Rezensions-Blog 249: Das fünfte Grab des Königs

Posted Januar 1st, 2020 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist schon eine Weile her, dass von den Schatzsuchern Sam und Remi Fargo die Rede war. Eine arge Weile, die selbst hier im Rezensions-Blog nach Jahren zählt (vgl. dazu die Fußnote weiter unten). Ich gehe dennoch mal davon aus, dass ihr euch noch halbwegs in diesem Subkosmos Clive Cusslers auskennt.

Sam und Remi Fargo sind ursprünglich Erfinder gewesen, die durch den Verkauf einer Erfindung so finanziell unabhängig geworden sind, dass sie ihr bisheriges Hobby, die Schatzsucherei, zu ihrem Hauptanliegen gemacht haben. Dabei sind sie allerdings nicht gewissenlose Plünderer oder rücksichtslose Rüpel wie ein gewisser Indiana Jones, sondern durchaus darauf bedacht, Schätze zwar zu ent­decken, sie dann aber arrivierten Wissenschaftlern zur Erforschung und Restau­rierung zu überlassen.

Der Thrill der Schatzsuche an sich ist es, der sie motiviert, das Aufklären von Rätseln der Vergangenheit. Begreiflich, dass mich als Fan von Schatzsucherge­schichten stets animierte. Und wenn man dann noch die Actionelemente a la Clive Cussler mit hinzunimmt – denn die Fargos haben traditionell immer Riva­len, die den Schätzen auf der Spur sind, und die sind deutlich weniger zart be­saitet – , dann hat man die Zutaten zu einem wirklich furiosen Leseabenteuer vor sich.

Nachdem Grant Blackwood, der die ersten drei Fargo-Abenteuer geschrieben hatte, seinen Abschied genommen hatte, übernahm mit dem vorliegenden Band Thomas Perry das Ruder und führte sie zwei Bände lang fort (inzwischen sind wir danach über Russell Blake bei Robin Burcell angelangt, das nur mal so am Rande bemerkt. Die entsprechenden Romane werden beizeiten hier besprochen).

Diesmal führte mich die historische Recherche in die Zeit der Hunnenkriege im 5. nachchristlichen Jahrhundert, wo ich mich nicht sonderlich gut auskenne … allein das machte mich schon neugierig. Und so stieg ich in diese abenteuerli­che Geschichte ein und ließ mich mitreißen.

Folgt mir da mal einfach, Freunde:

Das fünfte Grab des Königs

(OT: The Tombs)

Von Clive Cussler & Thomas Perry

Blanvalet 38224

Januar 2014, 9.95 Euro

480 Seiten, TB

Übersetzt von Michael Kubiak

ISBN 978-3-442-38224-8

Man schreibt das Jahr 453 christlicher Zeitrechnung. Das marode römische Im­perium sieht sich seiner größten Bedrohung gegenüber – dem gewaltigen Heer der hunnischen Angreifer, die erst vor kurzer Zeit das letzte Aufgebot des alten Reiches geschlagen haben. Seit Monaten sind die Invasoren plündernd durch Italien, das nachmalige Frankreich und weite Teile Westeuropas gezogen und haben unermessliche Schätze geraubt. Nichts scheint ihren Kriegsfürsten Attila und seine Mannen mehr aufhalten zu können, den größten Triumph von allen zu erringen – die Eroberung Roms. Es ist Attilas Herzenswunsch, sich dort in die Nachfolgereihe der römischen Cäsaren einzureihen. Dies ist sein Wunsch schon seit seinem zwölften Lebensjahr, als er als Geisel am römischen Hofe weilte.

Doch nun herrscht Aufruhr in Attilas Lager auf den pannonischen Ebenen, dem späteren Ungarn, wo sich die Truppen derzeit aufhalten. Und dann ist der Feld­herr tot, offenbar eines natürlichen Todes gestorben. Der Angriffsplan auf Rom wird verschoben und kommt nicht mehr zustande. Stattdessen wird Attila mit einem aufwändigen Ritual, bei dem tausend seiner Elitekrieger nach vollzoge­ner Arbeit niedergemetzelt werden, unter die Erde gebracht. Nur wo? Von die­sem Moment an ist Attilas Grab spurlos verschwunden, und mit ihm all die Schätze, die seine Horden erbeutet haben.

So bleibt es bis zum Jahre 2012.

Ein Anruf unterbricht die Hilfsarbeiten, die die professionellen Schatzsucher Sa­muel und Remi Fargo am Golf von Mexiko durchführen, wo sie ein versunkenes indianisches Dorf erforschen. Ein befreundeter deutscher Archäologe, speziali­siert auf das Römische Reich, Dr. Albrecht Fischer, bittet das Ehepaar, zu ihm nach Berlin zu kommen, um ihm bei einer Angelegenheit zu helfen, über die er noch nichts Detailliertes bekannt geben möchte. Den Fargos kommt das sehr recht, weil sie am Golf von einer eigenartigen Vandalengruppe einer amerikani­schen Firma belästigt werden.

Die Schwierigkeiten hören aber in Deutschland nicht auf, im Gegenteil – hier fangen sie eigentlich erst richtig an. Fischer ist in Ungarn auf ein Schlachtfeld gestoßen, wie er denkt. Doch der eine Tote, den er ausgegraben und heimlich nach Deutschland überführt hat, ist kein Römer, sondern eindeutig ein Hunne. Und ehe die Freunde Genaueres darüber herausfinden können, verschwindet die Leiche, und Dr. Fischer gleich mit. Die Fargos ahnen Übles – denn Fischer hatte schon bei seinem Aufenthalt in Ungarn das Gefühl, beschattet zu werden. Ein Verdacht, der sich bestätigt.

Er ist einem ungarischen, zwielichtigen Industriellen in die Quere gekommen, einem Mann namens Arpad Bako. Der gierige Bako betrachtet sich als direkten Nachkommen von Attila und bereitet in der Folge jedem, der gleich ihm nach Attilas Grab suchen will, arge Probleme. Noch dümmer: er hat internationale Verbindungen in Verbrecherkreise, was verheerende Konsequenzen nach sich zieht.

Zwar gelingt es den Fargos, mit Hilfe einer ungarischen Familie Albrecht Fischer wieder zu befreien, doch sie stehen gleich vor dem nächsten Problem – die fixe Idee Arpad Bakos, dass Fischer und die Fargos auf der Suche nach Attilas Grab seien, ist durchaus kein Hirngespinst… denn in dem Gräberfeld stoßen die For­scher tatsächlich auf Hinweise auf Attilas Grab.

Nun ja, Grab ist etwas zu einfach gesagt – der kluge und raffinierte Hunnenfürst hat nicht nur ein Grab anlegen lassen, sondern deren gleich fünf. In jedem ein­zelnen hat er einen Teil seiner Schätze verstecken lassen, um sie später für sei­nen Sturmlauf auf Rom als Finanzierungsquelle heranziehen zu können. Ein Sturmlauf, der bekanntlich nie stattfand. Was jetzt folgt, ist also ein seit gut fünfzehnhundert Jahren aufgeschobener Wettlauf zu den einzelnen, verschlüs­selten Stationen der Gräber. Keines von ihnen ist jemals gefunden worden.

Im Nu sind also Bako und seine kriminellen Verbündeten auf der einen Seite und das Ehepaar Fargo sowie Albrecht Fischer und die Recherchecrew der Far­gos auf der anderen in eine nervenzehrende Verfolgungsjagd verwickelt, in der es zum einen auf detaillierte historische Kenntnisse, das Wissen alter Sprachen und auf Dreistigkeit und Chuzpe ankommt. Und keine Seite gönnt der anderen den Erfolg. Gewissermaßen ist dies nun also eine Art von sportlichem Wett­kampf um historische Pretiosen im Werte von ungezählten Millionen Dollar.

So gelingen Sam und Remi Fargo ein paar Überraschungserfolge. Doch dann, mitten auf dem Weg zu einem der entlegenen Grabplätze, verschwindet auf einmal Remi Fargo auf dem Moskauer Flughafen spurlos, und der verzweifelte Sam Fargo erhält ein Handy zugestellt mit einer Rückgabeforderung: Ausliefe­rung der schon gefundenen Schätze im Tausch gegen Remis Leben.

Da beschließt er, auf eigene Faust die Rettung seiner Frau in die Wege zu leiten – ohne Hilfe, ohne Sprachkenntnisse, ohne Ortskenntnisse, mitten in den Wei­ten Russlands …

Mit „Das fünfte Grab des Königs“ liegt der inzwischen vierte Roman um das Schatzsucherehepaar Sam und Remi Fargo vor. Nachdem die erste Staffel von drei Romanen von Grant Blackwood verfasst worden ist1, hat nun Thomas Perry als Hauptautor den Staffelstab übernommen und schreibt die neuen Abenteuer der Fargos nieder. Ich war gespannt, wie gut es ihm gelingen würde, die Fargos und ihre Gedankenwelt zu übernehmen und auszubauen.

Es ist vermutlich auch dem gleich bleibenden Übersetzer Kubiak zu verdanken, dass die Differenzen nicht gar so deutlich zum Vorschein kommen. Im Vergleich zu den Juan Cabrillo-Romanen oder den Abenteuern von Dirk Pitt von der NUMA sind die Fargo-Romane immer schon eher dezent gewesen. Bei diesem hier fiel zudem eine gewisse bedauernswerte Monolinearität auf. Man kann den Roman selbstverständlich – wie ich es getan habe – binnen von drei Tagen auslesen, und der Mittelteil ist durchaus so spannend, dass man deutlich mitfie­bert.

Gleichwohl fällt auf, wie zahm und blass der Antagonist Bako dargestellt wird. Er wird, wie auch seine kriminellen Gefährten, nicht wirklich solide gezeichnet, und Tibor Lazar (wer das ist, wird hier nicht vorweggenommen) und seine sehr vielseitige Mannschaft sind ein wenig zu optimal für ihre Rolle angepasst. Da hätte man mehr Sorgfalt und Raffinesse walten lassen können… indes, dies ist ja erst der Auftaktroman für wenigstens drei dieser Sorte (der zweite, der dann mit den Maya zu tun hat, ist auch schon erschienen). Thomas Perry ist also gerade mal dabei, sich warm zu schreiben. Und wer ohnehin die Fargos mag und gern in Bergen von Gold und Edelsteinen baden will … das geht hier durchaus. Zwischendrin gibt es dann Schusswechsel, Ritte mit gestohlenen Pferden, Einbrüche in Lagerhäuser, Wandern durch Katakomben, Tauchgänge in Buchten und Flüssen, ganz zu schweigen von dieser famosen Mehlexplosion … autsch, dachte ich da, als es gar mächtig krachte.

Doch, Spaß macht der Roman durchaus, und selbst wenn der Eifer mit dem Au­tor durchgeht, etwa bei gewissen archäologischen Ausgrabungs- und Kartie­rungsarbeiten, kann man ihn als Abenteuerroman schon mit Vergnügen lesen. Staffelstabübergabe gelungen, möchte ich sagen. Fargos – das Abenteuer geht weiter!

© 2015 by Uwe Lammers

Natürlich muss man immer ein paar Konzessionen an einen neuen Autor ma­chen, aber abgesehen von den obigen Kritikpunkten fand ich den Roman durch­aus gelungen. Da gab es definitiv schon deutlich üblere Problemgeschichten bei Cussler.

In der kommenden Woche reisen wir auch in die Vergangenheit, aber via Zeit­maschine. Die „Time Wars“ gehen weiter. Alles Nähere in sieben Tagen an die­ser Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. dazu die folgenden Romane: Das Gold von Sparta (im Rezensions-Blog 8 vom 20. Mai 2015), Das Erbe der Azteken (im Rezensions-Blog 11 vom 10. Juni 2015) und Das Geheimnis von Shangri-La (im Rezensions-Blog 14 vom 1. Juli 2015).

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