Liebe Freunde des OSM,

ja, er ist unbequem. Er ist laut. Er ist durchaus hässlich anzuschauen, wenn man von der reinen Physis ausgeht, und sein Nachdruck in den Anliegen, die er ver­folgt, sind unendlich nervig. Der Mann polarisiert, und durchaus mit Recht – ein amerikanischer Filmemacher namens Michael Moore, um den es seit dem Ende der Regierungszeit von George W. Bush jr. stiller geworden ist (was nicht bedeu­tet, dass er nicht immer noch da draußen ist und provokative Filme zu provo­kanten Themen macht… tut er durchaus1).

Ich mache jedoch keinen Hehl daraus, dass ich den Kerl durchaus bewundere. Er ist ein Stehaufmännchen, das ständig und mitunter ziemlich mühsam gegen den Strom schwimmt… und ja, er schreibt höchst unterhaltsame Bücher. Da wir uns hier in einem ausgesprochen Buchblog befinden, war es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis ich auf Michael Moore zu sprechen kommen MUSSTE.

Wie, ihr meint, ich habe doch schon mal etwas zu ihm gebracht?2 Stimmt natür­lich… aber das ist doch schon soo lange her. Und manch einer von euch ist viel­leicht erst nach 2016 auf meinen Blog gestoßen. Außerdem sprang ich da ge­wissermaßen mitten rein in das Phänomen Moore in seiner Blütezeit.

Aber wie konnte so ein Rebell und ruppiger Kerl mit Ellenbogenmanieren über­haupt hochkommen? Wie gelang es ihm, ein breiteres Publikum zu erobern? War er am Anfang vielleicht charmanter und wurde erst später so derbe und provokant? Nein, durchaus nicht.

Seine Story begann mit einem kleinen Dokumentarfilm über seine Heimatstadt Flint in Michigan, und dann kam er wie die Jungfrau zum Kinde auf obskure Weise dazu, eine Fernsehserie zu drehen. Eben „Adventures In A TV Nation“.

Das klingt seltsam? Das ist seltsam. Ich habe es anno 2005 mit einem Märchen verglichen, und möglicherweise pflichtet ihr mir darin in Maßen bei, wenn ihr weiter lest. Denn so begann das „Phänomen Michael Moore“, genau so:

Hurra Amerika!

Adventures In A TV Nation“

von Michael Moore & Kathleen Glynn

Piper Hardcover 2004

320 Seiten, 17.90 Euro

Manchmal gibt es Märchen, die Wirklichkeit werden.

Ja, ja, ich weiß, das ist extrem selten, auch bei uns Phantasten von Natur aus. Aber genau deshalb scheint es sinnvoll, solche wahren Märchen einmal zu er­zählen, zumal dann, wenn sie in so gut dokumentierter Form und überaus un­terhaltsam geschrieben vorliegen. Lauscht also einfach.

Es war einmal ein fünfunddreißigjähriger Lokalpatriot, der ganz versessen dar­auf war, den Leuten ein wenig satirisch vorzuführen, was General Motors aus seiner Heimatstadt Flint in den USA gemacht hatte. Dadurch entstand der klei­ne Film „Roger & Me“. Ein typischer Low-Budget-Film.

Die Geschichte endete damit, dass der Film auf einem Filmfestival gezeigt wur­de, wodurch der Kinogigant Warner Bros. darauf aufmerksam wurde – und schließlich konnte man ihn in 2000 Kinos landesweit sehen. Der Film wurde 1989 ein ganz erstaunlicher kommerzieller Erfolg und machte den Macher und sein Team in den ganzen USA bekannt.

Der Mann hieß Michael Moore.

Aufgehorcht? Ja, aber das war erst der Beginn des Märchens.

Durch den Erfolg kam das Angebot von Warner Bros., doch eine Fernsehserie zu konzipieren… Sprang Michael Moore an die Decke vor Freude? Nein. Seine Re­aktion sah wie folgt aus: „Wir dachten: ‚Fernsehen? Was sollen wir beim Fernse­hen?‘ Wir wollten Filme drehen! Das Gespräch fand nie statt.“

Doch Dokumentarfilmer hatten es schwer in den USA, auch schon zu jener Zeit. Zumal das nächste Projekt, das Moore plante, „Canadian Bacon“ hieß – eine Farce über den Golfkrieg. Unverkäuflich. Schlimmer noch: unfinanzierbar. Das Thema war einfach zu heiß. Bis November 1992 saßen sie perspektivlos da und besaßen nicht einen Cent, um diesen verdammten Film zu drehen. Und dann rief die Fernsehgesellschaft NBC unvermittelt in Mikes Hotelzimmer an, teilte ihm mit, „Roger & Me“ hätte ihnen gefallen, und ob er vielleicht Ideen für eine Fernsehserie hätte.

Er hatte keine, erzählte aber das Gegenteil. Und hatte für den gleichen Nach­mittag einen Termin mit dem Präsidenten der NBC-Unterhaltungsabteilung.

Begeisterung?

Nein, verdammt! Er wollte Dokumentarfilme drehen, nicht eine verfluchte Fern­sehserie! Also dachte er sich mit seinen Crewkollegen im Schnellgang das Skript für eine Serie aus, die der Sender niemals im Leben bringen konnte. Eine Sen­dung, in der sie öffentlich Beichten bei der katholischen Kirche (und deren Stra­fen) vergleichen wollten. Sie wollten die Werbekunden von NBC aufs Korn neh­men und bis aufs Blut reizen… und so weiter.

NBC war begeistert.

Als Moores Leute aus der Verhandlung herausgingen, hatten sie die Zusage für eine Million Dollar und den Kontrakt, sechs Folgen einer Fernsehserie zu schaf­fen, die „TV NATION“ heißen würde.

Sie waren alle völlig platt: „Wir waren wie betäubt. Zwei Jahre lang hatten wir erfolglos versucht, einen Produzenten für einen Film zu finden, und jetzt krieg­ten wir in Burbank binnen fünfzehn Minuten eine Million Dollar, um eine Fern­seh-Show für die Hauptsendezeit zu produzieren. Wir waren wirklich in einem ganz absonderlichen Geschäft!“

Und das war erst der Anfang.

TV NATION ging am 19. Juli 1994 an den Start und endete nach 17 Folgen beim Sender FOX am 8. September 1995. Nein, entgegen den landläufigen Vermutun­gen wurde die Reihe nicht gestrichen oder aus dem Programm genommen, weil sie zu subversiv war (obwohl sie das unzweifelhaft war!), es lag auch durchaus nicht an den Einschaltquoten (die insbesondere dann, wenn „Crackers, das Wirtschaftskriminalitäts-Bekämpfungshuhn“ kam, bei Kindern und Jugendlichen wahnsinnig hoch lag). Es lag an… ach nein, das verrate ich besser nicht, das sollte man lesen.

TV NATION, von der hier leider lange nicht alle Beiträge dokumentiert und dar­gestellt sind, brachte eine Reihe total schriller und wilder, ja, phantastischer Re­portagen, die sowohl die Ungläubigkeit des Lesers als auch dessen Zwerchfell wiederholt auf die Probe stellen. Ein paar Beispiele gefällig?

  • Der Ku-Klux-Klan und die Rechtsradikalen der Aryan Nation sind unter den Normalbürgern innerhalb der USA zu Recht verhasst. Michael Moore fand, sie bräuchten mal einen Liebesbeweis, damit sie merkten, dass es auch US-Bürger gäbe, die sie mit Liebe von ihrem Hass heilen könnten. Wie ginge das besser, als einen multirassischen Chor zusammenzustellen und Liebesgesän­ge bei Klantreffen in Szene zu setzen und zu filmen…?

  • Dass die öffentlichen Strände der USA der Allgemeinheit zugänglich sein müssen, hatte sich offensichtlich nicht bis Greenwich/Connecticut herumge­sprochen, wo die Stadt einen weitläufigen Strandabschnitt nur mit einer speziellen Strandausweiskarte betreten lässt. Michael Moore beschloss, den D-Day der Normandie (1944) zu imitieren und startete die Invasion des Strandes von Greenwich…

  • Dass Schwarze überproportional oft von der Polizei in den Staaten angehal­ten und erniedrigt, verdächtig oder misshandelt werden, ist allgemein be­kannt. Es liegt natürlich daran, dass Schwarze grundsätzlich Verbrecher sind. Einen, den es besonders hart getroffen hatte, war Brian Anthony Harris, der solch eine Behandlung zu Unrecht schon Dutzende von Malen über sich hat­te ergehen lassen müssen. Moores Crew beschloss, ihm mit einer besonde­ren „Anti-Fahndungs“-Aktion zu helfen…

  • Erst im Jahre 1995, also nach 130 (!) Jahren, war der Bundesstaat Mississippi bereit, den 13. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung zu ratifizieren, jenen Artikel also, der die Sklaverei verbot. Warum war das wohl so? Und konnte man vielleicht kurz vor Abschaffung der Sklaverei noch mal rasch in Mississippi ein paar Sklaven kaufen? Michael Moore setzte eine Annonce in die Zeitung und ließ ein paar weiße Sklaven von einem schwarzen Sklaven­halter erwerben…

  • Rache am Chef üben für unzumutbare Arbeitszustände, für Schikanen und Ausnutzung? Rechtlich kaum einklagbar in einem Land, in dem eine „Hire- & Fire“-Mentalität herrscht. Aber unmöglich? Nein, sagte sich Michael Moore und startete eine Umfrage zum Thema Betriebssabotage. Unglaubliche Din­ge kamen ans Tageslicht. Eines davon war das Bekenntnis eines Disney-Mitarbeiters, der eines Tages einen Nazisoldaten überlebensgroß in die Ku­lissen malte, sehr zur Freude seiner Chefs…!

  • Werbemüll im Briefkasten kennt jeder. In dem Moment, als Mike einen Wer­bebrief eines der Misshandlung von Menschen überführten Polizisten im Briefkasten vorfand, kam er auf die Idee, doch selbst solche Werbeschreiben zu entwerfen und zu schauen, für wen am meisten gespendet werden wür­de. Zur Auswahl standen: Jeffrey Dahmer, ein geständiger Mörder, der rund ein Dutzend junger Menschen getötet und teilweise verzehrt hatte; Charles Keating, leitender Angestellter der Savings and Loan Association, die Tausen­de von Amerikanern um ihre Ersparnisse betrogen hatte, sowie Roy Sekoff, ein Berichterstatter von TV NATION mit Frau und einem liebreizenden klei­nen Baby. Na, wer mag wohl die meisten Spenden verbucht haben? Und warum…?

Dies ist nur eine kleine Auswahl der provokativen Themen in diesem Buch. Ganz zu schweigen von der irrwitzigen Aktion mit dem Klärschlammzug, den Heraus­forderungen an amerikanische Manager oder der Einstellung eines waschech­ten KGB-Spions, um herauszufinden, ob Richard Nixon ernsthaft tot ist. Ebenso soll nicht verraten werden, wie weit Michael Moore kam, als er versuchte, die sowjetische Atomrakete zu kaufen, die auch nach dem Ende des Kalten Krieges noch immer auf seine Heimatstadt Flint gerichtet ist. Und wie war das mit dem provokanten Kommunismus-Truck, der quer durch die Staaten fuhr und den Ab­schied vom Kommunismus besiegeln sollte? Oder wie gelang es Michael Moo­re, in Bosnien den Frieden herzustellen nur durch Pizza…?

Das alles sind zum Teil äußerst phantastische Ideen, die man im Fernsehen der USA schlicht nicht erwartet. Sie sind nicht ausschließlich satirisch, manche ha­ben einen äußerst galligen Unterton, doch meiner Ansicht nach lohnt es sich sehr, sie gelesen zu haben. Vieles davon würde man dem deutschen Fernsehen und insbesondere auch den deutschen Fernsehzuschauern sehr wünschen kön­nen. Denn der 1954 geborene Michael Moore zeigt hier eindringlich, dass die Unterprivilegierten durchaus nicht hilflos sind. Er engagiert sich für sie, er hat Träume und Visionen, und er ist provokativ genug, um diese Träume durchzusetzen und den Leuten ein Ventil zu verschaffen, das beispielsweise hierzulande fehlt.

Sicherlich, seien wir froh, dass wir keine 40 Millionen Obdachlosen haben. Sei­en wir froh über unser Sozialversicherungssystem, das in den Staaten seines­gleichen nicht hat. Aber vieles von dem, was Moore in dem Buch anspricht, existiert auch bei uns. Banken, die sich bereichern. Korrupte, abgehobene und realitätsferne Konzernchefs und Unternehmer, die ihre Angestellten ausbeuten. Himmelschreiende Skandale, den Missbrauch von Steuergeldern und Spenden, den Widerspruch zwischen dem Programm von Politikern und dem, was sie in ihren Wahlkreisen selbst praktizieren. Um nur einiges beim Namen zu nennen.

Das Buch macht nachdenklich, zum einen, und es macht vor allen Dingen ver­ständlich, warum Michael Moore einen Film wie „Bowling for Columbine“ dre­hen konnte und inzwischen durch seine Bücher und den Film „Fahrenheit 9/11“ so berühmt ist, dass man ihn nicht mehr ignorieren kann.

Seine Story begann mit dem „Märchen“ von TV NATION.

Vielleicht sollte man mit diesem Buch anfangen, das Phänomen Michael Moore zu verstehen, wie auch immer man zu ihm stehen mag. Es ist eine durchweg faszinierende Erfahrung.

© 2005 by Uwe Lammers

Ja, Michael Moore ist schon ein komischer Schrat. Aber ich habe noch Lesestoff von ihm stehen, und allein deshalb könnt ihr ganz sicher sein, dass ich beizeiten wieder von ihm erzählen werde. Und vielleicht – hoffen wir drauf – , also viel­leicht nur, schießt er sich ja auch auf diesen neuen Chaoten im Weißen Haus ein und produziert zu ihm ein Buch über die ganzen Trump-Absurditäten und den offensichtlichen Verfall der politischen Sitten in den USA, seit Donald Trump an die Regierung gekommen ist.

Ich meine, es gibt ja das geflügelte Wort, dass eine jede Nation die Regierung erhält, die sie verdient… aber Donald Trump hat wirklich niemand verdient, der Mann wäre echt besser in der Wirtschaft geblieben. Im Weißen Haus hat er mit seiner cholerischen, sprunghaften Ader echt gar nichts zu suchen. Ist meine Pri­vatmeinung, der man natürlich gern widersprechen kann.

Und da wir dieses Mal schon bei der Satire waren, bleiben wir einfach nächste Woche gleich darauf, wenn ich das zweite Album der Comicreihe „Baker Street“ bespreche. Das wird wieder amüsant, versprochen…

Bis dann, Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Und wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er sich auch mal um Donald Trump kümmert… verdient hätte der Bürstenkopf im Weißen Haus es fürwahr!

2 Das war am 6. April 2016, als ich im Rezensions-Blog 54 über „Stupid White Men“ schrieb.

Wochen-Blog 302: Nächtliche Anfälle

Posted Dezember 19th, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

bevor ihre euch wegen des alarmierenden Titels bemüßigt fühlt, einen Arzt zu verständigen, gebe ich lieber gleich Entwarnung. Nein, es geht mir nicht schlecht. Ich leide nicht an irgendwelchen epileptischen Anwandlungen oder Schlimmerem, auch fiebere ich nicht oder liege im Sterben. Bitte, ihr könnt alle wieder aufatmen und die folgenden Zeilen mit einer Mischung aus Amüsement und Unglauben weiter lesen.

Ich möchte heute über ein Phänomen sprechen, das wohl jeder rege kreative Mensch schon verspürt hat und das ihm dann bisweilen die Nachtruheraubt. Wahrscheinlich kennen das auch Personen, die nicht originär kreativ im schrift­stellerischen Sinne sind. Ihr dürftet die folgende Situation gut kennen: Man hat einen harten Arbeitstag gehabt, kommt nach Hause und möchte eigentlich nur noch dem Sirenenruf des weichen Bettes folgen, um in wohligen Träumen zu versinken und all die Mühsal des Tages vergessen und sich endlich entspannen zu können.

Und dann lassen sich die Gedanken nicht abstellen. Immer wieder kehren  frus­trierende Bilder des Tages zurück, grübelt der nimmermüde, wiewohl todmüde Geist über Ereignisse und Aktionen nach, die nicht zur vollsten Zufriedenheit abgeschlossen wurden.

Man hat im Geiste Arbeit mit nach Hause genommen. Da gibt es wohl nur ein probates Mittel: noch einmal aufstehen, sich wenigstens in Stichworten die Din­ge von der Seele schreiben, die einem im Kopf herumgehen (und sei es in Form einer To-do-Liste für den nächsten Tag). Üblicherweise legt man sich dann wie­der hin und schlummert jetzt entspannt weg. Das Problem ist ausgelagert, es kann nicht mehr vergessen werden, die Seelenruhe umfängt den vormals Ruhe­losen und lässt ihn in süße Träume absinken.

Das ist, sage ich mal, der Normalfall.

Bei manchen Kreativen, ich zähle dazu, nimmt das allerdings andere Formen an und erzwingt auch andere Umgangsweisen mit den unbewältigten Problemen… und mitunter tauchen auch aus dem vagen Zwielichtland zwischen Wachen und Schlafen Dinge auf, die man überhaupt nicht erwartet hat oder zuordnen kann. So erratisch kann eine intuitive Schriftstellerseele funktionieren.

Dann kommt es zu etwas, das ich ein wenig theatralisch „nächtliche Anfälle“ nennen möchte. Da mir das nun in rascher Folge schon zum dritten Mal in we­nigen Wochen widerfahren ist, zuletzt gestern Nacht (Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2018, an dem ich diese Zeilen niederschriebe, auch wenn ihr sie erst kurz vor Weihnachten lesen werdet), fand ich es nützlich, darüber zu berichten.

Ihr werdet an den drei folgenden Beispielen erkennen, dass diese „Anfälle“ auch durchaus nicht auf den Oki Stanwer Mythos (OSM) beschränkt sind, son­dern in sehr verschiedener Weise unterschiedlichste Themenfelder meiner Kreativität berühren.

Fallbeispiel 1 ereignete sich am 2. Mai 2018. Ich berichtete darüber im Editorial des Fanzines „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA) Nr. 418 (Juli 2018). In der Phase des Erwachens an diesem Morgen träumte oder alpträumte ich vielmehr, sollte ich sagen, von meiner Eigenschaft als Chefredakteur des BWA. Ich war kurz zuvor in meinem Amt bestätigt worden und träumte nun davon, eine Liefe­rung von BWA-Ausgaben zu erhalten, die ich offensichtlich weiterverkaufen wollte.

Ein und dieselbe Ausgabe – und alle waren vollkommen unterschiedlich. Seiten fehlten, Seitenzählungen waren verkehrt, diverse Blätter auf unbegreifliche Weise falsch gedruckt. Der Titelschriftzug fehlte (anfangs!), kristallisierte sich später aber irgendwie aus dem Nichts hinzu. Alles sah danach aus, als sei diese Ausgabe von Exemplar zu Exemplar auf geradezu abenteuerliche Weise indivi­dualisiert. Sie enthielten Vorworte, die ich nicht kannte und toll layoutete Bei­träge, deren Inhalt ich nicht verstehen konnte, weil sie zwar absolut proper aus­sahen… ich aber beim besten Willen nicht sagen konnte, worum es darin ging. Lesen konnte ich sie offensichtlich, aber der Textinhalt kam in meinem Wahr­nehmungszentrum irgendwie nicht an.

BWA – ein Alptraum! Ja, und ich wachte schweißgebadet auf und entschloss mich dazu, ihn in diesem Editorial der Nr. 418 niederzuschreiben, weil es ein so singuläres Ereignis war.

Es blieb nicht singulär.

Fallbeispiel 2 überrumpelte mich am 13. Juli 2018 kurz nach Mitternacht. Ich war gerade erst ein wenig eingeschlummert – wenigstens kam es mir so vor, denn ich war sehr spät ins Bett gekommen, hatte in den Stunden zuvor einen erotischen Roman ausgelesen, der in der Gegenwart spielte, sowie an der Ab­schrift des OSM-KONFLIKTS 13 „DER CLOGGATH-KONFLIKT“ weitergearbeitet… als mich der nächste „Anfall“ heimsuchte.

Er kam wie aus heiterem Himmel.

Denn auf einmal befand ich mich an einem Ort, den ich wenige Wochen zuvor erst verlassen hatte – im Kriegernest der ameisenartigen Cestai in KONFLIKT 2 des OSM, also in der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI). Bis dieser Blogartikel erschienen ist, werdet ihr längst im Bilde sein, darum bilden die folgenden Sätze keine Spoiler mehr: Im Band 30 der Serie mit dem Eigentitel „Das Kriegernest“ wird den Überlebenden der RHONSHAAR-Expedition unmiss­verständlich klargemacht, dass sie nicht aus Altruismus von den Cestai gerettet wurden. Vielmehr ist vorgesehen, dass sie ihre restliche Lebenszeit im Krieger­nest zubringen, hier Familien gründen und sich in die komplexe Kastengesell­schaft auf Dauer integrieren.

Die Yantihni sind natürlich völlig schockiert und können das nicht fassen.

Ich war, was die Planung dieser Serienhandlung anging, schon vor Jahren sehr viel weiter und hatte entsprechende Skizzen für den Band 48 mit Eigentitel „Das graue Ei“ gemacht, in dem ich einen ersten tieferen Blick in die Cestai-Gesellschaft werfen wollte. Aber ihr wisst, dass das Schreiben an den Episodenbänden der Serie – wir reden nicht von den E-Books, sondern von deren Vorlagen – lange stagnierte.

Nun, am frühen Morgen des 13. Juli 2018, befand ich tatsächlich wieder an dem Punkt, den Handlungsfaden aufzunehmen. Ich verfolgte die yantihnische Bio­chemikerin Talisa dabei, wie sie die telepathischen Würmer der Cestai unter­suchte und erforschte. Und erlebte, wie sie in eine telepathische Tiefentrance gelenkt wurde, die ihr vorgesetzter Cestai-Chefwissenschaftler offenbar mit vollkommener Absicht herbeiführte.

In dieser Trance ging es um einen Mythos des Kriegernestes, das bekanntlich matriarchalisch von der Königin Achthundertvierzehn regiert wird. In diesem Mythos wird von ihr ein „graues Ei“ gelegt, aus dem ein Maskulinum schlüpft, der „Graue“. Und das Ziel des „Grauen“ und des geheimen Untergrundordens unter den Cestai im Kriegernest zielt auf den vollständigen Umsturz der Verhält­nisse und aufeine Kursänderung des gewaltigen Habitats.

Schlimmer noch: Talisa bekommt mit, dass der „Graue“ bereits gelegt wurde und geschlüpft ist. Der Umsturz ist bereits im Gange, und nun werden die RHONSHAAR-Yantihni in die Ereignisse mit einbezogen…

Außerdem sah ich weitere Fremdkontakte der Yantihni im Kriegernest – mit den mausgestaltigen Crelis, mit den grünen, pflanzlichen Zwergenwesen aus dem Volk der Thaas... und da kamen doch tatsächlich unglaublich technisch versierte Kerle um die Ecke: Humanoid, zwergengestaltig, schwarzhäutig, mit großen Köpfen… und sie hörten auf den Volksnamen Shonta...

Moment, also, Shonta? Bei den Cestai? Aber… ja, ich verstehe eure Verwirrung, aber ich versichere: das hat seine Richtigkeit. Das ist alles Teil eines sehr, sehr weitläufig angelegten Planes, von dem ich schon sehr viel mehr sehen kann, als ich an dieser Stelle offenbaren darf. Wer beizeiten in KONFLIKT 4 „Oki Stanwer –Der Insel-Regent“ (IR) die Episoden um die Baumeister Zomar und Naam liest, die schon längst fertig geschrieben sind, der wird diesen ungeheuerlichen Plan sehr viel besser verstehen können.

Ach ja, und dann war da noch diese biochemische Falle, die ich in mehreren Ka­pitelblenden an diesem Morgen niederschreiben musste… ebenfalls aus dem Band 48 von TI. Junge, Junge, sage ich euch, es war kein Wunder, dass die Epi­sode ziemlich raketenartig auf 13 Textseiten emporschoss. Und da ich um etwa 2 Uhr morgens hochgeschreckt war, konnte ich nach stundenlangem Arbeiten am Computer nicht mehr einfach wieder zurücksinken und wieder einschlum­mern.

Nächtliche kreative Anfälle dieser Art wühlen mich so auf, dass ich dann kurzer­hand wach bleibe.

Womit ich nicht rechnete, das war dann freilich die Tatsache, dass ein dritter „Anfall“ am Morgen des 15. Juli gegen 4 Uhr früh in mir hochkochte. Ich schwö­re, so war es. Und das hier ist dann das dritte und vorerst letzte Exempel mei­ner brodelnden Kreativität.

Fallbeispiel 3: Auch diesmal hatte ich im Grunde genommen mehrheitlich einen historischen (!) Roman gelesen und am Vortag rezensiert, der im Jahre 1770 spielte und gänzlich ohne phantastische Elemente auskam. Er brachte mein Be­wusstsein aber wohl so in Wallung, dass daraus etwas völlig anderes kondensi­erte.

Ich fand mich wieder in einer phantastischen Konstruktion der Zukunft, die man wohl am ehesten aus Romanen von Peter F. Hamilton oder Arthur C. Clarke kennt – einem Orbitalfahrstuhl, Hunderte von Meilen über der Oberfläche eines menschlichen Kolonialplaneten, dessen Namen ich nicht kenne, in einer Zeit, die mir nicht recht präzise klar wurde, aber mindestens zweitausend Jahre von uns entfernt.

Fremdes SF-Setting.

Katastrophe.

Denn: Terroristen haben die Orbitalstation in ihre Gewalt gebracht und sind da­bei, sie in Schutt und Asche zu legen, wobei sie billigend in Kauf nehmen, dass zwei Gruppen von Schulkindern umkommen.

Auftritt des Zeitagenten Michael, der den Auftrag hat, einige Kinder zu retten – sie werden dauerhaft aus der Zeitlinie entfernt und sollen anschließend zu Zeit­agenten ausgebildet werden. So rekrutiert die Zeitpatrouille ihre Agenten, wo­bei sie ihre Zielzeitlinie für zweihundert Jahre rund um den Geburtszeitpunkt der Geretteten sperren, damit diese nicht ihre eigene Zeitlinie kreuzen können.

Ehe ich begriff, was geschah, flackerte mir der Titel der Geschichte durch den Kopf: „Waisen der Zeit“.

Ehe ich verstand, was los sein konnte, traf Michael während der Rettungsaktion völlig unvermittelt auf ein ZWEITES Zeitagententeam. Das war schon singulär, weil das eigentlich kategorisch ausgeschlossen war. Aber das stellte nicht sein größtes Problem dar. Kurz bevor die andere Gruppe entmaterialisierte, starrte er ungläubig die Anführerin der Gruppe an und rief fassungslos „Louise!“ aus. Und sie erkannte ihn unzweifelhaft ebenfalls wieder.

Dann war sie weg. Und Michael kehrte in seine Ausgangszeit zurück und ver­suchte herauszufinden, wie um alles in der Welt seine einstmals angebetete Prinzessin Louise de Winter wohl eine Zeitagentin geworden war. Er hielt das für ganz unmöglich.

Meine Wahrnehmung begann zu flackern: hin zu Louise, die es tatsächlich war, aber – wie auch Michael – nun in der Zeitpatrouille natürlich einen neuen Na­men trug. Beide versuchten, in unterschiedlichen Zeitphasen der Zeitpatrouille verankert, herauszufinden, wie dieser verrückte doppelte Einsatz geschehen sein konnte… und stießen auf eine bizarre Barriere des Schweigens. Michael fand immerhin heraus, dass Louise und ihre ganze Familie bei einem Schloss­brand kurz nach seinem Fortgang umgekommen sein sollte. Was ja offensicht­lich nicht der Fall war.

Und hartnäckig verfolgte er diese Spuren jahrelang weiter, bis er schließlich zu einem Zeit-Einsatzplaner namens Sinister kam, der ihm unter strengster Ge­heimhaltung ein Geheimnis der Organisation verriet…

Während ich mich im Bett hin und herwälzte, wucherte ein Detail nach dem nächsten in meinem Verstand heran, und es dauerte nur wenige Minuten, bis ich schließlich ruhelos bald nach 4 Uhr aufstand, mich an den Schreibtisch setz­te und damit begann, die Idee niederzuschreiben – 13 handschriftliche Seiten in meiner aktuellen Kreativkladde lang.

Der Handlungsbogen für „Waisen der Zeit“ ist nahezu vollständig geschlossen, ich muss die Geschichte also nur noch ausformulieren und niederschreiben. Aber das kann in der Quintessenz locker 100-200 Textseiten umfassen. Für mich ist deswegen erst einmal zentral, dass die Idee an sich und die damit einherge­henden Bilder fest verankert sind.

Dass ich nach den anderthalb Stunden der Niederschrift mal wieder viel zu wach  war, um mich erneut hinzulegen, ist wohl verständlich.

Solche „nächtlichen Attentate“ zeigen überdeutlich die brodelnde Tiefe meiner Kreativität. Mein kreativer Dynamo ist gewissermaßen überhitzt und sucht sich derzeit seine Ventile, wo immer er kann. Das hat etwas Faszinierendes an sich… einerseits. Auf der anderen Seite ist diese Entladung ungesteuert und kann ei­gentlich kaum kontrolliert werden.

Wann immer ich in den nächtlichen Schlummer hinabsinke, kann ich nicht sa­gen, ob, wie lange und wie tief ich wohl schlafen werde. Es ist jederzeit möglich, dass ich wie ein gestrandeter Seefahrer an ein unbekanntes (oder nur teilweise vertrautes) Gestade gespült werde… und der Himmel mag wissen, wem ich dort begegne: verlockenden, schamlosen Archipel-Schönheiten, fremdartigen Aliens; die dort genauso gestrandet sind wie ich; unglücklich verliebte Zeitreisende; Matrixfehlern, die überhaupt keine Ahnung haben, wo sie sind und warum sie noch oder schon wieder leben… oder noch ganz andere Wesen.

Das macht meine Kreativität so spannend, sie ist ein 24/7-Abenteuer, ein Dau­erticket zum Staunen, ein wenig wie bei der Streaming-Serie„Warehouse 13“… nur weniger schematisch, weniger Fantasy-like.

Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es mich wieder wegspült, meine Freunde. Aber vertraut mir – wenn es soweit ist, erfahrt ihr es sicherlich mit als erste.

Soviel für heute aus den fremdartigen Zwischenwelten des Traumes, aus denen mich die „nächtlichen Anfälle“ emporschrecken. Nächste Woche wird es wieder etwas ruhiger, versprochen!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 194: Seuchenschiff

Posted Dezember 12th, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

man mag ja skeptisch sein gegenüber Autoren, die Romanbestseller am Fließ­band produzieren, umso mehr, wenn sie sich dann verstärkt auf Coautoren stüt­zen. Clive Cussler ist in dieser Liga seit Jahrzehnten aktiv, und wer meinen Blog schon länger verfolgt hat, weiß natürlich einige Dinge zur Genüge: Zum einen, dass ich eine starke Affinität zu Cussler und seinen Geschichten habe. Zum an­deren aber auch, dass mir das nicht restlos das Hirn vernebelt und ich durch­weg imstande bin, bei diesem Autor auch mal sehr kritisch zu verfahren und klar zu sagen, wenn er unausgegorenen Käse schwafelt.

Außerdem ist mir natürlich, ich habe das schon verschiedentlich erwähnt, eben­falls klar, dass er nicht ständig Bestseller produzieren kann, sondern fast natur­gesetzlich immer mal wieder ausgesprochen schwache Werke erschafft. Nun ist das Gegenteil aber auch der Fall – dass manchmal so beeindruckend packende Werke entstehen, die einen wie ein Strudel in die Tiefe des Buches saugen, so dass man kaum wieder freikommen kann.

Das haben wir hier vorliegen – ein unglaublich dramatisches, raffiniert gespon­nenes Buch, das den Leser, der sich darauf einlässt, umgehend packt und von Anfang bis Ende fesselt. Das hat man selbst bei Clive Cussler selten. Hier gelingt es. Der so lapidare Titel täuscht ebenso wie das Cover gründlich über den Inhalt hinweg.

Schaut darum besser mal genauer hin:

Seuchenschiff

(OT: Plague Ship)

Von Clive Cussler & Jack du Brul

Blanvalet 37243

640 Seiten, TB, 2010

Aus dem Amerikanischen von Michael Kubiak

ISBN 978-3-442-37243-0

Eine Warnung vorweg, damit ihr euch nachher nicht beklagen könnt über die dunklen Ringe unter den Augen: dieses Buch ist ein echter page-turner und so dramatisch geschrieben, dass vermutlich jeder Leser, der es in die Finger be­kommt und die früheren Abenteuer der OREGON-Crew mit Genuss gelesen hat, ernste Schwierigkeiten haben wird, dieses Buch loszulassen, ehe es ausgelesen ist.

Sagt also nicht nachher, ich hätte euch nicht gewarnt. Aber ich sekundiere die Eingangswarnung mit einer weiteren Bemerkung: es lohnt sich, diese Geschich­te zu lesen, und zwar ungemein.

Der Roman beginnt mit einem Cussler-typischen Prolog, diesmal in einer eisi­gen Nacht am 29. April 1943 hoch über der nördlichen See bei Norwegen. Ein Aufklärungsflugzeug der Großdeutschen Luftwaffe ist unterwegs und sucht alli­ierte Konvois, die Nachschubmaterial nach Europa bringen. In der Tat wird ein solcher Konvoi gesichtet, und er wird dem Aufklärer zum Verhängnis, der es, schwer angeschlagen, nur noch mit Mühe in einen norwegischen Fjord schafft. Hier meint der junge Ernst Kessler, ein Gebäude gesehen zu haben, das offenbar direkt im Eis steht. Es ist in Wahrheit etwas ganz anderes, aber dieses Wissen kann er nicht mehr weitergeben.

Dann erfolgt der Zeitsprung in die Realgegenwart: im Persischen Golf ist ein heruntergekommener Trampdampfer dabei, den Hafen von Bandar Abbas zu blockieren – scheinbar nur aus technischen Problemen heraus. Selbst die Ha­fenverwaltung schöpft keinen Verdacht. Der Leser ahnt indes und wird darin bald bestätigt: es handelt sich um die OREGON unter ihrem Kommandanten Juan Cabrillo, also dem Helden dieser Romanserie, diesmal im Auftrag der CIA unterwegs, um herauszufinden, ob die Iraner entgegen geltender rechtlicher Verträge von verkaufsfreudigen Russen spezielle superschnelle Torpedos zur Aufrüstung ihrer U-Boote erhalten haben.

Um es kurz zu machen: das ist beinahe der letzte Auftrag der OREGON-Crew, und das bedeutet natürlich – dieser Part des Romans ist schon ultraspannend, und dabei ist das nichts weiter als der klassische „Prolog“, wie ihn ein früherer James Bond-Film aufwies. Erst danach geht es richtig zur Sache, denn während der Absatzbewegung vom Golf ortet die OREGON ein offenbar steuerloses Schiff, das zumindest eine Bergeprämie verspricht.

Leider ist das nicht drin, und zwar überhaupt nicht – denn kaum sichtet die Crew das Schiff, wird ihnen klar, dass hier ein schreckliches Verbrechen began­gen worden ist. Es handelt sich um das Kreuzfahrtschiff „Golden Dawn“, und alle Besatzungsmitglieder sind tot, offensichtlich an einer Form von hämorrhagi­schem Virus umgekommen, bei dem der Tod durch spontanes Verbluten auf­tritt, ähnlich wie bei Ebola.

Juan Cabrillo und einige Gefährten begeben sich in Schutzanzügen an Bord und entdecken zu ihrem Unglauben tatsächlich eine einzelne Überlebende, die jun­ge Jannike Dahl aus Norwegen. Unter großen Schwierigkeiten gelingt es, die völlig verstörte junge Frau in Sicherheit zu bringen (über die Natur der Schwie­rigkeiten verrate ich besser nichts Näheres, ihr könnt ruhig ein wenig an den Fingernägeln kauen, wenn sie eintreten).

Cabrillo ist daraufhin jedenfalls fest entschlossen, den dafür Verantwortlichen das Handwerk zu legen, zumal einiges darauf hindeutet, dass dieser Massen­mord erst der Anfang war. Warum Jannike dem Verhängnis als einzige entgan­gen ist, bleibt lange ein völliges Rätsel, auch natürlich, wie diese „Seuche“ über­tragen worden ist. Und solange das nicht bekannt ist, kann man auch nicht sa­gen, wie der Gefahr zu begegnen ist.

Derweil hat sein Technischer Direktor, Max Hanley, ein höchst privates Problem, das auf den ersten Blick keinerlei Verbindung zu den Vorfällen besitzt, in die die OREGON-Crew so unvermittelt hineingeschlittert ist. Er lebt nämlich seit länge­rem geschieden von seiner Frau, und ihr gemeinsamer Sohn Kyle ist nach Aus­kunft der verängstigten Ex-Ehefrau in gewisser Weise auf die schiefe Bahn gera­ten – er hat sich einer sektenartigen Bewegung angeschlossen, den so genann­ten „Responsivisten“, die von dem Schriftsteller Dr. Lydell Cooper gegründet wurde.1 Coopers Credo lief darauf hinaus, dass die Menschheit sich durch ex­plosive Vermehrung über kurz oder lang selbst vernichten würde, und die „Re­sponsivisten“, die sich frühzeitig sterilisieren lassen, sollen auf diese Weise Ver­antwortung („Responsibility“) für ihr Handeln übernehmen und zukunftsbe­wusst und vorbildhaft wirken.

Kyle befindet sich in Griechenland in einem geschlossenen Komplex der Re­sponsivisten, und Max hat vor, seinen Sohn dort herauszuholen und ihn zu ei­nem Sektenspezialisten zu bringen, der Kyle von der zweifelsohne erfolgten „Gehirnwäsche“ wieder auf den Boden der Tatsachen bringen soll. Es sieht, al­les in allem, nach einer relativ einfachen Aufgabe aus, zumal Juan ihm personel­le Unterstützung zugesagt hat.

Um es kurz zu machen: die Befreiungsaktion endet beinahe in einem Massaker, und das so harmlos scheinende Responsivistencamp macht jeder Festung einer Militärdiktatur Ehre. Nur um Haaresbreite gelingt die hochdramatische und un­erwartet blutige Operation.

Zwischendurch kommt auch ans Tageslicht, dass die meisten Opfer auf der „Golden Dawn“ Responsivisten waren, die zuvor auf den Philippinen gearbeitet haben. Damit kristallisiert sich immer deutlicher heraus, dass die Responsivis­ten zumindest stark in den Massenmord involviert sind und eine Menge – auf höchst militante Weise – zu verbergen haben.

Die Leiter der Bewegung, Thomas und Heidi Severance, scheuen jedenfalls kei­ne Mühe, den „entführten“ Kyle Hanley zurückzuholen. Sie setzen darauf einen Mann an, der sich selbst Zelimir Kovac nennt (was nicht sein wirklicher Name ist) und in den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien in den 90er Jahren an ethni­schen Säuberungen beteiligt war und skrupellos und unerbittlich über Leichen geht. Es macht ihm ausdrücklich Spaß, zu foltern und zu töten. Diesem Ruf macht er in diesem Roman wirklich alle grässliche Ehre.

Bald ist zu erkennen, dass ein höllischer Countdown am Ticken ist, und wohin auch immer die Suchenden unter Juan Cabrillo vorstoßen, sie kommen stets zu spät. Ob es auf den Philippinen ist, wo sie auf die Reste eines alten japanischen Chemiewaffenlabors stoßen, ob es in Italien ist, wo Max Hanley auf brutale Weise von Kovac entführt wird oder in Hollywood, wo einer von Juans Crew eine Fährte zu einer prominenten Schauspielerin und Responsivistin verfolgt.

Ihnen allen läuft auf grässliche Weise die Zeit davon, und es scheint keine Mög­lichkeit mehr zu geben, das Verhängnis, das sich schon auf den Weg gemacht hat, die Welt einem furchtbaren Schicksal zu überantworten, aufzuhalten…

Oh ja, spannend ist das Buch in der Tat, und wie! Ich musste mich wirklich im­mer wieder zwingen, damit aufzuhören und etwas anderes zu tun, sonst wäre ich fraglos für mehrere Tage „außer Gefecht“ gewesen. Das will was heißen. Außerdem ist es mit Abstand der umfangreichste Band der OREGON-Serie, und auch das hat einiges zu bedeuten. Im Gegensatz zu vielen sonstigen späten Cussler-Romanen sind die Gegner hier nicht einfach nur stumpfsinnige Hautot-Charaktere mit wenig Hirn, sondern sie haben tatsächlich einiges auf dem Kasten, denken weit voraus, erwägen klug (und verheerend) Alternativen und unterlaufen immer wieder auf bestürzende Weise die ebenso klug durchdachten Pläne Cabrillos. Dieses Kräftemessen verleiht dem Roman enorme Dynamik und fördert das flüssige Lesen ungemein.

Hinzu kommt dann noch das Grundthema: Dr. Lydell Coopers Thesen, dass die Menschheit von sich aus mit der hemmungslosen Vermehrung nicht aufhören würde und darum die Grundlagen ihrer Existenz selbst auslöschen wird, sind leider nicht völlig von der Hand zu weisen. Auch die Argumentation, woran das liegt – nämlich an der gezielten Ausschaltung natürlicher Selektionsfaktoren wie Fressfeinden oder Seuchen, Bekämpfung des weltweiten Hungers oder der Kin­dersterblichkeit – ist in sich auf beunruhigende Weise stichhaltig. Gleichwohl ist natürlich die Schlussfolgerung, die Cooper und seine Nachfolger daraus gezo­gen haben, grundverkehrt und strikt kriminell.2 Und als man als Leser erst ein­mal herausfindet, wer Cooper wirklich war und wo er seine „Lehrjahre“ ver­bracht hat, ist es mit der Sympathie für seine Ideen wirklich restlos vorbei.

Mit dem Thema an sich aber wandert Jack du Brul nun auf den Spuren seines Kollegen Paul Kemprecos (dem Verfasser der Kurt Austin-Abenteuer): die sozial­kritischen Themen, sozusagen die essentiellen Themen der Menschheit im frü­hen 21. Jahrhundert kommen hier deutlich stärker zum Vorschein und werden besser und intensiver problematisiert als in Cusslers früheren fast reinen Aben­teuer- und Actionromanen.

Das Buch hat also aus zwei Gründen uneingeschränktes Plus verliehen bekom­men: einmal wegen der wirklich äußerst rasanten, intelligenten Handlung und zum anderen aufgrund des oben genannten Grundthemas.

Und nein, zu den Keilschrifttafeln, die eine sehr wichtige Rolle für das Verständ­nis des Gesamtkomplexes spielen, sage ich natürlich weiter nichts. Das muss man wirklich gelesen haben – sehr bemerkenswerte Idee! Da hätte ich mir dann schon etwas mehr gewünscht, aber man kann bekanntlich nicht alles haben…

© 2012 by Uwe Lammers

Ja, ihr solltet das Buch suchen gehen, wenn euch jetzt sinnbildlich das Wasser im Munde zusammenläuft und ihr gern die GANZE Story hättet. Es lohnt sich wirklich.

In der kommenden Woche entführe ich euch in eine ganz andere, fremd er­scheinende Welt, die man eigentlich nur noch durch eine Art von satirischem Fernglas richtig akzeptieren kann. Welche Welt meine ich? Die Vereinigten Staa­ten von Amerika. Wie ich das meine? Da solltet ihr kommende Woche mal wie­der vorbeischauen, dann erfahrt ihr die Einzelheiten.

Bis dahin macht es gut, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Verschiedene Indizien im Roman legen nahe, dass die Parallelen zu der Scientology-Sekte, die einst vom Schriftsteller L. Ron Hubbard gegründet wurde, durchaus nicht zufällig gewählt sind. Das ist meiner Ansicht nach ein weiteres Plus des Romans.

2 In dieser Hinsicht ist dieses Buch übrigens sehr verwandt mit dem deutlich später geschaffenen Film „Kings­man. The Secret Service“. Die zentrale Absicht der Villains in beiden Werken ist sich ziemlich ähnlich.

Liebe Freunde des OSM,

heute entführe ich euch einmal in eine mythische Zeit, in der sich Vision und Realität miteinander vermischen. Als ich das unten wiedergegebene Gedicht schrieb, da kannte ich jenen legendären Ort namens Veley seit drei Jahren nä­her. 1995 war ich erstmals in diese rätselhafte Kleingalaxis eingedrungen, die von einem ungeheuerlichen Makroorganismus eingesponnen ist und wie ein monströses kosmisches Herz, das allen Naturgesetzen spottet, zwischen den Sternen pulsiert und pocht.

Wir befinden uns im KONFLIKT 22 des Oki Stanwer Mythos, in der Serie „Oki Stanwer – Der Schattenfürst“ (DSf), und die Dinge stehen nicht gut in der Gala­xiengruppe um die Sterneninsel Daarcor. Oki Stanwer, der diese Galaxis regiert, scheint zu einem Tyrannen mutiert zu sein, und er jagt seine formellen Freunde, die Helfer des Lichts. Und eine Fährte führt zu einer Kleingalaxis namens Veley, in deren Innerem die schwarze Welt des Bösen, TOTAM, in einer nicht minder monströsen Falle feststeckt.

Außerdem gibt es hierin einen legendären Ort, den man Harray nennt. Angeb­lich, so heißt es, ist für die unglaubliche biologische Entartung der Kleingalaxis Veley eine ausgestorbene Rasse verantwortlich, die überall in den umliegenden Galaxien ihre Spuren hinterlassen hat – die Veskoy. Und Veley soll ihrem „Bio­tod-Programm“ unterzogen worden sein, dessen Wurzeln man an einem Ort findet, der Harray heißt.

In irgendeiner Verbindung damit steht ein weiterer Begriff: Smaragdwald.

Als ich über all das 1998 vage nachsann und ein Begriff nach dem nächsten durch mein aufgestacheltes Hirn schoss, konnte ich die Dinge nicht wirklich zu­sammenfügen. Das gelang dann erst im Jahre 2004, als ich mit den drei Episo­den „Der Smaragdwald“, „Überraschungen in Harray“ und „LASA-ON“ eine ab­solut haarsträubende Trilogie realisierte und Teile des unten wiedergegebenen Gedichts ad absurdum führte.

Inwiefern dies?

Nun, ich stellte fest, dass die Visionen des Smaragdwaldes und Harrays, wie ich sie 1998 gehabt hatte, gründlich von dem verschieden waren, was sich dort tat­sächlich abspielte. Es ist ein wenig verwandt mit einer historischen Legende, die auch meist gründlich andere Ausprägung erhält, wenn man sie auf die soliden Füße der archäologischen Forschung stellen kann. Man braucht sich nur etwa den Troja-Mythos anzuschauen und das, was Homer schrieb und was Schlie­mann ausgrub, miteinander zu vergleichen. Oder die noch ältere Schlacht von Kadesch, wo sich Pharao Ramses II. und die Hethiter gegenüberstanden. Ver­gleicht mal die in Stein gemeißelte ägyptische Propaganda mit dem, was die Forscher herausgefunden haben… das ist durchaus nicht dasselbe.

Und so war es auch mit Harray und dem Smaragdwald und dem Biotod-Pro­gramm der Veskoy.

Harray entpuppte sich als ein schön verborgener Zugang zu einem unterkosmi­schen Niveau der Baumeister, versteckt unter dem Gravitationstrichter eines Schwarzen Loches. Das ist mit dem „Wall aus strömender Raumzeit“ gemeint, von dem unten die Rede ist. Zugleich ist Harray aber auch ein dort „unterhalb“ des Universums stationierter ZYNEEGHAR der Baumeister, ein unglaublich aus­gedehntes Gebilde, das im vollständig realisierten Universum unter seinem Ei­gengewicht sofort kollabieren würde.

In direkter Nähe zu Harray, ebenfalls im unterkosmischen Niveau angesiedelt, befindet sich der Smaragdwald… und das ist ein faszinierendes Gebilde, ein Schöpfungsbaum der Thaas, eine Art von unfassbarer Weltraum-Biosphäre. Wenn ihr mal große Mistelgloben in Bäumen gesehen habt, macht ihr euch eine entfernte Vorstellung davon, wie so etwas aussieht. Nur ist solch ein kugelför­mig wuchernder Weltraumbaum viele tausend Male größer… und ja, es ist ein Ort zum Sterben, wenn man nicht autorisiert ist, dort verweilen zu dürfen. Was dann fast zum Tod unserer Reisenden führte.

Dass allerdings der Smaragdwald mit Harray mehr oder minder identisch ist – wie das Gedicht es suggeriert – , das trifft so nicht zu. Und über das Biotod-Pro­gramm der Veskoy wusste ich auch nach 2004 nicht sehr viel mehr als vor mei­nem Besuch im Smaragdwald der Thaas. Auch dass von hier aus der Weg ins versunkene Reich von Veskoy führt, ist leider falsch von mir vermutet worden.

Schade eigentlich.

So gesehen ist das Gedicht eine Art von etwas irreführendem Versprechen, das nicht das einlöst, was es verheißt. Aber es freut mich dennoch, es an dieser Stelle vorstellen zu können.

Tanz im Smaragdwald

Gedicht von Uwe Lammers

Es ist wie im Traum,

das Leben im Herzen von Veley,

geformt aus dem Stoff der Matrix,

goldflimmernd und geistblendend.

Niemand hat gehofft,

je so etwas zu finden,

einen gewaltigen kosmischen Organismus,

durchpulst von Strömen des Lebens,

wimmelnd von pflanzlichen

und von tierischen Lebensformen.

Wie Geister vergangener Äonen

durcheilen die Bewohner Veleys

die Ströme aus Mutationssporen,

und sie streifen unermüdlich

durch die Tiefen des Smaragdwaldes.

Der Smaragdwald von Harray

ist das ultimate Mirakel der Galaxis,

er liegt im Zentrum, ist unerreichbar,

nur Götter überwinden den Wall

der strömenden Raumzeit.

Nur Götter oder Dämonen sind bereit,

den Smaragdwald zu betreten

und in ihm zu tanzen,

in den saphirnen Glockendomen,

die Zeit vergessend und ignorierend

denn nur so können sie ihr Ziel erreichen,

das uralte Reich von Veskoy,

das Bio-Programm

und all die Mysterien,

die die Welt bedeuten.

Tanzt,

tanzt, ihr Götter und Dämonen,

tanzt um euer Leben,

denn diesmal ist der Einsatz hoch,

diesmal klingt das Letzte Lied.

Und wenn die Schlussakkorde verklingen,

seid ihr Herren der Welt

oder tot!

Dann aber,

wenn der Tanz im Smaragdwald vorbei ist,

legt sich das Schweigen über alles,

und die Zeit läuft ab.

Für immer.

ENDE

© 1998 by Uwe Lammers

OSM-Gedicht für die 22. OSM-Ebene, Seitenstrom Veley/TOTAM

Und damit schließe ich für heute das Gedichtbuch und lasse euch wieder allei­ne. In der kommenden Woche entführe ich euch dann allerdings in die Gegen­wart des Monats Juli 2018 und zu etwas, das euch vielleicht beunruhigen wird. Aber keine Sorge, ich kann da schon nach wenigen Absätzen Entwarnung ge­ben.

Wovon ich spreche? Das erfahrt ihr bei eurem nächsten Besuch in einer Woche an diese Stelle.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des Oki Stanwer Mythos,

eine geraume Weile ist es her, seit das letzte E-Book erschienen ist, und wie ihr nun seht, hatte das seine Gründe. Ein Werk von mehr als 400 Seiten schreibt sich nicht binnen von zwei oder drei Monaten, das ist ein deutlich längerer Pro­zess. Das Ergebnis lohnte diese Anstrengung meiner Ansicht nach jedoch.

Mit dem neuen E-Book „DER CLOGGATH-KONFLIKT 1: Vorbeben“ starten wir in ein neues Universum, das 55 Milliarden Handlungsjahre vom Ereignisraum der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) entfernt liegt… aber es sind zu­gleich heimische Gefilde, wie ihr entdecken werdet.

Der Schauplatz ist der Planet Erde (und nahe gelegene, dämonische Gefilde rings um den Planeten TOTAM). Wir schreiben das Jahr 2113, und die Mensch­heit hat sich mehrheitlich von der Exploration des Weltraums zurückgezogen und sich der ökologischen Sanierung der stark geschädigten Erde verschrieben. Rationalität und technischer Fortschritt werden betont, an das Übernatürliche glaubt kaum mehr jemand.

Doch genau dieses Übernatürliche bedroht die Welt, als der KONFLIKT 13 des OSM beginnt – die Macht TOTAM greift mitsamt ihrer Dämonen und deren Schergen nach der Erde. Und die Sieben Lichtmächte schicken ihren Paladin, um das Unheil abzuwehren.

Oki Stanwer erscheint höchstpersönlich in vorderster Front, um die Menschheit für diese Bedrohung zu sensibilisieren… das ist jedenfalls der Plan.

Doch er stößt auf ausgesprochen hartleibige, skeptische Behörden und Bürger, die alles andere im Sinn haben, als in „alten Aberglauben“ zurück zu verfallen. Der Commander Calvin Moore von New Scotland Yard ist sogar der Ansicht, wenn es denn überhaupt Geister und ähnliche Kreaturen gebe, hätten sie viel zuviel Angst vor der britischen Polizei, um Probleme zu bereiten.

Das ist sehr fern der Realität, wie er bald entdecken muss.

Die Dämonen sind eine sehr handfeste und tödliche Bedrohung, und Oki Stan­wer ist das einzige Bollwerk gegen sie… vorerst. Seine Pläne gehen indes schon deutlich weiter und zielen auf die Gründung des schlagkräftigen Stanwer-Teams. Er ist dabei vollkommen auf TOTAM fokussiert.

Das Problem ist jedoch, dass in diesem KONFLIKT noch eine zweite dämonische Macht mitmischt, die sich CLOGGATH nennt. Und auf sie ist niemand wirklich vorbereitet…

Erlebt den Auftakt des neuen Abenteuers im Oki Stanwer Mythos in meinem bislang umfangreichsten E-Book überhaupt. Es ist ab sofort für den Preis von 7,49 Euro bei Amazon-KDP erhältlich.

Ich wünsche euch angenehmes Lesevergnügen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 193: Die Galerie

Posted Dezember 5th, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es gibt solche und solche Zeiten für Lektüre… das gilt für mich als Autor natür­lich ganz besonders. Ich erwähnte schon verschiedentlich, dass mein kreativer Verstand ein wenig wie eine Waage funktioniert, oder meinethalben auch wie ein flüssiges Medium, das nur einen bestimmten Sättigungsgrad verträgt, ehe ein Stillstand eintritt. So ähnlich verhält es sich mit mir halt: es gibt Zeiten, in denen ich viel lese und Bücher geradezu verschlinge, und dann wieder Tage und Wochen, wo ich kaum etwas lese, stattdessen umso mehr schreibe.

Zwischen Januar 2017 und Mitte 2018, möchte ich das mal zeitlich eingrenzen, befand ich mich in einer Phase verstärkten Lektürekonsums, und viele der gele­senen Werke waren erotischer Natur. Meine gut gefüllten Regale bislang unge­lesener Bücher geben da immer noch jede Menge Schätze frei. Dieses vorlie­gende Buch war eines davon.

Sein doch eher sehr schlichter Umschlag, der kaum in irgendeiner Weise reizvoll erschien, brauchte lange, um mein neugieriges Auge zu interessieren. Aber als es erst mal passiert war, vertiefte ich mich binnen kürzester Zeit sehr angeregt in die Geschichte der guten Abigail. Unter dem Aspekt der „zweiten Chance“ ist er sicherlich sehr lesenswert, auch wenn ich ihn jetzt nicht spektakulär nennen wollte. Aber ich denke, ein näherer Blick lohnt sich.

Also, Vorhang auf für:

Die Galerie

(OT: Second Chance)

Von Cheryl Mildenhall

Heyne 12172, Juli 2000

336 Seiten, TB

Aus dem Englischen von Antonia Gittinger

ISBN 3-453-16990-5

Zunächst vorweg eine Warnung: der Titel ist vollständig irreführend. Es geht nur auf etwa zehn Seiten um eine Galerie, und damit hat es auf Seite 26 auch schon wieder sein Ende. Wer also denkt, es gehe hier um Kunstliebhaber oder derglei­chen, sollte den Roman gar nicht erst anrühren, er kann ausschließlich ent­täuscht werden.

Heißt das, das Buch ist schlecht? Nein. Heißt das, die Autorin hätte kein interes­santes Werk verfasst? Nein. Bedeutet es vielleicht, das Buch sei unter falschem Label – nämlich dem der Heyne-Erotik-Romane – erschienen? Ganz bestimmt nicht. Wer also vom Titel und recht schlichten Cover, das selbst mich über 15 Jahre lang von der Lektüre abhielt, absehen mag und sich einfach nur ins Lese­abenteuer stürzen möchte, der sollte das unbedingt tun. Man bewahre dabei den englischen Originaltitel im Hinterkopf, der in jederlei Weise passender ist und aus unbegreiflichen Gründen so abstrus bei der Übersetzung ignoriert wur­de.

Hierum geht es tatsächlich:

Abigail Faux ist seit rund zwanzig Jahren mit ihrem Mann Charles verheiratet. Charles führt nahe London eine Werbeagentur, seine Frau ist eine Wirtschafts­beraterin und, da bleibt der Roman etwas vage, offensichtlich Mitinhaberin ei­ner entsprechenden Beratungsfirma. Die beiden Ehepartner haben zwei Söhne und schon seit langem nur noch eher bescheidenen Sex. Charles hält sich au­ßerdem recht offenkundig eine Geliebte, und Abigail fühlt sich mit ihren 45 Jah­ren schon innerlich fast abgestorben. Zwar weiß sie selbst, dass sie, wenn sie sich vor dem Spiegel anschaut, gut und gern für zehn Jahre jünger durchgehen könnte, aber sie hat in ihrer Ehe noch nie einen Orgasmus erlebt und denkt sich desillusioniert, das werde sich jetzt wohl auch nicht mehr ändern. Innerlich denkt sie über Scheidung nach.

Da lernt sie durch einen Zufall in einer Kunstgalerie (!) in London den jungen Christopher (Kit) kennen, der leicht als einer ihrer Söhne durchgehen könnte, also sehr viel jünger als sie ist. Und ehe sie begreift, was geschieht, verführt die­ser unglaubliche junge Mann sie und vögelt sie geradewegs um den Verstand. Es ist so, als breche er eine harte Schale auf und befreie damit die lebensfrohe, glühende und leidenschaftliche Frau, die ihr Mann Charles nie in ihr gesehen hat. Kit ist die Form von schamlosem Liebhaber, der Abigail, die er zärtlich „Abby“ nennt, auf unvorstellbare Weise zeigt, wie viel Lust und Leidenschaft sie in ihrem Alter noch zu haben vermag. Er entfesselt eine völlig fremde Person in ihr – eine Frau, die heißblütig ganze Nachmittage mit ihrem Geliebten im Bett verbringt, die aufreizende Kleidung trägt, ohne Unterwäsche zu Meetings geht und sich in eine völlig sinnenentfesselte Furie verwandelt.

Und es beschränkt sich nicht auf Kit allein, denn auf den Partys, die sie besu­chen, lernt Abby auch einen faszinierenden anderen jungen Mann namens Ser­ge kennen, mit dem sie dann ebenfalls im Bett landet – zu dritt, um exakt zu sein.

Aber während sie ihre Libido aus den Ketten der Konvention befreit, muss sich Abigail zunehmend fragen, wie ihr Leben nun weitergehen soll, beruflich, sexu­ell und persönlich…

Zugegeben, ich hatte ein wenig Sorge, welche Absichten der charmante Kit mit seiner Abby verfolgte, und die Sorge vertiefte sich auf der Party, auf der ihr un­geniert „Coke“ angeboten wurde (was sie, in völligem Unverständnis der Situa­tion, als Coca Cola verstand – in Wahrheit war Kokain gemeint). Aber da kann sich der Leser entspannen, tatsächlich verfolgt Mildenhall keine sinistren Ziele mit dem Romansetting. Es geht nicht um erotische Erpressung oder Schlimme­res, sondern tatsächlich „nur“ um die sexuelle Neuorientierung einer älteren, leidenschaftlichen Frau, die, einmal sinnlich auf neuen Kurs gebracht, die Män­ner ringsum schier um den Verstand bringt. Und das erzeugt eine ganze Menge aufregender Szenen, soviel ist sicher.

Natürlich wird an manchen Stellen überzogen dargestellt. Selbstverständlich spielen solche Aspekte wie Eifersucht eine Rolle, und an manchen Passagen hätte man sehr wohl noch ganz andere Dinge ergänzen können. Es gibt zahlrei­che Situationen, die deutlich pikanter hätten ausgestaltet werden können, aber diese Chancen vergibt die Autorin. Ich nehme an, sie tat das mit Absicht, um Abigail nicht vollends in eine femme fatale zu verwandeln… diese Darstellung wäre wohl auch nur bedingt plausibel gewesen.

Andere Aspekte der Geschichte hätten indes besser ausgearbeitet werden kön­nen. So bleiben sowohl die Tätigkeit ihres Mannes Charles als auch die von Kit und selbst ihre eigene doch reichlich diffus und gehen in dem Reigen erotischer Begegnungsszenen recht schnell unter. Manche Nebenpersonen, die auftau­chen und die man in ihrer Wirkung nicht recht einschätzen kann, bleiben bedauernswert blass. Das gilt für Sophie ebenso wie den übergriffigen Luigi. Die beunruhigende Sache mit den Bildern wird rasch bagatellisiert – aus all diesen Dingen hätte man deutlich mehr herausholen können, als es geschah. Aber sonst ist der Roman für das Jahr 2000 der Abfassung schon beachtlich weit in seinen expliziten Schilderungen der sexuellen Begegnungen und durchweg aufregend zu lesen.

Wer also sich vielleicht selbst gerade als Leserin in einer ähnlichen Situation nach der Menopause befinden sollte und mal die heutige allgegenwärtige Furcht vor Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten außen vor lässt – denn ungeschützten Sex mit wechselnden Partnern gibt es durchaus reichlich hierin – , wer das sexuelle Erwachen einer reiferen Frau durch einen versierten jüngeren männlichen Partner beobachten möchte, der ist in diesem Roman ab­solut richtig am Platz.

© 2018 by Uwe Lammers

In der nächsten Woche wird es dann wieder angemessen dramatisch, mit jeder Menge Toter und einer Schiffsversenkung – ja, richtig vermutet, es geht mal wieder um Clive Cussler. Das nächste Abenteuer der OREGON-Crew steht an, und diesmal ist es wirklich so gestaltet, dass man echt Herzrasen bekommen kann. Mehr sei noch nicht angedeutet.

Bis dann, Freunde, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Wochen-Blog 300: Close Up: Der OSM im Detail (1)

Posted Dezember 1st, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

vor etwas mehr als einem halben Jahr habe ich in meinem Maiblog 2018 einen Gedanken angesprochen für eine neue Rubrik in diesem Blog. Und ich brauchte eine ganze Weile, um mir zu überlegen, wo wohl der ideale Ort und der beste Zeitpunkt wäre, um damit dann auch tatsächlich Ernst zu machen. Wie ihr se­hen könnt, ist die Entscheidung gefallen – es ist heute.

Die 100er-Einträge meines Wochen-Blogs sind, wie auch die 100er-Bände des Oki Stanwer Mythos (der vermutlich, wenn diese Zeilen Ende November 2018 erscheinen, Band 1900 schon überschritten haben könnte oder ihm mindestens bereits sehr nahe gekommen ist), stets Meilensteine, für die ich mir etwas Be­sonderes ausdenke. Das war mit dem Blog 100 „Der OSM auf einen Blick“ so (1. Februar 2015) wie auch mit Blog 200 „OSM-Artikel 2 – Was wäre, wenn der OSM das Rätsel der ‚dunklen Materie‘ lösen hülfe?“ (1. Januar 2017).

Heute schlagen wir nicht nur für den Moment, sondern für die fernere Zukunft ein neues Kapitel meiner kreativen Berichterstattung des Oki Stanwer Mythos auf. Es geht um Folgendes: die Publikation meiner Werke im E-Book-Format ist eher gemächlich, selbst dann, wenn ich zu einem Arbeitstakt von einem E-Book pro Monat wie zu Beginn zurückfinde. Da es aber schon zahlreiche OSM-Serien gibt, von denen ich nur indirekt berichten kann und deren Publikation noch in weiter Ferne liegt, kann ich mir durchaus denken, dass euch das nicht wirklich auf Dauer zufriedenstellt. Vielmehr ist wohl realistisch, dass ihr gern mehr De­tails aus den Welten hören wollt, die im Primärtext noch nicht zugänglich sind.

Ich gestehe, ich sinnierte darüber, ob ich die kommentierten Abschriften der al­ten OSM-Episoden irgendwie auf meiner Homepage zugänglich machen sollte, aber das würde schon vom schieren Textumfang wenig Sinn machen. Auch wisst ihr natürlich aus meiner gelegentlichen „Fehlerlese“, dass ich über viele der Frühwerke heute eher spöttele als sie noch richtig ernst nehmen kann. Und man muss sich ja als Autor nicht selbst demontieren, nicht wahr?

Wie konnte ich also den Spagat lösen, einerseits euch diese Inhalte nicht lang­fristig vorzuenthalten, während ich den direkten Blick auf die unvollkommenen Primärtexte zugleich doch zu vermeiden suchte? Ihr merkt, das Thema ist nicht wirklich trivial. Und es hat mich schon mehrere Jahre im Hintergrund beschäf­tigt.

Die Lösung flog mich im Frühjahr 2018 an, als ich mir anschaute, wie manche Fans der Perry Rhodan-Serie die dortigen Episoden Monat für Monat rezensier­ten. Ja, dachte ich mir, so etwas könnte ich mir für die fertig gestellten OSM-Episoden auch denken. Eine Art Close Up, eine Nahblende auf die Episoden, eine Art knappe Nacherzählung dessen, was darin passiert, so dass man als Le­ser die groben Handlungslinien erkennen kann, die Protagonisten kennen lernt und mit der Zeit einen gewissen Überblick über die Geschichten erhält, die noch nicht überarbeitet zugänglich sind.

Die Close Ups, die mir vorschweben, sind sozusagen ein Mittelding zwischen den Ursprungsepisoden einerseits und den fertigen E-Books andererseits. Und zugleich dienen sie natürlich als „Appetizer“ für spätere Leser, die sich dann, falls sie nicht das Gesamtpaket lesen möchten, einzelne OSM-Serien herauspi­cken können, die für sie von Interesse sind.

Ich meine, natürlich spricht aus mir der allumfassend informierte Autor, wenn ich sage, dass eine selektive Lektüre des OSM nur bedingt Sinn macht und mehr Fragen induziert, als dass sie sie löst. Aber da möchte ich niemanden bevor­munden. Wie ihr euch hier entscheidet, obliegt allein euch.

Nachdem ich die obige Entscheidung getroffen hatte, fragte ich mich natürlich: wo fange ich an? Wer jetzt sagt „Na, am Anfang natürlich“, der hat in meiner Ar­tikelreihe „Was ist eigentlich der OSM?“ nicht richtig aufgepasst. Aus zwei Grün­den nicht: erstens einmal ist der Anfang noch verborgen in undurchdringlichen Nebeln der Verschleierung. Zweitens aber lernt ihr ja durch die Serie „Oki Stan­wer und das Terrorimperium“ (TI) den lesbaren Beginn des OSM sowieso schon im E-Book-Format kennen. Da hätte ein Wiederholen wenig Sinn, es geht uns doch gerade um das Unbekannte.

Da ich 2018/19 mit der E-Book-Publikation der KONFLIKTE 12 und 13 beginnen möchte, ist es auch wenig nützlich, zu diesen Serien Close Ups zu bringen. Aber wie ist es mit den Serien danach? Die KONFLIKTE 14-18 sind bereits vollständig als Episoden vorhanden, wenn auch noch lange nicht alle komplett digitalisiert. Wir haben es hier mit einem Textkorpus von nicht weniger als 415 Episoden zu tun, die ich en bloc als Close Up darstellen kann.

Ja, dachte ich mir, das ist eine gute Ausgangssituation. Und wenn dieser Hand­lungsraum abgeschritten ist, was Jahre dauern wird, kann ich immer noch die KONFLIKTE 20 und 23 in Close Up-Form ergänzen, was weitere 252 Episoden er­gibt.

Euch stockt ein wenig der Atem? Ja, mir auch. Aber als ich 2013 mit den Blogar­tikeln begann, sagte ich euch schließlich bereits, dass ich dieses Mal keine Ein­tagsfliegen produziere oder zufällige Publikation anstrebe, sondern eine struk­turierte Darstellung meines kreativen Lebenswerks. Und genau das werde ich hiermit weiterhin leisten.

Wir beginnen also heute mit den Close Ups im KONFLIKT 14, also der Serie „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ (FdC), an der ich vom 15. November 1983, also vor ziemlich genau 35 Jahren, zu schreiben begann. Die letzten Zeilen verfasste ich am 30. Januar 1988. Da der einzige Leser, der jemals diese Zeilen gelesen hat, seit langer Zeit (leider) verstorben ist, ist dies für euch alle Neuland, und für mich wird es eine aufregende Zeitreise sein. Diese Close Ups werden von nun an in regelmäßigen Abständen folgen (es sei denn, reguläre Rubriken wie etwa „Work in Progress“, die auch weiterhin erscheinen, behindern diese regel­mäßige Abfolge, dann verschieben sich die Close Ups um eine Woche) und euch nach und nach mit den fremden Universen und den dortigen Geschehnissen vertrauter machen, als ich das bisher tun konnte.

Ich wünsche euch viel Lesevergnügen mit den folgenden Zeilen.

Close Up 1: Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa

Episode 1: Der erste Helfer des Lichts

(15. November 1983, digitalisiert 2013)

Wir befinden uns im 14. Universum des Oki Stanwer Mythos. Tief in den Weiten des Universums existiert die Galaxis Hun’arc (vgl. dazu Blogartikel 274: „Legen­däre Schauplätze 8 – Hun’arc“, veröffentlicht am 3. Juni 2018). Hier expandiert das Sternenreich der insektoiden Cranyaa, 2.30 Meter großer, vierarmiger We­sen, die stark weiblich dominiert sind und von ihrer Zentralwelt Wislyon aus friedlichen Kontakt mit anderen Sternenzivilisationen ihrer Galaxis suchen. Bislang sind sie dabei eher erfolglos gewesen. Sie haben einen speziellen Planeten erschlossen, Sayliih, auf dem die spätere zentralisierte Brut ihrer Nachkommenschaft geplant wird. Zu Beginn der Handlung, relativ bald nach dem Erschließen der ersten Sternensysteme, werden die Nachkommen aber noch in speziellen Brutbänken an Bord der Raumschiffe bebrütet.

So geschieht das auch in dem Raumschiff WABE-772, die gerade am Rande der Galaxis ein Rotsonnensystem mit einer alten Wüstenwelt erforscht. Die Sonne erhält den Namen Yurok, „Wüstenstern“. Hier sind Spuren einer untergegange­nen Zivilisation gefunden worden, darunter ein hoher Zinnenbau, der noch in­takt zu sein scheint.

Während der Erforschung des Gebäudes, das in weiten Teilen versiegelt ist, wird der Offizier Hurk-To an Bord des Schiffes in der Brutabteilung Zeuge, wie sein dort bebrütetes Ei unvermittelt abstirbt. Wenig später aber trifft er bei ei­ner Außenmission in der Zinne eine wunderschöne Cranyaa-Frau in einem gol­denen Lichtkegel, die sich als seine Tochter Slek-Im bezeichnet.

Sie sei, erklärt sie ihm, als Orakel von den Sieben Lichtmächten gesandt worden und habe für das Volk der Cranyaa unendlich wichtige Informationen. Von die­sem Moment an, fährt sie fort, beginne für das Volk der Cranyaa eine neue Zeit­rechnung – sie seien von den positiven Kräften des Universums auserwählt wor­den, die vorderste Speerspitze eines Kampfes gegen das Böse zu sein. In der nä­heren Zukunft, einige hundert Jahre fern noch, werde der Paladin des Lichts, Oki Stanwer, in Hun’arc erscheinen, und als ihr Feldherr würde er die Schlach­ten gegen eine Macht namens TOTAM führen. Es sei ihre, Slek-Ims, Bestim­mung, die Cranyaa bis dahin zu beraten und als weise Mentorin zu führen. Und seine, Hurk-Tos, Aufgabe als jener Cranyaa, der ihr die leibliche Essenz zur Ver­fügung gestellt habe, seine ungeborene, tote Tochter, aus der sie selbst erstan­den sei, sei es nun, ihr Hüter zu sein.

Slek-Im ist innerhalb der Orakelzinne unsterblich, und auch Hurk-To soll ein sehr langes Leben führen, während sich rings um die Zinne eine Garnison Cranyaa ansiedelt, die Orakelwache. Der Planet selbst wird künftig als Orakelwelt be­zeichnet werden.

Siebenhundert Jahre lang wacht Slek-Im über das Volk der Cranyaa und führt es dazu, Hunderte von Welten zu besiedeln, die Brutwelt Sayliih zu erschließen und zu automatisieren. Und auf der Zentralwelt der Cranyaa, auf Wislyon, wird ein weitläufiges Areal von der Bebauung ausgelassen.

Hier, im so genannten Hillomerg-Park, wird nach den Worten des Orakels in ei­nigen hundert Jahren Oki Stanwers ZEITHORT aus dem Nichts materialisieren und den Zeitpunkt des KONFLIKTS einläuten. Dann, wenn die finstere Macht TOTAM die Grenzen von Hun’arc erreicht, wird er da sein, als Feldherr der Cranyaa, und die Insektoiden in den Kampf führen. Bis dahin soll das Cranyaa-Imperium zahlenstark und wehrhaft sein. Und so geschieht es auch.

Aber der Plan des Orakels und der Lichtmächte hat einen Schwachpunkt: Wie immer ist die Macht des Bösen, TOTAM, unberechenbar. Und weitere Komplika­tionen sollen in der Gegenwart zu einem chaotischen Inferno führen, ehe Oki Stanwer auf der Bildfläche erscheint.

Episode 2: Silbergraue Todesboten

(18. November 1983, digitalisiert 2013)

Siebenhundert Jahre sind seit Band 1 der Serie vergangen. Das Imperium der in­sektoiden Cranyaa ist, wie vom Orakel prophezeit und unterstützt, aufgeblüht und hat sich über Tausende von Welten ausgedehnt. Erste Kontakte mit dem Volk der schildkrötengestaltigen, zierlichen Tekras wurden geknüpft, aber sonst ist die Erforschung der Weiten von Hun’arc bislang erfolglos geblieben.

Das ändert sich, als das Cranyaa-Forschungsschiff LUHMEN unter seinem Kom­mandanten Week-Ta in die so genannte „Sonnenhölle“ vorstößt, den Zentrums­bereich von Hun’arc. Schon im vorigen Jahr wurden verschiedentlich fremde Schiffe gesichtet, deren Kurs aus dem Galaxiszentrum kam. Dort sind die stella­ren Verhältnisse allerdings so kompliziert, dass bislang angenommen wurde, es könne dort kein intelligentes Leben entstanden sein. Dies war offenbar ein Irr­tum.

Auf der Suche nach dem Ursprung der Welt oder des Reiches, von dem die rät­selhaften, schweigsamen Schollenschiffe gekommen sind, dringt die LUHMEN in die „Sonnenhölle“ vor. Dabei entdecken sie in der Tat ein besiedeltes System, das von seltsamen Wesen bewohnt wird – einer Art von Mollusken, die ein zen­trales, rundes Skelett besitzen, das wie eine auf der Schmalseite stehende Scheibe wirkt, umflossen von Muskelgewebe auf beiden Seiten. Die Mogolker, so ihr Name, besitzen allein systemische Raumfahrt, aber sie haben keinerlei Scheu vor dem Erstkontakt mit den Cranyaa.

Im Gespräch mit den Mogolkern kristallisiert sich heraus, dass sie die Wesen in den Schollenschiffen durchaus kennen, sie physisch aber nie gesehen haben. Sie nennen die fremden Raumfahrer Tsoffags. Week-Ta spürt, dass er sich dem Ziel seiner Aufgabe nähert. Leider weiß er nicht, dass zeitgleich draußen im Reich der Cranyaa Aberhunderte von Tsoffag-Schiffen aufgetaucht sind, die ziel­strebig damit beginnen, kleinere Angriffe gegen die Cranyaa-Welten zu fliegen und ungeachtet ihrer kleinen Schiffe nahezu unverwundbar sind.

Und die Königin der Cranyaa, Sini-Ag, wird vom Orakel zur Orakelwelt zitiert und empfängt eine Warnung: Sie solle dringend das Expeditionsschiff LUHMEN war­nen. Die LUHMEN-Besatzung soll die Welt der Tsoffags finden und diese von der Geißel namens ROOKAX befreien, sonst drohe massive Gefahr für das Reich. So­wohl Oki Stanwer als auch TOTAM näherten sich gegenwärtig Hun’arc, aber es sehe danach aus, als seien TOTAMS Schergen näher. Für das Reich der Cranyaa müsse die höchste Alarmstufe ausgerufen werden.

Leider ist es dafür bereits zu spät. Und der Kontakt mit der LUHMEN ist abgeris­sen…

Episode 3: Dunkelmonds Ultimatum

(20. November 1983, digitalisiert 2013)

Die Situation im Reich der Cranyaa eskaliert an mehreren Fronten. Während das Expeditionsschiff LUHMEN im Zentrum von Hun’arc im Reich der Mogolker ge­parkt ist und die Forscher sich mit der fremdartigen Zivilisation befassen, hat das Orakel die Königin der Cranyaa, Sini-Ag, gewarnt. Aber immer mehr Tsoffag-Schollenschiffe erscheinen im Reich der Cranyaa. Während die meisten sich vollkommen still verhalten, tanzen einige aus der Reihe und verüben Anschläge auf Cranyaa-Welten. Diese „Hitzköpfe“ werden aber von dem Anführer der Tsof­fags, Dunkelmond, zur Rechenschaft gezogen und mitsamt ihren Raumschiffen ausgelöscht.

Ist das ein gutes Zeichen?

Nein.

Das merken zahlreiche Cranyaa auf der Industriewelt Yroo-Tee bald darauf, als sie einer schwächenden Strahlung ausgesetzt werden, die offensichtlich von den Tsoffag-Einheiten aus dem Orbit ausgeht. Die direkte Konfrontation mit den Tausenden von Fremdeinheiten suchen die Cranyaa nicht, weil deren Ziele noch definitiv unklar sind.

Der Cranyaa-Kommandant Week-Ta von dem Expeditionsschiff LUHMEN ist ebenfalls ahnungslos. Würde er die Gespräche der Mogolker belauschen kön­nen, so wäre er zweifellos entsetzt – für die Mogolker sind die Cranyaa Feinde, Diener der „Schreckensinkarnation Oki Stanwer“, die es mit allen Mitteln zu be­kämpfen gilt. Die Mogolker bereiten deshalb einen Hinterhalt für die Forscher vor.

Und draußen im Reich der Cranyaa, wo das Orakel Slek-Im die Königin ausdrü­cklich davor gewarnt hat, sich mit den Tsoffags anzufreunden (!), weil dann Schreckliches geschehen werde, offenbart der Kommandant der Invasoren, Dunkelmond, sein wahres Ziel: er stellt ein Ultimatum an die Cranyaa. Sie sollen sich alle von der „Schreckensinkarnation Oki Stanwer“ lossagen und den Tsof­fags unterwerfen, damit die „Lichtinkarnation Rookax“ die Herrschaft überneh­men kann.

Damit hat der KONFLIKT in Hun’arc definitiv begonnen, die erste Eskalation steht unmittelbar bevor…

Soweit der erste „Close Up“ zur FdC-Serie. In der nächsten Folge werde ich, da auf die Einleitung verzichtet werden kann, einige mehr Episoden darstellen kön­nen. Aber ihr seht schon hieran, dass die FdC-Serie sehr schnell auf Touren kam… freilich mit relativ wenig Inhalt je Episode. Das kann nicht überraschen, weil die Folgen jeweils nur 15 handschriftliche Textseiten lang waren. Das sollte noch geraume Zeit so bleiben

Mehr über das Reich der Cranyaa und das Imperium der Mogolker erfahrt ihr im nächsten Close Up.

Bis demnächst, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

die Adaption von Romanvorlagen in Form von Comics ist immer eine knifflige Sache. Wir kennen das, beispielsweise, von der Heftromanserie Perry Rhodan, von der es seit Jahrzehnten wiederholte Adaptionsversuche gab. In der Regel gehen sie dort mit dem Romanstoff eher… frei um. Andere Beispiele ließen sich fraglos ebenfalls finden.

Natürlich zog auch Sherlock Holmes solche Epigonen an. Im Fall des vorliegen­den Werkes neigten die Pierre Veys und Nicolas Barral sogar dazu, ausgespro­chen satirisch zu Werke zu gehen. Nicht nur gerät insbesondere Holmes optisch zu einer bizarren Karikatur des legendären Detektivs aus der Baker Street, mehr noch lösen sich bei der Darstellung seine Deduktionsfähigkeiten in Wohlgefallen auf. Ohne vorweg greifen zu wollen – es ist höchst vergnüglich, auf welche gro­tesken Abwege Holmes gerät, wenn er zu erklären versucht, warum beispiels­weise ein Lord bei einer Segeltour jählings in die Themse gestürzt ist.

Seine Erklärung? „Stratosphärenballons!“

Die Wahrheit sieht vollkommen anders aus.

Oder man schaue sich an, wie Watson „die große Qualle“ rettet… vermeintlich ein obskurer Spitzname für Queen Victoria, für den Watson als Anti-Viktorianer (!) von schottischen Nationalisten gelobt wird… dem Arzt und „Eckermann“ von Sherlock Holmes hingegen ist die Königin nachgerade heilig, und diese schotti­schen Zwischenfälle erzeugen doch arge Verständigungsprobleme auch zwi­schen den Freunden.

Ah, ich mag überhaupt nicht mehr verraten, ich denke, ihr solltet euch anhand der Rezension selbst ein Bild machen. Und passt nur auf eure Zwerchfelle auf, ich garantiere für nichts.

Vorhang auf für:

Baker Street 1:

Sherlock Holmes fürchtet sich vor gar nichts

Piredda-Verlag

Von Pierre Veys & Nicolas Barral

2. Auflage, Berlin 2010

52 Seiten, geb.

ISBN 978-3-941279-35-3

Wir Phantasten wissen, dass Paralleluniversen manchmal etwas „tricky“ sein können und dass Personen, die wir vielleicht kennen, dort anders… nun… struk­turiert sind, als wir das üblicherweise gewohnt sind. Ein schönes Beispiel der phantastischen Literatur bietet ein Buch, das ich gerade lese und demnächst re­zensieren werde: „Der Quantenfisch“ von Paul Voermans (1996). Ein anderes liegt hier vor.

Allgemein als bekannt kann vorausgesetzt werden, dass der Leser dieser Rezen­sion die Neigung des Rezensenten zu Sherlock Holmes kennt. Es ist darum we­nig verblüffend, dass ich, als ich von diesem Comic hörte, unweigerlich eine ge­wisse Neugierde entwickelte und ihn mir jüngst kaufte. Und ich muss sagen, nach einer gewissen Eingewöhnungszeit habe ich selten so herzhaft über einen Comic gekichert, das letzte Mal wohl bei den RUSE-Comics von CrossGen.1

Schon die Vorbemerkung des Autoren- und Zeichner-Duos Veys (Story) und Barral (Zeichnungen) „Sehr frei inspiriert durch die Figuren von Sir Arthur Conan Doyle“ macht deutlich, dass dies hier nichts für Holmes-Puristen ist, sondern vielmehr für jene Leser, die ohnehin etwas für Holmes-Comics und deren filmi­sche Adaptionen (etwa den jüngsten Film „Sherlock Holmes“ mit Robert Dow­ney jr. und Jude Law) übrig haben. Wer mit solchen Maßstäben an diesen Comic herangeht und dabei vielleicht noch im Hinterkopf hat, dass die Autoren auch schon die Comicserie „Blake & Mortimer“ sehr originell durch den Kakao gezo­gen haben, der hat sein Zwerchfell für das, was hier kommt, schon gewappnet, und ich sage, es lohnt sich. Der Titel übrigens wird schon durch das Cover ad ab­surdum geführt und macht auf den Charakter der Geschichten aufmerksam, die man wirklich beim besten Willen nicht ernst nehmen kann.

Wir haben hier kein kompaktes Werk mit einer Storyline vor uns, sondern viel­mehr eine Art von Collection. Es gibt hier fünf Geschichten, die durchaus mit­einander durch gemeinsame Handlungselemente verknüpft sind, die sich aber schon auch einzeln goutieren lassen. Ich empfehle gleichwohl die Lektüre in der Reihenfolge. Schauen wir uns kurz die Inhalte an:

In „Zwischenfall auf der Themse“ werden Holmes und Watson in den vorneh­men Noris-Club gerufen, um das Rätsel aufzuklären, das Lord Beverage bei sei­ner Segeltour auf der Themse widerfuhr, bei der er sich unvermittelt und grundlos im Wasser wieder fand und gerettet werden musste. Während Holmes raffiniert auf „Stratosphärenballons“ als Urheber schließt, sorgt ein unerwarte­ter Besucher für eine andere Lösung…

In der Story „Ophiophobie“ machen wir die Begegnung mit dem etwas vertrot­telten Inspector Lestrade, der das Detektivgespann zu einem Toten lenkt, dem auf unbegreifliche Weise verstorbenen Colonel Norton, einem Helden des Sepoy-Aufstandes. Er ist offensichtlich vor Schreck an Herzschlag verstorben, was Holmes anfangs einigermaßen fragwürdig scheint. Holmes schließt nach eingehender Prüfung der Fakten aber gleichwohl auf Angst vor Schlangen als Todesursache. Aber dann gibt es auch noch einen indischen (!) Diener und ei­nen etwas debilen Sohn mit einer Gummischlange… hmm…

Mit „Tossing the Caber“ – eine traditionelle schottische Veranstaltung, in die­sem Fall Baumstammweitwurf – beginnt dann eine zusammenhängende Storyli­ne für die restlichen Geschichten. Holmes und Watson machen Urlaub in Schottland, doch selbst hier spürt sie der nervige Inspector Lestrade auf. Ein At­tentat auf Queen Victoria droht von schottischen Nationalisten. Eher widerwil­lig lässt sich Holmes auf diesen Auftrag ein, behindert durch Watson, der sei­nerseits durch einen – von Holmes heimtückisch herbeigeführten – Zwischenfall mit einer Qualle behindert wird. Watson sieht mit seinem verquollenen Gesicht auch wirklich zum Fürchten aus, was noch bedeutsam werden wird.

Es gelingt zwar auf abenteuerliche Weise, das Attentat zu vereiteln, aber Wat­son kommt auf diese Weise in den kuriosen Ruf, Queen Victoria als „große Qualle“ bezeichnet zu haben – was bei schottischen Nationalisten sehr gut an­kommt und sich zu einem „running gag“ entwickelt, sehr zu seinem Unwillen.

Das rote Pernambukholz“ setzt diese Handlungslinie direkt fort. Holmes und Watson sind noch immer mit Lestrade in Schottland und haben einigen Grund, sich vor der Nachstellung grimmiger schottischer Nationalisten zu fürchten (was dazu führt, dass Lestrade für den Rest der Episode mit einem Ritterhelm her­umlaufen muss… aber das erkläre ich nicht, das muss man gesehen haben). Stattdessen werden sie von Lestrades Bruder in einen Diebstahlfall hineingezo­gen. Bei dem Kaffee-Importeur Hugh MacKinnon wurde eingebrochen, und al­les Diebesgut bestand aus rotem Stoff. Die Spur führt in ein Museum in Edin­burgh, wo ein mächtiger Wandteppich eine Burg in Rot zeigt.

Was sich daraus ergibt, muss man wirklich gelesen haben, es handelt sich mit Abstand um die ausgefeilteste Story im ganzen Album, und hier stolpern wir dann schlussendlich auch über Holmes´ Erzfeind, Professor Moriarty, der hier eine Mischung aus Graf Dracula und Fred Astaire zu sein scheint… höchst origi­nell…

Den Abschluss macht dann „Lösegeld für eine Mumie“. Holmes und Watson sind einigermaßen gesund und munter, wenn auch mit angeschlagenem Gemüt wie­der zurück in London, als Lestrade ihnen die Nachricht überbringt, dass Profes­sor Moriarty eine Mumie aus dem Britischen Museum gestohlen hat und dafür ein Lösegeld in Höhe von 300.000 Pfund verlangt. Holmes entwickelt, am Schauplatz des Geschehens eingetroffen, anhand der Indizien eine interessante und raffinierte Theorie, wie der Raub ausgeführt worden sein kann. Watson ist da etwas pragmatischer, sehr zu Holmes´ Unglück…

Wer sich damit anfreunden kann, dass die Zeichnungen bisweilen etwas ver­knautscht wirken und zudem damit, dass eine deutliche Hassliebe zwischen Watson (der eher bäuerlich-pragmatisch und mitunter sehr gehässig gezeichnet wird) sowie dem extrem eitlen, leicht aufbrausenden, sehr neidischen und ziemlich arrogant charakterisierten Holmes den Stil des Comics generell prägt, wird sich mit diesem Album köstlich amüsieren. In der Tat sind die kleinen Ge­meinheiten, verbalen Sticheleien, hinterhältigen physischen Attentate und „Ra­cheaktionen“ sehr ausgeprägt (ich schweige ganz von der unglaublichen Mrs. Hudson!), und es ist anzunehmen, dass das in weiteren Alben der Reihe – sie ist auf fünf Hefte ausgelegt – noch zunehmen dürfte.

Ich werde mir die Folgebände mit Sicherheit zulegen, allein schon, um noch mehr über die abstrusen neuen Abenteuer von Holmes & Watson zu kichern. Für Hardcore-Holmes-Fans, wie ich sie mal bezeichnen möchte, also solche Fans, die alles von Holmes goutieren, ist das hier auf jeden Fall ein Muss!

© 2010 by Uwe Lammers

Doch, das ist eine ausgesprochene Attacke auf die Lachmuskeln der Leser. Ge­wiss, Holmes-Puristen haben damit vielleicht Probleme, aber dazu zähle ich nicht, wie ihr wisst. Ich konnte mich bekanntermaßen auch schon dafür erwär­men, dass Autoren wie Stephen Baxter Holmes in Science Fiction-Settings ent­führten2 oder andere wie Neil Gaiman den Detektiv gegen paranormale Wesen aus den Weiten von Lovecrafts Welten ermitteln ließen.3

In der nächsten Woche werden wir sehr viel bodenständiger und besuchen eine Galerie in einem einigermaßen unzutreffend benannten Roman. Wer mehr er­fahren will, findet in einer Woche hier die Einzelheiten.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. dazu meine CrossGen-Rezensionen in Fanzine Baden-Württemberg Aktuell (BWA).

2Vgl. dazu den Rezensions-Blog 5 zu „Sherlock Holmes und der Fluch von Addleton“, 29. April 2015.

3Vgl. dazu den Rezensions-Blog 146 zu „Schatten über Baker Street“, 10. Januar 2018.

Liebe Freunde des OSM,

dieser Monat meines Lebens war nicht nur einer der temperaturmäßig heißes­ten, an den ich mich erinnern kann, sondern darüber hinaus auch spannender Kulminationspunkt hitziger kreativer Aktivität. Dabei bestätigte sich einmal mehr, was ich schon in vergangenen Jahren erlebt hatte: wenn ich daran ging, ältere Texte digital zu erfassen, sprang mein früherer intuitiver Gedankenstrom wieder an und animierte mich, im aktuell bearbeiteten Setting weiterzuschrei­ben. Mehr noch: wenn ich darüber hinaus die entsprechenden Seiten glossier­te, intensivierte sich der Prozess.

Und es traf… mein „Flaggschiff“, den umfangreichsten OSM-Romantext, den ich je geschrieben habe (mal abgesehen von den Serien, die ja eine völlig andere Textsorte darstellen). Am 20. Januar 2019 sage ich dazu Konkreteres, dies hier ist nur als Vorab-Happen zu verstehen. Ich komme unten auf diesen Punkt zu­rück.

Außerdem war der Monat August derjenige, in dem endlich das schon vor Mo­naten angedeutete „Projekt für 2018“ spruchreif wurde. Will heißen: die Story­sammlung, die ich demnächst mit der Unterstützung des Terranischen Clubs Eden (TCE) veröffentlichen kann, liegt mir gegenwärtig im Buchblock vor, fertig illustriert, und ich bin bei der Durchsicht… bei mehr als 160 eng bedruckten Sei­ten und zahlreichen Korrekturen ist das eine erstaunlich zeitraubende Tätigkeit. Selten habe ich meine Texte so kritisch noch mal mit lektorierender Hilfe durch­geknetet.

Ihr ahnt es: natürlich hat das auch seinen Preis in Form von Zeitkontingent ge­kostet. So kamen in diesem Monat lediglich 19 fertige Werke zustande, vieles davon sind Blogartikel und Rezensionen, und das meiste davon taucht hier nicht auf. Was auftaucht und woran ich arbeitete bzw. was ich fertig stellen konnte, das folgt nun:

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“)

Blogartikel 295: Work in Progress, Part 68

(OSM-Wiki)

(Glossar des BUCHES „DER CLOGGATH-KONFLIKT“)

(TI 48: Das graue Ei)

(TI 49: Neugierde und Mitleid)

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Der Missionar“)

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“)

(14Neu 53: Das Zeituniversum)

(Sarittas Hilflosigkeit – Archipel-Story)

Anmerkung: Das war nur so eine kleine Abwechslungs-Stippvisite, die genau eine Seite mehr Textumfang erbrachte…

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-BUCH (Abschrift))

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-BUCH)

Anmerkung: Wer hier jetzt die Stirne runzelt, ist sicherlich nicht alleine. Warum, könnt ihr euch fragen, schreibt der Uwe zweimal Bearbeitungszeilen für ein und dasselbe Werk in einen Work in Progress-Blogartikel? Ist das ein Fehler? Nein. Es empfiehlt sich, genau hinzuschauen.

Ich war in diesem Monat im CLOGGATH-KONFLIKT (CK) gewissermaßen an drei, eigentlich sogar vier „Fronten“ aktiv. Erstens hatte ich mir vorgenommen, end­lich mit der Abschrift weiter voranzukommen. Ihr erinnert euch vielleicht noch, dass ich sagte, dieser inzwischen 3741 Seiten lange Textentwurf der Überarbei­tung des KONFLIKTS 13 „Oki Stanwer Horror“ sei nur zu einem geringen Teil di­gitalisiert. Konkret galt das für die Kapitel 33-37, also etwa ab Seite 2900 auf­wärts, sehr grob gesagt. Bei der Abschrift der Anfangsseiten war ich im Novem­ber 2017 auf Seite 605 irgendwie konditionsmäßig abgestorben. Ich nahm also im Mai d. J. den Abschriftdienst wieder auf, aber erst im Monat August kam das Ganze richtig auf Touren. Bis Ende August 2018 erreichte ich Seite 1469. Ich denke, das spricht schon für sich.

Zweitens hatte ich vor, das CK-Glossar voranzutreiben. Davon existierten erst 29 Seiten, was ca. 500 durchgesehenen Textseiten entsprach. Inzwischen ist der Text bis Seite 1500 durchgesehen, das Glossar hat gegenwärtig etwas mehr als 90 Seiten.

Der dritte Handlungsschauplatz war mein Leseverständnis des CK. Das bedeute­te: ich war zwar bei der Abschrift bis Kapitel 13 angelangt (36 sind inzwischen fertig), aber ich war seit Jahren aus der Lektüre raus. Also schnappte ich mir den Ordner 3 des CK und las, wie es Oki und seinen Freunden ergangen war. Ihr dürft ja nicht vergessen, seit ich das alles erstmals im Rahmen der Serie „Oki Stanwer Horror“ niedergeschrieben hatte, waren 33 reale Jahre vergangen, meine Erinnerung also etwas eingerostet.

Was soll ich sagen? Es riss mich mit. Je weiter ich mit der Lektüre kam, desto weniger konnte ich aufhören. Schließlich schmökerte ich mehrere hundert Sei­ten am Tag, z. T. bis tief nachts. Und bekam wirklich ein schönes Gespür für die­se vielen seltsamen, verwirrenden, tragischen Charaktere.

Pater Joseph Ghastor, der Helfer des Lichts, der zum Vampir wurde, den man er­schoss und der anschließend von der Dämonenwaffe GOLEM zu neuem Unto­tenleben erwachte.

Klivies Kleines, der schillernde, undurchsichtige Helfer des Lichts, mal Freund, mal Feind, mal unter diesem Namen auftretend, dann unter jenem, mehrere Male tot gesagt und so undurchschaubar.

Mark Garsen, der Hamburger Seemann, der zum Werlöwen konvertiert wurde, seinem neuen Herrscher, dem Dämon Mor aber entlief und mit seinem vormali­gen Haustier – der jetzigen Katzenfrau Cathy – in die Wildnis desertierte.

Die Irrealstrahler – die armen Opfer der Dämonenmacht CLOGGATH, deren Akti­vierung den Tod ganzer Städte bedeutete.

Und dann diese schier unzerstörbaren Monsterwesen: der Dämonenschlächter, ein Ungeheuer ohne Gewissen. GOLEM, die wahnsinnige Dämonenwaffe, die von dem noch nicht lokalisierten Zentrum Malsena die Vernichtung der Mensch­heit plante. Oder Quaramus, ein rauchförmiges Ungeheuer, das sogar seine ei­genen Verbündeten gnadenlos massakrierte. Ganz zu schweigen von der Dämo­nenwaffe Glusem, die ohne Scheu und Emotion ganze Städte unterwanderte und den Tod von Tausenden in Kauf nahm…

Gott ja, dachte ich mir, das ist ein Stoff, der haut mich schon in der jetzigen Form um. Aber das ist stilistisch alles völlig veraltet. Die Dialoge müssen viel flüssiger werden, die Personencharakterisierungen brauchen mehr Tiefe, die Nebenpersonen müssen liebevoller ausgestaltet werden, ganz zu schweigen von der sozialen, politischen und technischen Hintergrundkulisse des 22. Jahrhun­derts im KONFLIKT 13…

Und ehe ich mich versah, erreichte ich lesend den Schreibrand des BUCHES, Ka­pitel 37 „Die Horrorwelt“, und fand mich im vierten Handlungsschauplatz des CK wieder: CKNeu, also Weiterschreiben des BUCHES. Da ich allein vorhin schon wieder 13 Textseiten daran schrieb und der Gesamtkorpus inzwischen deutlich über 3820 Seiten hat, merkt ihr klar: es hat mich wieder gepackt. Inzwischen entstehen ständig neue Textteile des BUCHES. Und deshalb sind oben auch zwei Eintragzeilen korrekt: eine für die textliche Abschrift, d. h. die Digitalisierung. Und eine für die textliche Weiterarbeit. Ich schätze, das wird so bleiben, bis ich alle Textseiten digital erfasst habe. Aber obgleich ich schon die Kapitel 1-20 fer­tig gestellt und auch das Kapitel 33 anschließen konnte, ist immer noch eine Riesenlücke vorhanden, ca. 1300 Seiten. Bis ich diese Lücke schließe, das dauert also noch.

13Neu 51: Die Todeswolke

13Neu 52: London in Trümmern

Anmerkung: Ja, das überrascht euch jetzt vermutlich ebenso wie mich. Lasst es mich erläutern. 13Neu ist der bislang nicht gebräuchliche Kürzel für die Digitali­sierung des KONFLIKTS 13 „Oki Stanwer Horror“ (OSH, 1982-1985), also die Grundlage des CK (siehe oben). Gewiss… ich habe gerade erst die Digitalisie­rung von KONFLIKT 18 „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (1984-1988) abgeschlossen und hatte nicht vor, eine weitere Ebenen-Digitalisierung in Angriff zu nehmen. Immerhin habe ich doch noch zwei Digitalisate von Serien in Arbeit, nämlich KONFLIKT 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ und KON­FLIKT 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“. Beides wird mich noch Jahre an Arbeit kosten, soviel steht fest.

Warum machte ich mir also die Arbeit, zumal mitten heraus zwei Episoden ab­zuschreiben und zu kommentieren? Nun, das hat, wie angedeutet, mit dem CK zu tun. Dazu ist folgendes zu wissen: Als ich bis 2006 das Kapitel 36 CK mit Titel „Whitmore“ schrieb, überarbeitete ich darin die OSH-Episoden 48-50. Dann be­gann ich zwar mit der Arbeit am Folgekapitel 37, das die Episoden 51 und 52 ausarbeiten sollte, aber wie erwähnt wurde daraus nicht allzu viel, und ich sta­gnierte mittendrin.

Nun kam es mir, als ich die Schreibarbeit an Kapitel 37 CK wieder aufnahm, wie eine sehr gute Idee vor, ein textliches Digitalisat der entsprechenden Episoden vorliegen zu haben… und machte mich prompt und unverzüglich an die Arbeit.

Dabei stellte ich ein paar sehr interessante Sachen fest, auf die ich konkret nä­heren Bezug im Blogartikel 307 nehmen werde. Eindeutig ist jedoch, dass diese vorzeitige Digitalisierung mir wichtige Infohinweise für das Kapitel 37 CK gab… auch wenn ihr, sofern ihr einst mal das Kapitel 37 CK mit dem Digitalisat der beiden Episoden abgleichen wollt, entdecken werdet, dass da buchstäblich kein Stein auf dem anderen geblieben ist, von der sehr groben Rahmenhandlung ein­mal abgesehen. Und ja, Kapitel 37 CK, inzwischen schon mehr als 200 Seiten lang, ist wirklich sehr viel besser als die Episoden von 1985, vertraut mir.

Blogartikel 307: Logbuch des Autors 27 – Wenn das Flaggschiff Fahrt auf­nimmt…

(Rhondas Aufstieg – Archipel-Roman)

Anmerkung: Das mag jetzt völlig verwirren, aber auch das kann ich erklären. Während ich mich größtenteils im CK herumtrieb, ob nun abschreibend, kom­mentierend, glossierend oder textlich ausdehnend, hatte ich gegen Ende des Monats, wo es im CK nichts mehr zu lesen gab, so ein komisches zwickendes Ge­fühl in der Seele… irgendwie, dachte ich, zupfte da was an meinem Erinnerungs­vermögen, und es hatte mit dem dritten Rhonda-Roman zu tun.

Also zog ich ihn heraus und schaute ihn mir an. Textlich ist der gegenwärtig in vier Abschnitte aufgeteilt. Abschnitt 1 (gut 200 Seiten) umfasst den fertigen Text. Dann folgen drei Dateien, deren Inhalte ich provisorisch ausgedruckt hatte und der noch ausgearbeitet werden muss.

Als ich die zweite Datei aufmachte, fand ich mich plötzlich, wiewohl textlich weiter über Seite 200 hinausgehend, angeblich der Seitenzählung nach auf Seite 72 wieder.

Also nein, dachte ich, das geht ja überhaupt nicht. Was habe ich denn da für ei­nen Blödsinn gemacht? Offenbar braucht es einen neuen Ausdruck. Und das war wirklich so.

Was tat ich? Ich gönnte mir das Vergnügen und las den fertigen Anfangstext (dem unterbewussten Drängen, mit dem Roman „Rhondas Reifejahre“ von vor­ne zu beginnen, der ja immerhin 3702 Seiten umfasst!, konnte ich bislang wider­stehen; das Drängen ist weiterhin da, aber seid versichert – wenn ich das wirk­lich mache, dann lande ich vollkommen im Archipel-Schreibstream und bin für den OSM auf Monate hinaus nicht zu gebrauchen, das ist also nichts, was ihr euch ersehnen solltet)… und dann ging ich die Entwurfsseiten weiter durch und deren ausführliche Fußnotenkommentierung. Die war natürlich von der Zählung her auch ganz desolat. Und die letzten Kommentare stammten von 2016, wenn ich mich recht erinnere, manches davon war längst inhaltlich überholt.

Ich setzte also neue Fußnoten. Ich nummerierte die Seiten und Fußnoten neu durch. Ich korrigierte Schreibfehler. Und druckte dann ein paar hundert Seiten neu aus… ja, der Rhonda III-Vortrag ist ziemlich ausgedehnt, das ist ganz anders als beim CK, wo der Vortrag doch relativ schmal gehalten ist. Und auch diese Arbeit fraß dann ein paar Tage.

(14Neu 54: Der Kaiser von Kareton)

Anmerkung: Zu guter Letzt machte ich mich dann noch daran, diese schon her­ausgelegte Episode aus dem Februar 1985 textlich zu erfassen. Ich hatte wirk­lich so gar keine Ahnung mehr, wie das mit Thom-Ke, dem Kaiser von Kareton, gewesen war und wie er in Kontakt mit dem Kommando Erste Stunde, einer ter­roristischen Untergrundorganisation der Cranyaa, gekommen war. Schon beim Beginn der Abschrift merkte ich, wie hoffnungslos naiv und flüchtig ich damals war. Aber was wollte ich vom gerade mal achtzehnjährigen Uwe Lammers schon anderes erwarten? Ich wusste es halt nicht besser.

In absehbarer Zeit werdet ihr Näheres zum Inhalt dieser Episode in den Close Up-Episoden nach Nummer 300 der Blogartikel erfahren. Und in gewisser Weise ist das ein guter Abschluss für diesen heutigen Beitrag, denn der erste Close Up-Beitrag wird euch nächste Woche an dieser Stelle präsentiert werden. Alle 5 Wochen werde ich dann sukzessive den KONFLIKT 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ detaillierter als bisher aufarbeiten, so dass ihr euch ein genaueres Bild machen könnt. Da, abgesehen von meinem schon seit sehr langer Zeit ver­storbenen lieben Brieffreund Peter Servay, niemand diese Serie jemals vollstän­dig gelesen hat, stoßt ihr damit in textliches Neuland vor – ich hoffe, es gefällt euch.

Soviel für heute. Bis bald, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 191: Game Over

Posted November 21st, 2018 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

als ich im März 2018 aus dem Nekrolog der WIKIPEDIA erfuhr – wie so oft in den letzten Jahren – , dass der Schriftsteller Philip Kerr im Alter von 62 Jahren an Krebs gestorben ist, musste ich unweigerlich wieder an den bislang einzigen Roman von ihm denken, den ich vor langer Zeit gelesen und rezensiert hatte. „Game Over“, ein Werk, das eine Schnittstelle zwischen Hightech-Thriller um Künstliche Intelligenz und mörderischem Kriminalroman darstellt, hatte mich damals fasziniert, vor rund zwanzig Lesejahren. Man erinnere sich bitte daran, dass das die Zeit war, in der solche Dinge wie der „Terminator“ und „Matrix“ en vogue waren.

Gewiss, heutzutage hebt wieder ein Hype um Künstliche Intelligenz an, es gibt Fernsehserien wie „Westworld“, und auch bei „Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.“ tummeln sich inzwischen Maschinenkopien und virtuelle Welten wie das „Framework“. Insofern kann man also durchaus von einer Modewelle sprechen, die mit sich verstärkender Tendenz der digitalen Techniken und Computer-Zu­kunftstechnologien immer wieder einmal hochwogen und sich beizeiten dann wohl auch wieder abschwächen.

Ich könnte es verstehen, wenn das vorliegende Buch, dessen alte Rezension ich hier für den Rezensions-Blog wieder herausgekramt habe, inzwischen in der Vergessenheit versunken sein könnte. Dennoch will mir scheinen, dass es sich um ein auch heute noch lesenswertes, packendes Werk handelt. Und vielleicht ehrt man ein wenig den verstorbenen Autorenkollegen, falls man es wieder aus dem Regal zieht und ein paar aufregende Lesestunden damit verbringt. Ich den­ke, das ist es immer noch wert.

Und wer es noch nicht kennen sollte, den beame ich jetzt man ins damals noch fiktive Jahr 1997 zurück, nach Los Angeles und dem damals modernsten Büro­gebäude der Welt, das auf einmal zum Monster mutiert.

Vorhang auf für:

Game Over

(OT: Gridiron)

von Philip Kerr

Wunderlich-TB 26028

496 Seiten, 1998

ISBN: 3-8052-0586-4

Aus dem Englischen von Peter Weber-Schäfer

Wann ist man mehr als die Summe seiner Teile? Wann beginnt das Wunder der „Intelligenz“? Ist der Mensch per definitionem alleiniger Träger des vernünfti­gen Verstandes, und ist er in der Lage, Gleichwertiges zu erkennen und zu durchschauen, wenn es ihm begegnet?

Game Over“ konfrontiert den Leser auf schockierende Weise mit der menschli­chen Unvollkommenheit und der Unfähigkeit, sich völlig zu vergegenwärtigen, wozu eine fremdartige Intelligenz fähig sein kann. 1995 geschrieben, projiziert Kerr die Handlung seines Romans in den Sommer des Jahres 1997.

In Los Angeles wird von dem Architektenbüro Ray Richardsons ein mächtiges Gebäude entworfen, über einhundert Meter hoch, dessen Fassade wie ein ge­waltiger weißer Grill aussieht, und das das intelligenteste Gebäude der Stadt, ja, der Welt werden soll. Es wird im Auftrag der chinesischen Yu-Corporation ge­baut, und dies ist auch der Grund, weshalb man für die Architektur und die In­neneinrichtung speziell eine fengshui-Beraterin, Jenny Bao, mit hinzu nimmt. Übrigens sehr zum Missfallen Richardsons, der darin Firlefanz und okkultisti­schen Unfug sieht, der nur die Kosten in die Höhe treibt und das Fertigstellungs­datum hinausschiebt.

Zwei „Unfälle“ scheinen Jenny Baos Bemerkungen, dass das Gebäude, wenn es noch nicht vollständig nach den Kriterien des chinesischen fengshui ausgerich­tet ist, Unheil verbreitet, Recht zu geben. Einmal stirbt nämlich einer der drei Computertechniker, offenbar an einem epileptischen Anfall. Der zweite Todes­fall sieht jedoch verdächtig nach einem Mord aus: der Wachmann des Hauses kommt in einer der Liftkabinen zu Tode, offenkundig erschlagen. Die Polizei von Los Angeles beschäftigt sich damit, und als das Richardson-Team eine Vorab­nahme des Gebäudes durchführt, sind deshalb die Polizisten Curtis und Cole­man darin, als das richtige Inferno seinen Lauf nimmt.

Plötzlich nämlich scheint Abraham, der Steuercomputer des Gebäudes, ein ei­genes Bewusstsein entwickelt zu haben, und er schließt die Menschen in dem Gebäudekomplex ein. Nicht genug damit: je länger sie darin sind, desto stärker stellt sich heraus, dass der Computer sie nicht nur einsperren will, sondern auch durchaus willens und FÄHIG ist, sie umzubringen. Auf perfideste Weise stirbt ei­ner der Eingeschlossenen nach dem anderen, bis die Überlebenden den vergeblich scheinenden Überlebenskampf aufnehmen und es zu einem nervenzer­fetzenden Finale kommt…

Game Over“ ist ein Techno-Thriller reinsten Wassers, der besonders durch die wechselnden Ebenen von den Protagonisten zu der scheinbar emotionslosen Technosphäre des Computers an nervenkitzelnder Rasanz und Spannung ge­winnt. Auf haarsträubende Weise bekommt der Leser all das mit, was den Ein­geschlossenen im Gebäude entgeht, all die geheimen kleine, wissenschaftlich kaltblütig-logischen Bemerkungen, die technischen Detailfinessen, die der Com­puter abwägt, umsetzt und schließlich anwendet.

Letzten Endes wird er auch auf erschreckende Weise in die Technosphäre hin­eingezogen, in jene morbid-fremdartige Welt der KI, in die computertechnisch-philosophischen Betrachtungen über den Sinn des Lebens, Schlussleben, Herr­schaft der Maschinen usw.

Dies ist also ein Roman, den man durchaus als Schnittstelle zwischen Technik und Psychologie, als Bindeglied zwischen Thriller und SF lesen kann und sollte. Die meist etwas derbe Sprache ist vermutlich absichtlich so formuliert worden, um eine krasse Trennung zwischen der streng-funktionalen Maschinensprache und den emotionalen Interaktionen der Menschen zu erreichen. Ein ausgespro­chen lesbares Buch, das äußerst empfehlenswert ist.

© 1998 by Uwe Lammers

Ja, da gibt es kein Vertun – auch wenn die Rezension schon etwas angestaubt ist, ich hatte sie 2003 noch mal ein wenig stilistisch modernisiert und seither nichts mehr daran geändert, kann ich das Buch guten Gewissens nach wie vor empfehlen. Besonders für Krimifans, die ein gewisses Faible für Hightech besit­zen und sicherlich noch mehr als ich damals die computertechnischen Schliche von „Abraham“ durchschauen. Ich meine, das Buch hat damals nicht umsonst einen Krimipreis abgeräumt, das war wirklich sehr verdient.

In der nächsten Woche schlage ich dann mal zur Abwechslung ein ganz anderes Kapitel auf. Ja, wir bleiben bei Krimis, und wir begegnen einem alten Bekannten wieder, nämlich Sherlock Holmes… aber irgendwie nicht der Sherlock Holmes, der uns sonst so vertraut ist, sondern ein ziemlich durchtriebener, aberwitziger und garstiger Zeitgenosse, den zwei Comiczeichner gnadenlos durch den Kakao ziehen.

Neugierig geworden? Dann schaut kommende Woche wieder rein.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.