Rezensions-Blog 565: Brennender Sand

Posted Juni 17th, 2026 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es mag ja sein, dass der eine oder andere von euch inzwischen die Übersicht verloren hat über das Clive Cussler-Universum, die diversen Buchreihen und Protagonistenriegen. Macht euch keine Sorgen, ich habe das durchaus alles noch im Blick. Und ich kann euch ebenfalls beruhigen – dies ist keine „never ending story“, sondern in ein paar Monaten wird die Cussler-Dauerbeschallung erst mal abgestellt werden. Sicher nicht für immer, aber es soll­te sich erst mal, wie weiland im Fall James Rollins bei seinen Sigma Force-Romanen – ein gewisser Vorrat ungelesener Roma­ne ansammeln.

Im vorliegenden Fall haben wir es dann übrigens wieder mit ei­nem sehr voluminösen Roman zu tun, der von einem neuen Übersetzer übertragen wurde – mit äußerst spannenden und le­senswerten Ergebnissen. Wir bekommen es hier auf der Suche nach einem verschollenen Agenten zu tun mit Supersoldaten, unethischen Medizinexperimenten, geraubten Superwaffen und geplanten Staatsstreichen … und kaum etwas davon ist Juan Cabrillo und seinen Gefährten von der Corporation zu Beginn klar. Sie stolpern eher zufällig über all diese miteinander ver­bundenen Angelegenheiten und rasseln mit zwei wirklich mordsgefährlichen Gegnern aneinander.

Vorhang auf für ein neues Abenteuer der OREGON-Crew:

Brennender Sand

(OT: Fire Strike)

Von Clive Cussler & Mike Maden

Blanvalet 1314

2024, 12.00 Euro

608 Seiten, TB

Übersetzt von Urban Hofstetter

ISBN 978-3-7341-1314-7

Ich weiß ja, im Volksmund pflegt man zu sagen: Neue Besen kehren gut. Aber ich bin immer ein wenig am Zweifeln, ob das stimmt, wenn es sich um frische Übersetzer bei Autoren han­delt, die ich – im Verein mit den Handlungspersonen der Roma­ne – schon seit langem kenne. Nun, in diesem Fall kann ich völ­lig beruhigt sagen: Das Sprichwort trifft absolut zu. Wenn ich mir anschaue, dass ich die zweite Hälfte des Romans gestern in einem Rutsch auslesen MUSSTE, weil ich nicht mehr herauskam, dann kann man locker konstatieren: Der neue Übersetzer hat sowohl die Spannung im Griff als auch die Handlungspersonen. Und der Autor Mike Maden, der hier das zweite OREGON-Aben­teuer aus seiner Feder vorlegt, er gewinnt der Geschichte und den altvertrauten Personen zudem schöne neue Facetten ab, das betrifft besonders den betagten Steward Maurice, der dem Leser seit inzwischen 16 OREGON-Abenteuern bekannt ist. Ich fand, es wurde auch allerhöchste Zeit dafür, ihn näher kennen zu lernen … Gott, ja, und wie heftig man ihn in diesem Roman kennen lernt … davon erzähle ich lieber gar nicht viel mehr, die Überraschung ist mächtig gelungen.

Doch das alles ist ja nur das Sahnehäubchen auf einem höchst interessanten, kenntnisreichen Werk, das auf verwirrende Weise aktuelle Brisanz erhalten hat. Denn worum geht es im Kern, wenn wir mal ins Zentrum der Geschichte zoomen?

Ein ehrgeiziger saudischer Prinz hat vor, einen Krieg am Golf vom Zaun zu brechen und endlich den Staat Israel auszulö­schen. Dazu bedient er sich, was auf den ersten Blick verwir­rend erscheint, einer Allianz zwischen iranischen Militärs und Huthi-Rebellen aus dem Jemen (horcht da schon jemand auf? Gut!). Und wir bekommen es mit russischer Militärtechnik zu tun und nordkoreanischen Baumeistern (nochmals: denken wir an die aktuelle Weltpolitik und horchen auf). Dieser Prinz bedient sich dabei eines französischen Söldnerführers namens Jean-Paul Salan, der mit einer gewissenlosen Transhumanistin zusammen­arbeitet und höllische Supersoldaten heranzüchtet.

Das sind so die Rahmendaten der Geschichte, die man sich al­lerdings aus sehr weit verstreuten Handlungsspuren mühsam zusammensuchen muss, weil rein gar nichts davon auf den ers­ten Blick sichtbar ist. Dass die Geschichte so unwegsam ist wie der brasilianische Dschungel, in dem die Geschichte im Grunde genommen beginnt, hat dabei durchaus Methode (okay, eigent­lich beginnt die Geschichte jenseits eines Prologs, der uns ins Indonesien des Jahres 1963 führt, bei einer kriminellen Auktion in Tadschikistan).

Am Anfang des eigentlichen Romanverlaufs stehen zwei Missio­nen, die harmloser kaum aussehen könnten: Juan Cabrillo wird von seinem CIA-Mentor gebeten, einer gebrandmarkten israeli­schen Agentin namens Sarai Massala dabei zu helfen, gewisser­maßen unter dem Radar nach deren verschwundenem Bruder Asher zu helfen. Er soll angeblich, auf die schiefe Bahn geraten, eine Terrororganisation im Auftrag des israelischen Geheim­dienstes Shin Bet unterwandert haben und dabei verschwunden sein.

Diese Fährte führt Cabrillo und Sarai – zwischen denen es un­weigerlich mal wieder prickelt, aber auch in diesem Fall gibt es nicht mal ein Küsschen, die antiseptische amerikanische Purita­nerlogik schlägt hier mal wieder voll zu – nach Südafrika und letztlich auf ein medizinisches Hilfsschiff, die Sekhmet der Ärztin Dr. Heather Hightower. Speziell Cabrillo macht dabei Erfahrun­gen mit einer extrem Furcht einflößenden Person, die nachgera­de ein zweiter Dr. Moreau sein könnte.

Parallel dazu ist Dr. Julia Huxley, die Bordärztin der OREGON, auf der anderen Seite des Planeten in Brasilien unterwegs, um eine befreundete Ärztin im Urwald mit Hilfsgütern zu beliefern. Begleitet von zwei kernigen OREGON-Gefährten gerät sie bei der Mission allerdings auf dramatische Weise in Lebensgefahr. Obwohl sie ja nun weiß Gott kampfgestählt und erfahren sind, geraten sie doch an ihre Leistungsgrenzen bei diesem humani­tären Einsatz. Hier werden die drei nämlich unerwartet mit monströsen Superkriegern konfrontiert, die wie aus einem Mar­vel-Film zu stammen scheinen (und dass das einen gewissen Einfluss auf die Geschichte ausgeübt hat, ist ohne Frage nicht zu leugnen; glücklicherweise mag ich solche Superheldenfilme). Und das sind vielleicht gnadenlose Killermaschinen … du liebe Güte!

Während in Indien Hyperschallraketen gestohlen werden, wäh­rend im saudischen Königshaus intrigiert wird, tauchen immer mehr Ungeheuerlichkeiten auf: Nanobots, die menschliche Hirne kurzschließen. CRISPR-Methoden und hormonelle Aufrüstung, die Menschen konditionieren und zu Supersoldaten mit extrem kurzer Lebenserwartung machen. Mörder-Kampfhunde. Mikro­drohnen, die die OREGON ausforschen und eine Kaperungspla­nung möglich machen … und all das, während Juan Cabrillo weitgehend im Dunkeln tappt, was den Gegner angeht und vor allen Dingen seine Ziele.

Besonders in der zweiten Hälfte, wo man den größten Teil des Planes schon sehen kann, dreht Mike Maden die Dramatik­schraube noch mal so sehr an, auf höchst unglückselige Weise für unsere Helden, dass man echt an den Zeilen klebt, das kann ich nicht anders nennen.

Also, dies ist definitiv ein Buch für schlaflose Nächte, Freunde! Aber ein sehr lohnendes. Es ist faszinierend, in dem Werk von den komplexen politischen Manövern zu lesen, von den weltan­schaulichen Verwerfungslinien und Bündnisstrukturen, die so viel mit der gegenwärtigen Politik der nahöstlichen Region zu tun haben, das war wirklich eine Wonne, so etwas zu lesen. Denn hier erweist sich Mike Maden als ein Autor, der sich von stumpfsinnigen Klischees geflissentlich fern hält. Er versucht vielmehr, ein tieferes Verständnis für die schwierige Situation am Golf zu entwickeln, was ihm bemerkenswert gut gelingt. Und die Gegner sind wirklich höllisch gerissen und nicht eine Sekun­de lang zu unterschätzen.

Dabei gehen natürlich ein paar Dinge munter unter, wenn man nicht genau liest. Wer beispielsweise wartet, dass der im Perso­nenverzeichnis genannte Shlomo Gottlieb auftaucht, der kann lange warten. Der taucht nämlich nicht auf (jedenfalls nicht per­sönlich). Wer diverse Personen im Inhaltsverzeichnis vermisst, etwa Dr. Izidoro, die dagegen sehr wohl eine wichtige Rolle hat, mag ebenso verblüfft sein wie ich. Von zahlreichen anderen Per­sonen mal ganz zu schweigen, etwa dem Kubaner Osorio … da ist das Personenverzeichnis – im Gegensatz zu anderen Cussler-Romanen, in denen sonst jeder kleine Straßengangster ver­zeichnet ist, geradezu gnadenlos lückenhaft. Wohltuend fiel mir dagegen auf, dass selbst Nebenpersonen so etwas wie eine Vita bekommen, selbst wenn sie kurz darauf ermordet werden. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht bezüglich der Redshirts der Handlung. Das war ein klarer Fortschritt zu früheren Romanen, wo solche Statisten oftmals nur mit Vornamen und schematischer Oberflächencharakterisierung auftauchten.

Ebenso verwundert der vollkommen falsche Titel des Romans im Deutschen. Weder das Titelbild passt noch der Titel. Es geht einfach nicht um brennenden Sand (wir lesen im Roman also nichts von geraubten Sandstränden oder Sandmangel in der Bauwirtschaft, das braucht niemand zu denken), weder im äthiopischen Kloster noch im südafrikanischen Slum, und im brasilianischen Dschungel schon überhaupt nicht … aber über diese sonderbaren Verlagsentscheidungen sollte man echt hin­wegsehen, wenn man diesen bemerkenswerten Roman liest.

Ach ja, und dann ist da natürlich auch noch dieser unerwartete Schluss … dazu sage ich besser mal überhaupt nichts. Nur so­viel: The Story continues. Ein kleines Stichwort dazu für die Ein­geweihten: Denkt an einen gewissen Ernst Stavro Blofeld.

Mehr sage ich jetzt nicht.

Stürzt euch ins Abenteuer, Freunde, das lohnt sich!

© 2026 by Uwe Lammers

In der nächsten Woche schlendern wir dann gemeinsam mal schmökernd in einen neuen Zyklus von Jessica Clare, den ich summarisch als Gute-Laune-Lektüre für sommerliche Tage vollinhaltlich empfehlen kann.

In sieben Tagen seid ihr schlauer.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

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