Liebe Freunde des OSM,

es ist ein tolles Gefühl, auf 175 Wochen Nonstop-Publikation dieses Internet-Blogs zurückzublicken. Anfangs, im März 2013, aus Enthusiasmus und Neugier­de geboren, mauserte sich der zunächst ein wenig ziellose Blog recht schnell zu einem ganzen Bündel interessanter Subblogreihen, untermischt mit Beiträgen zu aktuellen Events und sachdienlichen Ergänzungshinweisen zu erscheinenden E-Books, speziell zur Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI), die aktu­ell ja noch die einzige OSM-Serie darstellt, die ihr regelmäßig lesen könnt. Ich hoffe, dass sich dies – optimistisch betrachtet – anno 2017 ändern wird.

Und dann, als allmählich der Zeitpunkt nahte, da der Blogartikel 175 erscheinen sollte, da überlegte ich mir natürlich: was für einen schönen Blick über den Tel­lerrand zeige ich euch heute? Ich war mir eine Weile lang unschlüssig, dann brachte mich, wie so oft, eine Bemerkung einer guten Freundin darauf. Sie, die selbst mit Blogartikeln so gar nichts anfangen kann, redete mir ins Gewissen und meinte, irgendwann würden bestimmt meine Leser den Überblick über die Blogeinträge verlieren.

Manchmal braucht es Denkanstöße wie diesen von außen, um mich in die rich­tige Richtung zu lenken. Denn ja, dachte ich mir, wie findet ihr euch wohl nach gut drei Jahren Blogartikel zurecht? Könnte ein wenig unübersichtlich geworden sein.

So entstand die Idee, euch eine kleine Handreichung heute zukommen zu las­sen, auf dass ihr besser in meinen Blogartikeln navigieren könnt. Ich habe dabei aber nicht stumpfsinnig vor, euch von Blogartikel 1 bis 175 alles aufzulisten, sondern bin dabei so vorgegangen, dass ich die Artikel nach „Serien“ gestaffelt habe. Die Reihenfolge richtet sich allerdings nicht nach der Anzahl der jeweili­gen Teile, sondern danach, wann die jeweiligen Blogartikel-Subserien begonnen haben. Die „losen“ Einträge stehen in einer separaten Rubrik. Die einzelnen Blogbeiträge enthalten die laufende Nummer, den Titel des Eintrags und den Tag der prognostizierten Publikation.

Wieso prognostizierte Publikation? Weil, wenn ihr akribisch-historisch nach­forscht, entdecken werdet, dass ich manche Blogartikel statt an einem Sonntag schon an einem Samstag hochgeschaltet habe. Gelegentlich gab es auch Be­triebsstörungen, da erfolgte dann das Hochladen erst einen oder mehrere Tage später.

Ach ja, und bei den „Serien“ habe ich nur die jeweilige Folge genannt, ohne noch mal den gesamten „Serientitel“ zu wiederholen. Das wäre dann doch ein wenig zu viel Text gewesen.

Ich hoffe also, die folgende Aufstellung hilft euch gründlich weiter beim Navi­gieren – falls jemand beispielsweise von Anfang an die Rubrik „Was ist eigent­lich der OSM?“ durchschmökern möchte, von der es ja schon 35 Teile gibt (und weitere sind in Planung). Die nächste derartige Aufstellung wird zweifellos noch Jahre auf sich warten lassen… wer weiß, vielleicht zu Blog 250 oder so. Lasst euch da mal überraschen.

Aufstellung der Blogartikel:

Freie Blogartikel:

1) Wer ist Oki Stanwer? (10.03.2013)

4) Eine Unterhaltung über Kreativität (31.03.2013)

5) Ja, wie war das denn mit den Yantihni…? (07.04.2013)

7) Das große Mysterium Twennars: Die Bebengrenze (21.04.2013)

9) Wie ist das eigentlich mit dem Tod im OSM? (05.05.2013)

11) Glücksfunde (19.05.2013)

15) Der Tod im Reich der Yantihni (16.06.2013)

18) Extrayantihnisches Leben (07.07.2013)

19) Rätselhafte Zahlen?! (14.07.2013)

22) Weltenzerstörer (04.08.2013)

23) Die OSM-Wiki – Blicke in andere Universen (11.08.2013)

27) Vorschau E-Books 2013/14 (08.09.2013)

31) Das System Sianlees Rast – eine Falle? Oder mehr? (06.10.2013)

33) Interviews (20.10.2013)

36) Die Allis – ein Kriegervolk mit Vergangenheit (10.11.2013)

41) Jagdfieber (15.12.2013)

49) „Premiere!“ oder Was alles passieren kann, während man an TI 9 schreibt (09.02.2014)

53) Gigantische Maschinen (09.03.2014)

57) Ein feiner Faden unnennbarer Substanz… (06.04.2014)

58) Reiseziel: Terrorimperium? (13.04.2014)

66) Ein wunderliches Vorkommnis im OSM – der Tod! (08.06.2014)

84) Eine kreative Steilvorlage (12.10.2014)

88) Über den Tod… und darüber hinaus (09.11.2014)

94) „Wie lang sind eigentlich deine E-Books?“ (21.12.2014)

100) Der OSM auf einen Blick (01.02.2015)

105) Kommunikationsprobleme (08.03.2015)

111) Literatenseelen (19.04.2015)

113) Illustratorenprobleme – Von der Schwierigkeit, Bilder aus dem Kopf aufs Papier zu bringen (03.05.2015)

114) Stoffwechselmetamorphosen (10.05.2015)

124) In die Öffentlichkeit – Reflexionen zum 29. April 2015 (19.07.2015)

135) Gedanken über die Zhonc (04.10.2015)

136) Schreibtraining (11.10.2015)

146) Erinnerungsverlust (20.12.2015)

150) Historie und Phantastik – kein Widerspruch (17.01.2015)

151) Das Geheimprojekt CK 1 (24.01.2016)

153) Serielle Crossover a la OSM (07.02.2016)

157) Der OSM – ein Wolkenschloss? Nein! (06.03.2016)

163) Der Romantikfaktor (17.04.2016)

171) Sommerpause (12.06.2016)

172) Die unheimlichen Totenköpfe (19.06.2016)

175) 175 Wochen Blogartikel – eine Übersicht für meine Leser (10.07.2016)

Serie „Was ist eigentlich der OSM?“:

2) Teil 1 (17.03.2013)

6) Teil 2 (14.04.2013)

10) Teil 3 (12.05.2013)

13) Teil 4 (02.06.2013)

16) Teil 5 (23.06.2013)

20) Teil 6 (21.07.2013)

24) Teil 7 (18.08.2013)

28) Teil 8 (15.09.2013)

32) Teil 9 (06.10.2013)

37) Teil 10 (17.11.2013)

40) Teil 11 (08.12.2013)

45) Teil 12 (12.01.2014)

48) Teil 13 (02.02.2014)

52) Teil 14 (02.03.2014)

55) Teil 15 (23.03.2014)

59) Teil 16 (20.04.2014)

63) Teil 17 (18.05.2014)

67) Teil 18 (15.06.2014)

72) Teil 19 (20.07.2014)

76) Teil 20 (17.08.2014)

81) Teil 21 (21.09.2014)

85) Teil 22 (19.10.2014)

90) Teil 23 (23.11.2014)

97) Teil 24 (11.01.2015)

104) Teil 25 (01.03.2015)

109) Teil 26 (05.04.2015)

115) Teil 27 (17.05.2015)

122) Teil 28 (05.07.2015)

127) Teil 29 (09.08.2015)

132) Teil 30 (20.09.2015)

139) Teil 31 (01.011.2015)

145) Teil 32 (13.12.2015)

154) Teil 33 (14.02.2016)

161) Teil 34 (03.04.2016)

168) Teil 35 (22.05.2016)

Serie Work in Progress:

3) Part 1 (24.03.2013)

8) Part 2 (28.04.2013)

12) Part 3 (26.05.2013)

17) Part 4 (30.06.2013)

21) Part 5 (28.07.2013)

25) Part 6 (25.08.2013)

30) Part 7 (29.09.2013)

34) Part 8 (27.10.2013)

38) Part 9 (24.11.2013)

43) Part 10 (29.12.2013)

47) Part 11 (19.01.2014)

51) Part 12 (23.02.2014)

56) Part 13 (30.03.2014)

60) Part 14 (27.04.2014)

64) Part 15 (25.05.2014)

69) Part 16 (29.06.2014)

73) Part 17 (27.07.2014)

78) Part 18 (31.08.2014)

82) Part 19 (28.09.2014)

86) Part 20 (26.10.2014)

91) Part 21 (30.11.2014)

95) Part 22 (28.12.2014)

99) Part 23 (25.01.2015)

103) Part 24 (22.02.2015)

108) Part 25 (29.03.2015)

112) Part 26 (26.04.2015)

117) Part 27 (31.05.2015)

121) Part 28 (28.06.2015)

125) Part 29 (26.07.2015)

130) Part 30 (30.08.2015)

131) Part 31 (27.09.2015)

138) Part 32 (25.10.2015)

143) Part 33 (29.11.2015)

147) Part 34 (27.12.2015)

152) Part 35 (31.01.2016)

156) Part 36 (28.02.2016)

160) Part 37 (27.03.2016)

164) Part 38 (24.04.2016)

169) Part 39 (29.05.2016)

173) Part 40 (26.06.2016)

Serie „OSM-Kosmologie“:

14) Lektion 1: TOTAM (09.06.2013)

35) Lektion 2: Menschen und Menschenähnliche (I) (03.11.2013)

46) Lektion 3: Entropie im OSM (19.01.2014)

74) Lektion 4: Ätherische Wesen – Sternenfeen (03.08.2014)

96) Lektion 5: Eine Glaubensfrage (04.01.2015)

123) Lektion 6: Jenseitsvarianten (12.07.2015)

142) Lektion 7: Menschen und Menschenähnliche (II) (22.11.2015)

162) Lektion 8: Religion und Kosmologie a la OSM (10.04.2016)

166) Lektion 9: „Die Baumeister sind an allem schuld!“ (08.05.2016)

Serie „Logbuch des Autors“:

26) Teil 1: Andere Seite, 21. Juni 2013 (01.09.2013)

39) Teil 2: Chaos auf Höolyt, September 2013 (01.12.2013)

42) Teil 3: OSM-Kriminalistik – gibt es die? Oktober 2013 (22.12.2013)

50) Teil 4: Kontrafaktische Welten im OSM, November 2013 (23.02.2014)

61) Teil 5: Schicksal und Vorsehung im OSM, Dezember 2013 (04.05.2014)

68) Teil 6: Jubiläumsstimmung (22.06.2014)

75) Teil 7: Brennpunkt Babylon, Februar 2014 (10.08.2014)

80) Teil 8: Mäusepiraten, März 2014 (14.09.2014)

87) Teil 9: Besuch in Beltracor, April 2014 (02.11.2014)

92) Teil 10: Zurück zu den Yantihni, Mai 2014 (07.12.2014)

98) Teil 11: Abenteuerreisen im Netzuniversum, Juli 2014 (18.01.2015)

106) Teil 12: Ein Traum namens Asmaar-Len, Oktober 2014 (15.03.2015)

116) Teil 13: Monsterjagd in der Hölle, Januar 2015 (24.05.2015)

128) Teil 14: Scheverlays Schicksal, Juni 2015 (16.08.2015)

141) Teil 15: Die Erde im Jahre 2113 (15.11.2015)

155) Teil 16: Im Dschungel (21.02.2016)

165) Teil 17: Willkommen in Garos! (01.05.2016)

Serie „Fehler im OSM“:

29) Reparaturbetrieb OSM – Auch hier kommen Fehler vor (22.09.2013)

70) Deppenpolitik oder Wie ich wieder Fehler im OSM fand… (06.07.2014)

83) Angelnde Kristallwesen – neue Fehlerlese im OSM (05.10.2014)

101) Unvorstellbare Raumschiffe und unwahrscheinliche Folgen – Fehler im OSM, wieder mal (08.02.2015)

110) In der Kindergartenzeit des OSM – Neue Fehlerlese (12.04.2015)

120) Chaos in Bytharg – gar schröckliche neue Fehler! (21.06.2015)

131) Tote auf Reisen und ähnliche Absurditäten – neueste Fehlerlese (06.09.2015)

144) Höhepunkte für alle – auch für Kristallplaneten! Immer diese Fehler… (06.12.2015)

Serie „Der OSM im Bild“:

44) Teil 1 (05.01.2014)

54) Teil 2 (16.03.2014)

65) Teil 3 (01.06.2014)

77) Teil 4 (24.08.2014)

93) Teil 5 (14.12.2014)

102) Teil 6 (15.02.2015)

119) Teil 7 (14.06.2015)

126) Teil 8 (02.08.2015)

133) Teil 9 (20.09.2015)

140) Teil 10 (08.11.2015)

148) Teil 11 (03.01.2016)

158) Teil 12 (13.03.2016)

167) Teil 13/E (15.05.2016)

Serie „Aus den Annalen der Ewigkeit – alt und neu“:

62) Teil 1 (11.05.2014)

71) Teil 2 (13.07.2014)

79) Teil 3 (07.09.2014)

89) Teil 4 (16.11.2014)

107) Teil 5 (22.03.2015)

118) Teil 6 (07.06.2015)

129) Teil 7 (23.08.2015)

137) Teil 8 (18.10.2015)

149) Teil 9 (10.01.2016)

159) Teil 10 (20.03.2016)

170) Teil 11 (05.06.2016)

Serie „OSM-Artikel“:

174) Teil 1: „Eigentlich sind Vampire langweilige Wesen…“ (03.07.2016)

So, das war ein Haufen Arbeit, aber ich denke, von der systematischen Seite her hat sich das allemal gelohnt. So werdet ihr die Artikel, die bisher auf meiner Website erschienen sind und die euch interessieren, sehr viel rascher als bisher finden können.

In der kommenden Woche fahre ich mit der Artikelreihe „Was ist eigentlich der OSM?“ fort und führe euch durch die kreativen Untiefen des Jahres 2009.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 67: Mindstar 2: Das Mord-Paradigma

Posted Juli 5th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

so, kommen wir nach vier Wochen dann endlich mal zum zweiten Fall des De­tektivs Greg Mandel in einer postsozialistischen, vom Klimaschock gebeutelten Welt des Englands der nahen Zukunft. Wer dachte, dass Peter F. Hamilton schon mit dem ersten „Mindstar“-Roman sein ganzes Pulver verschossen hatte, der sollte sich getäuscht sehen. Das war alles durchaus noch ausbaufähig, und hier hat er dann wirkungsvoll weitere Facetten seines Schreibtalents gezeigt – Facet­ten, die er schließlich später zu den vielfältigen Einzelvignetten seines „Arma­geddon-Zyklus“ veredelt hat.

Auch Leser, die wie ich mit „Armageddon“ recht eigentlich begonnen haben, Hamilton kennen und schätzen zu lernen, werden hier noch faszinierende Dinge entdecken können, selbst wenn die Mindstar-Romane natürlich älteren Datums sind. Und ich glaube, wenn ich unten auf die Parallele zu Sherlock Holmes hin­weise, dann ist das durchaus nicht übertrieben, das hat schon Methode.

Also, Freunde, zum zweiten Mal in Folge – auf ins Abenteuer:

MINDSTAR 2: Das Mord-Paradigma

(OT: A Quantum Murder)

von Peter F. Hamilton

Bastei 23208

518 Seiten, damals 14.90 DM

Übersetzt von Thomas Schichtel

Gut zwei Jahre sind vergangen, seit Gregory Mandel (Freunde nennen ihn Greg), der Veteran des parapsychisch begabten MINDSTAR-Bataillon im Auftrag der milliardenschweren Konzernerbin Julia Evans den Saboteur ihres Konzerns gefunden und dabei fast nebenbei auch noch den totgeglaubten Präsidenten der Sozialistischen Volkspartei Englands entdeckte, der als „Spinne im Netz“ tödliche Pläne zum Wiederaufstieg zur Macht schmiedete.

Seither aber hat er sich gesagt: der Fall ist der letzte, den er als parapsychischer Detektiv durchführt. Der Job ist zu belastend, zu gefährlich, und man wird schließlich nicht jünger. Seine Geliebte Eleanor hat ihn dabei nachdrücklich un­terstützt, und die finanzielle Dankbarkeit Julia Evans´ half dabei, sich in den Ru­hestand zurückzuziehen. Inzwischen ist Greg begeisterter Farmer, kämpft im hitzegeschwängerten Südengland, das nach wie vor unter den Folgen der klima­tischen Erwärmung leidet, gegen eine Kaninchenplage und wünscht sich nur seine Ruhe. Seine Eleanor hat er geheiratet, und alles könnte nun gut sein.

Tja, wenn es da nicht Edward Kitchener gäbe.

Edward Kitchener, schrulliger und exzentrischer Nobelpreisträger für Physik, hat sein Heim in Launde Abbey zu einer Art Elitecollege ausgebaut, wo er jedes Jahr eine kleine, handverlesene Schar von Talenten ausbildet und hier neue Ideen und Projekte ausbrütet. Nach außen ist der Landsitz absolut sicher abgeschirmt, und es herrscht eigentlich eine Atmosphäre des entspannten Arbeitens. Wenn da nicht Kitcheners geheime Schrullen wären.

Nach außen gilt er als ruppig und barsch, doch kommt im Laufe der Geschichte schnell heraus, dass Kitcheners Libido mehr als intakt ist. Konkret: er geht mit jeder Studentin, die in Launde Abbey ist, über kurz oder lang ins Bett. Nun wäre das bei einem 67jährigen Mann vielleicht verwerflich, aber er nötigt sie schließ­lich nicht direkt. Als er diesmal jedoch sowohl mit der überaus promiskuitiven Rosette Harding-Clarke UND mit der jungen Isabel zugleich Sex hat, bahnt sich offenkundig ein Problem an.

Mitten in der Nacht wecken furchtbare Schreie die restlichen Studenten, und als sie endlich an Kitcheners Schlafzimmer stehen, entdecken sie grauenerfüllt das, was von ihrem Mentor übriggeblieben ist – ein Mörder hat ihn regelrecht zerfleischt. Das Rätsel um Kitcheners Mord ist es schließlich, das Greg Mandel auf den Plan ruft.

Nein, eigentlich hat er Eleanor versprochen, nichts dergleichen mehr zu tun, und das ist auch korrekt. Aber es gibt eine einzige Person, die ihn augenklim­pernd und flehend anzuschauen vermag und ihn erweichen kann – Julia Evans. Und Julia MUSS unweigerlich an Greg denken, weil er ihr der einzige zu sein scheint, der die verfahrene Situation zu lösen versteht. Denn sie fürchtet, dieser Mord sei nicht nur die irrsinnige Tat eines vollkommen Wahnsinnigen, sondern ein Anschlag auf den Konzern EVENT HORIZON, dem sie vorsteht.

Kitchener, das kristallisiert sich allmählich heraus, hat für EVENT HORIZON an revolutionären Technologien geforscht, unter anderem, so wird gemunkelt, an einem Sternenantrieb und an einer Methode, das Energieproblem der Welt zu lösen.

Doch selbst Greg Mandel gerät rasch mit seiner Gabe an die Grenzen: er spürt es herkömmlicherweise, wenn jemand auf seine Fragen nicht die Wahrheit sagt. Aber alle Studenten scheinen „clean“ zu sein. In der Nacht des Mordes herrschte heftiges Unwetter, das es auch verhinderte, dass jemand das abgele­gene Anwesen erreichte. Doch wie ist es dann möglich, dass jemand das Un­denkbare tat? Ist hier das perfekte Verbrechen gelungen? Ist der Mörder unter Umständen jemand, der seinen Wahnsinn selbst gegenüber einem Übersinnli­chen verbergen kann?

Und was ist mit Gregs Intuition, die ihm diffus sagt, dass vor ein paar Jahren Launde Abbey irgendwie in die Schlagzeilen geriet? Als schließlich ein Verdäch­tiger überführt wird, scheint der Fall vollkommen klar zu sein. Aber Gregs Intui­tion schreit geradezu, dass der Kandidat unschuldig ist.

Nur, wie beweist man das, wenn alle Indizien überwältigend für das Gegenteil sprechen? Und wie ist der Mord wirklich begangen worden? Die Jagd beginnt von neuem, und die Zeit läuft Greg Mandel davon…

Mit dem zweiten MINDSTAR-Roman läuft Peter F. Hamilton von neuem zur Hochform auf. War man als Leser vielleicht der Ansicht, der erste, umfangrei­chere Band könne nicht mehr getoppt werden, wird man hier eines Besseren belehrt. Gewiss: viele Protagonisten, die im ersten Teil ihr intensives Eigenleben erhalten, werden hier gelegentlich als Statisten „vorausgesetzt“ und nicht mehr sonderlich präzise definiert, aber das spürt man eigentlich kaum. Zu viele neue Personen treten hinzu, die man in den neuen komplexen Kontext der Geschich­te einfügen muss, um die Theorien, die man sich als Leser automatisch bildet, zu verifizieren oder zu falsifizieren.

Wer den Roman mit ein wenig Muße liest und sich dazu zwingt, nicht mehr als 50 bis 100 Seiten am Tag zu lesen (well, man kann ihn auch in zwei Tagen ver­schlingen, aber dann ist das Vergnügen denkbar geschmälert, weil man wahr­scheinlich viele Anspielungen und Details überliest, die nachher wichtig wer­den), der hat ein ähnliches „Feeling“, wie wenn man Sherlock-Holmes-Romane liest, und unstrittig hat sich Hamilton auch an diesem Detektiv gedanklich gerie­ben. Er erzählt mit dieser Geschichte einen klassischen „Whodunnit“, eingebet­tet in die nahe Zukunftswelt Englands nach der Klimakatastrophe und der post­sozialistischen Ära.

Allerdings ist das nicht alles, was er erzählt. Er spricht auch davon, wie die junge Konzernerbin Julia Evans, die ja bekanntlich erst 19 Jahre alt ist, sich mit den Medien zickt, und das muss man jetzt wirklich wörtlich nehmen. Es gibt köstli­che Szenen, in denen sie sich über die Berichterstattung aufregt, die… nun… wenig vorteilhaft über ihre Garderobe berichtet. Von ihrem fliegenden Wechsel jugendlicher Lover mal ganz zu schweigen.

Tja, es ist eben doch nicht Geld allein, was zählt, merkt man dabei, und der Leser schmunzelt.

Letzten Endes, und das möchte ich als Qualitätskriterium hervorheben, gelingt es Hamilton, selbst dem intelligenten Leser Sand in die Augen zu streuen (in diesem Fall: mir). Vielleicht habe ich einfach eine gedankliche Schleife zuviel ge­dreht, in jedem Fall lenkte mich Hamiltons Berichterstattung völlig von der rea­len Handlung ab. Am Schluss stellte sie dann zwar nicht so sehr eine Überra­schung dar, aber ich hatte eine ganz falsche Person im Visier. Und solche Fähr­tenkunst ist für einen Autor immer etwas Raffiniertes.

Lasst euch von dem eigentlich sehr ruhigen Roman verführen. Es lohnt sich.

© by Uwe Lammers, 2006

Ja, ja, es gibt nicht immer nur in der modernen phantastischen Literatur inter­essante Entdeckungen zu machen, sondern eben sehr häufig auch gerade dort, wo man die Romane nicht mehr im aktuellen Romanhandel finden kann. Wenn ich immer wieder mal auf Antiquariate und antiquarische Romane verweise, so geschieht das natürlich insbesondere deshalb, um euch von der eher drögen Alltagskost der Gegenwart abzulenken. Ältere Romane von Peter F. Hamilton sind nur ein solches Schmankerl.

Es gibt auch noch ganz andere Sensationen, und auf eine davon möchte ich euch in der kommenden Woche hinweisen – auf ein voluminöses Sachbuch, an dem wohl jeder, den dicke Werke abschrecken, nervös vorbeigegangen ist. Ein Fehler, um es vorab zu sagen. Was dort mit den grässlichen persischen Bettvor­legern beginnt, steigert sich zu einem realen Alptraum, der durchaus mit dem Untergang der Menschheit enden kann, wenn wir in der Gegenwart die falschen Weichen stellen.

Nein, nein, das ist leider keine Science Fiction, es handelt sich um ein Sachbuch, von dem ich auch heute nach fast fünfzehn Jahren annehme, dass es jeder, der an der Zukunft der Welt Interesse findet, mal gelesen haben sollte. Merkt euch den Namen, um den es in der nächsten Woche geht – David Quammen – und lasst euch bitte nicht von der Länge meiner Ausführungen abschrecken.

Ich betone: das ist ein wichtiges Buch.

Mehr in sieben Tagen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

ja, ganz recht, heute gibt es mal eine schöne Überraschung, indem ich nämlich eine neue Rubrik eröffne. Ähnlich wie die OSM-Kosmologie-Lektionen werden auch die Einträge dieser Art sehr sporadisch kommen. Das hat seine Gründe in ganz banalen Ursachen – ich habe vor, euch so nach und nach im Laufe der nächsten Jahre mit dieser Artikelreihe einen Einblick in vernetzende Hinter­grundgedanken zum Oki Stanwer Mythos zu verschaffen.

Das bedeutet konkret, dass ihr es hier mit Beiträgen zu tun habt, die ich im Grunde genommen privatim für meinen eigenen Denkprozess geschrieben habe und die nicht ursprünglich für die Veröffentlichung gedacht waren. Und nein, das hat jetzt nichts mit „Tagebucheinträgen“ oder so zu tun, sondern ist ein we­nig komplizierter.

Im Vergleich zu euch umfasst mein Gedankenhintergrund gut 35 Schreibjahre und inzwischen über 1775 OSM-Werke. Die Hintergrundartikel verknüpfen die­ses Wissen über den gigantischen Zeitraum zahlloser Universen miteinander, und das bedeutet, ich spiele in den Zeilen und Fußnoten auf viele Werke und Zu­sammenhänge an, die mir völlig sonnenklar, für euch aber nahezu vollständig unbekannt sind.

Gleichwohl versteht diese Artikelreihe bitte nicht als eine Form der seelischen Grausamkeit, das ist nicht die Intention – ich möchte euch vielmehr an all den Welten und Kontexten teilhaben lassen, die ich noch nicht veröffentlichen konn­te. Diese Beiträge sind also quasi „Appetithappen“… und ihr werdet, so hoffe ich, auch beizeiten entdecken, dass es nach einem oder zwei Jahren durchaus er­hellend sein könnte, diese Beiträge im Lichte neuer Leseerfahrungen noch ein­mal zu lesen. Mir scheint es höchst wahrscheinlich, dass ihr dann faszinierende neue Facetten in bislang unbegreiflichen Passagen entdecken könnt.

Der erste Text dieser Art, den ich euch vorstelle, wurde von mir im Jahre 2007 explizit für ein Themenheft des Fanzines „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA) des Science Fiction-Clubs Baden-Württemberg geschrieben. Ich war damals Chefredakteur einer Vampir-Sonderausgabe, und mir schoss der Gedanke durch den Kopf, einen Beitrag zum Thema Vampire im OSM zu verfassen. Nun, wie ihr euch vielleicht denken könnt, kam dabei etwas Interessantes heraus. Dies hier ist das damalige Endergebnis:

Eigentlich sind Vampire langweilige Wesen…“

Vampire und ähnliche Kreaturen innerhalb des Oki Stanwer Mythos

Eine kleine Werkschau von Uwe Lammers

Das Problem:

Gelegentlich sagen Fandomler, das Sujet des Vampirs und des Vampirismus schlechthin sei irgendwie ein arg ausgetretener Pfad der Phantastik, das Thema sozusagen tot-dekliniert. Selbst Leute, die sich keine Vampirfilme antun oder Vampirromane lesen, kennen mit ziemlicher Sicherheit Graf Dracula (viele stel­len ihn sich gern mit Christopher Lees1 oder Peter Cushings Gesicht vor). Also mag es schon stimmen, dass es äußerst schwer ist, diesem Sujet neue Facetten abzugewinnen. Nennen wir diese Überrepräsentanz das Problem, dem wir uns zu stellen haben.

Eigene Lektüreerfahrungen (Bücher und Heftromane):

Ich für meinen Teil habe nur recht wenig Vampirliteratur gelesen, soweit es jetzt autonome Bücher und nicht Heftromane betrifft.2 Das meiste davon – vielleicht mal abgesehen von Bram Stoker selbst3 – entdeckte ich eher durch Zufall. Gut, in meinem Regal findet sich natürlich Barbara Hamblys „Jagd der Vampire“4 und noch einiges andere an ungelesener Literatur. Aber ein wirklich interessan­ter Tipp ist beispielsweise Tanith Lees Roman „Sabella oder Der letzte Vam­pir“5, der nach meiner Erinnerung wenigstens partiell auf dem Mars spielt. Recht exotisch für die Bastei-Fantasy-Reihe, wenn ich das mal andeuten darf.

Meine eher despektierliche Einstellung zu Vampiren kam wahrscheinlich über die intensive Heftromanlektüre in den frühen 80er Jahren zustande: damals ver­schlang ich beispielsweise die alten Vampir-Horror-Romane, in denen es ja reichlich Vampire unterschiedlichster Couleur zu bewundern oder besser zu be­mitleiden gab, die Gespenster-Krimi-Romane und die frühen John-Sinclair-Heftromane und Sinclair-Taschenbücher (von Tony Ballard oder Professor Za­morra, Damona King und anderen mal ganz zu schweigen).6

In solchen Werken lernte man natürlich Vampire und bisweilen bizarren Parallel­charaktere (Vampirkatzen, Vampireulen usw.) kennen als jene Kreaturen, denen man relativ mühelos mit Silberkugeln, Knoblauch, eichenen Pflöcken und Kreu­zen (oder fließendem Wasser) den Garaus machen konnte. Ganz zu schweigen davon, dass die Anfälligkeit für Sonnenlicht oder christliche Symbole mir eini­germaßen närrisch vorkam. Daraus kristallisierte sich meine Ansicht: mit Vam­piren kann’s so weit ja nicht her sein.

Kreative Umwandlung:

Aber da ich eben nicht nur Leser bin, sondern auch Hobby-Autor und seit über 25 Jahren an meinem Oki Stanwer Mythos (OSM) schreibe, kam mir anläss­lich der vorliegenden Themenausgabe „Vampire“ von BWA der Gedanke, ich könnte doch mal schauen, was sich in diesen Welten so an merkwürdigen Wesen tummelten. Da könnten doch auch Vampire drin sein, überlegte ich. Bei über 1450 OSM-Werken ist das äußerst plausibel. Und tatsächlich wurde ich fündig. Indes begann die „Reform“ des Vampirismus im OSM – das traditionelle Bild des seine Hauer in die Hälse argloser Menschen schlagenden Blutsaugers sagte mir ehrlich nicht sehr zu – schon sehr zeitig und führte zu eigenartigen autonomen Auswüchsen, die mit dem Vampirismus, wie er von Stoker und seinen Epigonen bis heute gedacht wird, nur noch recht wenig zu tun hat. Gehen wir mal chronologisch vor und schauen uns diesen Sachverhalt etwas genauer an:

Der Vampirismus und Quasi-Vampirismus7 im OSM:

Die früheste Erwähnung von Vampiren findet man in OSM-Band 37 „Der glü­hende Schädel“ (1983)8, und schon hier merkt man, dass mir der Vampirbegriff im OSM in der gängigen Form nicht gefiel: Der Helfer des Lichts und Jesuiten Joseph Ghastor wird während einer Auseinandersetzung durch einen magischen Kristall einem Strahlenschauer TOTAM-Energie ausgesetzt, die seinen Körper negiert und in einen Vampir verwandelt.9 Er wird also keineswegs altmodisch „gebissen“. So etwas kommt später zwar gelegentlich auch vor, aber es ist eher die Ausnahme.

Dieser Handlungsstrang setzt sich fort in OSM 45.10 Unter dem Titel „Die Vam­pir-Familie“ (1983) wird hier eine eigentlich schon „erlöste“ Vampirsippe von der Dämonenwaffe GOLEM rekrutiert und auf das Oki-Stanwer-Team losgelas­sen. Da das England des Jahres 2123, in dem das spielt, sich bis auf einige tech­nologische Errungenschaften nicht signifikant von unserer heutigen Welt unter­scheidet, spielt sich hier im wesentlichen eine Handlung ab, die man auch bei John Sinclair in ähnlicher Weise hätte finden können. Die Anlehnungen sind recht deutlich. Entlastend lässt sich freilich anführen, dass die Serie zwischen 1982 und 1985 entstand, als ich kreativ vergleichsweise wenig selbständig war.

In OSM 142/143: „Rookax´ Coup“ und „Unter der Knechtschaft des Bösen“ (beide 1983)11 macht der Leser die Bekanntschaft mit der Dämonenwaffe Roo­kax von TOTAM, die über durchaus vampiristische Fähigkeiten verfügt, aber keine Dienerwesen dadurch schafft. Auf sie trifft also mehr die Bezeichnung ei­nes Mentalessenz-Räubers zu als die eines Vampirs. Ich favorisierte derartige Wesen bald darauf ganz klar, ebenso, wie ich den „traditionellen“ Darstellungen des Vampirmythos abhold war.

Das nächste Mal taucht ein vampiristisches Wesen auf in OSM 260: „Der Vam­pir-Mönch“ (1984)12, der die Handlungslinie von OSM 45 im wesentlichen fortführt. Die Pikanterie an der Sache ist eben: der Vampir ist sowohl ein untoter Jesuit als auch ein Helfer des Lichts, und beide Seiten der Persönlichkeit sind in Pater Joseph Ghastor durchaus nicht abgestorben, er ist also bei aller „weltan­schaulichen Eindimensionalität“ als Dämonenwaffensklave eine intelligente Per­son und äußerst ambivalent.13

Abgeschlossen wird diese Handlungsebene mit den OSM-Bänden 270: „Die Blutquelle“ und 272: „Goldene Gladiatoren“ (beide 1984).14 Darin gelingt es, sowohl Pater Joseph Ghastor als auch den zwischenzeitlich ebenfalls zum Vam­pir gemachten15 Yard-Commander Brian Eldis durch ein Bad in TOTAMS Blut­quelle (die zugleich ein bizarres Ortungsinstrument für die Annäherung der dä­monischen Macht CLOGGATH darstellt) wieder ins Leben zurückzurufen.16 Die psychischen Schäden sind freilich angerichtet, sie erinnern sich beide sehr ge­nau, was sie im Zustand des Untot-Seins angerichtet haben, und Ghastor ist nachgerade traumatisiert, da er tot gewesen ist und keinerlei Indiz auf die Exis­tenz des christlichen Gottes hingedeutet hat…17

In OSM 423 – „Eine Königin in Ketten“ (1986)18 – kann man Zeuge eines er­neuten tragischen Charakters werden. Diesmal hat es die Cranyaa-Helferin des Lichts Sini-Ag19 erwischt. Sie ist auf der Sichelwelt Tehlorg im Hyperraum ge­strandet und wird hier von einem Dämon von TOTAM gefangen gehalten. Ihr Fluch ist, dass ihr Chitinkörper von einem Parasiten durchbohrt ist, der silbrige Tentakel besitzt, die ständig auf der Suche nach Nahrungsquellen sind. Und die­ser Silberparasit, der Sini-Ags Leben verlängert, ist dezidiert vampiristisch. Al­lerdings saugt er die Opfer vollständig aus.

Gespenstisch wird es dann in Band 543 des OSM („Invasion der Zeitschatten“, 1988)20, als die Zeitschatten die Erde überfluten. Oki Stanwer, halb wahnsinniges Opfer eines Baumeister-Plans, der ihn und seinen Sohn Mar­conius in einer Parallelwelt der Erde stranden ließ, wird mit den Folgen einer von ihm unabsichtlich herbeigeführten Zeitmanipulation konfrontiert: Myriaden von grässlich deformierten Menschen alternativer, ausgelöschter Zeitebenen materialisieren auf der Erde, und wo immer sie, die beständig schwach und frierend sind, normale Menschen berühren, saugen sie mit großer Geschwindigkeit deren Vitalenergie auf. Es ist allerdings nur ein kurzzeitiger Schub, der rasch abebbt, worauf die Zeitschatten sich von neuem auf die Suche machen. Die Zeitschatten-Invasion löscht diese Welt beinahe aus.21

In Band 606 stoßen wir endlich wieder auf einen leibhaftigen Vampir, allerdings einen, der nicht mal einen Namen bekommt. In dieser Episode mit dem Titel „Kleines, der Verdammte“ (1989)22 rettet der titelgebende Helfer des Lichts, Gefangener in einem morbiden Gebein-Bergwerk, eine leibhaftige Fee vor dem gierigen Zugriff des genannten Vampirs.23 Kleines ist hier ohnehin in einer selt­samen Kulisse gestrandet, dem sogenannten „Land Sethon“. Das liegt zwar auf unserer Erde, irgendwo in dem von einem (am Anfang des 20. Jahrhunderts ge­führten!) Nuklearkrieg verheerten Europa. Und seine Mitgefangenen im Berg­werk der Hexe Stefanya, hinter der sich die Dämonenwaffe Sardoon von TO­TAM verbirgt, sind leibhaftige Zwerge, Satyrn und Feen… von anderen seltsa­men Wesen ganz zu schweigen.24

Bald danach werden Oki Stanwer und seine ganz frischen Verbündeten von der Parabasis Athen in einer anderen Ebene von Vampiren attackiert. Das ist der we­sentliche Inhalt der Episoden 667 „Parabasis Athen“ und 669 „Ruf des Blutes“ (beide 1990).25 Oki Stanwers paramentale Kräfte können die Attacke des Blutdämons Hurmon und seiner Diener abwehren. Bis heute harrt aber der Abschluss dieser Ereignisse seiner Darstellung.26

In derselben Ebene, zeitlich nur wenige Tage danach angesiedelt, aber in Kairo, stoßen Oki Stanwer und seine Gefährten durch Hinweise einer präkognostischen Gefährtin auf ein unheimliches, offenbar auch vampiristisches Wesen, das Hüter magischer Geheimnisse ist (OSM 749: „Die Spur nach Marib“, 1990). Doch das ist nur anhand der Blutschale zu erkennen, die es als Opfer stets fordert. Es entschwindet, bevor es der Gruppe gefährlich werden kann.

Tja, und das war’s dann schon mit den Vampiren im OSM. Jedenfalls im enge­ren Sinne. Trotz gegenwärtig fast 1470 Episoden und Romanen bietet der OSM den Blutsaugern der Nacht und ihren direkt artverwandten Kreaturen also nur recht dürftige Unterschlupfmöglichkeiten. Das ist die für Vampir-Freunde viel­leicht etwas ernüchternde Bilanz von 25 Jahren geschriebener OSM-Episoden.

Fazit:

An der obigen Darstellung kann man ansonsten erkennen, dass die „klassische“ Behandlung des Vampirthemas als eines wesentlich erotischen Sujets für mich schon vor dem Kennenlernen der Urzelle des Vampirmythos in literarischer Form, also Bram Stokers „Dracula“, für mich nicht so richtig attraktiv war. Si­cherlich war ich verdorben durch die jahrelange Vulgarisierung der Vampir-Dar­stellung in Horror-Heftromanen und eher niveaulosen Taschenbuchhandlungen, wo Vampire eher zu belächelnde Gestalten darstellten. Diese Wesen fand ich nicht im Mindesten interessant und las diese Romane stets nur, weil ich halt der Ansicht bin, dass man Romanserien, die man sammelt, auch komplett gelesen haben sollte, anderenfalls man es ja auch sein lassen könnte, sie überhaupt zu registrieren.27

Ganz anders als im Fall der sichtlich unterrepräsentierten Vampire sieht das da schon mit belebten Skeletten oder Dämonen aus, von Gestaltwandlern mal ganz zu schweigen. Besonders das Sujet des Gestaltwandlers scheint mir in diesem Zusammenhang weitaus reizvoller zu sein als das des Vampirs. Diese ständige nervöse Frage „Bist du der, der du zu sein scheinst, oder bist du etwas ganz an­deres?“, die man eigentlich misstrauisch an fast alle Personen im OSM richten muss, erzeugt in mir einen ganz anderen prickelnden Reiz, der im übrigen auf unterschiedlichste Weise erreicht werden kann.

Zum anderen war die Konkurrenz mächtiger anderer und weitaus innovativerer dämonischer Entitäten, die eben mehrheitlich auf Mimikry und Unterwanderung und Verseuchung der Lebenden setzten, innerhalb des OSM von Anbeginn au­ßerordentlich groß. Die traditionellen Formen des Horrors und seine Ausdrucks­formen gerieten hier rasch ins Abseits. Das trifft auch solche Kreaturen wie Zombies oder Ghouls bzw. Geister aller möglichen Couleur.

Die Adaption vampiristischer Grundmuster, also der Verlust an Lebensenergie seitens der Opfer, um das zentrale Element zu nennen, wurde hingegen sehr wohl angewandt und ist bis heute ein konstitutives Element des OSM an sich. Bislang lässt sich davon aber noch nichts nachlesen. Dies ist – wie so vieles – noch ein Geheimnis meiner zahlreichen Reihen von Ordnern, gefüllt mit unpu­blizierten Manuskripten. Dereinst, so das Schicksal es will, wird das anders sein. Schaun mer mal.

Bis dahin jedoch kann konstatiert werden, dass der Vampir-Fan im OSM eher nicht auf seine Kosten kommen wird. Er sollte sich dann doch besser wappnen, seinen Geldbeutel zücken zu müssen und sich an die Klassiker halten oder im Buchhandel Ausschau halten nach neuen Vampir-Romanen wie etwa „Sanguis B. – Vampire erobern Köln“

© by Uwe Lammers, 2007

Natürlich, meine Freunde, sind manche dieser Anmerkungen zeitgebunden und inzwischen seit fast 10 Jahren überholt… aber sei’s drum, so bekommt ihr hier einen kleinen historischen Einblick, wie ich 2007 gedacht und geplant habe.

Ich hoffe, euch hat der kleine historische Rückblick gefallen und euch ein wenig neugierig gemacht auf kommende Sensationen im Rahmen des Oki Stanwer Mythos.

In der nächsten Woche bringe ich auch eine Art von Rückschau, aber von der ganz besonderen Art. Was genau das bedeutet? Schaut wieder rein, dann seid ihr schlauer!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Ich muss freilich, wenn ich Christopher Lee sehe, immer zuallererst an Scaramanga den­ken, den „Mann mit dem goldenen Colt“…

2 In meinen Leselisten finden sich hier, in chronologischer Auflistung, folgende Werke. Die meisten davon stammen aus der John-Sinclair-Taschenbuchreihe (Dark): „Die Vampirflot­te“ (Dark, 1982), „Disco Dracula“ (Dark, 1982, Oktober 1988), „Vampir-Express“ (Dark, März 1988), „Die Vampir-Polizei“ (Dark, Juni 1988), „Hüte dich vor Dracula“ (Dark, Juni 1989), „Todesküsse“ (Dark, Januar 1990), „Mein Flirt mit der Blutfrau“ (Dark, April 1990), „Dracula II“ (Dark, Mai 1990), „Vampire“ (Anthologie, Juni 1990), „Vampirnäch­te“ (Anthologie, April 1997). Weitere Vampirbegegnungen in Stories sind sehr wahrschein­lich. Auch Bücher vor 1987, wo noch nicht statistisch erfasst wurde, was ich las, sind sehr plausibel anzunehmen, insbesondere solche aus der Reihe Vampir Horror Taschenbücher.

3 Gelesen wurde Bram Stokers „Dracula“ von mir erst im Oktober 1987. Alle vormaligen Vampir-Adaptionen speisen sich deshalb offensichtlich aus Heftroman- oder trivialen Ta­schenbuchvorlagen.

4 Barbara Hamblys „Jagd der Vampire“ las ich im Oktober 1995.

5 Das Buch wurde zweimal gelesen, einmal (unpräzisiert, da damals noch keine Leselisten geführt worden sind) 1984, später noch einmal im März 1991.

6 Und jeder, der sich halbwegs mit diesen Serien auskennt, weiß, dass es hier quasi konstitu­tiv ist, jedes Jahr ein bestimmtes Quantum an Vampir-Romanen zu bieten. Da ich über 700 Sinclair-Romane gelesen habe, kann man sich ausmalen, wie viele „Pflicht“-Vampirroma­ne ich dabei konsumiert habe. Ein gewisser Frust war daher fast unvermeidbar. Eine kleine Auswahl von Vampir-Heftromanen aus meiner seit September 1987 geführten Lesestatistik mag hier genügen: November 1987: „Die Blutgräfin“ (Hugh Walker, Vampir Horror), Ja­nuar 1988: „Das Schloss der Vampire“ (Peter Saxon, Vampir Horror), „Der Blutjäger“ (Dark, Sinclair), „Teufelsspuk und Killer-Strigen“ (Dark, Sinclair, es geht um Vampir-Eu­len), April 1988: „Adelige Blutsauger“ (Dark, Sinclair), Mai 1988: „Drakulas Rache“ (Hugh Walker, Vampir Horror), Juni 1988: „Das Hochhaus der Vampire“ (Thomas B. Da­vies, Vampir Horror), Dezember 1988: „Der Vampir, die Mörderin und ich“ (Dark, Sinclair), „Tai-Lee, die Seelenfängerin“, „Vampirpiraten“ und „Das magische Duell“ (Mike Shadow, Damona King). Die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

7 Unter Quasi-Vampirismus verstehe ich an dieser Stelle eine Form der aus vampiristischen Fähigkeiten abgeleiteten Eigenheiten im OSM, etwa parasitischen Kräftetransfer. Der Ter­minus Q.-V. existiert so im OSM bisher nicht, er wurde eigens für diese Ausarbeitung for­muliert.

8 Nicht publiziert.

9 Im Laufe der Serie kristallisiert sich bald heraus, dass der genannte Kristall die teilweise inaktivierte Dämonenwaffe KIQUAA ist. Was indes GENAU passiert, wenn jemand auf diese Weise mittels TOTAM-Energie „umgepolt“ wird, ist erst seit Ende 2006 konkret be­kannt. Es gibt hier Parallelen zur Metamorphose in den ESSEN der Troohns. Vgl. dazu bei­zeiten den OSM-Hintergrundtext „Höhere Weihen“ (2006), der im Rahmen von FAN im OSM-NEWSLETTER #3 (voraussichtlich August 2007) publiziert werden wird.

10 Die – nicht publizierte – Episode entstammt wie die vorangegangene der Ebene 13 „Oki Stanwer Horror“ (OSH). Sie wird seit 1988 in Form des Buches DER CLOGGATH-KON­FLIKT umgearbeitet und ist bis heute – mit langen Schreibpausen dazwischen – gut halb fertig. Leider ist wegen der Länge der Bearbeitungszeit der Stil in hohem Maße reformbe­dürftig.

11 Die beiden Episoden entstammen der 14. OSM-Ebene „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ (FdC). Sie wurden in ihrer stilistisch sehr ungenügenden Urform mit fantypi­schem Enthusiasmus in einer frühen OSM-Publikation im Fandom der Öffentlichkeit vor­gestellt. Dies geschah arg verfrüht im Januar und April 1988 in den Ausgaben 2 und 3 von „Feldherr der Cranyaa“, erschienen beim Weird Fiction Club „Die Hexer von Salem“ unter Regie von René Mostard, Düren. Soweit ich mich entsinne, war die Auflage geringer als bei BWA. Der Club existiert seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr. René ist, glaube ich, im Fandom nicht mehr aktiv. Ich habe seine Spur lange verloren.

12 OSH, nicht publiziert.

13 Gedanklich angelehnt sein dürfte diese – damals freilich rudimentäre – Darstellung, die später in der Umarbeitung zum Buch „DER CLOGGATH-KONFLIKT“ wesentliche Ver­tiefung fand, an die Dracula-Romane von Hugh Walker in den frühen Vampir-Horror-Heftromanen sein, an die ich mich vage erinnere. Auch der dortige Protagonist war meiner Erinnerung nach ein äußerst tragischer, selbstreflexiver Charakter.

14 OSH, beide nicht publiziert.

15 Dies geschah im Rahmen der apokalyptischen Ereignisse von „Stanwers Blutnacht“, die einen erheblichen Teil Londons in Schutt und Asche legte. Eldis´ Verwandlung geschah auf dieselbe Weise wie die von Joseph Ghastor.

16 Auch hieran erkennt man das äußerst unkonventionelle Behandeln vampiristischer Struk­turmuster. Üblicherweise ist eine „Revitalisierung“ von Vampiren nicht möglich, sondern nur ihre – eindimensionale – Zerstörung respektive „Erlösung“. Wahrscheinlich hat mich auch diese eher schlichte Behandlung von Vampiren als „Nur-Gefahr“ bereits damals ge­nervt. Das Problempotential revitalisierter Vampire ist hingegen von ganz besonderem Ka­liber, zumal dann, wenn sie sich ihrer Taten entsinnen.

17 Dieser Aspekt wird zwar in den Episoden 1984 schon angedeutet, aber erst im Buch selbst intensiv ausgearbeitet. Es ist diese Erfahrung, die Ghastor das metaphysische Rückgrat bricht und ihn für den Rest seines Lebens seelisch zerrüttet.

18 Diesmal verschlägt es uns in eine reine SF-Ebene, wie schon in den Episoden 142/143. OSM 423 (nicht publiziert) entstammt der 20. OSM-Ebene „Oki und Cbalon – Das Ewig­keitsteam“ (OuC), geschrieben zwischen 1984 und 1997. Aus dieser Ebene sind die in ei­nem OuC-Paralleluniversum angesiedelten Abenteuer des Terraners Edward Norden wohl dem Leser am vertrautesten. Die ersten beiden Arc-Romane, „Odyssee in Arc“ und „Der Herrscher von Arc“ (beide 1987) wurden in BWA veröffentlicht: Der erste Roman in den BWA-Ausgaben 175-178 (April-Juli 1998), der zweite in den BWA-Ausgaben 185-189 (Februar-Juni 1999), 191 (August 1999), 193-195 (Oktober-Dezember 1999) und BWA 197 (Februar 2000). Die Zersplitterung der Publikation des zweiten Romans resultiert aus dazwischen liegenden, von mir initiierten Themenbänden von BWA. Die Länge der Publi­kation ist einer grundlegenden stilistischen Überarbeitung der einzelnen Kapitel des Ro­mans geschuldet und der Tatsache der Seitenbegrenzung innerhalb von BWA. Der erste Roman wurde plump als Skriptkopie in BWA publiziert.

19 Sini-Ag, ein Hauptcharakter der OSM-Ebene 14, FdC, ist hier ein Matrixfehler, dem durch Primärenergieentladung die Identität eines Helfers des Lichts aufgeprägt wurde. Dies nur zur Information für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich jemand wundert, warum eine Person, die eigentlich rund 30 Milliarden Jahre früher im OSM agierte, plötzlich wieder auftaucht.

20 Hier befinden wir uns in der – generell bislang nicht publizierten – Welt des KONFLIKTS 18 des OSM. Die Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (KGTDUS), die zwischen 1984 und 1989 geschrieben wurde, unterlag einer Reihe heftiger Schlingerbewe­gungen, die den OSM auf Kurs in Richtung Ebene 23 brachten, aber das soll hier nicht in­teressieren.

21 Da diese Ereignisse die Episoden 84-93 umfassen, hielt mich diese Schreckenswelt folge­richtig von Februar bis September 1988 im Griff. Solange dauerte es, bis ich diesen Zyklus vollendet hatte.

22 Hier sind wir jetzt in der – gleichfalls gänzlich unpublizierten – OSM-Ebene 23 „Oki Stanwer – Der Dämonenjäger“ (DDj), an der ich zwischen 1988 und 1994 arbeitete. Sie handelt im wesentlichen auf einer Erde des frühen 21. Jahrhunderts, allerdings ebenso im irdischen Mittelalter, im Tahuantinsuyu der Inka, im Innern der Matrix und im 28. Jahrhun­dert. Außerdem in einem Dritten Reich, in dem leibhaftige Totenköpfe die Totenkopf-SS der Nazis darstellen. Man merkt schon an dieser Fülle bizarrer Handlungszeiten und -orte, dass es sich um einen Multiwelten-KONFLIKT handelt. Hier wurde das neue OSM-Kon­zept geboren, und der gesamte Mythos in vielen Bereichen um 180° gedreht. Das kann man freilich erst dann in seinen fundamentalen Wirkungen würdigen, wenn man das tradi­tionelle OSM-Konzept kennengelernt hat, das sich in früheren Ebenen ausdrückt.

23 Es mag an dieser Stelle die Andeutung genügen, dass auch er nicht gebissen wurde, um zu entstehen. Aber seine Entstehungsweise ist wirklich ziemlich abenteuerlich. Sie ist dieselbe wie bei den anderen Fabelwesen auch. Beizeiten, wenn die Serie mal publiziert wird, könnt ihr das alles nachlesen.

24 Es spielt für diese Erörterung keine Rolle, aber es mag genügen, zu sagen, dass diese We­sen alle vor relativ kurzer Zeit noch normale Menschen waren. Und nein, sie sind nicht verhext, sondern einem Mutationsvirus aus dem 28. Jahrhundert zum Opfer gefallen. Da­hinter stehen der Weltkriegskonzern HTT und sein geheimnisvoller Lenker im tibetischen Lhasa. Die Geschichte soll hier und heute aber nicht erzählt werden.

25 Dies geschieht in der derzeit zeitlich letzten OSM-Ebene, an der ich arbeite, in Ebene 28 „Oki Stanwer – Der Siegeljäger“ (DSj), begonnen 1989. Auch sie ist zur Gänze nicht publiziert. Sie spielt auf der Erde im Jahre 1999, das zum Jahr des Weltuntergangs wird. Dies wird Thema des Bandes 50 mit dem Titel „MATRIXPEST“ werden. Aber wie das im OSM so üblich ist – danach geht es eigentlich erst richtig los, sowohl auf der Erde als auch jenseits davon in ganz anderen, interessanten Gefilden.

26 Ich kam von Hurmon ab, der erst jetzt, kurz vor Band 50 der Serie, wieder eine Rolle zu spielen beginnt. Allerdings glaube ich kaum, dass er angesichts der Matrixpest und des RANDES eine Chance haben wird.

27 Was ein wesentlicher, aber nicht der alleinige, Grund ist, weshalb ich nach meinem Schlussstrich unter die Perry-Rhodan-Serie mit Band 2100 (nach 20 Jahren Lesens und Sammelns) auch nicht im Traum daran denke, mit ihr wieder anzufangen – Vorausbedin­gung wäre schließlich, dass ich die Bände der „Zwischenzeit“, die mir inhaltlich überhaupt nicht zusagen würden, allesamt lesen müsste. Was ich kategorisch ablehne.

Rezensions-Blog 66: Im Todesnebel

Posted Juni 28th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wer bei der Lektüre der folgenden Rezension der Ansicht ist, sie sei doch schon „ein wenig angestaubt“, weil sie 13 Jahre auf dem Buckel hat, der hat nicht Un­recht damit. Dennoch finde ich, hat sie mit einem kleinen bisschen Kommentie­rung nach wie vor ihre Berechtigung, und der besprochene Roman gehört zu denen, die ich von Clive Cussler schon mehrmals gelesen habe.

Romane, die ich im Laufe von zwanzig Jahren mehrmals lese, haben zumeist eine ganz besonders eigenwillige Form von Flair. Das gilt für solche wunder­schönen Fantasy-Abenteuer wie Richard Adams´ „Maia“ oder eben auch für Cusslers „Hebt die TITANIC!“ – dieses Werk hier gehört in dieselbe Reihe, wie ich denke. Und es lohnt ungeachtet seines Alters eine Wiederentdeckung.

Begleitet also mich und Cusslers Helden Dirk Pitt in den Pazifik-Strudel, jenes rätselhafte Schiffsgrab und Herz einer groß angelegten Intrige:

Im Todesnebel

(OT: Pacific Vortex)

von Clive Cussler

Goldmann 8497

256 Seiten, TB

Juli 1990

Übersetzt von Hans Ewald Dede

Die Weiten des Meeres bergen bedrohliche Rätsel, und immer wieder ver­schwinden Schiffe auf Nimmerwiedersehen in ihren Tiefen. Man kennt das be­rüchtigte Bermuda-Dreieck, man hat vielleicht schon vom „Drachen-Dreieck“ vor der chinesischen Küste gehört, doch in diesem Buch ersteht ein drittes un­heimliches Seegebiet und entfaltet seine tödliche Blüte: Pacific Vortex.

Das modernste Atom-U-Boot der Welt, die Starbuck unter Kommandant Du­pree, dem zuverlässigsten und diszipliniertesten Kommandanten der US-Navy, verschwindet während einer Testfahrt im Pazifik spurlos. Sechs Monate später wird ein gelber Zylinder auf Hawaii an Land gespült. In ihm die letzten Aufzeich­nungen Duprees, ein Ausweis schieren Wahnsinns.

Der Mann, der diesen Zylinder birgt, ist tief erschüttert: Dirk Pitt, Sohn eines Se­nators, Angestellter der NUMA, der staatlichen Gesellschaft für Unterwasserfor­schung und passionierter Abenteurer. Anfangs denken sowohl er als auch der Chef der 101. Bergungsflotte, Admiral Leigh Hunter1, dass Dupree verrückt ge­worden sein muss und man das Rätsel des Verschwindens nie lösen wird.

Doch rasch geschehen seltsame Dinge:

Pitt wird in einer Bar, während er mit der Tochter des Admirals redet, von einer hinreißenden Unbekannten angesprochen, die bald darauf versucht, ihn ins Jen­seits zu befördern. Weitere Mordanschläge auf ihn werden unternommen, und Pitt beginnt zu verstehen, dass hinter dieser Angelegenheit weitaus mehr ste­cken muss.

Sein scharfer Verstand sagt ihm, dass die Nachricht gefälscht sein muss, mit der Absicht, die Suchaktion nach der Starbuck abzubrechen. Aber als er schließlich mit dem Bergungsschiff der 101. Flotte sich auf den Weg macht, um das rätsel­hafte Pacific Vortex aufzusuchen und den Schiffsfriedhof zu entdecken, den Eu­kalyptusnebel und schließlich das auf so unbegreifliche Weise untergegangene U-Boot, da befindet sich Dirk Pitt unvermittelt auf dem Weg in ein Reich der Le­genden – zur geheimnisumwitterten Insel Kanoli, deren Bewohner sich einst­mals zu Göttern erklärten und vom Zorn derselben versenkt wurden.

Hier auf Kanoli steht der Abenteurer Pitt dem unberechenbaren und genialen Delphi gegenüber. Und ihm bleiben nur noch Minuten bis zum Untergang…

Clive Cussler, ein inzwischen wallebärtiger Schriftsteller und Seebär, der viel von seiner Vita in seinen Helden Dirk Pitt gelegt hat – kein Cussler-Roman kommt ohne Pitt aus, und so gut wie nichts misslingt dem aus James-Bond-Holz ge­schnitzten Dirk Pitt: er hebt sogar die TITANIC, findet die Bibliothek von Alexan­dria und den gläsernen Sarkophag Alexanders des Großen, um nur ein paar sei­ner Erfolge zu nennen – , schrieb sich in den 70er Jahren in die Bestsellercharts, in die er heute nur noch selten gelangt. Aber damals, muss man ihm attestie­ren, verstand er es ausgezeichnet, Legende und spannende Actionromanhand­lung miteinander zu fusionieren.

Dieser Roman ist nicht sein bester, aber unzweifelhaft packend geschrieben. Im Vergleich zu späteren Werken ist er beinahe halbherzig (und auch etwa halb so dünn). Doch die Zutaten sind schon vorhanden: ein Rätsel im Prolog, in der Re­gel ein spurlos verschwundenes Schiff oder Flugzeug, Tauchexpeditionen und eine nicht selten historisch-mythologische Hinzufügung. Dazu reichlich Verbre­cher, Kämpfe, schöne Frauen, die Pitt oft ohne größere Mühe in sein Bett zie­hen kann.

Doch, Dirk Pitt und James Bond haben eine Menge gemeinsam, und das ist kein Zufall. Das Erfolgsrezept der Bond-Filme hat man hier in geschriebener Version vor sich, mit dem Unterschied, dass bis auf den Kino-Flop „Hebt die TITANIC!“ – das Buch ist ausgezeichnet – keiner der Cussler-Romane jemals erfolgreich ver­filmt worden ist. Es wäre mal einen neuen Versuch wert.2 Und wer gerne bei spannender Lektüre ohne signifikanten Tiefgang, aber manchmal durchaus mo­ralischen Überlegungen entspannen möchte, kann getrost zu den älteren Cuss­ler greifen. Bei manchen neueren rate ich eher ab. Da gibt es diesen schreckli­chen Sahara-Band… den tut euch besser nicht an. Aber sonst: auf ins Vergnü­gen!

© by Uwe Lammers, 2003

Ja, doch, das Abenteuer lohnt sich nach wie vor. Wer James Bond schätzt, zu­mal die frühen Filme mit Sean Connery, der ist hier durchaus recht am Platze und kommt auf seine Kosten.

In der kommenden Woche switchen wir zurück in die Gefilde der Science Ficti­on. Präzise: nach England ins ländliche Rutland nach einer Klimakatastrophe… ja, ihr wisst natürlich, was das bedeutet. Wir begeben uns in das zweite Abenteuer mit dem Mindstar-Veteranen Greg Mandel. Und was es genau mit dem „Mord-Paradigma“ auf sich hat, das erzähle ich euch in sieben Tagen.

Nicht verpassen, Freunde!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Inzwischen ist mir längst bekannt, dass Cussler hier seinen alten Freund Leigh Hunt ver­ewigt hat, der folgerichtig in diversen Rollen in unterschiedlichsten Romanen auftaucht. Hier ist er eben Admiral.

2 Ein weiterer Versuch wurde dann einige Jahre nach dieser Rezension gemacht… dummer­weise ausgerechnet mit dem von mir gering geschätzten „Sahara“-Roman… aber so stark verändert, dass der Erfolg nahezu unweigerlich ausbleiben musste. Ich sage dazu dann an gegebener Stelle im Rezensions-Blog noch etwas.

Liebe Freunde des OSM,

also, die gute Nachricht zuerst – ich habe die Aufgabe erledigt, die ich schon im Januar schaffen wollte. Was das bedeutet? OSM-Band 1775 ist geschrieben, der nächste so genannte „Schwellenband“. Der folgende wird Band 1800 sein, und nein, natürlich kann ich aktuell noch nicht sagen, in welchem Universum er spielt oder wer seine Protagonisten sein werden.

Die zweite gute Nachricht, denn es gibt tatsächlich deren zwei, lautet: Es war ein ausgezeichneter Monat für Blogartikel. Wenn man von einem Durchschnitts­wert von 8 ausgeht, die im allgemeinen Wochen-Blog bzw. im Rezensions-Blog erscheinen, dann war das Soll im Monat März gewissermaßen übererfüllt: Ich komme auf 16 davon.

Das waren die guten News.

Die nicht ganz so tollen haben mit der gründlichen Umstellung von vergleichs­weise viel freier Zeit (und geringem Einkommen) auf gutes Einkommen und viel fremdbestimmte Arbeitszeit zu tun. Ich kam quasi nur noch nach Hause zum Abendessen und zum Schlafen… dass man da nicht allzu viel nebenher machen kann wie etwa dem Oki Stanwer Mythos zu frönen, ist irgendwie begreiflich. Na ja, ein bisschen was habe ich aber gleichwohl dann doch geschafft, nämlich die­ses hier:

Blogartikel 169: Work in Progress, Part 39

(12Neu 34: Der Gegenschlag)

Blogartikel 174: OSM-Artikel 1 – „Eigentlich sind Vampire langweilige We­sen…“

Erläuterung: Ja, hiermit geht eine neue Subartikelreihe des Blogs los. Wie ihr ja aus dem vergangenen Monat wisst, ist die Subartikelreihe „Der OSM im Bild“ quasi eingestellt, weil „arbeitslos“, aber ich habe schon verschiedentlich er­wähnt, dass das natürlich im Umkehrschluss nicht heißt, es gäbe aus dem OSM nichts mehr zu erzählen. Weit gefehlt, meine Freunde.

In dieser Reihe stelle ich euch in sehr lockerer Folge – so etwa wie bei den Kos­mologie-Lektionen – Hintergrundartikel des OSM vor, von denen ich glaube, dass sie eurem aktuellen Kenntnisstand halbwegs angemessen sind… natürlich gehen sie darüber mitunter deutlich hinaus, aber versteht die Andeutungen dar­in, die noch schleierhaft sein mögen, einfach mal als „Appetizer“. Näheres er­lebt ihr bekanntlich in der nächsten Woche hier.

Blogartikel 175: 175 Wochen Blogartikel – eine Übersicht für meine Leser

Erläuterung: Das hier möchte ich als Serviceleistung verstanden wissen für all jene, die neu auf meine Seite kommen und sich fragen, wie man da wohl konkret durchfinden mag, wo im weiten Feld der vergangenen 175 Wochen die Subarti­kelreihen angefangen haben, wann sie erschienen sind usw. Hier habe ich mir die Mühe gemacht, das mal alles gründlich aufzudröseln, damit ihr eine Schnei­se im Dickicht der OSM-Informationen findet. In zwei Wochen seid ihr schlauer.

(Die magische Waffe – OSM-Story)

(OSM-Wiki)

Blogartikel 172: Die unheimlichen Totenköpfe

(Glossar der Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“)

(E-Book 34: Als Tiyaani noch ein Kind war…)

Blogartikel 179: Aus den Annalen der Ewigkeit – alt und neu (XII)

(Die automatische Stadt – OSM-Story)

Erläuterung: Ja, ja, ich weiß, ich habe schon viel zu oft angenommen, eine Ge­schichte sei eine „Story“, und anschließend wurde dann eine Novelle daraus oder ein Roman, an dem ich Jahre geschrieben habe… ganz gewiss kann ich das auch bei dieser Geschichte nicht ausschließen. Aber vorläufig denke ich mal, dass sie relativ kurz bleibt. Lasst euch beizeiten überraschen, ob es echt so kommt…

Blogartikel 177: Logbuch des Autors 18 – Flüchtlingsschicksale

Erläuterung: So kurios das auch klingen mag… das hat sowohl etwas mit der eben erwähnten Geschichte zu tun, in der es um Flüchtlinge geht, als auch mit der aktuell immer noch akuten „Flüchtlingskrise“. Das Thema geht natürlich auch an mir nicht spurlos vorbei, das sollte niemand glauben. Aber ich gehe da­mit ein wenig… jenseitiger um, sagen wir mal, als man das auf den ersten Blick vielleicht annimmt.

Blogartikel 183: „Was ist eigentlich der OSM?“, Teil 37

(18Neu 74: Angriff der Höllenritter)

(DSf 63: Strandgut aus der Zukunft)

Erläuterung: Ja, das ist ein ganz frisch angefangener OSM-Band, die direkte Fortsetzung von Episode 55 der Serie. Ich musste einfach ein paar Textpassagen der Planung aus dem Band 55 dorthin auslagern. Irgendwann werdet ihr mit dieser Episode ins so genannte „Saumreich“ der Talather in der Galaxis Della­noor reisen, und ich versichere euch, die Reise lohnt sich. Es kann aber sicher­lich zwei Jahre dauern, wenn ich das aktuelle Schreibtempo einhalte, ehe ich zu dieser Geschichte komme… schade eigentlich.

DSf 55: Fangstricke

Erläuterung: Und dies ist der legendäre Band 1775 des OSM, worin ein ganzes Sternenreich entdeckt wird und ihr die Bekanntschaft mit interessanten Lebens­formen aus verschiedenen Universen macht. Zartans, Allis, Yooner, Ayk… eine richtige Menagerie, kann ich versichern. Und für die beiden Hauptpersonen ist das ziemlich unschön – das sind nämlich alles Feinde…

Tanz im Smaragdwald – Gedicht

Erläuterung: Ja, das ist wieder so ein seltener Fall von OSM-Gedicht, das ich vor vielen, vielen Jahren geschrieben habe. Es skizziert erste, so später aber nicht realisierte Bilder aus früheren Episoden des KONFLIKTS 22 „Oki Stan­wer – Der Schattenfürst“ (DSf).

(14Neu 32: Die Waffenfestung)

Tja, und da war der Monat auch bereits wieder um. Ich habe ja eingangs erzählt, dass ich nicht wirklich richtig weit gekommen bin. Es sieht derzeit auch nicht wirklich danach aus, als würde es in den kommenden Monaten sehr viel besser werden. Gewisslich, mein Kontostand wird sich normalisieren, das steht zu hof­fen… aber es wird halt viel Schreibzeit auf der Strecke bleiben.

Natürlich mache ich mit den Abschriftprojekten weiter, sowohl bei den Gedich­ten als auch diversen OSM-Serien der Vergangenheit und Geschichten der Anna­len. Und ich hoffe auf eine weiterhin regelmäßige Erscheinungsfrequenz der E-Books, die sich allmählich wieder größerer Nachfrage erfreuen.

Alles Weitere schiebe ich aktuell, von den Blogartikeln mal abgesehen, die ja schon bis in die 180er-Ebene hin gediehen sind. Ich bin mal sehr neugierig, wie in ein paar Wochen der nächste Eintrag dieser Reihe lauten wird, wenn ich dann über den Monat April zu berichten habe.

In der nächsten Woche heißt es aber erst einmal: Vorhang auf zu den eigentlich geheimen OSM-Hintergrundberichten. Ich glaube, darauf könnt ihr wirklich äu­ßerst gespannt sein.

Bis dann, mit Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 65: Herr von Valusien

Posted Juni 22nd, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

vor sechs Wochen machten wir zum zweiten Mal nach Wochen-Blog 17 (22. Juli 2015) einen Ausflug in die Gedankenwelt des 1937 verstorbenen amerikani­schen Fantasy-Autors Robert E. Howard. Hier folgt nun also die Fortsetzung sei­ner hyborischen Abenteuer um den Helden Kull von Valusien. Es ist das unbe­streitbare Verdienst von Eduard Lukschandl, auch diese eher unbekannten Ge­schichten ins Bewusstsein und aus dem großen Schatten des ungleich berühm­teren Conan herausgelöst zu haben. Und wiewohl ich Howards Prosa in dieser Übersetzung durchaus sehr schätze, bin ich, wie ihr sehen werdet, von Hagio­grafie weit entfernt. Das ist mein Ding sowieso nicht.

Doch genug der Vorrede, stürzt euch ins Abenteuer hinein, meine Freunde. Auf geht’s:

Herr von Valusien

(OT: King Kull, 2. Teil)

von Robert E. Howard & Lin Carter

Terra Fantasy Band 29

Rastatt, 1976

146 Seiten, TB

Aus dem Amerikanischen von Eduard Lukschandl

Zeit seines Lebens scheint Robert Howard seinen Helden Kull von Valusien, den einstmaligen Barbaren und späteren König eines durch und durch dekadenten Imperiums, in dem viel von der mondänen Pracht des römischen Reiches durch­schimmert, gering geschätzt zu haben. Das lag zweifellos daran, dass er mit ihm nicht so erfolgreich werden konnte wie mit jener Gestalt, die er gleichsam aus Kulls Blut destillierte – Conan der Barbar, die noch heute dank zahlreichen Neu­auflagen seiner Abenteuer, Comic- und Filmadaptionen bekannt ist. Doch wie schon in der Rezension zum ersten Teil von „King Kull“ (dt. als „Kull von Atlantis“ und eben „Herr von Valusien“) gesagt, ist Kull der nachdenklichere von den beiden Charakteren. Das wird auch in den fünf bzw. sechs Geschichten dieses Bandes deutlich.

Bei „Der König und die Eiche“ handelt es sich um ein Gedicht, das 1939 post­hum veröffentlicht wurde und auch wegen des anderen Übersetzers (Ludwig Rief) etwas aus dem Rahmen der Sammlung fällt. Es liest sich fast wie eine lyri­sche Kurzfassung einer weiteren geplanten Story um Kull, was vielleicht auch die Intention war.

Jagd im Land der Schatten“ ist eine etwas abstruse Geschichte, wie ich finde, und das Ende, das Lin Carter beisteuert, macht sie nicht unbedingt besser (wie im ersten Band die von Carter beendeten Stories durchweg die schwächsten waren, da er einfach kein Gespür dafür besaß, wie man die Geschichten philo­sophisch beenden konnte. Das könnte ein Grund für die Aporie dieser Story ge­wesen sein): Lalaah, die Gräfin von Vanara lässt ihren Ehemann Ka-yanna am Tag der Hochzeit im Stich und brennt mit dem farsunischen Abenteurer Felnar durch, das wird Kull berichtet. Nun interessiert ihn das eigentlich nicht die Boh­ne – bis eine Botschaft von ihm eintrifft: „Teile dem Barbaren mit, der auf Valu­siens Thron sitzt, daß ich ihn einen Schurken, Verbrecher und Thronräuber nen­ne…“ Und er schwört, dereinst mit bewaffneter Macht zurückzukehren, um Kull zu stürzen. Von da an hat er den zornigen Monarchen auf den Fersen. Und die Jagd geht bis ins Land der Schatten am Ende der Welt…

Auch in „Herr von Valusien“ kommt die übergroße Frustration gegenüber den althergebrachten, überkommenen Traditionen zum Vorschein. Als Seno val Dor, ein junger Adeliger, Kull bittet, durch sein Wort die Heirat mit einer Sklavin zu sanktionieren. Doch das valusische Gesetz verbietet das, und Kull kann nichts tun, wie es scheint. Doch dann wird ein Mordanschlag auf den Regenten ge­plant, und ein junges Sklavenmädchen hört davon…

Verrat am König“ präsentiert dasselbe Thema in umgekehrter Reihenfolge: diesmal ist es die junge Adelstochter Nalissa bora Ballin, die den farsunischen Abenteurer Dalgar heiraten möchte. Doch ihr Vater ist strikt dagegen, und bora Ballin ist Kulls stärkste politische Stütze. So scheint diese Liebe zum Scheitern verurteilt zu sein, käme es nicht zu einer Verschwörung, die am Schluss in ei­nem Ruinenfeld blutige Ausmaße annimmt…

Die Spiegel des Tuzun Thune“ ist hingegen ein kleines, versonnenes Stück Phi­losophie und Magie zugleich. Ermattet von den Pflichten des Königtums, ha­dernd mit dem Schicksal und frustriert über den Lauf seines Lebens, sinniert Kö­nig Kull über die Gegenwart. Und da er generell grüblerisch veranlagt ist, wird er so auch anfällig für die Einflüsterung, er solle doch den Zauberer Tuzun Thu­ne aufsuchen, denn „er kennt die Geheimnisse des Lebens und des Todes, der Sterne am Himmel und der Länder unter dem Meer“.

So begibt sich denn Kull in Tuzun Thunes Haus der tausend Spiegel und macht die überraschende Entdeckung, während er vor den Spiegeln meditiert, „daß es Welten hinter den Welten gibt“… und während er dies tut, geht eine unheimli­che Veränderung mit ihm vor sich…

Epilog“ ist, wenn man so will, keine Geschichte. Es handelt sich um einen kurz­en Auszug aus Howards „Mythologie“, wie man es nennen könnte. Der Text „Das hyborische Zeitalter“ umspannt die Rahmenhandlung von Kulls und Conans Welt von der grauen Vorzeit und spannt den Bogen bis in die Zeit der menschlichen Geschichte, bis hinauf zu den Römern und Pikten. Es ist sozusa­gen die historische Erklärungsfolie, wo in der Menschheitsgeschichte das fiktive hyborische Zeitalter einzuordnen wäre.

Und bei der abschließenden Story, „Rotaths Fluch“, ist man unwillkürlich schmunzelnd geneigt, an Indiana Jones zu denken. Weshalb? Nun, als der Zau­berer Rotath stirbt, weigert er sich, ein für allemal zu vergehen. Etwas von ihm soll bestehen bleiben, und sei es auch nur sein Leib. Er verwandelt also seinen Körper, derweil Atlantis und Valusien rings um ihn in Trümmer sinken. Tausende von Jahren später findet ein Abenteurer den dschungelüberwucherten Tempel, in dem der Leichnam liegt. Was dann geschieht, sollte man lieber selbst nachle­sen…

Abgerundet wird das Buch dann durch einen ausführlichen biografisch-schrift­stellerischen Essay Eduard Lukschandls über Howards Leben und die Einflüsse, die sein Schreiben generierten. Dabei gibt es gewisse Momente des Gruselns, wenn er Howards Briefe zitiert, etwa jenes an Farnsworth Wright, den Heraus­geber von WEIRD TALES aus dem Jahre 1931. Schreibt Howard dort doch: „Hin und wieder gibt es einen, dem es zu viel wird, und der sich eine Kugel durch den Kopf jagt, aber auch das gehört wohl zum Spiel.“ Bedenkt man, dass Howard fünf Jahre später selbst diesen Weg wählt, ist Erschauern wohl eine verständliche Reaktion.

Auch sonst erfährt man hier einiges Interessante über Howard, wobei sich in mir freilich ein wenig Skepsis regte, als es hieß, Howards Ahnen, „die Ervins wa­ren ein Clan des schottischen Hochlands…“ Es ist wohl anzunehmen, dass der Clan McErvin geheißen haben dürfte, da meines Gabaldon-gestählten Wissens alle Clans des schottischen Hochlandes die Vorsilbe „Mc“ tragen. Hier wäre also ein wenig mehr Präzision und Nachhaken vonnöten.

Der wechselvolle berufliche Weg Howards dokumentiert einiges, was er auch in seinen Kull-Stories verarbeitet: die Unfähigkeit, sich anderen Menschen unter­zuordnen, sein Aufbegehren gegen bestehende Strukturen und Gesetze, kurz: gegen alles, was ihn irgendwie einschränkte. Deshalb war er auch erwartungs­gemäß weder als Privatsekretär noch als Mitarbeiter in einer Zeitung zu gebrau­chen, ebenso wenig in einem Postamt. Seiner eigenen Aussage nach verlor er diese Stellungen, „weil ich vor meinem Vorgesetzten nicht den ganzen Tag Kotaus machen und ja sagen wollte…“.

Wo Kull steinerne Gesetzestafeln Valusiens zerbricht und erbost brüllt: „Ich bin das Gesetz“, kann man sich lebhaft den temperamentvollen Robert Howard vor­stellen, der von seinen Vorgesetzten schikaniert wird und eines Tages alles ein­fach hinwirft, um seinen Traum des Schriftstellers zu leben.

Und als Nachgeborener muss man sich seufzend fragen, was dieser Mensch wohl noch alles hätte leisten können, wenn er seinem Leben nicht in abgrund­tiefer Verzweiflung im Alter von 30 Jahren durch die Kugel ein Ende gesetzt hät­te. Wahrlich, ein sprühender, temperamentvoller Geist, der schon mit 18 seine ersten Geschichten professionell zu verkaufen imstande war, hätte noch Großes leisten können. Leider werden wir davon nie erfahren, denn dies ist nicht in un­serer Welt geschehen…

© by Uwe Lammers, 2006

Auch in der kommenden Woche verlieren wir an dieser Stelle ein wenig den Bo­den unter den Füßen, selbst wenn das noch kaum zu spüren ist. Ich wandle dann wieder auf den Pfaden des Thrillerautors Clive Cussler, von dessen Wer­ken ihr an dieser Stelle noch viel lesen werdet. Auf eine durchaus interessante Weise hat er es geschafft, eine Art von Krimi-Abenteuer-Parallelwelt zu erschaf­fen – selbst wenn er mit dem Roman der nächsten Woche eher noch auf den Fährten der James Bond-Verfilmungen wandelte.

Ihr werdet es erleben, denke ich. Einfach wieder reinschauen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Wochen-Blog 172: Die unheimlichen Totenköpfe

Posted Juni 19th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wenn ich meinen Veröffentlichungsplan für das Jahr 2016 einhalten kann – es gibt da derzeit ein paar Turbulenzen, das scheint irgendwie in jedem Jahr der Fall zu sein, von einem konstanten Verlauf meiner Publikationstätigkeit kann bei meinem wechselhaften Lebenslauf zurzeit kaum die Rede sein – , also, wenn ich diesen Publikationsplan einhalten kann, dann sollte zum Zeitpunkt, wo ihr diese Zeilen lesen könnt, meine vierte Storysammlung „Als Tiyaani noch ein Kind war… Phantastische Geschichten von Uwe Lammers“ vorliegen.

In diesem E-Book könnt ihr die Bekanntschaft mit einer Spezies von Wesen ma­chen, die mir schon vor vielen Jahren verschiedentlich den Vorwurf eintrugen, der Oki Stanwer Mythos sei doch recht eigentlich nicht Science Fiction, sondern Horror.

Die Rede ist von den so genannten Totenköpfen.

Lebende Skelette, völlig fleischlos, aber dennoch nicht in ihre Einzelteile zerfal­lend, sondern zusammengehalten, so schien es mir viele Jahr lang, durch den sinistren bösen Willen TOTAMS, vollkommen gnadenlose Geschöpfe, bewaffne­te Kampfmaschinen, morbiden Terminatoren nicht unähnlich (allerdings älter als diese Filmschöpfungen; Totenköpfe tauchen schon in den 70er Jahren in er­haltenen handschriftlichen OSM-Skripten auf).

Ihr wisst, ich bin ein intuitiver Autor, das heißt, meist schreibe ich Dinge, weil ich die tiefe Überzeugung hege, ich MÜSSE so schreiben, ohne indes erklären zu können, WARUM das so ist. Das ist für viele Leser natürlich nicht sehr befriedi­gend, und die Vorstellung an ausweichende Autorenwillkür liegt da nahe. Das ist in diesem Fall allerdings verkehrt. Denn mich selbst treibt ja auch die Warum-Frage um, brennender noch als euch, weil ich sehr viel mehr Überblick über das Gesamtwerk habe. Ich erzähle euch halt nicht irgendeinen Schmu, sondern referiere gewissermaßen, hier ganz Geisteswissenschaftler, meinen ak­tuellen Forschungsstand.

So verhält es sich auch mit den Totenköpfen, zu denen ich heute ein paar einlei­tende Bemerkungen machen möchte – denn da dieses Thema im Kern zu den Kosmologie-Lektionen des OSM gehört, könnt ihr euch vorstellen, dass es dazu sehr viel zu sagen gibt und die Hintergründe komplexer sind, als ich es auf dem knappen Raum eines einteiligen Beitrages ausleuchten könnte. Wir werden uns mit diesen Wesen noch des Öfteren beschäftigen, versprochen.

Die Totenköpfe begegnen euch erstmals in der o. g. Storysammlung, in der Ge­schichte „Heimweh“. Die ist natürlich ein wenig gemein, weil ein Crossover in einen euch unbekannten Kosmos des Oki Stanwer Mythos, nämlich den KON­FLIKT 21, über den ich in der Serie „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL) schreibe. Und doppelt unfair ist es deshalb, weil die hier beschriebenen Toten­köpfe ja schon solche in einer Ausnahmesituation sind.

Der arme Oheetir-Totenkopf Shaygül etwa, die Hauptperson der Geschichte, empfindet „Heimweh“ nach seiner Welt Höolyt, und er kann sogar die Rückkehr realisieren. Die klassischen Totenköpfe sind anders gestrickt, deutlich anders – beizeiten werdet ihr sie erleben, etwa in dem Werk „DER CLOGGATH-KON­FLIKT“, mit dessen Publikation ich 2017 beginnen möchte.

Dennoch lassen Shaygüls Worte eine gewisse Hintergrundstruktur erkennen, die hier kurz umrissen werden soll und euch der Genese der Totenköpfe etwas näher bringt (noch mehr erfahrt ihr im Winter 2016 in dem sechsten „Annalen“-Band, der ja den Titel „Mein Freund, der Totenkopf“ tragen wird und eine Men­ge erhellende Information aus der Insider-Position enthält):

Voraussetzung, um ein Totenkopf zu werden, ist der Tod.

Der Protagonist – hier Shaygül – stirbt, doch seine Seele wandert sodann nicht wie erhofft in ein elysisches Jenseits, sondern wird fortgerissen und in einen Schacht aus Feuer geschleudert. So jedenfalls erlebt es Shaygül wieder und wie­der.

Das nächste, was er nach dieser Art von „Fegefeuer“ realisiert, ist, dass er in dem uniformen, knöchernen Totenkopf-Körper aus den schwarzen Kristalltoren auf TOTAM tritt und als automatischer Kampfsoldat in voller Bewaffnung in das Untotenheer eingegliedert wird, um militärischem Drill unterworfen zu werden.

Er ist von nun an Teil der LEGION, TOTAMS ewiger, scheinbar unsterblicher Ar­mee, denn nach jedem „Tod“ oder jeder Vernichtung erscheint er quasi in Null­zeit wieder – nach einem Sturz in den Feuerschacht – auf den Kriegerebenen TOTAMS durch die Kristalltore. Und mit jedem Durchgang wird er immer perfekter als Kampfmaschine gedrillt.

In „Heimweh“ schleicht sich dann das genannte Heimweh-Syndrom als Störfak­tor im Laufe der Zeit in die gedrillten Truppen ein, lässt sie ihre Autonomie und Eigenpersönlichkeit entfalten und macht sie damit letzten Endes für die Macht des Bösen zu unkalkulierbaren Risiken im Einsatz.

Das war, ihr werdet es beizeiten erleben, durchaus nicht immer so, sondern ist ein relativ singuläres Faktum für den KONFLIKT 21. In früheren Zeiten waren To­tenköpfe durchaus knallharte Befehlsempfänger, die ohne Rücksicht auf eigene Verluste ihre Ziele verfolgten – und begreiflicherweise, denn wer WEISS, dass er nur auf Zeit sterben kann und sogleich wieder in den Einsatz geht, der empfin­det aus verständlichen Gründen keine Existenzfurcht mehr, und der sprichwört­liche „Todesmut“ erhält hier eine völlig andere Qualität.

Aber es tauchen natürlich Fragen auf.

Beispielsweise: Wie kam TOTAM auf die Idee, die Totenköpfe zu entwickeln?

Das lässt sich inzwischen auch für euch Leser in Ansätzen beantworten. Ihr braucht euch nur „Annalen 1: In der Hölle“ (2013 als E-Book erschienen) anzu­sehen. Dort werdet ihr, in KONFLIKT 4, dem INSEL-Imperium, Zeugen der Germi­nierung der so genannten Alten Armee, der schrecklichen Monsterarmee, die die INSEL niederwalzt. Dies sind die Vorläufer der Totenköpfe.

Die Totenköpfe selbst tauchen nach meiner Kenntnis vor KONFLIKT 7 auf, aber da das noch ungeschriebenes Neuland ist, kann ich hierüber keine exakten Da­ten liefern. Ich weiß nur, dass die Baumeister die Hohlwelt Hyoronghilaar, den Kampfschauplatz des KONFLIKTS 7, deshalb exakt so bauen, um die Bedrohung durch die Totenköpfe auszuschalten. Das gelingt ihnen auch… aber das heißt natürlich nicht, dass TOTAM nicht darauf entsprechend reagiert.

Nächste Frage: Wie kommt es zu dem Aussehen der Totenköpfe?

Antwort: In der eben erwähnten Geschichte wird angenommen, dass die Psy­chologie des Angegriffenen wesentlichen Einfluss auf die Wahl der Physis der Totenköpfe hat. Das kann stimmen, muss aber nicht. Dass der psychologische Faktor für die Folgezeit essentiell ist, kann aber nicht geleugnet werden.

Ist es dann so, wie der arme Shaygül fürchtet, dass JEDER Tote gewissermaßen automatisch nach TOTAM gelangt und als Totenkopf wiedergeboren wird? Das kann ich inzwischen konsequent verneinen. Das ist nicht der Fall. Es gibt unter­schiedliche Versionen des Nachlebens im OSM, aber wie ihr aus früheren Blog­artikeln zu diesem Thema wisst, gibt es gerade in diesem Punkt noch einiges nachzuarbeiten und zu ergründen. Für KONFLIKT 21, um den es ja in der Story „Heimweh“ geht, kann festgehalten werden, dass dort nur relativ wenige – al­lerdings dicht besiedelte – Galaxien von dem Phänomen des Seelentransfers betroffen sind. Das hat etwas zu tun mit den so genannten „Knochenstraßen“, die im KONFLIKT 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ (FdC) erstmals anno 1984 beschrieben worden sind.

Ja, ihr seht, das Thema ist nicht gerade neu, aber es ist so knifflig, dass ich es noch lange nicht durchdrungen habe.

Und woraus mögen die Totenköpfe bestehen?, fragen sich manche Wesen im OSM. Nun, aus Knochen natürlich, könntet ihr antworten – aber mal im Ernst: wenn ein Totenkopf zerstört wird, zerfällt seine Substanz rückstandslos und ver­brennt in kaltem, schwarzem Feuer, es bleibt allenfalls eine Bodenschwärzung zurück. Sieht so der Zerfall von Knochen aus?

Antwort: Nein. Also ist der Anschein trügerisch. Totenköpfe sehen zwar aus wie lebende Skelette, aber sie sind offensichtlich keine. Und aus Knochen bestehen sie auch nicht. Was die Frage aufwirft, woraus sie dann bestehen. Auch hier wird euch, das sei angekündigt, „Annalen 6“ einer Antwort näher bringen – ei­ner so unglaublichen Antwort, dass ich sie hier und heute nicht vorwegnehmen möchte.

Über die größten Zeiträume im OSM hinweg – und wir reden hier von gut 100 Milliarden Handlungsjahren und zahlreichen verschiedenen Universen und Hun­derten oder gar Tausenden von Galaxien – tut man jedenfalls gut daran, wenn man auf TOTAMS Truppen stößt, damit zu rechnen, dass man es unweigerlich mit Totenköpfen zu tun bekommt.

Bevor den Verantwortlichen der TAA PHESKOO Oki Stanwers in KONFLIKT 21 klar wird, dass sich die Totenköpfe wegen ihres „Heimweh-Syndroms“ nun grundlegend anders als erwartet verhalten, ist der Ruf der Totenköpfe so gräss­lich in den Weiten des Oki Stanwer Mythos, dass ihre bloße Erwähnung paraly­tischen Schrecken hervorruft und Armeen und Völker in die Flucht schlägt.

Die unheimlichen Totenköpfe sind ein zentraler Schrecken des Oki Stanwer My­thos, auf die ihr bislang nur ganz selten getroffen seid. Ihr werdet das „Vergnü­gen“ wieder haben, das kann ich versichern. Und vielleicht beginnt ihr euch dann auch Fragen zu stellen über die Natur dieser rätselhaften Kreaturen. Wenn dem so sein sollte, dann willkommen an Bord, Freunde – dann seid ihr auf der Grübelebene des OSM angelangt, wo ich mich regelmäßig auch heute immer noch einfinde und knifflige Probleme wälze. Eine wunderbare Denkebe­ne, wie ich finde. Und ich würde mich freuen, wenn ihr das selbst genauso sä­het.

Für den Moment soll dies an einleitenden Grübeleien zum Thema der Toten­köpfe alles gewesen sein. Im Blogbeitrag der kommenden Woche berichte ich euch turnusmäßig, wie weit ich kreativ im Monat März 2016 im Oki Stanwer Mythos vorwärts gekommen bin.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des Oki Stanwer Mythos,

vor der Sommerpause meines Publikationsprogramms gibt es noch einmal die volle Dröhnung an kreativem Input und Lesestoff für euch. In meinem inzwi­schen 40. erscheinenden E-Book, „Als Tiyaani noch ein Kind war…“ findet ihr dieses Mal drei längere Novellen vor, von denen zwei aus verschiedenen Uni­versen des Oki Stanwer Mythos (OSM) stammen.

Ein kurzer Blick soll genügen, um euch neugierig zu machen.

In der Titelgeschichte, die im „Garten der Neeli“ spielt, inmitten der Archipel-Metropole Asmaar-Len also und im Kreise einer munteren Schar von Mädchen, führt ein unerwarteter Zwischenfall dazu, dass Neugierde auf eine alte Archipel-Legende geweckt wird. Das Mädchen Tiyaani ist die zweite Tochter der Göttin Neeli, und es gilt allgemein als die Schutzpatronin der kleinen tropischen Vögel. Doch warum ist das so? Was ist vorgefallen, dass sie zu ihrer Bestimmung fand? Lest diese Geschichte, und ihr werdet schlauer sein…

Der Platz der Steine“ spielt im KONFLIKT 19 des Oki Stanwer Mythos – ihr habt davon schon Vorgeschmäcker zu lesen bekommen in „Annalen 2: Ian und der Stein der Götter“ (2014) und in der Story „Die Intervention“. Dies hier ist die Fortsetzung des Ian-Romans. Das Mädchen Senyaali, damals gerade geboren, ist jetzt schon quirlige sieben Jahre alt und schrecklich gelangweilt. Als sie einer rätselhaften Fährte folgt, gerät sie unvermittelt in Lebensgefahr…

Heimweh“ führt euch über den zeitlichen Abstand von rund zehn Milliarden Handlungsjahren zwei Universen weiter in die Galaxien Leucienne und Bytharg. Hier stirbt auf der Welt Höolyt ein Käferwesen namens Shaygül, woraufhin sei­ne Mutter gramerfüllt den Verstand verliert. Aber das ist erst der Anfang der Story, und der Tod ist durchaus nicht das Ende, sondern der Beginn von etwas sehr viel Ungeheuerlicherem…

Gerade die letzte Geschichte ist eine gute Vorbereitung auf Dinge, die in Bälde als E-Book auf euch zukommen werden, nämlich im Winter 2016 in Gestalt des nächsten Bandes der Reihe „Aus den Annalen der Ewigkeit“. Mehr möchte ich da noch an dieser Stelle gar nicht verraten.

Ergänzt wird diese Storysammlung durch ein kombiniertes OSM-Archi­pel-Glossar, weitere Namen und Begriffe werde ich auf meine Website in die OSM-Wiki so rasch als möglich einspeisen.

Das E-Book „Als Tiyaani noch ein Kind war…“ ist ab sofort zum Preis von 3,49 Euro auf Amazon-KDP erhältlich. Der Gratisdownload ist einmalig am 22. Juni 2016 möglich.

Ich wünsche euch angenehmes Lesevergnügen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 64: Leila. Ein bosnisches Mädchen

Posted Juni 14th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

Krieg ist eine grässliche Geißel der Menschheit, das ist heutzutage in den Köp­fen der meisten klugen Menschen fest verankert. Zumal in jenen Ländern, die selbst schon seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr erlebt haben, beispielsweise in Deutschland.

Doch die Wogen des Krieges berühren uns immer wieder und spülen das menschliche Strandgut dieser Konflikte an unsere Gestade. Flüchtlinge wie jene, die aktuell aus dem Nahen Osten in großer Zahl über den Balkan nach Zentraleuropa gelangen. Opfer nicht zuletzt einer von Großmachtinteressen und Kurzsichtigkeit geleiteten Weltpolitik, die dilatorisch wirkt und zu oft denkt, was weit weg von uns geschehe, das sei irrelevant für die Gesellschaft vor Ort. Dies ist ein tragischer Irrtum. Und selbst wenn Friedensschlüsse Konflikte vor­geblich abschließen, führt dies durchaus nicht immer zu so etwas wie Gerech­tigkeit.

Es gibt so etwas wie bittere, vergiftete Friedensschlüsse, und solche histori­schen Zäsuren übersehen nur zu gern das Leid und die Schrecken, die die zivilen Opfer erlitten haben und die dann dem Vergessen anheimfallen. Ein solches Beispiel möchte ich euch mit dem nachfolgenden Buch gern vorstellen, weil ich es für sehr wichtig halte.

Folgt mir in einen Alptraum der jüngsten europäischen Geschichte:

Leila. Ein bosnisches Mädchen

Von Alexandra Cavelius

Ullstein-Buch

244 Seiten

Wie schmal ist der Grat zwischen Normalität und Monstrosität? Sehr schmal. In diesem Buch ist beides so eng miteinander verflochten, dass der Leser manch­mal an seinem Verstand zweifelt. Und wenn er die letzten Seiten hinter sich ge­bracht hat und fragt, was für Folgen sich daraus ergeben, was die Weltgemein­schaft tut, um dem Recht wieder zur Geltung zu verhelfen, der muss erschüttert erfahren, dass… dies alles vergessen worden ist. Dass man die Würde der Opfer nachträglich mit Füßen tritt und die Verbrecher belohnt.

Doch vielleicht sollte ich vorne beginnen.

Die Geschichte spielt in Europa, soweit man den Balkan dazu zählen möchte (was die Politiker heute mehrheitlich tun, manche möchten diese Länder sogar gerne in absehbarer Zeit in die Europäische Union aufnehmen, wovon ich vor­erst noch eindringlich abraten will.1 Die Gründe werden aus dem Folgenden er­sichtlich sein). Sie spielt nicht vor fünfzig oder sechzig Jahren, zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, sondern gewissermaßen „gestern“.

Das Leben der Hauptperson Leila beginnt am 17. September 1976, womit sie fast zehn Jahre jünger ist als der Rezensent. Und doch fühlt sie sich nach eige­nen Angaben „oft wie eine Großmutter“, und sie fährt fort: „Es ist lange her, dass ich als normales Mädchen ein normales Leben geführt habe. Meine Ver­gangenheit sieht man mir nicht an. Manche Leute behaupten sogar, dass ich schön wie Schneewittchen sei. Weiße Haut, schwarze Haare und Augen wie Kohle. Groß und schlank. Wie oft habe ich mir gewünscht, hässlich zu sein. Viel­leicht wäre mir manches erspart geblieben…“

Kryptische Worte zu Beginn?

Nicht mehr lange.

Leila wird in eine muslimische Familie in Bosnien hineingeboren, doch ihre Mut­ter flüchtet noch, als Leila ein relativ kleines Kind ist, vor ihrem brutalen Mann zu einem befreundeten Kroaten, den sie später heiratet. Das schockiert zwar die konservativen muslimischen Kreise, allerdings nur im Heimatdorf. In größe­ren Städten sind gemischte Ehen völlig normal.

Bis zum Jahre 1992.

In diesem Jahr beginnt der von Slobodan Milosevic angezettelte Krieg im einsti­gen Jugoslawien, ursprünglich der Kampf um serbische Hegemonie, doch das gerät rasch außer Kontrolle. Die seit Jahrzehnten von der kommunistischen Par­tei zusammengehaltenen Völkerschaften des Vielvölkerstaates entwickeln sich auseinander, Nationalismus grassiert, Nationalstolz wuchert aus dem Boden wie ein ungesunder Pilz.

Aus all dem macht sich Leila nichts, die sich in all ihrer Eitelkeit und Leichtlebig­keit ein Leben als künftiger Star vorstellt. Vielleicht, so denkt sie, geht sie zum Theater, wird Mannequin, Schauspielerin, Sängerin… sie schwärmt für Madon­na, Michael Jackson und westliche Popmusik, trägt moderne Mode und interes­siert sich nicht im Mindesten dafür, ob jemand ihrer Nachbarn Serbe, Kroate, Bosniake oder Moslem ist. Der Krieg ist etwas Fernes, Seltsames, er geht sie nichts an. Sie leben doch völlig normal in B. 2, nicht wahr? Der Krieg ist sicher nur von kurzer Dauer, er geht vorüber, solche Zeiten sind doch längst vorbei…

Aber sie irrt sich.

Seit September 1991 hält sich Leila in der Stadt K. auf, um vier Jahre Mittelschu­le zu absolvieren. Dort feiert Leila auch ihren 15. Geburtstag. Es ist der letzte, den man normal nennen kann. Der letzte für lange Zeit, an den sie überhaupt DENKT.

In K. gefällt es ihr ausgezeichnet, die Verwandten dort sind sympathisch, doch der Krieg holt sie hier furchtbar schnell ein. Ihre Nachbarstadt Bihać wird bom­bardiert und eingekesselt. Und dann gerät die Stadt K. unter Beschuss. Das ist jedoch nicht das Schlimmste: der Krieg in den Köpfen ist viel entsetzlicher – auf einmal konvertieren selbst Leilas Mitschülerinnen zu fanatischen Serbenhassern und werden von dem Sog der Ideologie völlig vereinnahmt.

Leila versteht noch immer nicht. Sie ist so naiv, wie jeder von uns es wäre.

Als die Angriffe vorübergehend eingestellt werden, kommt aus der Nachbar­stadt Velika Kladuša ihre Tante Nermana vorbei, eine rund dreißigjährige Frau, die Leila einlädt, doch mal bei ihr vorbeizuschauen. Arglos, wie das Mädchen ist, willigt es ein.

Während Leila sich bei der Tante befindet, setzen die Kämpfe wieder ein. Sie sitzt bei ihr fest. Und dann werden sie beide bei einer Polizeidurchsuchung aus der Wohnung gezerrt und ins Polizeirevier geschleppt – wo Nermana jählings behauptet, Leila nicht zu kennen. Während Nermana kurze Zeit später wieder zurückkehren kann, wird Leila verhört und schließlich beschuldigt, eine Spionin zu sein. Ehe sie versteht, was passiert, schlägt diese Ungeheuerlichkeit in bruta­le Gewalt um:

Als mich der Polizist über die Türschwelle schob, fragte ein fetter Wächter: ‚Warum ist die denn hier?‘… Der Polizist antwortete: ‚Das ist eine Spionin.‘ Mit voller Wucht schlug mir der Fettsack ins Gesicht. Dann packte er mich an mei­nen langen Haaren und schlug meinen Kopf mehrmals an einen eisernen Ofen. Danach spürte ich nichts mehr…“

Und das ist erst der Anfang.

Wenig später findet sich die nur noch spärlich bekleidete Leila in der so genann­ten „Putenfarm“ wieder, einem von Paramilitärs eingerichteten Konzentrations­lager in einer alten, stillgelegten Lagerhalle, die einst für Geflügelzucht diente. Hier werden viele Frauen und Mädchen unter erbärmlichen Umständen festge­halten, äußerst kärglich verpflegt, schikaniert und… vergewaltigt.

Leila befindet sich, ohne dass irgendwer davon weiß, in einem der berüchtigten Vergewaltigungslager der Serben3, und hier verliert sie ihre Unschuld unter den brutalen Wächtern, die sich einen zynischen Spaß daraus machen, ihre Opfer zu foltern und zu quälen. Wie ihre hohlwangigen, teilnahmslosen Gefährtinnen stumpft Leila schnell ab und hofft bald nur noch, dass dieser Alptraum irgend­wann ein Ende hat. Ja, sie sehnt sich sogar herbei, dass man sie endlich auf den Hof hinauszitiert, wo die Soldaten „Russisches Roulette“ mit ihren verzweifelten Opfern spielen (wobei manche wirklich durch Kopfschüsse ums Leben kommen; andere Mithäftlinge verschwinden spurlos).

Als Velika Kladuša drei Jahre später, im August 1995, befreit wird, fragen Leilas Verwandte natürlich voller Angst sofort nach, was denn aus Leila geworden ist. Aber Nermana behauptet, sie sei niemals bei ihr angekommen, sondern auf dem Weg entführt worden. Niemand glaubt das, aber das Gegenteil lässt sich nicht beweisen: wie so viele Menschen ist Leila in den blutigen Wirren des Bür­gerkrieges spurlos verschwunden.

Für ihren Verrat wird Nermana niemals belangt werden.

Was aber geschah mit Leila?

Sie blieb vier lange, schreckliche Monate auf der Putenfarm und hoffte immer­zu darauf, dass sie in die Freiheit zurückkehren könne, glaubte noch immer an eine bizarre Form von Justizirrtum. Als schließlich der oberste Lagerkomman­dant Iuvuz Begić anreist, nimmt sie an, das Schicksal werde sich bessern. Sie wird „zum Verhör“ auf die schwarze Festung mitgenommen, doch die Freund­lichkeit ihr gegenüber ist nur vorgetäuscht.

Anstatt in die Freiheit zu gelangen, wird Leila von neuem vergewaltigt und als private Gefangene gehalten. Und am fünften Tag kommt Begić zu ihr und sagt: „Es tut mir leid, Leila, aber ich muss dich umbringen.“

Der Tod wäre ein Geschenk für Leila gewesen, ohne Zweifel. Aber das Schicksal ist manchmal ein grausamer Weggenosse – sie wird nicht getötet. Stattdessen verschachert Begić sie für zwei Stangen Zigaretten an die Schwarze Legion, und in den folgenden Monaten wandert Leila gezwungenermaßen durch die Betten vieler Soldaten und durch zwei Bordelle. Sie gibt zu, dass sie sich bis heute an diese Monate nicht mehr klar erinnern kann: „Mir fehlen ganze Stücke. Oft wer­fe ich alles durcheinander. Mich würgt die Erinnerung. In dieser Zeit habe ich nicht mehr gehofft und nicht mehr phantasiert. Diese Kerle hatten meine Seele zerstückelt…“

Während all dieser Zeit – und das kommt gut in den ständig eingestreuten (und manchmal durch Druckfehler falsch datierten) Tagebucheinträgen ihrer Mutter zum Vorschein – versucht die Mutter, ihre Lieblingstochter Leila zu finden. Sie bangt um sie, und die Sorge macht sie jeden Tag kränker. Während sie evakuiert wird, ihr Mann die Arbeitsstelle verliert, während sie aufgrund ihrer gemischt konfessionellen Familie Probleme mit der Rationszuteilung hat, ist und bleibt Leila verschwunden, als hätte der Erdboden sie verschlungen.

Leila geht unterdessen durch ihre ganz eigene Hölle, durch die Schattenwelt hinter den Linien des Krieges, von der man normalerweise nichts zu sehen und zu hören bekommt. Sie wandert als Sklavin, als Eigentum, als Armeehure durch die Ortschaften und Städte. Sie verliert jede Vorstellung für die Zeit, jeder Tag scheint gleich zu sein, ein elendes Vegetieren, ein stumpfsinniges Existieren ein­fach nur für die Lust der Männer. Und schließlich, vermutlich im April 1994, als Leilas Alptraum schon rund zwei Jahre währt, macht sich die Armeeeinheit, in der sie „dient“, auf den Weg „nach Hause – nach Kladuša“. Dorthin darf Leila nicht mit, schließlich könnte sie ja, vielleicht, irgendwann über das reden, was man ihr angetan hat. Also beschließen die Soldaten, sie zu erschießen und im Wald zu verscharren.

Vielleicht wäre auch das eine Gnade gewesen.

Doch der Soldat, der das tun soll, macht etwas anderes. Er rettet sie und ist un­gewöhnlich fürsorglich. Statt Leila zu töten, nimmt er sie mit zu sich – auf eine serbische Polizeistation. „Er grüßte die Soldaten, die am Tisch fläzten“, erzählt Leila. „Sie glotzten mich an, als käme ich von einem fremden Planeten. Ein bar­füßiges und verdrecktes Skelett in Uniform stand vor ihnen…“

Auf eine schreckliche, entmenschlichte Weise ist sie erwachsen geworden, bis zum Scheitel angefüllt mit Selbsthass, grauenerfüllt von ihrem Spiegelbild. Das könne sie nicht sein, redet sie sich ungläubig und schockiert ein, nicht dieses Wrack…

Leila will eigentlich nur noch, dass alles endlich zu Ende geht, aber sie ist noch lange nicht dort angekommen, wo ihr Leidensweg schließlich aufhören wird. Bis dahin kommt noch der Irrweg in die serbische Feldküche, durch die Frontlinien, der Marsch tief nach Serbien hinein… ja, und dann ist da schließlich noch Rat­ko, durch deren Bekanntschaft sich ihr Leben auf eine ganz eigenwillige Weise wandelt. Doch ob man das Glück nennen mag…

Das Leben meint es nicht gut mit Leila, so oder so betrachtet. Und ihre Seele hat bis heute keine Ruhe, selbst wenn sie es geschafft haben sollte, im Jahre 2000 vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auszusagen, doch das ist fraglich…4

Das Abkommen von Dayton schuf im Jahre 1995 die Grundlagen für einen fragi­len Frieden im ehemaligen Jugoslawien. Slowenien, das wohl vom Krieg am we­nigsten berührte Land, wurde 2004 in die Europäische Union aufgenommen, Bosnien, Kroatien und Serbien bemühen sich darum, ebenfalls in diese Gemein­schaft zu gelangen. Viele Menschen, die aus berechtigten Gründen heraus aus Jugoslawien geflohen waren und Zuflucht beispielsweise in Deutschland such­ten, sind in den vergangenen zehn Jahren repatriiert worden, viele zwangswei­se. Die Begründung lautete leider immer sehr ähnlich: es herrsche Frieden in ih­rer Heimat, der Krieg wäre vorbei, der Ausbruch neuer Gewalttätigkeiten sei nicht zu erwarten. Also bestehe kein Grund mehr dafür, die Flüchtlinge in Deutschland zu halten, wo sie (was man so laut nicht sagte) nur dem Steuerzah­ler auf der Tasche lägen.

Doch was erwartet die Rückkehrer? Und was erwartet jene, die durch die Bür­gerkriegswirren hindurch daheim blieben – was immer „daheim“ heute heißen mag (auch davon erzählt Leilas Mutter, sie selbst erst recht)? Die Arbeitslosen­quote ist erschreckend hoch. In Bosnien und Serbien, so schrieb es einmal die ZEIT, erhalten ausschließlich jene Männer Arbeit, die „im Krieg“ waren. Diejeni­gen, die sich dem Kriegsdienst verweigerten, und sei es aus moralischen Grün­den heraus, die Menschen also, die sich weigerten, das Hab und Gut fremder Leute zu verwüsten, die sich weigerten, Menschen abzuschlachten, die nur fälschlich die verkehrten Namen oder die falsche Religion besaßen, jene Män­ner also, die sich weigerten, Mädchen und Frauen – wie Leila – in Vergewalti­gungslager einzusperren (die durchaus übrigens nicht nur auf der serbischen Seite bestanden, was gerne verschwiegen wird) und dort monatelang zu miss­brauchen… diese anständigen Männer werden nun bestraft.

Ist das eine Form von Moral? Wer im Krieg amoralisch wird und mit den Wölfen heult, wird nachträglich von den Siegern dafür belohnt, dass er mordete, be­trog, vergewaltigte und zerstörte? Und die, die anständig blieben, werden be­straft? Im Krieg und nach dem Krieg?

Der gesunde Menschenverstand sträubt sich dagegen, das zu glauben. Doch im einstigen Jugoslawien ist dieses Unrecht an der Tagesordnung. Niemand geht dagegen vor, denn die heutigen Gesetzgeber waren vor zwölf Jahren selbst Tä­ter. Ein Schweigekartell verhindert die Aufarbeitung des Krieges. Weil man nur verlieren könnte.

Doch was ist mit Leila?

Sie kehrte aus dem Krieg mühsam zurück, an der Seite eines ihren Eltern frem­den Mannes, mit einem kleinen Kind, doch ihre Seele ist noch immer brandzer­narbt, wund und wird womöglich nie wieder völlig heilen. Von ihren Vergewalti­gern ist niemand gefasst und verurteilt worden. Von den Mördern ihrer Mithäftlinge in der Putenfarm und den Bordellen ist, soweit bekannt, niemand jemals belangt worden. Viele von ihnen leben als „anständige Bürger“ in jenen Städten, die sie plündern geholfen haben, deren Bewohnerinnen sie miss­braucht und ermordet haben, und aus schierer Angst heraus wagt es kaum je­mand, etwas zu sagen. Heute spielen sie „anständige Nachbarn“ ihrer Opfer.

Um in Den Haag aussagen zu können, muss man Geld und gute Kontakte besit­zen, man muss imstande sein, den psychischen Alptraum, der jedes Wort in der Kehle ersterben lässt, noch einmal zu durchleben. Viele Frauen sind dazu außer­stande, haben keine Kraft mehr, hassen ihren Körper und vielleicht auch jene Kinder, die auszutragen sie gezwungen wurden. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, gibt es auch viele in ihren eigenen Volksgruppen und eigenen Familien, die ihnen offen vorwerfen, sie hätten das doch bereitwillig getan, sei­en gerne zu Huren geworden. Oder wenn nicht das, so werden sie in Schimpf und Schande gemieden und aus der Gesellschaft ausgestoßen, wo sie doch der Fürsorge und des Mitgefühls viel eher bedürfen! Wen wundert es, dass viele dieser Frauen sich inzwischen umgebracht haben, weil sie es nicht ertragen konnten, ausgestoßen worden zu sein, weil sie arglos Opfer fremder Gewalt wurden?

Redet hier irgendwer von Gerechtigkeit?

Ja, es ist ohne Zweifel wichtig, sich an die Opfer des Holocaust vor sechzig Jah­ren zu erinnern, an die ausgemergelten KZ-Opfer, die dieses Grauen überlebten. Doch es scheint viel wichtiger und bedeutsamer zu sein, dieselbe Aufmerksam­keit auch jenen TAUSENDEN und ZEHNTAUSENDEN von Männern und Frauen entgegenzubringen, die vor nicht einmal fünfzehn Jahren Opfer bestialischer Gewalt wurden und deren Peiniger bis heute nahezu alle auf freiem Fuß sind und sich ungeachtet ihrer Taten einer geradezu höhnisch zu nennenden Ge­sundheit und Hofierung erfreuen. Es scheint, als habe man aus der Behandlung Nazideutschlands nichts gelernt. Wie hätten wir denn reagiert, wenn die Alliier­ten alle Nazigrößen wieder freigelassen und sogar in die Ämter zurückbefördert hätten? Mit Gleichmut? Oder mit Empörung und Hysterie?

So etwas geschah auf dem Balkan, vor gut zehn Jahren, vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Es geschieht noch immer.

Konzentrationslager gab es nicht nur in Deutschland, es gab sie nicht nur vor sechzig Jahren, sondern sie existierten auch in Bosnien, in Serbien und in Kroatien. Wie es falsch ist, nur auf die Serben und Slobodan Milosevic einzuprügeln, so falsch ist es, den jeweils anderen Kriegsparteien eine weiße Weste zu attes­tieren. Wie es die Autorin und freie Journalistin Alexandra Cavelius, die Leilas Geschichte wiedergibt, gegen Schluss richtig festhält: „Das Schicksal dieses jun­gen Mädchens spiegelte den ganzen Wahnsinn des Krieges auf dem Balkan wi­der. Feindbilder verschwanden. Alle waren schuldig. Egal, ob Moslems, Serben oder Kroaten. Doch unter den Bösen gab es immer auch Gute.“

Das Leben zeigt sich beharrlich resistent gegen vereinfachende Vorurteile und nationalistische Ideologien. Das Schicksal Leilas und ihres serbischen Lebensret­ters Ratko zeigt das nachdrücklich.

Natürlich, und das sei als Problem dieses Buches nicht verschwiegen, muss man vorsichtig sein, was den Glauben angeht. Leila – und Cavelius – sagen überein­stimmend, dass die Erinnerungen schwankend, manchmal nicht vorhanden sind. Dass vieles durcheinandergeht und es durchaus sein kann, dass Leila Dinge mit ihrer Lebensgeschichte vermengt hat, die nicht Teil davon waren. Gleichzei­tig scheint aber ebenso klar, dass vieles nicht erzählt wurde, vielleicht nicht er­zählt werden konnte, dass die Demütigungen und Qualen jedes vorstellbare Maß übersteigen. Die ganze Wahrheit ist vermutlich so schlimm, dass Leila sie bei klarem Verstand nicht ertrüge.

Leila, das fünfzehnjährige Mädchen, das in dem Sumpf des Krieges beinahe un­terging, kehrte als zwanzigjährige, junge Mutter zurück, einen Meter achtzig groß, aber nur 42 Kilogramm schwer, ungeachtet ihrer Eingangsworte für immer vom Krieg gezeichnet. Und, vergessen wir das nicht, sie hatte GLÜCK. Die weitaus meisten Frauen im jugoslawischen Vielvölkerkrieg hatten das nicht, von den meisten hat man nie wieder etwas gehört.

Sind die Mörder von Srebrenica jemals belangt worden? Sind die Massenverge­waltiger in den jugoslawischen Teilrepubliken je vor Gericht gestellt worden? Zehntausende oder gar Hunderttausende haben sich an diesen Verbrechen beteiligt. Kann man zulassen, dass diese Menschen unbehelligt weiterleben, zum Teil Seite an Seite mit ihren Opfern?

Wer garantiert, dass es nicht wieder beginnt? Heute oder morgen?

Wenn die Gerechtigkeit, wie immer man sie definieren mag, nicht zumindest ein Stück weit durchgesetzt wird (und damit ist nicht nur die oberste Führungs­ebene gemeint), dann schwelt die Saat der blutigen Ideologie weiter und immer weiter.

Der Balkan bleibt unter diesen Bedingungen ein Pulverfass. Die Ermordung mancher Kriegstreiber wie des berüchtigten Arkan helfen da nur bedingt weiter. Es bedarf grundlegenderer Klärungsprozesse und umfassender gerichtlicher Vergeltungsmaßnahmen zugunsten der Opfer.

Und die Schuld gegenüber den weiterlebenden Opfern tragen auch wir Europä­er. Es wird Zeit, dass wir diesen Krieg dem Vergessen entreißen und zur Hilfe schreiten.

Leila und ihre Gefährtinnen würden es uns danken.

© by Uwe Lammers, 2005

Harter Stoff, meine Freunde? Ja, selbstverständlich. Aber ich bin der Auffas­sung, dass es auch Bücher wie dieses, die den Leser – gleich mir – zutiefst er­schüttert und fassungslos zurücklassen und leider keineswegs in den Raum der reinen Fiktionalität projiziert werden können, es absolut wert sind, dem Verges­sen entrissen zu werden. Geschichte fand nicht nur in zurückliegenden Jahrhun­derten statt, sie ist auch Teil unserer Gegenwart, und wie ich oben schon beton­te: so wichtig es ist, an die Opfer der fernen Vergangenheit zu denken, so darf uns das nicht blind für die Schrecken der Gegenwart machen.

Ich halte dieses Buch für eine wichtige Schrift, und ich traue es euch zu, diese Rezension ebenso durchzustehen wie das Buch selbst, das es wahrscheinlich nur noch antiquarisch gibt.

In der kommenden Woche mache ich dann wieder deutlich weniger Worte, und dann begeben wir uns zurück in die Welten des amerikanischen Fantasy-Autors Robert E. Howard. Schaut einfach wieder rein, Freunde.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Man merkt an dieser Stelle, dass die historische Wirklichkeit die Aktualität der Rezension überholt hat: Während Slowenien schon am 1. Mai 2004 Teil der Europäischen Union wur­de, ist dies Kroatien erst am 1. Juli 2013 gelungen. Bosnien, Serbien und Montenegro sind seit 2010, 2012 bzw. 2008 Beitrittskandidaten, das Beitrittsverfahren ist aber m. W noch nicht sehr weit gediehen.

2 Nahezu alle Ortsnamen und auch viele Personennamen sind geändert bzw. gekürzt. Wer das Buch liest, wird das rasch verstehen, wenngleich das vom historischen Standpunkt aus betrachtet auch bedauerlich ist.

3 Wer sich einen kleinen Eindruck davon verschaffen möchte, wie Frauenrechtsorganisatio­nen schon im November 1993, als also dieses Grauen gerade erst begonnen hatte, schon auf dieses Problem aufmerksam machten, halte sich an Alexandra Stiglmayer (Hg.): „Mas­senvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen“, Fischer 12175, November 1993. Die Aufsatz­sammlung sensibilisiert auf erschütternde Weise für dieses Thema.

4 Wer das Nachwort gelesen hat, wird das verstehen, es soll hier nicht vorweggenommen werden.

Liebe Freunde meiner E-Books,

nicht verdutzt sein – zwar begann im vergangenen Monat mit dem Band 16 der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI), also dem E-Book „Abenteu­rerherz“, ein Vierteiler der OSM-Serie, und natürlich erwartet ihr jetzt den zweiten Teil… stattdessen kommt also ein „Annalen“-Roman. Aber wie ihr schon dem Titel „Heiligtum der Shonta“ entnehmen könnt, bleiben wir ganz in derselben Welt, in der gleichen Zeit und am identischen Ort.

Was anders ist, ihr werdet es beim Reinlesen schnell entdecken, ist die Perspek­tive. Während der Shonta-Vierteiler mehrheitlich aus der Shonta-Perspektive er­zählt wird, habt ihr es nun mit dem Innenblick der „Göttin“ zu tun, von der der junge Shonta Abenteurerherz bislang so geschwärmt hat.

Eine alte Bekannte ist dies zudem, wie ihr feststellen könnt.

In gewisser Weise überschneiden sich „Annalen“ 4 und sowohl TI 16 als auch TI 17… aber ich würde sagen, und da gehe ich durchaus mit manchen Lesern, die dieses Werk schon bei der Erstveröffentlichung auf Amazon durchgeschmökert haben, die Perspektive in diesem Roman gibt euch einen gewissen Mehrwert an Informationen, die den Lesern, die sich ausschließlich auf die Serie konzentrie­ren, langfristig fehlen wird.

Es ist also durchaus lohnend, auch diese Geschichte ergänzend zu lesen… nein, natürlich kein zwingendes „Muss“. Wer gern die „Annalen“-Bände links liegen lässt, der wird sich eben noch ein paar Wochen zu gedulden haben, ehe die Serie weitergeht.

Alle aber, die nun neugierig geworden sind, empfehle ich guten Gewissens die Lektüre von „Heiligtum der Shonta“. Der Roman ist ab sofort im EPUB-For­mat zum Preis von 3,49 Euro auf www.beam-ebooks.de erhältlich.

Ich wünsche euch eine angenehme Lektüre!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.