Rezensions-Blog 77: Todesjäger

Posted September 14th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute empfehle ich euch die Lektüre eines sehr dünnen Buches, gerade mal gut 200 Seiten stark, und alt ist es zudem… und dennoch bin ich der festen Über­zeugung – die ihr vielleicht teilt, wenn ihr diesen Rezensions-Blog ausgelesen habt – , dass es Buch, Autor und Thema sehr lohnenswert erscheinen lassen, nicht in Vergessenheit zu geraten.

Das Thema ist sowieso unvergesslich, da es uns alle betrifft – der Tod, der grim­me Schnitter mit der Sense, wie er in zahllosen Karikaturen dargestellt wird, je­nes Wesen, das zu allerletzt lacht und jeden bekommt… nun, oder eben auch nicht. Es geht in dem vorliegenden Buch nicht nur um Geschichtsreflexion, Phi­losophie, Tod und Unsterblichkeit, sondern noch um sehr viel mehr. Und Ian Watson ist jemand, der sich diese Fragen durchaus nicht banal beantwortet, sondern tiefschürfend darin eindringt.

Ich schlage euch vor, es ihm gleichzutun. Wer neugierig ist, der folge mir in die­ses Buch:

Todesjäger

(OT: Deathhunter)

von Ian Watson

Heyne 4206, 1985

224 Seiten, TB

ISBN 3-453-31180-9

Aus dem Amerikanischen von Walter Brumm

Die Welt ist ein anderer Ort geworden nach dem sowjetisch-chinesischen Krieg. Eine Milliarde Opfer des nuklearen Holocaust bewirkten eine dramatische Wandlung der menschlichen Mentalität zum Besseren – Gewalt wurde generell geächtet, Kriege abgeschafft, Waffen sind verpönt und für die Generation von heute fast unbegreifliche Anachronismen.

Eine neue Ethik hat zeitgleich Einzug gehalten im Denken der Menschen. Die schockartige Erkenntnis des brutalen, sinnlosen und jähen Tötens intelligenter Wesen führte zu einem anderen, sensibleren Umgang mit dem Phänomen des Todes. Der Tod war, wie ein Redner im Buch treffend sagt, „etwas, das uns nicht betraf, nur die anderen. Wir machten sie zu Fremden, die nichts mit uns zu tun hatten. Wir verdrängten den Tod aus unserem Bewusstsein, über unsere per­sönliche Grenze hinaus in feindliches Territorium. Und als das geschehen war, sahen wir in Fremden, in Ausländern, nur den Tod. Wir phantasierten von einem Leben nach dem Tode, sogar von Wiederauferstehung, aber niemals dachten wir an unser eigenes Sterben, das diesem Leben ein Ende setzt…“

Ja, so war die Welt, bevor Todeshäuser wie in Egremont geschaffen wurden. Orte, an denen unheilbar Kranke oder Lebensverdrossene sowie sieche Alte ge­hen konnten und ihnen Verständnis und Betreuung gegeben wurde. Das – und der „gute Tod“. Durch einen verständnisvollen „Führer“ auf den Tod vorbereitet, dem sie zustimmten und sich durch ihren „Führer“ verabreichen ließen, wonach sie in Krematorien verbrannt wurden, parfümiert mit Sandelholzaroma.

Jim Todhunter, ein „Führer“ aus dem Todeshaus in Gracchus, wird ins Gebirge verbannt, ins Haus von Egremont, wobei zunächst unklar bleibt, warum das al­les geschieht. Todhunter kommt in jenem Moment in der friedlichen Gemeinde Egremont an, wo der weltberühmte Dichter Norman Harper seinen Abschied geben will, garniert mit zahlreichen Reden, und danach wird er sich, so ist es geplant, der Obhut seiner „Führerin“ Alice Huron anvertrauen und aus dieser Welt scheiden.

Leider hat das Schicksal anderes für ihn vorgesehen – Jim Todhunter wird bei der Ehrung Zeuge eines unbegreiflichen Verbrechens. Ein alter Mann springt auf und erschießt den Dichter, offensichtlich ohne Motiv. Danach lässt er sich ohne Widerstand verhaften und wegführen.

Nathan Weinberger, so der Name des Attentäters, ist ein todkranker, an Krebs leidender Insasse des Todeshauses von Egremont, und auf abenteuerliche Wei­se hat er offenkundig alle Bediensteten bisher über seine Wahnideen hinweg­getäuscht. Jim Todhunter macht mit ihnen zwangsläufig Bekanntschaft, als man ihn beauftragt, zum „Führer“ Weinbergers zu werden. Er soll den krebskranken Mann dazu bringen, seine Taten zu bereuen und öffentlich einzugestehen, da­mit er dann „in Seelenruhe“ aus dem Leben scheiden kann. Zur Not könne er dafür auch sogar Weinbergers Waffe bekommen, um die Sache „zu Ende zu bringen“.

Abenteuerlich? Oh ja, aber das ist nur ein kleiner Teil des Problems.

An eine reuevolle Rückführung des Attentäters ist auch aus anderen Gründen kaum zu denken. Weinberger frönt nämlich offenkundig einer Wahnidee, für die er seine Unterkunft, insbesondere sein Bett, in ein vergittertes, mit Spiegeln umgebenes Laboratorium verwandelt hat. Der Polizeichef von Egremont hält das für eine Art von sexistischem Spielzeug, gedacht als Menagerie für einen „virtuellen Harem“. Er versteht überhaupt nichts.

Als Todhunter und Weinberger sich etwas näher kommen, erklärt der Kranke auch diese Apparatur, und die dahinterstehende Theorie klingt völlig wahnsin­nig: Weinberger ist davon überzeugt, dass der Tod kein natürliches Phänomen, sondern vielmehr ein Wesen aus einer fremden Dimension ist. Wenn man es einfangen kann, und nichts Geringeres schwebt ihm vor, dann kann man den Tod entmachten, gleichsam unsterblich werden.

Dies ist eine absurde Idee in einer gänzlich säkularisierten Welt, in der man die Existenz einer Seele für irreal hält, eine Zwangsvorstellung, um die Angst vor dem Tod wirksam zu bekämpfen. Jeder andere „Führer“ würde sie instinktiv vollkommen ablehnen – aber nicht Jim Todhunter, der als Kind ertrank und wie­derbelebt wurde. Denn er hat das „strahlende Licht“ des Jenseits verheißungs­voll gesehen, und als er sich auf Weinbergers „Wahnidee“ einlässt, lernt er auch die Erscheinungsform des Todes und jene Welt kennen, in der er regiert… und das alles ist erst der Anfang.

Dieser Roman ist keine leichte Kost.

Als ich ihn mir 1997 antiquarisch kaufte, war mir das noch nicht bewusst, ich wollte einfach nur einen weiteren Watson-Roman besitzen, da ich den Autor schon damals schätzte.1 Mit dem Lesen musste ich dann bis 2007 warten. Man braucht nur wenige Seiten, um die Zumutungen zu begreifen, die Watson insbe­sondere deutschen Lesern zumutet: Eine Welt, in der Euthanasie (!) konstituti­ver Bestandteil der Welt ist, in der Menschen, die andere Menschen vom Leben „erlösen“, als „Führer“ (!) bezeichnet werden. Direkt angeschlossene Krematorien (!)…

Wer da als geschichtsbewußter deutscher Leser nicht automatisch gruselnd an die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, an Auschwitz-Birkenau und an die T4-Stelle am Berliner Tiergarten denkt, sollte diese Geschichtslücke besser rasch schließen. Dies ist allerdings, das soll ausdrücklich betont werden, KEIN Grund dafür, die Lektüre dieses Buches abzubrechen, ganz im Gegenteil. Es macht vielmehr sehr sensibel für das raffinierte, strukturierte Geflecht von Ian Watsons Werk. Er wagt sich mit voller Absicht in das Minenfeld von Sterbe­hilfe, Todesreflexion, Psychologie, Philosophie und Ethik hinein.

Wenn wir heutzutage über die Diskussionen nachdenken, die in den späten 90er Jahren und den frühen Jahren des dritten Jahrtausends nach Christi über die Hospizbewegung, Sterbehilfe, die Grenzen der medizinischen Eide und der­gleichen mehr geführt wurden (sie sind noch längst nicht ausgeräumt), so er­scheint uns der 1981 von Watson geschriebene Roman als ein Vorreiter dieser Diskussionen, als durchweg prophetischer Autor.

Sein Buch ist infolgedessen spannungsarm, aber äußerst intensiv mit Reflexio­nen und philosophisch-psychologischen Gedankengängen angereichert. Und es hat mehrere doppelte Böden. Es sei nur an wenigen Beispielen deutlich ge­macht. Der implizite Bezug auf die Nazis ist absolut beabsichtigt und erfüllt einen bestimmten Zweck, der aber erst sehr spät zu Tage tritt. Dann ist es inter­essant, mit ein wenig Hintergrundwissen Namen in diesem Buch zu analysieren. Man nehme etwa das Haus „Gracchus“, aus dem Todhunter, die Hauptperson, gekommen ist. Das Wort geht zurück auf das Adelsgeschlecht der Gracchen in der römischen Antike, speziell auf die beiden Quästoren Tiberius Sempronius Gracchus und seinen Bruder Gaius Sempronius Gracchus. Erst genannter trat im zweiten Jahrhundert vor Christus für eine Landreform ein und damit für energische gesellschaftliche Veränderungen. Er konnte sie aber nicht umsetzen, sondern fand einen gewaltsamen Tod. Sein Bruder trat die Nachfolge dieser Ideale an und wandte sich gleichsam ebenfalls gegen die herrschende Ordnung.

Und in der Tat: Jim Todhunter, der aus „Gracchus“ kommt, bringt erhebliche Un­ruhe in die Gesellschaft von Egremont, untergräbt bestehende Strukturen und gefährdet ihre Stabilität. Über das Ende dieser Geschichte soll hier nichts ausge­sagt werden, außer, dass sie zu überraschen versteht.

Heutzutage würde ein solcher Roman vermutlich die Lektorate der Verlage nicht mehr passieren. Denn obgleich heutzutage wohl mehr Gewalt und Tod täglich stattfindet, ist die Frage nach dem Tod, nach dem Jenseits und dem Um­gang mit Siechen, Todkranken und ihren Gebrechen etwas, was geflissentlich ausgeklammert und ignoriert wird. Folgerichtig ist das Werk zu provokant, zu direkt, zu „düster“, wie man gerne von unbequemen Büchern behauptet. Wie hieß es doch so passend? „Der Tod war etwas, das uns nicht betraf, nur die an­deren. Wir machten sie zu Fremden, die nichts mit uns zu tun hatten. Wir ver­drängten den Tod aus unserem Bewusstsein, über unsere persönliche Grenze hinaus…“

Ich denke, dieses Buch ist in mancherlei Hinsicht philosophisch gerade heute wieder aktuell. Diese Aktualität beweist seine Qualität mehr, als es jeder reiße­rische Text auf dem Umschlag könnte. Wer neugierig geworden ist, sollte es sich besorgen. Man kann davon lernen.

© by Uwe Lammers, 2007

Ja, selbstverständlich ist „Todjäger“ und „Todhunter“ ein Wortspiel, und ich wür­de sogar sagen, Ian Watson hat das Buch mit explizitem Blick zum deutschen Buchmarkt geschrieben. Die historischen Anleihen und der Name der Haupt­person deuten stark darauf hin. Leider musste er dennoch vier Jahre warten, ehe sich jemand daran machte, es zu übersetzen. Gleichwohl denke ich, war es dies wert.

In der kommenden Woche haben wir es dann mit einem Reisenden völlig anderer Art zu tun, das ist dann gewissermaßen das Kontrastprogramm zum heutigen Werk. Ein autobiografischer Text aus der Gegenwart und von einem befreundeten Autor, den ich vor ein paar Jahren persönlich kennen lernen konnte.

Wer das ist? Oh, ich würde sagen, lasst euch davon mal überraschen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Ich las von Watson bislang drei Werke: „Tschechows Reise“ (Januar 1988), „Zur anderen Seite des Mondes“ (März 1992) und „Die Fliegen der Erinnerung“ (Januar 1994). Letztge­nanntes Buch wurde im Fanzine New Worlds 25 im August 1995 rezensiert.

Liebe Freunde des Oki Stanwer Mythos,

nach einer kleinen Sommerpause geht es also weiter in der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI). Zuletzt verweilten wir bei den Angehörigen der GHANTUURON-Expedition, die letzten Endes wieder unter ungewöhnlichen Umständen, von deren Weiterungen demnächst die Rede sein wird, in die Hei­mat zurückkehren konnte.

Wie steht es derweil um die zweite Expedition, die unabhängig von der GHAN­TUURON an die Bebengrenze von Twennar entsandt wurde, um Kontakt mit dem Volk der schlangenarmigen Tassaier aufzunehmen? Von ihnen war lange nicht mehr die Rede, aber vergessen wurde die RHONSHAAR nicht.

Nach einer desaströs verlaufenen Vorerkundung durch die Piloten Yerranith und Yuuricor – die Weiterungen daraus lassen sich in den Shonta-Abenteuern ab Band 10 der Serie nachlesen (dies als Hinweis für Neueinsteiger) – erreicht nun die RHONSHAAR selbst das Xoor’con-System der Tassaier. Wie zu befürchten war, findet sich keine Spur mehr von den verschollenen Missionsangehörigen um Yuuricor… aber nun kann erstmals ein Sonnensystem besichtigt werden, in dem ein MINEUR der Troohns sein Vernichtungswerk verrichtet hat.

Zur Bestürzung der Forscher scheint dieses Werk aber nicht abgeschlossen zu sein, und es sind viele beunruhigende Fragen offen: welchem Zweck dienen die hinterlassenen Installationen der Zerstörer? Warum wurde die Arbeit einge­stellt? Gibt es noch überlebende Tassaier, irgendwo?

Und dann stoßen die Yantihni in den Trümmern der tassaiischen Zivilisation auf ein weiteres fremdes Wesen…

Mehr über die beunruhigenden Entdeckungen, die die Raumfahrer von Rilecohr und Shoylon im Xoor’con-System machen, ist im heute erschienenen Band 27 der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ nachzulesen, der unter dem Titel „Späherin der Cestai“ erscheint und den Auftakt zu einem neuen Vierteiler der Serie darstellt, der euch mit neuen Überraschungen in den Tiefen von Twennar vertraut machen wird… und seid gewiss, er sät einen dunklen Keim des Misstrauens in eure Herzen wie in die der Yantihni.

Das E-Book „Späherin der Cestai“ ist ab sofort im EPUB-Format auf Amazon-KDP zum üblichen Preis von 1,49 Euro erhältlich. Der einmalige Gratisdownload ist am 15. September 2016 möglich. Als Bonusgeschichte ist die Story „Magische Winkel“ in diesem E-Book enthalten.

Ich wünsche euch angenehmes Lesevergnügen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Nota bene:

Die Erscheinungsfrequenz der E-Books in Folge wird etwas gestreckt werden müssen, das ist meiner aktuellen Zeitknappheit geschuldet. Da bitte ich um Ent­schuldigung, dass ihr auf die Fortführung des Handlungsganges etwas länger als üblich zu warten habt. Ähnliches betrifft die digitalen Nachdrucke auf www.beam-ebooks.de und www.xinxii.com. Nähe­res zu den neuen Erschei­nungsterminen erfahrt ihr auf meiner Autorenseite bei https://authorcentral.amazon.de.

Wochen-Blog 184: Der OSM als Serienphänomen

Posted September 11th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

reden wir heute mal über eine alte Leidenschaft von mir, die sich verselbstän­digt hat. Neulich habe ich darüber schon mal in einem Editorial im Fanzine „Ba­den-Württemberg Aktuell“ (BWA) des Science Fiction-Clubs Baden-Württem­berg (SFCBW) gesprochen.

Reden wir über Serien und das, was sie mit mir verbindet.

Als ich noch ein kleines Kind war, da befinden wir uns also in der Mitte der 70er Jahre, da gab es nicht wirklich viel Abwechslung im Fernsehen. Für Nachgebore­ne klingt das irreal, aber wenn wir von drei bis vier Fernsehkanälen sprechen, ist das die absolute Realität gewesen. Lange vor Zeiten des Privatfernsehens, erst recht vor den Zeiten von Netflix, Internet-Streaming oder AmazonPrime, in der Zeit vor der Erfindung der DVD-Player, da war die Fernsehlandschaft eher trostlos. Es gab nicht viel Abwechslung… aber ich halte mich da aus der Bewer­tung heraus, ob das eine schöne oder düstere Zeit gewesen sein mag. Sie hatte sowohl lichte als auch finstere Momente, wie alles im Leben.

In jener Zeit war man als junger Phantast doch stark auf das Medium Comic und Bücher fixiert, notwendig. Vieles, was wir heute leicht im Internet oder auf DVD finden können, war schlicht nicht zugänglich. Ein einfaches Beispiel dafür wäre die britische Kult-SF-Serie „Doctor Who“. Wie sollte man die etwa in Deutsch­land sehen können? Sie fand sowieso erst in der Neuversion ab 2005 den Weg nach Deutschland ins Fernsehen.

Damals also spross meine Kreativität, und sie nährte sich besonders von den wenigen angelsächsischen Serien, die übersetzt worden waren: Star Trek mit Captain Kirk und dem Vulkanier Spock, Mit Schirm, Charme und Melone (The Avengers) mit Emma Peel und John Steed… und diese Serien befeuerten zusam­men mit SF-Filmen und Comics meine Phantasie, bildeten den Nährboden, auf dem der Oki Stanwer Mythos (OSM) heranwachsen konnte.

Da ich nach dem weitgehenden Abnabeln von der frühen Comiclektüre mich im Bereich der SF-Heftromane „weiterbildete“, wie ich das mal ironisch nennen möchte, blieb ich automatisch dem Genre der Serien verhaftet, und so blieb das die kommenden gut 20 Jahre auch. Da ich parallel Hunderte von OSM-Epi­soden schrieb, war es irgendwie völlig normal, dass die Struktur, die ich beim Lesen favorisierte, also die serielle, auch im Schreiben ihren massiven Ausdruck fand.

Ich denke, es ist ein natürlicher Prozess gewesen, dass der OSM zu einem multi­seriellen Phänomen wurde. Das empfand ich als vollkommen normal. Und wenn ich von „multiseriell“ spreche, erinnert euch an den Blogartikel 100 dieser Serie (ha, da haben wir’s schon wieder!), wo ich davon sprach, dass der OSM letzten Endes ja mal in seiner idealen Verlaufsform rund 33 Serien umfassen soll, von denen ihr aktuell gerade mal eine zu sehen bekommt, nämlich „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI) sowie einige wenige Blicke in andere, euch bislang noch weitgehend verschlossene Serienuniversen.

Diese Blicke lassen sich a) über die OSM-Wiki und die darin verzeichneten Epi­soden und Begriffe indirekt werfen, b) direkt über die Romane und Kurzge­schichten Aus den Annalen der Ewigkeit, die schon publiziert worden sind.

Als ich Anfang der 2000er Jahre im Grunde genommen damit aufhörte, Heftro­manserien zu lesen, weil sich meine Lesevorlieben allmählich geändert hatten und natürlich auch, weil eingeschränkte Zeitverfügbarkeit und sich gewandelte Leseschwerpunkte (mehr Sachbücher als früher) damit ausdrückten, da hatte das auch Auswirkungen auf mein Schreibwerk. Wer meine Blogartikel langfristig verfolgt hat, besonders die Reihe „Was ist eigentlich der Oki Stanwer Mythos (OSM)?“, der weiß, dass in diesen Jahren die unglaublich langen Archipel-Roma­ne entstanden, die man nicht wirklich als seriell bezeichnen kann.

Gleichwohl hatte der OSM natürlich sein serielles Antlitz nicht verloren, ganz im Gegenteil… und als ich 2012 die Möglichkeit bekam, meine Geschichten in Form von E-Books an euch Leser zu kommunizieren, da stand von Anfang an fest, dass der Weg der Einzelgeschichten der falsche sein würde.

Er war gewissermaßen unnatürlich für mich.

Ich wusste: wenn ich loslege, möchte ich mein Lebenswerk, eben den OSM, gern möglichst in der Form veröffentlichen, in der ich das alles auch geschrie­ben habe – als Serie.

Selbstverständlich wusste ich und weiß es bis heute, dass Serien ihre ganz eige­ne Dynamik haben. Das fängt mit serieller Cliff-hanger-Struktur an und hört mit regelmäßigem Erscheinen auf. Das sind schon gründliche Unterschiede zu je­mandem, der einmal im Jahr seine ganze Schaffenskraft auf einen einzigen Ro­man fokussieren kann. Das ist bei mir ausgeschlossen – und, ehrlich gestanden, auch gar nicht erwünscht.

Der Oki Stanwer Mythos ist eben nun einmal ein serielles Phänomen, und in ge­wisser Weise erfülle ich mir einen Wunschtraum, der mich seit Jahrzehnten ver­folgt – ich veröffentliche meine eigene Serie.

Dieser Traum ist wirklich schon sehr alt, vertraut meinen Worten, und er ist tat­sächlich schon älter als die frühesten OSM-Episoden. Zu einer Zeit, als ich mit meinem Bruder noch die „Gedankenspiele“ spielte und Comics las, erst recht, als ich dann mit der Heftromanserie Ren Dhark begann, also etwa im Jahr 1977, trug ich mich bereits mit dem Seriengedanken.

Daraus entstand zunächst der Roman „Der stählerne Tod“, dessen Abschrift aus dem Handskript ich bis heute noch nicht ganz geschafft habe… und in der Fort­setzung dieses Romans begann dann etwa 1979 die Serie „Die Abenteuer der Galax“, wovon ich schon mal erzählt habe.

Inhaltlich, würde ich sagen, war diese Serie ein ziemlich wildes Kauderwelsch, manche würden es als munteres Weiterspinnen von Media-Vorlagen in Quasi-Plagiatnatur bezeichnen, und ich würde ihnen darin sogleich zustimmen. Es gab Handlungspersonen, die aus Serien 1:1 entlehnt waren und dann auf einmal mit OSM-Charakteren interagierten. Es gab Situationen, die ich aus Serien ko­pierte, missverstandene Literaturvorlagen, die dann verzerrt hier wiederkehr­ten, vermischt mit individuellen Gedanken.

Die Textvorlage existiert heute (leider) nicht mehr, sie wäre psychologisch be­stimmt höchst interessant und würde einen phantastischen Blick in meinen bro­delnden Kopf der späten 70er und frühen 80er Jahre zulassen. Aber die Chance ist vertan. Wichtig ist für den Moment lediglich, dass ich damals schon den seri­ellen Gedanken in eine kleine Öffentlichkeit zu tragen bereit war.

Anfang 1983 wurde das deutlicher, als ich echt versuchte, den KONFLIKT 15 des Oki Stanwer Mythos, die Serie „Oki Stanwer“, in Kooperation mit einem Schul­kameraden und in kopierter Vorlage zu publizieren. Geringe Startauflage, wie eine Schülerzeitung etwa, aber es war durchaus monatliches Erscheinen angedacht.

Ging natürlich sofort wieder ein. Das lag auch an unserem familiären Umzug und der gründlichen Änderung der Struktur der Schulkameradenschaft. Aber der Plan war nicht vergessen, er änderte nur seine Verlaufsrichtung.

Inwiefern dies?

Nun, 1983 verstärkte ich meine Aktivitäten im bundesdeutschen Fandom und traf mit der Verbindung mit dem „Terranauten-Club Universum“ (DTCU) den nächsten Schritt. Da wollte ich im Rahmen dieses Clubs die OSM-Serie „Dro­hung aus dem All“ veröffentlichen. Ging auch schief.

Dann machte ich 1987 einen ähnlichen Schritt mit KONFLIKT 14 des OSM, also der Serie „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ (FdC). Auch das war eine kurzle­bige Erscheinung, aber sie führte immerhin zu 16 veröffentlichten Episoden in 4 Volumes.

Parallel dazu betrieb ich Serienveröffentlichungspläne im Phönix Fantastik-Ver­lag von Guido Latz, wo zwischen Dezember 1989 und Oktober 1991 Serienfrag­mente des KONFLIKTS 18 „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (KGTDUS), KONFLIKT 17 „Drohung aus dem All“ und KONFLIKT 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC) veröffentlicht wurden. Teilweise sollten auf dem antiquarischen Fandom-Markt Ausgaben davon noch zu finden sein.

Da all diese Versuche scheiterten, gab ich die Serienpublikation dann lange Zeit auf und schrieb einfach die Serien für mich weiter, verknüpfte sie immer wei­ter… aber es dauerte dann tatsächlich bis in die Gegenwart, ehe ich mit dem E-Book-Programm 2012/13 den Faden wieder aufnahm.

Und wie ich damals einleitend schrieb: Diesmal wollte ich, dass das Flickwerk aufhörte. Diesmal war es meine Intention, von Grund auf zu beginnen, damit ihr das Gesamtkonzept des OSM versteht, allmählich hineinwachst in diese ge­samte Struktur. Das zu konzipieren, war eine knifflige Sache. Es galt, eine mög­lichst voraussetzungslose OSM-Serie zu finden (was dann mit KONFLIKT 2 ge­schah), zugleich aber auch „Blicke über den Tellerrand“ in dosierter Form zuzu­lassen… und euch weiterhin Hintergrundinformationen zukommen zu lassen.

Ihr wisst heute, dass das dann mit dem Programm der „Annalen“ in Punkt 1 und mit den wöchentlichen Blogartikeln und der OSM-Wiki in Punkt 2 ermöglicht wurde. Ohne tatkräftige Unterstützung meiner Freunde vom Braunschweiger Förderverein Phantastika Raum & Zeit e.V. (www.sciencefiction.de), ohne Mit­hilfe meines alten Brieffreundes und Grafikdesigners Lars Vollbrecht und vielfäl­tige weitere Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen.

Damit bewahrheitet sich eigentlich ein weiteres Grundrezept der Serienerstel­lung: Serielles Schreiben ist kein Selbstläufer, das man als Einzelkämpfer umset­zen kann. Im Gegenteil – serielles Schreiben ist auf so viel Mithilfe von außen angewiesen, dass man das nur im Teamwork leisten kann. Ich habe aber jetzt jahrzehntelange Vorarbeit geleistet mit der Vorlage von Tausenden von Texten, dass es möglich sein sollte, bei einer Optimierung der Außeneinflüsse den alten Traum langfristig zu realisieren:

Die Publikation des Oki Stanwer Mythos in Serienform.

Die heutigen Rezeptionsgewohnheiten der Media-Fans und das furiose Revival von Serien in jedweder Form, sei es in Buchform, im Comic oder in Film und Fernsehen, sollten genau der richtige Nährboden sein, auf dem die Blüte des OSM in nie gekannter Stärke zur Entwicklung kommt.

Ich werde weiter daran arbeiten, Freunde – und da ihr Serienfans seid, hoffe ich auch weiterhin auf eure Unterstützung. Ihr werdet Welten jenseits eurer Vor­stellung kennen lernen, das kann ich euch jetzt schon versprechen… und Dinge, denen gegenüber alles, was ihr vom OSM schon kennt, blass und nichtig schei­nen wird.

Freut euch darauf. Ich tue es auch.

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 76: Der ferne Spiegel

Posted September 7th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

heute möchte ich euch einmal mit einer guten Freundin bekanntmachen, einer Autorin von historischen Sachbüchern, die ich nach wie vor – wiewohl sie leider schon recht lange nicht mehr unter uns weilt – immer wieder gern lese. Eine kluge, scharfsinnige und ideologisch… ja, sagen wir mal, unvernagelte Person, die aus ihren bisweilen sehr unangenehmen politischen Gedanken und Verbin­dungslinien durch die Jahrhunderte keinen Hehl gemacht hat.

Ich stieß auf Barbara Tuchman schon bald nach dem Jahr 2000, als ich mich ver­stärkt für die Geschichte des Ersten Weltkriegs zu interessieren begann, in der Phase meiner Spezialisierung des Geschichtsstudiums. Und an ihrem Klassiker „August 1914“ kommt man meiner Ansicht nach selbst heute nicht vorbei, wo die Welt zu jedem „Jubiläum“ des Massenmordens mit neuen Publikationswo­gen überschwemmt wird. Aber dieses Buch war ja erst der Anfang.

Schnell stellte ich fest, insbesondere durch Besuche in Antiquariaten, dass Tuch­man noch viel mehr geschrieben hatte. Und je mehr ich von ihr las – beispiels­weise höchst faszinierende Aufsätze, die sich mit bisweilen wirklich absurd scheinenden historischen Themen befassten, von denen ich keinen blassen Schimmer hatte, die aber in jeder Weise unglaublich lesenswert waren – , da lenkte diese Autorin meine Interessen auf neue Felder der historischen Arbeit. Und sie machte das wirklich gut… was man erwarten kann von jemandem, der zweimal mit historischen Sachbüchern den Pulitzer-Preis gewonnen hat, nicht wahr?

Dennoch zögerte ich anfangs bei dem vorliegenden Buch ein wenig. Das Mittel­alter war mir immer als wilde, verworrene Zeit erschienen, und die großen Handlungslinien dieses „dunklen Zeitalters“ meinte ich doch relativ gut zu ken­nen. Gleichwohl fragte ich mich, was wohl im 14. Jahrhundert noch passiert war – abgesehen von Pest, religiösen Wirren und dem Einbruch asiatischer Horden nach Europa. Nun, wie ich entdecken sollte, sehr viel, und das meiste davon vermochte ich kaum zu fassen.

Das sollte aus dem Munde eines berufenen Phantasten nun wirklich was hei­ßen, Freunde. Mag „Der ferne Spiegel“ auf den ersten Blick auch als ein un­glaublicher Klotz Papier daherkommen, sehr dicht beschriftet noch dazu, so werdet ihr doch, wenn ihr euch auf dieses Leseabenteuer einlasst, und das ist es, binnen weniger Lesestunden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Ich geleite euch darum mit ausdrücklicher Empfehlung in dieses Werk. Folgt mir, schlagt die Seiten auf und betretet wie durch eine Zeittür das „dramatische 14. Jahrhundert“:

Der ferne Spiegel

Das dramatische 14. Jahrhundert

(OT: A Distant Mirror – The Calamitous 14th Century)

von Barbara Tuchman

Claassen-Verlag, 1980

590 Seiten, geb.

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Leschak und Malte Friedrich

Die heutige Fantasy-Literatur ist ein fader Abglanz der hohen mittelalterlichen Ideale von Ritterlichkeit, höfischem Glanz und dem vermeintlich einfachen bäu­erlichen Leben im Hochmittelalter. Rollenspiele und Mittelaltermärkte florieren, nicht nur auf den Spieltischen und im Internet, sondern sogar als folkloristi­sches Element im Stadtbild der heutigen Zeit, gerne an Plätzen inszeniert, wo alte, restaurierte Fachwerkgebäude dem Spiel einen „authentischen Anstrich“ verleihen. Doch wer nur diese harmonische, pittoresk zu nennende Version der Vergangenheit verklärt und für Stunden oder Tage in die „Rolle“ eines mittelal­terlichen Menschen schlüpft, vermag sich nicht wirklich vorzustellen, wie das damals war. Das Mittelalter ist uns Heutigen fern, doch wenn man genau hin­sieht, in diesen fernen Spiegel, dann erkennt man auf gespenstische Weise Züge unserer heutigen Zeit im Damals wieder.

Im Jahre 1978 legte die zweimalige Pulitzer-Preisträgerin Barbara Tuchman, die für ihre Bücher „August 1914“1 (Erster Weltkrieg) und „Sand gegen den Wind“2 (Eine Darstellung des amerikanisch-chinesischen Verhältnisses im 20. Jahrhun­dert) geehrt worden war, ihr neues Werk vor, und die Fachwelt blinzelte irri­tiert.

Statt sich, wie es naheliegend sein mochte, wieder mit der aktuellen Zeitge­schichte zu befassen, schleuderte Tuchman ihre Leser nun über den schwer zu fassenden zeitlichen Abgrund von mehr als sechshundert Jahren zurück in das europäische Mittelalter. Und es wurde einmal mehr ein beeindruckender, wirk­lich unerwarteter Erfolg. Dies bedarf einer Erklärung, die uns den Inhalt des Bu­ches näherbringt:

Der ferne Spiegel“ ist die Geschichte des 14. Jahrhunderts, dargeboten an dem Lebensweg des Enguerrand VII. Coucy, eines französischen Adeligen, der auf höchst beeindruckende Weise seine Zeit, ihre Stärken und Schwächen re­präsentiert.

Die Autorin gerät an das Thema, weil es sie interessiert, wie der Schwarze Tod, also die Pest, in der Zeit zwischen 1348 und 1350 – man bedenke, es han­delt sich lediglich um drei Jahre! – „schätzungsweise ein Drittel der zwischen Ir­land und Indien lebenden Bevölkerung hinweggerafft hat“. Während sie auf den Spuren dieser Geißel durch die Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts schreitet, ent­deckt sie nicht nur die Hinterlassenschaften und Schrecken einer solchen Gei­ßel, sondern sie identifiziert schließlich deren sieben: „Seuche, Krieg, Steuern, Räuberei, Misswirtschaft, Aufruhr und Kirchenschisma.“

Jeder historisch auch nur halbwegs versierte Mensch beginnt an dieser Stelle zu begreifen, dass Tuchman für das Erfassen und Wechselspiel dieser vielen Fakto­ren auf unterschiedlichste Quellengattungen zurückgreifen muss, durch zahlrei­che Länder wandert und komplexe Sachverhalte wie beispielsweise die durch­weg verworrenen Adelsdynastien darstellen muss. Wie auch schon beim Er­gründen der Ursachen des Ersten Weltkriegs sieht sich die Autorin folgerichtig in einem regelrechten Dschungel aus unpräziser Zeitbeobachtung, Wissenslücken, Überlieferungsproblemen, Deutungsvariationen und Ideologie gefangen. Wie also nähert man sich diesem Knäuel an Schwierigkeiten?

Sie entscheidet sich für eine personale Perspektive und wählt ihren Träger mit Bedacht – Enguerrand VII. Coucy, Sire de Coucy, einer Burg direkt im Kräftefeld zwischen dem schwächelnden französischen Thron, der Normandie, Flandern und Lothringen gelegen (heute übrigens selbst als Ruine noch eine beeindru­ckende Erscheinung!). Er ist deshalb eine wichtige Person, weil er biografische Bezüge sowohl zum französischen Königshof als auch zum englischen Königshof besaß und in den Jahrzehnten nach dem Wüten des Schwarzen Todes eine höchst riskante Gratwanderung zwischen diesen Polen vollführte, ohne indes – wie viele andere Adelige seiner Zeit – durch unvorsichtige oder kurzsichtige Par­teinahme zerrieben zu werden.

Enguerrand gelingt das Meisterstück, aus den Zeitläuften, die seine Umwelt vielfach in Mord und Totschlag, Krieg, Intrigen, Korruption, Usurpation, Fanatis­mus und den sozialen Konsequenzen von Schichtenzerfall und Sittenverfall un­tergehen lassen, nicht nur zu überleben, sondern aufzusteigen, bis hinauf in höchste Kreise der Gesellschaft. Schließlich heiratet er sogar die Tochter des englischen Königs, Isabella von England. Doch bis das geschieht, vergehen in dem Buch fast zweihundert Seiten.

Tuchman muss, ganz wie in „August 1914“ zunächst dem Leser des 20. Jahrhun­derts (und des 21., denn es ist nach wie vor äußerst lesenswert und durchaus nicht veraltet!) die Zeit der Handlung nahebringen3, und damit geht sie teilwei­se bis vor die Kreuzzüge zurück. In manchmal atemberaubenden Schlaufen, die den Betrachter ungläubig zurücklassen, berichtet sie von der Familie der Coucy und ihren finanziellen und biografischen Verflechtungen, die Ursprünge ihres Reichtums, die Struktur ihrer Herrschaft und schließlich die dramatischen Um­stände von Enguerrands Kindheit und Jugend.

Diese Gelegenheit nutzt die Autorin, allgemeine Gedanken über Kindererzie­hung, Jugend und Sozialverhalten jener Zeit zu machen. Es folgen Gedanken über Rittertum und Kriegswesen, womit unweigerlich das gespannte Verhältnis zwischen England und Frankreich ins Zentrum rückt (aber nicht ausschließlich). Ein grässliches, unglaublich bedeutsames Erbe des 13. Jahrhunderts ist der 100jährige Krieg, der während Enguerrands Lebenszeit andauert und geradezu atemberaubende Schrecken und Verwüstungen anrichtet, von denen viele, das sei vorausgeschickt, Sinn und Verstand völlig vermissen lassen. Es ist dem ritterlichen Kodex der offenen Feldschlacht als „ehrbaren Kräftemessens“ zu verdanken, dass Frankreich schließlich regelrecht „enthauptet“ wird, ohne dass indes Vernunft in die Köpfe und Herzen der führenden Adeligen einzieht. Im Gegenteil, Redensarten wie „Die Fische tranken so viel französisches Blut (sagte man nach der Schlacht), dass sie französisch gesprochen hätten, wenn Gott ihnen die Gabe der Rede verliehen hätte“ legen beredtes Zeugnis von dem erbitterten Hass beider Völker ab, der alle Schranken der Vernunft überwand und zu den aberwitzigsten Abenteuern führte.

Der erste Gipfel der Verrücktheit ereignete sich dann am 26. August 1346, als in der Picardie die Schlacht von Crécy geschlagen wurde, was zu einer der verhee­rendsten Niederlagen der französischen Monarchie führte – am Ende des Ge­metzels waren über viertausend französische Adelige tot, und das Ziel, die Er­oberung der zu dieser Zeit englischen Stadt Calais, in weite Ferne gerückt.

Und dann kam der Schwarze Tod, die Pest.

Sie begann ihren Sturmlauf im Oktober 1347 in Genua und breitete sich wie ein Steppenbrand aus. Hinzu kam, als ob sich die Mächte des Himmels oder der Hölle gegen die Menschheit verschworen hätten, ein mächtiger Erdstoß im Ja­nuar 1348, der von Neapel bis Venedig Kirchtürme einstürzen ließ und ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachte.

Unterschiedslos schien zugleich die Seuche zu wüten, und manche der Sympto­me, die auftraten, waren so grauenhaft, dass man selbst heute verstehen kann, warum die Zeitgenossen damals an eine Geißel göttlichen Ursprungs glaubten: „Der Chronist Henry Knighton, Stiftsherr der Abtei von Leicester, berichtet von fünftausend toten Schafen in einem einzigen Feld. ‚Ihre Körper von der Pest so verdorben, dass kein wildes Tier und kein Vogel sie anrührte‘, und sie verbreite­ten einen entsetzlichen Gestank. In den österreichischen Alpen kamen Wölfe zu Tal, um Schafe zu reißen, und ‚wandten sich, wie durch ein unsichtbares Zeichen gewarnt, um und flohen zurück in die Wildnis.“

Es nimmt wohl kaum Wunder, dass die Menschen jener Zeit meinten, Gott selbst strafe sie für sündigen Lebenswandel – was beispielsweise in Massenhys­terien und Geißlerbewegungen einmündete.

Die furchtbare Epidemie, deren Ursprung für die einfachen Menschen wie für die Gelehrten völlig schleierhaft blieb, verwandelte Städte in Leichenhäuser und Geistermetropolen. Folgenreicher war jedoch der daraus bald resultieren­de Arbeitskräftemangel: es gab zu wenige Menschen, die die Felder bestellen konnten, so dass zu den Todesfällen bald eine Hungersnot hinzukam.

Schlimmer noch: viele Menschen empfanden diese Geißel als Vorbote der End­zeit und, weil sie unterschiedlos in allen Schichten zu wüten schien, verfielen die Sitten. Besonders verheerend war jedoch, dass der erwartete „läuternde Ef­fekt“ ausblieb. Statt dass Gottes Geißel die Menschheit gebessert hatte, knüpf­ten Adel und Klerus bald an dieselben Missstände an, die vor der Seuche ge­herrscht hatten, und nichts schien sich zum Besseren gewandelt zu haben. Der Respekt vor der Obrigkeit ließ darum in weiten Teilen Europas nach, Räuber­banden breiteten sich epidemisch aus, Raub, Vergewaltigung und Mord waren bald, auch nach dem Abflauen der Pestepidemien, an der Tagesordnung.

Die Politik war zwar offensichtlich auch geschwächt von den Strapazen der zu­rückliegenden Jahre und dem Blutzoll der Pest, aber wie Tuchman nachweist, nicht eben klüger geworden: im September 1356 wandte sich König Johann von Frankreich gegen ein eindringendes englisches Heer und wandte dieselben unklugen Taktiken wie bei Crécy an – mit noch größerem Schaden. Er geriet am Ende der desaströsen Schlacht selbst in Gefangenschaft, Tausende Adelige fie­len, und im aus diesem Desaster folgenden Vertrag von Brétigny 1360 verlor Frankreich – man glaubt es kaum! – fast ein Drittel seines gesamten Staatsge­bietes an die englischen Eroberer. Und Calais, man braucht es kaum zu betonen, blieb englisch.

In diese chaotische Zeit hinein fällt nun der Aufstieg Enguerrand VII. Coucys, der zwischen der französischen Krone und dem britischen Königshaus die Interes­sen zu verteidigen hat. Derweil drohen von überall her neue Gefahren: Adelsin­trigen in England, Adelsintrigen in Frankreich. Aufstände in Flandern. Revolte des Bürgertums in Paris (sogenannte Jacquerie). Marodierende Räuberbanden, die von Städten Schutzzölle erpressen und ganze Grafschaften tyrannisieren. Die Türken überrennen Konstantinopel und bedrohen die südliche Flanke Euro­pas. Widrige Hochzeiten schmieden zwischen den deutschen Adelsstaaten, Spa­nien, Frankreich, Portugal, England, der Schweiz und diversen italienischen Kleinstaaten höchst verwirrende, zu neuen Kämpfen, Feldzügen und Scharmüt­zeln einladende Verhältnisse. Die Mongolen unter Dschingis Khan und seinen Nachfolgern fallen von Osten nach Europa ein und metzeln etwa in Österreich Ritterheere nieder. Der Schwarze Tod kehrt zurück…

Ganz zu schweigen davon, dass der Kampf zwischen dem französischen Hoch­adel und dem italienischen Hochadel dafür sorgt, dass auf einmal ZWEI Päpste – einer in Avignon (französisch), einer in Rom (italienisch) – Anspruch auf die Al­leinvertretung des christlichen Glaubens erheben. Das abendländische Schisma (zeitweise mit DREI Päpsten!) hat begonnen. Traurig und aberwitzig sind die Auswüchse, mit denen beide Päpste die Anhänger des jeweils anderen zu ex­kommunizieren suchen bzw. sogar Kreuzzüge gegen den jeweils anderen, „häre­tischen“ Papst beginnen. Die Verflechtungen zwischen Religion und Politik be­ginnen die Staatsstrukturen ganz Europas zu zerrütten. Auch Enguerrand de Coucy gerät in dieses Kräftefeld hinein…

Man kann das sich in diesem Buch ausbreitende Chaos eigentlich kaum zutref­fend schildern, und es möge dem Rezensenten nachgesehen werden, dass er nur einen sehr KLEINEN Teil des Inhalts verrät, der an vielen Stellen so derma­ßen aberwitzig – aber stets von Barbara Tuchman kundig, präzise und quellensi­cher dargelegt wird – scheint, dass man oftmals wirklich meint, man sei als Le­ser in einem Tollhaus gelandet.

Dennoch ist diese Welt nicht richtig „fern“, wie es der Titel etwas unpräzise sug­geriert. Sie ist, wie es ebenfalls im Titel steht, eher ein „Spiegel“. Sie zeigt der Gegenwart die dunkle Seite der Politik, jene finstere Ansicht, gleich einem Schattenriss, die Staaten anzunehmen imstande sind, wenn die Grundpfeiler ih­rer Fundamente zu erodieren beginnen. Wenn Irrationalität, Hass und Vorurtei­le zu den Leitmotiven der Gesellschaft werden, wenn Staatenlenker sich von kleinlichen Interessen leiten lassen und ihren fixen Ideen zu folgen beginnen, ohne Rücksicht auf die meist grauenvollen Konsequenzen zu nehmen, dann entwickeln sich Zeitläufte wie die des 14. Jahrhunderts, die Barbara Tuchman in aller Breite gleich einem mächtigen historischen Panoramabild entwirft.

Sie verweist selbst auf die verworrenen, teilweise einfach widersinnigen Allianz­bildungen des Ersten Weltkriegs und die z. T. bis heute andauernden Folgen, die aus diesen tragischen Fehlentscheidungen erwachsen sind. Tuchman parallelisiert dadurch in gewisser Weise die Mentalitäten der Jahre zwischen 1300 und 1400 mit denen um das Jahr 1914, und diese Parallelen sind leider sehr stichhaltig.

Doch man kann noch weiter gehen: In der Zeit des frühen 21. Jahrhunderts, in der eine Supermacht – die einzige aus dem Kalten Krieg hervorgegangene Su­permacht (die übrigens keineswegs gewonnen hat, wie immer gern erzählt wird – sie ist, gleich einem Dinosaurier, nur einfach übriggeblieben und schlägt nun weitgehend ziellos um sich) – aus den Lehren der Vergangenheit nichts gelernt hat und aufgrund von Lügen, der Machtgier ihres Präsidenten und der Irrationa­lität und den Vorurteilen eben jener Person Kriege anzettelt, in dieser Zeit kann sich der Leser von Tuchmans Buch durchaus in den Alptraum des 14. Jahrhun­derts zurückversetzt fühlen. Man kann hieran auf sehr beklemmende Weise ler­nen, dass, so sehr sich auch die Zeiten, die Technologie, die Wissenschaften und die Grundlagen des Kriegswesens im Laufe von sechs bis sieben Jahrhunderten ändern mögen, manche Konstanten stets gleich bleiben.

Eine solche Konstante ist die menschliche Mentalität, die Anfälligkeit für Kor­ruption, für mentale Trugschlüsse, für Vorurteile, Hass und Verblendung. Hier wie dort (14. Jahrhundert, Gegenwart) trifft man auf aberwitzige Allianzen, die dem gesunden Menschenverstand Hohn sprechen; hier wie dort findet man eine bestürzende Mischung aus Genialität und Wahnsinn wieder; hier wie dort wird gelogen und betrogen, dass sich die Balken biegen… und natürlich ist auch heutzutage ein George W. Bush jr. – und vielleicht sein Nachfolger gleicherma­ßen – der festen Überzeugung, das richtige Rezept zu haben und „natürlich“ den Sieg davontragen zu können. Im 14. Jahrhundert glaubte dies beispielswei­se der König von Frankreich (und sein Schicksal muss man sich wirklich einmal anschauen, es spottet jedes gesunden Menschenverstandes!). Im 21. Jahrhun­dert glaubt George Bush, er könne einen „Krieg gegen den Terrorismus“ gewin­nen.

Dies ist eine Täuschung. „Terrorismus“ ist kein substantieller Gegner, und ohne substantiellen Gegner verliert man den Krieg, so sehr man ihn auch intensiviert und mit massivstem Geld- und Waffeneinsatz führt. Vietnam und Afghanistan haben es schlagend bewiesen, gelernt wurde aus diesen Desastern kaum bis gar nicht.

Zum Schluss soll noch einmal Barbara Tuchman das Wort haben, um ein Fazit über ihr Buch zu sprechen und damit, vielleicht, auch die Neugierde auf den Alptraum des 14. Jahrhunderts zu wecken, aus dem sich für die heutige Zeit so viel Wichtiges lernen lässt, immer noch:

Wenn diese sechzig Jahre einigen wenigen an der Spitze der Gesellschaft voller Glanz und Abenteuer erschienen, so waren sie für die meisten eine Folge von unberechenbaren Gefahren: von den drei galoppierenden Übeln Plünderung, Pest und Steuern; von erbarmungslosen und tragischen Konflikten, bizarren Schicksalen, Hexerei, Betrug, Aufstand, Mord, Wahnsinn und dem Sturz von Fürsten; von zurückgehender Feldarbeit, von gerodetem Land, das wieder zur Wildnis wurde; und vom immer wiederkehrenden Schatten der Pestilenz, die ihre Botschaft von Sünde und Schuld und der Feindschaft Gottes unter die Men­schen trug.

Und die Menschheit wurde durch diese Botschaft nicht besser. Die Gewalttätig­keit warf alle Zügel ab. Es war eine Zeit der Verantwortungslosigkeit. Verhal­tensmaßregeln wurden kraftlos, Institutionen verfielen, die Ritterschaft schützte das Volk nicht mehr; die Kirche, weltlich geworden, führte nicht mehr zu Gott; die Städte, einst Träger des Fortschritts, waren in gegenseitige Fehden verwi­ckelt und im Inneren in Klassenkämpfen zerrissen; die Bevölkerung, reduziert durch den Schwarzen Tod, erholte sich nicht. Der Krieg zwischen England und Frankreich und das Brigantentum, das er gebar, enthüllten die Hohlheit der mili­tärischen Prätentionen des Rittertums und die Oberflächlichkeit seiner morali­schen Ansprüche. Das Schisma erschütterte die Grundlagen der zentralen mit­telalterlichen Institution und verbreitete ein tiefes und umfassendes Unbeha­gen. Die Menschen fühlten sich unkontrollierbaren Einflüssen unterworfen, wie Treibgut hin und her geworfen in einer Welt ohne Sinn und Richtung. Sie lebten in einer Epoche, die kämpfte und litt, ohne sichtbar voranzukommen. Sie sehn­ten sich nach Heilung, nach Erneuerung des Glaubens, nach einer Stabilität und Ordnung, die niemals kam…“

Lest das Buch, es lohnt sich!

© by Uwe Lammers, 2008

Natürlich merkt man gewissen Passagen dieser Rezension ihre klare Zeitgebun­denheit an. George W. Bush ist inzwischen nicht mehr Präsident (leider wurde er für seine Verbrechen und Lügen, die er zu verantworten hat, nicht vor Ge­richt gestellt und abgeurteilt, wie es notwendig gewesen wäre), sein Nachfolger Barack Obama hat zwar (meines Erachtens eher unverdient) den Friedensnobel­preis erhalten, ist sonst aber bedauernswert unvisionär geblieben, und es steht zu fürchten, dass ihm jemand ins Weiße Haus folgt, der noch viel doktrinärer ist als frühere Präsidenten… doch die Weisheiten im obigen Buch, insbesondere die überzeitlichen historisch-menschlichen Komponenten darin haben auch heute an Gültigkeit nicht verloren. Leider, möchte ich betonen.

Vergleicht man das 14. Jahrhundert mit der Gegenwart, dann kann man echt verzweifeln. Gleich Philip Kindred Dick hatte Barbara Tuchman ein ausgeprägtes Gespür dafür, was in der Geschichte wichtig war und wo die Keime visionärer Vorschau lagen.

In der kommenden Woche könnt ihr euch, was den Umfang der Rezension an­geht, wieder etwas entspannen. Inhaltlich eher nicht, denn dann geht es um eine packende, auch zeitlose Frage: Was ist, wenn der TOD nicht nur ein jeden Menschen betreffendes Phänomen ist, sondern eine PERSON? Eine Person, die man einfangen kann?

Neugierig geworden? Dann schaut in der kommenden Woche rein, welcher Au­tor sich wohl diese Frage gestellt und wie er sie gelöst hat.

Bis dann, mit Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. Barbara Tuchman: „August 1914“, Bern 1964. Die Rezension ist für den Rezensions-Blog in Vorbereitung.

2 Vgl. Barbara Tuchman: „Sand gegen den Wind“. Amerika und China 1911-1945“, Stuttgart 1973.

3 Ähnliches geschieht übrigens, darin auf eine noch verzwicktere, aber durchaus sehr mit Gewinn zu lesende Weise für die erheblich spätere Zeit in C. V. Wedgwoods Klassiker „Der 30-jährige Krieg“, München 1967.

Liebe Freunde des OSM,

vor sieben Wochen erklärte ich euch, dass das Jahr 2009 mehrheitlich unter dem sonnigen Glanz des Archipels stand und ich dort mit einem Wust von Glossaren beschäftigt war, soweit ich nicht ohnehin durch meine historische Arbeit inner­halb des Landeskirchlichen Archivs Wolfenbüttel und das Hessenkopf-Projekt so eingespannt war, dass ich zeitlich auf keinen grünen Zweig kam. Mit der Dar­stellung des Jahres 2009, soweit es den Oki Stanwer Mythos angeht – und damit eng verbunden auch den Archipel als kreative Gegenwelt, die ich hier ausführli­cher behandeln musste, um zu erklären, warum ich im OSM so zäh vorwärtskam (soll ja keiner denken, ich hätte monatelang träge Urlaub auf den Bahamas ge­macht oder so…) – also, damit war ich bis Ende September gediehen.

Im Oktober 2009 steckte ich dann notwendig in der nächsten Version des Archi­pel-Gesamtglossars… warum das? Ich hatte doch gesagt, ich hätte das Gesamt­glossar am 9. Juli vollendet? Na ja, das stimmt schon… aber wie ihr euch erin­nern mögt, waren seither weitere Archipel-Kurzgeschichten entstanden, und eine jede bekam ein eigenes Glossar, dessen Einträge selbstverständlich in das Ge­samtglossar einzuarbeiten waren.

Never-ending Arbeit? Ja. Aber notwendig. Das Glossar umfasst heute nicht um­sonst zwei pralle Aktenordner. Es ist als Nachschlagekompendium absolut es­sentiell. Der Archipel mit seinen glutroten Ordnern füllt ja auch schon ein ge­samtes Regal in meinem Arbeitszimmer…

Wie viele Ordner genau? Ach, ihr seid aber auch neugierig… na schön, ich zähle mal nach… okay, es sind 44 Stück. Nein, da habt ihr euch nicht verlesen. 44. Die meisten davon sind breite Ordner. Und ihr kennt von all diesem Material bisher nur ein paar wenige Kurzgeschichten, damit wir uns da recht verstehen. Es gibt also noch jede Menge Raum für Überraschungen.

Zurück zum eigentlichen Thema. Ich blieb, immer noch zeitlich stark anderwei­tig beruflich eingebunden, meinem Zickzackkurs zwischen OSM und Archipel treu. Während ich an Archipel-Geschichten wie „Ein göttlicher Auftrag“, „Amanda trifft einen Geist“ oder „Das Los der Lady Renata“ arbeitete und zwischendurch die Redaktion des Fanzines HISTORIKERZEIT #7 für FAN ab­schließen konnte, war vom OSM weit und breit nichts in Sicht, leider. Das konn­te nicht überraschen, ich steckte bis zum Scheitel, wenn ich denn schreiben konnte, in „Rhondas Reifejahre“ und schloss hier am 31. Oktober den siebten Ordner ab, der die Seiten bis 2.840 umfasste.

Immer noch kein Ende in Sicht? Na ja… doch, schon. Es kündigte sich eine hef­tige emotionale Erschütterung an, und ich wusste, damit würde der Roman auf­hören und in den dritten Rhonda-Roman „Rhondas Aufstieg“ münden. Aber es sollte noch dauern, bis es soweit war.

Anfang November 2009 trieben mich die Wogen des Archipels weiter, hinüber zu der Geschichte „Als Tiyaani noch ein Kind war…“, die ihr inzwischen als Bestandteil meiner vierten Storysammlung gleichen Namens kennen dürftet. Au­ßerdem machte ich mit dem Anfang der Episode „Das ZYNEEGHAR-EXIL“ eine Stippvisite im KONFLIKT 2, also in der Serie „Oki Stanwer und das Ter­rorimperium“ (TI). Der wievielte Band der Serie das ist? Da solltet ihr, wenn ihr gar zu neugierig seid, beizeiten in der Wiki nachschlagen, das sei hier noch nicht verraten. Ich kam auch nicht wirklich weit.

Der Grund ist elementar und mit einem Wort genannt: Archipel.

Während am 13. November die zweite Version des Gesamtglossars fertig wurde, schoss mir die nächste Archipel-Geschichtenidee durch den Kopf und konden­sierte am 19. November: „Die Glut der Leidenschaft“. Die brauchte natürlich auch ein Glossar…

Die nächsten Ideen ließen nicht auf sich warten. Die lange Zeit der Ablenkung durch die historische Arbeit brachte einen Gedankenkeim nach dem nächsten zum Aufblühen. Zwei weitere Archipelideen knospten, einmal „Antaganashs Abenteuer“ (das hielt ich echt für eine Kurzgeschichte… was daraus wurde, er­zähle ich euch in Bälde) und „Freundschaftsbande“. Außerdem wurde, ruck­zuck, eine weitere Geschichte des Archipels, „Ein göttlicher Auftrag“, am 28. November fertig.

Zu dieser Geschichte sollte ich ein paar Worte mehr sagen, weil sie in einem größeren Zusammenhang steht. Es erging mir hier ganz so wie im Jahre 2004/05 mit „Heiligtum der Shonta“ für KONFLIKT 2. Ihr wisst ja, dass dieser Roman der Reihe Aus den Annalen der Ewigkeit gewissermaßen ein informatorisches Crossover-Produkt der ersten vier Shonta-Episoden der TI-Serie darstellt. Nun, mit der obigen Archipel-Story ging es mir ganz genauso:

Vor Jahrzehnten emigrierte der Adelige Baron Shayconyev Alferendi mit seiner Gefährtin Yanita in die nachmalige Archipel-Kapitale Asmaar-Len. Er gründete seinen gesellschaftlichen Rang auf die Tatsache, dass Yanita aus den Familien des legendären Heiligtums von Cooriday auf dem Südkontinent stammte. Und gemeinsam brachten sie einen unermesslichen Juwelenschatz von dort mit, des­sen Wert heute unfasslich wäre.

Das Problem, das sich damit verband, war aber nicht der materielle Wert – die Juwelen, die so genannten „Heiligtümer von Cooriday“, waren spirituell aufge­laden, und wer in ihrem Besitz war, würde die Herrschaft in Asmaar-Len errin­gen können. Doch so kam es nicht – stattdessen erfolgte eine Katastrophe, in de­ren Gefolge Alferendi und seine Geliebte den Tod fanden. Und die Heiligtümer von Cooriday waren spurlos verschwunden.

Jahrzehnte vergingen… ehe ein argloses Mädchen aus dem Urwald unerwartet diesen Schatz im wortwörtlichsten Sinne wieder ausgrub: Rhonda. Und mit ei­nem Mal stand das Mädchen von elf Jahren mitten im Brennpunkt eines neu auf­flammenden Adelsstreits der herrschenden Familien von Asmaar-Len.

In diesem Fall musste ihr Vormund, der Makler Panjit al Choor, unverzüglich in Nacht und Nebel handeln, um Schlimmeres zu vermeiden. Im Roman „Rhondas Reifejahre“ konnte diese Mission nur angedeutet werden. Aber sie stand mir so plastisch vor Augen, dass ich nicht umhin kam, sie sogleich niederzuschreiben – als die genannte Crossover-Geschichte.

Es mag genügen, zu erwähnen, dass ich für die 64 einzeiligen Seiten dieser Ge­schichte nur fünf Tage brauchte und sie am 28. November abschloss. Der kreati­ve Druck war wirklich enorm stark. Und er wuchs weiter an, denn gleich darauf brach der nächste Archipel-Keim aus mir hervor: „Die neue Strafe“, von mir hier auch noch als Story charakterisiert (inzwischen füllt das Manuskript fast einen Ordner… von „Story“ kann also keine Rede mehr sein).

Dann brach der Monat Dezember an, der mit „Der Palyan“ einen weiteren Ar­chipel-Keim zum Vorschein brachte. Gott im Himmel, dachte ich mir, hört das denn überhaupt nicht mehr auf? Wo ist der OSM geblieben?

Eine wirklich gute Frage.

Am 7. Dezember schloss ich „Als Tiyaani noch ein Kind war…“ ab. Dann nä­herte ich mich mit dem Abschluss des Findbuchs zum Hessenkopf-Projekt ei­nem weiteren Ende eines Großprojekts. Mit dem Oki Stanwer Mythos hatte auch das natürlich nichts zu tun.

Kurz flackerte mit der kommentierten Abschrift der OSM-Episode „Der Ma­gnetstern“ (Band 48 des KONFLIKTS 17 „Drohung aus dem All“) der Oki Stanwer Mythos durch, war aber quasi gleich wieder verschwunden. Ich war völlig auf der Archipel-Schiene, von gelegentlichen seltenen Rezensionen mal unterbrochen.

Da war „Eine Adelige auf der Flucht“, an dem weitergeschrieben werden woll­te. Da tauchte eine weitere Archipel-Story auf, „Jessecas Geschichte“, die auf dem Südkontinent spielte, aber nicht weit gedieh. Natürlich „Rhondas Reife­jahre“, und dann war da ein erster und inzwischen dringend erforderlicher Be­ginn einer Archipel-Chronologie.

Und dann?

Dann war Silvester da und das Jahr vorbei!

Und im Hintergrund glühte das unheilvolle Fanal von Francescas Verbrechen und Rhondas tiefer Verzweiflung, mit denen der zweite Rhonda-Roman enden sollte. Ich sage euch, mir sträubten sich fast die Nackenhaare und die Finger gleichermaßen, weiterzuschreiben… aber ich wusste, ich kam nicht umhin. Es würde ein Ende mit Schrecken werden, das war mir völlig klar, aber so ausweg­los wie eine herabdonnernde Lawine.

Es gab nur einen einzigen Trost: danach würde ich ein wenig durchatmen kön­nen. So kam es dann in der Tat, aber… nun, was das Frühjahr 2010 noch im Ge­folge haben sollte, davon berichte ich euch dann in der nächsten Folge dieser Ar­tikelreihe in ein paar Wochen. Das solltet ihr nicht versäumen.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 75: Die Zeitlegion

Posted August 30th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ihr wisst ja schon seit dem Start meines Rezensions-Blogs im vergangenen Jahr, dass ich eifriger Fan von Zeitreisegeschichten bin. Das habe ich nicht zuletzt schon durch einige Blogartikel unter Beweis gestellt (etwa, als ich „Die Gehäuse der Zeit“ im Blogartikel 2 besprach, oder im Fall von „Zeitlabyrinth“ im Blogarti­kel 50 bzw. bei „Die Rückkehr der Zeitmaschine“ im Blogartikel 53). Ich kann versprechen, dass es davon noch einiges mehr geben wird, denn Zeitreisege­schichten sind nahezu so uferlos vorhanden wie Sherlock Holmes-Epigonen­abenteuer… ach, vermutlich noch weitaus zahlreicher.

Zeitreisegeschichten sind auch nichts, was erst ein Phänomen der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts darstellt, die gibt es schon sehr viel länger. Eine frühe, in­spirierende Blüte fand diese Art des phantastischen Abenteuers in den 20er und 30er Jahren in den USA, als dort die grelle, wilde Blüte der Pulp-Magazine hochschoss und sich weltweit über die amerikanischen Soldaten, die auf zahl­reichen Kontinenten der Erde stationiert waren, ausbreitete.

Jack Williamson ist einer der jungen Autoren, die damals diese Zeit durchleb­ten, und das schimmert in diesem Roman, den ich euch heute vorstellen möch­te, definitiv deutlich durch. Es handelt sich um einen Klassiker der Science Ficti­on, den ich zwar mit einigen kritischen Bemerkungen durchleuchte, der deshalb aber nur bedingt an Unterhaltungswert verlieren dürfte. Ihr wisst, dass ich spe­ziell im Falle von Zeitreisegeschichten ziemlich genau hinschaue. Die meisten Leser tun das nicht. Und deshalb, glaube ich wenigstens, werdet ihr sehr unter­haltsame Lesestunden haben, wenn ihr euch auf das folgende Abenteuer ein­lasst:

Die Zeitlegion

(OT: Legion of Time)

Von Jack Williamson

Bastei Abenteuer 23006

Bergisch-Gladbach, 1982

Aus dem Amerikanischen von Peter Glaus

160 Seiten, TB

ISBN 3-404-23006-X

(nur noch antiquarisch erhältlich)

Die Zeit ist ein Strom von Möglichkeiten, gleich einem Korridor, von dem dunkel die virtuellen Seitengänge abzweigen und mal mehr, mal weniger Realität ge­winnen, je nachdem, wohin der Träger des Lichts des Moments sich wendet. Andere Realitäten versinken dann im Schatten des Unmöglichen. Doch niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, wer dieses Licht des Augenblicks zu tragen auser­wählt ist, auch nicht der Auserwählte selbst.

Dieser Mann ist der achtzehnjährige Dennis Lanning, der im April des Jahres 1927 das Studentenapartment in Harvard mit drei weiteren Gefährten teilt: mit dem riesigen Footballspieler Barry Halloran, mit dem er gemeinsam Flugstun­den nimmt, dem Chinesen Lao Meng Shan und dem vergeistigten, schon etwas älteren Mathematiker Wilmot McLan. Denny hat keine Ahnung, dass die Zu­kunft der Welt von ihm abhängt, und das bleibt auch noch lange Zeit so. Doch an diesem Abend im April 1927 bekommt er überraschend geisterhaften Be­such von einer wunderschönen Frau aus der fernen Zukunft – man muss sich das wohl wie ein gängiges Hologramm vorstellen, denn ähnlich substanzlos ist es.

Diese Frau mit Mahagonihaar und violetten Augen nennt sich Lethonee, und sie stammt aus einer fernen Zukunft der Welt, aus einem wunderbaren Reich, das Jonbar genannt wird… vielleicht. Denn da gibt es auch noch einen dunklen Ge­genpol, regiert von der dämonisch-schönen, aufreizenden Sorainya, die „böse Blume von Gyronchi“, wie Lethonee sie nennt. Sie beide sind Todfeindinnen, denn es kann nur eine von ihnen wirkliche Realität erlangen… und Denny ob­liegt es angeblich, dies zu entscheiden. Und die erste Prüfung, die Lethonee ihm auferlegt, ist es – rätselhaft genug – am kommenden Tag keinen Flugunterricht zu nehmen.

Lanning gehorcht – und erhält am kommenden Tag die Nachricht davon, dass das Flugzeug abgestürzt und sein Freund Barry tot ist. Hat Lethonees Nachricht also Lanning das Leben gerettet oder vielmehr Barrys Tod verursacht? Er ist sich unsicher… und diese Unsicherheit währt lange.

Als er sich schließlich zu einem Berichterstatter-Auslandsaufenthalt nach Nica­ragua einschifft, erscheint ihm während der Überfahrt die sinistre, aber bild­hübsche Sorainya auf einem schwebenden, goldenen Schild, und sie bietet ihm einen Platz an ihrer Seite auf dem Diamantthron von Gyronchi an. Er schlägt diese Chance aus, wenn auch schweren Herzens.

Und in den folgenden Jahren, in denen er als Kriegsberichterstatter durch die unruhige, chaotische Welt driftet, mischen sich von Zeit zu Zeit die überzeitli­chen Wesen wieder in sein Leben, ohne dass Klarheit zu regieren beginnt… und dann erhält Denny Lanning von seinem alten Freund Wil McLan ein Buch zuge­eignet, in dem dieser über das Wesen der Zeit im Antlitz der Gegenwart von Quantenphysik und Relativitätstheorie sinniert – und sehr ähnliche Gedanken entwickelt, die Lanning selbst hegt. McLan ist offensichtlich der einzige Mensch, der diese seltsamen Dinge zu durchschauen vermag. Aber er scheint spurlos verschwunden zu sein.

Ehe Lanning diesem Rätsel nachgehen kann, ruft ihn sein alter Freund Lao Meng Shan auf den chinesischen Kriegsschauplatz, denn inzwischen sind zehn Jahre seit dem Aprilabend in Harvard vergangen… und in einem Luftgefecht über der Küste Chinas wendet sich Denny Lannings Schicksal zum Schlechten, als er mit seinem Freund abgeschossen wird.

Und doch – danach geht das Abenteuer erst richtig los, denn ein geheimnisvol­les fliegendes „Schiff der Toten“ rettet sie beide. Es handelt sich um die „Chroni­on“, ein geniales Schiff, das durch die Zeit reist. Und Dennis Lanning ist auserse­hen, der Commander der Zeitlegion zu werden – um die Macht Gyronchis zu bekämpfen und das glänzende Jonbar und Lethonee Wirklichkeit werden zu las­sen. Doch mit Entsetzen müssen die Kämpfer der Legion erkennen, dass Jonbar verlischt und alle Zukunftslinien auf das trostlose, tyrannische Gyronchi zulau­fen.

Dennoch nehmen sie den Kampf auf, heldenhaft und verzweifelt…

Der Roman von Jack Williamson ist erstmals im Jahr 1952 erschienen, vor mehr als 60 Jahren, und man merkt selbst dieser vollständigen, ungekürzten Version sehr deutlich an, dass sie ein Kind der Pulp-Ära ist, dass Williamson mit den Abenteuergeschichten eines Robert Howard und E. E. Smith aufgewachsen ist, denn ganz derselbe Geist spricht auch aus diesen Seiten. Ich habe ihn damals nach dem Erscheinen gelesen, aber den Inhalt wieder vollkommen vergessen, so dass es eine interessante Neuentdeckung war, dieses antiquarisch 1997 ge­kaufte Buch aus der weitläufigen Reihe ungelesener Werke zu ziehen und inner­halb von drei angenehm unterhaltenen Tagen zu verschlingen.

Das Buch bietet kurzweilige Unterhaltung, etwas heroische, kantige Personen­charakterisierungen in einprägsamer Schlichtheit, und wenn man nicht sehr viel mehr über den Charakter der Zeit und über Paradoxien weiß, die damit einher­gehen, wenn man anfängt, mit der Zeit zu manipulieren, dann kann man dieses Garn vielleicht sogar ernstlich genießen. Ich nehme an, das amerikanische Pu­blikum hat damit deutlich weniger Schwierigkeiten als ich etwa. Bei Zeitreisege­schichten komme ich nämlich stets ins Grübeln und versuche zu durchschauen, ob das, was geschrieben steht, so denkbar und realistisch ist, und hier muss ich leider sagen – Fehlanzeige auf ganzer Linie.

Warum?

Ohne zu viel verraten zu wollen: es geht ja darum, Jonbar oder Gyronchi unge­schehen zu machen. Zunächst schwindet Jonbar dahin, und damit fangen die Probleme an… denn wenn Jonbar nicht mehr da ist, wie wäre es dann wohl möglich, dass Denny Lanning ganz zu Beginn von Lethonee gewarnt wird, die es ja gar nicht gegeben hat? Ist nicht möglich. Mithin wäre er dort ins Flugzeug ge­stiegen und gestorben, und der ganze Roman wäre Makulatur. Das kann Wil­liamson natürlich nicht machen, also biegt er seine Wahrscheinlichkeiten so zu­recht, dass sie Sinn zu ergeben scheinen. Der kritische Verstand vermag ihm aber nicht mehr zu glauben.

Und wie ist es dann mit Gyronchi in der zweiten Hälfte des Romans? Wenn die­se Welt samt ihrer finsteren Königin nur eine vage Hypothese bliebe bzw. ganz verschwände, wie sollte dann wohl jene schreckliche Versuchung überhaupt möglich werden, die das ganze Verhängnis letzten Endes auslöst? Sie ist nicht möglich. Und so weiter und so fort… da wird auf martialische, abenteuerliche Weise versucht, ein nahezu ungetrübtes Happy End zu konstruieren, und wenn man den Verstand abschaltet und die logischen Ungereimtheiten einfach unter den Teppich kehrt, klappt das auch. Aber jenseits davon, und wenn man drüber nachdenkt… da muss man Williamson attestieren, dass er vielleicht einen Klas­siker der Science Fiction geschrieben hat, aber sehr gut durchdacht ist er mei­nes Erachtens nicht. Na ja, und schweigen wir mal von den vielen Schreibfeh­lern, die das Lektorat hier einstreut, um den Leser zu irritieren (ich sage nur: „Rendesvouz“!). Das tut dann richtig weh. Also lieber schnell weiterlesen…

Nichts für kritische, logisch denkende Geister, würde ich sagen, sondern eher für schlichte Gemüter, die temperamentvolle Action wünschen, dabei den Ver­stand aber an der Kinokasse abgeben… oder so ähnlich.

© by Uwe Lammers 2013

Und nein, wie einleitend gesagt, ich denke, der Roman ist aufgrund seiner logi­schen Inhaltsfehler keineswegs ein Fall für den Müllhaufen der Geschichte, da­für strahlt er einfach von seinem Thema und der schwungvollen Prosa, der le­bendigen Charaktere zu viel Reiz aus.

In der kommenden Woche nehme ich euch auch auf eine Zeitreise mit, die frei­lich von völlig anderer Art ist. Wir besuchen dann das 14. Jahrhundert und einen Mann, den man den Sire de Coucy nennt. Wem das jetzt schon etwas sa­gen sollte: Psst! Verderbt mir die Überraschung nicht… und auch nicht den spektakulären Auftritt einer meiner Lieblings-Sachbuchautorinnen, von der ihr hier in meinem Blog noch mehr erfahren werdet.

Also, nicht vergessen – nächsten Mittwoch wieder zuschalten, es lohnt sich!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

erst wenige Wochen ist es her, da endete der Monat April… und flugs sind wir bereits durch den Mai hindurch, und es ist an der Zeit, wie üblich Rückschau auf den verflossenen Monat zu halten. Ganz so, wie ihr das gewöhnt seid und ich seit langem auch.

Tja, mein hoffnungsvoller Blick im vergangenen Monat war ungerechtfertigt, wie ich gestehen muss. Das hat viele Ursachen, berufliche zeitliche Beanspru­chung spielt da ebenso eine Rolle wie die hereinbrechende Gewitterschwüle des Monats Mai, die mich regelmäßig plättete. Ich bin einfach kein Mensch für heiße Temperaturen. Während ich frische Witterung im Herbst und Winter gut ertrage, ist Hitze ein absolutes No-Go. Von 20 Grad Celsius aufwärts nimmt mei­ne Schreibfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit konstant ab.

Aktuell hat mich dann auch wieder die Pollenallergie erwischt… also echt, da kommt alles zusammen. Und die Konsequenz sieht nicht toll aus für den Monat Mai – ich habe nicht umsonst jüngst (Blogartikel 171) gesagt, ich wäre gewisser­maßen urlaubsreif und würde mir eine Publikationspause gönnen. Dass das erst nach der Veröffentlichung meines 40. E-Books „Als Tiyaani noch ein Kind war…“ geschah, war nur folgerichtig.

Folgende OSM- bzw. Archipel-relevante Werke konnte ich im Mai 2016 bearbei­ten:

Blogartikel 178: Work in Progress, Part 41

18Neu 73: Der Horror-Pakt

(OSM-Wiki)

(Ungleiche Freunde – OSM-Story)

(Himmelfahrtskommando – OSM-Story)

(18Neu 75: Gespenst der Zeit)

Erläuterung: Dies ist der Auftaktband eines Vierteilers in dieser Serie, worin Oki Stanwer a) einen uralten Freund-Feind wieder trifft, b) zu erheblichen Teilen sein verschüttetes Gedächtnis reaktivieren kann, c) auf einer Welt landet, die tat­sächlich wie ein Würfel geformt ist und die im OSM absolut zentrale Bedeutung hat, nämlich auf der so genannten SIEGELWELT. Schweigen wir mal davon, was da noch alles passiert. Das Auftauchen von Matrixfehlern aus KONFLIKT 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ und vieles andere mehr. Ein spannender, far­benprächtiger Zyklus… den nie jemand gelesen hat, seit inzwischen bald 30 Jah­ren nicht.

Davon gibt es viel, von solchen Geschichten und ganzen Serien, die niemand kennt. Nur in meinem Kopf sind all diese Verbindungspfade zu entdecken, die ich so gern mit euch teilen würde. Und jedes einzelne Mal bedaure ich, dass weder ich noch ihr soweit seid, dass ich das realisieren kann. Hier merke ich es ganz besonders stark…

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“)

(TI 27: Späherin der Cestai)

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-BUCH (Abschrift))

(14Neu 34: ANTI-TOTAM)

(14Neu 33: Unter dem Bann eines Dämons)

Blogartikel 171 (neu): Sommerpause

Blogartikel 171 verschoben auf 181

Blogartikel 181 verschoben auf 185

18Neu 74: Angriff der Höllenritter

(Glossar der Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“)

(Amanda trifft einen Geist – Archipel-Story)

(Vivica auf Abwegen – Archipel-Roman)

Tja, Freunde, und da verließen sie uns schon wieder… und in manchen der obi­gen eingeklammerten Werke kam ich wirklich nur ein oder zwei Seiten voran. Nicht glorreich, fürwahr. Jüngst wurde ich von einem Mitliteraten zwar ob mei­ner Hunderte von monatlichen Kreativseiten beneidet, aber ich werde das noch richtigstellen müssen. Absolute Zahlen sagen recht wenig über die innovative Kreativitätsleistung im Monat aus.

Das Ungleichgewicht dauert also noch an. Und es setzt mir zu, mindestens so sehr wie die Pollenallergie und das Gegensteuern mit müde machendem Antihi­staminikum… Mann, auf diese Komplikationen kann ich echt gut verzichten, und ich schweige von meinem schmerzenden rechten Fuß…

In der kommenden Woche geleite ich euch mit Teil 37 der Artikelreihe „Was ist eigentlich der OSM?“ durch das stürmische Jahresende 2009. Das könnte wie­der sehr interessant werden. Also nicht versäumen!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

ja, ja, vielleicht ist es zu früh, diese Rezension zu bringen, aber ich hatte sie nun einmal in meinen Rezensionsplan aufgenommen und bin recht zuversichtlich, dass ihr, die ihr euch mit Arthur Conan Doyles legendärem Detektiv bestens aus­kennt, es mir nachsehen werdet, dass ich diese Rezension vor der Besprechung des „Hundes der Baskervilles“ bringe.

Warum dies? Nun, lest die Rezension und meine diesbezüglichen Worte, und ihr wisst Bescheid. Ich gehe indes davon aus, dass ihr die Kanon-Werke Doyles al­lesamt schon lange inhaliert habt, insofern entgeht euch also nichts Wesentliches in dieser unüblichen Publikationsreihenfolge.

An Rick Boyers Roman erinnere ich mich auch nach fast zehn Jahren immer noch sehr gern. Ich denke, ich muss ihn beizeiten mal wieder auf den Leseplan setzen… allerdings gibt es noch den einen oder anderen Epigonenroman zu Sher­lock Holmes, den ich noch nicht kenne und der folgerichtig vorzuziehen ist. Wer allerdings den unten rezensierten Roman noch nicht kennen sollte, der wird hier von mir mit Absicht und vergnügtem Lächeln auf einen richtigen Leckerbissen hingestoßen.

Lasst ihn euch nicht entgehen:

Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra

(OT: The Giant Rat of Sumatra)

von Rick Boyer

Bastei 15601, Dezember 2006

272 Seiten, TB, 7.95 Euro

Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Bauer

ISBN 3-404-15601-3

Das Jahr 1894 wird durch eine aufsehenerregende Entführung erschüttert – die junge Lady Alice Allistair, Tochter eines vermögenden und angesehenen briti­schen Politikers, ist auf einer Reise durch Indien in Bombay spurlos verschwun­den. Zehn Wochen liegt dies bereits zurück, und der völlig verzweifelte Vater weiß sich nun keinen besseren Rat mehr, als Sherlock Holmes zu Rate zu ziehen. Holmes nimmt den Auftrag eher missmutig an, denn er schätzt es nicht, weite Reisen zu unternehmen… indes muss er den britischen Boden gar nicht dazu ver­lassen, wie sich bald erweist.

Ein Auflauf von Sanitätsdroschken lenkt Holmes Aufmerksamkeit auf nähere Sensationen, und als sein Freund, Dr. John Watson, und er selbst dem Phänomen nachgehen, stoßen sie auf Inspektor Lestrade von Scotland Yard („Mr. Holmes, ich habe keine Ahnung, wie Sie es jedes Mal schaffen, scheinbar aus dem Nichts aufzutauchen, sobald ein Mord geschehen ist!“) – und auf eine Leiche, grässlich zugerichtet und offenbar von einem Hausdach gestürzt, mitten in die Baker Street.

Die Fährte des Toten, eines Seemannes, führt die beiden Freunde in den Londo­ner Hafen und zu einer schrecklichen Feuersbrunst, die nur der Auftakt zu schlimmeren und Unheil verkündenderen Entdeckungen sind. Denn mit der Ma­tilda Briggs ist ein Schiff aus Sumatra angekommen, das eine höllische und in hohem Maße unglaubwürdige Fracht eingeschleppt haben soll – eine Ratte von der Größe eines Menschen und dem Temperament eines höllischen Dämons.

Während der große Detektiv noch rätselt, ob es dieses Wesen tatsächlich gege­ben haben kann oder ob es sich – gleich dem Höllenhund der Baskervilles – da­bei eher um eine Art von übler Täuschung handelt, die sich ein verbrecherisches und betrügerisches Hirn ausgedacht hat, währenddessen melden sich die Entfüh­rer von Lady Allistair bei deren Vater.

Die Lösegeldforderung beläuft sich auf nicht weniger als hunderttausend Pfund, und die Übergabe soll in einem abgelegenen Anwesen der Allistairs in Shrewsbury, in den finsteren Wäldern nahe der Grenze zu Wales, erfolgen. Hol­mes schickt seinen Adlatus Watson als Beobachter und Berichterstatter mit den besorgten Eltern dorthin und verspricht, bald möglichst nachzukommen. Schließlich gibt es ja in London noch diese unheimliche Riesenratte zu berück­sichtigen, sagt er.

Doch das Anwesen Strathcombe in Shrewsbury, auf das sich Watson begibt, er­weist sich als ein heimtückischer Ort mit einer finsteren Aura, bevölkert von mancherlei seltsamen Personen, die sein Misstrauen wecken. Jahrhundertealte Eichenwälder bedrängen Strathcombe, und in den Wäldern wimmelt es von zwielichtigen Gestalten – von Zigeunern, vielleicht Schmugglern, Wilderern und, laut dem Wildhüter des Anwesens, neuerdings von einem riesigen Eber, der seltsamerweise ganz bizarre Hufspuren aufweist. Hufspuren, die eigentlich mehr zu einem Nagetier passten, wenn sie dafür nicht viel zu groß wären…

Der Leser merkt rasch, dass die beiden scheinbar so voneinander losgelösten Fälle eng miteinander verflochten sind. Rick Boyer versteht es insbesondere in der ersten Hälfte des bereits 1976 geschriebenen Romans (der sicherlich schon mal unter anderem Titel auf Deutsch publiziert worden ist), die Atmosphäre des viktorianischen England und der besonderen Form der Deduktion, wie sie nun einmal Sherlock Holmes zu eigen ist, reizvoll einzufangen.

Strukturell ist der Roman, der ein kleines bisschen zu lang für die Handlung ist – in der zweiten Hälfte wird er gelegentlich ein wenig zäh – , stark an den Doyle-Roman „Der Hund der Baskervilles“ angelehnt. Kenner des Holmes-Kanons merken das schnell. Dennoch ist er so eigenständig, dass man dieses Manko rasch verschmerzt und sich mit Feuereifer ans Grübeln und Überlegen macht, wie denn wohl die Lösung des Rätsels aussehen mag. Ich deute mal an: der Schluss ist in mancherlei Hinsicht dann doch eine ziemliche Überraschung. Mei­ne Gedanken waren nur sehr partiell auf der richtigen Fährte.

Die Riesenratte von Sumatra“, die ihren Titel eigentlich nicht völlig zu Recht trägt und zoologisch durchaus bedenklich ist (man vergleiche auch die Anmer­kungen im Roman selbst), gehört aller geringfügigen Schwächen zum Trotz zu den geschickteren Epigonenwerken Arthur Conan Doyles und zugleich zu der Sorte von Roman, die die Nacht zum Tag machen und die man, wenn man erst mal angefangen hat zu lesen, nicht mehr aus der Hand legen kann. Ich selbst brauchte (leider!) nur drei Tage, um das Buch regelrecht zu verschlingen. Ande­re Leser werden gewiss ähnliche Erfahrungen machen.

Uneingeschränkt empfehlenswert!

© by Uwe Lammers, 2007

Es gibt sie wirklich immer wieder, diese Sogromane, die den unvorbereiteten Leser schlicht strudelgleich hinabsaugen und alle Zeit ringsum verblassen las­sen. Das ist das Schöne am Lesen, was leider viele Zeitgenossen, zumeist jünge­ren Alters, wirklich nicht würdigen können. Unsere heutige Zeit ist auf bedau­ernswerte Weise schnelllebig geworden, vergesslich, ahistorisch… das gilt nicht nur für die Wissenschaft und die Politik, sondern eben leider auch für die Litera­tur.

Werke wie dieses hier versinken dann rasch im Vergessen, und wer sich nur an dem kurzsichtigen Mainstream dessen orientiert, was aktuell im Buchhandel verfügbar ist, dem entgeht unendlich viel an schönen Werken, die schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben.

Auch in der kommenden Woche kümmere ich mich um so ein kleines, aufregen­des Juwel der Science Fiction, das schon ziemlich alt ist – aber einen sehr ro­mantischen Charme ausstrahlt.

Was das für ein Buch ist? Wenn ihr’s wissen wollt, schaut einfach wieder herein!

Bis dann, meine Freunde!

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Wochen-Blog 181: Cestai und Tassaier – ein seltsames Bündnis

Posted August 21st, 2016 by Uwe Lammers

Vorbemerkung:

Eigentlich ist dieser Blogartikel als flankierende Information zu Band 27 der TI-Serie gedacht, also für die Episode „Späherin der Cestai“. Da dieser Band erst Anfang September erscheinen wird, ist es für derlei Hintergrundinformation vielleicht zu zeitig. Der Artikel ist nun aber schon zweifach intern verschoben worden, und ich möchte ihn euch ungeachtet des oben Gesagten doch schon zugänglich machen. Vielleicht ist er ja auch in seiner Funktion als Gedächtnisstütze für all jene von euch geeignet, die der Serie von Anbeginn an gefolgt sind. Für euch ist die Ankunft der RHONSHAAR an der Bebengrenze schon sehr lange her.

Viel Vergnügen mit diesem Beitrag.

Uwe Lammers

August 2016

Liebe Freunde des OSM,

kürzlich seid ihr als regelmäßige Leser der Serie „Oki Stanwer und das Terrorim­perium“ (TI) wieder an die legendäre Bebengren­ze zurückgekehrt. Und da das für diejenigen unter euch, die nicht erst viel später in die Serie eingestiegen sind, doch schon ein ganzes Weilchen zurückliegt, möchte ich heu­te mal kurz resümieren, was vor diesem Band 27 der Serie vorgefallen ist, ehe die RHONSHAAR, das zweite große yantihnische Fernerkundungsschiff, sein Ziel erreichte.

Angefangen hatte alles mit dem rätselhaften „Schiffbrüchigen“ namens Gwensh, der mit seiner Fernreisekapsel auf der yantihnischen Kolonialwelt Hush­hin abstürzte und bald danach an den Folgen des Absturzes verstarb. Vor­her konnte er jedoch noch einen beunruhigenden Bericht weitergeben: die grässliche Mär vom „Sternenhammer“, der seine ganze Zivilisation auslöschte (vgl. dazu die Bde. 4 und 5 der TI-Serie).

Der Bericht war sowohl unglaublich als auch alarmierend, und so wurde die RHONSHAAR ausgerüstet und auf den Weg zur Bebengrenze gesandt, um Nähe­res herauszufinden (Bd. 8). Während der Reise wurde immer deutlicher, dass an dem Bericht des sterbenden „Schlangenarms“ doch mehr dran sein musste. Und tatsächlich – das unter dem Raumpiloten Yuuricor vorgeschickte Missions­kommando fand den Bericht bestätigt… und den monströsen „Sternenhammer“, eine mondgroße, mobile Vernichtungsmaschine.

Ich weiß, Leser auf dem Kenntnisstand von heute wissen, dass es sich dabei um einen MINEUR der Troohns handelte, aber damals wusste das eben noch nie­mand. Auch Yuuricor nicht, der mit seinem Trupp tollkühn ins Innere des „Ma­schinenmondes“ eindrang, hier überwältigt und betäubt wurde (Bde. 9 und 10). Danach brach der MINEUR wieder in die Tiefen der Galaxis auf – und ihr wisst nach dem Handlungsstrang um den Shonta Abenteurerherz und seine „Göttin“ Vaniyaa, wohin das bislang geführt hat (Bde. 16-19 und „Annalen“ 4: „Heilig­tum der Shonta“).

Doch während sich das viele Monate in der Zukunft abspielt, wurde ja gegen Ende von Band 10 „Das Maschinenvolk“ schon anno 2014 angedeutet, dass die RHONSHAAR selbst nun auch Zielkurs auf das verwüstete Xoor’con-System nimmt.

In Band 27 ist es also soweit, dass die RHONSHAAR unter Kommandant Khaalnech ihr Ziel erreicht.

Und nun ist es an der Zeit, ein paar Dinge genauer zu betrachten.

Da war zum Beispiel Gwenshs Aussage, sie hätten vor dem zerstörerischen Auf­tauchen des „Sternenhammers“ Kontakt mit einer weiteren raumfahrenden Spezies gehabt – den so genannten Cestai. Doch auch mit massiver technischer und militärischer Aufrüstung seitens der Cestai sei das tassaiische Volk letzten Endes dem Ansturm des unbarmherzigen Gegners erlegen gewesen.

Wie die Cestai aussahen oder woher sie kamen oder wie sie überhaupt auf die Tassaier aufmerksam wurden, die ja ihr Heimatsystem noch nie verlassen hat­ten… all das blieb im diffusen Nebel.

Sicherlich habt ihr euch in den vielen zurückliegenden Monaten schon diverse Gedanken zu den rätselhaften Cestai gebildet. Ein paar Informationsbrocken fanden sich auch in den Shonta-Bänden. Aber viel konnte man sich dennoch un­ter diesen Wesen nicht vorstellen. Nicht sehr viel mehr, als dass sie gute Kämp­fer und physisch sehr groß gewesen sein sollen.

Aber woher kamen sie wohl?

Was war der Grund, weshalb sie den Tassaiern halfen?

Ich darf verraten, dass das seltsame Bündnis, das diese beiden Völker eingin­gen, in den vor euch liegenden vier Episoden gründlich aufgehellt wird. Na­türlich kann ich bis Band 30 inklusive nicht alle Geheimnisse des Volkes der Ce­stai enthüllen, das wäre schwer möglich. Aber ihr werdet feststellen können, dass ein paar Fakten vollkommen der Wahrheit entsprechen:

Erstens: Die Cestai SIND ziemlich groß gewachsen.

Zweitens: Sie sind wirklich ausgesprochene Kämpfer, die den Allis kaum an Elan nachstehen.

Drittens: Sie verfügen über eine extrem hoch entwickelte Technologie und bau­en zum Teil atemberaubend große technische Vehikel.

Viertens: Die Cestai hatten einen wirklich sehr guten Grund, Kontakt zu den Tas­saiern aufzunehmen… und sie verlangten einen Preis für ihre Hilfeleistung. Einen Preis, den manch einer vermutlich monströs nennen würde.

Ein seltsames Bündnis zwischen zwei geheimnisvollen Völkern? Oh ja, und zwar sehr viel seltsamer, als ihr euch das in den nächsten vier Monaten ausmalen könnt. Sowohl die Tassaier als auch die Cestai werden uns noch ziemlich heftig in Atem halten, das darf ich hier und heute versprechen.

Und die RHONSHAAR-Besatzung? Was ist mit der, mögt ihr euch fragen? Nun… sie ist gewissermaßen zur falschen Zeit am falschen Ort. Yantihni haben irgend­wie ein Faible dafür, durch ihre Unbedarftheit und Neugierde immerzu in Schwierig­keiten zu geraten.

Und wie es genau mit dem Erstkontakt zwischen Yantihni und Cestai losgeht, das erfahrt ihr im E-Book „Späherin der Cestai“ und den Folgebänden. Ich glau­be, wohliges Gruseln ist da durchaus am Platze.

Soviel kann ich hier und heute über das Bündnis zwischen Cestai und Tassaiern verraten – aber ich komme gewiss darauf wieder zurück, das ist nur eine Frage der Zeit.

Damit möchte ich für diesen Moment schließen. Lasst euch mal überraschen, wohin ich euch in der kommenden Woche entführen werde. Einfach wieder vorbeischauen…

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 73: Die Schatten dunkler Flügel

Posted August 17th, 2016 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

phantastische Kurzgeschichtensammlungen sind Werke, die immer auf beein­druckende Weise Zeugnis ablegen von den Fähigkeiten der Verfasser. Es heißt zwar allgemein, dass sich Kurzgeschichtensammlungen und Anthologien im Buchhandel schlecht verkaufen, doch das ist in meinen Augen ein Zeichen von Kurzsichtigkeit.

Ein gutes Beispiel dafür haben wir mit dieser alten Goldmann-Storysammlung vor uns, die Robert Silverberg verfasst hat und die schon 1970, also vor mehr als 45 Jahren erschienen ist. Sie fiel mir aus dem Nachlass eines verstorbenen Phantasten vor langer Zeit zu, ich kam aber erst anno 2015 dazu, diesen Band zu lesen.

Wie ihr unten entdecken könnt, war ich durchaus positiv überrascht, vor allen Dingen von der thematischen Handlungsbreite der Geschichten. Während viele junge moderne Literaten sich auf vergleichsweise leicht zu schreibende, simple Plotstories festlegen, die man leider, wenn man über ein gutes Gedächtnis ver­fügt, auf viele Jahre hinaus nur ein einziges Mal lesen kann, verhält es sich bei Robert Silverberg, einem prominenten Vertreter der „new wave“, grundlegend anders. Ich kann mir vorstellen, seine Kurzgeschichten auch immer mal wieder unter neuem Blickwinkel zu lesen und Facetten zu entdecken, die mir zuvor ent­gangen sind.

Da dieser Band nun einmal nicht mehr im Handel erhältlich ist, rege ich an, dass ihr ihn, wenn euch die unten stehende Rezension neugierig gemacht habt, anti­quarisch suchen solltet. Es lohnt sich unbedingt.

Und hierum genau geht es:

Die Schatten dunkler Flügel

(OT: The Cube Root of Uncertainty)

Von Robert Silverberg

Goldmann 0203

München 1970

Aus dem Amerikanischen von Tony Westermayr

160 Seiten, TB

Die Zukunft ist das Land, in dem die Science Fiction-Schriftsteller immer schon daheim waren, sie sind gewissermaßen – mal mehr, mal weniger treffsicher – die Propheten und Orakel dessen, was kommt oder kommen könnte. Und man­che dieser Visionen enthalten selbst nach Jahrzehnten noch Substanz und ha­ben sich nicht restlos überholt. Das gilt namentlich für jene Autoren, die sich nach dem Zeitalter der klassischen Space Opera mit der Neubelebung der Phan­tastik befassten. Leute wie Philip K. Dick, Philip José Farmer, Brian W. Aldiss, Mi­chael Moorcock oder eben auch Robert Silverberg warfen neues Licht auf alte Topoi oder schritten gleich zu ganz neuen Ufern, oftmals ausgehend vom so ge­nannten „inner space“.

Als ich also jüngst zur Lektüre dieser wirklich recht alten Storysammlung schritt, die seit rund zwanzig Jahren ungelesen in meinem Besitz war, kann man sich vorstellen, dass ich gespannt darauf sein konnte, ob mich wohl altbackene Stan­dardkost erwartete oder auch das eine oder andere Juwel darunter war. Nun, ich bereue die Lektüre nicht. Silverberg hat in der Tat die eine oder andere Überraschung zu bieten.

Diese Storysammlung enthält neun Geschichten unterschiedlichster Länge, und selbst wenn der Klappentext mal wieder in die Irre geht, macht man als Leser eine Reise durch unterschiedlichste Situationen der Zukunft. Schauen wir sie uns mal kurz genauer an:

Die Schatten dunkler Flügel beschäftigt sich mit einem klassischen Erstkontakt. Vorausgegangen sind interplanetare Reisen der Menschen, die auf Mars und Venus die Hinterlassenschaften früherer Besucher gefunden haben, namentlich der so genannten Kethlani, die eigentlich als ausgestorben gelten. Dr. John Do­naldson gilt als Spezialist für dieses Alienvolk. Aber er ist nicht darauf vorberei­tet, von der Regierung kontaktiert zu werden – weil ein leibhaftiger Kethlani in einem Raumschiff gelandet ist. Und dann gibt es dabei noch ein ganz besonde­res Problem…

Absolut unerbittlich ist der Beamte Mahler, der in der fernen Zukunft auf der Erde lebt und ein ständig wiederkehrendes Problem hat: Zeitreisende aus der Vergangenheit. Das Prozedere ist eindeutig – Sensoren spüren jeden Zeitreisen­den sofort nach seiner Ankunft auf, dann wird er zu Mahler gebracht und, uner­bittlich, auf den Mond deportiert. Ende der Geschichte, könnte man sagen. Bis auf einmal ein Zeitspringer auftaucht, der behauptet, sein Gerät funktioniere in BEIDE Richtungen…

Der Eiserne Kanzler soll eigentlich ein Fortschritt sein. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ist die Robotik weit fortgeschritten, und Robotküchen gehören zum absoluten Standard. So auch in der Familie von Sam Carmichael, allesamt sehr… nun, sagen wir, sehr gute Futterverwerter und etwas… stämmig. Sie überlegen schon lange, wie sie wieder ein wenig schlanker werden könnten, doch das Essen schmeckt einfach zu gut. Und dann gibt Sam Carmichael einer spontanen Eingebung nach und kauft einen modernen Robotkoch, der schnell den Namen „Bismarck“ weg hat. Aber das ist erst der Anfang des Alptraums…

Die Passagiere ist eine Geschichte, die uns in eine gespenstisch veränderte Zu­kunft führt. In eine Welt, in der es seit ein paar Jahren völlig normal ist, wenn Menschen sich jählings von einem Moment zum anderen verändern, manchmal tagelang eine bizarre Form von Dasein führen, das ihrem vorherigen Charakter völlig widerspricht. Diese Menschen werden von so genannten „Passagieren“ aus dem Kosmos „geritten“, man könnte auch sagen, sie sind besessen. Aber als Charles Roth nach drei Tagen der Besessenheit wieder erwacht, ist bei ihm ir­gendetwas anders als zuvor…

Falsch berechnet schickt den Leser in eine originelle Welt. Kennt jemand den Vertrag von Düsseldorf 1916, in dem der Sieg des Deutschen Reiches über Frankreich geregelt wurde und der Erste Weltkrieg endete? Nein? So ein Pech, dann seid ihr schon der zweite, der dieses Problem hat. Aber der andere wird von dieser Tatsache noch sehr viel ärger getroffen: Der Hethivar-Agent Karn 1832j4 hat nämlich bei seinem letzten Besuch 1916 auf der Erde diesen Vertrag ausgehandelt und damit den Krieg raffiniert beendet, woraufhin eine Phase von 70 Jahren Frieden eintreten sollte. Als er 1959 auf die Erde zurückkehrt, muss er schockiert entdecken, dass die Menschen, deren Entwicklung er im Auftrag des ehrwürdigen hethivarischen Imperiums unterdrücken soll, zwischenzeitlich die Nuklearenergie entdeckt haben und in den Weltraum vorgestoßen sind. Der Vertrag von Düsseldorf ist unbekannt, stattdessen hat Deutschland den Krieg verloren und ebenso den Zweiten Weltkrieg. Doch das ist leider noch lange nicht alles…

Der sechste Palast steht auf eine menschenleeren Welt unter dem roten Stern Valzar, und er enthält unendliche Schätze – und wird leider von einem unerbitt­lichen robotischen Wächter bewacht, der bislang noch jeden einzelnen Suchen­den einer ausgiebigen Befragung unterzog und ihn dann niedermetzelte. Nie­mand hat jemals herausgefunden, was der Roboter von Besuchern hören möch­te, um sie auch tatsächlich einzulassen. Nun versuchen die gewieften, intelli­genten Schatzsucher Lipescu und Bolzano ihr Glück…

Der dunkle Stern ist der Überrest einer Supernovaexplosion und steht kurz da­vor, sich in eine Singularität zu verwandeln. Ein kleines Team von drei For­schern, bestehend aus Menschen, Kolonialmenschen und einem Mikrocepha­lon, soll den epochalen Moment erforschen, in dem der Stern endgültig in sich zusammenstürzt. Das Problem sind aber die internen Querelen, die die Mission nahezu unmöglich machen. Bis im allerletzten Moment eine dramatische Ent­scheidung getroffen wird…

Zwischenstation erzählt ebenfalls von der fernen Zukunft. Die Menschheit hat mit der Schaffung der „Plica“ einen dimensionalen Übergang geschaffen zu ei­nem Ort, der als Zwischenstation bezeichnet wird. Dort treffen sich verschie­denste Sternenvölker, und Franco Alfieri hofft, hier eine Möglichkeit zu finden, seinen Kehlkopfkrebs heilen zu lassen – aber von dem Preis, der dafür zu ent­richten ist, hat er keine Vorstellung…

Sonnentanz ist eine etwas transzendierende Geschichte. Tom Two Ribbons ist Teil eines Teams, das einen fremden Planeten auf die Ankunft menschlicher Siedler vorbereiten soll. Als Nachkomme von Sioux hat er mit der Aufgabe zu­nehmend ein Problem. Einmal, weil die Welt mit ausgedehnten Prärien seiner Heimat so bestürzend ähnlich ist, und dann, weil die Aufgabe des Teams darin besteht, die hier heimische Spezies der Esser auszulöschen. Das geschieht durch Abwurf von Neuralkugeln. Das sind Substanzen, die die scheinbar rein ve­getativ lebenden Esser magisch anziehen. Doch wenn sie sie verzehren, bringen sie den Kreislauf zum Erliegen und lösen die Wesen binnen kürzester Zeit in Flüssigkeit auf.

Ein ungeheuerliches Verbrechen, wenn es sich um so etwas wie eine intelligen­te Spezies handeln würde. Aber dafür spricht rein gar nichts… bis Tom Two Ribbons Zweifel verspürt, die an ihm nagen, und er seinem Gewissen nachgibt, weil er einen Genozid wittert…

Man merkt deutlich an den Geschichten, die vielfältig Bezug auf die Themen Geschichte, Genozide, Zeitparadoxa, Erstkontakte, Tücken der modernen Tech­nik und dergleichen nehmen, dass Silverberg ein vielseitiger Schriftsteller ist, der sich insbesondere auch viel mit innermenschlichen Konflikten auseinander­setzt. Und es ist vermutlich unbestreitbar, dass eben solche Themen quasi zeit­los sind. Das ist ein wesentlicher Punkt, der seine Geschichten auch heute noch lesbar und interessant macht. Und selbst wenn manche seiner Geschichten the­matisch viel zu dicht an der Gegenwart angesiedelt sind (eine spielt im Jahre 1987, was natürlich längst überholt ist), sollte man sich daran nun fürwahr nicht festbeißen.

Wie schon erwähnt, ich habe die Storysammlung durchaus mit Genuss und Ge­winn gelesen, und da es noch ein paar seiner Storysammlungen bei mir zu ent­decken gibt, bin ich mal gespannt, was da auf mich wartet.

Trotz des Alters also eine klare Leseempfehlung meinerseits!

© by Uwe Lammers, 2015

Reiner Enthusiasmus, meint ihr, klingt aus diesen Zeilen? Well, wenn ihr das so sehen mögt… es sollte euch, wenn ihr meinem Urteil ein wenig vertraut, nur umso neugieriger machen.

In der nächsten Woche reisen wir zurück ins nebelverhangene London des 19. Jahrhunderts, zu einem legendären Detektiv. Und wer da „Sherlock Holmes?“ murmelt, liegt goldrichtig. Neugierde geweckt? Gut so!

Bis dann, mit Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.