­lig nutzlose Milliardeninvestition, die überhaupt keinen Sinn ergibt.

Und wie passt dieser Mystic-Kanal hinein, ein von chinesischen Arbeitern zuwe­ge gebrachtes Kanalbauprojekt in unmittelbarer Nähe von Sungari, dreißig Kilo­meter lang? Angeblich hat Qin Shang den Aushub gebraucht, um die Funda­mente von Sungari zu legen, aber dafür hätte ein Kanal von drei Kilometern schon gereicht. Wozu noch 27 Kilometer weiter buddeln und das Ganze dann mit einer rostigen Kette für jedweden Verkehr zu sperren?

Die Einwanderungsbehörde, mit der Pitt bald zusammenarbeitet, ist überzeugt davon, dass der chinesische Tycoon auch Sungari als Umschlaghafen für illegale Immigranten nutzt. Aber ohne Verkehrswege? Was macht das für einen Sinn? Pitt fürchtet, dass auf dem Grund des Mystic-Kanals womöglich wie am Grund des Orion Lake Leichen zu finden sein könnten, aber eine Exkursion überzeugt ihn vom Gegenteil. Dennoch ist hier zweifellos etwas oberfaul, es ist nur nicht ersichtlich, was.

Und was ist mit dem einstigen Kreuzfahrtschiff UNITED STATES, das zur Ver­schrottung freigegeben wurde, aber von Qin Shang in Fernost generalüberholt wurde und sich nun auf den Weg nach Sungari macht? Ein Schmuggelschiff für Immigranten? Ein Transporter für Waffen oder Rauschgift? Nichts davon scheint zu stimmen.

Als den Beteiligten aufgeht, was für ein perfides Spiel Qin Shang tatsächlich treibt, bleiben nur noch Stunden, um eine Katastrophe beispiellosen Ausmaßes zu verhindern…

Ich hatte den Roman schon im Jahre 2005 gelesen und damals keinen Anlass gesehen, ihn zu rezensieren. Diesmal verschlang – muss man wirklich so sagen – ich ihn, weil im Vorwort zu dem Roman „Der goldene Buddha“ (das ist der er­ste Band der so genannten „Oregon-Files“) erwähnt wurde, in diesem Buch werde erstmals das Schiff OREGON mit seinem Kapitän Juan Cabrillo erwähnt. So kann man das natürlich auch nennen… was Cabrillo und seine Crew zu­sammen mit Dirk Pitt in chinesischen Gewässern so tun, ließ mich beim Nachle­sen vollkommen verstehen, warum die Leser der Ansicht waren (wie übrigens auch der Autor Cussler), man solle Cabrillo und die OREGON nicht einfach nach einem Roman wieder in der Versenkung verschwinden lassen. Deshalb gibt es ja auch bis heute 11 Romane der so genannten „Oregon-Files“ (und es erscheinen ständig weitere).

Die Neulektüre brachte mich dann dazu, das Buch doch zu rezensieren. Es ist zwar für mich, weil ich eine vage Erinnerung an den Inhalt hatte, keine sehr große Überraschung mehr gewesen, der Storyline zu folgen, aber viele Sachen hatte ich tatsächlich ganz vergessen. Etwa die ganzen Details der OREGON-Mission, die Verfolgungsjagd durch Washington und fast alle Entdeckungen, die Pitt und sein schrulliger Kompagnon Al Giordino am Mystic-Kanal machten. Der Plot selbst ist vergleichsweise durchsichtig, wenn man sich mit der Materie ein wenig auskennt, klingt in der Umsetzung indes doch ein wenig nach Science Fic­tion (was den schönen Effekt hat, dass die Verantwortlichen im Roman Pitt einfach nicht glauben, und zwar, bis es fast zu spät ist). Unnötig zu erwähnen, dass das die Spannung recht ordentlich in die Höhe treibt. Und da man ja auch das Schicksal von Ms. Lee nicht vorhersehen kann, existiert ein weiterer kribbe­liger Spannungsfaden in der Geschichte.

Was den Schluss angeht, so kam es mir dann so vor, als ob sich Cussler hier gar zu sehr auf Qin Shang und seine Konfrontation mit Dirk Pitt konzentriert hat. Manche Dinge blieben einfach ungeklärt, bzw. wurden recht unbefriedigend ab­gehandelt. Gar zu gern hätte man doch erfahren, was mit dem Tauchroboter bei Sungari geschehen ist oder wer denn nun Qin Shangs „Maulwürfe“ in den hohen Hierarchieebenen in Washington und bei der Einwanderungsbehörde waren… da existieren klare Defizite im Roman. Aber ansonsten ist ein durchaus interessanter Roman herausgekommen, der sogar über einen Finsterling ver­fügt, der Format hat. Das kann man nicht von allen Dirk Pitt-Abenteuern sagen. Darum erhält der Roman auf jeden Fall das Siegel: Lesenswert (und nicht nur wegen des Peking-Menschen und wegen Fritz, aber wegen dem natürlich auch… und nein, das Rätsel kläre ich jetzt NICHT!).

© 2012 by Uwe Lammers

Nun, und zu den oben erwähnten Juan Cabrillo-Abenteuern der OREGON kom­men wir noch, allerdings wohl nicht mehr anno 2017, sondern eher 2018. Es gibt noch so viele faszinierende Romane vorzustellen, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Gerade habe ich wieder einen solchen am Wickel – Félix J. Pal­mas Buch „Die Landkarte des Himmels“, und zwei weitere möchte ich gern wie­der einmal lesen: Richard Adams´ „Maia“ und C. W. Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“. Wie schnell ich wohl dazu komme, und wann die entsprechen­den, absolut notwendigen Rezensionen hier erscheinen werden, vermag ich noch nicht zu sagen.

Drum lauert nicht zu früh auf Cusslers OREGON-Files, auch nicht auf die nächs­ten Fargo-Abenteuer oder Kurt Austin & Co. Es gibt atemberaubend viele Cuss­ler-Collaborationen, und es kommen ständig neue hinzu.

In der kommenden Woche mache ich einen Abstecher in eine völlig andere lite­rarische Ecke. Wem der Name Howard Phillips Lovecraft etwas sagt, der ist nächste Woche hier genau richtig.

Neugierig geworden? Gut so – schaut einfach rein!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Dieses Abenteuer wird im Roman „Schockwelle“, Blanvalet 35201, erzählt und liegt zu Be­ginn des vorliegenden Romans höchstens ein paar Wochen zurück. Vgl. dazu auch den Re­zensions-Blog 115 vom 7. Juni 2017.

Liebe Freunde des OSM,

als ich euch vor sechs Wochen verließ, befanden wir uns mitten im turbulenten Jahr 2011 meines kreativen Schaffens, und ich kann euch versichern, der De­tailblick heute wird demonstrieren, dass der Monat Oktober 2011, um den es jetzt geht, ähnlich stürmisch verlief wie die bisherigen Monate des kreativ äu­ßerst ergiebigen Jahres 2011.

Da mir der Werkvertrag, in dem ich zu diesem Zeitpunkt steckte – ich sagte jüngst, es war das Amtsträger-Projekt – vergleichsweise komfortable Arbeits- und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten gab, brodelte meine kreative Denkküche auf hoher Flamme. Mit 22 fertig gestellten Werken kam ich in manchen Feldern meiner Kreativität ordentlich voran. Das galt zuvorderst natürlich für die junge Serie „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ (DKdO), wo ich zielstrebig auf den Band 17 hinarbeitete, mit der der zweite Unterzyklus der Serie beginnen würde. Und ich versichere euch, Freunde, mit dieser Episode, die den Titel „Vektoren der Vernichtung“ trug und zum Band 1600 des OSM werden sollte, werdet ihr ein interessantes Aha-Erlebnis haben, sobald der Band als E-Book erscheint. Weshalb? Da das noch ein paar Jahre in der Zukunft liegen dürfte, verrate ich es heute mal ausnahmsweise: Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Protagonis­ten die reptiloiden Allis sind. Es taucht auch ein ganz besonderer Alptraum auf, den ihr aus der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) kennt: ein MI­NEUR der Troohns, der bewohnte Welten einreißt… fürwahr ein vertrauter Alp­traum.

Ich arbeitete intensiv am Glossar und Lexikon für die DKdO-Serie weiter, schrieb an der „Annalen“-Geschichte „Auf ewiger Mission“ weiter, worin ich den Hand­lungsfaden wieder aufnahm, den ich notgedrungen in dem Roman „Mein Freund, der Totenkopf“ hatte fallen lassen müssen. Ihr werdet das ja dem­nächst selbst entdecken, wenn meine Publikationsplanung für 2017 sich halb­wegs einhalten lässt – in diesem Roman, der „Annalen 6“ im E-Book-Format darstellt, bleiben Fragen offen. Woher kam der „Wanderarbeiter“ Shush eigent­lich? Woher hatte er diese legendäre Technologie? Und wohin ging er vor allen Dingen, nachdem „TOTAMS Kralle Hamilton aufgeschürft“ hatte? Um solche Fragen geht es in der obigen Geschichte, die zeitlich vor „Annalen 6“ beginnt und, so die bisherige Planung, danach weitergehen soll. Aber ihr wisst aus dem Fall von „Der Platz der Steine“ und inzwischen vielleicht auch von „Das Versteinerungs-Spiel“ her, dass sich der Bilderstrom auch auf interessante Weise verzweigen kann.

Die Beschäftigung mit KONFLIKT 9 des OSM, also der oben erwähnten Serie „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“, schuf natürlich wieder mal ein kreatives Problem. Die Realisierung so alter Bilderströme ließ eine weitere Idee hoch­sprudeln, die in dem Fragment „Die automatische Stadt“ kondensierte.

Herrgott, dachte ich, halb amüsiert, halb frustriert, NOCH ein Fragment! Nun, es ist nicht zu ändern. Dinge, die geschrieben werden müssen, so unvollständig die Bildblenden auch sein mögen, die müssen einfach aufs Papier, andernfalls lenken sie mich konstant von anderen Projekten ab.

Ich begann damit, ein Ebenenglossar für KONFLIKT 2, also die Serie „Oki Stan­wer und das Terrorimperium“, zu entwickeln. Intensiv kam ich auch mit der jüngst angefangenen Abschrift des KONFLIKTS 18 voran, d. h. mit der Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (KGTDUS), wo ich Band 13 er­reichte.1

Ein weiteres Indiz dafür, dass ich offenbar zu viel freie Zeit besaß, war der Be­ginn der Abschrift einer weiteren OSM-Serie, nämlich des KONFLIKTS 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ (DM). Hier lagen die digitalen Episoden erst ab Band 22 „Feuer-Terra“ vor. Davor gab es nur maschinenschriftliche Episoden, und das nervte mich besonders, weil ich an dieser Serie ja noch schrieb und aktuell im­mer noch schreibe. Ich begann also damit, parallel die digital vorhandenen Epi­soden neu zu formatieren und neu auszudrucken wie auch die alten abzuschrei­ben. Zu meiner eigenen nicht geringen Überraschung sollte ich bis Jahresende mit dieser Arbeit komplett fertig werden. Dass das also eine Menge kreativer Energie band, versteht sich wohl von selbst.

Und da ich mich schon in diesem Universum befand, schrieb ich fast notwendi­gerweise an der Story „Die Intervention“ weiter, die euch inzwischen vertraut sein dürfte. Sie ist in meiner E-Book-Storysammlung „Reinkarnation und andere phantastische Geschichten“ im August 2015 erschienen. Sie erzählt zumindest zum Teil die Vorgeschichte von „Annalen 2“: „Ian und der Stein der Götter“.

Zwischendrin machte ich einen kleinen Abstecher in das immer umfangreicher werdende Manuskript „Rückzug in das Liebeskloster“, also eine Archipel-Ge­schichte, die ich inzwischen eher als Roman einstufen würde. Aber ehe ich mich da irgendwie verwurzeln konnte, schoss eine weitere Geschichtenidee empor und katapultierte mich geradewegs in KONFLIKT 19 zurück: mit „Der Zentral­knoten“ machte ich eine durchaus unheimliche Stippvisite in einem Haushalt in Nordafrika und besuchte ein fieberndes Kind, das von einem zutiefst un­menschlichen Besucher geheilt wird… dass diese Begegnung die Geschichte der Erde fundamental verändern würde, ahnte ich schon, als ich damit begann. Aber bis heute ist diese Geschichte leider ein Fragment, das euch dereinst die Nackenhaare kräuseln wird – versprochen!

Ja, ja, NOCH ein Fragment, ich weiß. Ich kann’s nicht ändern. Manchmal kom­men monatelang überhaupt keine solchen Bilderblitze, und hier hagelte es sie geradezu, im Monat Oktober 2011.

Und da ich mich ja sowieso gerade in KONFLIKT 19 aufhielt, arbeitete ich auch an „Eine scharf geschliffene Waffe“ weiter, die wirklich perfekt zu der eben an­gesprochenen Geschichte passt. Und sie uferte so aus, dass ich sie von diesem Monat ab als Roman titulierte. Das ist sinnvoll, inzwischen hat dieses (nach wie vor fragmentarische) Werk schon mehrere hundert Manuskriptseiten.

Tja, und dann war der Monat Oktober schon vorüber – weil ich eben, wie oben angedeutet, so viel zu KONFLIKT 19 gemacht hatte. Ich war da richtig tief einge­taucht, aber natürlich noch nicht fertig mit der Arbeit. Die ging vielmehr in ver­stärkter Form im Monat November 2011 weiter. Zwar waren im Monat Oktober – aber ich hatte ja auch erst ab dem 16. Oktober damit begonnen – nur 3 Episo­den der Serie digitalisiert worden, dafür allerdings die Bände 22-30 neu forma­tiert worden. Im November folgten die restlichen Episoden bis 21 inklusive, dann die Neuformatierungen bis zur damals aktuellen Schreibgrenze, d. h. Band 41 „Das Vernichtungssystem“.

Es nimmt also nicht wunder, denke ich, dass auch in diesem Monat mit 25 fertig gestellten Werken, zumeist Episoden, erstaunlich viel passierte, nicht wahr? Und wie das so üblich ist, wenn ich Serien fertig digitalisiere, die noch nicht restlos fertig geschrieben sind, inspirierte mich natürlich das Eintauchen in die­se Welt, hier fortzufahren.

Ich reiste in die NISCHE auf den „fliegenden Kontinent“ und in die Crelly-Pira­tenstadt Gondaur, wo ich den dramatischen Schlussakkord der Abenteuer der MISSOURI-Crew an diesem bizarren, farbenprächtigen Ort zu formulieren be­gann. Es sollte noch bis Dezember 2011 dauern, bis ich diesen komplexen und sehr umfangreichen Band fertig stellte (immerhin 71 einzeilige Seiten, und das ist bekanntlich nur eine Episodenfassung, die E-Book-Fassung wird sehr viel vo­luminöser sein).

Ebenfalls im KONFLIKT 19 besuchte ich die Welt Dawson und begann auch hier ein fulminantes und mörderisches Finale in der Episode 53 „Fluchtziel Koloron“ weiter auszuformulieren. Und, ebenfalls in derselben Ebene, landete ich im so­laren System und im Sonnengarten der Galaxis Milchstraße dazu ebenfalls.

Man kann also sagen, ich kam in diesem Monat ziemlich weit herum in diesem KONFLIKT-Schauplatz… und das wurde sogar noch turbulenter, weil Ende No­vember 2011 schon wieder zwei OSM-Fragmente emporschossen, beide eben­falls im KONFLIKT 19 angesiedelt. Mit „Ungleiche Freunde“ reiste ich zurück in die früheren Jahre von Dawson/Shoneei/Swamp und zu Ian Perry und seiner kleinen Familie. Und in der Story „Auf Space“ landete ich in Aphrodite Harbour.

Was Aphrodite Harbour ist? Wo es liegt, sollte man vermutlich eher fragen: auf der Venus im Jahre 2081. Es ist die größte menschliche Ansiedlung und Stütz­punkt der Raummarinedivision Venus, von der ihr beizeiten noch deutlich mehr hören werdet. Und in dieser Geschichte berichte ich aus der Gegenwart der Se­rie „Oki Stanwer – Der Missionar“, zu einem Zeitpunkt, als die Venus von ihren Unterwanderern erobert worden ist und der Baumeister des Solsystems einen verzweifelten Kampf ausfechtet, die Kontrolle wieder zurückzuerhalten. Und „Space“ ist eine moderne Form einer Weltraumdroge… allerdings ist das nicht einmal ein Drittel der Wahrheit, die ist noch sehr viel grässlicher.

Also, ihr merkt, ich kam in diesem Monat wirklich auf eine Menge wilder, faszi­nierender Ideen, es war also nicht nur das Zeitfenster, in dem ich viele alte Ge­schichten abschrieb und an einigen wenigen anderen weiter vorankam.

Wann allerdings all diese Fragmente sich vollenden lassen, steht aktuell völlig in den Sternen. In Zeiten wie den gegenwärtigen fällt es mir leider ziemlich schwer, mich überhaupt auf sehr viel mehr als kommentierte Episodenabschrif­ten und Blogartikel zu konzentrieren. Das ist traurig, aber die Wahrheit.

Was für ein Kontrast zum Jahr 2011! Ihr merkt es beizeiten, wenn ich mit der Berichterstattung die Jahre 2016 und 2017 erreiche, aber das dauert noch. Im nächsten Abschnitt dieser Artikelreihe führe ich euch dann durch den Monat Dezember 2011, vielleicht schaffe ich auch den Januar des Folgejahres. Da sich die brodelnde Kreativität auch in diesem Zeitraum Geltung verschaffte, werde ich wieder eine Menge Raum für die Darstellung benötigen. Lasst euch da einfach mal überraschen.

In der kommenden Woche nehme ich euch etwas tiefer in die Vergangenheit mit, wenn wir wieder die Entwicklung der „Annalen der Ewigkeit“ anschauen. Da hält unsere Erinnerungs-Zeitmaschine im Jahr 2007.

Bis bald, meine Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Bedenkt bitte, dass ich aktuell immer noch diese Serie abschreibe und kommentiere. Allerdings bin ich in­zwischen (Stand: Anfang März 2017) schon bei Band 86 angelangt. Es geht also voran, aber es ist noch nicht gewiss, dass die Serie dieses Jahr fertig digitalisiert werden kann, so sehr ich mir das auch wünsche.

Rezensions-Blog 118: Judenmord

Posted Juni 28th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ich gebe zu, das Thema der heutigen Lektüre ist ein wenig… unbequem und vermutlich auch schwer verdaulich. Möglicherweise seid ihr in der Schule schon bis zum Erbrechen im Geschichtsunterricht der jüngsten Vergangenheit mit dem Holocaust traktiert worden und es allmählich leid, die deutsche Geschichte auf diese grässlichen 12 Jahre der NS-Herrschaft begrenzt zu wissen.

In gewisser Weise empfinde ich das recht ähnlich. Wenn man das Phänomen des Nationalsozialismus und des durch ihn realisierten Holocaust an den jüdi­schen Deutschen und den europäischen Juden in der Weiterung wirklich etwas besser verstehen möchte, muss man die Wurzeln des Ganzen anschauen. Wir müssen dafür meiner Ansicht nach wenigstens bis zur Kaiserzeit zurückgehen, also vermutlich bis 1871.

Das soll heute allerdings nicht das Thema sein. Christopher Browning, dessen faszinierendes wie erschreckendes Buch ich 2003 rezensierte und das mir nach wie vor eminent wichtig erscheint, fragte sich vielmehr, in Abgrenzung zur da­mals diskutierten These von Daniel Jonah Goldhagen, ob die Deutschen tat­sächlich summarisch „Antisemiten“ gewesen seien. Naive Geister vermögen sich vielleicht den Holocaust nicht anders zu erklären.

Nein, sagte er, es waren „ganz normale Deutsche“. Und das macht, global be­trachtet, die Angelegenheit so bestürzend wie alarmierend. Denn diese These zeigt anhand der in diesem Buch erläuterten Beispiele, dass dergleichen nicht einfach ein „historisches“ Phänomen ist – erschreckend, ja, aber eben vorbei, und es könne nie wieder passieren, wenn man umfassend darüber aufkläre. Wahr ist vermutlich eher, dass es jederzeit wieder geschehen kann, überall auf der Welt. Und Brownings Beispiele machen das auf beunruhigende Weise deut­lich.

In einer Zeit, in der man vom „postfaktischen Zeitalter“ schwafelt und harte Fakten weniger als unausgegorene Bauchgefühle und der blinde Jähzorn auf „das Establishment“ zählen, der Populismus blüht und die Schmähung der Wissensgesellschaft, in solch einer Zeit sollten wir für dieses Buch ganz beson­ders dankbar sein. Es zeigt einen dunklen Spiegel und reflektiert das ganz nor­male Böse, das in jeder einzelnen Menschenseele ruht… bis zu dem Moment, wo die Umstände richtig sind, um es zum jähen Ausbruch zu bringen.

Brownings Buch ist erschreckend, ja. Aber es ist wichtig und meiner Ansicht nach voll von bedeutenden Denkansätzen, die nicht vergessen werden dürfen. Folgt mir also in den Zweiten Weltkrieg und in finstere Zeiten:

Judenmord

von Christopher R. Browning

(OT: Nazi Policy, Jewish Workers, German Killers)

S. Fischer, geb., 2001

292 Seiten

Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber

Eines der zweifellos größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das im 20. Jahrhundert verübt worden ist, war das planmäßige, eiskalte Vorhaben, die eu­ropäischen Juden massenhaft, gewissermaßen fabrikhaft zu liquidieren. Die Na­tionalsozialisten, so heißt es oftmals, waren Ungeheuer, manische Antisemiten, ja, sie hätten einem „eliminatorischen Antisemitismus“ gehuldigt, der jeden von ihnen zum Monster gemacht habe mit dem einzigen Ziel, Juden umzubringen.

Als der amerikanische Historiker Daniel Jonah Goldhagen diese These vor eini­gen Jahren der Öffentlichkeit präsentierte1, geriet er sogleich in heftige Kritik, die unter anderem von anderen Historikern geäußert wurde, die bereits zum Holocaust geforscht hatten. Einer von ihnen war Christopher Browning.

Browning gehört zu den Pionieren der Holocaust-Forschung, und mit seinem fast schon legendären Buch „Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibatail­lon 101 und die ‚Endlösung’ in Polen“2 ging er hinab auf die unterste Ebene, nämlich die der Biografie und sah sich an, ob die Thesen von den allseits bösen Nazis, die auch vor Goldhagen schon kursierte, richtig sein könne, ob sie sich beweisen ließe – oder eben das Gegenteil.

In Brownings genanntem Buch kam er zu dem Schluss, dass die Männer des Polizeibataillons 101 in der Minderheit eine Persönlichkeitsveränderung durch­machten und sich zu passionierten Mördern entwickelten, also pathologischen Persönlichkeiten. Ein weiterer Anteil der Polizisten versuchte hingegen, sich dem direkten Töten zu entziehen und „neutrale“ Dienstpositionen einzuneh­men (z. B. Wachestehen). Insgesamt betraf dies aber nicht mehr als 25-30 % der Personen. Die restlichen Täter waren wirklich „ganz normale Deutsche“, Männer mit Abneigungen, Männer, die Befehlen aus Furcht gehorchten, aber nicht mit dem Herzen dabei waren und dergleichen. Männer, die sich schämten oder Alpträume wegen der Dinge bekamen, die zu tun sie sich gezwungen sa­hen.

Brownings vorliegendes Buch ist nun eine Sammlung von sechs Vorträgen, die er im Jahre 1999 an der Cambridge University gehalten hat. Sie bauen struktu­rell aufeinander auf und durchschreiten zwei unterschiedliche Sphären:

Die ersten drei Vorträge rechnen zur organisatorischen Ebene, in denen unter­sucht wird, wie in unterschiedlichen Entscheidungszentren der deutschen Be­fehlshierarchie, in Abhängigkeit von individuellen Faktoren und zeithistorischen Gegebenheiten (Kriegslage) die Anordnungen zur Massenvernichtung der euro­päischen Juden gefasst wurden und wie die Umsetzung aussah.

Die letzten drei Vorträge beleuchten dann mehrheitlich die andere Seite, also die der betroffenen Personen, seien es deutsche Befehlsempfänger vor Ort oder jüdische Opfer. Unter Auswertung von neu entdecktem Quellenmaterial kommt Browning zu einer sehr bemerkenswerten Präzisierung seiner früheren Aussagen.

Im Kapitel 1 „Von der ‘ethnischen Säuberung’ zum Völkermord und zur ‘Endlö­sung’“ sucht Browning den Übergang festzumachen, ab wann etwa die natio­nalsozialistische Führung statt der anfangs favorisierten Umsiedlungskonzepte der Juden schließlich das Vernichtungsprogramm initiiert hat.

Im Kapitel 2 „Der Entscheidungsprozess im Machtzentrum“ thematisiert er die maßgeblichen Instanzen, die Rivalitäten zwischen Machtpolitikern und Scher­gen vor Ort, das beständige Improvisieren und die inneren Widersprüche der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, hier wird besonders auch die Rolle Hitlers und Heinrich Himmlers hervorgehoben.

Im Kapitel 3 „Jüdische Arbeitskräfte in Polen“ erfährt der verblüffte Leser, dass je nach Ort und je nach Konzentration der Bevölkerung die Behandlung der Ju­den stark variierte. Bisweilen gibt es sogar nationalsozialistische Statthalter, die vehement darauf dringen, die Juden besser zu versorgen, um die Wirtschafts­lage vor Ort zu erhalten. Etwas, was man nach Goldhagen beispielsweise nun in keinem Fall erwarten würde.

Im Kapitel 4 „Die ‘Arbeitsjuden’ und die Erinnerungen der Überlebenden“ wer­den wir mit dem Arbeitslager Starachowice konfrontiert, in dem sehr lange Zeit eine extrem niedrige Todesrate zu verzeichnen war. Manches, was der Leser hier mitbekommt, stülpt auch seine Vorstellung von Nationalsozialisten auf den Kopf, und Browning beginnt hier immer deutlicher, auf die biografische Grundebene hinzuarbeiten, was ihm exzellent gelingt.

Im Kapitel 5 schließlich, „Deutsche Mörder – Befehle von oben, Initiativen von unten und der Ermessensspielraum der örtlichen Instanzen“ hebt der Autor die von älteren Holocaust-Forschern energisch beharrlich vertretene Be­hauptung auf, man müsse für die Vernichtung der Juden vor Ort unbedingt so etwas wie einen Führerbefehl vorweisen können. Das ist keineswegs der Fall, und das behandelte Beispiel Brest-Litowsk macht sehr deutlich, wie höchst un­terschiedlich die Nationalsozialisten von Fall zu Fall handeln konnten.

Kapitel 6 endlich, „Die Vollstrecker des Judenmords“ vergleicht verschiedene Orte der Vernichtung. Es geht, konkret gesprochen, um die Dienstakten des Schutzpolizeireviers im ostoberschlesischen Czeladz, dann um Briefe eines An­gehörigen des Polizeibataillons 105 aus dem Baltikum und schließlich um die Er­mittlungsakten anlässlich eines Judenmassakers, das das im November 1942 in der Nähe von Bialystok durchgeführt wurde. Hier bekommen wir so unter­schiedliche Sichtweisen, so gravierende Wechsel in den Verhaltensweisen und bestürzende Detailfälle zu Gesicht, dass jeder, der bis hierher glaubte, „Nazi“ sei gleich „Nazi“, merken muss, dass er völlig scheuklappenblind durch die Welt ge­taumelt ist.

Brownings außerordentlich gut lesbare Vorträge erhellen eine Reihe faszinie­render und sehr wichtiger Fakten über die Genese des Holocaust. Die psycholo­gischen Erkenntnisse, die man daraus ziehen kann, sind aber nicht alleine auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs oder auf das deutsche Volk beschränkt. Ganz im Gegenteil.

Es kristallisiert sich immer deutlicher heraus, am prägnantesten im letzten Kapi­tel, wie sehr es auf den Ort ankommt, an dem die deutschen Soldaten oder Polizisten, Postbeamten und Bäcker (!) eingesetzt wurden, um Juden zu er­morden. An manchen Stellen ziehen die Männer los, um auf eigene Faust Juden zu erschießen und jeden einzelnen Toten akribisch in ein Buch einzutragen, an anderer Stelle begrüßen sich Juden und Deutsche noch 1942 und schütteln ein­ander sogar die Hände, worüber der Vorgesetzte Fassungslosigkeit und Wut äu­ßert.

Das soziale Netz, der Faktor der Vertrautheit, die psychologische Individualität, der Gruppendruck, das Alter… all das spielt wichtige Rollen, und letzten Endes muss der versierte Leser Browning Recht geben: niemand kann den Holocaust mit einem vernichtenden Rundumschlag, der alle Leute, die ein NS-Parteibuch trugen, in Bausch und Bogen verdammt, erklären. Wenn man auf die unterste Ebene kommt, die der Biografie, die für das Verständnis unabdingbar ist, findet man Dinge, die man niemals erwartet hätte, und man entdeckt sehr verstören­de Überraschungen, die schließlich klarmachen, dass man letzten Endes jeden Täter einzeln unter die Lupe nehmen muss. Jeden einzelnen. Die Massenbewe­gung löst sich in ihre Atome auf, und sie offenbart, dass es Schwarz und Weiß nicht gibt, sondern nur Grau in verschiedenen Abstufungen.

Subtil und unterschwellig spürt der Lesende auch, dass das, was Browning für die deutsche Geschichte hier erarbeitet, auch auf die gesamten restlichen menschlichen Gesellschaften zutreffen kann. Der Holocaust ist keine deutsche Sonderrolle, die Deutschen sind nicht pathologischer als andere Völker, sondern wenn „ganz normale Männer“, um es zu wiederholen, sich in Mörder verwan­deln können, zum Teil wenigstens, und wenn dies von Befehlen, persönlichen Erinnerungen und sozialen Verhältnissen herrührt, dann muss man unange­nehm berührt begreifen, dass solche mörderischen Exzesse immerzu möglich sind, überall. Und wenn wir dann an das ehemalige Jugoslawien denken, an Ru­anda oder Israel heute, dann mag dem einen oder anderen schon ein eisiger Schauer über den Rücken laufen.

Wer das aus diesem Buch mit nach Hause nimmt und womöglich zudem ein neues Verständnis für diesen Teil unserer Geschichte entwickeln möchte, weg von den althergebrachten Klischees und Totschlagargumentationen, der ist hier genau richtig. Genießt das Buch, das ist es wert.

© 2003 by Uwe Lammers

Wie gesagt, schwer genießbare Kost – insofern ist der letzte Satz vermutlich et­was flapsig formuliert. Es ist ein äußerst wertvolles Buch mit tiefsinnigen Ge­danken, das gut durchdacht und zur Weiterbildung verwendet werden sollte.

In der kommenden Woche wenden wir uns dann wieder dem klassischen Abenteuerroman zu… allerdings auch nicht ohne sozialpolitischen Background, denn da geht es unter anderem um Menschenschmuggel… das ist ebenfalls lei­der bis heute ein trauriges Problem.

Bis dann, meine Freunde.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996

2 Die 2. Auflage erschien 1998.

Liebe Freunde des OSM,

der gerade ausgeklungene Monat, der das erste Quartal 2017 beschlossen hat, war einmal mehr einer, in dem die Unberechenbarkeit der Technik sich bemerk­bar machte. Ihr werdet mehr davon in Blogartikel 231 in ein paar Wochen le­sen, den ich schon geschrieben habe. Der Anlass für den genannten Beitrag war der technische Ausfall meines stationären PC-Towers am 24. März. Gestern ge­lang es mir glücklicherweise, ihn wieder instandsetzen zu lassen… aber ich war eine Woche lang völlig abgelenkt durch die bange Sorge, ob sich die auf der dortigen Festplatte noch gespeicherten und nicht gesicherten Daten retten las­sen würden.

Ja, es ist mir schon bewusst, dass man immer Sicherheitsspeicherungen durch­führen sollte, und das tue ich auch. Die letzte umfassende erfolgte im Novem­ber 2016, die nächste war für Mitte März geplant und hat sich durch anderwei­tige Beanspruchung etwas verzögert… und ehe ich sie dann in die Tat umsetzen konnte, ereignete sich der Schaden. Das Netzteil gab den Geist auf. Kitzelig, kann ich euch sagen.

Im letzten Drittel des Monats brach meine Kreativität also fast völlig ein… viel­leicht ganz passend, weil ich beruflich sowieso sehr eingespannt war. Folgende Beiträge konnte ich dann gerade noch so realisieren bzw. manchmal nur zwei oder drei Seiten an den meisten weiterschreiben:

Der Legendensammler und das Mädchen – Archipel-Story

Erläuterung: Diese Geschichte ist, wie ich kürzlich schon sagte, recht alt, und ich begann dann Ende Februar mit der Abschrift. Hier, am 1. März, konnte ich diese dann fertigstellen.

(OSM-Wiki)

(Assarons Abenteuer – Archipel-Story)

Blogartikel 221: Work in Progress, Part 51

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-BUCH (Abschrift))

Blogartikel 223: Streifzüge in anderen Welten

Blogartikel 227: Aus den Annalen der Ewigkeit – alt und neu (XVII)

Blogartikel 226: „Was ist eigentlich der OSM?“, Teil 45

(Sibylle – Im Dienst der Lust – Archipel-Story)

(Die Zwillinge – Archipel-Story)

12Neu 37: Soffrols Erbe

Giannas Geheimnis – Archipel-Story (Neuformatierung)

18Neu 86: Die Matrixfehler-Seuche

18Neu 87: Rettung für Marconius Stanwer

(18Neu 88: Wenn Feinde zu Freunden werden…)

(18Neu 91: Das Serum der Baumeister)

(Lana II – Archipel-Story (provisorischer Titel))

Blogartikel 224: Der Sog des Archipels

(Rückzug in das Liebeskloster – Archipel-Story)

Erläuterung: Hier habe ich bei der Weiterbearbeitung unsympathischerweise festgestellt, dass ich quasi zwei Einleitungen verfasst habe, mit denen ich defini­tiv nicht zufrieden bin. Sie konkurrieren unschön miteinander, und eine Fusion scheint schwierig. Da ich nicht bereit bin, hier zwei alternative Geschichten zu entwickeln – das ist also nicht so wie damals bei der Story „Ungleiche Freunde“ im OSM, sondern strukturell schon sehr verschieden – , muss ich mir noch über­legen, wie hier weiter zu verfahren sein wird. Das kann ich aber definitiv erst, wenn ich den Kopf freier habe. Vor Herbst 2017 ist das sicherlich nicht der Fall.

(Kapitän Taisanors Geschichte – Archipel-Story)

(Sarittas Hilflosigkeit – Archipel-Story)

(Auf Space – OSM-Story)

Blogartikel 231: Versagende Technik

(Die Rollenspielerin – Archipel-Novelle)

(Das winzige Mysterium – OSM-Story)

Erläuterung: Ja, das war dann eine interessante Überraschung, dass auf einmal quasi aus dem Nichts eine kleine OSM-Vignette kondensierte und in einem Rutsch niedergeschrieben wurde. Ich muss sie noch etwas ausarbeiten, aber der Handlungsstrom ist auf 9 Textseiten komplett erfasst.

Wer jetzt sagt, das sei ja für den OSM außergewöhnlich kurz, hat Recht. Es gibt einen Anlass, der mir die Kürze gewissermaßen „diktierte“, aber den kann ich noch nicht preisgeben. Das „Mysterium“ selbst ist ein kryptisches Crossover über Milliarden von Handlungsjahren hinweg. Ich kann soviel andeuten, dass die Geschichte selbst im gleichen Universum spielt wie der – für euch noch un­bekannte – KONFLIKT 22 des OSM, über den ich in der Serie „Oki Stanwer – Der Schattenfürst“ (DSf) schreibe. Beizeiten kann ich euch dazu mehr verraten, und es gibt wirklich einen sehr emotionalen Background für dieses Ereignis… zu schade, dass ich nicht zu sehr aus dem Autorenwissen plaudern sollte. Ich könn­te euch dazu eine Menge sagen…

(DKdO 30 (?): Alte Freunde)

Erläuterung: An dieser Geschichte habe ich nur zum Ende des Monats noch ein wenig optisch und stilistisch gefeilt… und gar zu gern hätte ich da mehr ge­schrieben. Aber ihr wisst ja vielleicht noch: In dieser Serie, KONFLIKT 9 des OSM, „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“, stehe ich nach wie vor in Band 19, das ist der dritte Teil des so genannten „Alli-Zyklus“ um das Kaiserreich von Trandin. Und der obige Band ist der erste Titel des dritten Zyklus! Bis ich den weiterschreiben kann, muss erst mal die Verwicklung mit den Trand- und Shronnt-Allis aufgelöst werden, und das kann dauern.

Denn, wie ich oben schon andeutete… ich bin thematisch (siehe Blogartikel 224) mehr dem Archipel nahe. Bestenfalls noch der INSEL in KONFLIKT 4. Aber KON­FLIKT 9 ist tatsächlich ziemlich weit weg, leider.

Nun, und damit war dann der „kurze“ Monat März auch schon wieder Ver­gangenheit. Zwar habe ich eine Reihe Rezensionen verfasst, die hier nicht zu se­hen sind, auch einige Rezensions-Blogartikel für die Mittwochs-Parallelreihe des Blogs. Aber sonst? Nein, Fehlanzeige.

Aktuell werde ich von der Arbeit einerseits und den Alltagsobliegenheiten an­dererseits völlig absorbiert. Haushaltsführung, statistische Arbeiten, Einkäufe, versagende Technik, gesundheitliche Malaisen, Sicherheitsspeicherungen und dergleichen… ich wünschte wirklich, mehr Ruhe für Geschichten zu haben. Oder auch für Briefe. Da gibt es nur zwischendrin manchmal ein paar wirklich schöne Highlights, auf die ich sofort antworte, das meiste wandert auf den lei­der immer höher werdenden Stapel noch nicht beantworteter Korrespondenz.

Analog schaut es mit Zeitschriften, Büchern und Fanzines aus. Wie gern würde ich mich da in letzteren wieder ein wenig diskursiv betätigen… aber es fehlt einfach die Zeit, Freunde. Doch gebe ich die Hoffnung natürlich nicht auf, dass sich das alsbald in diesem Jahr ändert.

In der kommenden Woche führe ich euch zurück in meine kreative Biografie. Da waren wir bis Anfang Oktober 2011 gekommen, und dort möchte ich am kom­menden Sonntag fortfahren.

Ich denke, das ist eine interessante Lektüre für euch.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.