Liebe Freunde des OSM,
es ist immer problematisch, mit einem gewissen Kontingent an biologischen Jahren und entsprechend weitem Informationshorizont in einen Roman einzutauchen, der munter viele dieser Informationen reaktiviert und sie dann im Quirl zusammenmischt, um daraus eine neue Geschichte zu generieren. In meinem Fall führt das nicht selten dazu, dass ich die Autonomie der neuen Story grundlegend anzweifle. Das ist leider mit diesem zweiten Teil von Ivy Pauls Trilogie passiert. Ich hatte durchweg das Gefühl, dass das Buch für Leute geschrieben wurde, die wahlweise wesentlich jünger sind als ich oder die die filmischen und literarischen Vorbilder, an die sich hier recht ungeniert angelehnt wird, voll und ganz aufgesogen und verinnerlicht haben. Mit dem Wunsch im Herzen, ähnlichen Lesestoff zu finden.
Solche LeserInnen mögen hier daheim sein. Ich hatte mit dem Buch so meine Probleme, auch wenn es sich durchaus nett und gefällig binnen 3 Tagen wegschmökern lässt. Aber so richtig vom Hocker gerissen hat mich das jetzt nicht.
Schaut euch mal näher an, was ich anno 2018 zu diesem Mittelband der Trilogie niederschrieb:
Aphrodites Söhne 2 – Unsterbliche Sehnsucht
Von Ivy Paul
Plaisir d’Amour
308 Seiten, TB (2015)
ISBN 978-3-86495-151-0
Preis: 12,90 Euro
Ich weiß ja nicht, wie es euch so geht … aber wenn ich „Unsterbliche“ und „Highlander“ höre, habe ich irgendwie ziemlich präzise Bilder im Kopf und eher unschöne Vorstellungen noch dazu. Da säuselt mir ein Geist „Connor McLeod“ ins Ohr, der nächste „Es kann nur einen geben“, und irgendwann wird jemand geköpft. Das ist so der eine, eher filmische Alptraum, der mir bei diesen einleitenden Worten in den Kopf kommt.
Wenn man dann hinzu noch die Worte „Culloden“ und „Bonnie Prince Charlie“ in einem Roman ergänzend vorfindet, blitzen weitere Bilder und Namen auf. Da ist man dann sehr schnell bei „Claire Beauchamp Randall-Fraser“ und „Malcolm MacKenzie Fraser“, und das ist wohl kein Zufall. Diesmal sind es dann jedoch mehrheitlich sehr angenehme Zusammenhänge, an die ich mich erinnere.
Und dann kommt die deutsche Autorin Ivy Paul und vermengt beides in eine Roman-Melange und mischt noch munter die griechisch-römische Mythologie und zwei leibhaftige Götter dazu.
Willkommen im zweiten Teil ihrer „Aphrodites Söhne“-Trilogie, die mich diesmal ein wenig in Schwierigkeiten brachte. Das fängt schon auf Seite 8 an, wo die diesmalige männliche Hauptperson, der Highlander Coinneach MacScott (spricht sich: Conjoch MacScott) in Erscheinung tritt. Die Schlacht von Culloden wird nämlich munter um hundert Jahre kalendarisch zurückdatiert auf den 16. April 1646. Autsch, dachte ich mir, das ist peinlich. Nächste Blende: 18. April 1650 (ebenfalls autsch, da vier Jahre nach der Schlacht spielend, mithin also 1750). Okay, weiter hinten wird’s dann richtig wiedergegeben, also ist das vermutlich nicht ein Autorinnenfehler, sondern einfach ein dummer Lektoratslapsus. Aber unschön ist es durchaus.
Also, Zähne zusammenbeißen und weiter lesen, dachte ich mir.
Coinneach MacScott überlebt dank der Intervention des Kriegsgottes Ares die Schlacht und wird zum Unsterblichen. Was ihm natürlich niemand erzählt, ist die Tatsache, dass er eine Schachfigur in einer Wette zwischen dem griechischen Kriegsgott und der Liebesgöttin Aphrodite darstellt. Ares verpflichtet ihn inkognito darauf, als Krieger die Engländer zu bekämpfen, und daran hält sich Coinneach auch lange Zeit. Er hat ja auch jeden Grund dafür, ist doch sein Clan von den Briten niedergemetzelt worden.
Doch nach über 200 Jahren ist er des Kämpfens müde, hat sich in Fernost auf seinen langen Reisen Seelenruhe antrainiert und fühlt sich eigentlich nur noch wie ein Stück Treibholz auf weiter See, ziellos, ohne Ende unterwegs, während rings um ihn alles, was er schätzt und liebt, im Laufe des Menschenalters dahinwelkt und wegstirbt. So ähnlich sieht es in seinem Herzen inzwischen auch aus.
Das alles ändert sich 1988 in Nashville, und es ist alles andere als vorhersehbar. Coinneach, inzwischen mit seiner Harley-Davidson ruhelos auf der Wanderschaft, entdeckt auf einem Kinderspielplatz ein achtjähriges Mädchen, das völlig allein dasitzt, ganz verlassen. Als er sich um das dunkelhaarige Kind verrückterweise Sorgen zu machen beginnt, weil er es nicht ausblenden kann, freundet er sich mit der Kleinen an. So lernt er Madeleine-Rose Caprelli kennen (übrigens ein wunderschöner Name, wie ich finde. Dummerweise wird der Name im gesamten Roman, wenn es sich ergibt, durch die Silbentrennung Madel-eine getrennt wird, was ziemlich sicher falsch ist und mich schier wahnsinnig machte!).
Madeleine ist die einzige Tochter einer ziemlich verwahrlosten Alkoholikerin, und rasch entwickelt sich zwischen dem vernachlässigten Kind und Coinneach, der sich für sie „Lee“ nennt, ein onkelhaftes Verhältnis. Er sieht sich als ihr Beschützer und bringt sie in einer Pflegefamilie unter. Doch zugleich stellt er rasch fest, dass seine Unsterblichkeit ihm Schwierigkeiten im Umgang mit ihr erzeugt. Madeleine ist ein äußerst kluges Mädchen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihr auffallen wird, dass „Onkel Lee“ nicht altert. Also geht Coinneach auf Distanz und erhält stattdessen einen Briefkontakt mit „Maddy“ aufrecht, während er durch die Welt zieht und sich auf Trekkingtouren und Weltreisen, von denen er ihr schreibt, von Maddy fernzuhalten sucht.
Und doch wird er von der Sehnsucht verzehrt, sie in Sicherheit zu wissen. Hält stetig Kontakt, taucht manchmal in ihrer Nähe auf, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht, ohne sich dabei allerdings zu erkennen zu geben. Auf eine verrückte Weise fühlt es sich gut an, endlich wieder jemanden in der Welt zu haben, dem er auf seltsame Weise nahe steht.
Natürlich, da gibt es auch noch den Schotten Sean, der in Edinburgh eine Buchhandlung betreibt und der einst im Golfkrieg in den 90er Jahren Zeuge von Coinneachs Wiederauferstehung nach einer Explosion war. Aber das ist nicht wirklich dasselbe. Und dann gibt es natürlich noch Esra, den bulligen Hünen mit seiner ausgesprochenen Leidenschaft, sich in Prügeleien und andere aggressive Problemsituationen zu bugsieren, aus denen Coinneach ihn immer wieder rauspauken muss. Er wird schnell zum Globetrotter-Gefährten des unsterblichen Highlanders.
Aber nichts kann diese faszinierende, widersprüchliche Fernbeziehung zu Maddy toppen, wirklich rein gar nichts. Und das bleibt so bis zu Madeleines 21. Geburtstag anno 2001. Sie feiert ihn in Florida, und Coinneach hat sich nun jahrelang von ihr ferngehalten. Allmählich, denkt er sich, könnte er sie mal wieder sehen … was auch tatsächlich geschieht. Aber dummerweise unter völlig anderen Umständen.
Er trifft sie in einer Rockerbar zusammen mit ihrer Freundin, erkennt sie aber nicht wieder, weil sie zu einem hübschen, attraktiven jungen Ding herangereift ist. Um sie vor anderen Typen in Schutz zu nehmen, begibt er sich direkt zu ihr und missversteht ihren genuschelten Namen als „Lynn“. Erst, als sie leidenschaftlichen Sex in einer Gasse hinter der Bar haben und er sie – zu seiner eigenen Fassungslosigkeit – entjungfert, erkennt er, wer sie wirklich ist und ist so völlig entsetzt, dass er sie jählings wegschickt und wieder flüchtet.
Wie konnte er sich nur so vergessen? Wie konnte er mit dem Mädchen Sex haben, für das er die Verantwortung trägt? Und dann noch auf diese grässlich anonyme Weise, stürmisch genommen gegen die Wand einer dunklen Gasse? Es ekelt ihn vor sich selbst. Auf der einen Seite. Auf der anderen war der stürmische Sex ein unglaubliches Erlebnis, das er nicht vergessen kann. Aber eine Wiederholung darf es definitiv nicht geben! Verdammt, er ist ihr „Onkel Lee“, er ist unsterblich, es gibt keine gemeinsame Zukunft für sie! Er muss sich von ihr definitiv fernhalten!
Was ihm dabei nicht klar ist, ist allerdings Folgendes: Für Maddy war dieses Liebeserlebnis alles andere als traumatisierend. Sie hat sich stattdessen in Coinneach verliebt und beginnt nun, ihm nach Schottland nachzureisen, wo sie dann in der Buchhandlung von Coinneachs Freund Sean zu arbeiten anfängt. Das klingt nach einem verrückten Zufall, ist aber keiner – denn Sean ist, wie Maddy seit langem weiß, mit ihrem „Onkel Lee“ befreundet, und ihm gibt sie ihre Briefe an Lee, während er ihr seinerseits Lees Briefe an sie zustellt.
Dass Coinneach und Lee ein und dieselbe Person ist, soll sie aber nach Coinneachs Vorstellungen besser nie erfahren. Er fürchtet, dass sie, wenn sie die Wahrheit über ihn herausfindet, sein Herz unweigerlich zerreißen wird (von ihrem eigenen ganz zu schweigen) – und er anschließend, nach Maddys unvermeidlichem Tod, die nächsten Jahrhunderte noch unglücklicher leben wird als ohnehin schon.
Zu dumm, dass er die Rechnung ohne die Schicksalsgötter macht. Weder Ares noch Aphrodite denken auch nur im Traum daran, seinen Weg zu verlassen, sondern sie mischen sich nun in immer stärkerer Weise in die Angelegenheiten der beiden Menschen ein. Und dann ist da auch noch die pfiffige Madeleine, die alles andere als auf den Kopf gefallen ist …
Ja, wie eingangs gesagt, hatte ich mit dem Roman so meine Probleme. Weniger wegen der Personen selbst als wegen des Settings. Unsterbliche und Highlander, die Mischung von „Highlander“ einerseits und Diana Gabaldon andererseits, das vermochte mir nicht recht zu munden. Und man spürt auch bei der Lektüre schnell, dass die Autorin mit dem Setting offenbar ebenfalls nicht wirklich glücklich wurde.
Woran sieht man das? Nun, im Gegensatz zum ersten Roman, wo sich die göttlichen Interventionen wirklich sehr im Rahmen halten, sind sie hier fast schon penetrant aufdringlich. Und dann diese Anagramme! „Esra“ für Ares, „Edith Paro“ für Aphrodite … also bitte. Auch das Einweben der Adonis-Legende half meiner Ansicht nach nicht wirklich weiter. Es stellte eine klare Lückenbüßer-Parallelstory dar, ebenso wie die wiederholten erotischen Intermezzi zwischen den Göttern.
Madeleine ist zwar ein wirklich appetitliches Mädchen, auch ist der Titel des zweiten Trilogie-Bandes sehr passend gewählt – aber mehr eben auch leider nicht. Ich hatte ständig das Gefühl, in einer fremdartigen Parallelwelt zu sein, in der die Autorin versuchte, sich nach Vorbildern auszurichten, die ich entweder nicht mochte („Highlander“) oder die sie nicht einmal entfernt zu erreichen vermochte (Gabaldon). Darunter litt, ganz ehrlich, Coinneachs Charakterisierung – so interessant der letztendlich auftretende Konflikt zwischen Liebe einerseits und problematischer Kameradschaft andererseits sein mochte. Und da das Ende ohnehin sehr vorhersagbar war, blieb doch ein etwas schaler Nachgeschmack zurück. Gut, wer Gabaldon UND die Highlander-Filme mag, der ist hier vermutlich richtig. Ich fühlte mich hier nicht wirklich daheim.
Ach ja, und falls ihr euch nach den einleitenden Worten des Kriegsgottes Ares darauf freuen solltet, dass dieser Roman sich nun grundlegend vom (gelungenen) ersten Band unterscheidet, solltet ihr euch nicht zu früh freuen. Das tut er nämlich nicht. Entgegen seiner Ankündigung ist nicht Ares der Erzähler dieser Geschichte, sondern er kommt hier mehr als grummeliger Punchingball und Unruhestifter herüber – nicht wirklich so, wie man das vielleicht eingangs erwartet. Das Gefühl, dass Ares einfach nur als arroganter Sexprotz darzustellen war, konnte ich nicht abschütteln, auch seine Charakterisierung gerät doch arg eindimensional und flach. Schade eigentlich.
Ich bin also einfach mal gespannt auf den Schlussband, der uns mit Ares´ drittem Kandidaten bekannt machen wird, Jake Harper, seines Zeichens Geheimagent … na, das kann ja was werden …
© 2018 by Uwe Lammers
Es kann eigentlich nur besser werden, murmelte der Rezensent. Schauen wir mal in der kommenden Woche, wo ein neuer Coautor des vor Jahren verstorbenen Clive Cussler den Staffelstab übernommen hat, um Juan Cabrillos Abenteuer auf der neuen OREGON weiter fortzuschreiben. Ihr dürft gespannt sein, davon lest ihr in der kommenden Woche an dieser Stelle.
Bis dann, mit
Oki Stanwers Gruß,
euer Uwe.