Liebe Freunde des OSM,

acht Wochen zurück verließ ich euch am Ende des Monats November 2010, und ich versprach, im Dezember desselben Jahres fortzufahren. Dann spucken wir mal in die Hände und schauen, was da so los war.

Ich befand mich zu der Zeit in einem ABM-Projekt mit der Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbüttel (Ostfalia), die mir freie Zeiteinteilung gestattete, und das kam insgesamt der Kreativität zugute. Außerdem näherte ich mich mit der kommentierten Abschrift des KONFLIKTS 17 „Drohung aus dem All“ (17Neu) allmählich dem Schluss, das motivierte zusätzlich. Hier hatte ich inzwischen Band 60 „Vorboten der Vernichtung“ erreicht, ursprünglich 1986 geschrieben.

Es gelang mir im Dezember endlich auch, die sehr lange Episode „Wahrheit und Legenden“ (Band 51 des KONFLIKTS 19 „Oki Stanwer – Der Missionar“ (DM)) zu vollenden, die mit unglaublichen 99 einzeiligen Manuskriptseiten und weit über 100 Fußnoten Romanformat erreicht hatte… nach einer Arbeitszeit freilich, die mehr als drei Jahre betrug. Der gesamte Vierteiler der Serie, der hiermit abge­schlossen wurde, hatte mich insgesamt mehr als fünf Jahre beschäftigt. Ihr seht, manche Entwicklungen dauern echt lange, und es ist kein Wunder, dass diese Serie bislang weder abgeschlossen noch publiziert ist.

Natürlich enthielt gerade der letzte Band einen Entwicklungspfad, der weit in die Serienzukunft führte und mich dazu animierte, eine Anschlussszene zu schreiben. Dies ist der Keim der Episode 68 der DM-Serie mit dem Titel „Jen­seits der Sterne“. Wann ich die fertig schreiben werde? Du lieber Himmel, Freunde, ihr stellt vielleicht Fragen! Keine Ahnung. Aber ich gestehe, in jüngster Vergangenheit denke ich wieder häufiger an gerade diese Episode.

Überhaupt hielt ich mich in diesem Dezember 2010 mehrheitlich in dieser OSM-Ebene auf, nicht zuletzt, weil ich an dem Romanfragment „Eine scharf ge­schliffene Waffe“ arbeitete… hier noch als „Story“ etikettiert. Eigentlich war diese Geschichte, die hier spross, als eine Art Crossover-Geschichte in der Art von „Heiligtum der Shonta“ oder besser „In der Hölle“ konzipiert… aber sie lief aus dem Ruder, und zwar gründlich. Noch nicht sofort, aber in den Folgejahren. Vielleicht ist es ganz geschickt, hierzu an diesem Punkt schon Näheres zu sagen.

Die Serie „Oki Stanwer – Der Missionar“ begann im Jahre 1991, wie ihr aus mei­nen Blogartikeln wisst. Und schon relativ schnell stieß ich auf dem wichtigen Handlungsschauplatz des Planeten Dawson (euch vertraut aus dem Annalen-Band „Ian und der Stein der Götter“ sowie der Folgegeschichte „Der Platz der Steine“) im direkten Umfeld Oki Stanwers, der dort residiert, eine rätselhafte, schweigsame Asiatin namens Ghani… eine seltsame Person von etwa dreißig Jahren, wie es scheint.

Ghani gilt den auf Dawson Lebenden, die mit ihr Umgang haben, als „Hexe“, sie scheint unberührbar und fähig, auf den Willen jeder Person, die mit ihr zu tun hat und ihr Böses will, massiv einzuwirken, allein kraft ihrer Stimme. Eine faszi­nierende, geheimnisvolle Persönlichkeit, dachte ich mir, und fast zwanzig Jahre lang war mir ihre Rolle nicht klar. Ende 2010 begann ich zu verstehen, wer sie war und vor allen Dingen, was sie darstellte… und damit begann der Alptraum der oben erwähnten Geschichte. Denn „Eine scharf geschliffene Waffe“ be­ginnt mit Ghanis Ankunft auf Dawson – durch das schwarze Kristallportal, durch das auch Leute wie Ian Perry und die anderen Terraner von der Venus aus ge­kommen sind.

Das Problem dabei ist nur: Ghani ist nicht auf der Venus in das Portal eingetre­ten, wiewohl sie Teil einer Einwanderergruppe ist, die von dort kommt. Genau genommen ist sie von nirgendwoher in das Portal eingetreten. Das und ihre un­heimlichen Fähigkeiten kommen in dem Roman erst sukzessive zutage, aber was dort über den Planeten Dawson herausgefunden wird, verändert wirklich ALLES. Wenn ihr denkt – oder beispielsweise auch die Berinnyer um Rholghon­nicaar – , ihr wüsstet alles über Dawson, lasst euch gesagt sein, dass ihr gerade mal an der bescheidenen Oberfläche gekratzt habt. Ghani sieht durch die Ma­trix der Dinge hindurch und entdeckt die Hölle, die Dawson tatsächlich ist.

Beizeiten sage ich dazu gern mehr. Heute würde das zu weit führen.

Das Jahr 2010 endete mit 95 geschriebenen und beendeten Werken, darunter zahlreiche zum OSM (wenn eben auch viele kommentierte Geschichten), das fand ich durchaus akzeptabel und ging guten Mutes ins Jahr 2011.

Ja, und der Anfang des Monats Januar 2011 hatte dann gleich den Schocker für mich parat – und insofern passte eben mein Abschweifen zu KONFLIKT 19 recht gut, denn DM-Band 1 „Das Tor der Ewigen Seligkeit“ verfasste ich am denkwür­digen 1. Januar 1991 – , dass ich bereits am 3. Januar den Keim zu einer neuen OSM-Serie legte.

Die Rede ist vom „Reboot“ des KONFLIKTS 9 „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ (DKdO), der mit „Eine Galaxis des Krieges“ in eine faszinierend diversifizierte Galaxis Milchstraße ging, ein paar tausend Jahre vor Beginn unserer Zeitrech­nung, um das mal vorwegzunehmen und die Hoffnung gleich vorab zu enttäu­schen, ihr würdet hier das menschliche Imperium zu den Sternen aufbrechen sehen. Das wird so nicht passieren. Doch nicht, während sie gerade Stonehenge bauen…

Die Serie gewann auf faszinierende Weise an Fahrt, ähnlich wie weiland die Epi­soden des KONFLIKTS 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ (TI), wo es anno 2003 sehr ähnlich ablief. Ich konzipierte munter schon bis Episode 5, und es wa­ren wirklich lange und inhaltsreiche Episoden. Der Bilderstrom war von bezwin­gender Macht. Oki Stanwer und die zerstrittenen Kleini-Kolonialwelten, die cha­rismatische Millionärin Viane Vansin el Descorin del Sante, die Sternenreiche der Allis und Tassaier (ja, da könnt ihr aufhorchen, Freunde, das ist eine schöne Ebene mit vielen bekannten Aspekten, die euch schon vertraut sind, und wahr­scheinlich ging das Schreiben mir auch deshalb so leicht von der Hand). Es geht um Baumeister und ihre gewaltigen Bauwerke, die ZYNEEGHARE. Es geht um die Magellanschen Wolken und Oki Stanwers Reise dorthin (von der ich, ungelo­gen, seit 30 Jahren weiß, sogar noch länger eigentlich, denn davon war schon in den 70er Jahren in den „Gedankenspielen“ andeutungsweise die Rede)…

Spannende Sache.

Während das ablief, im Hintergrund das Aktenerschlie­ßungsprojekt für die Ost­falia einerseits und andererseits die kommentierte Abschrift von KONFLIKT 17, fand ich die Muße, einen ausführlichen Hintergrundtext zum OSM zu entwi­ckeln, den ich euch vermutlich erst in geraumer Zeit zugänglich machen kann. Er heißt „Die Matrixfehler oder Der Alptraum der Baumeister“ und ist hoch­komplex, weil er letzten Endes auf mehr als 1500 OSM-Werken als Hintergrund­basis aufbaut. Ich glaube, ihr könnt nachvollziehen, dass es arg verfrüht wäre, euch durch dieses wilde Gedankenkarussell zu schicken, ehe ihr die Grundlagen dafür bekommen habt, um es zu verstehen.

Während ich hieran noch saß, ploppte die nächste Geschichtenidee hoch, die vermutlich unvermeidbar war. Eine weitere Geschichte, die auf Dawson in KON­FLIKT 19 spielen wird: „Ein Alptraum namens Koloron“. Möglicherweise wird das vom Format her auch eher ein Roman. Das ist schwer zu beurteilen, ich bin hierin noch nicht allzu weit gekommen – begreiflicherweise, denn dies ist ge­wissermaßen der Zusammenstrom der Lebenspfade von Ian Perry, Senyaali und Ghani aus „Eine scharf geschliffene Waffe“. Und diese Geschichte wird kosmi­sche Geschichte schreiben, was am Ort des Geschehens liegt, eben an der Klei­ni-Stadt Koloron, die ihr als Andeutung aus „Ian und der Stein der Götter“ kennt. Ihr würdet das reale, ursprüngliche Koloron übrigens im oben erwähnten KONFLIKT 9 wieder finden…

Ich arbeitete auch ein wenig an zwei weiteren, älteren OSM-Geschichtenideen weiter, nämlich an „Der Ewigkeitssender“ und an „Im Parallelraum“, doch kann ich beide nicht wirklich vollenden. Während ich bei der ersten noch immer im Unklaren bin, in welchem Universum sie spielt (und das, obwohl die Geschichte am 1. September 1996 begonnen wurde), kann ich die zweite (im Juli 1997 be­gonnen) klarer zuordnen: Sie spielt in der Präfinalphase von KONFLIKT 16 „Oki Stanwer – Der Mann aus dem Nichts“ (DMadN) (1983-1998). Aber von der Serie liegt mir aktuell noch keine kommentierte, digitale Abschrift und auch noch kein Glossar vor. Bis dahin ist die obige Geschichtenidee definitiv suspendiert.

Na, und dann schoss eine weitere „Storyidee“ empor, die ihr inzwischen auch kennt: „Die schamlose Frau“. Doch während ich im Januar 2011 hier noch am Anfang verharrte, überwältigte mich die direkt anschließend kommende Archi­pel-Idee vollständig. „Begegnung mit dem Schicksal“, so der Titel dieser Ge­schichte, in der ich die Geschichte der Donna von Ventaau erzähle, blühte bin­nen einer Woche auf und kam jählings auf vollendete 102 Textseiten. Sie wurde am 7. Februar 2011 vollendet. Quasi aus dem Stand, könnte man sagen.

Ebenfalls im Februar war mir schon völlig klar, dass „Eine scharf geschliffene Waffe“ Romanformat erreichen würde, denn ich arbeitete intensiv daran wei­ter, außerdem parallel an Band 52 der DM-Serie, „Der Intrigant“, ebenfalls auf Dawson spielend.

Außerdem sprudelten die Ideen für KONFLIKT 9 weiter. In rascher Folge entstan­den die Episoden 3 „Der Maschinenstern“ und 4 „Bauwerk der Baumeister“. Für beide schlage ich euch vor, ihr stellt euch einen MINEUR der Troohns (KON­FLIKT 2) oder den Todesstern aus „Star Wars“ energielos und finster vor, dann habt ihr eine Vorstellung davon, was Oki Stanwer und seine Getreuen in den Magellanschen Wolken fanden… und dann fanden sie sich auch noch in einer erpresserischen Zwangslage vor und mit dem beinahe sicheren Tod konfron­tiert.

Spannende Sache, wahrhaftig!

Weiterhin feilte ich an der OSM-Geschichte „In der Hölle“, die ihr heute als An­nalen 1 schon lange kennt, und an dem Romanfragment „Die Totenköpfe 2: Durch die Ruinenwelten“.

Achterbahnfahrt? Ja, natürlich, meine Freunde. Der Anfang des Jahres 2011 war wilde kreative Talfahrt, und absolut phantastisch. Und ich spürte, da sich die Ar­beiten an KONFLIKT 17 dem Ende zuneigten, wie neue kreative Potentiale frei­gesetzt wurden. Wie ich sie dann ab März 2011 nutzte, berichte ich im nächs­ten Teil dieser Artikelreihe. Aber ich kann jetzt schon sagen – es bleibt span­nend!

In der kommenden Woche gibt es wieder einen Bericht aus dem Bereich „Log­buch des Autors“. Näheres wird hier noch nicht verraten. Schaut einfach wieder rein.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 97: Auf den Spuren unserer Vergangenheit

Posted Februar 1st, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

und wieder einmal schicke ich euch mit dem folgenden Lesetipp in die ägypti­sche Vergangenheit (wenngleich auch nicht nur, wie schnell zu entdecken sein wird, das ist geografisch schon deutlich weiter gefasst)… ihr wisst es seit gerau­mer Zeit, dass das alte Ägypten ein Steckenpferd von mir ist, seit jüngster Kind­heit schon. Außerdem ist der Verfasser dieses Sachbuches jemand, den ich seit ewigen Zeiten bereits lese – Philipp Vandenberg. Und seid gewiss, dass ich noch mehr seiner Werke für euch rezensieren werde.

Heute also mal wieder ein weitgehend biografisches Überblickgeschichtswerk, das gleichwohl des belletristischen Charmes absolut nicht entbehrt. Das werdet ihr rasch erkennen. Also, Schluss mit der kurzen Vorrede und Vorhang auf für folgendes interessante Buch:

Auf den Spuren unserer Vergangenheit

Die größten Abenteuer der Archäologie

von Philipp Vandenberg

Bastei 64180

296 Seiten, TB

Bergisch-Gladbach 2001,

unveränderter Nachdruck von 1977

ISBN 3-404-64180-9

Philipp Vandenberg, 1941 in Breslau geboren, ist seit Jahrzehnten renommier­ter Verfasser von historischen Sachbüchern, historischen Romanen und später auch Krimis mit historischem Background (beispielhaft Sixtinische Verschwö­rung, 1988). Besonderes Augenmerk legt er auf die Geschichte Ägyptens und auf die Lebensläufe der damals wichtigen Forscher und Entdecker – es lag also äußerst nahe, das vorliegende Buch zu verfassen. Hier breitet er knapp, doch farbenprächtig und zum Teil raffiniert miteinander verknüpft, die Lebensläufe von vierzehn bedeutenden Forschern aus, die uns in anderen seiner Werke immer wieder über den Weg laufen und unweigerlich auch in allen bedeutsamen Sachbüchern über die Geschichte der Archäologie entgegentreten.

Wir machen, ausgehend vom Jahre 1814, eine chronologische Reise durch etwa 150 Jahre antiker Geschichte, bleiben dabei aber nicht allein auf Ägypten fixiert, wie das beispielsweise in Vandenbergs Buch „Das Tal“ geschehen ist. Hier gera­ten auch Stätten wie das antike Olympia in den Blick, das vergessene Nabatäer-Reich und seine Kapitale Petra im späteren Jordanien. Wir besuchen Troja, das mykenische Tiryns, ein gigantisches „Labyrinth“ auf der Insel Kreta, und eine verschüttete imperiale Metropole namens Hattuscha in der heutigen Türkei, ganz zu schweigen von dem alten Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris.

Ja, ich würde sagen, wer diesen Kapiteln folgt, der kommt gut herum in der Ver­gangenheit, und er lernt die wesentlichen Protagonisten aus der Frühzeit der Antikenforschung recht ordentlich kennen. Beispielsweise den „Scheich aus Ba­sel“, Johann Ludwig Burckhardt, der von amtlichen Behördenvertretern am Ro­ten Meer mit den Worten in Empfang genommen wird: „Ich will dafür bürgen, dass Pascha Mohammed Ali dich aufhängen lassen wird.“ Was dann doch nicht geschieht (warum, sollte man lesen). Wir treffen „Mister B.“ (der uns dem Hö­rensagen nach schon in „Das Tal“ begegnete, hier aber sind wir ihm dramatisch nahe auf die Haut gerückt und gehen fast mit ihm in einem grässlichen ägypti­schen Grablabyrinth zugrunde. Wir schauen einem fiebrigen französischen Sprachgenie über die Schulter, das aus 1419 Hieroglyphen tatsächlich die Heili­gen Zeichen der alten Ägypter (in groben Zügen) rekonstruiert und sie damit lesbar macht. Dann kommen wir dem herrischen Richard Lepsius näher, der „Lordschaft aus der Bendlerstraße“ (auch er schon in „Das Tal“ beiläufig er­wähnt). Hier vertieft sich sein Lebenslauf gründlich, und seine Exzentrik tritt drastisch zutage, wie ich fand.

Außerdem graben wir uns durch bis zu fünf Meter dicke Sandablagerungen im alten Olympia und verlegen Eisenbahnschienen in Kleinasien (wo die Holz­brücken hinter den Schienen abgerissen werden, um als Feuerholz zu dienen… die Gründe für solches Verhalten sollte man nachlesen, es ist… sagen wir… ge­wöhnungsbedürftig). Und den „Pascha von Pergamon“ hält das nicht von sei­nen fieberhaften Grabungsarbeiten ab – nun, und wer einmal im Berliner Per­gamon-Museum gewesen ist wie ich, der kann sich davon überzeugen, dass Carl Humanns Arbeiten weiß Gott ergiebig gewesen sind.

Wir folgen der abenteuerlichen Karriere eines kleinen Fischverkäuferjungen, über Schiffbruch in der Nordsee, Schlenker über Russland und Amerika, bis er endlich als „Goldsucher“ seinen großen Traum erfüllen kann – das antike Troja zu entdecken, an dessen Existenz er ebenso felsenfest glaubt wie an die reale historische Faktizität aller homerischen Helden.

Dann wiederholt Vandenberg natürlich auch ein wenig, wenn er relativ kurz Au­guste Mariettes Lebensweg nachzeichnet, den ich natürlich aus „Das Tal“ schon gründlich kannte (aber es sind nur 13 Seiten dieses Buches, die Wiederholun­gen halten sich also in engen Grenzen).

Auch treffen wir Abu Arra’wus, den „Vater der Schädel“, über dessen raffinierte Schläue ich hier nichts Näheres verraten möchte. Sehr gut gefallen hat mir dann auch der Beitrag über den „englischen Theseus“, Arthur Evans, der auf der Insel Kreta den Spuren einer Legende nachgeht und nicht nur eine völlig unbekannte Schrift entdeckt, sondern auch ein unglaubliches Bauwerk, das bis heute um­stritten ist und von dem er annimmt, es sei der Palast des mythischen Königs Minos.1

Ebenfalls originell ist das Kapitel über den „Briefträger von Boghazköy“2, der ein antikes Korrespondenzarchiv entdeckt, das jeder Beschreibung spottet.3 Und nachdem wir mit dem Abschnitt über den „Vetter aus Camberwall“ ein gutes Stück über „Das Tal“ hinausgehen und die packende Geschichte der Entdeckung des Grabes von Tut-ench-amun durch Howard Carter verfolgen können, schließt der biografische Bilderbogen, den Vandenberg hier ausbreitet mit Leonard Woolley, dem „Totengräber von Ur“ – ein auf grausigste Weise berechtigter Titel für diesen Teil des Buches.

Abgerundet wird die Darstellung durch eine Chronik der Archäologie, indem hier die babylonische Geschichte, die ägyptische Geschichte, die hethitische und ägäische und griechische Geschichte kalendarisch angehängt werden.

Summarisch ist zu sagen, dass dieses Buch für all jene Leser ausgezeichnete his­torisch-biografische Erweiterung bietet, die a) Vandenbergs Buch „Das Tal“ vor­ab gelesen haben und die dort offen gelassenen Lücken füllen und andererseits Seitenpfade, die dort schon angedeutet werden, erweitern wollen, b) die sich für noch mehr biografische Details zu den dort erwähnten Personen oder nam­haften Forschern der Antike überhaupt interessieren. Und c) taugt dieses Buch auch aufgrund der Kürze der biografischen Kapitel und des weit gestreckten re­gionalen Horizontes dazu, ein vielleicht noch diffuses, beginnendes historisches Interesse präziser zu fokussieren.

Alles in allem hat mir das Werk als äußerst kurzweilige historische Vertiefungs­lektüre mit gefälliger Satzmelodie gefallen. Es entbehrt zwar der präzisierenden historischen Fußnoten, was bedauerlich ist, und es ist auch ziemlich nervig, dass das Lektorat sich offensichtlich außerstande sah, das Trennprogramm ge­scheit zu beherrschen – denn Trennungen wie „Ä-gypten“ oder „Acheta-ton“ (statt „Achet-aton“), „Tagsü-ber“ oder „A-marna-Korrespondenz“ sind einfach nur ärgerliche Kleinigkeiten, die einen aufmerksamen Leser dennoch stören. Sie wären leicht zu vermeiden gewesen mit ein wenig mehr Sorgfalt.

Einerlei – der Rest des Werkes sorgt für kaum getrübte Lesefreude, und das ist doch das, was wirklich zählt. Und ich glaube, ich brauche kein Geheimnis daraus zu machen, dass ich mit der Wieder-Lektüre eines weiteren Vandenberg-Buches flugs ebenfalls begonnen habe – mit „Das Pharao-Komplott“, einem Buch, das ich 1990 kaufte und sofort verschlang & rezensierte. Meine Rezension, die 1991 erschien, ist allerdings weder digital existent noch sonderlich tief schürfend. Und nach über 25 Jahren ist es eine pure Freude, diesen Roman wieder mal zu lesen und ihn dann anschließend solide neu zu rezensieren.

Demnächst also in diesem Kino, meine Freunde – ein dritter Vandenberg.

© 2016 by Uwe Lammers

Wann genau ich das zuletzt erwähnte Buch rezensieren werde? Och, das sei hier und jetzt noch nicht verraten. In der kommenden Woche nehme ich euch stattdessen wieder mit in den Weltraum, zurück zu einer faszinierenden Welt, die einem Rollenspielmusterkatalog entsprungen sein könnte. Richtig, zur Sechseck-Welt.

Neugierig, wie es dort weitergeht? Dann verpasst nicht den Rezensions-Blog der nächsten Woche!

Bis dann, mit Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. zu einer antagonistischen Deutung H. G. Wunderlich: „Wohin der Stier Europa trug. Kretas Geheimnis und das Erwachen des Abendlandes“, Reinbek bei Hamburg 1979.

2 Im Buch durchgängig als „Boghazköi“ verkehrt geschrieben.

3 Detaillierter findet man speziell diesen Sachverhalt natürlich in C. W. Cerams Buch „Enge Schlucht und Schwarzer Berg“, Hamburg/Darmstadt 1955.

Liebe Freunde des OSM,

ihr seid das aus den zurückliegenden Monaten von mir schon gewohnt… derzeit köchelt die Kreativität auf Sparflamme, und das lässt sich leider in absehbarer Zeit nicht ändern. Dass zugleich ein unterirdisches Sieden gelegentlich bis an die Oberfläche emporschießt, habe ich gleichwohl in diesem Monat erlebt, und ja, diesmal sogar auf dem Feld des Oki Stanwer Mythos, ich komme gleich dazu.

Fast alle wichtigen Projekte, die sämtlich zeitintensiv sind, werden von den Be­anspruchungen meiner Brotarbeit ausgebremst und stillgelegt. Hier und da ge­lingt es mir, ein wenig voranzukommen, aber nicht wirklich allzu sehr. Dass bei­spielsweise dieses Jahr noch Band 1800 des OSM fertig wird, bezweifle ich ge­genwärtig. Und dies, obgleich ich doch schon Band 1793 erreicht habe. Gewiss, ich könnte einfach munter alte Episoden abschreiben und kommentieren, das tue ich auch rege, soweit es meine Zeit gestattet. Aber ein „runder“ Hunderterband soll schon stets ein neu verfasster Band sein, und am besten einer, der wirklich wichtige, fundamentale Aussagen in sich vereint.

Ihr ahnt, was das bedeutet: Solche Geschichten wollen wohl überlegt und mit or­dentlichem Zeitaufwand niedergeschrieben werden. Und Zeit ist just die Res­source, die ich im Augenblick so gut wie nicht habe. Selbst in meinem ersten Urlaub jetzt im Oktober war ich sehr viel mehr mit anderen Dingen beschäftigt – Regale umbauen, Bücherberge umgruppieren, Ordnerplatz schaffen (lange über­fällig), Listen aktualisieren (ich kam nicht näherungsweise so weit, wie ich woll­te), und dann war da der Besuch der Buchmesse und des Buchmesse-Cons in Dreieich… nein, fürs Schreiben blieb nur wenig Muße. Und wie üblich war der Urlaub viel zu flink vorüber, als dass er so erholsam gewesen wäre, wie er hätte sein sollen.

Man sollte sich eben nicht soviel für den Urlaub vornehmen, gell?

Tja, und was HABE ich nun in diesem zurückliegenden Monat gleichwohl krea­tiv schaffen können? Dies hier, meine Freunde:

Blogartikel 199: Work in Progress, Part 46

14Neu 35: Glusem – die Biowelt

14Neu 36: Gefangen im Mikrokosmos

12Neu 35: Geleitzug ins Nichts

Erläuterung: Gerade bei diesem Band, der inzwischen seine satten 27 Realjahre auf dem Buckel hat, spüre ich wirklich überdeutlich, wie viel darin fehlt. Es war fast zum Heulen, wie oberflächlich und hastig ich damals durch die Seiten ras­te… nahezu alles, was für das tiefere Verständnis der Episode vorhanden sein müsste, fehlt. Von Atmosphäre schweigen wir mal. Mann, wenn ich diese Ge­schichten für die Publikation in den nächsten Jahren aufbereite und vervollstän­dige, wartet eine verdammte Menge Arbeit auf mich. Allerdings, und das sage ich ergänzend dazu, Arbeit, auf die ich mich unglaublich freue!

(OSM-Wiki)

Blogartikel 206: Logbuch des Autors 20: Zwischenwelten

18Neu 76: Botschafter der Siegelwelt

18Neu 77: SOFFROL

Erläuterung: Ja, da macht ihr die Bekanntschaft mit einer wirklich Furcht er­regenden Gestalt des OSM, die euch noch an vielen anderen Stellen im Zu­sammenhang mit sagenhaften Verbrechen begegnen wird… zu schade, dass ich die Episode bei der Veröffentlichung umbenennen muss.

Warum das? Na ja, sagt mal selbst, man erwartet doch unter einem solchen Titel eine Menge zur Titelfigur, nicht wahr? Wie verträgt sich das mit der Tatsache, dass sie erst auf der letzten Seite auftaucht? Eben: gar nicht. Also beziehe ich den Titel wohl besser auf diese wahnwitzige Seeschlacht im Gelben Meer auf der Siegelwelt, wo ein Ex-MI 6-Agent an der Seite eines insektoiden Libellen­fliegers eine Kriegsgaleere voller Untoter entert… klingt spannend? Aber ja, Freunde! Ich sagte doch schon, in der Serie geht echt die Post ab. Zu schade, dass die quasi noch niemand kennt. Diese hohen Bände der Serie sowieso nicht…

(18Neu 83: Der Schrei des Orakels)

(18Neu 84: Invasion der Zeitschatten)

(18Neu 85: Der negative Lichtritter)

14Neu 37: Zentrum des Bösen

(E-Book 36: Die Sternenbaustelle)

(Glossar der Serie „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“)

Blogartikel 202: Lesungsbericht „Aliens auf Erden und anderswo“

18Neu 78: Erinnerungen an die Ewigkeit

18Neu 79: Mitkors Feuerdomizil

Erläuterung: Das ist schon eine verdammt gruselige Sache. Stellt euch folgende Situation vor – in London geht ein magischer Feuerteufel um, der mal hier zu­schlägt, dann mal da. Und Oki Stanwer erinnert sich daran, dass er in einer un­tergegangenen Version dieser Welt, ebenfalls in London, schon einmal einen ganz ähnlichen Fall zu bearbeiten hatte. Seine Intuition rät ihm, eine Straßen­karte von London zu nehmen und den Schauplatz aufzusuchen, an dem in der ANDEREN Welt der Fall gelöst wurde.

Strange? Ja, und wie. Und noch unheimlicher: seine Intuition ist echt auf Zack. Aber heute, gut 25 Jahre nach dem Niederschreiben der damaligen Geschich­tenzeilen, weiß ich besser als je zuvor, was hinter den Kulissen passiert ist, da­mit das überhaupt möglich wurde. Und es ist VERDAMMT unheimlich, das darf ich hier schon sagen. Für alle Anwesenden in der Episode im Winter 2035 ist das vollkommen schleierhaft.

(18Neu 86: Die Matrixfehler-Seuche)

(18Neu 80: Der Seelenheiler)

(18Neu 81: Der Blaue Kristall)

(18Neu 82: Wächter des Vierten Siegels)

Blogartikel 207: Aus den Annalen der Ewigkeit – alt und neu (XV)

(Die Kondenswesen – OSM-Story)

Erläuterung: Seht ihr, und das war dann unmittelbar um meinen Geburtstag her­um – mein Urlaub hatte gerade angefangen – der erste kreative Ausschlag aus dem OSM, der mich an die Tastatur trieb. Ich war gerade dabei gewesen, in KONFLIKT 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ Episoden abzuschrei­ben, die ins Jahr 1984 datieren… da juckte es mich in den Fingern, und ich be­fand mich auf einmal in Gesellschaft eines desorientierten Reisenden durch Raum und Zeit, eingehüllt in eine nie verschwindende kleine Nebelbank. Eine Person, die geradewegs aus dem Nichts „kondensiert“ war. Aber das alles wird noch sehr viel haarsträubender werden, wenn ich daran weiterschreibe. Aktuell bin ich noch nicht sehr weit in dieser Story, die ein Crossover zwischen KONFLIKT 13 „Oki Stanwer Horror“ und KONFLIKT 14 darstellen wird. Vielleicht kann ich daran im Dezember mehr schreiben, dann naht mein nächster Urlaub…

(12Neu 36: Das Reich hinter dem Universum)

(18Neu 87: Rettung für Marconius Stanwer)

Erläuterung: Der Zeitschatten-Zyklus, der mit Band 83 begann, geht hier unver­drossen fort und wird immer schlimmer. Jetzt hat es schon Millionen Todesopfer gegeben, die ganze Welt dreht am Rad, und die Mitglieder der Ghost-Agency su­chen ihren Dienstherrn, den COMMANDER Calvin Moore, der sich in Frank­reich aufhält. Erstes Reiseziel: Paris. Ein Alptraum der ganz besonderen Art, und eine neue Gefahr wartet hier auf die Freunde…

(Waldmenschen – Archipel-Roman)

Erläuterung: Ja, zwischendrin blitzt dann und wann mal ein Archipel-Gedanke auf, zugegeben. Nicht sehr oft, nicht sehr intensiv, aber mir ist stets präsent, dass es Dutzende von Archipel-Fragmenten gibt, dazu auch noch eine ganze Reihe unvollendete Romane. Der hier gehört zu den frühesten und ist inzwi­schen auch schon 15 Jahre alt… Mann, ich wünschte, ich fände die Muße, hieran weiterzuschreiben…

(Thalgoons letzte Stunden – OSM-Story)

Erläuterung: Und das war dann die zweite kreative OSM-Attacke, die mich überrumpelte, während ich Urlaub hatte. Diese Geschichte wird meine Vorstel­lung nach wirklich relativ kurz werden, sicherlich unter 40 Seiten. Sie spielt in KONFLIKT 2, also im Vorfeld der Serie „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ auf dem Planeten Rilecohr im prästellaren Zeitalter (d. h. mehr als 400 Jahre vor Beginn der Serienhandlung. Gleichwohl wird sie nicht ohne Einfluss auf sel­bige bleiben, wie ich herausarbeiten möchte). Hier geht es um den Quin-Glau­ben der Yantihni und generell die Frage, wie ihre Religion strukturiert ist. Mal schauen, wie schnell ich hierbei vorankommen kann…

(E-Book 44: Die Kristalltränen und andere phantastische Geschichten)

Erläuterung: Die Idee, hieran weiterzuarbeiten, kam mir auf dem Besuch des Buchmesse-Cons. Da sprach mich nämlich ein bekannter Fandomler, Arno Beh­rend, direkt an und bewies ein phänomenales Erinnerungsvermögen, indem er mich für eine Story lobte, die ich einst im STORY-CENTER, dem SFCD-Story­magazin, das er redaktionell betreute, publiziert hatte.

Wir erinnerten uns beide lebhaft an die Geschichte mit diesem surrealen Kühl­schrank… aber erst, als ich wieder daheim war, konnte ich eruieren, wie lange das her war, dass ich sie dort publiziert hatte: das lag fast 15 Jahre zurück! Und ich meine, das ist doch wirklich ein Grund, diese Story in meine nächste Kurz­geschichtensammlung aufzunehmen (übrigens ein Plan, den ich schon Anfang 2014 verfolgte, wie ich in meinen Fragmentdateien sehen konnte… irgendwie kam ich damals davon ab. 2017 werdet ihr sie aber sehr gewiss in der obigen Storysammlung vorfinden).

Die Totenköpfe 1: Die Alte Armee, Teil 1 – OSM-Roman (Etappenabdruck für BWA)

Erläuterung: Auch hierzu ist es vielleicht ganz geschickt, ein paar Bemerkungen in den Raum zu stellen. Mir ist natürlich bewusst, dass bis zur Publikation die­ser Zeilen der hiesige Plan längst Realität geworden sein wird (genau genom­men: Anfang Januar 2017), aber so ist das nun mal mit den phasenverschoben publizierten „Work in Progress“-Reports.

Der Hintergrund für die obige Adaption ist folgender: Ich habe diesen Roman anno 2010 beendet, wie geduldige Leser meines Blogs sich vielleicht erinnern mögen. Er ist aber nie publiziert worden. Und nun steht Band 400 des Fanzines „Baden-Württemberg Aktuell“ (BWA) unmittelbar bevor. Was eignet sich da also schöner, als – wie schon damals bei BWA 200 und BWA 300 vor neun bzw. rund 18 Jahren – einmal mehr einen umfangreichen OSM-Roman in Etappen zu veröffentlichen? Die Publikation beginnt in BWA 400 und wird sich das ganze Jahr hindurch fortsetzen.

Leser, die meine E-Books kennen, werden hier zahlreiche Aha-Effekte erleben. Sie werden nicht nur auf Totenköpfe und Oheetirs stoßen (vgl. dazu die Story „Heimweh“), sie werden auch so etwas wie die INSEL und einen Planeten na­mens Tushwannet wieder treffen. Es wird um Inkas gehen, um Yooner, es wird auf die Baumeister geflucht, Berinnyer treten auf, Terraner flanieren umher, Shonta werden erwähnt… also, ich glaube, ich verspreche nicht zu viel, wenn ich sage, dass dieser Roman, der sicherlich allerfrühestens 2018 oder 2019 im E-Book-Format erscheinen kann, hier schon mal eine schöne Premiere in Etap­pen erlebt. Und wer das gern frühzeitig mitverfolgen möchte, sollte sich das Fanzine BWA abonnieren. Das lohnt sich!

(18Neu 88: Wenn Feinde zu Freunden werden…)

Erläuterung: Noch immer der Zeitschatten-Zyklus… und in Paris hat eine russi­sche Invasionsarmee gestoppt. Die ganze NATO liegt quasi am Boden, und der Ostblock wittert Morgenluft. Dass es vergiftete Luft ist und ihnen selbige bald ausgeht, merken sie erst zu spät… wie gesagt, es ist eine grausige Geschichte, und sie ist noch nicht mal zur Hälfte abgelaufen…

So, und damit war der Monat dann am Ende. Ihr seht: viele, viele Werke, an de­nen ich mit der Abschrift begann oder weiterschrieb und eifrig kommentierte und Fehler korrigierte, aber kaum – jenseits der Blogartikel – ein autonomes Werk, das eigenständig für sich stehen könnte oder gar fertig wurde. Zu bedau­erlich. Hoffen wir, dass das in den nächsten Monaten besser wird. Drückt mir mal die Daumen dafür, Freunde. Ich kann das gebrauchen!

In der kommenden Woche geht die Slalomfahrt durch meine Kreativbiografie weiter. Da sind wir inzwischen im Dezember 2010 gelandet. Nicht verpassen!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 96: Der Mensch ist des Menschen Wolf

Posted Januar 25th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

das Zitat ist vertraut, die Quelle weniger. Diese Wendung geht zurück auf den römischen Dichter Titus Maccius und wurde viele Jahrhunderte später durch den britischen Philosophen Thomas Hobbes wieder allgemein ins Bewusstsein zurückgerufen. Von beiden Ursprüngen entfernen wir uns heute mal und reisen in eine äußerst entmenschlichte Zeit um die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück, wo sich Menschen tatsächlich in eine Form von Tieren zurückentwickelt zu ha­ben scheinen, wenigstens – ohne den Tieren zu nahe treten zu wollen – im mo­ralisch verrohten Sinne.

Die mit dem heute zu empfehlenden Buch vorliegende Autobiografie ist des­halb besonders beeindruckend, weil hierin auch eine Art von grundlegender Systemveränderung dokumentiert wird. Janusz Bardach erlebt auf grässliche Weise eine Desillusionierung, wie man sie sich schrecklicher kaum vorstellen kann. Geboren als polnischer Jude im Jahre 1919, gerät er in das mörderische Räderwerk der psychotischen Verfolgung der sozialistischen Sowjetbehörden. Und die Konsequenzen sind für uns Außenstehende beinahe unbegreiflich.

Ein Grund, Bardach zu lauschen, und für mich ein Grund, dieses Buch rund 15 Jahre nach der Lektüre einem allgemeinen Publikum vorzustellen.

Vorhang auf für:

Der Mensch ist des Menschen Wolf

Mein Überleben im Gulag

(OT: Man is Wolf to Man. Surviving the Gulag)

von Janusz Bardach und Kathleen Gleeson

dtv premium 24184

Übersetzt von Margret Fieseler

1. Auflage: Februar 2000

2. Auflage: Oktober 2000

472 Seiten, TB

ISBN 3-423-24184-5

An der weißrussischen Front: Juli 1941

Die Grube, die ich graben musste, hatte exakt die Ausmaße eines Sarges. Der sowjetische Offizier plante sie sorgfältig. Er maß mich mit einem Stock, zeichne­te Linien auf den Waldboden und befahl mir, zu graben. Er wollte sichergehen, dass ich gut hineinpasste…“

So beginnt der Alptraum namens Leben, in das der Leser eintaucht, wenn er dieses Buch in die Hand nimmt und mitgerissen wird von der lebendigen, ein­dringlichen und manchmal unendlich qualvollen Lebensgeschichte des polni­schen Juden Janusz Bardach, der im Zweiten Weltkrieg und in der Folgezeit Din­ge durchmacht, die ihn an Gott, der Welt und allem zweifeln lassen, an das er jemals geglaubt hat.

An den Idealen seiner Familie, an der Gutmütigkeit seiner Mitmenschen, an der visionären Kraft und Gerechtigkeit des großen Arbeiterführers Stalin, der Wohl­stand und Freiheit über alle bringen wird, ja, ihm erwachsen sogar Zweifel an der Rechtmäßigkeit der sozialistischen Doktrin und den marxistischen Gedan­ken, die seine Jugend geprägt haben. Und Janusz lernt, am Leben zu verzwei­feln… oder jedenfalls beinahe.

Janusz Bardach wird am 28. Juli 1919 als jüngster Sohn einer wohlhabenden jü­dischen Familie in Odessa geboren, wächst aber in der kleinen Stadt Wlodzi­mierz-Wolynski in Zentralpolen auf und wird, als die Jugend dort immer stärker in den Bann nationalistischer und antijüdischer Parolen ge­rät, Mitglied der so­zialistischen Jugendbewegung, wo er sich bald in wichtige Positionen behauptet und mit glühendem Eifer an die Gerechtigkeit der marxistischen Internationale glaubt. Für ihn sind die Verlautbarungen der Partei, die Informationen über das Leben in der Sowjetunion, die lautere Wahrheit, und er kann sich nichts Schö­neres vorstellen, als dereinst für den Sozialismus in den Kampf gegen den Fa­schismus zu ziehen.

Im September 1939 scheint es soweit zu sein: die Deutschen beginnen, das pol­nische Territorium zu überfluten und bedrohen Janusz´ Eltern und besonders auch seine heißgeliebte Freundin Taubcia und deren orthodoxe Familie. Doch noch haben sie Glück. Die Rote Armee marschiert von der öst­lichen Seite des Landes ein und besetzt einen Teil Polens, in deren Einflussbereich auch Wlodzi­mierz-Wolynski liegt.

Janusz sieht seinen Traum erfüllt, aber er wird von den Sowjets schlicht igno­riert, als er sich frei­willig zum Befreiungskampf gegen die Nazis einziehen lassen möchte. Niemand hat zu dieser Zeit eine Ahnung vom Molotow-Ribbentrop-Ge­heimabkommen, in dem sich die Nazis mit Stalin über die Teilung Polens geei­nigt haben.

Es kommt noch schlimmer.

Der sowjetische Geheimdienst NKWD ist nun natürlich im besetzten Polen prä­sent und beginnt mit einer Verhaftungswelle von „Kapitalisten“ und „Ausbeu­tern“. Alle Besitzer von Grund und Boden, alle Leute, die Vermögen angehäuft haben, geraten ins Visier des Geheimdienstes, darunter auch Ja­nusz´ Vater und der Rest der Familie.

Der junge Janusz versucht, das Schlimmste zu verhindern, indem er an die loka­len Gremien der Partei appelliert. Doch statt Erfolg zu haben, wird er einer un­vergesslichen Tortur unterzogen: der NKWD rekrutiert ihn als „zivilen Zeugen“ der Verhaftungen, und so bekommt er die Gräuel, die der von ihm eigentlich bewunderte sozialistische Geheimdienst unter seinen persönlichen Bekannten und Freunden in seiner Heimatstadt anrichtet, inklusive von Misshandlungen und Vergewaltigun­gen, hautnah mit. Zutiefst schockiert gerät sein Glaube erst­mals ins Wanken.

An seinem 21. Geburtstag wird er von der Roten Armee zwangsrekrutiert und in die Ukraine ver­legt, um dort ausgebildet zu werden. Er lernt heruntergekomme­ne Kasernen, schikanöse Vorgesetz­te, sadistische Ausbilder, brutale Schlägerei­en und Vergewaltigungen unter den Soldaten kennen und muss rasch begrei­fen, dass sein Bild von der Sowjetunion (mindestens von den unteren Militär­rängen und dem Geheimdienst) offenkundig völlig falsch war. Beklommen wird er eingefangen von einer Atmosphäre des permanenten Misstrauens, der De­nunziation und der fast alltäglichen Folter. Und Janusz muss schockiert erken­nen, dass Antisemitismus unter den Soldaten der Roten Armee weit verbreitet ist. Sehr weit verbreitet.

Doch noch immer denkt er, der Genosse Stalin wisse von alledem nichts, und wenn man ihm Be­scheid gäbe, würde der fast absurd vergötterte Führer der Sow­jetunion mit diesem „Schlendrian“ aufräumen und die perversen Elemente der Armee allesamt hart bestrafen für das, was sie tun.

Doch das Klima der Angst ist ansteckend. Nur durch den Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Jahre 1941 entgeht er einer intensiveren Verflechtung in sozia­listische Organisationen. Janusz wird Panzerfahrer, der mit einem modernen Kampffahrzeug gegen die Nazis antreten soll.

Bei einer Überführung der Fahrzeuge an die Front kommt es zu einem folgen­schweren Unfall, bei dem der Panzer im Wasser versinkt. Janusz kann sich gera­de noch retten und muss mit seinen Ka­meraden bald darauf den Panzer wieder instandsetzen. Als „Dank“ dafür wird er der Sabotage an­geklagt und nach § 193.15, Absatz D, zum Tode verurteilt.

Nur ein Zufall hilft ihm, dieses Urteil in eine fünfzehnjährige Haftstrafe mit schwerer körperlicher Arbeit umzuwandeln. Doch er hat keine Ahnung, wohin ihn sein Weg führen wird: in monatelangen Eisenbahntransporten, in ViehwagKg­ons, in denen die Verurteilten zu Dutzenden sterben und Janusz zu seinem Un­verständnis auch verurteilte hochrangige NKWD-Offiziere und Majore der Roten Ar­mee trifft, die nach wie vor treu ans System glauben, wird ihm langsam klar, dass etwas schrecklich falsch ist. Entweder am System oder an seinem Glauben.

Oder an beidem.

Er lernt Transitlager wie Burepolom kennen, wird zur Zwangsarbeit eingesetzt, führt verstohlen Ge­spräche mit Mitgefangenen und entdeckt ungläubig, dass Kriminelle in manchen Lagern und Haft­anstalten wie Könige herrschen und sich die örtlichen NKWD-Funktionäre mit ihnen fraternisieren. Es existiert, so kommt es bald heraus, ein reich innerhalb des sozialistischen Reiches, und das Herz­stück davon ist der schlimmste Ort der Sowjetunion: Kolyma.

Bete darum, dass du nicht nach Kolyma kommst“, sagen Janusz viele Mitgefan­genen, die aus der umgekehrten Richtung kommen und unterwegs sind in an­dere Lager. Sie haben den Archipel Gulag überlebt und sind aufs „Festland“ zu­rückgekehrt. Aber Janusz, der naive, jüdische Soldat der Roten Armee, der nichts mehr weiß von seinen Angehörigen, der vielfach brutal misshandelt und gefoltert wird und beinahe den Glauben an alles verliert, er hat keine Wahl: Der Zug hält erst in Wladiwo­stok, und von hier aus geht ein gigantischer, Tausende von Gefangenen umfassender Sklaventrans­port zur See hinauf in den Gulag von Kolyma, wo auf alle harte Arbeit in Goldgräbercamps, Bleimi­nen oder beim Straßenbau und Holzfällen wartet.

Und hier beginnt Janusz Bardachs Alptraum erst richtig, der Alptraum, der Le­ben heißt und der aus Menschen Tiere oder noch Niedrigeres macht, der ihr Herz versteinern lässt und Mitmenschlichkeit zu einem sehr raren Gut macht. Hier, wo Leben nichts mehr bedeutet, wo der Mensch dem Men­schen ein Wolf ist, schälen sich die letzten Reste seines treuen Glaubens an die sozialistischen Idea­le ab, und hier muss Janusz hart werden wie die anderen – und doch versu­chen, sich einen Funken Anstand und Güte zu erhalten, Hoffnung auf ein Da­nach, das in unendlich weiter Ferne zu liegen scheint…

Diese Autobiografie Janusz Bardachs, der zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Buches 76 Jahre alt war und in Iowa in den USA als international anerkannter plastischer Chirurg lebt und arbeitet, hat es mit seinen Worten auf eindringli­che, beispiellose Weise verstanden, mich in den Bann einer Welt zu ziehen, die ich – seit ich den Band 1 von Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ fand – im­mer einmal besuchen wollte, wenigstens in Form eines Leseeindrucks.

Wenn man wirklich gebannt dem Lesefluss lauscht und folgt, so ist es fast un­möglich, sich aus dem Bann dieses Buchs wieder zu lösen. Mir erging es so, und ich habe es innerhalb von nicht einmal zehn Tagen ausgelesen. Nur an manchen Stellen, wo es gar zu düster wurde, musste ich pausieren.

Man sollte meinen, dieses Werk sei erfüllt von intensiven Darstellungen der Grausamkeiten des Ge­heimdienstes, vielleicht von Zorn, Hass auf die einstigen Peiniger, stellenweise unmöglich zu lesen, weil sich dem Leser der Magen um­dreht… doch weit gefehlt. Zwar wird in diesem Buch eine Men­ge an beispiello­sen Grausamkeiten geschildert, doch Janusz vollbringt das unglaubliche Kunst­stück, dem Leser klarzumachen, dass die Funktionäre des Systems selbst eigent­lich „nur“ Menschen wa­ren, ebenfalls Räder im Getriebe, und dass glühender Patriotismus und Pflichterfüllung keineswegs halfen, um diesen Mühlen des Gu­lag zu entkommen. Das System selbst war es, das die Entmensch­lichung verur­sachte, weniger die Menschen, die ausführende Organe darstellten.

In den Zeiten Stalins wurden mehr als zwanzig Millionen Sowjetbürger also mehr als ein Achtel al­ler Männer, Frauen und Kinder, durch Erschießungskom­mandos umgebracht oder im Gulag drang­saliert, viele unschuldig, andere durch Denunziation wegen kleinster Vergehen zu langjährigen, oft­mals tödlichen Ar­beitslagerstrafen verurteilt. Und die Verurteilenden, die NKWD-Offiziere, die Oberste, Brigadeführer, Verhörspezialisten und Politbüromitglieder sowie deren Familien, sie waren häufig die nächste Gruppe, die ihren Opfern in den Gulag folgten – verurteilt durch einen paranoi­den Verfolgungswahnkomplex Stalins, verhaftet, weil einfach ein paar tausend „Verräter“ verhaftet und in die Lager geschickt werden mussten… einfach so. Schuld war unbedeutend, wenn der Plan ein bestimmtes Soll an Verrätern vorsah, die zu deportieren waren…!

Es ist Janusz Bardach hoch anzurechnen, dass er in all dieser Kaskade grauen­hafter Vorkommnisse und ungeheuerlicher Schilderungen seine Menschlichkeit bewahrt hat. Dass er Dankbarkeit kennt, den Nächsten helfen möchte, dass er es versteht, Gleichgesinnte zu finden, Freunde, sogar ein we­nig Liebe. Auf diese Weise bringt er uns „Normalsterblichen“, die sich solch ein Leben gar nicht ein­mal annähernd vorstellen können, zu Bewusstsein, dass solch ein System, das sich überall eta­blieren kann, wie auch der Faschismus überall aufblühen könnte, doch eins letzten Endes nicht ver­mag: die wirklich an das Gute im Menschen glaubenden und hoffenden Männer und Frauen völlig zu zerbrechen. Selbst als Janusz Bardach alles verloren zu haben scheint, was ihm das Leben le­benswert macht, gibt es dank seiner Art und Weise, selbstlos zu helfen und einfach menschliche Wärme zu leben, Personen, die zu ihm halten und wieder aufrich­ten. Selbst im Gulag, der eine Höl­le auf Erden darstellt, wenn es jemals eine ge­geben hat.

Wer immer intensive, menschliche Autobiografien lesen mag, sollte an diesem Buch nicht vorbeige­hen. Er wird es später bereuen.

© by Uwe Lammers, 2002/2016

Harter Stoff, meine Freunde? Das will ich euch gerne glauben. Aber in der kom­menden Woche könnt ihr – dem Kontrastprogramm entsprechend, das ich euch gern biete – wieder etwas entspannen. Dann reisen wir noch mal rund 150 Jah­re weiter zurück und kümmern uns einmal mehr um geschichtliche Hinter­grundbildung in Hinblick auf das alte Ägypten.

Was das genau bedeutet? Schaut einfach wieder rein, wenn ihr mehr wissen wollt.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Blogartikel 203: Legendäre Schauplätze 1: Arc

Posted Januar 22nd, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ihr blinzelt überrascht und fragt euch sicherlich – wie jetzt, schon WIEDER eine neue Rubrik auf Uwes Blog? Hat er Kreativpillen geschluckt, oder wie ist das möglich? Da muss ich lachen, aber ich gestehe, der Gedanke liegt nahe. Es überrascht mich ja selbst nicht eben wenig.

Ich erkläre mir das Phänomen, dass so viele neue Ideen nachwachsen – das gilt auch für die Belletristik, erst kürzlich habe ich überraschend zwei neue Kurzge­schichten geschrieben, von denen eine inzwischen den Lesern des Fanzines Ba­den-Württemberg Aktuell (BWA) schon bekannt sein sollte, nämlich „Wahltag 2040“ – mit einer Art kreativer Balancestörung. Aktuell bin ich in vielerlei Bezie­hung abgelenkt und fern von meiner schriftstellerischen Aktivität, dass es gele­gentliche sporadische Ausbrüche von kreativen Entladungen gibt.

Das kann sich dann in Rezensionen äußern, von denen ich in den zurückliegen­den Wochen einige verfasst habe, oder eben auch in Geschichten oder neuen Blogserien. Mich um „legendäre Schauplätze“ zu kümmern, das hatte ich schon seit Jahren vor. Vielleicht habe ich das zwischendrin mal eingestreut, etwa in den Silvesterblogs. Und heute geht es damit eben los.

Machen wir uns zugleich nicht viel vor – die meisten dieser Schauplätze kennt ihr bislang allein vom Hörensagen. Vertraut mir also einfach, dass ihr sie beizei­ten kennen lernen werdet. Die einen sind phantastisch, die anderen grauenvoll. Bislang kennt ihr ja wenig mehr als die Galaxis Twennar und die Galaxis Milch­straße (okay, pfiffige Vielleser werden einwenden: „Da gibt es doch auch noch Mysorstos! Und vergiss nicht Beltracor!“).

Das stimmt natürlich. Aber über diese Orte lasse ich mich aktuell noch nicht aus, sondern eben über jene, die ich z. T. schon seit 30 Realjahren kenne. Ich möchte dabei versuchen, einigermaßen alphabetisch zu bleiben. Folgerichtig beginne ich heute mit der wohl legendärsten Galaxis im ganzen Oki Stanwer Mythos – mit der Galaxis Arc.

Inwiefern ist Arc legendär? Nun, das erkennt man sehr schnell: Arc ist die legen­denumwobene Heimat des Volkes der Baumeister, deren Schatten ihr in der Se­rie Oki Stanwer und das Terrorimperium (TI) und diversen Geschichten der lo­ckeren Geschichtenreihe Aus den Annalen der Ewigkeit schon entdeckt habt. Aber das sind jüngere Schreiberlebnisse meinerseits.

Ich entdeckte die Galaxis Arc auf dem Umweg über die Sichelwelt Tehlorg, wo der Matrixkoordinator mit dem Namen DER LEUCHTENDE über einen leibhafti­gen Zhonc (!) stolperte. Das war im Band 423 des OSM, in der Episode „Eine Kö­nigin in Ketten“ (Bd. 15 der Serie „Oki und Cbalon – Das Ewigkeitsteam“ (OuC)). Wir schrieben das Jahr 1986, und ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich da entdeckt hatte. Und doch sagten schon die ersten sehnsüchtigen Worte des Zhonc Yell eine Menge darüber aus: „Ach, es ist eine schöne Galaxis, flankiert von den Blauen Lichtern der Entropie, die von den Lebenskanälen durchflossen wird und vom Allumfassenden Wall geschützt wird. Aber was hat der Statthal­ter der MACHT daraus gemacht! Ein kosmisches Gefängnis…“

Diese vage Vision stachelte mich auf, sehr schnell einen Roman Aus den Anna­len der Ewigkeit zu verfassen, der schon im darauf folgenden Jahr realisiert wur­de: „Odyssee in Arc“, Teil 1 einer geplanten Trilogie (es wurden schließlich zwei daraus, die bis 1994 abgeschlossen waren). An der Seite des hierhin verschlage­nen irdischen Soldaten Edward Norden irrte ich durch die galaktischen Trans­mitternetze, ebenso durch die unglaublichen Lebenskanäle von Arc, und über die Oberflächen farbenprächtiger Welten, bevölkert einmal von den Zhonc, wie erwartet, dann aber auch von den Allis (!), einer Alli-Splittergruppe, den Draan… ich traf die Propheten von Zhanyor und hörte von der Legende der „Stimme von Arc“. Und dann waren da natürlich noch die humanoiden Ghaner, unter denen es eine militante Fraktion gab, die „Kristallrebellen“.

Und es gab den Herrscher von Arc – wenigstens in diesem KONFLIKT-Universum 20, den Dämon Holkaxoon von TOTAM, dessen Streben es war, die Errungen­schaften der verschollenen Baumeister zu nutzen, um genau das zu machen, was Yell oben schon gesagt hatte: Arc in ein Gefängnis zu verwandeln, be­herrscht von der sadistischen Truppe der TOTANOR, die sich aus den Reihen der Draan rekrutierte.

Das war sozusagen dann die finstere Vision von Arc. Aber das war in KONFLIKT 20, und während ich noch an der Edward-Norden-Saga (ENS) schrieb, blühte ne­benher KONFLIKT 12 auf, die Serie „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC). Und in dieser Serie, die rund 40 Milliarden Handlungsjahre früher angesiedelt war, stolperte ein tasvanischer Helfer des Lichts über mythische, erotische Wesen – die Sternenfeen.

Und ihr Ursprung lag gleichfalls – in Arc.

Also, resümierte ich, gab es Arc in KONFLIKT 12 auch. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Oki Stanwer und seine engsten Verbündeten, auf der Suche nach den Baumeistern bis nach Arc vorstieß… und auch dieses Mal war es eine Ster­neninsel voller Schrecken, allerdings von völlig anderer Art, als sie Edward Nor­den später erleben sollte.

Arc ist eine gewaltige Spiralgalaxis, die aus mehrerlei Gründen bemerkenswert ist. Zum einen kann man, wenn man sie von nahem sieht, einen Halo aus wan­dernden blauen Lichtquellen erspähen, der in immerwährender Bewegung ist. Das sind so genannte „Transitblitzer“, durch deren Felder ein Einflug nach Arc möglich ist.

Wieso braucht man so etwas? Nun, weil die Baumeister die Galaxis auf eine sehr spezielle kosmologische Weise… ja, sagen wir, nachbehandelt haben. Es gibt in dieser Galaxis keinen Hyperraum. Überlichtreisen sind unmöglich. Transi­tionen sind unmöglich. Wer versucht, mit einem Hyperflugraumschiff nach Arc einzufliegen, zerschellt unvermeidlich am Allumfassenden Wall, einer unsicht­baren Barriere, die konstant die ganze Sterneninsel umgibt.

Zweitens fällt dem Betrachter mit leistungsstarken Teleskopen von außen auf, dass die Galaxis von geäderten Bändern durchzogen wird, die verblüffend mate­riell wirken. Aber da sie zweifellos Millionen von Lichtjahren lang sein müssen, kann es sich nicht um materielle Strukturen handeln. Sie sehen von außen aus wie verdrillte Bänder aus siebenfarbigem, fahlem Stoff. Dabei handelt es sich um die „Lebenskanäle“ von Arc, von denen es sieben gibt. Sie sind in der Tat vielfach ineinander verschlungen, und es gibt zahllose Knotenpunkte.

An diesen Knotenpunkten existieren so genannte Netzstationen. Eine jede da­von ist eine technische Struktur, deutlich größer als ein herkömmlicher Planet, aber die Masse scheint hier überhaupt keine Rolle zu spielen. Intensivere Kenntnis der OSM-Materie würde zutage fördern, dass es sich bei diesen Kno­tenpunktstrukturen um so genannte ZYNEEGHARE handelt, „Bauwerke“ der Baumeister. Zugleich sind sie Werften, Lebenshabitate, Reparaturstationen, Transmitterknotenpunkte und vieles andere mehr. Ich habe bislang sehr wenig davon beschreiben können.

In den Lebenskanälen scheint es keine regulären Naturgesetze zu geben. Der Flug mit vieltausendfacher Lichtgeschwindigkeit ist innerhalb der Kanäle mühe­los möglich (ihr werdet später sicherlich das Gefühl haben, dass diese Struktu­ren gewisse Ähnlichkeiten mit den „unterkosmischen Niveaus“ haben. Dieser Zusammenhang ist nicht zufällig).

Ach ja, und dann gibt es natürlich auch noch das so genannte Zweite System – ein gigantisches, galaxisweites Portalsystem von Transmittern. In KONFLIKT 20 sind die ursprünglichen Netzkarten verloren gegangen, so dass man hier ein Va­banque-Spiel riskiert, wenn man sich diesem System anvertrauen will. Edward Norden stößt folgerichtig in seinen Romanen auch mit Schatzsuchern von au­ßerhalb zusammen, die nach Relikten der Baumeister fahnden… eine bisweilen tödliche Angelegenheit.

Und schließlich sollte ich noch Dhonnkoor erwähnen.

Ja, Dhonnkoor ist eine legendäre Welt, keine Frage.

Eine jede Galaxis, sagen moderne Kosmologen, enthält in ihrem Kern ein Schwarzes Loch. Das ist auch bei Arc der Fall. Aber das Zentrums-Black-Hole von Arc ist von den Baumeistern ebenso verändert worden wie der Rest der Ster­neninsel. Im Innern des Black Holes, im so genannten „Zentrumsballon“, exis­tiert ein großes Sonnensystem, dessen wichtigste Welt eben Dhonnkoor ist, ein nach außen geradezu paradiesisch wirkender Planet. Unter der Oberfläche je­doch ist Dhonnkoor die Lenkwelt von Arc, das Nervenzentrum der Baumeister-Galaxis. Beizeiten werdet ihr in den Romanen der Edward-Norden-Saga davon mehr mitbekommen.

Ich weiß außerdem schon ganz gewiss, dass Arc in KONFLIKT 3, einem noch nicht begonnenen OSM-KONFLIKT, eine zentrale Rolle spielen wird. Damit wä­ren wir dann schon wieder 45 Milliarden Jahre in der Vergangenheit. Ebenso wird in KONFLIKT 4 „Oki Stanwer – Der Insel-Regent“ (IR) die Galaxis Arc er­wähnt, ebenso in fast jedem KONFLIKT, der zwischen Ebene 4 und 28 spielt… man sieht, so oder so kommt ihr an Arc nicht vorbei. Arc ist ein Dreh- und An­gelpunkt der kosmischen Geschichte, im Guten wie im Schlechten. Und ihr könnt mir glauben, Freunde… es entzückt mich immer wieder, wenn der Strom meiner inneren kreativen Bilder mich in Richtung von Arcs Gestaden spült. Es gibt dort noch so unendlich viel zu entdecken und zu beschreiben… dafür gibt es schon keine Worte mehr.

Gewiss, viel habe ich über diese Galaxis schon erzählt. Aber noch nicht mal an­nähernd genug. Wenn ihr das erste Mal dort gewesen seid, mögt ihr diesen Ein­druck eventuell teilen. Es würde mich sehr freuen, wenn es sich so verhielte.

Für den Anfang habe ich, so will mir scheinen, euch den Mund genug wässrig gemacht. Wer schon unbändig neugierig ist und ein bisschen mehr erfahren will, könnte sich auf die Suche nach alten Ausgaben des Fanzines BWA machen, wo ich in den Ausgaben 175-178 in vier Abschnitten die 90 Manuskriptseiten von „Odyssee in Arc“ erstveröffentlicht habe. Das war zwischen April und Juli 1998. Oder ihr wartet noch so ein oder zwei Jahre, bis ich diesen Roman im E-Book-Format aufbereiten kann. Das ist so mein gedanklicher Wunschhorizont… aber ob er sich in Anbetracht meiner aktuellen Zeitprobleme realisieren lassen wird, ist natürlich rein spekulativ.

In der kommenden Woche entführe ich euch, weil es Monatsende ist, hin in den Oktober 2016 und erzähle euch, was ich da kreativ hinsichtlich des OSM und des Archipels geschafft habe.

Seid wieder mit dabei, Freunde!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 95: Um Haaresbreite

Posted Januar 18th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

man unterstellt ja Krimis gern, sie seien auf die mikroskopische Perspektive ge­eicht und hätten deutlich mehr mit Mikromilieustudien zu tun als mit der großen Politik. Sie seien mithin – ähnlich, wie man das gern der Science Fiction unterstellt – Eskapismus in Reinkultur und darum (das sagt man als Kritiker dann weniger deutlich, aber es schwingt mit in den Diskussionen) von „minde­rer Qualität“ als die so genannte „Hochliteratur“.

Ich bin bekanntlich nicht dieser Ansicht, und ein schönes Beispiel für einen Ro­man, in dem historische Akkuratesse einerseits, politisches, waches Gespür an­dererseits und eine packende Handlung zudem noch eine raffinierte Symbiose eingehen, liegt in dem Werk vor, das ich euch heute als Leseempfehlung ans Herz legen möchte.

Gerade in Zeiten, in denen Staaten den Austritt aus Staatenbünden propagieren (schauen wir uns das Beispiel Schottland an oder auch das Beispiel Großbritan­nien), da erhält der im Buch geschilderte Separatismus Quebecs einiges an Plausibilität. Und der Rekurs auf uralte Verträge, um nationalstaatliche Allein­gänge zu sanktionieren, war immer schon ein probates Mittel… einmal, um Kriege anzuzetteln (wie es Slobodan Milosevic für Serbien im späten 20. Jahr­hundert getan hat) oder um die Autonomie zu erklären.

Unpolitisch ist das vorliegende Werk also gewiss nicht, sondern es regt sehr zum Nachdenken an. Außerdem ist es ein packender, geschickt geschriebener Thriller. Folgt mir zunächst ins Jahr 1914 und dann in die kontrafaktische Gegen­wart des Romanjahrs 1989:

Um Haaresbreite

(OT: Night Probe)

Von Clive Cussler

Goldmann 9555

April 1990 (ursprünglich 1981 erschienen)

400 Seiten, TB

ISBN 3-442-09555-7

Aus dem Amerikanischen von Helmut Kossodo

Geheimdiplomatie ist von Nachteil. Wer sich mit dem politischen Tagesgeschäft auskennt und überdies ein wenig mit der Historie, dem ist bekannt, dass Ge­heimdiplomatie immer schon ein heimtückisches Geschäft war und unendlich viel Leiden ausgelöst hat, wann immer sie letzten Endes tagesmächtig wirksam wurde. Man muss hier nicht auf das Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes verweisen, um das zu begreifen.

Dieses Buch hier legt ebenfalls Zeugnis davon ab.

Man schreibt den 28. Mai 1914, als die Weltgeschichte auf spektakuläre Weise entgleist, und fast würde dieses doppelte Desaster, der „Tag des Todes“ spurlos in den Annalen der Geschichte untergehen. Die Welt am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist eine Zeit voller verwitternder Imperien, verschuldeter Nationen und wilder, hochfliegender Pläne. Einer davon würde das Antlitz der Welt ver­ändern. Ausgehandelt wird er von dem Briten Harvey Shields und seinem politi­schen Gegenpart auf amerikanischer Seite, Richard Essex. Während Shields per Schiff unterwegs ist nach London, sitzt Essex bequem in dem Prachtzug Man­hattan Limited und ist auf dem Weg nach New York. Doch in dieser stürmischen Nacht kommt der Manhattan Limited nicht ans Ziel. Die Brücke über den Hud­son stürzt ein, und alle hundert Insassen fahren geradewegs in den Tod.

Zeitgleich wird das Schiff, das Harvey Shields sicher nach England transportieren sollte, während eines Verkehrsunfalls im dichten Nebel gerammt und geht un­ter. Der geheime Vertrag kommt niemals in London an. Präsident Woodrow Wil­son beschließt daraufhin, alle Ausarbeitungen, die dazu angefertigt wurden, vernichten zu lassen. Alle Spuren werden vertuscht.

Im Februar 1989, der Handlungszeit dieses Romans – also nach der Abfassung klar acht Jahre in der Zukunft spielend, erschüttern politische Unruhen Kanada. Charles Sarveux, der Premierminister Kanadas, hat Schwierigkeiten mit einer separatistischen Strömung, die den französisch sprechenden Teil Kanadas, die Provinz Quebec, abspalten und an Frankreich angliedern will. Es scheint nach zwei gescheiterten Referenden inzwischen soweit zu sein, dass man das nicht mehr verhindern kann. Auch sein Stellvertreter Henri Villon sympathisiert mit den Separatisten von der Free Quebec Society (FQS), die allgemein als Terroris­ten angesehen werden und denen jedes Mittel Recht zu sein scheint, um die Loslösung aus dem Commonwealth zu betreiben.

Zu dumm, dass auch Sarveux schöne Ehefrau Danielle mit diesen Zielen durch­aus sympathisiert. Und als dann auch noch die USA durch das kanadische Ener­gieversorgungsprojekt „James Bay“ gewissermaßen erpressbar gemacht wer­den, sieht die Lage höchst angespannt aus.

In dieser Situation wird durch einen angeheuerten Killer namens Foss Gly ein Mordanschlag auf den Premierminister verübt, den Sarveux aber ganz knapp überlebt. Die Dinge im Norden stehen also definitiv nicht gut. Aber das ist noch lange nicht alles.

Der neue Sicherheitsberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Alan Mercier, stolpert derweil über ein offensichtliches Geheimprojekt, das er als Geldvergeudung ansieht – das Projekt „Kriechwanze“, das mehrere hundert Mil­lionen Dollar verschlungen hat. Die Spuren führen zur National Underwater and Marine Agency, der NUMA, unter Admiral James Sandecker. Merciers Nachboh­ren führt dazu, dass hier der Zeitplan beschleunigt wird – doch das nützt nur wenig, weil das Experimental-U-Boot „Kriechwanze“ mit seinem Kommandan­ten Dirk Pitt beinahe versehentlich torpediert und versenkt wird… vor kanadi­schen Gewässern. Hier macht Pitt allerdings eine phantastische Entdeckung, die nur leider, leider auf dem Gebiet von Quebec liegt.

Ebenfalls parallel recherchiert Korvettenkapitän Heidi Milligan – aus dem Vor­läuferroman „Der Todesflug der Cargo 03“ als Nebenperson bekannt! – in Prin­ceton für ihre Doktorarbeit über die Marineangelegenheiten während der Präsi­dentschaftszeit von Woodrow Wilson. Hierbei stößt sie auf einen rätselhaften Begriff, den „Nordamerikanischen Vertrag“, von dem sie noch nie gehört hat. Aber in den amerikanischen Archiven kommt sie bei den Recherchen nach die­sem Begriff nicht weiter. So kontaktiert sie Bekannte in der britischen Botschaft, die dieses unverfängliche Thema dann nach London zu Recherchezwecken wei­terleiten… und völlig unerwartet in ein grässliches Hornissennest stechen.

Man merke: Geheimdiplomatie wird auch nach 75 Jahren nicht zu einen stump­fen Messer oder sonst wie irrelevant, sondern gleich einem hochpotenten Gift wirkt so etwas auch über Jahrzehnte oder manchmal fast über ein Jahrhundert oder zwei hinweg.

Der britische Geheimdienst sieht sich jedenfalls auf einmal genötigt, einen alten Agenten namens Brian Shaw zu reaktivieren und ihn kurzerhand auf Heidi Milli­gan anzusetzen. Ziel: Herauszufinden, was sie über den Nordamerikanischen Vertrag weiß. Der betagte Shaw, ein höchst talentierter und auch liebestech­nisch selbst im hohen Alter äußerst leidenschaftlicher Mann, erledigt den Job mit Bravour… allerdings muss er entdecken, dass Heidi zwischenzeitlich mit ei­ner weiteren Person Kontakt aufgenommen hat, nämlich mit Dirk Pitt von der NUMA.

In Kanada stirbt derweil der greise Leiter der FQS eines offenbar natürlichen To­des. Foss Gly als Attentäter und Killer wird hier immer deutlicher als ernsthafte Bedrohung sichtbar, ein Mann, der skrupellos über Leichen geht und ständig Aussehen und Mordmethoden ändert. Und als Dirk Pitt schließlich im präsidia­len Auftrag auf die Suche nach dem untergegangenen Manhattan Limited einer­seits und nach dem Wrack der „Empress of Ireland“ andererseits geschickt wird, stehen Foss Gly und Brian Shaw schon Gewehr bei Fuß, um zu verhindern, dass Pitt auch nur eines der beiden Exemplare bekommt.

Dass sie es schließlich aber auch noch mit einem leibhaftigen Geisterzug zu tun bekommen und einem spurlos verschwundenen Räuber aus dem Anfang des Jahrhunderts, das liegt nicht so ohne weiteres auf der Hand…

Mit „Um Haaresbreite“ liegt erneut ein Roman aus der Frühphase der Dirk Pitt-Abenteuer vor. Vieles, was aus späteren Büchern vertraut ist, fehlt hier noch und ist nicht einmal angelegt. Es seien nur genannt der Supercomputer „Max“ in der NUMA-Zentrale, der Historiker Julien Perlmutter, der später wichtige Parts der Recherche übernimmt, und auch hier werden munter die Frauen vor­nehmlich promiskuitiv beschrieben – hier Danielle Sarveux und Heidi Milligan. Man spürt als erfahrener Cussler-Leser, dass der Autor das passende „Rezept“ seiner Geschichten noch nicht gefunden hatte, und das wirkt bei der Zweitlek­türe – bei mir lag sie gut 25 Jahre nach der Erstlektüre – durchaus erfrischend, weil man nicht wirklich sagen kann, wie sich die Storyline entwickelt. Ich hatte vieles von der Handlungsstruktur gründlich vergessen und konnte in den drei Lesetagen auf spannende Weise meine Erinnerung auffrischen.

Das Fazit des Romans fällt darum positiv aus. Zum einen wird – mit Erfolg – ver­sucht, ein minimales historisches Kontinuum zwischen dem Roman „Der Todes­flug der Cargo 03“ und dem vorliegenden Roman herzustellen versucht (was übrigens anschließend in „Tiefsee“ meiner Erinnerung zufolge noch fortgesetzt wird). Zum zweiten fällt die Fülle von moralisch völlig indifferenten und darum schwer einzuschätzenden Personen auf – das Ehepaar Sarveux, Villon, Heidi Milligan und Shaw seien hier genannt, man kann auch den amerikanischen Prä­sidenten ins Boot holen. Das macht die Geschichte schwer kalkulierbar und er­höht den Reiz des genauen Lesens.

Vollends heimtückisch ist dann aber das Titelbild, das wunderbar zum Roman passt und doch so überhaupt gar nicht… wer diesen Widerspruch auflösen möchte, muss das Buch lesen, es ist sehr interessant. Und dann ist da natürlich dieser faszinierende britische Agent, der „heute“ Brian Shaw heißt und angeb­lich „in Westindien“ vor 25 Jahren gestorben sein soll, weil er damals zu be­kannt und berühmt für die Gegenseite war. Ich persönlich halte „Westindien“ für einen Übersetzungsfehler und nehme eher an, es waren „the Westindies“ gemeint, also die westindischen Inseln, d. h. die Karibik. Man vergleiche außer­dem mal die Buchstabenanzahl des Namens Brian Shaw mit einem Agentenna­men, den Dirk Pitt in diesem Buch erwähnt, nämlich „James Bond“. Da gibt es diesen köstlichen Dialog zwischen Pitt und Shaw, den ich noch kurz ansatzweise zitieren möchte:

James Bond wäre stolz auf Sie gewesen.“

Bond?“

Ja. Sie sollen ihm sehr nahe gestanden haben.“

Shaw seufzte müde. „Den gibt’s nur in Romanen.“

Tatsächlich?“

Wenn man dann noch weiß, dass sich Ian Fleming während eines Aufenthaltes in der Karibik (!) von einem Buch eines Ornithologen namens James Bond zur Namensgebung seines Agenten inspirieren ließ, und wenn man sich dann Shaws raffinierte Vorgehensweise und vor allen Dingen seinen Erfolg bei Frauen ansieht, seine Vorliebe für alte Automobile und dergleichen, dann muss man wirklich blind sein, um nicht zu begreifen, vor wem sich Clive Cussler hier ver­beugt hat… und die Hommage ist beeindruckend ausgefallen. Fleming wäre stolz auf ihn, nehme ich an.

Ja, das ist eindeutig einer der soliden, gut lesbaren Cussler-Romane, der auch nach der langen Zeit und als „Wiederholungstat“ einfach gute Laune verbreitet und sich lohnt.

Klare Leseempfehlung.

© by Uwe Lammers, 2015

Ja, ihr spürt, dass ich den Roman genossen habe, nicht wahr? Warum sollte ich das leugnen? Und da wir uns hier in einem Blog befinden, in dem das Prinzip gilt, dass immer auch ein Kontrastprogramm gebracht wird, schicke ich euch kom­mende Woche auf eine grässliche Achterbahnfahrt durch die russischen Wei­ten.

Was das genau bedeutet? Ach, lasst euch da einfach mal überraschen. Ich freue mich auf euren nächsten Besuch hier.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

es scheint allmählich eine schöne Gewohnheit zu werden, Lesungsberichte hier zu posten. Jüngst (Blogartikel 198) schrieb ich über meine September-Lesung auf dem „Großen Marktplatz“ des Vereins KreativRegion e.V. Braunschweig, und heute warte ich schon wieder mit einer Lesungs-Reminiszenz auf. Diesmal ver­schlug es mich (lach) in den „Kulturpunkt West“ in Braunschweig, wo ich im Rahmen der Lesungsreihe „Es muss nicht immer Goethe sein“ etwas ganz Exoti­sches vortragen durfte – waschechte Science Fiction-Geschichten um Aliens, fremde Galaxien und außer Kontrolle geratende Roboter…

Wie das bei dem Publikum ankam? Folgt meinen Worten, und ihr erfahrt es:

Aliens auf Erden und anderswo“

oder

Ein Lesenachmittag im Kulturpunkt West Braunschweig,

9. Oktober 2016

von Uwe Lammers

Der Braunschweiger E-Book-Autor Uwe Lammers entführt die Zuhörer in die ferne Zukunft und zwischen die Sterne einer grünen Galaxis namens Bytharg. In drei phantastischen Science Fiction-Geschichten wird die Zukunft greifbar: skur­ril, exotisch, unheimlich.“

So stand es im Programm des Kulturzentrums „Kulturpunkt West“ für Oktober 2016 bis Januar 2017 angekündigt. Der Termin, mit mir lange abgesprochen, war der 9. Oktober 2016. Beginn war 16.30 Uhr, Eintritt frei, aber „um einen Obolus für den Künstler wird gebeten“. Es handelte sich um meinen ersten, aber zweifelsohne nicht letzten Auftritt im Rahmen des Kulturprogramms „Es muss nicht immer Goethe sein. Lyrik und Prosa vom Feinsten von Autoren, die unter uns leben.“ Bereits einmal gegen Jahresanfang war ich im Kulturpunkt West zu­gegen gewesen, damals auf der Suche nach weiteren Leseorten. Dabei wurde ich gleich von John Wolfgang Dorsch, dem Organisator der Veranstaltungsreihe „Es muss nicht immer Goethe sein“ auf einen Termin im Oktober festgelegt, der sich im Laufe der kommenden Monate noch verschob und schließlich endgültig auf dem 9. Oktober zementiert wurde.

Längere Zeit nahm ich an, dies sei tatsächlich meine nächste Lesung – bis dann das „kreative Attentat“ des Vereins KreativRegion e.V. dazwischen kam und ich unvermittelt im September auch noch eine Lesung absolvieren konnte. Ich schrieb darüber jüngst schon. Wie aber verlief die heutige Lesung, auf die ich jetzt zurückblicken kann?

Der „Kulturpunkt West“ war mir schon vor meinem ersten Besuch dort durch­aus vertraut – und zwar, weil ich im gleichen Gebäude, nur einen Eingang wei­ter vorn, etliche Monate gearbeitet hatte, als ich für die Fachhochschule Braun­schweig-Wolfenbüttel (Ostfalia) einen Altaktenbestand aufzuarbeiten hatte. Das liegt jetzt etwa fünf Jahre zurück. Der Weg in die Braunschweiger Weststadt war mir also sehr vertraut.

Heute jedoch stand ich selbst dann im Brennpunkt der Aufmerksamkeit, und das erzeugte, wie normal bei mir, natürlich einiges an Lampenfieber. Völlig nor­mal bei solchen Veranstaltungen.

Wie üblich tauchte ich deutlich zeitiger auf und war – neben der Veranstal­tungsleiterin Andrea Götte – die erste Person vor Ort. Sehr gut gefielen mir die Plakate, die im A3-Format im Eingang und vor der Eingangstür auf die Lesung hinwiesen.1 Das Wetter war frisch, ja, aber der Regen vom Vormittag war ver­schwunden, und es hielt sich bis zum Abend und blieb trocken. Ideales Wetter normalerweise für einen Lesungsnachmittag… wenn da nur das seltsame The­ma nicht gewesen wäre.

Science Fiction.

Science Fiction und Aliens, wo es sonst um Gedichte, Historisches und Musik ging. Das war natürlich eine Hemmschwelle für Leser des Programms. Und um die ein wenig zu senken und die Leute neugierig zu machen, hatte ich wunsch­gemäß für das gedruckte Programm eine leichte Einstimmung verfasst und das Thema dahingehend präzisiert: „Superverbrecher aus dem Weltraum suchen die Erde heim. Eine beängstigende Schule ist Lehranstalt für durchweg geheim­nisvolle Schüler, die einem nicht minder unbegreiflichen Lernprogramm ausge­setzt werden… und dann ist da noch jener Wächter, der zum Gott mutiert… oder so ähnlich.“

Gedanklich war ich auf eine Lesung im üblichen Rahmen von etwa 45 Minuten eingestellt – dementsprechend sah dann auch mein Lesungspensum aus, das ich daheim schon mal probegesprochen hatte. Ich war bei einer Lesezeit von 45 Minuten auf rund 18 Seiten Textvolumen gekommen.

Wie weit kommt man bei einer solchen zeitlichen Eingrenzung? Nun, ihr könnt es euch vorstellen – bei einem Autor der „Langform“ leider nicht wirklich weit. Ich hatte darum zwei wirklich kurze Kurzgeschichten ausgesucht, die auch et­was Tiefgang aufwiesen, sowie eine dritte, von der ich ahnte, dass ich nur einen Teil anlesen können würde. Mehr war beim besten Willen nicht drin, und so kam es dann auch.

Interessant fand ich im Vorfeld im Gespräch mit Frau Götte dann allerdings – und diese Besprechung war erforderlich, weil das Programm darüber keine Aus­kunft gab – , dass der zeitliche Horizont deutlich weiter gesteckt war. Sehr deut­lich weiter: Es gehe um 16.30 Uhr los, erfuhr ich zu meiner Überraschung, dann gebe es zwischendrin eine Pause von vielleicht 15-20 Minuten, damit sich die Zuhörerinnen und Zuhörer mit Kaffee und Kuchen stärken (und das Gehörte sa­cken lassen)2 könnten, und dann ginge es in die zweite Runde, also maximal bis 18.30 Uhr.

Wow, dachte ich, das ist mal eine völlig andere Ansage als bei der KreativRegion ein paar Wochen zuvor! Aber dort war ich ja auf dem „Großen Marktplatz„ ge­wissermaßen nur ein Programmpunkt unter vielen in einem en­gen zeitlichen Korsett gewesen, hier bildete ich den alleinigen Mittelpunkt der Show. Man merkt: andere Formate, andere Rollen, doch ebenfalls andere Herausforderun­gen. Aber auch in dieser hier fand ich mich schnell zurecht. Wenn man also ein halbes Dutzend Lesungen absolviert hat, fällt einem die nächste umso leichter.

Es kann jedenfalls als sicher gelten, dass diese Anfangsabsprache bei mir eine Menge Zuversicht und Seelenruhe induzierte. Dass es dennoch zu Komplikatio­nen kam, sollte sich noch erweisen. „Perfekte“ Lesungen scheint es per defini­tionem nicht zu geben, und das hat jetzt nichts mit perfektionistischem An­spruch zu tun.

Als das Publikum sich eingefunden hatte, war die Technik eingestellt – Mikro an Verlängerungsstange, optimale kleine Leselampe über dem Tisch direkt vor dem (kalten) Kamin, Wasser stand bereit, und rings um die im Raum verstreut stehenden Tische waren die Stühle gruppiert, Flyer sprenkelten die Tische, die Küche nebst Personal stand gewissermaßen in Habachtstellung… und dann trat ich also an den Tisch, an dem ich zu lesen hatte und ließ mich kurz von John Wolfgang Dorsch einführen. Er redete zwar kaum über mich, sondern mehr über die Reihe selbst und über die alten Zukunftsromane und das „moderne“ Wort dafür, also „Science Fiction“ im Sinne eines modernen Märchens, aber das war mir schon ganz recht. Insgesamt gruppierte sich inzwischen ein Dutzend Zu­hörerinnen und Zuhörer, mehrheitlich Stammhörer, mehrheitlich in der Alters­gruppe 60 aufwärts vor mir und wartete neugierig auf die Reise zu den Sternen, die ich in der Ankündigung versprochen hatte.

Nach kurzer eigener Anmoderation ging es denn dann auch gleich zur Sache. Und ich nahm sie sofort mit zu den Sternen. In dieser Hinsicht habe ich aus den früheren Lesungen gut gelernt. Erwarten die Zuhörer Aliens und die Sterne, dann müssen sie auch da sein. Und voilà – da waren sie!

Unter dem Label „Die Superverbrecher“ sagte ich zunächst ein wenig zur land­läufigen Vorstellung der menschlichen Zeitgenossen bezüglich Aliens, dann er­teilte ich dem Erzähler meiner Geschichte das Wort – ein namentlich nicht ge­nannter Alien-Historiker, der über einen Vorfall vor mehr als fünfhundert Jahren sprach, den letzten Coup der halbstofflichen Hyperraumwesen aus der Spezies der Garranoiden, die als „Superverbrecher“ die galaktische Völkergemeinschaft in Angst und Schrecken versetzten. Das ging so lange und so schrecklich voran, bis es der galaktischen Polizei endlich gelang, sie an den Rand der Milchstraße zu drängen in ein Sonnensystem, in dem ein Volk auf einem Planeten namens Terra lebte… und damit waren wir dann bei den „Aliens auf Erden“, wie in der Ankündigung. Dass ein bornierter, rückständiger Kommisskopf von irdischem Politiker dann die wahnwitzige Siegessträhne der Garranoiden gegen die Wand laufen ließ und entwertete, war definitiv nicht zu ahnen.

Nach dieser ersten Geschichte, die sechseinhalb Seiten in meinem Manuskript füllte, leitete ich die Pause mit rund 15 Minuten Länge ein und stellte mich der ersten „Manöverkritik“, die eine Befürchtung bewahrheitete: ich war mal wie­der zu schnell. Langsamer lesen, wurde mir geraten, zumal es doch recht exoti­scher Stoff sei, den die mehrheitlich älteren Zuhörerinnen und Zuhörer erst mal verarbeiten müssten. Nun, ich gelobte Besserung und bat im weiteren Vortrag ausdrücklich um Handzeichen, falls ich wieder, im Überschwang des Vortragens, zu geschwind werden sollte. Außerdem genoss ich den schwarzen Tee, den ich zunächst pflichtschuldig bezahlte, bis Frau Götte anmerkte, für Referenten sei das doch obligatorische Verpflegung. So bekam ich den ausgelegten Euro an­schließend dann zurück.

Es ging in die zweite Geschichte, mit der ich die Leser in die Galaxis Bytharg ent­führte und in den Oki Stanwer Mythos (OSM). Hier tobe, beschrieb ich, der Kon­flikt zwischen zwei Raumfahrtvölkern, den Sargoy und den Berinnyern. Und der Protagonist der Story „Wächter wider Willen“ war nun wirklich weder ein Mensch noch hatte er mit ihnen irgendetwas gemein. Es handelte sich vielmehr um einen schwer beschädigten Kampfroboter der Sargoy, der auf dem Planeten Wentreya abgestürzt war. Hier wurde er von einheimischen Vogelwesen, den Ashiiri, entdeckt und mühselig über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte von sei­nem Aufschlagplatz fortgebracht und in einem neu errichteten Dorf auf dem Hauptplatz einzementiert und fortan als Fruchtbarkeitsgott XIILTIQ verehrt. Zu dumm, dass sich der Roboter bald selbst im Angesicht einer grässlichen plane­tenweiten Katastrophe für selbigen Gott hält und schließlich, um es vorsichtig zu sagen, richtig am Rad dreht…

Für diese Geschichte gab es dann reichlichen Applaus, was zweifellos auch mit der tiefen psychologisch-skurrilen Verwandlung des Roboters zu einem nicht all­mächtigen Pseudo-Gott und dem tragischen Ambiente zu tun hat. Dass wäh­rend des Vortrags am Verstärker herumgeschraubt wurde, damit ich noch bes­ser zu verstehen war, brachte mich gelegentlich etwas ins Schleudern. Aber es kam der Gesamtperformance eindeutig zugute.

Inzwischen ging es schon stramm auf 18 Uhr zu, und es war deutlich zu spüren, dass die Aufmerksamkeitskurve des Publikums nachließ. Interesse, auch noch ein Stück der letzten Geschichte zu hören, war aber unbedingt vorhanden.

So ging ich noch, nun mehr auf Seite 17 meines Skripts angelangt, dazu über, noch ein Stück von der Abschluss-Story zu lesen. „Die Schule“ spielt in der fer­nen Erdzukunft auf einem vollständig verwüsten Planeten Erde, wo das Leben nur noch in komplett überkuppelten Fabrikstädten möglich ist. Da diese Ge­schichte von 1987 stammt, waren mir natürlich die Arkologien in den Romanen eines Peter F. Hamilton völlig unbekannt… aber sie haben durchaus ähnliche Struktur. Alles in allem war es eine sehr fremdartige Geschichte, die an einem Fließband begann, wo der Arbeiter „Plato“, der sich selbst als Philosoph ver­steht, von seinem Arbeitsplatz fortgerufen und in „die Schule“ deportiert wird, einen bunkerartigen Gebäudekomplex draußen in der Sturmwüste, sorgsam isoliert von der Fabrikstadt. Hier soll er „resozialisiert“ werden.

Eine Zuhörerin verstand übrigens die Anspielung auf Seite 18 des Skripts sehr gut. Dort heißt es: „Ich hatte nie einen Arbeiter kennen gelernt, der aus einer Schule wiederkam. Die vakanten Plätze wurden stets mit neuen Arbeitskräften besetzt. Insgeheim hegte ich die Vermutung, dass auch nie wieder welche aus den Schulen herauskamen. Dass die Schulen in Wahrheit gewaltige Gefängnisse waren, in denen Tausende am Rande der Existenz dahinvegetierten. Oder viel­leicht standen die Dinge sogar noch schlimmer.“ Sie sagte mir zum Schluss, es sei doch eine sehr finstere Vorstellung, „Schulen als KZs darzustellen“. Das musste ich dann natürlich gleich wieder korrigieren, weil ich gegen Schulen grundsätzlich nichts habe, sondern die bizarre Anstalt in der Geschichte nur na­mentlich eine Schule im weiteren Sinne ist.

Dennoch – da sage mir noch einer, die Leute bei Lesungen hörten nicht genau zu! Ha! Davon kann wirklich keine Rede sein!

Ich bedauerte ernstlich, die Geschichte nicht weiter vorlesen zu haben, weil ein­fach weder Zeit noch Aufmerksamkeitsfenster da waren… das wäre inter­essant geworden, die Reaktion auf die komplette Geschichte zu erfahren, auf solche Namen wie Napoleon, den Sonnenkönig, Dwight Eisenhower, Spartakus… das hätte einige Leute sicherlich grinsen und kichern lassen.

Auch die wiederholten Fragen in den Diskussionen, ob die Geschichten schon im Print vorlägen – ich hätte da zweifellos die eine oder andere Printausgabe verkaufen können – zeigten mir deutlich, dass das Interesse an den Werken ab­solut vorhanden war, anfängliche Reserve und Skepsis zum Trotz.

Immerhin vier Seiten weit kam ich bei „Die Schule“ noch, musste dann aber um 18.10 Uhr auf Signal von Wolfgang Dorsch schließen. Damit war ich insgesamt auf Seite 21 meines 26seitigen Skripts angekommen – eine gute Angelegenheit. Dennoch sollte ich künftig maximal auf 18-20 Seiten verharren und eher weni­ger Text – und entsprechend gemächlicher und betonter – lesen, statt zu versu­chen, möglichst viel meiner Werke in einer Session an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Das geht naturgemäß schief.

Insgesamt waren die Zuhörerinnen und Zuhörer angetan von der Veranstaltung, wenngleich sie mit Kritik nicht hinter dem Berg hielten. „Viele Fremdworte“ wurden moniert, mein anfänglich zu rasches Lesetempo (das bekanntlich mei­ner Aufregung geschuldet war, sich aber im Laufe des Vortrags von Geschichte zu Geschichte besserte), die Macken der Technik kamen zur Sprache und gene­rell das Sujet der Science Fiction. Vereinzelt kamen aber die ironischen Spitzen in den Geschichten zum Tragen, das war beim Vortrag deutlich zu hören. Grundsätzlich hatte ich das Gefühl, gut angekommen und auch angenommen worden zu sein. Viele der Anwesenden werden vermutlich bei einer weiteren Lesung, die von mir im Rahmen dieses Programms angekündigt wird, wieder kommen.

Zu meiner nicht geringen Verlegenheit bekam ich im Anschluss an die Lesung dann eine edle Flasche Wein überreicht (mit der ich bekanntlich als Antialkoho­liker eher nichts anfangen kann). Ich werde mir überlegen müssen, wem ich da­mit in der nahen Zukunft eine Freude machen kann. Als Geste war das jeden­falls sehr lieb, und natürlich nahm ich sie an.

Außerdem wurde prophylaktisch für 2017 eine weitere Lesung von mir in Vor­schlag genommen. Diesmal habe ich dann vor, die Zuhörerinnen und Zuhörer mit Prosagedichten zu unterhalten. Und den Kontakt mit der Leiterin des Kul­turpunkts West (die sie leider bald nicht mehr sein wird, wie ich heute erfuhr – alle Dinge ändern sich halt, auch die schönen und sympathischen…) versuche ich auch weiterhin zu halten.

Gemessen an dem exotischen Thema und der Erkenntnis, dass ich als „Langform­autor“ doch einige Schwierigkeiten habe, komplette Kurzgeschichten im gegebenen zeitlichen Rahmen vorzutragen, kann ich konstatieren, mich gut und wacker geschlagen zu haben. Es hat Spaß gemacht, heute in dieser Runde neuen Lauschenden ein paar meiner Gedanken vermittelt zu haben. Und es ist doch schön, wenn man hört, dass man als Referent einen „absolut sympathi­schen Eindruck“ mache und im menschlichen Umgang sehr nett sei. Ich nehme das als das Kompliment, als das es gedacht ist und freue mich, beizeiten wieder einmal in diesem Rahmen lesen zu können. Das mag noch ein Dreivierteljahr hin sein, aber ich bin jetzt schon sehr gespannt. Unter was für einem Motto die Veranstaltung dann stehen wird… na, da lasst euch mal überraschen.

Soviel ist auf alle Fälle sicher – ein Lesungsbericht erwartet euch dann wieder.

© by Uwe Lammers

Na, und wer weiß… vielleicht hat der eine oder die eine oder andere unter euch ja aufgrund der Lesungsberichte auch das Gefühl bekommen, da müsstet ihr mal Mäuschen spielen?! Ich habe absolut nichts dagegen, sondern freue mich über jeden neuen (und alten) Zuhörer.

Soweit die bisherige Planung es zeigt, wird es in Bälde eine weitere Lesung ge­ben, nämlich im „Protohaus“ in Braunschweig. Aber dafür brauche ich Vorberei­tungszeit und eine etwas breitere Geschichtenauswahl. Ob das also im Januar noch was wird, kann ich nicht sagen. Ich werde versuchen, auf AuthorCentral diesmal zeitig eine Info zu posten, aber bei meinem aktuell chaotischen Wo­chenablauf kann das leicht wieder untergehen… schaut einfach immer wieder mal vorbei, Freunde!

In der kommenden Woche veröffentliche ich an dieser Stelle den Entree-Beitrag einer neuen Subartikelreihe des Blogs. Diesmal wird es in zahlreichen Beiträgen um „Legendäre Schauplätze“ gehen, und meiner Vorstellung nach will ich versu­chen, möglichst alphabetisch zu bleiben.

Das bedeutet im Klartext? Dass ich natürlich mit dem Buchstaben A beginne. Und das wird gleich ein absolut phantastisches Einfallstor für eure Neugierde darstellen. A steht im ersten Beitrag für die Galaxis ARC – die mythische Heimat der legendären Spezies der Baumeister, die ihr ja verschiedentlich schon (sehr moderat!) in Aktion erleben konntet. Zugleich wird dieser Beitrag ebenso wie der zweite derselben Reihe auf ein E-Book vorbereiten helfen, das hoffentlich irgendwann in diesem Jahr 2017 erscheinen wird, nämlich „Im Feuerglanz der Grünen Galaxis“, womit ihr den ersten Schritt in den chaotischen KONFLIKT 12 machen könnt.

Dazu mehr an gegebener Stelle. Für heute möchte ich schließen und hoffe, euch nächste Woche wieder zahlreich auf dieser Seite willkommen heißen zu können, wenn es in die phantastische Galaxis Arc geht…

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Ich konnte mir anschließend nach der Lesung ein Exemplar davon sichern und bin noch am Herumdenken, wo ich das wohl aufhängen kann. Der Raum in meiner Wohnung ist, vorsichtig gesagt, doch recht rar. Und das Plakat hat immerhin Format A 3.

2 Das erwies sich dann auch als erforderlich, und ich rechnete es mir eindeutig als Erfolg an, dass niemand vom Publikum Neigung zeigte, während der Pause zu entschwinden. Ei­nige waren zwar etwas unruhig geworden, aber die Verdunstungstendenz war erfreuli­cherweise gleich null.

Rezensions-Blog 94: Entscheidung in der Sechseck-Welt (3)

Posted Januar 11th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

willkommen ein weiteres Mal in der farbenprächtigen, üppigen Phantasie des Jack L. Chalker, der die bizarre Sechseck-Welt mit seinen Kreaturen bevölkert und sie dann in Konflikte gestürzt hat. Ich erwähnte bereits, dass mich diese Ro­man – den hier eingeschlossen – in den frühen 80er Jahren sehr angeregt ha­ben, mein kreatives Hauptwerk, den Oki Stanwer Mythos, niederzuschreiben. Infolgedessen konnte es kaum ausbleiben, dass ich auch nach der Neulektüre anno 2001 beim Niederschreiben dieser Rezension einen entsprechenden Ver­weis einfließen ließ.

Vor vier Wochen habe ich euch in das Abenteuer des Antor Trelig geschickt, der in die Sechseck-Welt verschlagen wurde. Wer den Roman „Exil Sechseck-Welt“ gelesen hat und am Schluss etwas unbefriedigt blieb, erfährt hier nun, warum das der Fall war – die Geschichte geht ja noch weiter.

Was das heißt? Lest lieber selbst:

Entscheidung in der Sechseck-Welt

(OT: Quest for the Well of Souls)

von Jack L. Chalker

Goldmann 23348

256 Seiten, TB

April 1980

Übersetzt von Tony Westermayr

Seit dem „Krieg auf der Sechseck-Welt“ sind 22 Jahre vergangen. Wie erinner­lich wurden zwei Gruppen Menschen auf diese Steuerwelt der Markovier ver­schlagen, auf der 1560 intelligente Rassen in eigens für sie genormten Hexagon-Refugien leben. Einmal handelte es sich um die Raumpilotin Mavra Chang und die beiden Schwammsüchtigen Nikki Zinder – Tochter des genialen Erfinders Gilgam Zinder – und den Aufseher Renard, der auf dem Asteroiden Neu-Pompe­ji des größenwahnsinnigen Antor Trelig gedient hatte. Die zweite Gruppe be­stand aus dem von Neu-Pompeji flüchtenden Antor Trelig, dem hypnotisierten Erfinder Gilgam Zinder und dem Wissenschaftler Ben Yulin, die, durch die Kraft des Computers Obie verwandelt, ebenso wie die Gruppe 1 auf der Sechseck­-Welt abstürzten.

Während Mavra Changs Raumschiff, zerplatzt in 9 autonome Kapseln, im „menschlichen“ Süden strandete und im Verlauf des Krieges um die Sechseck­-Welt schließlich in dem eisigen Hexagon Gedemondas vernichtet wurde, liegt das zweite Raumschiff – und damit die einzige Möglichkeit, jemals wieder den Asteroiden Neu-Pompeji zu erreichen, der nach wie vor voll funktionsfähig war – im nördlichen Hexagon Uchjin, wo es keinen Sauerstoff gibt und niemand her­an kann. Zudem ist es unmöglich, die Äquatorbarriere zu überwinden, so dass alle Parteien und alle Kämpfer, die noch überlebt haben, jeden Versuch aufge­ben, sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen, auch nur daran zu denken, Neu-Pompeji, den neuen Mond der Sechseckwelt, zu erreichen.

Sollte man meinen.

Aber man irrt sich.

Es ist richtig: die grauenhaft verwandelte Mavra Chang, deren menschlicher Körper durch halb durchgeführte magische Metakompilierung mit Maultierbei­nen versehen wurde und eigentlich lebensunfähig ist, denkt nicht mehr daran. Gilgam Zinder, untergetaucht im wörtlichsten Sinne des Wortes in einem High-Tech-Wasserhexagon, KANN nicht daran denken. Ben Yulin, inzwischen Herr über hundert Frauen und siebzehn Töchter, ist auch ganz zufrieden mit seinem Dasein.

Aber da gibt es noch Antor Trelig, zwar zwischenzeitlich in dem von froschähnli­chen Makiem bewohnten gleichnamigen Hexagon ebenfalls verheiratet und mit 20 Kindern gesegnet, hat nicht aufgegeben. Vor allen Dingen betrachtet er Mavra Chang als permanente Bedrohung und schickt nun endlich einen Trupp Killer los, die sie töten sollen.

Aber diese Nieten versagen, und Mavra und ihr Geliebter/„Sohn“ Joshi flüchten, ohne sich um die Überwachung durch ihre Kontrolleure, riesenbiberhafte Am­breza, zu kümmern. Auch der steinalte, an die Südpolarzone gefesselte „Herr“ der Sechseck-Welt, der reptiloide Serge Ortega, der Mavra stets mit Hypnobe­handlung davon überzeugt hat, dass ihr Dasein glücklich und zufrieden sei, er­fährt zu spät davon.

Zudem geraten die Dinge auch sonst in Bewegung: Zwei Wesen aus der Nordhe­misphäre, so genannte Yugash – einer davon ist allerdings ein Fanatiker! – schaf­fen es, in den Süden zu gelangen. Der Fanatiker schließt sich mit Antor Trelig zu­sammen, der zweite mit Ben Yulin und dem früheren Aufseher Renard. Erneut liefern sich die alten Kontrahenten ein Kopf-an-Kopf-Rennen in Richtung Nor­den, um an das gestrandete Raumschiff zu kommen. Zwischendurch gilt es aber, sicherheitshalber auch noch Mavra Chang zu finden, die auf dem Weg ihrer Flucht durch ahnungslose, wohlmeinende Geningenieure zusammen mit ihrem lieben Joshi in Schweine transformiert wurden, vollends unfähig zu sprechen und zudem auf der Flucht durch ein wüstenhaftes Hexagon, wo sie in die Ge­walt der Mucrol geraten, fleischfressende, hundeartige Wesen mit dampfbe­triebenen Wüstenpanzern…

Als die Protagonisten schließlich zeitgleich im Norden ankommen, beginnen ihre Schwierigkeiten aber erst. Zwar gelangen sie in der Tat unter großen Pro­blemen nach Neu-Pompeji, aber dann werden sie von einem ihrer Teilnehmer überlistet und ausgesperrt. Und dieser Verräter kann problemlos Obie kontrol­lieren, den – neben dem Schacht der Seelen von der Seckseck-Welt selbst – größten und mächtigsten Computer, den es jemals gab. Die einzige Chance scheint darin zu bestehen, ganz Neu-Pompeji in die Luft zu sprengen. Aber es fragt sich, ob dazu noch genügend Personen da sind. Denn ganz rasch werden aus den sieben Überlebenden fünf, dann vier, dann drei…

Was immer man von den Sechseck-Welt-Romanen sagen kann, kurzweilig sind sie allemal. Das gilt auch für diesen hier, der den formellen Abschluss der Sechs­eck-Welt-Trilogie darstellt, Band 2 des Unterzyklus „Krieg der Sechseck-Welt“. Ohne das Verständnis des letzten Romans ist dieser hier schlicht nicht zu verste­hen. Da es sich allerdings im groben und ganzen um eine Wiederholung des Wettlaufs aus dem zweiten Sechseck-Welt-Band handelt, gibt es doch schon Stellen, die ein wenig nerven.

Dass das für mich nicht ganz so zutraf, liegt auf der Hand. Mit den Yugash traf ich die nächsten Protagonisten-Vorbilder des Oki Stanwer Mythos wieder und habe mich sehr darüber gefreut. Das Schicksal von Mavra Chang war äußerst dramatisch und mir bis zum Schluss so nicht mehr in Erinnerung. Und der Kampf im Kontrollzentrum in Bozog kam auch, weil völlig vergessen, sehr gut. Im Beschreiben bizarrer, fremder Spezies des Nordens entwickelt Chalker eine gewisse Brillanz, die noch besser käme, wenn der Roman nicht so entsetzlich gekürzt worden wäre. Das erwähnte ich ja auch in der vergangenen Rezension bereits. So packt er, was für einen Roman mit 500-600 Seiten locker gereicht hätte, in einen nicht mal halb so dicken „Schmöker“, der sich darum weitge­hend wie eine Aneinanderreihung farbiger Details liest. Die Psychen der Perso­nen werden diesmal jedoch besser geschliffen und ausgearbeitet, und das Ende macht den Eindruck eines richtigen Dramas.

Dennoch… so GANZ das Ende ist es nicht. Es gibt noch zwei weitere Bände. Das Problem Antor Trelig löst sich in diesem Band wie auch die Schwierigkeit mit dem Schwamm-Syndikat. Aber was sonst noch passiert, das müsst ihr nachle­sen, wenn ihr den Band antiquarisch oder in der Bücherei mal zu fassen be­kommt…

© by Uwe Lammers, 2001

Ich werde nach wie vor das nagende Gefühl nicht los, dass die Westermayr-Übersetzung eine arge Kürzung des Gesamtromans ist. Und es wäre sicherlich für die Verleger der Jetztzeit mal eine schöne Möglichkeit, das zu prüfen und beizeiten eine vollständige Version vorzulegen, die sicherlich entschieden um­fangreicher wäre.

Auch könnte es zweckmäßig sein, diese Welt einmal wieder zu besuchen und Abenteuer darauf zu beschreiben. Ich meine, wenn so relativ eingeschränkte Welten wie die des Sherlock Holmes sich in hundertfachen Varianten ausdeh­nen, wäre die Sechseck-Welt sicherlich ein Dorado für phantastischste, farben­prächtige Abenteuer der unglaublichsten Art. Vielleicht erinnert sich mal je­mand Maßgebliches an diesen Vorschlag, wenn dieser Blogartikel eine gewisse Bekanntheit erreicht hat. Mich – und sicherlich nicht nur mich allein – würde das sehr freuen.

Auch im Blogartikel der kommenden Woche greifen wir auf einen „alten Be­kannten“ zurück, nämlich auf niemand Geringeren als Clive Cussler, von dem ich jüngst wieder einmal einen Roman (mit Coautor Graham Brown) gelesen habe, den ich auch in Bälde für meinen Blog rezensieren werde. Dass diese Rezi den Weg in den Blog vor 2018 findet, halte ich indes für unwahrscheinlich. Es gibt noch gar zu viele andere Cussler-Rezensionen, die vorher das Licht der digitalen Öffentlichkeit erblicken sollen.

So eben auch derjenige der kommenden Woche. Da geht es, verwirrenderwei­se, um einen verschwundenen Zug. Wer Genaueres wissen möchte, schaue nächste Woche wieder hier herein, er wird dann schlauer sein.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Blogartikel 201: Der OSM in Gedichtform (1)

Posted Januar 8th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

wie jüngst versprochen möchte ich euch heute mal auf ein weiteres literari­sches kleines Abenteuer mitnehmen. Es heißt „Der OSM in Gedichtform“ und wird euch ein paar Texte nach und nach vor Augen führen, die ich in früheren Blogartikeln kursorisch mal erwähnt habe. Der Rahmen dieser Reihe ist relativ überschaubar, ich denke, es werden kaum viel mehr als zehn Teile vorhanden sein… vorausgesetzt, es entstehen in der nahen Zukunft nicht noch weitere OSM-Gedichte. Dann kann ich entsprechend „nachlegen“.

Was die Struktur angeht, so ist dies heute mal ein Experiment. Ich habe mir fol­gendes Vorgehen überlegt: Da meine Gedichte üblicherweise ungereimte Ge­dichte sind, die aber in Strophenform mehr oder minder stringent vorliegen, möchte ich nach jeder Strophe so etwas wie einen Interpretationsteil einfügen, damit ihr mit den auftauchenden Namen, Begriffen und Verbindungen ein we­nig klarer sehen könnt. Notwendig überschreiten die aus dem Vollen meiner Kenntnisse schöpfenden Gedichte, die durchaus als Schlüsseltexte des OSM konzipiert sind (mal mehr, mal weniger), euren aktuellen Lesehorizont. Daran kann ich nur wenig ändern.

Dennoch hoffe ich, dass ihr diese Artikelreihe als interessant wahrnehmt und sie vielleicht als inspirierend für die OSM-Gesamtlektüre einstuft. Heute fangen wir also mit Gedicht Nr. 12 der Gesamtreihe an, das ist das erste OSM-Gedicht überhaupt. Es stammt vom 24. Mai 1984 und trägt den Titel:

TOTAM

Gedicht von Uwe Lammers

Düster wälzen sich die Wolken.

Träge und unheilschwanger

liegen sie über der Welt.

Niemand vermag sie zu vertreiben,

sie sind der Odem des Bösen.

Erläuterung: Dieser erste Textblock braucht keine ausgiebige Kommentierung, es ist offensichtlich, dass der Planet TOTAM gemeint ist. Freilich in einer späte­ren KONFLIKT-Version, nicht zu vergleichen mit jenem Planeten TOTAM, den ihr aus dem E-Book „In der Hölle“ kennt. Ich orientierte mich beim Schreiben dieser Zeilen an KONFLIKT 15 „Oki Stanwer“ (1981-1984). Die Serie war gerade fertig gestellt worden. Dass TOTAM dort aber immer in düstere Wolken gehüllt wäre, ist eine theatralische Übertreibung.

Tausend Jahre waren für die Wesen,

die auf dieser Welt lebten,

wie ein Tag, doch auch Tage

können lang und einsam sein.

Qualvoll verstrichen sie.

Erläuterung: Auch hier ist die Theatralik unübersehbar. Man fragt sich vielleicht, gemessen an dem E-Book „In der Hölle“, wer hier wohl leben mag und ob man das Wort „Leben“ angemessen findet. Dazu weiter unten mehr.

Eins dieser Wesen ward nie erlöst.

Es war der Erzeuger allen Chaos,

der Herr des Todes

und ewiger Gefangener zugleich.

Und sein Bruder war verloren.

Erläuterung: Von einer „Erlösung“ im christlichen Sinn zu sprechen, würde mir heute bezüglich des Wesens TOTAM nicht mehr unbedingt einfallen. Aber man erinnere sich vielleicht daran, dass ich zum Zeitpunkt, als ich dieses Gedicht schrieb, gerade mal auf meinen achtzehnten Geburtstag zuging, relativ viel über Reinkarnation und Esoterik las und religiösen Themenfeldern nicht wirklich fern stand… zumal es in der Schule ja auch noch wöchentlich katholischen Un­terricht gab. Da lag also eine christliche Metaphorik schon sehr nah.

Man sieht hieran aber ebenfalls, dass ich noch einem archaischen Verständnis des OSM-Dualismus zwischen Licht und Finsternis anhing. Durchwachsen von einer bittersüßen Tragik, die so heute nur noch bedingt Bestand hat.

Zermalmt im Strudel der Zeiten.

Vergessen von den Göttern des Kosmos.

Geächtet von den Guten.

Verehrt von den Bösen –

Und selbst verzweifelt wie niemand sonst.

Erläuterung: Wieder Theatralik. Gemeint ist offensichtlich das Wesen TOTAM, das natürlich weder „zermalmt“ ist noch „vergessen von den Göttern des Kos­mos“. Die nächsten beiden Zeilen sind heute noch durchaus zutreffend, aber in­zwischen wesentlich mehr faktenbasiert als zur Schreibzeit. Und die letzte Zeile kann man in Zweifel ziehen, da ein Wesen wie das Wesen TOTAM in seiner men­talen Struktur so unmenschlich ist, dass Skepsis angebracht ist, ob „Verzweif­lung“ seine Seelenlage hinreichend darstellen kann. Ich glaube das aktuell nicht mehr.

ER ist der Kerker,

ER ist das Licht.

ER weiß, was Recht und Unrecht ist,

aber er kann es nicht beweisen,

niemand würde ihm glauben!

Erläuterung: Dies ist ein tiefer Lichtstrahl, der in das Dunkel des mythischen An­fangs des Oki Stanwer Mythos geworfen wird. Fünf Jahre später arbeitete ich die hierin nur vage angedeuteten Gedanken in der Story „Aktion TOTAMS Ende“ näher aus… allerdings noch immer völlig ungenügend, weswegen inzwi­schen ein komplexer Romantext seit Jahren in Arbeit ist, der diese Hintergründe umfassender ausleuchten soll. Aber das kann dauern, ehe dieses Werk für euch zugänglich wird…

ER schickte seine Schergen,

um den Bruder zu suchen,

in nachtschwarzer Düsternis,

die sich als Licht ausgibt;

alles ist verdreht.

Erläuterung: Auch dies ist eine verwirrende Andeutung, die auf die obigen An­fangsmysterien verweist und wieder einmal gründlich mit Theatralik durch­tränkt wurde. Ich kann sie aktuell für euch noch nicht aufhellen. Sorry.

Wem kannst du noch trauen?

Wer wird dir glauben?

Wer wird diesmal der Verräter sein?

Wird er diesmal Brutus heißen?

Oder Judas?

Erläuterung: Dies rekurriert direkt auf den Finalzyklus der Serie „Oki Stanwer“ und zugleich auf Andeutungen, die im parallel entstehenden KONFLIKT 14 „Oki Stanwer – Feldherr der Cranyaa“ (FdC, 1983-1988), in der entsprechende An­deutungen gemacht worden waren (heute partiell als informelle Matrixfehler eingestuft). Und auch hier ist natürlich unübersehbar a) der historische Bezug auf die Verrätergeschichte und b) der christlich-religiöse Bezug.

Unzählige Jahrtausende suchtest du nach der Lösung.

So oft warst du nahe daran,

doch Verräter vernichteten alles,

beizeiten,

denn dein Bruder darf nicht wissen, wer du bist.

Erläuterung: Aus den damals noch zahmen „Jahrtausenden“ sind heutzutage, da es ja um die Genese und das Vergehen ganzer Universen geht, Jahrmilliarden geworden. Den Rest der Andeutungen kann ich für euch leider noch nicht ent­schlüsseln, ohne euch völlig zu verwirren.

Tausend Masken trugst du,

tausend Rollen spieltest du,

genauso wie dein Bruder;

wie sind deine Namen,

du formloses Wesen?

Erläuterung: Wenn man diese Strophe ihres theatralischen Gehalts entkleidet, gelangt man zu einem formwandelnden Wesen, das etwa einem Berinnyer aus der Galaxis Bytharg gleichen könnte, aber ungleich machtvoller ist. Von der Existenz der Berinnyer hatte ich damals aber noch keinen blassen Schimmer.

Die wiederkehrende „Bruder“-Szene ist zweifellos auch unterbewusst eine Refle­xion der kurz vorher beendeten „Gedankenspiele“ mit meinem Bruder Achim, und im Rahmen dieser Spiele schlüpften wir ja unabweislich in „tausend Rollen“.

Die Namen der Gegner kennst du:

Es sind Namen wie Soffrol,

Klivies Kleines oder Thor Gordenbeyl,

es sind Namen wie BURTSON

oder Hiron Seglus.

Erläuterung: So, und jetzt geht es ans Eingemachte. Dividieren wir mal ausein­ander – Soffrol ist der so genannte „Rächer von Breeth-Fgahn“, ihr werdet Be­kanntschaft mit ihm machen in KONFLIKT 12 „Oki Stanwer – Bezwinger des Cha­os“(1987-1993), mit dessen E-Book-Publikation ich anno 2017 beginnen werde. Klivies Kleines und Thor Gordenbeyl sind zwei Helfer des Lichts. Kleines lernt ihr in der näheren Zukunft in KONFLIKT 2 „Oki Stanwer und das Terrorimperium“ kennen, aber ebenso in KONFLIKT 13 „Oki Stanwer Horror“ (1982-1985), das ich euch ebenfalls anno 2017 in Etappen zugänglich machen möchte, und zwar in Form der Reihe „DER CLOGGATH-KONFLIKT“. In der obigen Anspielung reflektierte ich aber auch weiterhin auf KONFLIKT 15.

Das merkt man auch an BURTSON, wobei dieser Name auf eine noch ältere Spielerinnerung aus den „Gedankenspielen“ rekurriert. BURTSON ist eine Schöp­fung der Baumeister, das geniale Computergehirn des ZYNEEGHARS 11 (wie ich anno 2011 bei der Neuschaffung des KONFLIKTS 9 „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ herausfand), des nachmaligen OKIPLANETEN und Herzens des okischen Imperiums in KONFLIKT 9.

Nun, und Hiron Seglus…? Das ist ein Kolonialterraner von Mira Ceti in KONFLIKT 15, der sich nach anfänglicher Feindschaft auf Oki Stanwers Seite schlägt und ihn unterstützt. Er wird hier plump unter die Lichtseite subsumiert, was man na­türlich machen kann, wenn man den KONFLIKT ideologisch versteht.

Was aber sind deine Namen?

Sind sie nicht immer gleich geblieben?

Ob du nun Dämonenschlächter, BUCH

Oder EXEKUTIV-TOTAM heißt,

deine Macht bleibt dieselbe.

Erläuterung: Dies ist jetzt die Gegenseite. Das Wesen TOTAM, der Dämonen­schlächter, das BUCH und EXEKUTIV-TOTAM sind, quasi jedenfalls, ein und das­selbe Wesen, mit dem verwirrenden Unterschied, dass sie jeweils ein intensives Eigenbewusstsein besitzen. Irritierend, könnte ich mir denken, wenn man das nicht gewöhnt ist. Ich hatte über 30 Jahre Realzeit, um mich an diese Dinge zu gewöhnen, so schnell schockt mich da jetzt nichts mehr. Aber ihr seht das viel­leicht etwas anders… freut euch, dass ihr mit den meisten dieser Wesen vorerst nichts zu tun bekommen werdet. Na ja, auf der anderen Seite… in KONFLIKT 12 sind diese Entitäten schon voll ausgebildet, und da werdet ihr relativ bald die (mörderische) Bekanntschaft mit dem Dämonenschlächter machen. Entgegen seines Namens ist er nicht nur für Dämonen tödlich, sondern für alle Lebensfor­men…

Und auch deine Hilflosigkeit bleibt dieselbe.

Genau wie deine Hoffnung.

Du hoffst auf das Ende.

Dann wirst du den Gegner auslöschen.

Und nie wieder wird dich jemand quälen.

ENDE

Erläuterung: Einmal mehr ziellose Theatralik. Und was die „Auslöschung“ des Gegners angeht… das ist so auch nicht mehr stimmig und war es eigentlich auch 1984 nicht. Aber so war ich damals drauf: schwarz-weiße Kontrastmuster, einfache Konfliktstrukturen, Rache und Vergeltung… also alles das, was ich heu­te zutiefst ablehne, weil es viel zu simpel und naiv gedacht ist.

© by Uwe Lammers

Gifhorn, den 24. Mai 1984

Gedicht Nr. 12

Als Fazit kann man festhalten, dass dieses Gedicht arg angestaubt ist und in we­sentlichen Aussagen, namentlich der Stimmung wegen, heute nicht mehr so funktionieren würde, wie ich das damals verfasst habe. Lasst euch einfach mal überraschen, was als nächstes in dieser Rubrik kommt.

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 93: August 1914

Posted Januar 4th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

vielleicht verdreht ihr die Augen und denkt „Oh Gott, schon wieder der Erste Weltkrieg?“ Möglich ist dies, und ich könnte euch vollkommen verstehen. Den­noch schlage ich vor, ihr verwendet ein wenig Zeit darauf, diesen Rezensions-Blog zu lesen. Das wird euer Nachteil nicht sein und vielleicht ein Interesse wecken, von dem ihr denkt, dass es gar nicht existiert.

Das Buch „August 1914“ zeigt euch einen tiefen Blick auf den Ausbruch des Ers­ten Weltkriegs, wie man ihn in den üblichen Lektionen des Geschichtsunter­richts nicht erhalten kann, und ich bin so verwegen, zu behaupten, dass die Kenntnis dieses Buches auch für die Gegenwart immer noch nützlich ist – weil die von Barbara Tuchman hier differenziert ausgeführten historischen Informa­tionen fundamentale Strukturen offenbaren, die auch in aktuellen Konflikten nach wie vor Geltung besitzen.

Ich sage weiter unten, dass der Erste Weltkrieg prototypisch für Konflikte im 20. Jahrhundert war, in ihrer lang gezogenen, verworrenen, der Logik oftmals wi­dersprechenden Realisierung. Das ist, und das muss man nicht eigens betonen, das bekommt man quasi tagtäglich in den Nachrichten mit, auch heute sympto­matisch für Bürgerkriege, ethnische Konflikte oder etwa den „Krieg gegen den Terrorismus“, den man vermutlich deshalb nicht gewinnen kann, weil hier der Gedanke des Auslöschens des Gegners vor dem Gedanken des Verstehens des Gegners steht. Wer aber schon die Strategie und die Natur des Gegners nicht begriffen hat, der versagt an der selbst gestellten Aufgabe, einen Konflikt zu be­enden.

Dies lässt sich exemplarisch leider auch aus dem „Plan 17“ des französischen Generalstabs und allem, was folgt, lernen. Insofern ist das unten wortreich re­zensierte Buch alles andere als allein historisch und „von gestern“. Es ist brand­aktuell, und so kann es auch gelesen werden.

Stürzt euch in dieses Furcht erregende Abenteuer, Freunde:

August 1914

(OT: The Guns of August)

von Barbara Tuchman

Heyne-Sachbuch 53

(gekürzte Übersetzung)

432 Seiten, 1966

Übersetzt von Grete und Karl-Eberhard Felten

Alles beginnt mit einem Begräbnis, gleichsam dem Abgesang einer ganzen Epo­che – nur weiß von letzterer Tatsache niemand, als im Mai des Jahres 1910 der König Eduard VII. von England zu Grabe getragen wird. Neun Majestäten geben dem Toten das letzte Geleit, gefolgt von fünf Thronerben, vierzig kaiserlichen oder königlichen Hoheiten, sieben Königinnen sowie eine Schar von hohen Würdenträgern aus siebzig Ländern.

König Eduard VII. steht für die Vergangenheit, doch was nun zu Beginn des 20. Jahrhunderts heraufdämmert, ist gleichsam die Götterdämmerung für das Ges­tern, die Geburt eines blutigen Zeitalters, das alle Werte des Einst in Frage stellt und viele von ihnen unwiderruflich zerstampfen wird, im August 1914.

Seit den Tagen des durch Bismarck geschmiedeten Deutschen Reiches preußi­scher Prägung, das seine Adelung im Spiegelsaal zu Versailles im Frühjahr 1871 erlebte, steuert dieses monarchische Europa auf einen Abgrund zu. Der macht­besessene deutsche Kaiser, Wilhelm II., der seinen „Platz an der Sonne“ sucht und seinem Reich Weltgeltung verschaffen will, ist ein schlechter Diplomat und Taktiker. Infolgedessen vollendet er das, was Bismarck zeit seines Lebens zu ver­hindern suchte: die Einkreisung Deutschlands. Dem Duo der im Herzen Europas gelegenen Monarchien Deutschland und Österreich-Ungarn gegenüber steht die Entente, die nichts so sehr fürchtet wie ein starkes, übermächtiges Deut­sches Reich.

Die Franzosen, im Krieg 1870/71 verheerend geschlagen, wissen nur zu gut, dass die Deutschen lediglich auf eine Gelegenheit warten, ihren Sieg zu erneu­ern. Im französischen Generalstab wird in Erwartung eines weiteren Krieges der „Generalplan 17“ entworfen, in dem alle Eventualitäten enthalten sein sollen. Es ist DER Plan für die Zertrümmerung deutscher Machtphantasien, und im Laufe von vielen Jahren, bald Jahrzehnten, wird dieser Plan zur übermächtigen, fixen Idee.

Auf der Gegenseite steht der greise deutsche General Alfred von Schlieffen, der den nach ihm benannten Plan entwickelt, um die französische Gefahr, der er sich sehr wohl bewusst ist – wollen doch die Franzosen das okkupierte El­sass-Lothringen zurückerobern, das gebietet ihnen der Nationalstolz – , ebenfalls endgültig auszuschalten. Der Schlieffen-Plan besitzt indes eine fundamentale Schwäche: er sieht zwingend die Verletzung des neutralen Belgien vor. Aber wenn er funktioniert, so prophezeit Schlieffen, wird nach 39 Kriegstagen Paris fallen. Und den Sieger, so behauptet ein späterer deutscher Politiker, der zum größten Verbrecher seines Jahrhunderts werden soll, frage niemand danach, wie er den Sieg errungen habe…

Beide Pläne werden auf unendlich tragische Weise scheitern, in einem Konflikt, wie ihn die Welt noch niemals gesehen hat.

In drei großen Abschnitten entwickelt die amerikanische Historikern Barbara Tuchman die Geschichte jenes verworrenen, schwierigen und blutigen Konflikts, oder wenigstens der Vorgeschichte und die Schilderung des ersten Kriegsmo­nats (das Buch reicht wirklich nur bis zum 5. September, also bis zum Vorabend der entscheidenden Schlacht an der Marne). Und dennoch reicht dieser Zeit­raum völlig aus, um dem Leser klarzumachen: in diesem Moment war der Krieg im Grunde genommen entschieden. Freilich war das den wenigsten Zeitgenos­sen so präsent. Und wenn sie es ahnten, wurden ihre Ahnungen ignoriert, weg­gefegt von Wunschdenken.

Im ersten Teil – „Pläne“ – werden die oben angedeuteten Pläne entwickelt, in den historischen Kontext und die jeweilige nationale Denksphäre eingebettet. Die Deutschen und Schlieffens Vorstellung eines finalen Sieges über Frankreich (Kapitel 2). Die Franzosen und ihr Plan 17 (Kapitel 3). Die Engländer und das Problem ihrer fehlenden Armee, die Frage, ob sie sich überhaupt einmischen sollen (Kapitel 4). Und dann ist da noch die legendäre „russische Dampfwalze“ (Kapitel 5), die als Kampfmittel der dritten Entente-Macht die ostpreußische Grenze bedrohen kann. Jene Armee, die letzten Endes trotz ihrer Niederlage entscheidende Bedeutung erhält.

Der „Kriegsausbruch“ füllt die nächsten neun Kapitel, Kapitel voller Illusionen und falscher Vorstellungen dessen, was vor ihnen liegt. Nach den tödlichen Schüssen auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sa­rajewo, die lediglich ein Vorwand für das sind, was nun folgt, beginnt eine ver­heerende Maschinerie von Automatismen und Missverständnissen zu rollen.

Österreich-Ungarn ist mit der – an und für sich völlig ausreichenden – Entschul­digung der serbischen Regierung nicht zufrieden und erklärt dem kleinen Land den Krieg. Serbien hat allerdings Entente-Schutzmächte, so, wie auch Öster­reich-Ungarn eine Schutzmacht besitzt: Deutschland.

Ehe sie alle verstehen, was passiert, werden die Kriegserklärungen zugestellt, und zur allgemeinen Überraschung des Lesers ist die Reaktion durchaus nicht allseitiges Entsetzen.

Vielmehr muss man das, was nun kommt, als eine gewisse Form von… ja, fast allseitiger Genugtuung und Zufriedenheit verstehen. Eine seltsame Vorstellung für uns heute Lebende, die wir schaudernd wissen, wohin das führte. Doch ver­gegenwärtigt man sich die damals allgemein vorherrschende Anschauung, ein Krieg „reinige die Luft“ und sei sozusagen alle paar Jahrzehnte einfach „nötig“, gleichsam eine evolutionäre Notwendigkeit, dann wird vieles verständlicher. Ohne dass es deshalb weniger monströs wäre.

Allgemein herrscht überdies die Ansicht, dass der kommende Konflikt eine Neu­auflage des Krieges von 1870/71 sein würde. Jeder könnte, bei genauer Prüfung der Tatsachen, schon vorher ahnen, dass das nicht der Fall ist. Schließlich hat sich die Technik dramatisch weiterentwickelt und die Armeen sind erheblich größer geworden. Aber hier kommt der erste Faktor ins Spiel, der noch blutige Konsequenzen haben wird: Selbstüberschätzung.

Alle Seiten halten sich für hinreichend gerüstet. Jede Seite ist sich sicher, dass ihre Pläne alle Eventualitäten abdecken. Sie sind sich gewiss, dass sie dem Geg­ner in jedem Fall überlegen sind. Das gilt für General Joseph Jacques-Césaire Joffre auf der französischen Seite ebenso wie General Helmuth von Moltke im deutschen Generalstab. Diese Selbstsicherheit überträgt sich auf die Soldaten, und so kommt es zu den sattsam bekannten, irrwitzigen Szenen von Militärkon­vois, deren Insassen lachend und fröhlich an die Front ziehen und fest über­zeugt sind, wieder zu Hause zu sein, „ehe das Laub fällt“. Für viele trifft das zu, allerdings kehren sie (mit Glück) in Särgen wieder heim. Eine Menge anderer Soldaten werden indes auf den Schlachtfeldern Frankreichs im Artilleriebeschuss buchstäblich zermahlen, und auch dies beginnt im August 1914.

Das deutsche Ultimatum an Brüssel ist eine der ersten Überraschungen für die Entente-Verantwortlichen, denn sie kennen den Schlieffen-Plan nicht. Die deut­sche Regierung wird gleich im Gegenzug ebenfalls überrumpelt, denn die Bel­gier denken nicht im Traum daran, den deutschen Armeen freien Durchgang zu gewähren. Sie übergeben auch, als es brenzlig wird, keine ihrer Festungen. Stattdessen leistet das kleine Land erbitterten Widerstand – so erbitterten Wi­derstand, dass bald das Wort vom „Franctireur“ die Runde macht, und die Inva­soren damit beginnen, reihenweise Zivilisten erst zu inhaftieren und dann an die Wand zu stellen. Dörfer und Städte sinken in Schutt und Asche, und Löwen und die berühmte Bibliothek sind nur ein kleiner Teil des grausigen Puzzles, das sich nun über Jahre entfalten und unendliches Leiden über die Menschheit bringen soll.

Schlimmer noch: der belgische König muss erschüttert erfahren, dass General Joffre, den er um Hilfe ersucht, die Anwesenheit deutscher Truppen in Belgien für ein Ablenkungsmanöver hält. Joffre denkt nicht daran, eigene Truppen abzu­stellen, um Belgien zu schützen. Der Grund liegt im Plan 17 des französischen Generalstabs: er zielt darauf, die deutsche Mitte zu durchdringen und tief nach Deutschland vorzustoßen, um dann gleichsam die Armeen des Feindes von hin­ten aufzurollen.

Joffre rechnet nicht mit einem Schlieffen-Plan, und er unterschätzt notorisch die Stärke des Gegners. Aber diese Fehler hält er nicht einmal für möglich: Plan 17 ist unfehlbar, und „was immer der Gegner tut, ist für uns ohne Belang und unwichtig“. Aufklärung ist unbedeutend.

Der Leser schüttelt in ohnmächtigem Entsetzen den Kopf.

Doch dies ist nur ein kleiner Teil des Alptraums August 1914.

Kämpfe“, so der dritte und längste Teil des Buches, führt den Leser unter ande­rem ins Mittelmeer zum Schlachtschiff Goeben und konfrontiert ihn zum ersten Mal intensiv mit den, vorsichtig ausgedrückt, wirren Kommunikationslinien. Im Seeverkehr mag man das ja noch begreifen, aber an Land setzt sich das fort. Im Anfang des Vormarsches der Deutschen und Franzosen, als die Korps noch Kontakt miteinander halten, ist es nicht so ausgeprägt. Aber recht bald geht die Übersicht über das, was an der viele hundert Kilometer langen Front vor sich geht, völlig verloren.

Die belgischen Festungen leisten Widerstand und werden eingekesselt. Sie bin­den deutsche Truppenteile. Und die Belgier vertrauen auf ihre Festungspanze­rungen – ein weiterer schrecklicher Fall von Selbstüberschätzung. Sie erleben eine tödliche Überraschung, als die Deutschen neue Geschütze in Stellung brin­gen…

Die Franzosen lauern derweil darauf, dass die mittleren Armeen stark genug ausgedünnt werden, um den Vorstoß zu wagen. Im Elsass kommt es zu den ers­ten Zusammenstößen von weit überlegenen deutschen Truppen und den un­vorbereiteten französischen Einheiten, deren Schulung nicht einmal das Aushe­ben von Schützengräben enthalten hat. Warum auch? Ihr Motto, das einzige, das General Joffre unterstützt, heißt Élan. Das Voranstürmen mit aufgepflanz­tem Bajonett gilt als heldenhaft und führt zu Tausenden von Opfern, die von deutschen Maschinengewehren sehr unheroisch niedergemäht werden.

Tote, die man Joffre und seiner Sturheit im wesentlichen zuzuschreiben hat.

Dann ist da die Frage des britischen Expeditionskorps.

Mit Sir John French wird ein zwar charismatischer, aber draufgängerischer Sol­dat zum Anführer ernannt. Auf dem Kontinent gelandet, erweist er sich indes plötzlich als das genaue Gegenteil, als jemand nämlich, der tunlichst seine Trup­pen aus dem Kampf generell heraushält, zumal nach dem ersten katastrophalen Zusammenstoß mit den feindlichen Armeen. Ob er damit seine Verbündeten im Stich lässt und in den Tod schickt, scheint unwesentlich zu sein.

Joffre kann French nicht so befehlen wie seinen eigenen Untergebenen, und bald traut selbst der britische Generalstab French nicht mehr – doch können sie ihn nicht abberufen, ohne die Moral der Truppe völlig zu untergraben (Sir John French bleibt bis 1915 Oberbefehlshaber des britischen Kontingents).

In den Feldern und Dörfern von Lothringen, den Ardennen, Charleroi und Mons bricht die französische Offensive auf grauenhafte Weise in sich zusammen, und aus den Trümmern dieser Schlachtfelder, von denen die verletzten Überleben­den geradezu panisch flüchten, desillusioniert und unter Schock stehend, er­hebt sich der Plan 17 nie wieder. Aber es gibt keine Alternativpläne. Von nun an muss improvisiert werden, um die unaufhaltsame Flut der deutschen Armeen irgendwie zurückzudrängen. Nein, nicht zurückzudrängen – aufzuhalten. Einfach nur aufzuhalten!

Die Armeen verlieren auf beiden Seiten den Kontakt miteinander, das gilt auch für die eigenen Armeen untereinander. Sie marschieren in unterschiedlichem Tempo vorwärts oder weichen zurück. Manche, etwa die Briten, pausieren nach tagelangem Rückwärtsmarsch schließlich und lassen sich nicht mehr in die fran­zösischen Pläne einfügen.

General Joffre und die französische Regierung hoffen auf ein Wunder, das sich im fernen Osten ereignen soll, denn dort hat inzwischen die russische Mobilma­chung begonnen und bedroht Ostpreußen.

In Ostpreußen geht der Schreckensruf „Die Kosaken kommen!“ schon längst um, aber Evakuierungspläne gibt es im Grunde genommen keine. Das Ziel des deutschen Generalstabes ist es, auf Zeit zu setzen: die Russen würden viele Wo­chen brauchen, um die Soldaten ihres Riesenreiches zu aktivieren (ein reales Problem), bis dahin sei man mit Frankreich fertig und genügend Armeen stün­den zur Verfügung.

Denkt man.

Bis dahin steht General Hartmann von François mit seinen Truppen zur Verfü­gung, um eventuelle Gegner abzufangen. Gegner, deren Position er nicht kennt, deren Stärke unbekannt ist und deren Pläne schleierhaft sind. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen. Zudem gibt es auch reichlich Reibereien persönli­cher Natur zwischen François und seinen direkten Vorgesetzten, was letzten En­des bei der Schlacht von Gumbinnen zur direkten Befehlsverweigerung führt (womit François allerdings die Schlacht gewinnt). Ähnliches kommt auch an der Westfront vor.

Am 29. August, als sich General Samsonow, der Oberkommandierende der rus­sischen Truppen, in einem Wald bei Tannenberg erschießt, weil er mit den Kon­sequenzen seiner Niederlage nicht mehr leben kann, hoffen die Franzosen nach wie vor darauf, dass die Russen ihnen zu Hilfe kommen. Zum Teil nimmt das ab­struse Formen an, etwa auch in England: hier gibt es ernsthaft Meldungen von Tausenden, ja, Zehntausenden von Kosaken, die heimlich bei Nacht und Nebel quer durch Schottland transportiert werden, um an der französischen Front eingesetzt zu werden: „Ein Einwohner von Aberdeen, Sir Stuart Coats, schrieb seinem Schwager in Amerika, 125.000 Kosaken seien in Pertshire über seinen Grund marschiert. Ein aktiver englischer Offizier versicherte Freunden, 70.000 Russen seien unter ‚strengster Geheimhaltung‘ über England an die Westfront gegangen. Nachdem man erst von 500.000, dann von 250.000, später von 125.000 gesprochen hatte, blieb es schließlich bei 70.000 bis 80.000, also einer dem eigenen Expeditionskorps genau entsprechenden Zahl. Die Geschichte verbreitete sich nur von Mund zu Mund, denn infolge der offiziellen Zensur kam nichts in die Zeitungen – außer in den Vereinigten Staaten…“

Phantomrussen, die es niemals gab.

Und schließlich, kaum vier Wochen nach Beginn der Kämpfe, ist General Joffre bereit, Paris aufzugeben und die Truppen an der Seine hinter Paris neu zu for­mieren. Er lässt General Joseph-Simon Gallieni, den neuen Oberkommandieren­den von Paris im Stich, die Einwohner der Hauptstadt flüchten in Scharen. Die Regierung wird nach Bordeaux evakuiert.

Und Gallieni gibt am 5. September 1914 desillusioniert einen Geheimbefehl an die Distriktkommandeure von Paris heraus: „…sie sollten alle Einrichtungen ih­res Bezirks melden, die zerstört werden müßten, ehe sie in die Hände des Fein­des fielen. Selbst Brücken im Herzen der Stadt wie der Pont Neuf und der Pont Alexandre sollten gesprengt werden. Zu General Hirschauer sagte er, wenn der Feind durchbrechen sollte, müsse er ‚einen leeren Raum‘ vor sich haben…“

Man stelle sich das vor: Paris als „leerer Raum“, eine brandgeschwärzte Schutt­wüste, vergleichbar dem Moskau, in das Napoleon 1812 einmarschieren wollte. Der Louvre ein Raub der Flammen inklusive allem, was er enthält, Notre Dame ein ausgebranntes Gerippe… man mag es sich nicht ausmalen.

Der Grat zwischen kontrafaktischer Spekulation und der realen Wirklichkeit ist in diesem Fall gefährlich schmal, und es ist bestürzend, sich auszumalen, was passiert wäre, wenn nicht zwei deutsche Armeekorps nach Tannenberg abge­stellt worden wären. Was geschehen wäre, wenn die Kommunikation besser funktioniert hätte. Wenn die Oberkommandierenden der einzelnen Armeeteile besser miteinander interagiert und die „Chemie gestimmt“ hätte, wie man gerne sagt.

Vieles von den Ereignissen, die in diesem Buch akribisch beschrieben werden, ist heute vergessen. Der Erste Weltkrieg und besonders sein Ausbruch, das ist etwas, das schon im Dämmer der Vergangenheit verblasst und bedeutungslos scheint. Doch in diesem Konflikt zerbrach nicht nur das militärische Ethos des 19. Jahrhunderts, die Vorstellung von prächtigen militärischen Siegen zu Pferd, von heldenhaft vorwärtsstürmenden, dem Tod trotzenden Soldaten. In diesem Konflikt zerbrach vor allen Dingen das Bild, ein Krieg sei eine kurze, schnell zu führende Auseinandersetzung, in der es besonders auf die klare Planerfüllung ankomme, der im Generalstabsquartier am „grünen Tisch“ entwickelt wird.

Die Kriege des 20. Jahrhunderts, und dieser war der erste, in dem man es bei­spielhaft sah, erwiesen sich letztlich als wirr, durchzogen von Undurchschaubar­keiten und Zufällen, in denen Selbstüberschätzung und mangelnde Aufklärung zum absoluten Desaster führten. Barbara Tuchmans große Stärke ist die knappe, pointierte Darstellung der wesentlichen Protagonisten dieses Kampfes, die mit­unter gnadenlose Einarbeitung zeitgenössischer Zitate und das Ausrollen eines grandiosen Panoramas von atmosphärisch dichten Schilderungen und Stim­mungen. Zusätzlich vernetzt sie alles miteinander und entwickelt so einen dia­chronen Blick auf die Ereignisse, bei denen insbesondere die Personen selbst und ihre Erwartungen ausschlaggebende Faktoren darstellen. So belebt sie auf ausgesprochen faszinierende Weise die Vergangenheit von neuem.

Der ungläubige Leser, der den Ersten Weltkrieg im wesentlichen nur aus arg re­duktionistischen Darstellungen in Geschichtsbüchern kennt, erlebt hier einen scheinbar bekannten Krieg aus völlig anderer Perspektive. Seine Erwartungen werden ständig in die Irre geführt, und durch die minutiöse Aufarbeitung der Geschehnisse, denen die Autorin nicht vorgreift, ist es beinahe, als lese man einen historischen Roman oder folge der Kamera eines Regisseurs bis in die vor­dersten Reihen des Kampfes. Es ist ein beängstigendes, beeindruckendes Erleb­nis. Das Buch ist zu Recht ein Klassiker der Geschichtswissenschaft, der aus gu­tem Grund noch heute zur Pflichtlektüre derjenigen gehört, die sich über den Ersten Weltkrieg informieren möchten.

Leider kann man das von heutigen Werken manchmal nicht mehr sagen. So muss ich bedauerlicherweise konstatieren, dass ich beim Nachschlagen man­cher Namen und Begriffe während meiner Tuchman-Lektüre doch ein wenig enttäuscht war von der „Enzyklopädie Erster Weltkrieg“.1

Weshalb?

Nun, die von mir festgestellten Lücken in Hinblick auf die Schlacht von Gumbin­nen und General von François sind vermutlich nur einige wenige von denen, die in diesem über tausendseitigen Werk zu finden sind. Wäre es, so meine kriti­sche Frage, denn zuviel gewesen, einen Anhang zu bringen mit den wichtigen Schlachten und den bedeutenden Generälen und Offizieren, damit hier nicht wieder nur „Tannenberg, Tannenberg, Hindenburg, Hindenburg, Ludendorff“ re­petiert wird? In Ostpreußen passierte noch mehr als nur das, und wer die Tuch­man liest, bekommt das gut mit.

Dasselbe widerfährt uns bei Sir John French und der sehr ambivalenten Rolle, die er besonders im August 1914 spielte. Davon beispielsweise, dass French sein schlussendliches Versagen, das Tausende von französischen Soldaten das Leben kostete, noch unmittelbar während des Krieges selbst als jene Hilfe um­deutete, ohne die Frankreich untergegangen wäre (was man nur als glatte Lüge interpretieren kann, die den Zeitgenossen auch durchaus bewusst war), ist in dem kurzen biografischen Eintrag in der Enzyklopädie keine Rede. Er liest sich ohnehin mehr wie eine Hagiografie. Es mag bei zahlreichen anderen Einträgen ebenso sein.

Es ist also bedauerlich, dass die Enzyklopädie in wesentlichen inhaltlichen Punkten hinter einen Stand zurückfällt, der vor 40 Jahren bereits öffentlich er­reicht war. Wiewohl die Enzyklopädie natürlich unmöglich alle Ereignisse, Per­sonen oder Details des monumentalen Ersten Weltkrieges bringen kann, dafür geschah einfach viel zuviel, erhält doch der Glanz dieser großen Fleißarbeit ein paar hässliche Schrammen, wenn man genauer nachrecherchiert.

Wer also die Enzyklopädie Erster Weltkrieg sein eigen nennen sollte, ist gut be­raten, nicht alles, was darin steht, für bare Münze zu nehmen und zudem, wenn er sehr packende und historisch zutreffende Beschreibungen des Konflikts wünscht, zusätzlich auf das alte, aber noch immer wunderbare und mit Gewinn zu lesende Buch von Barbara Tuchman zurückzugreifen.

Wie gesagt, es ist zu Recht ein Klassiker. Und wer immer den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und die Nazizeit verstehen möchte, sollte es unbedingt lesen.

© by Uwe Lammers, 2005

Puh, das waren viele Worte, zugegeben. Und harte Kost, auch das will ich gern eingestehen. In der nächsten Woche geleite ich euch zurück auf die phantasti­sche Sechseck-Welt, dann wird es etwas ruhiger und weniger umfänglich, ver­sprochen!

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003.