Rezensions-Blog 117: Arbeit poor

Posted Juni 20th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

Amerika hat gewählt – einen neuen Präsidenten nach Barack Obama, der das Weiße Haus als eine Person verlässt, die den Friedensnobelpreis erhalten hat (nach vielfacher Ansicht zu Unrecht, mindestens aber zu früh), und der wenigs­tens ein Versprechen eingehalten hat: er hat mit Obama Care eine Form des Krankenversicherungsschutzes etabliert, der seinen Namen in die Geschichtsbü­cher einschreiben wird. Das kann man vermutlich als sicher annehmen.

Die Befürchtung, sein Amtsnachfolger werde ein Republikaner werden, beruhte auf einer 50:50-Chance und bewahrheitete sich leider. Womit allerdings selbst Analysten nicht rechneten, das war der kometenhafte Aufstieg des rüpelhaften Milliardärs Donald Trump zum erfolgreichsten Kandidaten der Republikaner und letztendlichen Sieger der Präsidentschaftswahl.

Erschütterung allüberall. Wie konnte das geschehen? Wie konnten all diese Pro­gnosen versagen, all die gut geschulten, in zahllosen Wahlkämpfen gestählten Journalisten? Wieso konnte dieser offensichtliche Quereinsteiger all die Polit­profis ausspielen?

Da haben viele Leute ihre Stimme an den Wahlurnen abgegeben, die sonst nicht zur Wahl gehen“, hieß es. Und das ist höchstwahrscheinlich ein wesentli­cher Grund für Trumps Erfolg. Eine Protestwahl gegen das Establishment, gegen „die da oben“, gegen die aktuelle Politik, auch gegen die krassen Einkommens­unterschiede und das Chancengefälle, das in den USA existiert.

Vor ein paar Jahren habe ich ein sehr interessantes Buch gelesen, das vielleicht einen wichtigen Mosaikstein in dieses Puzzle einfügt und verstehen hilft, was da passiert ist. Denn wenn man wissen möchte, wie Trump an die Macht gekom­men ist, dann sollte man sich nicht mit dem Tunnelblick auf eine Trump-Bio­grafie begnügen. Man muss seinen Horizont weiten.

Man muss, wie weiland Günter Wallraff in den 80er Jahren, inkognito an die Wurzel der Gesellschaft abtauchen und sich dort umhören, wo die Underdogs der heutigen Gesellschaft zuhause sind. In der Arbeitswelt der USA. In einem Land der krassen Einkommensunterschiede, in dem vermeintlich jeder, der wirklich arbeiten will, auch Arbeit finden wird und davon leben kann. Wo das „Recht auf Scheitern“ ebenso respektiert (und meist ausgenutzt) wird wie bru­tale Schikane der Wehrlosen zur Anwendung kommt.

Dies könnte, vorsichtig ausgedrückt, ein rein amerikanischer Tunnelblick sein. Aber ihr werdet bei der Lektüre der folgenden Seiten erkennen, dass diese Per­spektive zu kurz griffe. Zugegeben: es herrscht nicht mehr die CDU-FDP-Regie­rung wie damals, als ich diese Zeilen schrieb. Ebenfalls eingestanden: die 1-Eu­ro-Jobs haben sich als Flops erwiesen und wurden mehrheitlich kassiert.

Aber: auch hierzulande ist die Politikverdrossenheit extrem stark ausgeprägt. Auch hierzulande stehen zahllose Politiker, Journalisten, Konzernchefs im Bann des Schlagworts von der „postfaktischen Gesellschaft“, in der weniger die har­ten Fakten zählen als diffuse Gefühle. Und ich würde mal vorsichtig prognosti­zieren, dass der zuweilen zweistellige Stimmenzuwachs der AFD eine bedrohli­che Grundstimmung am Boden der Gesellschaft artikuliert, die durchaus im­stande ist, unsere Gesellschaftsordnung zu erschüttern.

Ja, Barbara Ehrenreichs Blick richtet sich zentral auf die USA. Aber in der neoli­beralen Gesellschaft von heute, die globalisiert ist wie vielleicht niemals zuvor, kann eine solche Gesellschaftsordnung nicht auf ein Land beschränkt bleiben. Und ein Präsident Trump, der als hartleibiger Erzkapitalist sein Vermögen gemacht hat und dabei wahrscheinlich skrupellos über Leichen gegangen ist, dürfte der denkbar schlechteste Garant dafür sein, dass die Dinge sich unter seiner Ägide zum Besseren entwickeln.

Vielleicht gilt dies auch weltweit. Werft am besten mal einen mahnenden Blick in das folgende Buch und schaut, ob ihr eure Arbeitswelt darin wiedererkennt. Und falls ja, dann schlage ich vor – wehrt den Anfängen!

Auf ins reale Abenteuer:

Arbeit poor

Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft

(OT: Nickel and Dimed. Or (not) getting by in America)

von Barbara Ehrenreich

Verlag Antje Kunstmann

München 2001

160 Seiten, geb.

Aus dem Amerikanischen von Niels Kadritzke

ISBN 3-88897-283-3

Niedriglohnjobs werden nicht erst seit gestern, sondern schon seit einer ge­raumen Weile als die zielführende Lösung in einer neuen Arbeitswelt ange­priesen, in der sich die bestehenden, dauerhaften Lohnverhältnisse zunehmend in Nichts auflösen. Es wird von den Apologeten dieser Lösung behauptet, dass die künftige Arbeitswelt flexibler sein müsse als die einstiger Zeiten, dass man sich nicht darauf verlassen könne, in einem Betrieb zu lernen, nach der Ausbil­dung übernommen zu werden und dort bis zu seiner Verrentung Jahrzehnte später zu verbleiben.

Es ist weithin unstrittig, dass solche Beschäftigungen heute – leider – eher die Ausnahme als die Regel darstellen. Doch die Argumentation geht ja noch weiter: die allgemeine Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Arbeitsverhältnis­sen setze natürlich eine Menge Arbeitnehmer frei, aber zugleich erwachse dar­aus auch eine neue Freiheit für die Arbeitnehmer. Die Lockerung von Kündi­gungsschutz biete für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber Anreize, insbesondere na­türlich für die Arbeitgeber, die nun in der Lage wären, kurzfristig Arbeitskräfte anzuheuern und bei konjunkturellen Flauten auch rascher wieder zu entlassen. Die Lohneinbußen, die bei den Werktätigen dadurch entstehen könnten, wür­den durch die Schaffung von Minijobs und durch geringfügige Entlohnungsver­hältnisse auf einem entsprechenden Niedriglohnsektor, der parallel zum ersten Arbeitsmarkt entstehe, weitgehend aufgefangen. Und wer Arbeit habe, und sei es auch nur solche mit geringer Entlohnung, der sei doch damit nicht in die Ar­mut entlassen worden. Leider ist das nicht nur ein Stammtischargument, auch Politiker führen es im Munde.

Kritiker, die diese Lösungen skeptisch beäugten, als Ende der 90er Jahre dieses Jobmodell in Deutschland Schule zu machen begann, wurden gern auf das Amerika der Clinton-Ära verwiesen, wo angeblich ein Jobwunder Fuß gefasst hatte und gut 4 Millionen Frauen in neu geschaffenen Billigjobs Arbeitsverhält­nisse eingingen und so aus der Arbeitslosenstatistik verschwanden. Notwendig und erwartungsgemäß wurde diese Offensive natürlich als großer Vorteil angepriesen und als Erfolg der Reformpolitik.

Aber die Kritiker verstummten nicht. Gerüchte kamen auf: von prekären Le­bensverhältnissen. Von Ansturm auf Wohlfahrtsstellen, wie er noch niemals in der Geschichte zu sehen gewesen war. Von Menschen, die ihr Auskommen nicht fanden, OBGLEICH sie Arbeit hatten…

Irgendetwas an dem leuchtenden Vorbild Amerika stimmte offensichtlich nicht. Aber was?

Die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich, aus gewerkschaftlich orien­tiertem Elternhaushalt stammend, war vielleicht ein wenig leichtsinnig, als sie, wie sie in der Einleitung schreibt, ihrem Verleger Lewis Lapham von Harper’s Magazine bei einem Abendessen vorschlug: „Ich bestellte, glaube ich, Lachs mit Feldsalat und versuchte ihm [Lapham] neue Ideen nahezubringen, die irgend­wie mit Popkultur zu tun hatten, als wir auf eines meiner alten Themen zu spre­chen kamen – Armut. Wie kann ein Mensch von den Löhnen leben, die heutzu­tage für ungelernte Arbeitskräfte gezahlt werden? Wie konnten insbesondere die etwa vier Millionen Frauen, die als Folge der Clintonschen Reformen der So­zialfürsorge auf den Arbeitsmarkt drängen, mit einem Stundenlohn von sechs oder sieben Dollar über die Runden kommen? Dann sagte ich etwas, was ich seitdem schon des Öfteren bereut habe: ‚Es müsste mal wieder jemand mit die­ser altmodischen journalistischen Methode rangehen – einfach losziehen und es selber rausfinden.’ Ich dachte dabei an Leute, die viel jünger sind als ich, sagen wir, an eine ehrgeizige, ungebundene Nachwuchsjournalistin, die sich dafür sehr viel Zeit nimmt. Aber da hatte Lapham schon sein enthusiastisch glimmen­des Lächeln aufgesetzt und sprach nur das eine Wort: ‚Du.’ Damit war mein gewohntes Leben zu Ende, jedenfalls für längere Zeit…“

Barbara Ehrenreich macht sich auf die Reise in die eigene Dienstleistungsgesell­schaft in den USA. Sie betreibt investigativen Journalismus an vorderster Front, inkognito wie Günter Wallraff es in Deutschland getan hat, und was sie ent­deckt, ist durchweg schockierend und entspricht in keiner Weise dem, was die vollmundigen politischen Verlautbarungen oder Arbeitslosenstatistiken dem Durchschnittsbürger beruhigend suggerieren.

Ehrenreich beginnt ihre private Jobkarriere im Niedriglohnsektor in Florida, wo sie sich in eine vermeintlich entspannende Serviererinnentätigkeit orientiert. Aber die Probleme beginnen eigentlich schon vorher, und sie ziehen sich wie ein roter Faden durch alle weiteren Beschäftigungen: da ist das Problem der Vereinbarkeit von Dienstanfahrtswegen und bezahlbaren Unterkünften. Da ist die Frage der Sozialversicherung und der damit zusammenhängenden Kosten. Da ist schließlich die Frage, die eingangs gestellt wurde: wie kann man mit ei­nem so geringen Verdienst über die Runden kommen?

Die Antwort auf letztere Frage ist ihr schnell klar: gar nicht.

Die Konsequenz daraus besteht aber nicht in dem, was man normalerweise er­warten würde – such dir einen besser bezahlten Job (für die solcherart schlecht qualifizierten Arbeitskräfte gibt es keine besseren Jobs, jedenfalls für die weitaus meisten von ihnen mit ihren beschränkten Möglichkeiten nicht). Nein, die Antwort lautet vielmehr: such dir einen Zweitjob!1 Und hoffe, dass du er­stens die Belastung überstehst (denn das bedeutet oftmals einen Arbeitstag von 15-16 Stunden, manchmal sechs Tage die Woche, manchmal noch länger, nonstop!), zweitens nicht krank wirst2 und drittens DANN mit dem Geld endlich hinkommst.

Es ist schon ein wenig schockierend, in Barbara Ehrenreichs erstem Kapitel „Servieren in Florida“ zu entdecken, dass sie sich in ihrem Zweitjob in einem Al­tenheim, wo sie mit Demenzkranken umzugehen hat (also, wenn man so will, auch eher am Rande der Gesellschaft, wo leider häufig genug Menschen mehr abgeladen als wirklich gepflegt werden), wohler und besser fühlt als in dem Servierjob, der sie langsam, aber sicher verschleißt.

Nach dieser ersten, erschütternden und strapaziösen Begegnung mit der Dienstleistungsgesellschaft der Zukunft (denn als so etwas wird der Niedrig­lohnsektor ja angepriesen! Nicht zuletzt auch hierzulande), reist die Journalistin in den gut situierten Nordwesten der Staaten, wo die prächtigen Villen in Maine stehen und händeringend Arbeitnehmer gesucht werden. Nun gut, so schlimm kann es nicht sein, denkt sie, der Stundenlohn ist auch höher, und ein wenig Putzen kann ja wohl nicht undenkbar sein…

Im zweiten Kapitel „Schrubben in Maine“ macht Ehrenreich dann die desillusio­nierende Entdeckung, dass die Putzfirmen und Putzkolonnen noch weit drama­tischer sein können. Gewerkschaftlicher Schutz? Fehlanzeige. Arbeitspausen? Nur, wenn die eng gesetzten Termine es zulassen (was meistens nicht der Fall ist, so dass die Arbeitnehmerinnen teilweise in atemberaubendem Akkord­tempo ganze Vormittage von einer Villa zur nächsten hetzen und dabei mit­unter noch von skeptischen, misstrauischen Hausherrinnen, die Diebstähle be­fürchten, beaufsichtigt werden). Arbeitsunfälle, und das ist für Barbara Ehren­reich dann besonders erschütternd, erzeugen bei den Arbeiterinnen, die sie er­leiden, durchaus nicht etwa den Wunsch, einen Tag frei zu nehmen und viel­leicht zum Arzt zu gehen… nein, sie sind meist so devot konditioniert, dass ih­nen dieser Unfall auch noch Leid tut und sie trotzdem weiter arbeiten wollen… oder müssen, weil sie es sich nicht leisten können, auch nur eine Stunde Ar­beitsentgelt zu verlieren. Dann lieber die Gesundheit ruinieren…

Das kann es doch wirklich nicht sein, denkt die Undercover-Journalistin! So kann doch diese neue Gesellschaft nicht funktionieren, schon gar nicht langfris­tig! Und doch scheint es flächendeckend so zu sein. Es gedeihen Wohnwagen-Trailerparks, die von Horden von Billiglohnarbeitern bewohnt werden, weil die­se sich in der Nähe der Städte, in denen die Arbeit nun einmal zu finden ist, kei­ne gescheiten Unterkünfte besorgen können.3 Ehrenreich entdeckt Motels, in denen Wanderarbeiter zum Teil jahrelang Dauerbewohner sind, oftmals unter katastrophalen sanitären und hygienischen Bedingungen und nicht selten mit vielen Personen in einem kleinen Zimmer (um die horrenden Unterkunftskosten bezahlen zu können), weil sie beim besten Willen das Geld für die Kaution einer normalen Mietwohnung nicht aufbringen können.

Also versucht sie schließlich in der dritten Arbeitsrunde im Mittelwesten ihr Glück, in einer Region, in der Stundenlöhne um die acht Dollar liegen und an­geblich rege Nachfrage nach Arbeitskräften besteht. Von den Erlebnissen bei diesem Abenteuer berichtet sie im dritten Kapitel „Verkaufen in Minnesota“. Nach wie vor gibt sie sich, des Experiments willen, als ungelernte Arbeitskraft aus… und macht die nächsten ernüchternden Erfahrungen.

Beispielsweise mit den Einstellungsfragebögen, in denen man inquisitorisch und entgegen allen Arbeitsrichtlinien über das Privatleben ausgefragt wird, alle Ent­scheidungen der Firmenleitung kritiklos anerkennen soll (wie auch immer sie ausfallen!) und unverhohlen nach kriminellen Vorstrafen oder der Einstellung befragt wird, was man wohl täte, wenn man Kolleginnen und Kollegen beim Stehlen erwischte…4 ganz zu schweigen von den „obligatorischen“ Drogentests, die man über sich ergehen zu lassen hat, wenn man überhaupt in die nähere Wahl kommen möchte.

Barbara Ehrenreich landet bei dem in unserem Land schon übel beleumunde­ten Wal-Mart und nimmt noch einen Zweitjob an, um finanziell über die Run­den zu kommen… und macht die Entdeckung, dass „sicherheitshalber“ der Lohn der ersten Arbeitswoche vom Arbeitgeber einbehalten wird, um erst verspätet ausgezahlt zu werden. Was im Klartext heißt: wer deine Unterkunft in der Zeit bezahlt, steht irgendwo in den Sternen, wovon du dann lebst, genauso, und wenn die Arbeitnehmer nach der ersten Woche nicht mehr wiederkommen, ha­ben sie umsonst gearbeitet…

Rosige Arbeitnehmerzukunft!

Es ist nicht nur nicht alles Gold, was glänzt, sondern das meiste in der Arbeits­welt der USA ist dazu auch noch gefälscht, frisiert, manipuliert und in einer so extremen Weise geschönt, dass die hohlwangige, ausgemergelte und in jederlei Beziehung ohne gewerkschaftlichen Schutz ausgebeutete Arbeitnehmerschar, die mental so gedrillt wird, dass sie auch noch dankbar dafür ist, eine solche Wegwerfarbeit in einer Gesellschaft der extremen ökonomischen Unterschiede als „Almosen“ bekommen zu haben, sich langsam aber sicher zu Tode arbeitet. Und von den Arbeitgebern wird das nicht nur billigend in Kauf genommen, son­dern sogar mehrheitlich begrüßt! Mangels Alternativen, sollte man resignierend hinzufügen.

Wer mit derlei Arbeitsmodell nicht genügend Geld erwirtschaften kann, um am Leben zu bleiben, kann ja zur Wohlfahrt gehen… was Barbara Ehrenreich dann auch tun muss, um trotz zwei Jobs (!) zu existieren. Auch diese Erfahrung ist le­senswert und überaus erschütternd…

Als Fazit zieht Barbara Ehrenreich im Abschnitt „Bilanz“ die summarische Er­kenntnis aus ihren Erlebnissen, dass das Jobwunder in den USA auf scheinheili­gem Etikettenschwindel beruht, und ihre weiter gehenden Schlüsse kommen uns sehr vertraut vor: Wenn Menschen mit zwei Jobs, die sie notwendig auf­grund der Lebenshaltungskosten annehmen MÜSSEN, sagt sie, finanziell gleich­wohl nicht über die Runden kommen (und das ist der Normalzustand), dann ist die vollmundige Behauptung von Unternehmerseite und den Lobbyisten in der Politik, wer Arbeit habe, habe ja wohl auch sein Einkommen und könne nicht als arm gelten und sei folgerichtig auch kein Sozialhilfefall, offensichtlich ebenso veraltet wie die altmodische Vorstellung eines Jobs, in dem man bis an sein Le­bensende arbeitet. Die Wirklichkeit sieht vielmehr genau gegenteilig aus:

Der Sozialstaat entlässt mehrheitlich ungelernte oder gering qualifizierte Ar­beitskräfte auf einen Arbeitsmarkt, der durchaus raubtierkapitalistisch organi­siert ist und die Arbeitskräfte nach besten Kräften ausbeutet. Arbeitsschutzvor­schriften, die in jahrhundertelangen Kämpfen mühsam erstritten werden, ero­dieren auf diesem Sektor binnen weniger Jahre, die Gewerkschaften – zumin­dest im Bereich der USA – sind mehrheitlich zerschlagen und wirkungslos.

Die meisten so behandelten Arbeitnehmer sind zudem derartig eingeschüch­tert, dass sie weder Protest wagen noch gar Klagen (wofür sie im Übrigen meist auch gar kein Geld haben, von der Zeit einmal zu schweigen). Das sind dann also die Underdogs, auf deren Schultern wie in alten Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert die Wohlhabenden und Reichen ihre rauschenden Feste feiern, wobei sie keinen Blick für die geknechteten, gepeinigten Kreaturen unter sich haben, die ihren Wohlstand erst möglich machen.

Ja, dachte ich mir bei der Lektüre manches Mal fassungslos, wo sind wir denn hier? Im Marxschen 19. Jahrhundert? Ist dies die Zeit, in der Friedrich Engels mit Marx die flammenden Schriften an die Arbeitnehmerschaft schrieb und für mehr Arbeitnehmerrechte eintrat? Ist dies die Zukunft der Arbeitswelt, die voll­mundig beschrieben wird?

Das kann es doch wohl wirklich nicht sein!

In einem bewegenden Nachwort von Horst Afheldt, das auf die deutsche Situa­tion Bezug nimmt, versucht er, eine quantitative Definition von Armut hierzu­lande vorzunehmen und erklärt dann die Abhängigkeit von Lohnhöhe und Ex­portwirtschaft. Ein paar seiner Sätze sind es wert, hier zitiert zu werden: „…zu den Kosten gehören selbstverständlich auch die Arbeitskosten. Minimierung der Löhne ist zwangsweise… die Devise der Arbeitgeber, die unter unmittelbarem Konkurrenzdruck stehen. Und je mehr die Masseneinkommen im Inland zurück­gehen, desto abhängiger wird man vom Export.“

Das sieht man bekanntlich am Wirtschaftsstandort Deutschland unbestreitbar.

Weiter Afheldt: „Die Schwächung der Binnenmärkte aber schwächt wieder das vielbeschworene Wachstum der Volkswirtschaften. Und so überrascht nicht, dass, entgegen aller Beteuerungen der Neoliberalen, die liberalisierte Wirt­schaft weltweit gesehen keineswegs sehr erfolgreich ist. Noch jede neue Libera­lisierungsrunde wurde mit der Verheißung nie erlebter Wohlstandssteigerungen propagiert. Nichts davon ist eingetreten. Das preisbereinigte Welt-Sozialprodukt steigt vielmehr seit 1950 ziemlich streng linear, und das bedeutet eine Abnahme des jährlichen Wachstums – und nicht die versprochene Zunahme.“5

Das ist schon ernüchternd genug. Aber die Erkenntnisse von Barbara Ehrenreich mit dem Billiglohnsektor in den USA, die allmählich dank der Verbreitung der Billigjobs, der 400-Euro-Jobs und der „Arbeitsgelegenheiten“, wie die 1-Euro-Jobs in der Nomenklatur der Agentur für Arbeit genannt werden (beide Be­schäftigungsverhältnisse sind klare Indikatoren für spätere Altersarmut, aber das ist die negative Kehrseite dieser Art von Beschäftigung, die gern unter den Teppich gekehrt wird… was kümmern mich die Kosten von morgen oder über­morgen? Ein Rezept, das in der Politik sehr verbreitet ist…6) auch in Deutschland mehr und mehr Anwendung finden können, führen langfristig sowohl zur voll­ständigen Erodierung von Arbeitnehmerrechten, zu weithin verbreiteter Armut in großen Teilen der Bevölkerung sowie, und das thematisiert nun wieder Af­heldt in seinem Nachwort, zu politischer Verdrossenheit. Denn wie reagiert der Staat auf diese Dinge?

Mit der weltweit steigenden Menge an Standortangeboten steigt die Markt­macht des Kapitals. Es ist wie bei den Arbeitseinkommen: Übergroßes Angebot bei begrenzter Nachfrage treibt auch die am Markt um die Industrie konkurrie­renden Gemeinden und Staaten in die Enge. Mit immer neuen Steuersenkungen und Subventionen müssen sie sich um die ‚Standorte’ der Unternehmen bewer­ben. Macht haben sie gegenüber der Wirtschaft nicht mehr. Macht, die es nicht mehr gibt, kann auch nicht vom Volke ausgehen. Aber dass sie das tut, ist die Grundlage der Demokratie. Ohne diese Grundlage wird die Demokratie zur Far­ce, werden Wahlen zu einem Possenspiel. Ihre Ergebnisse ändern nichts – und landauf, landab gehen deshalb auch schon immer weniger ‚Bürger’ zur Wahl…“

Der Befund ist, wenn auch an vielen Stellen vielleicht klassenkämpferisch über­höht, durchaus alarmierend in seiner Substanz. Gleichwohl ist das Buch sehr lesbar, nicht zuletzt wegen Barbara Ehrenreichs grimmigem Witz. Und auch der Klappentext behält Recht, wenn er konstatiert: „Wer wissen will, wie unsere Dienstleistungsgesellschaft von unten aussieht, sollte ‚Arbeit poor’ lesen. Er wird sich fragen, ob wir wirklich leben wollen, ohne uns um die Details zu küm­mern…“

Es ist eine Lektüre, die die Augen öffnet.

© 2010 by Uwe Lammers

Eine grässliche Perspektive? Ja, ich würde das schon so sehen. Eine solche Dienstleistungsgesellschaft wünsche ich keinem Land, und derartige Arbeitsver­hältnisse gewiss auch nicht. Mir scheint, es liegt an uns, solche extremen Aus­wüchse zu begrenzen… aber die Wahl politischer Extremisten will mir nicht dazu gehören. Auch die Auflösung supranationaler Gebilde wie der Europäi­schen Union wird die Dinge eher verschlimmern denn verbessern. Von solchen grotesken Rezepten lassen wir besser die Finger.

Nein, eine konkrete Lösung anzubieten habe ich nicht, dies ist schließlich kein primär politischer Blog. Das werdet ihr auch in der kommenden Woche merken, wo ich wieder mal originär historisch werde und in eine finstere Epoche der Zeit zurückbeame.

In welche konkret? Ach, da lasst euch mal überraschen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Was eine Forderung ist, die inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland ange­kommen ist – das Beispiel USA macht hier auf prekäre Weise Schule! Für das Folgende ist das leider auch zu befürchten.

2 Was dann passiert, kann man in Michael Moores Film „Sicko“ (2008) sehen.

3 Und wohlgemerkt: Barbara Ehrenreich, die sich in dieser Situation wieder findet, ist eine weiße Arbeitnehmerin und lernt in ihren verschiedenen Domizilen durchaus eine Menge weißer Amerikaner kennen, wir sprechen hier also nicht über ein Schichtenphänomen, das Schwarze, Asiaten oder Lateinamerikaner und Mexikaner traditionell benachteiligt (obwohl das zusätzlich noch erschwerend hinzukommt!). Die Armut, die trotz Billigjobs und Zweitjobs grassiert, ist längst in der weißen Mittelschicht angekommen…

4 Wobei sie im Buch ungeniert zugibt, dass diese Tests geradezu dazu zwingen, dass man binnen 15 Minuten etwa ein Dutzend Lügen von sich geben muss, um zu bestehen. Auch das ist doch wenigstens… fragwürdig und spricht weder für diejenigen, die die Fragebögen entworfen haben noch für die Firmenleitungen, die Beschäftigungen von der „obligatori­schen Beantwortung“ solcher Bögen abhängig machen.

5 Man wünschte bei solch klaren Worten wirklich den Strategen der FDP, sie würden mal über das nachdenken, was sie faseln und lieber dieses Buch lesen…

6 Namentlich bei der CDU und der FDP, die leider aktuell an der Regierung sind. Es ist nicht neu, schon der „Kanzler der Einheit“, Helmut Kohl, hat in seiner langen Regierungszeit Un­summen an Schulden auf Kosten der künftigen Generation aufgehäuft. Die Zeche zahlen wir bekanntlich heute.

Blogartikel 224: Der Sog des Archipels

Posted Juni 18th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ja, ich weiß sehr wohl, dass euch der Titel dieses Beitrags irritiert… aber was soll ich sagen? Ehrlichkeit ist oberstes Gebot bei meinem Blog, und wenngleich ich damit manchmal auch zu forsch vorpresche und euch Dinge zumute, für die ihr weiß Gott noch nicht bereit seid, verdient ihr es doch absolut, ein paar In­formationen über meine aktuelle kreative Befindlichkeit zu erhalten. Schließlich wartet ihr in den letzten Monaten verschiedentlich schon unangenehm lange auf neue Veröffentlichungen von mir im E-Book-Format.

Ist das jetzt eine Art von Bekenntnis der Art, dass ich euch noch länger hängen lassen möchte? Sagen wir… jein. Ihr mögt vielleicht nachher zu dieser Überzeu­gung kommen, aber eigentlich hoffe ich auf mehr Verständnis eurerseits.

Wie ihr wisst, lebe ich in wenigstens zwei kreativen Welten parallel, und sie sind durchaus Konkurrenten um die schmale Basis meiner freien Zeit. Die ältere die­ser Welten, der dieser Blog und diese Webseite gewidmet ist, ist der Oki Stan­wer Mythos (OSM), der mich schon seit mehr als 35 Jahren beherrscht und sich aus meinem – und hoffentlich auch eurem – Leben nicht mehr wegdenken lässt. Die andere kreative Welt ist der tropische Archipel, in den ich mehr zufäl­lig vor zwanzig Jahren hineinstolperte, als ich die abenteuerliche Geschichte um die drei Strandpiratinnen niederschrieb.1 Von da an begann diese Welt sich in meinem Geist immer mehr auszudehnen, und bis August 2010 füllte ich nicht weniger als 29 Aktenordner mit Archipel-Romanen und Geschichten aus dieser wunderbaren erotisch-tropischen Welt.

Dann überwältigten mich mehrheitlich berufliche Obliegenheiten, außerdem driftete ich verstärkt in den OSM zurück und schuf hier mit zahlreichen Hilfe­stellungen die Grundlagen für das E-Book-Programm und diese Webseite, an der ihr seit 2013 partizipieren könnt.

Gleichwohl war der Archipel natürlich nie vergessen. Zwischendrin entstanden gelegentlich Geschichten, zahlreiche Fragmente sprossen empor, ich arbeitete an vielen in Prozess befindlichen Werken aus dieser Welt weiter.

Und nun, seit Dezember 2016, würde ich schätzen, begann diese Welt wieder einen mehr und mehr deutlichen Lockruf auszusenden… ein wenig dem sehn­süchtigen Blick einer liebenden Freundin oder Ehefrau gleichend, die ihren Mann nach einer durchliebten Nacht gleichwohl morgens aus dem Bett lockend anschaut und ihn zurückziehen will in ihre warme, wundervolle Umarmung, um die Welt ringsum noch für eine Weile auszublenden, ihn ganz und gar für sich zu haben… ja, diesen Eindruck habe ich vom Archipel immer wieder. Er ist eine Muse für mich, ein warmes Gestade, an dem ich gern lande, ein Ort, wo ich liebreizende Gesellschaft finde, warmherziges Lachen, sehnsüchtige Umarmun­gen und bittersüße Liebesgeschichten, die danach drängen, dass ich sie nieder­schreibe.

Ich gestehe, ich machte es dieser Lockung nicht leicht.

Ich verschob sie ein ums andere Mal, und jedes einzelne Mal fiel mir schwerer. Im Dezember vergrub ich mich in umfangreicher belletristischer Literatur und in wirklich ganz fremden Welten, um zu widerstehen. Es begann mit Félix J. Palma und den ersten beiden Bänden seines „Karten“-Zyklus.2 Sobald ich mich im De­zember 2016/Januar 2017 der Herausforderung des Bandes 1800 des OSM ge­stellt hatte, suchte ich Zuflucht in verstärktem Schreiben der Rezensions-Blogar­tikel.

Nutzlos.

Dann arbeitete ich an der Fanzine-Publikationsfassung von „Die Totenköpfe 1: Die Alte Armee“ weiter. Ich kam bis Teil 8, womit dann schon ein Großteil des Jahres 2017 durchgeplant war.

Doch ich konnte nicht verhindern, dass mich der Archipel erfasste. Es begann mit der Weiterarbeit an dem Fragment „Brigitta“. Und es ging weiter mit dem Weiterformulieren von „Shayas Bestimmung“.

Verdammt, ich habe keine Zeit für den Archipel, wirklich, so gar keine… es lenkt mich viel zu sehr ab… gibt es denn nicht ein Buch, in das ich mich vergraben könnte…?

Doch, gab es. Es landete gerade auf dem Schreibtisch… und da mich sowieso ein Magen-Darm-Virus plättete und von der Arbeit fernhielt, tat ich das, was ich immer tue, wenn ich krank bin und absolut ungesellig – ich las das Buch. Die Autorin kannte ich bislang nur dem Hörensagen nach, ich hatte einige Werke von ihr in den Schränken voll ungelesener Bücher. Sandra Henke. Das Buch hieß „Lotosblüte“3, und zu sagen, es sei gut gewesen, würde krass untertrieben sein. Es war phantastisch.

Verdammt, dachte ich, als ich es durch hatte… das macht Laune auf mehr. Und prompt suchte ich in meinen Bücherschränken und fand erwartungsgemäß das nächste von ihr: „Loge der Lust“.4 Und damit war es dann wohl wirklich um mich geschehen – denn nun entdeckte ich meine Leidenschaft für die Mira-Bü­cher, von denen ich schon eine Menge in meinen Regalen stehen hatte. In kur­zer Folge verschlang ich einen dritten Henke-Roman, „Flammenzungen“5, dann Jina Bacarrs „Das Aktmodell“6, wechselte kurz zu Plaisir d’Amour und schmö­kerte Jazz Winters „Absolute Hingabe“7, sprang wieder zu Mira zurück und kümmerte mich um die zwei Kurzromane im Band „Hautnah und näher“8, ehe ich mit Sharon Pages „Der Reiz des Verbotenen“9 und Mona Varas „Versu­chung“10 den Monat Februar beendete.

Damit war ich, auch wenn das jetzt vielleicht verrückt klingen mag, wieder mit­ten im Archipel gelandet. Meine Neubearbeitung des mehrere hundert Seiten langen Romanskripts „Die neue Strafe“ in der zweiten Februarhälfte zeigt das deutlich.

Dann nahm ich brüsk eine weitere Aufgabe in Angriff, die ich seit zig Monaten vor mir hergeschoben hatte: die 2002 geschriebene Archipel-Kurzgeschichte „Der Legendensammler und das Mädchen“ besaß keine digitale Fassung, war aber mit 24 Seiten relativ umfangreich, weswegen ich mit der Abschrift immer gezögert hatte. Nun entdeckte ich vergnügt eine Vorstudie davon, die den Titel „Der Legendensammler“ trug und annähernd die Hälfte des Textvolumens der späteren Story besaß, in weiten Teilen wortidentisch. Das machte die Arbeit na­türlich einfacher. Außerdem begann mich der Gedanke an die Neuausdrucke anderer Archipel-Fragmente zu bedrängen.

So bearbeitete ich in rascher Folge „Ulricas Schatz“, „Chantals Abstieg“, „Die Rollenspielerin“ und „Shareena in Gefangenschaft“. Im März kamen, während ich die erotische Autorin Linda Mignani textlich näher kennen lernte, deren Fe­derzirkel-Romane mir aber für eine Rezension etwas zu heftig vorkamen, noch „Assarons Abenteuer“, „Sibylle – Im Dienst der Lust“ und „Die Zwillinge“ hin­zu.

Dann stolperte ich in meiner fortgesetzten Lektüre über den Roman „Das Lo­cken der Sirene“11 und die hier agierende Protagonistin Nora Sutherlin… erst et­was verspätet wurde mir klar, dass ich hier auf den Anfangsband eines Viertei­lers gestoßen war, den ich allerdings noch nicht vollständig besaß. Das hielt mich ab, hier weiterzulesen… und brachte mich auf einen weiteren Gedanken, der mich schon seit mehreren Jahren umtrieb, bislang aber immer geschlum­mert hatte.

Das hat was zu tun mit dem Umfang meiner Lektüre. In den letzten Jahren habe ich mich mehrheitlich auf kurze Sachen und Kurzgeschichten kapriziert, viel­leicht auch deshalb, weil mir klar war, dass ich mit langer Lektüre unweigerlich meinen Drang zur schriftstellerischen „Langform“ forcieren würde. Was, wie ihr euch denken könnt, gerade für den Archipel eine Steilvorlage ist. Denn Archipel-Romane dehnen sich meist auf unkalkulierbare Weise über mehrere hundert Seiten aus.

Ich habe dafür keine Zeit, keine Ruhe…, murmelte eine immer schwächer wer­dende Stimme in meinem Kopf. Sie besaß inzwischen gar keine Überzeugungs­kraft mehr.

Es ist mir nicht recht klar, ob ich den nächsten Schritt in Angriff nahm, um mich zu beruhigen und zu vergewissern, dass mein renitentes Unterbewusstsein Recht hatte… oder ob es Unrecht hatte. Ob ich meinen kreativen Dynamo viel­mehr noch mehr mit Energie beschicken wollte, mit neuen Bildern, neuen Ide­en, aufregenden Formulierungen.

Jedenfalls begann ich damit, „das Buch“ zu lesen. Insider wissen Bescheid. Wer nicht, der sei hiermit informiert: Ich rede von E. L. James´ Trilogie „Shades of Grey“.12 Den ersten Band hatte ich schon 2014 antiquarisch erworben, den dritten aber erst im Laufe des Jahres 2016. Da jedoch jeder Band über 600 Sei­ten besaß und ich, es sei an an meine obigen Worte erinnert, damals mehrheit­lich kurze Werke las, zögerte ich mit der Lektüre.

Nun, durch die stürmische Lektüre zahlreicher mehr als 400seitiger Schmöker gewissermaßen „lesegestählt“, ließ ich mich auf dieses erotische Abenteuer ein… und verdammt noch mal, das war es tatsächlich! Ein verdammt stürmi­sches noch dazu. Ich gewann die beiden Protagonisten Christian Grey und Ana­stasia Steele ungeachtet ihrer schwierigen Charaktere sehr rasch lieb, und sie wuchsen mir ans Herz, dass ich bis Mitte März alle drei Bände verschlungen und rezensiert hatte.

Und nun?, dachte ich fiebrig. Was nun tun? Zurück in den OSM?

Irgendwie juckten zwar meine Finger (nein, nicht wie bei Christian! Hallo!!), aber ich fühlte, dass ich mich deutlich eher in Richtung Archipel orientieren musste. Die Neuformatierung der Geschichte „Giannas Geheimnis“ bestärkte mich nur darin.

So viele wunderbare Personen darin… Ganshin Tanggeen, der junge Lord Vilo­ron, und seine stürmische Gattin Gianna, die heimliche Neelitin. Das Badehaus von Asmaar-Len und der Zirkel der Herrinnen der Häuser. Die exotische, dunkle Schönheit der Herrin Renée, die zu den engsten Freundinnen des Mädchens Rhonda gehört und mit ihr ihre ganz eigenen Pläne verfolgt.13

Ich dachte an den Verrätersommer in Asmaar-Len. Ich dachte an die Tochter der Göttin Neeli, Ansiina, die die Zukunft kennt… an die furchtbaren Intrigenpläne, die in der Adelselite Asmaar-Lens geschmiedet werden, seit Rhonda die Heilig­tümer von Cooriday wieder entdeckt hat…14

Alles das, was seit Sommer 2010 geschlummert hatte, brach in meinem Ver­stand wieder auf.

Ich habe dafür keine Zeit…, wimmerte mein Unterbewusstsein. Es müssen doch Tausende von Seiten dafür gelesen werden, um wieder in den Handlungsstrom einzutauchen…

Ja, dachte ich andererseits, und mehr und mehr fest entschlossen. Natürlich. Und verdammt noch mal – ich werde es GENIESSEN, das zu tun! Hat mich feh­lende Zeit von der obigen Lektüre abgehalten? Nein! Und mit Recht nicht! Mei­ne Seele braucht mentale Ausgewogenheit. Und wenn das Pendel monatelang nur in Richtung der Arbeit ausgeschlagen ist und gründlich ermattet hat, ist es nur recht und billig, eine Gegenbewegung zuzulassen… vielleicht nicht in dem extremen Maß, wie es meine Leidenschaft fordert, aber zumindest muss es in diese Richtung deutlich vorangehen.

Seht ihr – und genau das ist der Punkt, an dem ich heute stehe. Wenn ihr diese Zeilen in ein paar Monaten lest, werdet ihr wahrscheinlich über meine „Work in Progress“-Blogeinträge Näheres darüber in Erfahrung bringen können, woran genau ich im Rahmen des Archipels weitergearbeitet habe. Aber dass das ein absolutes Muss ist, nach einer ausgiebigen Phase der Lektüre und der antiquari­schen Neukäufe, das sollte vermutlich nach meinen obigen Ausführungen deut­lich geworden sein.

Das heißt nun natürlich nicht, liebe Freunde, dass ihr auf meine E-Books ver­zichten müsst, so schlimm wird es nicht kommen, und insofern kann ich die an­fänglichen Befürchtungen sicherlich wirkungsvoll zerstreuen. Es bedeutet aller­dings schon, dass ich nicht mit Hochdruck an den nächsten OSM-E-Books arbei­ten kann, weil ich einen nicht unwesentlichen Teil meiner Aufmerksamkeit dem Archipel widmen möchte, der schon viel zu lange einen Dornröschenschlaf schlummert, aus dem er erweckt werden möchte.

Die Frage, ob dieser Sog nun von meiner mehrheitlich erotischen Lektüre der vergangenen Monate geweckt worden ist oder es sich vielmehr so verhält, dass die unterbewusste Sehnsucht nach dem Archipel meine Suche nach „passen­der“ Lektüre beschleunigt hat, kann ich hier und heute nicht beantworten. Fak­tum ist schlicht, dass der Sog des Archipels da ist und mich in seinen Zauber­bann gezogen hat, dem ich mich nur zu gern ergebe.

Irgendwann, das wünsche ich mir, möchte ich euch diese Geschichten, insbe­sondere die längeren davon, gern mal zugänglich machen. Gern auch in Print­form… aber wie schnell das geht und wie intensiv ich sie zuvor noch nachbear­beiten muss, das steht in den Sternen. Ich sagte ja oben: es sind fast 30 Archi­pel-Ordner hier mit fertigen Geschichten (und noch einige mit Fragmenten), die in ihren lustroten Ordnern vor sich hinschlummern, zunächst nur für meine Au­gen, aber vielleicht, hoffentlich, eines Tages dann auch für die euren. Auf dass euch dann die Augen übergehen und die Ohren sich röten mögen. Manche Ar­chipel-Geschichten, etwa „Das Mädchen von Anamorid“ oder „Das entschei­dende Wort“ sind doch ziemlich heftig ausgefallen, von Romanen wie „Eine Adelige auf der Flucht“ wollen wir mal gar nicht reden.

Beizeiten, in diesem Kino, Freunde.

In der nächsten Woche erlebt ihr ein wenig einen Widerhall meiner obigen Zei­len, da es dann um die kreative Bilanz des Monats März 2017 geht.

Auch wenn es da mehrheitlich „nur“ um den OSM geht, würde ich mich doch freuen, wenn ihr nachschauen und lesen kommt.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. dazu vielleicht beizeiten den Roman „Die drei Strandpiratinnen“, 1997/98.

2 Vgl. dazu beizeiten im Rezensions-Blog die Einträge „Die Landkarte der Zeit“ und „Die Landkarte des Him­mels“.

3 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

4 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

5 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

6 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

7 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

8 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

9 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

10 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

11 In Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

12 Alle Bände in Vorbereitung für den Rezensions-Blog.

13 Das sind Interna aus dem dritten Rhonda-Roman „Rhondas Aufstieg“, der seit 2010 in Arbeit ist.

14 Dies geschah im Roman „Rhondas Reifejahre“, 2002-2010.

Rezensions-Blog 116: Der tote Astronaut

Posted Juni 13th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

auch wenn sich das Folgende vielleicht etwas anders lesen mag, als es erwartet wird, möchte ich ausdrücklich betonen, dass das heute rezensierte Buch ein li­terarischer Leckerbissen ist, den man wirklich nicht versäumen sollte, wenn man faszinierende, stilistisch und auch ideenmäßig brillante Science Fiction le­sen will. James Graham Ballard braucht sich beim besten Willen nicht hinter ei­nem Philip K. Dick zu verstecken. Er ist auf seine Weise singulär, und vermutlich erkennt man eine Ballard-Geschichte selbst dann, wenn der Autor nicht ge­nannt wird.

Mit Ballard kam ich schon vor ewigen Zeiten in Kontakt… das war zwar noch nicht in Wolfsburg, aber unbedingt dann in Gifhorn, als ich seine surrealen Ro­mane „Kristallwelt“ und „Der Sturm aus dem Nichts“ las… ich sollte sie definitiv mal wieder schmökern, fällt mir bei der Gelegenheit ein. Mit seinen wilden Ide­en und seiner selbst in mittelmäßiger Übersetzung immer noch beeindrucken­den Sprache – die Suhrkamp-Übersetzungen sind dagegen wirklich erlesen, ihr werdet es bei der Lektüre dieses Buches sofort feststellen – zog er mich unab­weislich in seinen Bann.

Selbst wenn ich nicht viel von Ballard am Stück lesen kann, weil er wirklich äu­ßerst gehaltvoll ist (sollte ich mal schätzen, würde ich sagen, eine Seite Ballard wiegt von der Schreibdichte sicherlich zehn oder mehr von Peter F. Hamilton auf, obwohl man die beiden so gar nicht vergleichen könnte), zählt er zu meinen designierten Lieblingsautoren der jüngeren Phantastik. Und wie schon im Fall von Ray Bradbury schätze ich mich glücklich, noch zahlreiche seiner Werke hier ungelesen stehen zu haben.

Das Ballard-Vergnügen hört so bald nicht auf, und das ist gut so. Zweifellos wer­den noch eine ganze Menge Rezensionen seiner Werke folgen. Aber dieses hier macht heute den Anfang. Wer ihn also noch nicht kennen sollte, passe gut auf – es lohnt sich:

Der tote Astronaut

(OT: Low Flying Aircraft)

Von James Graham Ballard

Suhrkamp 940

Frankfurt am Main 1983

192 Seiten, TB

Aus dem Englischen von Michael Walter

ISBN 3-518-37440-0

Diese Anthologie enthält 9 Geschichten des britischen Science Fiction-Autors James Graham Ballard (1930-2009), der zusammen mit zahlreichen anderen Schriftstellern die Form der „new wave“ ins Leben rief. Es handelte sich dabei um eine Art von Science Fiction, die sich von dem früher so beliebten Modus der Space Opera abwandte und sich lieber dem „inner space“ zuwandte, also den Strukturen, die sich in menschlichen Gesellschaften entwickelten, die mit der Zukunft konfrontiert wurden. Autoren wie Philip Kindred Dick oder Michael Moorcock wären in diesem Kontext ebenfalls zu nennen. Doch Ballard fällt ein wenig aus der Rolle durch die konsequente Verfolgung eines Topos, den man zi­vilisationspessimistisch nennen könnte.

Ballards Geschichten spiegeln üblicherweise eine finstere Zukunft wider. Wir begegnen hier einsamen, oft menschenfeindlichen Landschaften und Settings, zerfallenen Städten, Kulturen im Niedergang und exzentrischen Einzelgängern, die ihre bisweilen irreal wirkenden, ja, manisch anmutenden Träume verfolgen. Manchmal ist man sich als Leser nicht ganz darüber im Klaren, ob die Protago­nisten gesünder sind als die sie umgebende Welt, durch die sie wandeln, oder ob sie auf eine sehr ähnliche Weise einen degenerativen Prozess durchmachen, der dem Wahnsinn verwandt ist.

Zugleich hebt aber Ballards faszinierend wandelbare Sprache, die Dichte seiner mitunter recht ausgefallenen Metaphern und die Bildmächtigkeit seiner Prosa die Werke von der bloßen Skurrilität ab und macht sie zu definitiven Erlebnissen im literarischen Sinne. Das trifft auch in unterschiedlichem Maße auf die Ge­schichten dieser Anthologie zu.

Die ultimate Stadt ist die erste und zugleich längste Geschichte des Bandes mit ihren über 70 Seiten. Sie spielt rund 25 Jahre nach dem Ende des Ölzeitalters und beginnt in einer kleinen, ökologisch und ökonomisch autarken Kleinstadt, die man „Garden City“ nennt. Vieles von dem, was dem Leser hier begegnet, ist uns heute sehr vertraut: regenerative Energien, Sonnenkollektoren und Windrä­der, die die Energiekreisläufe antreiben. Vollwertiges Recycling, vegetarische Le­bensweise… als Ballard diese Geschichte vor nunmehr rund 40 Jahren schrieb, war dies, bezogen auf Amerika, wo sie spielt, fast völlig unbegreiflich (zum Teil ist das wohl heute noch so, wenn man sich anschaut, wie die USA nach wie vor mehrheitlich auf fossile Brennstoffe setzen, diesmal das so genannte Schiefer­gas via Fracking…).

Etliche Meilen von „Garden City“ entfernt liegt der leere, dumpfe Gigant der einstigen Großstadt, unter der man sich möglicherweise New York City vorstel­len könnte (er benennt sie nicht mit Namen). Der Protagonist Halloway, der davon träumt, aus dem beschaulichen Leben in „Garden City“ auszubrechen, vollendet ein Flugzeug, das sein Vater zu bauen begann, und segelt mit ihm hin­über in die verfallene, verlassene Metropolis. Doch entgegen seiner ersten Ver­mutung ist diese märchenhaft reiche und weitgehend perfekt erhaltene Stadt gar nicht vollständig leer. Es gibt hier noch einige wenige, ebenfalls exzentrische Menschen, denen sich Halloway anschließt. Und dann träumt er seinen Traum vom Wiedererwachen der Großstadt, von der Rückkehr der Menschen in die hohen Straßenschluchten zwischen den Wolkenkratzern – und löst eine Kata­strophe aus bei ihrer Umsetzung.

Tiefflieger spielt an der Costa Brava, ebenfalls in der nahen Zukunft. Hier hat eine schleichende Katastrophe einen großen Teil der Menschheit durch Un­fruchtbarkeit verschwinden lassen, ganze Landstriche sind wie leergefegt. Nur Forrester, seine schwangere Frau Judith und ein verrückter Flieger namens Gould und ganz wenige einheimische, alte Leute sind zurückgeblieben in der sonst menschenleeren Touristenhochburg Ampuriabrava. Und der schrullige Gould scheint mit seinen Tiefflügen ein eigenartiges Ziel zu verfolgen, das an Wahnsinn grenzt…

Die Titelstory, Der tote Astronaut, ist auf ihre Weise prophetisch. Man lausche nur den Anfangssätzen und denke an die Gegenwart: „Cape Kennedy ist jetzt verschwunden, und seine Abschussrampen ragen aus den verödeten Dünen. Sand ist über den Banana River gedrungen, er füllt die Bäche auf und verwan­delt das alte Raumfahrtzentrum in eine Wildnis aus Sümpfen und geborstenem Beton…“ Bekanntlich hat die Obama-Administration tatsächlich das Raumfahrtprogramm auf ein absolutes Minimum gedrosselt, und die Vision dieser Geschichte ist darum nicht mehr so ganz fern.

Was hoffentlich noch weit entfernt ist, ist dann die automatische Ziellandung von toten Astronauten aus dem Orbit. Philip und Judith warten auf eine solche Landung, weil Judith unbedingt Relikte – man könnte auch sagen: Reliquien – des im Orbit verstorbenen Piloten Robert Hamilton an sich nehmen möchte. Eine morbide Andenkenjägerin gewissermaßen, die eine grässliche Entdeckung machen muss, als ihr Wunschtraum sich erfüllt…

Mein Traum, nach Wake Island zu fliegen, ist eine weitere Geschichte, die auf bizarre Weise exotisch ist. Der rekonvaleszente Melville hat sich in ein Haus an den Dünen einer sonst fast völlig menschenleeren Küste – augenscheinlich Eng­land – zurückgezogen und träumt davon, nach Wake Island zu fliegen. Die einzi­gen Menschen in der Nähe sind Dr. Laing und sein Trupp, der abgestürzte Flug­zeuge aus dem ufernahen Watt ausgräbt, und die Pilotin Helen Winthrop, die unbedingt nach Südafrika fliegen will. Als Melville in den Dünen einen völlig zu­gewehten B17-Bomber der Royal Air Force entdeckt, beschließt er, ihn auszu­graben, wieder instand zu setzen und damit seinen Traum zu realisieren. Aber es kommt anders…

Leben und Tod Gottes ist eine zutiefst religionskritische Geschichte, die zugleich recht beunruhigend ist. Astronomen entdecken eine gigantische kosmische Struktur, die sie letzten Endes als „Gott“ interpretieren, was zu einer fundamen­talen Umwälzung der menschlichen Gesellschaft führt. Aber dieser „Gott“ re­agiert offensichtlich auf keinerlei Kontaktversuche. Und so tritt allmählich eine zweite Vorstellung neben die berauschende Idee „Gott existiert“, nämlich die Befürchtung „Gott ist tot“ (womit wir bei Friedrich Nietzsche wären). Und diese Spekulation hat ihre ganz eigenen Schrecken im Gefolge…

Die größte Fernseh-Show der Welt erweist sich als ein grauenhaftes Debakel, aber das ist anfangs noch nicht abzusehen. Im Jahre 2001 (heute ist das amüsant, aber 1976 lag das noch recht weit in der Zukunft) wird ein effektives Zeitreise-System entdeckt, das es ermöglicht, Live-Bilder direkt von historischen Ereignissen in die Gegenwart zu transferieren. Das ist natürlich sehr kostenin­tensiv, daher wird die Anzahl dieser Geräte strikt limitiert. Aber wie das oft so ist – die ersten, die über hinreichend Finanz verfügen, sind die Medien, die un­ter notorischem Nachrichtenmangel leiden. Wie faszinierend wäre es da, histo­rische Ereignisse als Real-Events auszustrahlen?

Gesagt, getan… und da landen die Anstalten das erste Mal auf der Nase. Von dem Geballere auf dem Schlachtfeld von Waterloo bekommt man kaum einen gescheiten Eindruck, auch scheinen die historischen Streitmächte viel zu un­spektakulär zu sein, um mit den später gedrehten Historienschinken mithalten zu können… doch ist das keine unmögliche Schwierigkeit. Tourismusunterneh­men spezialisieren sich nun darauf, historische Ereignisse zu optimieren. Zu we­nige Leute bei Jesus´ Verurteilung in Jerusalem? Dann schickt man einfach Kom­parsen hin, die Stimmung machen. Zu wenige Soldaten auf Napoleons Marsch nach Moskau? Das lässt sich korrigieren.

Und das tollste Ereignis soll dann die Durchquerung des Roten Meeres durch die Israeliten sein, das man natürlich auch live einfangen kann… na ja… oder eben fast. Denn da gibt es auf einmal ein Problem…

Aller Tage Abend bricht an, als die Invasionsarmee die Flussgrenze überschrei­tet (mutmaßlich die mexikanisch-amerikanische Grenze). Gleich einer Völker­wanderung ist ein riesiger Heerwurm aus den Tiefen Asiens um die halbe Welt gezogen, um nun in die USA einzumarschieren. Aus der kleinen Grenzstadt sind schon alle Menschen verschwunden, ausgenommen der pensionierte Polizei­chef Manning und sein Assistent, ein ehemaliger Gebrauchtwagenhändler na­mens Forbis. Zwei Mann gegen zweihunderttausend oder noch mehr – eine ziemlich ungleiche Rechnung.

Und hinzu kommt dann noch eine Überraschung…

Die Kommsat-Engel sind seltsame Wesen. Auf den ersten Blick wirken sie völlig unscheinbar, doch in Wahrheit sind es exzentrische, ungewöhnlich ruhige, erns­te Personen von enorm hoher Intelligenz. Quasi jedes Jahr wird so ein superbe­gabter Kerl entdeckt, irgendwo auf der Welt. Als sich 1968 der Ich-Erzähler Ja­mes (möglicherweise tatsächlich Ballard, könnte man sich vorstellen) zu­sammen mit dem Produzenten des Wissenschaftsprogramms „Horizonte“, Charles Whitehead, auf die Suche nach diesen Wunderkindern der vergangenen Jahre und Jahrzehnte macht, weil beide annehmen, dass diese Kerle doch inzwi­schen sensationelle Karrieren hingelegt haben müssten, erleben sie eine er­nüchternde Entdeckung: Die Leute sind offensichtlich spurlos verschwunden, niemand hat mehr eine Ahnung von ihnen.

Oder jedenfalls fast nicht… und als die beiden begreifen, dass sie hier einem durchaus gefährlichen Geheimnis auf der Spur sind, ist es bereits zu spät…

Die Morde am Strand, die letzte Geschichte des Bandes, dürfte sehr schwierig überhaupt inhaltlich zu erzählen sein. Es handelt sich um eine Art von explosi­onsartig verstreuten Geschichtensplittern, die zwar aus einem Handlungsstrom stammen, aber von Person zu Person erratisch hin und herspringen und dabei weder Rücksicht auf die Erzählreihenfolge noch auf den konstanten Erzählstrom nehmen. Infolgedessen haben wir hier eine flackernde, stroboskopische Struk­tur vorliegen, die sehr ungewohnt ist, aber nicht ohne Reiz auf den Leser bleibt. Eine stringente Abfolge muss er freilich entbehren.

Es empfiehlt sich, diese Geschichten in leichter Dosierung zu lesen, vielleicht eine am Tag. Außerdem dürfte es von Vorteil sein, mit den kürzeren zu begin­nen, vielleicht mit der Titelgeschichte. Ich hob mir die längste Geschichte bis zu­letzt auf, und das war definitiv gut so. Übrigens erinnerte mich „Die ultimate Stadt“ auf interessante Weise an Ballards Geschichte „Die Stadt der Zeit“, die recht ähnlich ist. Welche davon nun besser sein dürfte, überlasse ich dem Urteil der Leser.

Soweit ich es entdecken konnte, gibt es nur eine Tatsache, die den Lesefluss wirklich unangenehm stört. Das betrifft einen Lektoratsfehler, der mich bei ei­nem Suhrkamp-Buch wirklich sehr überrascht hat, zumal er definitiv sofort zu erkennen ist. Wenn Ballard etwa in der Fernsehshow-Geschichte davon spricht, dass man „eine Billion Zuschauer“ erreicht, ist offensichtlich, dass hier das Wort „billion“ (= Milliarde) mit dem deutschen Wort „Billion“ (= 1000 Milliarden) ver­wechselt wurde. Der Fehler taucht durchgängig im ganzen Buch auf. Das fand ich dann doch ziemlich schade.

Ansonsten ist Ballards unglaublicher sprachlicher Einfallsreichtum, der dem von Ray Bradbury oder Richard Adams gleichkommt, wirklich beeindruckend. Und diese ganze, überwältigende Fülle von Metaphern und bildhaften Sentenzen, Analogien und Vergleichen, von inhaltlichen Details, die kommt besonders stark zum Vorschein in der ersten Geschichte, wo er den durchaus nicht ausschließ­lich morbiden Charme einer Wanderung durch eine weitgehend menschenleere Großstadt 25 Jahre nach ihrem Verlassen schildert. Und dabei natürlich auch beschreibt, wie die Wildnis die Stadt zurückerobert. Wie Hirsche durch die Straßen wandern, um nur ein Beispiel zu nennen…

Doch, Ballards Geschichten sind heute nach wie vor durchaus aktuell, auch wenn sie auf manchen destruktiv und fatalistisch wirken mögen. Denn wir müs­sen uns heute mehr denn je mit dem Gedanken anfreunden, dass unser moder­ner Lebensstil eben nicht bis in alle Zukunft hinein zu halten sein wird. Wenn wir also nicht sehr aufpassen und JETZT mit aller Entschiedenheit in Richtung Bescheidenheit, Zurückhaltung und Nachhaltigkeit gegensteuern, dann sieht unsere Zukunft womöglich dem, was Ballard beschrieb, sehr ähnlich. Und die wüsten Städte seiner Geschichten und die menschenleeren Gestade werden unser Städte und Gestade sein. Diese Mahnung ist heute wohl aktueller denn je zuvor. Dass die Menschheit das begriffen hätte, kann ich leider noch nicht be­haupten…

© 2013 by Uwe Lammers

Ja, das ist wirklich eine Rezension, die man sich auch ein wenig auf der Zunge zergehen lassen sollte, nicht wahr? Recht so, Freunde. Und das ist nur ein sehr schaler Abglanz des Buches selbst, um das es ging. Das Buch ist hundertmal in­teressanter.

In der kommenden Woche schweifen wir wieder in ein völlig anderes Sujet hin­über, das ich vermutlich als Sachbuch klassifizieren sollte. Wir befassen uns mit der modernen Arbeitswelt. Das hört sich unspektakulär an, aber seid versichert – unspektakulär kann die Autorin überhaupt nicht!

Welche Autorin? Schaut einfach kommende Woche wieder rein, dann seid ihr klüger. Ich freue mich auf euch.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Blogartikel 223: Streifzüge in anderen Welten

Posted Juni 11th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ihr wisst inzwischen aus meinen Blogartikeln und den veröffentlichten Artikeln und E-Books, dass der Oki Stanwer Mythos (OSM) und die Welt des tropischen Archipels mich in der Regel vollkommen auslasten und keinen Raum mehr für anderes lassen. Dummerweise ist ebenfalls bekannt, dass diese Arbeiten und Veröffentlichungen noch lange nicht tragfähig sind, was ein stetes Auskommen sichert. Mithin bin ich wie die meisten von euch auf die Ausübung eines Brotbe­rufes angewiesen, und dank meiner Ausbildung als Historiker und freundlicher Förderung von dritter Seite auch dazu in der Lage.

Es gibt also einen zeitlichen Widerspruch zwischen der Sphäre des reinen Schreibens und derjenigen des beruflichen Lebens. Unter normalen Umständen kann man eigentlich nur eins von beidem machen, denn ich heiße bekanntlich nicht James Bond, der es sich schon mal gestatten kann, „nur zweimal zu leben“.

Der oben angedeutete Spagat stellt also eine Art von Grundwiderspruch meines Daseins dar, und die Konsequenz besteht oftmals darin, dass die Berufsseite meine kreative völlig an die Wand drückt. Ihr merkt das in den vergangenen Monaten deutlich durch die Turbulenzen, in die mein E-Book-Veröffentlichungs­programm geraten ist. Ich komme einfach nicht dazu, die Zeiten gescheit zu tak­ten, in denen ich schreiben kann.

Das Verrückte daran ist, dass das Folgeerscheinungen nach sich zieht, die auf den ersten Blick vollständig paradox wirken – denn anstatt mich nun auf eines von beidem zu konzentrieren, was vielleicht nahe liegend wäre, folgt meiner­seits etwas, was man ethologisch eine „Übersprungshandlung“ nennen könnte. Sie ist allerdings etwas anders gelagert, das erläutere ich gleich.

Statt mich also nun auf den Pol der eigenen Kreativität zu konzentrieren, was mich in Konflikt mit dem Brotberuf brächte, und statt mich auf den Brotberuf zu konzentrieren, was mich kreativ völlig abtöten und aus der inneren Balance bringen würde, fokussiere ich jenseits der Arbeitszeit auf einen dritten Bereich.

Ich klinke mich in andere Welten aus.

Und das heißt jetzt nicht, dass es meine eigenen wären, durchaus nicht. Es sind die Welten anderer Autoren, in deren Romanen ich zunehmend gegenwärtig versinke. In der Regel hält das nur drei bis sieben Tage an, ehe ich diese Welt (vulgo: den Roman) wieder verlasse, aber es sind köstliche Auszeiten, die ich wie mentale Kurzurlaube genieße.

Da befinde ich mich auf einmal beispielsweise in Florida und begleite eine jun­ge, unglückliche Frau dabei, wie sie sich stürmisch verliebt. Dann wieder mache ich mit einer anderen Protagonistin eine abenteuerliche Zeitreise ins Paris des Jahres 1889 und komme einem magischen Fluch auf die Spur. Dann wieder bin ich im New York der Gegenwart und tauche ein in das komplizierte Geflecht zwischen einer devoten Frau und einem zugereisten „Master“, der selbst sein Herz für diese Frau entdeckt, obgleich er das überhaupt nicht will…

Wer jetzt einwendet, es sei doch reichlich paradox, wenn ich sowieso kaum Zeit hätte, diejenigen Zeitfenster, die mir verblieben seien, dann auch noch mit Lek­türe zu füllen, der hat mich nicht wirklich verstanden. Das kann ich niemandem zum Vorwurf machen, und deshalb hier eine kleine Erläuterung, wie man die­sen Aspekt meiner Persönlichkeit besser einordnen kann.

Vor längerer Zeit sagte ich euch einmal, dass ich meinen Geist als eine Form von kreativem Akku verstehe. Dass es Zeiten gibt, in denen dieser Akku durch bei­spielsweise Lektüre „aufgeladen“ werden müsse, und dass die dort vorgefunde­nen Leseerfahrungen sich in meinem Verstand nach und nach sedimentieren, amalgamieren meinetwegen auch, und schließlich in stark veränderter Form wieder an die Oberfläche driften und sich in neuen Handlungslinien und Storyli­nes für neue Werke zeigen.

Lektüre ist nie immer nur „Ablenkung“. Lektüre stellt stets „Bevorratung“ für die Zukunft dar. Für kommende Geschichten. Wenn man so will, handelt es sich um eine Form der kreativen Arbeit auf einem ganz eigenständigen Niveau. Ein wenig lässt sich das vielleicht vergleichen mit der Arbeit, die ich immer in Archi­ven gemacht habe: Das Erstellen von Findbüchern dort vorhandener Aktenbe­stände ist unglaublich zeitraubend. Auf den ersten Blick sitzt man nur in seinem Büro, sieht alte Akten durch, klassifiziert und systematisiert sie und bringt sie dann in einem elektronischen Findbuch zusammen. Den wenigen Seiten sieht man nachher nicht an, dass sie Monate an Arbeitszeit und gegebenenfalls Tau­sende von Euro verschlungen haben – was immer auch ein Grund ist, warum Archive in Finanznot sind und unter Rechtfertigungsdruck stehen. Anders als die meisten Firmen haben sie in diesem Punkt eben nicht wirklich hergestellte Güter vorzuweisen, die die aufgewendeten Finanzen rechtfertigen. In Wahrheit, und jeder Historiker und Archivar weiß das bestens, verhält es sich natürlich anders. Die Nutzer sind unendlich dankbar für Findbücher, sie wissen sie zu schätzen. Jeder, der schon einmal mit einem unerschlossenen Archivbestand zu tun hatte und Monate seiner Lebenszeit darin investieren musste, um ihn überhaupt durchzuschauen und das Relevante herauszusieben, das für seine Arbeit wichtig war, wird sich hüten, die Arbeit der Archivare bei Erschaffung von Findbüchern gering zu schätzen.

Nun, ebenso verhält es sich also mit meinem aktuellen Lesehunger. Das ist nicht nur „Zeit totschlagen“ oder „Zeitvergeudung“, wie man anfangs vielleicht den­ken könnte. Es ist Vorbereitung auf die Zukunft einerseits, für die Gegenwart ist es Balsam für die Seele.

Diese Streifzüge in anderen Welten, die ich gerade durchführe – etwa im London des Jahres 1818, wo ich eine ausgewachsene Orgie besuchte, die in dem betreffenden Roman mehrere hundert Seiten (!) ausmachte, Mordfall in­klusive – , die bringen mich den Protagonisten nahe. Sie zeigen mir auch seman­tisch die interessantesten Wendungen, bringen mich emotional auf faszinieren­de Ideen.

Das Beeindruckendste, was mir kürzlich widerfuhr, war die Entdeckung, dass in manchen meiner Archipel-Romane tatsächlich Strukturen existieren, die ich in der Lektüre von heute wiederfinde. Die Archipel-Romane fokussieren ja sehr stark auf persönliche, hochemotionale Konflikte, zumeist erotischer Art (was mit ein Grund ist, warum sie bislang nicht veröffentlicht wurden, ich zögere da sehr stark). Und es ist beeindruckend, in Romanen von heute Szenarien vorzu­finden, die dem sehr ähneln, was mich seit fast 20 Kreativjahren umtreibt. Es gibt zwar Menschen, die der Auffassung sind, ich hätte die Einfühlsamkeit eines Holzklotzes, der herabfällt, aber man gestatte mir, dass ich diese Einschätzung nicht teile. Sie kommt vermutlich deshalb wesentlich zustande, weil nur Teile meiner Persönlichkeit nach außen sichtbar sind und jene, die mich eben auch ausmachen, unter Verschluss gehalten werden.

Weshalb ist das so?

Nun, ich würde schätzen, das hat etwas mit meiner empfindsamen Seele zu tun. Ohne irgendwem zu nahe treten zu wollen… im Herzen bin ich ein senti­mentaler Romantiker, vielleicht nicht gar so sehr wie ein gewisser Peter F. Ha­milton, aber doch, es geht durchaus in diese Richtung. Und Teile seiner Persön­lichkeit unter Schutz zu stellen, wenn man spürt, dass diese von der Außenwelt nicht geachtet werden würden, sollte man sie offenlegen, sondern dass dies nur zu tiefen emotionalen Verletzungen durch die Außenwelt führen würde, das scheint mir eine sehr folgerichtige und kluge Handlungsweise zu sein.

Doch um zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Das Abtauchen in kreative fremde Welten ist nicht eigentlich Eskapismus in meinem Fall, sondern vielmehr ein Ausweiten des inneren Denkhorizonts. Etwas, was mich bereichert. Das drückt sich nicht zuletzt darin aus, dass ich die meisten Romane, die ich aktuell verschlinge (lach, man kann es wirklich kaum anders nennen), dann auch rezen­siere und viele von ihnen alsbald (2018, schätze ich, vielleicht auch erst 2019) in meinem Rezensions-Blog auftauchen werden. Die Leseerfahrungen werden also schon in praktizierte Kreativität transformiert. Und wie gesagt: sie sind Erinne­rungsschichten, die beizeiten in meinem Verstand in neue Geschichten einsi­ckern werden.

Schon jetzt ist mir beispielsweise sehr klar, dass ich diese Erfahrungen in we­nigstens vier Archipel-Romane, die schon in Arbeit sind, einfließen lassen wer­de. Es handelt sich dabei um die Werke „Abenteuer im Archipel“, „Rhondas Aufstieg“, „Die neue Strafe“ und „Verlorene Herzen“. Aber das ist zweifellos nur die Spitze des Eisbergs, wenn ich Zeit finde, darüber gründlicher nachzusin­nen, werde ich noch deutlich mehr Anwendungsmöglichkeiten für diese Le­seerfahrungen finden.

Drum grämt euch nicht, meine Freunde, die ihr auf meine nächsten E-Books wartet: es kommt alsbald eine Zeit, in der ich wieder mehr Kraft und Gelegen­heit finden werde, stärker zu schreiben als zu lesen. Das ist stets eine Art Wippe kreativer Art. So, wie ich im Geiste eine ausgewogene Balance zwischen der be­ruflichen Arbeit einerseits und meinem kreativen Ausgleich anderseits brauche, verhält es sich mit den Polen des Schreibens und des Lesens.

Es ist darum ausgesprochen töricht und zeugt davon, dass man mich nicht kennt, wenn jemand – wie kürzlich geschehen – von mir verlangt, für Monate doch völlig aufs kreative Schreiben zu verzichten. Das ist unmöglich, und das wird nicht passieren. Genauso gut könnte man von mir auch verlangen, für ein paar Monate aufs Atmen zu verzichten… ich brauche nicht zu betonen, was die Konsequenz wäre.

Nein, ich bin aktuell mit der bestehenden Situation nicht wirklich glücklich, aber da es sich um eine temporäre Lage handelt, die sich in naher Zukunft wieder verändern wird, kann ich mich damit durchaus arrangieren. Und, wie ich oben sagte, solange streife ich durch die Welten anderer Autoren und lasse mich fort­während inspirieren. Momentan halte ich mich auch in New York auf und ver­folge den aufregenden Clinch einer jungen Erotik-Autorin und ihres Lektors… und ich bin sehr gespannt, wie das Finale dieser Geschichte ausschaut, obgleich ich hier schon gewisse Ahnungen entwickelt habe. Mal schauen, ob mich die In­tuition trügt oder auf den richtigen Pfad gelenkt hat.

Nächste Woche lesen wir uns an dieser Stelle wieder. Worum es dann geht? Das sei noch nicht verraten. Bleibt neugierig, Freunde – und geduldig dazu. Ich dan­ke euch.

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 115: Schockwelle

Posted Juni 7th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

es ist vermutlich nicht übertrieben, zu sagen, dass Clive Cussler und seine Coau­toren zu meinen Leib- und Magenautoren gehören und ich ihre Bücher gewöhnlich äußerst gern verschlinge. Ebenso naturgemäß gibt es aber bei solch einer Form einer sehr produktiven „Schreibfabrik“ schwache Werke, das ist einfach ganz natürlich. Den vorliegenden Roman würde ich als einen solchen bezeichnen, der zwar spannende Grundideen hat, aber zwischendrin gewisse Längen aufweist. Ich habe das unten thematisiert.

Dennoch gefällt mir das Buch nach wie vor durchaus so gut, dass ich es im Rah­men meiner Rezensions-Blogs für empfehlenswert halte. Wir kommen noch zu den wirklich anstrengenden Romanen von Cussler, wo sich mir die Haare sträubten. Der hier gehört definitiv nicht dazu.

Wer ihn noch nicht kennen sollte, hat jetzt Gelegenheit für einen ersten Schnupperkurs:

Schockwelle

(OT: Shock Wave)

Von Clive Cussler

Blanvalet 35201

München 1999

608 Seiten, TB

ISBN 3-442-35201-0

Aus dem Amerikanischen von Oswald Olms

Das 19. Jahrhundert war nicht gut zur britischen Weltmacht. Einige Jahrzehnte zuvor hatten die Briten ihre bedeutendste Kolonialfläche in Nordamerika verlo­ren, in Hinterindien rangen sie mit den aufstrebenden Russen, in Fernost er­starkten ganz langsam China und Japan, und zugleich quollen die englischen Gefängnisse über vor sozial Deklassierten, die aus nichtigsten Gründen inhaftiert wurden und deportiert werden sollten. Es gab nur noch einen einzigen Ort, wohin man sie schaffen konnte – nach Australien.1

Diese Fahrt trat auch die GLADIATOR unter ihrem herrischen Kommandanten Charles „Bully“ Scaggs an im Januar des Jahres 1876. Doch die GLADIATOR kam nie an ihrem Ziel an, sondern verschwand spurlos. Erst mehrere Jahre danach trafen zwei Mitglieder der Besatzung wieder in der Heimat ein, darunter der sichtlich gealterte Charles Scaggs. Auf seinem Totenbett machte er gegenüber einem alten Freund ein Geständnis und übergab ihm zu treuen Händen ein paar der phantastischsten Diamanten, die jemals gefunden worden waren. Sie wur­den bei einer angesehenen jüdischen Diamantenhändlerfamilie geschätzt und bildeten schließlich den Grundstein eines neuen Unternehmens, das man „House of Dorsett“ nennen sollte.

Im Januar des Jahres 2000 – also dicht jenseits der Schreibzeit (1996 wurde der Roman erstmals veröffentlicht) – befindet sich die junge Maeve Fletcher als Bio­login an Bord des Kreuzfahrtschiffs „Polar Queen“ vor der Küste der Antarktis und begleitet eine Gruppe von Senioren bei ihrem Landgang auf die verlassene Insel Seymour Island. Während sie noch an Land sind, schlägt eine unheimliche, mörderische Gefahr zu, tötet mehrere der Landgänger und lässt den Kontakt zur Außenwelt vollständig abreißen. Das unheimliche Phänomen, das als „akus­tischer Tod“ in die Geschichte eingehen soll, löscht zugleich ganze Populationen von Landtieren aus. Es ist ein schier unglaublicher Zufall, dass während des her­einbrechenden Schneesturms die Gestrandeten schließlich von Mitgliedern ei­ner NUMA-Expedition unter Dirk Pitt gefunden und gerettet werden können.

Kurz darauf machen sie sich auf die Suche nach der verschollenen „Polar Queen“, und hier stößt Pitt nicht nur auf jede Menge weiterer Leichen, sondern auch auf eine Überlebende namens Deirdre Dorsett. Und ohne es zu wissen, sind Deirdre und Maeve Schwestern – wobei Maeve mit ihrer Familie, dem Dia­mantenmogul Arthur Dorsett, gebrochen hat.

Dirk Pitt, der nach Washington zurückbeordert wird, ahnt jedoch nicht, dass er inzwischen schon in eine mörderische Geschichte verwickelt ist, die weltweite Konsequenzen zeitigen soll.

In Washington angekommen, erweist es sich, dass es im Pazifik zu weiteren To­desfällen gekommen ist. Und augenscheinlich gibt es jemanden, der zielgerich­tet verhindern will, dass die Ursache ans Tageslicht kommt. Es bedarf indes eini­ger unkonventioneller Aktionen seitens Pitts, um zu verstehen, dass offenbar ein Zusammenhang mit Diamantenminen des Moguls Arthur Dorsett besteht.

Er entschließt sich, die Förderanlage auf einer Insel vor British Columbia aufzu­suchen. Um ein Haar wird es zum letzten Ausflug seines Lebens. Nur äußerst knapp kommt er mit dem Leben davon. Doch dann ist unzweideutig klar: Dor­sett fördert mit einem modernen System von Schallwellenzertrümmerung, und deren Schockwellen breiten sich untermeerisch aus. Dort, wo sie konvergieren, töten sie jedes Leben im Wasser und auf Land ab.

Schlagartig wird erkennbar, dass eine Katastrophe droht, die dringend vereitelt werden muss – aber die Politiker trauen Admiral James Sandeckers Behauptun­gen und den Berechnungen der NUMA-Fachleute nicht. Und Dorsett schmiert mit seinen Milliardengeldern mühelos jede Polizeitruppe, jeden Lokalpolitiker von Bedeutung… und schließlich finden sich Dirk Pitt, sein Freund Albert Giordi­no und Maeve Fletcher in derselben grässlichen Lage, in der vor über hundert Jahren die Schiffbrüchigen der GLADIATOR waren – ausgesetzt mitten im Pazi­fik, Hunderte von Seemeilen vom nächsten Land entfernt.

Und der Countdown der Auslöschung für Millionen von Menschen hat längst begonnen, zu ticken. Schlimmer noch: dies alles ist nur das Vorbeben für eine wirtschaftliche Krise, die Dorsett mit kalter Berechnung planmäßig auslösen will. Und es scheint niemanden zu geben, der dies verhindern kann…

Mit „Schockwelle“ liegt das nächste Abenteuer von Clive Cusslers Helden Dirk Pitt vor, einem Pitt, der durchaus schon in die Jahre gekommen ist und von sich selbst sagt, er werde „allmählich zu alt für so etwas“. Das hält freilich weder ihn noch Cussler davon ab, wieder übermenschliche Taten zu vollbringen. Schon an dem fünfzigseitigen Prolog ist deutlich zu erkennen, dass die Geschichte relativ langsam Geschwindigkeit aufnimmt. So hat der Roman denn auch tatsächlich einige Längen, wo der Leser gelegentlich das Gefühl nicht ablegen kann, dass Cussler die Handlung mittels Details etwas sehr aufgebläht hat.

Gewiss, der Roman liest sich auch beim zweiten Mal (Erstlektüre 2005, Zweit­lektüre 2015) geschwind und geschmeidig, aber man kann ihn zwischendurch auch mal ein paar Tage aus der Hand legen – ein Indiz dafür, dass die Spannung nicht durchgängig vorhanden ist. Und es gibt außerdem Passagen, wo man das Gefühl empfindet, die Protagonisten würden ferngesteuert, und zwar durch Interessengruppen, die durchaus nicht zu den positiven Kräften gerechnet werden können.

Erotik kommt nahezu überhaupt keine vor, was für einen Cussler-Roman schon eigentümlich ist, und am Ende wird es dann durchaus übermenschlich. Letzten Endes stufe ich diesen Roman darum als einen eher mäßigen Band der Serie ein. Ganz nett, aber nicht wirklich überzeugend oder überragend.

Na ja, und was die Seeschlange angeht… da lasst euch dann mal überraschen, Freunde.

© 2015 by Uwe Lammers

Soviel zum vorliegenden, dickleibigen Abenteuerroman von Cussler. In der kom­menden Woche schwenken wir wieder auf das reine SF-Terrain um, und ich freue mich darauf, euch einen weiteren meiner Lieblings-Literaten vorstellen zu können, einen virtuosen Meister auf der Klaviatur des Stils und der surrealis­tischen Ideen. Von wem ich spreche? Von James Graham Ballard. Aber welches Werk mag ich meinen…? Nun, lasst euch überraschen, das lohnt sich diesmal ganz besonders.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Vgl. dazu auch das Sachbuch „Das Freudenschiff“ von Sîan Rees (für den Rezensions-Blog in Vorbereitung).

Liebe Freunde des OSM,

heute führe ich euch zurück in das Jahr 1987, als sich in meiner kreativen Inspi­ration historische Fakten mit phantastischer Imagination paarten. Man merkt das dem folgenden Gedicht kaum wirklich an, und wer meine erläuternden Kommentare dazu nicht kennen würde, käme kaum darauf, dass dieses Gedicht durchaus zündende Bedeutung für den Oki Stanwer Mythos hatte.

Es ist zweimal veröffentlicht worden, nämlich 1987 in dem in winziger Auflage erschienenen Fanzine „LYRIX“, Ausgabe 6 (damals mit an Bord, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, Olaf Hilscher, heute seines Zeichens Herausgeber des NOVA-Magazins). Und die zweite Veröffentlichung erfolgte im April 1987 in dem Fanzine CHALLENGE EXPRESS 4/1987 des ebenfalls sehr kleinen und kurzlebigen Science Fiction Clubs GREY HOLE (SFCGH). Er entstand um ein paar meiner Brieffreunde und mich herum, als Der Terranauten-Club Universum (DTCU) sich bald nach Ende der Terranauten-Serie auflöste. Zu schade, dass sich alle Mit­glieder dieses kleinen Clubs in alle Winde zerstreut haben… ich habe schon lan­ge keinen Kontakt mehr zu ihnen, was insofern schade ist, als einige von ihnen damals auch Leser des OSM-Lesezirkels waren.

Noch nie davon gehört? Kann ich mir vorstellen. Es ist, wie gesagt, lange her. Dieser OSM-Lesezirkel existierte etwa zwischen 1983 und 1988, und man kann mich heute verrückt nennen, aber ich schickte tatsächlich Original-OSM-Skripte hin und her, selbst auf die Gefahr hin, dass sie auf dem Postweg verloren gehen könnten… würde ich heute nicht mehr tun, klar. Aber damals, ich war jung, naiv und noch nicht wirklich sonderlich vom Wert des Oki Stanwer Mythos über­zeugt… da ging ich schon waghalsige Risiken ein.

Als dann die Möglichkeit für mich bestand, originäre OSM-Texte abdrucken zu können, und der CHALLENGE EXPRESS, dessen Auflage nie 15 Exemplare über­schritt, war so eine Möglichkeit, da nahm ich sie natürlich wahr. Und das hier erblickte also in kleinem Kreis das Licht der Öffentlichkeit im April 1987:

Könige stolzen Hauptes

Gedicht von Uwe Lammers

Jahrtausende blicken auf euch herab,

Stein zu Stein seid ihr geworden.

Vergessen von Volk und Land,

zerfallen eure Werke.

Traurig schweift der Blick

über Hügel und Täler,

doch verlassen allemal

sind eure heil’gen Stätten.

Jahrtausendelang verschollen

im Strom der Ewigkeit.

Niedergebrannt von Mördern,

Schändern großer Gedanken.

Erinnert ihr euch noch,

entsinnt ihr euch noch des Tages?

Da sie kamen, die Feinde,

neidisch auf euer Können?

Und Narrheit war der Herrscher,

gekrönt im Lande Ägypten.

Kamen heran mit Ross und Wagen,

Bogenschütz’ und Kriegsgerät.

Zu stürmen die stolzen Bastionen,

erbaut im Schweiße eures Angesichts.

Mannhaft war eure Wehr,

vergebens das vergossene Blut.

Verräterherz schlug euch in Ketten,

ihr Herrscher von Hattusas.

Feuerbrunst wütete wild,

voll boshafter, unbändiger Kraft.

Vernichten, das war ihr Ziel,

zu schleifen und zu vergessen.

Den Fluch erfüllend zogen sie von hinnen,

die Könige in Fesseln.

Getötet war euer Volk,

Blut tränkte die Berge und Täler.

Das Weh war groß und füllte die Welt,

was einst prophezeit, erfüllte sich nun.

Gericht war im Reich der Herrscher,

es war das Land am Nil.

Und zu richten war der Fortschritt,

Götzenglaube und Gewalt siegten.

Doch vor dem Todesstoß,

Gleiches gebend riefen sie aus.

Bis das Schwert sie traf,

Könige stolzen Hauptes.

ENDE

© by Uwe Lammers

Gifhorn, den 20. Februar 1987

Abschrift: Braunschweig, den 5. Oktober 2015

Gedicht Nr. 41

Erläuterung: Wie ich oben schon sagte… ein wenig rätselhaft ist der Zusammen­hang zum OSM schon. Ich erhelle das einmal. Wenn man sich ein bisschen mit der Historie des Nahen Ostens auskennt, wird der Name „Hattusas“ oder auch „Hattuscha“ vielleicht vage vertraut sein. Es handelt sich dabei um die Haupt­stadt des untergegangenen Volkes der Hethiter, die neben den Ägyptern und den Assyrer-Babyloniern im Zweistromland quasi die dritte geostrategische Großmacht der damaligen Zeit in dieser Region darstellten.

Als ich mich 1986/87 in die hethitische Geschichte einlas – ich war, zugegeben, von C. W. Ceram „infiziert“, der mit „Enge Schlucht und Schwarzer Berg“ ein ei­genes Sachbuch zur hethitischen Kultur geschrieben hatte; ich entdeckte es im Bücherregal meiner Eltern, ebenso wie viele Jahre zuvor schon Cerams Bestsel­ler „Götter, Gräber und Gelehrte“, und von der Begeisterung für dieses Buch wisst ihr ja längst – , also, als ich mich damals in die hethitische Geschichte ein­las, stieß ich auf einen faszinierenden mythologischen Begriff.

Der da hieß?

Ullikummi.

Ihr werdet diesen Namen im OSM wieder entdecken, beizeiten.

Nun, während ich in der hethitischen Kultur versank, schrieb ich eifrig am KON­FLIKT 18 des OSM, an der Serie „Kampf gegen TOTAMS Dämonen und Schergen“ (KGTDUS)… und ehe ich mich versah, machte Oki Stanwer mit seinen Freunden eine Zeitreise ins zweite vorchristliche Jahrtausend. Und hier stieß er in Babylon nicht nur mit dem leibhaftigen Wesen TOTAM zusammen, sondern auch mit den Hethitern unter ihrem Regenten Mursilis I., der damals gerade Ba­bylon eingenommen hatte… übrigens eine historische Tatsache.

Diese Zeitreise begann erst im März 1987, und gewissermaßen als Einstiegs-Präludium verfasste ich das obige Gedicht. Es ist historisch natürlich unpräzise, jedenfalls für unsere Welt. In unserer Welt wird heute angenommen, dass das hethitische Großreich im 8. vorchristlichen Jahrhundert unter internen Wirren zerfiel.

Oben deute ich hingegen an, dass ein ägyptischer Gegenschlag – möglicherwei­se die Rache für die Niederlage des ägyptischen Heeres von Ramses dem Großen bei Kadesch (er hat das natürlich als Sieg verewigen lassen und Genera­tionen von Ägyptologen aufs Glatteis geführt) – das hethitische Großreich ent­hauptete und die Herrscherkaste in die Gefangenschaft an den Nil geführt und dort getötet wurde.

Kontrafaktik im OSM… das passt insofern gut zu der oben skizzierten Zeitreise Oki Stanwers, als ja auch die WEOP-Welt, aus der er kommt, nicht mit der unsri­gen identisch ist, und das hat nichts damit zu tun, dass man dort das Jahr 2034 schreibt, als das Abenteuer beginnt. Es ist schlicht eine Parallelwelt. Und Oki Stanwers Zeitreise verändert die Geschichte… aber dazu erzähle ich deutlich später etwas. Dazu und inwiefern Oki Stanwers Todfeind, die Dämonenwaffe GOLEM, seine Abwesenheit ausnutzt, um Mord und Totschlag zu inszenieren – mit Nuklearwaffen.

In der kommenden Woche an dieser Stelle könnt ihr euch mal wieder überra­schen lassen, wohin uns der Erzählerwind treibt. Einfach neugierig bleiben und wieder hereinschauen.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Rezensions-Blog 114: Boy

Posted Mai 30th, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

zwar befindet ihr euch auf einer Website, die sich ausdrücklich nahezu aus­schließlich der Phantastik widmet. Aber wie ihr ebenso genau wisst, bin ich ein vielseitig interessierter Literat und Autor, und die Bandbreite der Themen mei­ner Neugierde spannen sich vom alten Ägypten (und noch früheren Zeiten) bis in fernste Zukunft, von den Abgründen des tiefen Ozeans bis hinauf zu den Ster­nen, von den feinen Wurzeln der biografischen Anfänge bis zu den Schrecken von Alienhirnen, und es gibt noch sehr viele Abstufungen dazwischen.

Ein solcher Bereich, den wir schon gelegentlich streiften, ist der der Autobio­grafie. Und ein solches Werk möchte ich heute vorstellen… selbst wenn der Ver­fasser ausdrücklich betont, er habe keine Autobiografie geschrieben. Hat er na­türlich doch. Man ist fast geneigt, an das erste Gesetz im Umgang mit Doctor Who zu denken: „Der Doctor lügt!“ Ist auch an dieser Adresse nicht völlig fehl am Platze.

Gleichwohl denke ich, dass Roald Dahl den größten Teil der von ihm niederge­schriebenen Erlebnisse tatsächlich durchgemacht hat (mehrheitlich muss man das so formulieren, weil sie wirklich recht exzentrisch, schrullig und bisweilen arg tragisch sind). Dennoch ist das ein sehr vergnügliches Buch, und wer Dahls trockenen, nüchternen Humor mit einem Stich ins Schwarzhumorige schätzen gelernt hat, etwa in seiner Geschichte „Lammkeule“ (das war vor Jahrzehnten im Schulunterricht meine erste Begegnung mit Dahl, und die werde ich nie ver­gessen!), der ist hier exakt richtig.

Wer damit noch keine Berührung gemacht haben sollte, sei ebenfalls aufgefor­dert, weiterzulesen. Ich wage mal die Behauptung: das lohnt sich. Also, Vorhang auf:

Boy

Schönes und Schreckliches aus meiner Kinderzeit

(OT: Boy. Tales of Childhood)

von Roald Dahl

rororo 5693, TB

Hamburg 1986, 206 Seiten

Aus dem Englischen von Adam Quidam

ISBN 3-499-15693-8

Eine Autobiographie ist ein Buch, in dem jemand sein eigenes Leben beschreibt und meistens eine Unmenge langweiliger Einzelheiten ausbreitet, die keine See­le interessieren außer ihn selbst. Dieses Buch ist keine Autobiographie. So etwas würde ich niemals schreiben…“

So fängt Roald Dahl sein durchaus sehr autobiografisches Buch an, in dem er, il­lustriert von vielen Familienfotos und eigenhändigen Skizzen sowie Briefen, die er selbst einst an seine Mutter gehorsam schrieb, seine frühen Lebensjahre be­schreibt und die einprägsamsten Geschehnisse, an die er sich entsinnt. Und wie es der deutsche Untertitel passend auf den Punkt bringt: es gibt Schönes zu er­zählen und Schreckliches. Oder, um noch einmal Dahl zu bemühen: „Manches ist lustig, manches ist traurig, und einiges ist entsetzlich. Genau darum erinnere ich mich wohl auch so lebhaft an die folgenden Geschichten. Wahr sind sie alle.“

An manchen Stellen mag man mit dem jungen Roald Dahl wirklich nicht tau­schen. Ich meine, es ist schon schlimm genug, zu erfahren, warum sein Vater einarmig war (ein ärztlicher Kunstfehler – der betrunkene Arzt hielt den Bruch für einen ausgekugelten Arm und zerrte… nun, das muss man nachlesen). Aber das ist nur die Vorgeschichte. Man erfährt, warum Dahl, der eigentlich norwegi­sche Wurzeln besaß, in England zur Welt kam (weil sein Vater, ein Norweger, der festen Überzeugung war, die englischen Schulen seien die besten der Welt, aber das ist nur ein kleiner Teil dieser Geschichte! Der Rest ist entschieden wun­derbarer und tragischer zugleich).

Wir bekommen seine energische Mutter zu Gesicht, die fünf Töchter und ihren einzigen Sohn – eben „Boy“, wie Dahl genannt wurde (er bekam später dann doch noch einen Bruder), zur Welt brachte und erfahren von einem wilden Fa­milienausflug mit einem der seltenen Automobile, das glattweg einen Unfall baut, was Dahl beinahe seine Nase kostet). Und wir spüren fast an eigenem Lei­be die Nachteile der englischen Schulerziehung – Prügelstrafe, Heimweh, sadis­tische Heimleiterinnen und Schuldirektoren mit einer christlichen Ader, die spä­ter Erzbischöfe werden, was sie nicht daran hindert, mit wahrer Wonne ihre Schutzbefohlenen zu verdreschen und fromme Sprüche zum Besten zu geben.

Man beginnt rasch zu verstehen, warum Roald Dahl einen so schwarzen Humor entwickelte, wie er seine Geschichten nun eben einmal auszeichnet. Das war wohl ganz unumgänglich. Und es handelte sich zweifellos auch um eine Art spä­ter Therapie: Er musste sich manchmal wirklich nur an seine Schulzeit erinnern, um eine tolle Geschichte schreiben zu können, voll mit schrulligen, exzentri­schen Personen und haarsträubenden Geschehnissen.

Aber seien wir bitte gerecht – es gibt ja nicht nur schlimme Dinge in diesem Buch! Mit Begeisterung erinnert sich Dahl beispielsweise an seine Familienaus­flüge, die traditionell nach Norwegen gingen. Wir machen die Bekanntschaft mit dem schrulligen Lehrer Corkers, der zwar Mathematik lehren soll, aber Zah­len hasst und stattdessen lieber seine Schüler ins Lösen von Kreuzworträtseln einbezieht… und was es mit der toten Maus auf sich hat, mit messerstechenden Ärzten, Captain Hardcastle, dem Ziegentabak und Boazers, das sollte man selbst genießen. Selbst bei langsamem Lesetempo braucht man maximal fünf Tage, um durch den schmalen Band zu kommen. Banausen, die sich zu sehr mitreißen lassen, schaffen es vermutlich auch in fünf Stunden. Aber warum sollte man das Lesevergnügen mutwillig so verkürzen?

Natürlich ist das Buch eine Autobiografie, oder wenigstens ein Teil davon. Sehr kurzweilig, mit dem lakonischen Humor niedergeschrieben, der Dahls Werke grundsätzlich ausgezeichnet. Ihr mögt jetzt natürlich, leserspezifisch, fragen: ist es ein phantastisches Buch? Kommen Aliens, Geister oder wenigstens UFOs darin vor? Nein, selbstverständlich nicht.

Aber wenn ihr denn dringend einen solchen Anknüpfungspunkt braucht, denkt an Dahls Biografie selbst – und an den wunderbaren James Bond-Film „Man lebt nur zweimal“ (1966), für den er das Drehbuch geschrieben hat. In dem Film geht es bekanntlich um die Entführung von Raumkapseln und einen dro­henden Dritten Weltkrieg. Beides ist bis heute Phantastik geblieben (Letzteres zu unser aller Glück!).

Genug der Phantastik? Okay. Dann sucht das Buch, das es vermutlich nur noch antiquarisch gibt und verbringt ein paar sehr kurzweilige Lesestunden! Roald Dahl lohnt sich immer. Ihr werdet es sehen.

© 2009 by Uwe Lammers

Auch wenn es acht Jahre her ist, dass ich das Buch gelesen habe, so komme ich doch nicht umhin, ein Schmunzeln über mein Gesicht ziehen zu lassen, wenn ich daran denke… doch, das ist ein kleines, heftiges Schmankerl für Leute mit Lesegeschmack. Mehr Werbung braucht dieses schmale Bändchen nicht.

In der kommenden Woche driften wir wieder hinaus auf die hohe See und fol­gen den Abenteurern von Clive Cusslers NUMA in eine weitere gefährliche Ex­kursion. Welche genau? Nun, schaut in einer Woche einfach wieder herein, dann seid ihr schlauer.

Bis dann, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

Liebe Freunde des OSM,

geht euch das manchmal auch so – dass ihr euch fragt, wohin um alles in der Welt der letzte Monat entschwunden ist? Also, das war heute jedenfalls ganz die übereinstimmende Frage einer Arbeitskollegin und meiner Wenigkeit. Der Monat Februar 2017 ist irgendwie vorbeigehuscht, und es ist schwer zu sagen, wohin eigentlich. Schätzungsweise hat mein früherer Philosophie-Professor Dr. Dr. Gerhard Vollmer damals ganz recht mit seiner Einschätzung gehabt, dass der Mensch eine Art von innerer Uhr besitzt. Er verglich das mit einer Art von Glei­chungsbruch, wenn ich es recht erinnere. Das heißt, je älter man wird, desto kleiner wird das Ergebnis der Rechnung, was zur Folge hat, dass subjektiv die Zeit rascher verstreicht. Da könnte was dran sein.

Sei es, wie es sei, und lassen wir die halbseidene Philosophiererei heute mal sein. Was habe ich konkret im zurückliegenden Monat trotz rasch dahinrinnen­der Zeit auf die Reihe bekommen? Folgendes:

Blogartikel 217: Work in Progress, Part 50

(OSM-Wiki)

(DER CLOGGATH-KONFLIKT – OSM-BUCH, Abschrift)

(Bewusstwerdung – OSM-Story)

E-Book Annalen 6, Teil 1: Mein Freund, der Totenkopf

E-Book Annalen 6, Teil 2: Mein Freund, der Totenkopf

Erläuterung: Wer aus diesen beiden Zeilen nun schließt, dass ich es geschafft habe, zwei neue E-Books fertigzustellen, der liegt richtig. Sie befinden sich beide inzwischen beim Lektorat, allerdings möchte ich natürlich vorher noch die TI-Bände 29 und 30 veröffentlichen, so dass ihr auf die obigen E-Books noch etwas zu warten haben werdet. Es ist möglich, dass eins davon erschienen sein wird, wenn ihr diese Zeilen lest, aber gewiss ist das nicht.

14Neu 40: „Oki Stanwer antwortet nicht!“

(14Neu 41: Mission Todeszone)

(14Neu 42: Expedition der Tekras)

(E-Book-Storysammlung 6: Die Beziehungsgeister und andere phantastische Geschichten)

Erläuterung: Dies ist nur ein erster Planungstitel für die 6. Kurzgeschichten­sammlung, die anno 2018 erscheinen soll. Darin wird sich die schöne Bezie­hungsgeister-Archipelgeschichte befinden, die euch ein Wiedersehen mit der Neeli-Tochter Tiyaani gestattet. Und, klar, mit ihrer Schwester Ansiina, die die Zukunft kennt…

Blogartikel 222: Der OSM in Gedichtform (3)

(E-Book 44: Die Kristalltränen und andere phantastische Geschichten)

(HdH 4: Schmelztiegel Shallakhon)

Erläuterung: Mit dieser Episode wollte ich eigentlich nach langen Jahren im Fe­bruar 2017 fertig werden… aber das hat mal wieder nicht geklappt. Zu bedau­erlich…

Blogartikel 214: Kreativer Stillstand

Erläuterung: Na, und dann sag noch einer, von nichts kommt nichts… in diesem Fall ist das buchstäblich vollkommen falsch. Auch Stillstand kann kreativ sein, das habt ihr ja vor sieben Wochen mitbekommen.

18Neu 84: Invasion der Zeitschatten

(12Neu 37: Soffrols Erbe)de

Blogartikel 216: Legendäre Schauplätze 3: Channodin

18Neu 85: Der negative Lichtritter

(Die neue Strafe – Archipel-Novelle)

Der OSM, Phase 2: Ein Fanal namens Bytharg – Artikel

Erläuterung: Dies ist eine sich unerwartet im Februar wahrgenommene Mög­lichkeit, ein wenig überregionale Werbung für den Oki Stanwer Mythos zu ma­chen. Das Organisationsteam für die 2. Perry Rhodan-Tage Osnabrück suchte noch Beiträge für das Conbuch… und das kam mir dann sehr zupass. Mit rund 17.000 Zeichen ist dieser Beitrag sogar recht umfangreich ausgefallen. Ob es beizeiten eine Zweitverwertung geben wird, steht noch nicht fest. Es ist aber recht wahrscheinlich.

(Eine Frage des Glaubens – OSM-Story)

Erläuterung: Herrjeh, auch hierzu muss ich dringend etwas sagen, das mit dem obigen Artikel in direkter Verbindung – wir bewegen uns hier in der Frühzeit des tasvanischen Sternenreichs, mitten in der Serie „Oki Stanwer – Bezwinger des Chaos“ (BdC), aber diese obige Geschichte steht singulär daneben. Es geht hier in dieser auf dem Planeten Tasvaan spielenden Story um eine Reihe prominen­ter Personen, die in der BdC-Serie auftauchen werden. Ich will deshalb in den nächsten Monaten versuchen, diese Story weiter zu bearbeiten. Sie stellt im Prinzip ein Prequel zur BdC-Serie dar und vertieft den Hintergrund.

(18Neu 86: Die Matrixfehler-Seuche)

(Der Legendensammler – Archipel-Fragment)

Erläuterung: Mit diesem Fragment, das wohl immer eins bleiben wird, hat es folgende verblüffende Bewandtnis: als ich im Jahre 2000 anfing, an dieser Ge­schichte zu schreiben, entstanden irgendwie zwei Versionen. Eine kurze, das ist die obige, die ziemlich genau 12 Textseiten lang ist und sich in meinen digitalen Speichern fand.

Dann entwickelte sich daraus aber auch die Story „Der Legendensammler und das Mädchen“ mit ihren 23 Seiten Text, die im Mai 2002 fertig wurde. Dummer­weise ließ sich von mir diese fertige Geschichte nur noch als Ausdruck finden, nicht mehr digital. So entschied ich mich im Februar, die Geschichte auf Basis der obigen Datei abzuschreiben. Gelang dann erst am heutigen 1. März. Nu gibt es also wieder eine digitale Version davon.

(Ulricas Schatz – Archipel-Fragment)

(Chantals Abstieg – Archipel-Fragment)

(E-Book 39: Im Feuerglanz der Grünen Galaxis)

Erläuterung: Ja, ich weiß, ihr seid auch schon neugierig auf dieses E-Book. Aber auch da muss ich euch noch a bisserl auf die Folter spannen… ich bin aber über­zeugt, es wird sich lohnen.

(Die Rollenspielerin – Archipel-Fragment)

(Der Legendensammler und das Mädchen – Archipel-Story (Abschrift))

(Shareena in Gefangenschaft – Archipel-Novelle, in Arbeit)

Sodele, Freunde, und damit hört meine Aktivität für den Monat Februar leider auch schon wieder aus. Es sah wirklich ganz beachtlich aus, aber wie ich oben bereits sagte… irgendwie lief mir wieder die Zeit davon. Dass ich dennoch 24 Werke vollenden konnte, ist ein schöner Ausgleich zu meiner regulären Histori­kerstelle gewesen.

Ja, aber mehr gab es dann eben nicht. Hoffen wir einfach mal, dass es im kom­menden Monat besser verlaufen wird.

In der kommenden Woche reisen wir ein paar tausend Jahre zurück in der Zeit. Mehr sei noch nicht preisgegeben. Bleibt neugierig, Freunde!

Oki Stanwers Gruß,

dein Uwe.

Rezensions-Blog 113: Die Welt des Mittelmeeres

Posted Mai 23rd, 2017 by Uwe Lammers

Liebe Freunde des OSM,

ja, es ist schon zwölf Wochen her, seit wir einen explizit historischen Text hier im Rahmen des Rezensions-Blogs betrachtet haben. Damals wandten wir uns Dava Sobels phantastischem Text „Längengrad“ zu. Heute verlagern wir uns ein wenig geografisch und schweifen durch die „Säulen des Herakles“ in den Bin­nenraum des Mittelmeeres. Und man mag es vielleicht meiner Lektüre zugute­halten, dass ich mich anno 2011 so wortreich und formulierungsverliebt äußer­te, wie es für mich eher untypisch ist. Das zeigt nämlich, wie sehr mich die Lek­türe beeindruckt hat.

Wer also der kurzsichtigen Ansicht sein mag, über die Welt des Mittelmeeres sei doch alles schon erzählt, der hat erstens keine Ahnung und zweitens entgeht ihm bzw. ihr ein wunderbarer literarischer Leckerbissen. Vertraut mir, Freunde, das hier ist ein süffiges Lesevergnügen, das ihr euch nicht entgehen lassen soll­tet… und ich gehe sogar soweit, zu vermuten, dass euch dieses dünne Bänd­chen auf ganz neue interessante Fragen bringen wird, deren Beantwortung durch weitergehende Lektüre dann den inneren Horizont gehörig weiten helfen wird.

Besuchen wir also drei Altmeister der französischen Historie und lauschen ihren klugen und geschmeidigen Worten:

Die Welt des Mittelmeeres

(OT: La Méditerranée. L’espace et l’histoire, les hommes et l’heritage)

Enthält Beiträge von

Fernand Braudel, Georges Duby & Maurice Aymard

Hg. von Fernand Braudel

Fischer 16853

192 Seiten

Frankfurt am Main, Januar 2006 (Taschenbuchausgabe)

Ursprünglich Frankfurt am Main 1987

Aus dem Französischen von Markus Jakob

Das Mittelmeer ist für die europäische Kultur und Geschichtswissenschaft das Ursprungsbecken schlechthin, von vielen „die Wiege der Kultur“ genannt. Der Blick schweift von den Säulen des Herakles, wie die Meerenge von Gibraltar in alter Zeit genannt wurde, bis hin zu den felsigen Gestaden der phönizischen Purpurschneckenküste bei Tyros und Sidon, er folgt abwärts der uralten Küste hinab zu dem Delta des Nil und reist dann die nordafrikanische Küste entlang bis zu den bröckelnden Resten des ruhmreichen Karthago. Wendet man sich wieder nordwärts, kommt die kaum minder geschichtsmächtige Küste Spaniens in Sicht, die, könnte sie denn Geschichten erzählen, aus dem Reden kaum her­auskäme, und fürwahr, jeder dritte Satz redete wohl in der Zusammenfassung von Eroberung und Besatzung.

Gleichermaßen sind die vielfältigen Eilande und größeren Inseln keine ge­schichtsleeren Räume, weder Korsika mit seiner vieltausendjährigen Ver­gangenheit noch Kreta, einst Hort eines machtvollen, immer noch rätselhaften Staates, der ein nicht minder geheimnisvolles wie vollständiges Ende fand – Li­near A ist bis heute nicht restlos entschlüsselt – ; und man denke auch an San­torin, jene zerborstene Insel und Ruine einstigen Glanzes, bedeckt mit den ver­schütteten Ruinen minoischer Städte, und man denke an Malta mit uralten Megalithbauten, von deren Erbauern außer den steinernen Zeugnissen nur we­nig geblieben ist.

Nordwärts entdecken wir weitere Kulturen: Griechenland etwa, die Wiege der abendländischen Kultur, deren Kenntnisse und Tradition das spätere römische Reich prägte, wie dann das römische Reich selbst dem gesamten Mittelmeer­raum seinerseits seinen Stempel aufdrückte und bis heute Spuren in Bevölke­rung, Geschichte, Geografie, Literatur, Schrift und Sprache hinterließ. Die Ge­genwart lässt sich ohne den langen Schatten dieser Vergangenheit nicht den­ken.

Dasselbe gilt natürlich auch für die Landschaft – wer hat sie nicht schon gese­hen, die karstigen Kalksteinplateaus des mediterranen Raumes, gleißend unter der heißen Mittelmeersonne, nach würzigen Kräutern riechend, nach brennen­dem Fels, durchwogt von gelegentlichen Herden der Schafe und Ziegen, kärglich bevölkert von Hirten einerseits und knorrigen Bauern andererseits, die vom ma­geren Ertrag der Handarbeit, dem steinigen Boden abgerungen, ihren Lebens­unterhalt fristen? Und sind nicht diese kargen Regionen (was man kaum weiß, weil man den Anblick als ganz natürlich versteht, was er aber nicht ist) die Spu­ren antiken Raubbaus? Einst standen hier mächtige Korkeichenwälder, die in der Frühzeit abgeholzt wurden, für große Kriegsflotten, für Belagerungsma­schinen, für Wasserleitungen, zum Verfeuern für eine immer größer werdende Bevölkerung.

Wem das vertraut klingt, der mag den Mittelmeerraum auch als Sühnezeichen für früheren Frevel der Menschheitsgeschichte lesen, als Mahnung an die heute Lebenden, derartige Fehler nicht noch einmal zu machen. Doch sieht es leider so aus, als sei die Menschheit der Gegenwart den Eintagsfliegen gar zu ähnlich – kurzsichtig auf ihren momentanen Vorteil bedacht, nicht nachdenkend, nicht weit denkend und das Vergangene gering schätzend, weil vermeintlich nicht mehr aktuell, ist sie drauf und dran, dieselben und noch schlimmere Fehler von neuem zu begehen, diesmal in verheerenderer Form…

Mitte der 80er Jahre begannen drei renommierte Historiker der französischen Annales-Schule, Fernand Braudel (1902-1986), Georges Duby (1919-1996) und Maurice Aymard (*1936), eine „geographische, geschichtliche und kulturelle Er­kundungsreise“ (Braudel) durch den Mittelmeerraum zu unternehmen. Das Er­gebnis liegt in Form dieses Bandes vor1, in dessen 8 Kapiteln die drei Autoren die Eigenheiten des Landes, des Meeres, der Lebensräume, der Geschichte wie der Geschichtsdämmerung sowie das Erbe herausarbeiten. Außerdem steuert Fernand Braudel ein weiteres Kapitel zu Venedig bei, das entgegen der ersten Annahme durchaus keine historische Schilderung der venezianischen Geschich­te ist, sondern eher… ja, sagen wir, eine Liebeserklärung an diese Stadt.

Überhaupt bestechen Braudels Abschnitte – sechs der acht Kapitel stammen von ihm – bei aller bewunderungswürdigen Tiefe und intensiven historischen Reflexion durch einen einfach unglaublich lässigen, entspannten wie eloquen­ten Schreibstil. Der Leser fühlt sich gleichsam mitgezogen, wie wenn man sei­nem erzählmächtigen alten Onkel lauscht, der so weitgereist ist und willig, sei­ne Kenntnisse an die Jüngeren mitzuteilen. Ah, und es ist ein reines Vergnügen, diese Texte zu inhalieren (lesen kann man das eigentlich nicht mehr nennen, es ist viel angenehmer).

Verglichen damit verlieren Aymards Abschnitt über die Lebensräume und Dubys Resümee über das Erbe des Mittelmeerraumes schon an Glanz, aber man kann nicht behaupten, dass sie trocken oder übertrieben gelehrt klängen. Nein, die Historiker der Annales-Schule haben hiermit schlagend demonstriert, was man ihnen ganz allgemein nachsagt: dass sie frischen Wind in vermeintlich alte The­men bringen können, durch unkonventionelle, ja fast literarische Betrachtungs­weisen, die ihre Texte lesbar werden lassen, wie man es üblicherweise von vie­len Angelsachsen sagt.

So schmal dieser Band mit seinen 192 Seiten darum auch sein mag, es ist ein li­terarisches Vergnügen erster Güte, und jedem, der sich für die vieltausendjähri­ge Geschichte des Mittelmeerraumes interessiert, wärmstens ans Herz gelegt. Wer weiß, der nächste Mittelmeerurlaub kommt ja unter Umständen schon bald? Man sollte dieses Buch dabei haben, um den Blick zu öffnen.

© 2011 by Uwe Lammers

Nun, überrascht? Neugierig geworden? Dann macht euch auf die Pirsch und sucht dieses Buch. Es lohnt die Lektüre wahrhaftig. Ich gehe soweit, zu behaupten, dass das oben kurz vorgestellte Werk auch durchaus etwas ist für Leute, die sonst mit der Historie wenig „am Hut“ haben. Es kommt immer nur darauf an, wie man mit der Geschichte vertraut gemacht wird, und hier findet eben nicht das sture Pauken von Geschichtszahlen statt, das man noch aus der Schule kennt… im Gegenteil, hier werden kundig und wortmächtig Strukturnet­ze von Zusammenhängen gewoben, alles mit allem verknüpft, dass man nur noch staunen kann.

Nächste Woche besuchen wir einen anderen weltbekannten Literaten, dessen Name ich hier ungeniert schon verrate: Roald Dahl. Er ist nicht nur Autor mei­nes Lieblings-Bondfilms „Man lebt nur zweimal“ gewesen und für gewisse gars­tig-humorige Kurzgeschichten bekannt, sondern es gibt da noch einen ganz na­türlichen Aspekt, um den wir uns in sieben Tagen an dieser Stelle kümmern werden.

Welcher das ist? Na, so voreilig bin ich dann doch nicht. Schaut einfach herein, dann seid ihr schlauer. Und ich muss es wohl kaum betonen – meiner Ansicht nach lohnt der Besuch hier immer.

Bis dann also, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.

 

1 Ich meine mich allerdings zu entsinnen, dass dies lediglich ein kleiner Auszug aus einem ursprünglich dreibändigen Buchwerk ist, dessen deutscher Gesamttitel mir jetzt leider nicht erinnerlich ist.

Liebe Freunde des OSM,

nachdem ich mich in der vergangenen Abteilung dieser Artikelreihe allein um den Monat Juli 2011 kümmern konnte, weil es soviel zu erzählen gab, werde ich heute versuchen, etwas stringenter zu sein (hoffen wir, dass es gelingt). Mehr als einen Monat kann ich aber kaum behandeln. Immerhin entstanden hier 20 unabhängige Werke, und an sehr viel mehr habe ich gearbeitet. Also stürze ich mich besser gleich ohne ausführlichere Vorrede mitten in die Angelegenheit:

Begonnen wurde mit der Fertigstellung des OSM-Hauptglossars, Version 1, die flugs auf 198 Seiten Umfang kam, unmittelbar flankiert vom OSM-Hauptbe­griffsregister, Version 1, das schon 24 Seiten Umfang erreichte. Ein Glossar, das wisst ihr von mir, ist in meinem Kontext eine Verbindung von Begriffserklärung und Seitennennung des jeweiligen Werkes. Das Hauptglossar vereint nun die Einträge aus verschiedensten Werken unter einem Dach, und das Begriffsregis­ter ist tatsächlich nur eine summarische Aufstellung der dort erläuterten Begrif­fe. Dass ich hier erst am Anfang stand, wusste ich, und ich sollte in den Folge­monaten auch zahlreiche ausgedehnte Versionen dieses Glossars erschaffen. Ich komme dazu beizeiten noch.

Dann kam ich in KONFLIKT 9 „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ (DKdO) weiter voran und begann mit den Episoden 5 „Verrat und Verschwörung“ sowie 6 „Das Kontaktelement“. Dass darin unerwartet der Volksname „Shonta“ fallen sollte, war mir anfangs nicht klar. Den armen Schrottis, die die zentrale Rolle der Episode spielten, natürlich auch nicht… und was für einen Schrecken das „Kontaktelement“ dann für die Kleini-Millionärin Viane Vansin el Descorin del Sante, Oki Stanwers Lebenspartnerin, parat hatte, davon wusste ohnehin nie­mand etwas…

Vielleicht war es die Erinnerung an die Kleinis in KONFLIKT 4, dass ich dann überrumpelt wurde von einem dort spielenden Geschichtenfragment, das den Titel „Himmelfahrtskommando“ trug und zu dem Schrecklichsten gehört, was ich jemals in meinen Bilderströmen gesehen habe. Ich muss mich jedes einzelne Mal dazu zwingen, mich in diese Geschichte einzufühlen und darauf einzulas­sen… ich mag einfach keine Horrorgeschichten, und das hier ist eine der gräss­lichsten Art…

Ich stellte, quasi als Beruhigungstherapie, das Glossar von „Verderben auf Tu­wihry“ fertig und den Roman „Jaleenas zweites Leben“, surfte dann von der IN­SEL weg und kümmerte mich ein Weilchen um „Die Totenköpfe 2: Durch die Ruinenwelten“ einerseits und um den unheimlichen KONFLIKT 28 „Oki Stanwer – Der Siegeljäger“ (DSj), wo ich an Band 49 „Zu den Sternen“ schrieb. Ein Stück vom Glossar des Fragmentromans „Eine scharf geschliffene Waffe“ entstand, und dann arbeitete ich – im gleichen KONFLIKT bleibend, nämlich in KONFLIKT 19 des OSM, der in der Serie „Oki Stanwer – Der Missionar“ (DM) niedergelegt wird – an der Story „Die Intervention“ weiter, die ihr inzwischen als Teil einer E-Book-Storysammlung kennt.

Dann spülte es mich in KONFLIKT 4 „Oki Stanwer – Der Insel-Regent“ (IR) zurück, und mit Band 20 „Treibgut der Ewigkeit“ entstand ein weiterer Band, der in di­rektem Zusammenhang mit dem Jaleena-Handlungsstrang stand, an dem ich ja zuvor in Romanform so gut vorwärtsgekommen war. Der Folgeband „Geheim­nisse der Baumeister“ wurde allerdings bislang erst begonnen.

Und dann… ja, dann stürzte ich mich in die Glossararbeit: ins Glossar des KON­FLIKTS 4, in das Glossar der Stories „Heimweh“, „Heiligtum der Shonta“ und „Der Herr der Schwarzen Berge“. Es folgte zumindest der Anfang des Glossars für den Roman „Oki Stanwers Rückkehr“. Dann rutschte ich überraschend in KONFLIKT 21 ab, also die Serie „Oki Stanwer – Fürst von Leucienne“ (FvL), wo ich Band 45 „Mission auf Höolyt“ begann… in einer Welt, wo die Totenköpfe rebel­lieren und eigentlich nichts so läuft, wie es soll. Abenteuer pur, wirklich.

Als würde das noch nicht reichen, flog mich eine neue Archipel-Story an, die den Titel „Wild wie der Wind“ bekam. Damit waren nach „Auf und nieder“ und „Julianna“ (die vielleicht auch den Titel „In einfachen Verhältnissen“ bekom­men könnte) binnen von zwei Monaten schon drei neue Archipel-Keime ent­standen.

Ihr merkt, die Kreativküche brodelte gar mächtig, und sie wollte damit gar nicht aufhören.

Weitere Glossare erblickten das Licht der Welt: etwa das zu „Verderben auf Tu­wihry“, zu „Ein Wunder in der Wüste“ und „Sturm aus der Sternenballung II“.

Ende August war dann – genau aus diesem Grund – auch der Zeitpunkt gekom­men für das OSM-Hauptglossar und OSM-Hauptbegriffsregister, Version 2, in das alle Begriffe aus den obigen Einzelglossaren eingearbeitet werden konnten. Ich schrieb ferner an dem 2005er-Fragment „Die Wandlung“ ein Stück weiter und kümmerte mich um TI 45 „In den Dschungeln von Shaktalon“, ohne aller­dings hier wie dort sonderlich weit vorangekommen zu sein.

Mit „Auf ewiger Mission“ entstand außerdem eine Geschichte in Ansätzen, die für alle Leser interessant sein wird, die schon „Mein Freund, der Totenkopf“ gelesen haben oder lesen werden und sich vielleicht fragen: was war wohl die Geschichte des Totenkopfs Shush, ehe er auf die Siedlerwelt Hamilton kam? Oder was geschah, nachdem er sie verließ? In gewisser Weise gibt diese Ge­schichte Aufschluss darüber und über eine Reihe weiterer offener Fragen.

Allerdings – ihr könnt es euch vorstellen – ist diese Geschichte bislang nicht ein­mal näherungsweise ausdefiniert, und ich kann mir gut denken, dass sie auf­grund ihrer epischen Handlungslinie vermutlich Romanformat erreichen wird.

Damit endete der Monat August 2011 für mich, und ich war von da ab wieder längere Zeit in Lohn und Brot, um ein völlig neues historisches Thema zu bear­beiten. War das gegen Ende 2003 das Geheimnis der akkreditierten Journalis­ten des Versailler Friedensvertrages gewesen, zwischen 2004 und 2006 die Bi­bliografie des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn, danach die Braun­schweigische Kirchengeschichte und schließlich die Aktenüberlieferung der Ostfalia, so geriet ich jetzt in den Bann des Projekts „Kommunale Amtsträger“ und sollte jetzt eng mit den Heimatpflegern des Landkreises Wolfenbüttel und benachbarter Landkreise zusammenarbeiten, um Jahrhunderte der Ortsbürger­meister, Ortsvorsteher und analoger Personen aus unzähligen kleinen Orten und größeren Ortschaften im Harzvorland und rings um Braunschweig und Wolfenbüttel zu erarbeiten.

Eine unglaubliche Fleißarbeit, die mich ordentlich forderte und meinen Wissenshorizont erstaunlich weitete.

Kreativ brach ich naturgemäß ein. Natürlich gab es Weiterarbeiten im Rahmen des OSM, etwa an „Himmelfahrtskommando“, „Die Tiefenwächter“ oder dem Glossar des Romans „Oki Stanwers Rückkehr“. Ich schloss immerhin „Das Reich der Zwergengöttin“ ab und verfasste weitere Glossare, z. B. zu „Wächter wider Willen“… ja, und dann geschah etwas Wunderliches, das mir zeigte, dass man­che Ideen einfach unaufhaltsam sind.

Ich schrieb an KONFLIKT 9 „Oki Stanwer – Der Kaiser der Okis“ (DKdO) weiter. In kurzer Folge entstanden hier die Episoden 5 und 6, an denen ich im Vormonat begonnen hatte. Insofern war das begreiflich. Dann schrieb ich allerdings mit Band 7 „Expedition ins Zentrum“, 9 „Der Pakt“ und 10 „Suche nach den Diri­genten“ weitere Bände, dazwischen schloss ich den Center-City-Band 8 ab.

Auch schoss mit „BURTSONS Feuerprobe“ ein neuer Hintergrundtext empor, diesmal zu KONFLIKT 9, und die Rohhülse eines Glossars für die so genannte „Proto-KONFLIKT 9-Ebene“ entstand… das ist, rufe ich in Erinnerung, die relativ kurzlebige Serie „Der Kaiser der Okis“, mit der ich bis 1990 schon einmal ver­suchte, den KONFLIKT 9 von seinen Anfängen her aufzuarbeiten, was dann aber scheiterte. Die Begriffe, die dort auftauchen, müssen natürlich auch erfasst werden, nicht wahr?

Um mich ein wenig runterzukühlen, weil ich doch SEHR im OSM eingebettet war, suchte ich Abwechslung in einem Archipel-Roman, in dem ich schon lange nicht mehr gewesen war, nämlich in „Rhondas Aufstieg“. Ihr ahnt allerdings sicherlich… da kam ich nicht wirklich viel weiter. Viel zu stark zog mich die Ma­gellan-Exkursion Oki Stanwers in KONFLIKT 9 an.

So entstand also DKdO-Band 11 „Das brennende Volk“, und ich begann mit dem Entwurf der folgenden Bände der Serie: Band 12 „Geburt aus der Glut“, 13 „Rückkehr zum ZYNEEGHAR 11“, 14 „Signale“, 15 „Die Warnung der Baumeis­ter“, 16 „Transfer in die Heimat“ und 17 „Vektoren der Vernichtung“.

Ich meine, das war irgendwo nachvollziehbar, nicht wahr? Ich sah den Hand­lungsstrom in ziemlich präziser Klarheit und wusste, dass der Zyklus 1 „Magel­lan“ mit Band 16 abgeschlossen sein würde. Mit Band 17 begann dann der zweite Zyklus, ein paar Jahre später.

Es ist schwer zu vermitteln, fürchte ich, die bezwingende, drängende Energie darzustellen, die mich in solchen Fällen von allen anderen Dingen, so wichtig sie auch sein mögen, gründlich abbringt und mich auf eine ganz bestimmte Aufga­be fokussiert. Dann bin ich einfach nicht mehr recht ansprechbar… und ich ge­stehe, in einer gewissen Weise war es von Vorteil, dass ich autonom in meinem Büro im Staatsarchiv in Wolfenbüttel arbeitete, Mail- und Telefonkontakt mit den Heimatpflegern im Rahmen des Amtsträger-Projekts hatte und sonst kaum irgendwelche Intervention von anderer Seite.

Ich glaube, in einem solchen Setting kann ich am besten wirken – auf einem Feld, auf dem ich mich tief in einen Sachverhalt einarbeite, gründlich recher­chiere und solcherart recherchierte und zusammengeführte Fakten als Konvolut präsentieren kann. In der Ausarbeitung fachwissenschaftlicher Texte tue ich mich hingegen durchaus schwer, Ähnliches gilt für Vortragstätigkeit. Ich kann das, ja, aber der Aufwand steht dann oft kaum im rechten Verhältnis zum Er­trag.

Nun, dergestalt war meine Tätigkeit im Amtsträger-Projekt: ich optimierte die Listen, die mir eingereicht wurden, recherchierte fehlende Details, suchte Quel­len und führte das Gespräch mit den fachkundigen Heimatpflegern, während die von mir geschaffene Datenbank sich nach und nach immer mehr mit Na­men, Orten und Zeiten füllte.

Ihr seht, sehr Ähnliches machte ich zur gleichen Zeit im OSM mit den Glossaren, nur wühlte ich hier in meiner eigenen Vergangenheit und natürlich der des OSM. Und ich sage euch, das sollte im Verlauf des Jahres 2011 noch interessan­ter werden.

Aber über den Oktober 2011 und vielleicht auch die Folgemonate erzähle ich euch beim nächsten Mal mehr. Für heute mag das Trommelfeuer an Informatio­nen hinreichen.

Bis nächste Woche, mit

Oki Stanwers Gruß,

euer Uwe.